Heil (1)

15. Oktober 2008 | Von | Kategorie: Kultur & Weltbild

Galiote
Wenige Begriffe unserer Sprache wurden derart vergewaltigt – von seiner jahrhundertlangen Instrumentalisierung durch die kirchlichen Theokraten bis zur schließlichen Besudelung durch die NS-Deutschen. Man nehme diese Überschrift daher um großer Götter (vor allem aber aller Menschlichkeit) Willen nicht als markerschütternden Ruf, sondern stelle sich das Wort vielmehr geflüstert vor. Behutsam mit seinem tatsächlichen Sinn refilled, gibt es keinen deutlicheren Begriff für das, was es mich zu sagen drängt.

Totale (Weitwinkel-Aufnahme / Panorama)
Wir leben in unruhigen Zeiten, Tendenz verstörend. Das international durchgesetzte Dogma weltweit „ungehinderten“ Warenflusses entwertet Arbeitskraft auf selbstmörderisch niedrige Niveaus; die und der Einzelne hierzulande erleben das als persönliche Perspektivlosigkeit, Ohnmacht und Druck. Der Staat versucht sich in (zuweilen bizarren Hilflosigkeitsmaßnahmen) hauptsächlicher Armutsverwaltung; die dies dem Volk händeringend bis hanebüchen verkaufenden Politiker entwerten damit ihrerseits die Demokratie (denn die lebt vom Vertrauen). In deren Windschatten wiederum gehen Ideologen des Hasses Jünger fischen und schöpfen reichlich Volksfrust ab. Die Angstmaschine brummt.

Was immer als fixer Wert gegolten haben mag bis vor kurzem: er bröckelt. Sie bröckeln alle. Das ganze System erodiert. Und damit auch das Selbst-Bewusstsein seiner Träger: wie außen, so innen. Und an dem, was noch steht, meint man zu spüren, wie sich die Schrauben lockern (auch zuvieler Gemüter…). Sicher ist nur noch, daß als sicher geglaubte Gewissheiten schwinden. In diesem Strudel – ja: Mahlstrom – rangeln Menschen nach Halt.

Die Identitätsfindung im Land jener Beliebigkeit, die hier gern mit Freiheit verwechselt wird, nimmt neurotische Züge an: Als „westliche Werte“ werden nach Gusto hervorgekramt, was blutige Geschichte oder ihre dümmlichsten Legenden hergeben – die Menschenrechte hingegen sind historisch offenbar noch zu jung, um bereits als einforderbarer Wert auch persönlich Sinn und Stolz zu stiften… (von Gemeinsinn ganz zu schweigen: Entsolidarisiert sind wir bis tief ins geplünderte Portemonnaie hinein. Auch ich überlege, ob ich mir meine Trinkhörner nicht demnächst an die Ellbogen schnalle… Only the lonely survive?). Und dem Big Brother USA wie ehedem gewohnt jeden Trend abzugucken, will auch nicht mehr recht funzen, seit der Ölscheich und Gotteskrieger Bush bei seinem „Krieg gegen den Terror“ erkennbar ein wichtiges Land vergessen hat: Texas.

Texas erfüllt seit längerem die Kriterien für militärische Interventionen im Namen von Freiheit und Demokratie: Dort werden seit je die Menschenrechte mit Füßen getreten (Todesstrafe!), unlängst kam ein Präsident ohne glaubwürdige demokratische Verfahren an die Macht (Bush, 1. Amtszeit), dort lagern Massenvernichtungswaffen in hoher Zahl, breite Bevölkerungsschichten huldigen dem Fundamentalismus, religiöse Fanatiker sitzen in Regimekreisen. Von diesen gehen zudem weltweite Drohgebärden aus, und nicht nur rhetorische!

Aber Ernst beiseite.

