„Religion“ ohne moralische Bremsen – Satanismus

2. Juni 2019 | Von | Kategorie: Odins Auge Artikel, Ætt Feature

Während „germanisch orientierte“ Heiden wie wir eher das Problem haben, für Nazis gehalten zu werden, werden eher hexisch orientierte Heiden gern mit Satanist_innen verwechselt.

Das entbehrt für eher schlichte Gemüter nicht einer gewissen Plausibilität: Schließlich verehren Wiccas einen „Gehörnten Gott“, der rein äußerlich dem Teufel in volkstümlich-christlichen Darstellungen nicht völlig unähnlich sieht. Für „Bild“-Gebildete oder anderswertig boulevardjournalistisch geschulte Beobachter_innen, wie auch für „besorgte Christen“ im vorgeschrittenen Stadium der „Satanic Panic“ sind ohnehin alle, die sich ständig schwarz kleiden und sich mit geheimnisvollen Symbolen in schwerer Silberausführung behängen, Satanisten. Egal, ob Gothic, Gruftie, Vampir-Fan, Hexe oder sonstwas – wer so aussieht, ist verdächtig. (Beim aktuellen Streit um Lydia Benecke spielt es für ihre Gegner_innen durchaus eine Rolle, dass die Kriminalpsychologin rein äußerlich „verdächtig“ wirkt.)
http://www.nornirsaett.de/satanic-panic-leider-immer-noch-ein-thema

Baphomet (nach Eliphas Levi)

Baphomet, der Gehörnte Gott oder etwa doch der Teufel?

Was uns aufgeklärte Heiden angeht, könnten wir uns, egal ob in Richtung Asatru, Celtoi, Wicca, freifliegend-hexisch oder anders orientiert, theoretisch entspannt zurücklehnen. Dass Hexerei nichts mit Teufelsbeschwörung zu tun hat, dürfte selbst jugendlich-naiven Teen-Witches bekannt sein. Unter Hex‘ und Heid ist allgemein bekannt, dass Satan eine Figur aus der christlichen Mythologie ist. Fortgeschrittene Heiden wissen, dass ohne das dem Christentum seit Augustinus zu Grunde liegenden dualistische Weltbild der Teufelsbegriff nicht zu verstehen wäre. Heiden glauben nicht an den Teufel und beziehen ihn auch nicht ihr spirituelles System ein, von einer Verehrung ganz zu schweigen.

Nun ist es aber so, dass die meisten modernen Satanisten den Teufel tun werden, einen „leibhaftigen“ Satan zu verehren – aus dem einfachen Grunde, weil sie gar nicht an einen personalen Teufel glauben. Es gibt im eher hexischen Bereich Heiden, die deshalb dem Irrtum erlegen, Satanisten seien in ihren Ablehnung der „sittenchristlichen“, bürgerlich-spießigen Normkultur irgendwie „welche von uns“.

Ein paar Worte in eigener Sache: Nachdem ich Anfang dieses Jahre in der Rubrik „Veranstaltungen“ auf Lydia Beneckes Vortrag „Satanic Panic Reloaded“ hinwies, wurde ich gefragt, wie die Nornirs Ætt es mit dem Satanismus halten würde. Es sei doch schon auffällig, wenn Heiden eine Veranstaltung von „geschworenen Atheisten“ empfehlen würden, und dazu noch eine, die uns gar nicht betreffen würde.

Die redaktionelle Verantwortung für den Veranstaltungshinweis liegt allein bei mir. Ich schätze Lydia Benecke sehr, wie übriges auch die Podcaster von „Hoaxilla“, auch wenn ich, was die Spritualität angeht, anderer Ansicht bin. Die Abneigung gegen esobärmliche Scharlatane, Verschwörungsideologen und religiöse Fanatiker, die so engstirnig sind, dass sie eigenlich mit beiden Augen zugleich durch ein Schlüsselloch sehen können müssten, teile ich mit ihnen allemal.

Ich vertrete, wie alle Ættlinge, entschieden die Religionsfreiheit, ohne „wenn und aber“. Solange Satanisten keine kriminellen Handlungen begehen, ist es allein ihre Sache, was sie glauben und welche Riten sie praktizieren. Satanistische Publikationen wie die „Satansbibel“ fallen genau so unter die Presse- und Meinungsfreiheit wie satanistische Websites. Wer für Zensur eintritt, tritt gegen die Freiheit ein!
Ich persönlich habe auch keine Berührungsängste mit Satanisten und hätte keine Probleme damit, z. B. gemeinsam mit Satanisten gegen Einschränkungen der Religionsfreiheit zu demonstrieren. Ich trete jedoch entschieden dafür ein, dass wir als demokratisch gesinnte Heiden einen deutlichen „Sicherheitsabstand“ zum Satanismus halten. Damit meine keine harte Abgrenzung, wie sie gegenüber Faschisten und „Völkischen“, von Schlumpfnazis bis Nazitrus, angebracht ist, sondern eine inhaltliche Distanzierung von der satanistischen Ethik, die unserer Ansicht nach unsozial und undemokratisch ist. Dazu unten mehr.

Zunächt geht es aber um eine andere Frage:

Was zum Teufel ist denn überhaupt Satanismus?

Es gibt keine allgemeingültige Definition des Begriffs „Satanismus“. Deshalb können magieorientierte heidnische Religionen von Voodoo bis Wicca bei entsprechender Definition in das satanistische Umfeld „eingemeindet“ werden – weil sie angeblich wie der Satanismus mit „schwarzer Magie“ arbeiten würden. Wobei völlig unklar bleibt, was denn diese „schwarze Magie“ überhaupt sein soll. Wenn damit Schadenzauber gemeint sein sollte, unterstellt das den besagten Hexen und Magiekundigen eine kriminelle Gesinnung, und das unabhängig davon, ob Schadenzauber funktioniert oder nicht. Ich habe manchmal den üblen Verdacht, dass „schwarze Magie“ sich auf die Hautfarbe der Magier_innen bezieht. Die Praktiken des Voodoo, Vodun, Candomblé, Santería und ähnlicher „Kulte“ afrikanischer beziehungsweise afroamerikanischer Herkunft gelten als „schwarze Magie“ , die gleichen Praktiken „weißer“ Volksmagier_innen schlimmstenfalls als „harmloser Aberglaube“.

Der Klarheit willen sollte deshalb nur dann von Satanismus gesprochen werden, wo der Teufel explizit für die Lehre von Bedeutung ist. Selbst unter Boulevard-Journalisten und kirchlichen Sektenexperten hat es sich herumgesprochen, dass nicht jeder Tarotleger, Fantasy-Rollenspieler oder Sänger einer Hardrock-Band ein Satanist ist, weil sie oder er Bilder oder verschiedene Namen des Teufels verwendet.

Man kann zwei, sich in der Praxis oft überschneidende, Formen des Satanismus unterscheiden: den „klassischen Satanismus“ und den „Neosatanismus“.

Der „klassische“ Satanismus ist mit seinen dem katholischen Ritus nachempfundenen „schwarzen Messen“ und seinen „typischen“ Symbolen wie umgekehrtem Pentagramm, kopfstehendem Kreuz, schwarzen statt weißen Kerzen, gewalttätigen Sexualpraktiken statt Keuschheit usw. eine Reaktion auf christliches Gedankenguts unter umgekehrten Vorzeichen. Wann er zum ersten Mal praktiziert wurde, ist nicht sicher zu bestimmen. Unstrittig ist, dass der „Teufelskult“ „herätischer Sekten“ und „Hexen“ im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit eine reine Erfindung der damaligen Theologen und Dämonologen war. „Schwarze Messen“ im landläufigen Sinne sind erst im Paris um 1680 aktenkundig. In Pariser Hofkreisen praktizierte eine Mme. Voisin „satanische Riten“. Die Liturgie der „typischen“ Schwarzen Messen sind sogar erst ein Produkt der „schwarzen Romantik“ des 19. Jahrhunderts und wurde von ehemaligen katholischen Priestern wie Pater Boullan oder christlich-theologisch Ausgebildeten wie H. W. Longfellow und H. J. Prince erfunden und praktiziert. Inwieweit „klassische Satanisten“ – einschließlich der meist jugendlichen „Protestsatanisten“ – bei ihren Teufelskult wirklich an den „Leibhaftigen“ glauben, ist im Einzelfall durchaus offen. Dass diese Form des Satanismus als „negatives Christentum“ nichts mit Heidentum zu tun hat, bedarf wohl keiner weiteren Begründung.

Wichtiger ist heutzutage der „Neosatanismus“, der nicht den Teufel in den Mittelpunkt seiner Religion stellt, sondern den sich selbst „vergottenden“ Menschen.