Nahaufnahme (Schwenk auf die Protagonisten / Portraits)
Die Spaßgesellschaft funktioniert ja noch. Treffen wir uns auf dem Mittelaltermarkt, und vergessen, „gewandet“ wandelnd zwischen Drehleier, Blasebalg und fetter Bratwurst für drei „Taler“, dass jede beliebige Ära vor ein paar hundert Jahren für 99 % damaliger Bevölkerung frei von jeglicher persönlichen Freiheit war.

Gerade Neuheiden begeistern sich gern an der nostalgischen Wiedergängerey jener Jahrhunderte Kirchendiktatur (die deren noch blutigerer „Neuzeit“ vorausgingen, in der die Inquisition zu ihren größten Exzessen erst so richtig auflief): damals, im Mittelalter, gab´s halt noch öffentliche Badezuber, oder so ähnlich (glucks). Und überhaupt soll man ja alles nicht so eng sehen – heute geht es schließlich ums Vergnügen.

Dieses aber kann sich krampfhafter Züge nicht entledigen, betrachtet man, wie ernst ebendiese „Heiden“ anderseits in ihrer persönlichen „Religiösität“ genommen werden möchten. Allmählich möchte sogar ich beinahe an „Karma“ glauben: angesichts all dieser Profilkasper, Titelhuber, Verschwörungstechniker, freifabulierenden Geschichtsorakler, Unsinnabnicker und Wirklichkeitsverdränger, die da Asyl beantragen als vom Alltagsmief Verfolgte im Traumland freier Wühltisch-Phantasien. Wie viele Geheimräte, kaiserliche Beamte, Gendarmen, Zwangsmütter, Landbüttel, Kardinäle, Ablaßverkäufer, Äbtissinnen, Dorfpfaffen, Quacksalber, Marienerscheinungsgeplagte, Wundmal-Voodooisten, Selbstgeißlerinnen, Beutelschneider, dummgeprügelte Mägde, Kreuzfahrer und Kleinstdespoten mögen sich hier aus den letzten 1500 Jahren „inkarniert“ haben in den heutigen Zeitgenossen! Denn anders kann ich mir deren jederzeit auf Stich- und Reizwort herauskrakeelbare Emp- und B.- Findlichkeiten kaum mehr erklären… (die Titel haben gewechselt. Wir sind Alsherjapsgode – und überhaupt hochgradig initiiert! Was man aber alles nicht verwechseln darf – schon der Wichtigkeit wegen.)

Den Vorfahren freilich ist kein Vorwurf zu machen. Was hätten sie anderes tun sollen, als nach ihrem Ableben in ausgerechnet sovielen heutigen Neuheiden zu „inkarnieren“? Schließlich werden sie von diesen geflissentlich übergangen bei der Ahnenverehrung: beruft sich neuheid doch lieber auf die beliebig aufblasbaren Ganzaltvorderen, die originalen (!) „Germanen“, unverfälschten (!) „Kelten“ – oder wenigstens all die vieltausendjährig (in klammheimlichen, von Oma zu Enkelin vermutlich zwischen Kirchgang und Wäscheberg weitergeraunten) „ungebrochenen Hexentraditionen“…!? Zumindest die Linie der Dummheit ist eine nachweislich schwer durchbrechbare. Ganz hartnäckig haltbar, diese Tradition. Und wahrhaft religionsübergreifend.

Christen – waren das nicht irgendwelche fernen Bösen, die irgendwie aus der orientalischen (!) „Wüste“ in unsere (!) schönen Wälder kamen (?) und mit viel Gezeter und Höllgeheul den armen heidnischen Landsleuts auf einmal das Spökenkieken verboten haben? Zu den eigenen Ahnen zählt neuheid die Christen anscheinend nicht (auch wenn deren Missionare keineswegs aus morgenländischen Fernen, sondern ganz nachbarschaftlich aus Irland und Italien herbeigetrippelt waren, das damalige New Age verkündend). Wie aber die vergammelten Wertvorstellungen all jener bekennenden Christen aus letztlich über anderthalb Jahrtausenden Abendland klammheimlich in den scheinheidnischen Köpfen der Heutigen spuken (auch ganz ohne Inkarnierungsschmäh, sondern so richtig de facto): Das passt auf keine Kuhhaut, und das bannt auch kein Pentagramm.