Der Neosatanismus geht letztendlich auf Aleister Crowley (1875 – 1947) zurück, der sich selbst übrigens nicht als Satanist verstand.

Aleister Crowley
Aleister Crowley

Crowley war kein netter Zeitgenosse: Er war erfolgreicher Hochstapler, der mit viel psychologischem Geschick seine Opfer aufs Glatteis führte, und ein zu Lebzeiten eher erfolgloser Verfasser von durchaus geistreichen Büchern über Magie, die er in Unterscheidung zur Bühnenzauberei „Magick“ nannte. Er verharmloste den Gebrauch „harter“ Drogen sogar nachdem er selbst schwer heroinabhängig geworden war. Wenn er sich zum „verdorbensten Menschen aller Zeiten“ stillisierte, ist das maßlos übertrieben: Er tat sich eher durch kleine Betrügereien und Unterschlagungen hervor, ferner durch etliche de-facto Vergewaltigungen, die aber nach den Strafrecht seiner Zeit nicht als solche gesehen wurden.

Crowley provozierte gerne und bezeichnete sich in Anlehnung an das „Große Tier“ in der Offenbarung des Johannis des öfteren als „Beast“ und „To Megas Therion 666“, stellte aber eindeutig fest, dass er nicht an die Existenz des Teufels glaube.
Der Kernsatz seiner „thelemitischen Lehre“ ist: „Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz“.
Dieser Satz ist an sich und auch im Kontext des crowleyschen Denkens nicht satanistisch, entspricht aber in typischer Weise dem Selbstverständnis heutiger Satanisten, die sich gern darauf berufen. Jeder Mann und jede Frau ist laut Crowley ein „Stern“, das heißt, alle haben den gleichen Anteil am absoluten Sein. Die Quelle der individuellen Kraft ist der biologische Lebensdrang. Ziel der thelemitischen Lehre ist es, sich diese Quelle zu erschließen, den „wahren Willen“ zu finden und diesen zu verwirklichen. Willen bestimmt Realität.
So problematisch die thelemitische Lehre mit ihrer Machbesessenheit mitunter ist, festzuhalten bleibt, dass „Tu was Du willst“ nicht bedeutet, man sollte seine Triebe und Gelüste ungehemmt ausleben. Zudem zeigte Crowley eine Vorliebe für den mystischen Weg der Ich-Auflösung, während „echte“ Satanisten unter allen Umständen an ihrem Ego festhalten wollen.

Der auf thelemitischen Vorstellungen aufbauende Neosatanismus entstand nach dem 2. Weltkrieg in Kalifornien, einer für religiöse Neubildungen aller Art äußerst fruchtbaren Gegend.
Satan ist für Neosatanisten kein gefallener Engel und unterlegener Rebell, sondern handelt aus eigener, unbegrenzter Kraft. Wobei, wie oben erwähnt, die meisten Neosatanisten gar nicht an einen leibhaftigen Teufel glauben. Sie definieren Satan als Symbol oder als Archetyp unter anderem für die triebbetonte Instinktnatur des Menschen.

In LaVeys „First Church of Satan“, die in den in USA tatsächlich den juristischen Status einer Kirche hat, fand er 1966 zu einer organisierten Form. Inwieweit Anton Howard LaVey (1930-1997) seine Religion ernst nahm, ist umstritten. Jedenfalls baute er seine Fetisch/BDSM-Vorliebe in seine Lehre ein, griff Horror-Klischees auf und profitierte in großen Maße von der „Satans-Welle“, die nach 1967 mit der Veröffentlichung von Ira Levins Roman „Rosemarys Baby“ über die Popkultur brandete.
Seine „Satanische Bibel“ ist zum großen Teil aus diversen älteren Werken abgeschrieben. Originell ist bei LaVey allenfalls die Inszenierung.

Eine Abspaltung, die etwas vom provokativen, showhaften, oberflächlichen und restlos kommerzialisierten „Kinosatanismus“ LaVeys abrückte, ist der gleichfalls als Kirche anerkannte „Temple of Set“. Im Unterschied zur „Church of Satan“ wird im „Temple of Set“ tatsächlich ein Gott als reales Wesen verehrt, der zwar lieber bei seinem altägyptischen Namen „Set“ genannt werden will, aber gemäß „Temple“-Gründer Michael Aquino durchaus mit dem „Satan“ des Christentums identisch sein soll.