Also sprach der Moderator: Selig sind die besonders Bescheuerten, denn ihnen gehört das Medienreich. Und heute die ganze Welt.

Außenaufnahme (hinter den Kulissen: fürs „Making of“)
Die ganze Welt … unsere (jeweils) ganze Welt… ist Wahrnehmung. Eine subjektive, immer, und nur. So ist das mit der „ganzen Welt“. Außerhalb menschlicher Wahrnehmung gibt es keine „Medien“, keine Fernseher, Filme oder Bildschirme (sieht man mal von ein paar größeren Halden Elektronikschrott ab, über die Mama Globus aber bald ihr gnädiges Gras wachsen lassen würde, ließe man ihr nur ungestörte Zeit). Unser aller Internet, das sind ein paar Millionen fragile Datenplatten, überdreht rotierend allesamt, miteinander verbunden über etliche Zigkilometer dickzäher Kabel auf Ozeangrund und sonstwo – und da z.B. die NASA (immerhin ja kein Kellerclübchen pickeliger Bastelbuben) schon heute die Dokus ihres kompletten Apollo-Raumfahrtprogramms aus den 60er Jahren nicht mehr abzuspielen vermag, weil niemand mehr die schrottreife Hardware reparieren kann (was aber eh egal ist, da die Originalaufnahmen inzwischen „verlegt“ wurden: vulgo verloren sind…), (1) darf man getrost davon ausgehen, dass auch und gerade von unserer aller zeitgenössischen Daten-Geschwätzigkeit nicht viel mehr übrigbleiben wird als einige Tonnen unappetitlicher Plastik- und Siliziumschrott (von dem aber unklar sein wird, wozu er überhaupt diente). Die Archäologinnen künftiger Zeiten werden sich die Köpfe zerbrechen, was wir den ganzen Tag eigentlich gemacht haben – aber das müssen wir ungetröstet ihrer Phantasie überlassen. Von unseren Gedanken wird nichts künden!

Nun, wir wissen ja, was wir tun. Im Sinne unserer Making-Of-Aufnahme sieht das so aus: Ich sitze gerade seit ein paar Stunden auf einem Plastikdrehsesselchen, vor einem Holztisch, auf dem u.a. ein Kasten steht, in welchen ich unablässig hineingucke. Von der Vorderfront des Kastens geht ein fahles Leuchten aus, von der Deckenlampe ein helleres.
Meine unruhigen Finger lassen flache Knopfreihen leise klappern. Aus zwei kleineren Kästen links und rechts auf dem Tisch röhrt rhythmisch-melodiöser Klang. Am Körper trage ich dünne Textilien und im Haar hoffentlich keine Läuse (obwohl die halbwüchsigen Kinder meiner Schwester ständig welche mit heimbringen von der Dorfschule). Mein Magen verdaut gerade „Spaghetti aglio e olio e peperoncino“: typisches Alltagsfutter für mich, auch wenn das nicht allzu germanisch sein dürfte – aber es machte mich nicht germanischer, bevorzugte ich Hirsebrei. Pasta, Knobi und Chillies sind billig – und so, wie ich sie mische, schmackhaft (na schön: der frisch zu raspelnde Parmegiano Reggiano drauf, der kostet a bisserl. Aber Stil darf sein, zumal´s der Käs´ wert ist) – außerdem sagen die wenigen Mädels, die mir die Freude machen, gelegentlich mein Lager zu teilen, daß ich „abgenommen“ hätte: seit mir die Spaghetti die fette Hartwurst ersetzen morgens…