Seal of Baphomet

Seal of Baphomet, Symbol der „Church of Satan“.
Von Arbeiterreserve [CC BY-SA 3.0 ]

Der Neosatanismus, den man auch „Ego-Zentristrismus“ nennen könnte, vertritt einen kompromisslosen Individualismus. Er sieht sich als „Religion der Stärke“ und ist völlig aufs Diesseits bezogen. Er verurteilt die herkömmlichen Religionen im Allgemeinen und die monotheistischen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam im Besonderen, als Unterdrückungsinstrumente. Der Satanismus befreie das Individuum von den ihm von den lustfeindlichen Ideologien der herkömmlichen Religion künstlich auferlegten Beschränkungen. Die Sieben Todsünden des Christentums – Neid, Überheblichkeit, Habgier, Wut, Völlerei, Wollust und Müßiggang – sind laut LaVeys Satansbibel keineswegs verwerflich. Ganz im Gegenteil, wer sie ohne Angst vor göttlicher Strafe auslebt, erfährt körperliches und geistiges Wohlbefinden. Wer natürliche Bedürfnisse leugnet und unterdrückt, vermindert seine Lebensfreude. Bei der Suche nach Genuss sollte niemandem geschadet werden.
LaVey legt dabei großen Wert darauf, dass die staatlichen Gesetze eingehalten werden, und dass Kinder und Tiere besonderen Schutz genießen. In ihnen komme noch eine unverdorbene Vitalität zum Ausdruck. Neosatanisten lehnen deshalb – im Unterschied zum „klassischen“ Satanismus – Tieropfer ab. „Katzenschlitzer“ und „Krötenkreuziger“ werden aus der satanistischen Gemeinschaft ausgeschlossen und haben neben einer Anzeige bei der Polizei auch persönliche Racheakte zu fürchten. Erst recht ist jede Form der Kindesmisshandlung strikt geächtet.

Sind Neosatanisten also völlig harmlos? Sind sie nur Menschen, die sich durchsetzen können, sich nicht gängeln lassen, und die dem Leben Spaß abgewinnen wollen?
Nein, nicht immer.

Der Satanismus ist eine „Religion“ ohne moralische Bremse.

Neosatanisten huldigen der „triebbetonten Instinktnatur“ des Menschen. Ein unklarer Begriff, denn worin besteht diese „Instinktnatur“? Einerseits sind Menschen von Natur aus soziale Wesen. Anderseits berufen sich Leute, die das „Recht des Stärkeren“ propagieren und einen ausgeprägten Egoismus und Sozialdarwinismus pflegen, gern auf vermeindliche „menschliche Urinstinkte“.

Satanisten sehen sich mehrheitlich gern als gesellschaftliche Elite und sind bereit, für den „Erfolg im Leben“ – sprich: Reichtum, gesellschaftlicher Aufstieg, Macht – einiges zu leisten.

Im Unterschied zu anderen Religionen, sprituellen Systemen und Lebensphilsophien gibt es keinen Ehrbegriff und keine Sozialregeln über die totale Freiheit des Egos hinaus. Freiheit ist aber immer die Freiheit des Anderen, des Andersdenkenden, Andersfühlenden, Andersaussehenden usw. usw. – und nicht nur die Freiheit des „starken Einzelnen“. Die satanistische Ethik beruht auf dem Prinzip des Eigeninteresses bzw. des Gruppenegoismus.
Mit satanischen Lehren ließe sich ohne weiteres jede, aber auch jede, individuelle Handlung rechtfertigen.
Satanisten handeln im Grunde genommen aus opportunistischen Gründen gesetzeskonform: Würden ihre Mitglieder gegen Gesetze verstoßen und dabei erwischt werden, könnte z. B. die „Church of Satan“ verboten werden.

Auffällig ist, dass viele modernen Satanisten dem Sozialdarwinismus zumindest nahe stehen oder diesem Prinzip des „Recht des Stärkeren“ offen anhängen. Nicht alle Satanisten sind Sozialdarwnisten, aber die, die es sind, sind es völlig ungeniert: Wer arm ist, ist selber schuld!