Off topic? Von wegen. Wir sind schon ganz haarscharf am Thema. Heil… Ich bestehe nochmals auf die kategorische Abwesenheit jeglichen Rufzeichens hinter diesem Four-Letter-Word, das mir so wichtig wurde in den jüngsten Jahren. Daß es mir überhaupt wichtig und relevant werden durfte (oder sagen wir pragmatischer: konnte), verdanke ich freilich anderen. Denn Heil, soviel sei vorausgeraunt, ist alles andere als eine individuelle Leistung. Obwohl es solche erfordert…

Und hier wären wir schon beim ersten Gegensatz zur „Gesellschaft“ des „anything goes“: die eigentlich nur beständig verspricht, du könntest es allein schaffen. (Gerade mir als Musiker wird industriemäßig der „virtual drummer“, der „virtual guitarist“, der „virtual bassist“ – … demnächst womöglich sogar noch das „virtual groupie“? – für „wenige“ hundert Eurotaler angepriesen … alles wohlfeile Software fürs private Rechenkistchen. Stehende Botschaft all solcher postmodernen Errungenschaften: Mach dein Ding – für dich alleine! Was die Werbeprospekte nicht miterwähnen: Alleine, ganz alleine … bleibst du dann damit auch. Voilá: So verwandeln sich zahllose ambitionierte Künstler freiwillig in einsame Auto-Autisten. Ob wer dazu noch zuckt, spielt eigentlich nimmer die Rolle … Zuhörer werden zur bedrohten Art – die aber auch keinen mehr interessiert. Ich plage mich daher aber am Arsch lieber mit der lebendigen Zickengitarrera, ihrem und meinem Lieblingsdrummer, und der dann dreifach sich überschlagenden Ekstase herum…: bevor ich mir in fatalster Verblendung einbilde, „totale Kontrolle“ über den künstlerischen Schaffensprozess ermögliche – oder garantiere gar – überhaupt einen solchen. Verdammt, ich bin Mensch – geborenes Herdentier! Mit allem Wenn und Wehe!)

Innenaufnahme (Oberstübchen / Dachgeschoss)
Ich muss gestehen: Ich kann die Welt nicht retten. Der Globus brennt, und was mach ich? Schlangestehen im Supermarkt, oder vor dem einsam restgeöffneten Bank-, Amts- oder Bahnschalter, und mich noch dumm anrüffeln lassen von unterbezahlten und komplett desinteressierten Lakaien, die ihren bräsigen Dienst nach Vorschrift schieben, als gelte es, dem Kunden, der alles andere als ein „König“ ist, durch ihre Ignoranz eine Art Rache des real überlebten Sozialismus spüren zu lassen.

Als kürzlich mein Mobiltelefon gesperrt wurde, da meine Rechnungsüberweisung zu spät erfolgt war, erwies es sich als unmöglich, einen lebenden Menschen im Dienste des Providers an die Strippe zu bekommen. Ich tippte mir die Finger wund, mich durch automatisierte Menüs hangelnd („…dann drücken Sie die Drei…“), bloß um letztlich zu erfahren, dass „alle Mitarbeiter derzeit beschäftigt“ seien – und Mozarts Kleine Nachtmusik tröstete zumindest in Form digitalisierten Gepiepses da wenig. „Du kannst es allein schaffen. Mach dein Ding.“ Totale Kontrolle. Über dein Leben und Schaffen. Erstreben andere: habe ich den Eindruck. Aber diese Kontrolleure haben kein Gesicht. Der Zorn findet kein Ziel mehr: zumindest, wenn man nicht getriebenen Idioten wie „Jan von Helsing“ (bürgerlich: Udo Bohley) – dem populären Sampler wiederaufbereiteter Verschwörungstheorien – auf den billigen Leim geht: der allen Ernstes suggeriert, an all der modernen Unbill seien (mal wieder, und wer sonst?) „die Juden“ schuld.

Die Mauer muss weg! Gilt irgendwie noch immer. Da ich die außen nicht mehr sehe, gehe ich die in meinem Kopf an. Und siehe: da ist mehr als eine.

Kamera aus (Drehpause)
Heil findet nicht im luftleeren Raum statt. Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Es geht um mehr. Es geht um Menschen: immer um mehrere. Wie nah oder weit weg die auch sein mögen.

„Sie trafen sich auf einer Lichtung. Es waren nur noch wenige. Die Zeit hatte ihre Spuren in die Gesichter gegraben, wie in die Erinnerungen. Aber ihre Augen leuchteten ungebrochen. Sie wußten, wozu sie da standen. Jetzt galt es, weiterzumachen. Und als der erste Scheit loderte, sangen sie. Für den Wind, für das Gras, für die Berge…“

(Die Singvøgel: Feuersang)

Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss.

„Es war eine harte Zeit gewesen … Sie hatten vieles verloren. Und manch einer von früher war nicht mehr dabei…“

(dto.)

Als ich letzten Winter jäh stark erkrankte, rief mich meine Schwester an: Sie komme mich jetzt holen – zu ihr raus aufs Land (wo ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wohnte. In meiner City-Bude war natürlich der Ofen kalt: ich konnte mich nimmer groß rühren). Sie ist nicht meine „richtige“ Schwester. (Die „richtige“ residiert als eine hochbürgerliche Institutsleiterin in Wien und hält nix von mir.) Loki, was sag ich! Natürlich ist die meine richtige Schwester, mit der ich lache und weine, mit der ich durch Dick und Dünn gehe oder strauchle, mit der ich jetzt wohne, und die mir kalte Wickel machte, bis das Fieber runter ging, und die auch anderseits jederzeit eine Fünf gerade sein lässt, und die auch manchmal nervt wie ich sie, aber die halt meine Schwester ist: meine liebe Schwester, obwohl ich die erst seit acht Jahren kenne, und die vor sechsen eben meine liebe, meine wichtige und richtige und wahre Schwester werden durfte. Mein Band mit ihr ist dicker als das des Blutes. Von den Göttern her sind sie und ich von einem Blut – obwohl wir nichtmal genau die gleichen Götter haben (brauchen). Home is where the heart is, und wir sind füreinander da. Das ganz normale, verrückte Leben brachte uns zusammen (so, wie mich dasselbe von meiner leiblichen Schwester leider entfremdete).

Kommenden Winter holen wir meine alte Mutter über Weihnachten auf Besuch, und als die das letzte Mal bei uns war, tanzte Schwesterherz mit der über 80jährigen spontan Walzer in der Küche. Zum Begriff „Heil“ passt gerade und auch Kästners Erich alter Spruch:

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

„Das Feuer loderte hoch. Hände fanden sich, faßten ineinander … Menschen maßen, was sie miteinander geteilt hatten – wieder und wieder…“

(Feuersang)

Susanne E. (Name vom Verfasser geändert), ein junges begabtes Mädel aus Norddeutschland, stieg nach einiger Zeit aus unserer Heilsgemeinschaft, der Nornirs Ætt, wieder aus: Sie mochte sich nicht so „festlegen“, und überhaupt: diese „Verpflichtungen“ bei solchen Zugehörigkeiten – das alles sei nicht ihr Ding. Mal abgesehen davon, dass sich „Verpflichtungen“ von Mitgliedern unserer kleinen überregionalen Gruppe auf (individuell wie spirituell zudem recht freizügig auslegbare) Zugehörigkeitsgefühle zu germanischer Kultur beschränken: die Anforderungen sind schon hoch. Wir erwarten – neben aktivem Einsatz für die Menschenrechte (was wir dem Erbe der Geschichte wie auch unseren Germanengöttern schuldig sind) – persönliche Verbindlichkeit der Gemeinschaft gegenüber. Dazu aber gehört wenig mehr als das Einhalten gegebenen Wortes, und das Interesse am Austausch mit den anderen in der Gruppe.