La Vey empfiehlt, sich nicht ungefragt in Dinge einzumischen, die einen nichts angehen, sich nur um das kümmern, was einen selbst betrifft und niemanden zu belästigen, aber sich gegen Übergriffe anderer mit allen Mitteln zu verteidigen, gemäß dem Prinzip „Satan repräsentiert Rache, anstatt die andere Wange hinzuhalten.“ Das mag im Einzelfall nicht unsympathisch klingen, als generelle Lebensregel rechtfertigen diese Ratschläge Gleichgültigkeit, Mitleidlosigkeit, Rücksichtslosigkeit.
Satan repräsentiert freundliches Verhalten einzig denen gegenüber, die es verdienen, anstelle nutzloser Liebe gegenüber Unwürdigen“ heißt konsequent durchgehalten, dass jede Form der Solidarität mit Menschen, mit denen man nicht befreundet ist und von denen man keine substanzielle Gegenleistung zu erwarten hat, zu unterbleiben hat. Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid von Menschen, die man persönlich nicht kennt und von denen man sich nichts erwartet. Es ist zutiefst unsatanistisch, einem „Versager“ zu helfen – wer im Leben gestrauchelt ist und nun obdachlos vor dem Bahnhof hockt, hat es eben nicht besser verdient.

Satanist sein heißt in aller Regel, mit einem unverblühmten Hedonismus – einer Lebenseinstellung, die allein dem Genuss verpflichtet ist – und unter Einsatz seiner spitzen Ellenbogen zu leben. Nur der Starke ist auf die Dauer überlebensfähig, und der Satanismus hilft ihm dabei. Satanisten reden viel von „Selbstverwirklichung“, womit sie beim näheren Hinhören einen ungehemmten „Egotrip“ meinen.

Im Grunde genommen setzt der Neosatanismus damit Tendenzen fort, die die „turbo-kapitalistische“ beziehungsweise „neoliberale“ Gesellschaft stark mitbestimmen: Jeder ist seines Glückes Schmied, wer unten durch fällt war eben nicht tüchtig genug!
Soziale Kälte statt soziale Verantwortung, Genusssteigerung statt Bereitschaft zum Teilen, Gleichgültigkeit gegenüber fremden Leid statt helfender Anteilnahme. Nimmt man die Satanisten beim Wort, sind sie eine Elite. Eine selbsternannte und parasitäre „Elite“: Ihrem skrupellosen Egoismus können sie nur so lange frönen, wie die Gesamtgesellschaft ihnen eine Nische bietet. Eine nur als Satanisten bestehende Gesellschaft würde nicht funktionieren. Würde hingegen eine satanistische „Elite“ an die Macht kommen, gäbe es keine Sozialfürsorge mehr, keine Gnade für die Schwachen, statt dessen einen kapitalistischen Sozialdarwinismus, im dem nur der Starke ein Überlebensrecht hat.

Auch in einer anderen Hinsicht ist der Satanismus parasitär. Typisch für den Satanismus, den „klassischen“ wie den „modernen“, dass er im Gegensatz zu heidnischen Richtungen wie z. B Asatrú oder Wicca keine unabhängige, aus sich selbst heraus existierende „Religion“ bzw. spirituelle Richtung bzw. Lebensphilosophie ist, die neue Vorstellungen und Ideen hervorgebracht hätte. Der Satanismus übernimmt und pervertiert andere Religionen und Weltanschauungen. Dass LaVeys „Satanische Bibel“ größtenteils ein Plagiat ist, passt ins Bild. Satanismus definiert sich vor allem durch seine „Anti“-Haltung gegenüber traditionell christlich besetzten Werten. Der Satanismus ist eine parasitäre „Spiegelreligion“, die ohne die christliche Lehre und ohne eine immer noch christlich geprägte Gesellschaft nicht existieren würde.


Neben diesen „rationalen“ Satanisten gibt es auch noch „irrationale“. Die harmlose Form ist der bekannte „Protestsatanismus“. Die weniger harmlose ist der „psychotische Satanismus“. Um diese Form des Satanismus geht es, wenn in der Presse mal wieder von „satanistischen Morden“ oder „rituellem sexuellen Kindesmissbrauch“ die Rede ist.
Gegen Wahnsinnstäter, die ihre perversen Veranlagungen mit dem Satanismus verbrämen, helfen nur Strafverfolgung oder gegebenenfalls Therapie. Psychopathen vom Schlage Charles Mansons oder der Rudas, des „Satanistenpaars von Witten“, hat es schon immer gegeben. Gäbe es keinen Satanismus, würden sie eben im Namen irgendeiner anderen Ideologie morden und vergewaltigen. Echte Satanisten distanzieren sich nicht allein aus taktischen Gründen von solchen Tätern, sie verachten sie, wenngleich nicht unbedingt aus moralischen Gründen: „Wahre Satanisten wissen sich auch, ohne Leute zu killen, zu helfen!“ (Zitat aus einer Satanisten-Homepage.)