Die gibt es seit 1995. Die von Anbeginn angestrebte Heilsgemeinschaft tatsächlich zu sein, gelingt uns seit 2003. Unsere Kopfzahl ist überschaubar: etliche kamen, manche verließen uns. Woran wir aber unablässig arbeiten, ist die Struktur: unsere Konsensdemokratie funktioniert. Verdeckte Machtstrukturen aufzustöbern (besonders unbewusst oder unbeabsichtigt etablierte) und auszumerzen war ein ähnliches Sisyphus-Unterfangen, wie einen Garten von Unkraut freizuhalten. Aber wir schafften es. Seitdem fließen Energien ungehindert, von denen wir vorher gar nicht so recht ahnten, dass es sie überhaupt gibt. Obwohl wir weit auseinander wohnen: Hamburg – Leipzig – Bocholt – Rothenburg (mittlerweile: Hamburg – Aachen – Wien) sind unsere derzeitigen Grenzen bzw. Entfernungen. Aber wenn´s im Norden brennt, dann blinkt´s auf im Süden. Es geht tief, inzwischen: bis in die normalerweisen Tabus der zwischenmenschlichen Beziehungen hinein. Alles ist Privatsache – aber von der des einen bleibt auch die der anderen Hunderte Kilometer entfernt nicht unbetroffen. Wir trauen uns, zu reden: miteinander. Und zu handeln!

Heil (Teil 2)

(1) Das ist ein moderner Mythos – in doppelter Wortbedeutung. Im Sinne der Alltagssprache, weil nicht „die Dokus der NASA aus den 60ern“ nicht mehr lesbar wären, sondern weil nur einige Behälter mit Original-Magnetbändern, die Daten der Apolloflüge enthalten, nicht mehr auffindbar waren. Inzwischen (Juli 2009) sind sie wiedergefunden.
Allerdings illustriert dieser Mythos – nun die andere, ursprüngliche Wortbedeutung – symbolisch verdichtet den „schleichenden Datenverfall“, die „Demenz der Archive“, den „elektronischen Alzheimer“. Wegen der geringen Haltbarkeit vieler Datenträger, aber auch, weil die Geräte, mit denen diese Datenträger gelesen werden, schnell veralten, droht in der Tat eine Zukunft, in der über unseren Alltag, unsere Kultur oder unser politisches Zeitgeschehen nur das bekannt sein wird, was in „offiziellen“ Archiven mit großem Aufwand für aufbewahrenswert gehalten wird. Also eine vergleichbare Situation wie die die des Mittelalters, in der die klösterlichen Schreibstuben das „Chronistenmonopol“ hatten.
MartinM

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4 Kommentare
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  1. Mein von Shortnews und Sekundentaktimpressionen geformter Nervenball kommt zu dem Schluss, dass es durchaus angenehm und sinnvoll ist, sich mal in Ruhe einen längeren Text durchzulesen! Auch wenn es von 2008 ist, geändert hat sich nichts… erst recht nicht zum Besseren. Ich mute mir mal Teil 2 zu. xD
    Doch mal im Ernst, ich mag euch, eure Denkweise und Philosophie… werd in Zukunft öfter hier sein, denke ich.

  2. […] und nur in diesem logisch. Das hängt wiederum mit dem besonderen germanischen Begriff des Heils zusammen. Das Heil einer Gemeinschaft erwies sich an ihrem Überleben, Erfolg und Glück. […]

  3. […] sich selbst, als er „heillos“ geworden war. (Zum Begriff des „Heils“ im germanischen Sinne: „Heil“ und http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war/” […]

  4. […] Ich ziehe den (ja, ich weiß, irgendwie deutschtümelnden, irgendwie altertümlichen) Begriff Heilsgemeinschaft vor, und ich habe immer Schwierigkeiten, zu erklären, was wir denn eigentlich machen – die […]

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