Sind Satanisten eine Gefahr für die Gesellschaft?

Als Satanisten nicht, als Sozialdarwinisten schon. Die meisten Ansichten bekennender Satanisten sind ziemlich Mainstream: Mach das Beste aus deinem Leben, Leistung soll sich lohnen, es gibt keine absoluten und klaren Maßstäbe für eine Einteilung in Gut und Böse. Ich kenne einige Satanist_innen persönlich, niemand von ihnen ist unfreundlich, unhöflich oder gar aggressiv, alle sind äußerst tolerant. Zugegeben, ich kenne nicht viele Satanisten, und mit Sicherheit gibt es viele „Arschlöcher“ unter ihnen. Die gibt es allerdings überall.
Die fehlende moralische Bremse macht jene Satanisten gesellschaftlich gefährlich, die den „Elite“-Gedanken ernst nehmen, und beispielweise die Gleichheit vor dem Gesetz aufheben wollen. Die Vorstellung, dass unterschiedliche Bevölkerungsgruppen unterschiedliche Rechte haben sollten, ist allerdings nicht nur bei Satanisten unangenehm weit verbreitet – siehe Parteiprogramm der AfD. (Den „typischen“ Satanisten sehe ich allerdings eher bei der FDP.)


Keine andere „Religion“ ist von so vielen paranoiden Geschichten und Spekulationen umgeben wie der Satanismus. Deshalb müssen z. B. von Therapeuten „ins Bewusstsein zurückgerufenen“ Erinnerungen an „satanistischen Kindesmissbrauch“ sorgfältig geprüft werden. Allzu oft erwiesen sich die „schrecklichen Erlebnisse“ als therapeutische Artefakte.

Erst recht müssen alle Behauptungen über satanistische Unterwanderungen und Verschwörungen sehr kritisch bewertet werden.
Meistens ist bei der Bewertung gruseliger satanistischer Verschwörungstheorien ein Blick auf den Absender nützlich: fundamentalistische und charismatische Gruppen, die an die Nähe der drohenden Herrschaft des Antichristen glauben, sehen den Teufel bekanntlich immer und überall am Werk.
Betrachtet man die realen Verhältnisse, müssen einem die markigen Sprüche mancher Satanisten keineswegs den Angstschweiß in die Stirn treiben. Sie sind – verglichen zum Beispiel mit den Rechtsextremisten und ihren allzu zahlreichen Sympathisanten – ein winziges, zerstreutes Häufchen. Horrorzahlen von Hunderttausenden Satanisten sind mit Sicherheit übertrieben. Es ist schwer, die konkrete Zahl zu schätzen, da gerade „harte“ Satanisten sich, in Wahrnehmung ihrer ausgeprägten materiellen Eigeninteressen, im Gegensatz zu Protestsatanisten möglichst unauffällig verhalten. Sich offen als Satanist zu bekennen ist in fast allen Fällen Gift fürs Geschäft.
Hinzu kommt, dass die meisten Satanisten sich eher am verbalen Radikalismus satanistischer Schriften berauschen, als diese Regeln konsequent zu leben – auch aus dem Grunde, weil diese Regeln nur für „Starke“ lebbar sind, nicht aber für Menschen, die nur gerne stark wären.

Martin Marheinecke

Links zum Thema:

Hoaxilla Podcast 101: Church of Satan
Hoaxilla Podcast 159: Satanistenmorde
blog.gwup.net: Lydia Benecke über Psychopathinnen, Satansmythen und das Skeptical in Köln/
EZW-Berlin: Satanismus
agpf: Satanismus

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3 Kommentare
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  1. lesenswerter Text zum Thema von Isaac Bonevits: http://www.neopagan.net/Enemies.html

  2. Sehr interessanter Artikel!
    Das Wort Satan kommt soweit ich weiß aus der hebräischen Sprache.

  3. Ja, es bedeutet so viel wie „Gegner“. In der hebräischen Bibel ist Satan der Ankläger im göttlichen Gerichtshof. Selbst wenn er die Loyalität eines Gläubigen prüft, wie im Buch Ijob / Hiob erzählt, handelt er stets im Auftrag und mit Billigung Gottes. In der hellenistischen Bibel („neues Testament“) ist Satan eher Versucher, aber ganz klar kein Antigott im Sinne eines „Gut-Böse“-Dualismus. Der kam erst über die Gnostik und den Manichäismus ins Christentum und auch in den Islam.

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