„Weiß“ ist keine Hautfarbe! (Teil 1)

26. Oktober 2013 | Von | Kategorie: Odins Auge Artikel

Statt einer Einleitung ein Liedzitat:

Paint my face in your magazines
Make it look whiter than it seems
Paint me over with your dreams
Shove away my ethnicity

Nelly Furtado: Powerless (Say what you want).

(Malt mein Gesicht in euren Magazinen an, und lasst es weißer aussehen als es ist. Übermalt mich mit euren Phantasien, und schubst meine Volkszugehörigkeit beiseite.)

Aus europäischer Sicht sind diese Zeilen Nelly Furtados bemerkenswert. Die kanadische Sängerin und Songschreiberin ist das Kind portugiesischer Eltern, genauer gesagt, stammen ihre Eltern von den Azoren. Nach den bei uns üblichen Maßstäben ist sie „weiß“, allenfalls würde sie in Deutschland als „etwas südländisch“ beschrieben werden.
In Nordamerika ist das anders. Um „White“ zu sein, reicht es nicht aus, eine ziemlich helle Haut zu haben. „White“ sind die nach ihrer Abkunft von europäischen Einwanderern immer noch Privilegierten, gegenüber den Ureinwohnern, gegenüber den Nachkommen Schwarzer Sklaven und auch gegenüber „Hispanics“ – wobei manche Rassisten, die nicht zugeben, Rassisten zu sein, Menschen mit spanischer oder portugiesischer Muttersprache, die nicht so dunkel sind wie Klischee-Mexikaner, als „white Hispanics“ und nicht einfach als „Whites“ bezeichnen.

Auch „paint my face in your magazines“ ist nicht so zu verstehen, als ob man Nelly Furtados Fotos per Bildbearbeitung eine marmorne Blässe verpasst hätte.
Gemeint ist, dass in der Promotion zu ihrem ersten Album und in der Berichterstattung über sie systematisch verschwiegen wurde, dass sie keine „weiße Kanadierin“ ist, bzw. sich nicht dieser privilegierten Bevölkerungsgruppe zugehörig fühlt – weil sie die mit dem „Weißsein“ verbundenen Privilegien in ihrer Kindheit und Jugend einfach nicht hatte. Nachdem sie als Musikerin erfolgreich wurde, wurde sie, so sieht sie es jedenfalls, von denjenigen, die sie und ihre Eltern vorher diskriminierten, vereinnahmt – eben als „weiße, englischsprachige Kanadierin“. Sie selbst fühlt sich aber den unterprivilegierten Hispanics nach Sprache und Kultur zugehörig.

„Whiteness“ – „Weißsein“ – hängt auch mitten in Europa nicht allein von der Hautfarbe ab. Sinti und Roma werden z. B. in Deutschland sehr oft als „Nichtweiße“ wahrgenommen, und nehmen sich häufig selbst als „Nichtweiße“ wahr, sogar dann, wenn sie unter den „Abstammungsdeutschen“ mit ihrer Hautfarbe nicht auffallen sollten. Wenn ein Rom und ein Spanier die gleiche Hautfarbe haben, dann ist der Spanier “weiß” und der Rom, wenn bekannt ist, dass er dieser Minderheit angehört, nicht.

In der Propaganda der Nazi-Zeit war viel von „weißen Juden“ die Rede. Gemeint waren Nichtjuden, die angeblich so handelten, wie es Juden gemäß dem NS-Weltbild täten, oder Nichtjuden, die sich für Juden einsetzten. Die tatsächliche Hautfarbe spielte dabei keine Rolle, „weiß“ ist im Nazi-Jargon gleichbedeutend mit „arisch“.

An der unten stehenden Weltkarte wird besonders deutlich, dass „Weißsein“ ein Konstrukt ist, das nicht wirklich auf der tatsächlichen Hautfarbe beruht. (Anklicken zum Vergrößern.)
Unlabeled_Renatto_Luschan_Skin_color_map.svg

Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported lizenziert. User:Dbachmann. Original uploader was Johann.buhne at de.wikipedia.

Die Karte stellt, farblich aufgeschlüsselt, die Hautpigmentierung der in dem jeweiligen Gebiet alteingesessenen bzw. indigenen Bevölkerung dar, gemessen an einer Stelle, die der Sonne nicht ausgesetzt war.

Die beiden hellsten Stufen auf dieser Karte (1 – 14 auf der Skala nach von Luschan) entsprechen von der Hautfarbe her den „Weißen“. Allerdings sind sehr viele dieser Hellhäutigen nach üblichem Verständnis von „Weißen“ europäischer Herkunft keine „Weißen“, sondern „Ostasiaten“ oder „Indianer“.

Es geht beim “Weißsein” nicht um Hautfarbe, es geht um Privilegien!

Ein Privileg ist kein Vorrecht, das eine bestimmte Gruppe zu Recht genießt, sondern etwas, das eigentlich allen Menschen gebührt, aber einigen Menschen vorenthalten bleibt.

Die Kategorie „Weiß“ bedeutet, zu einer bestimmten, bei uns aufgrund der mutmaßlichen Abstammung oder einer „Rasse“ privilegierten, Bevölkerungsgruppe zu gehören.
Weißsein als Kategorie macht es denen, die sich als „Weiße“ verstehen, möglich, sich als die „Einen und Eigentlichen“ zu sehen: „Wir Weißen geben (von Natur aus!) den Ton an, setzten die verbindlichen Normen, und alle anderen, die Nichtweißen, sind eben die Abweichenden, minderwertigen, die, denen gezeigt werden muss, wo es längs geht!“

Dazu gehört – natürlich! – das Privileg, bestimmen zu können, wer dazugehört: „Wer weiß ist, bestimmen wir!“ Typischerweise sind sich die Privilegierten (in diesem Fall: „Weißen“) nicht darüber im Klaren, dass sie privilegiert sind, und wenn, dann betrachten sie die Privilegien als etwas, dass ihnen selbstverständlich zustünde.
Privilegien kann ich als jemand, der sie hat, nicht einfach ablegen. Ich kann allenfalls versuchen, Privilegien, die anderen schaden, nicht auszuüben. Das Privileg, andere aufgrund eine vermeintlichen „Rassenzugehörigkeit“ abwerten, ausgrenzen, beleidigen und ganz handfest benachteiligen zu „dürfen“, gehört dazu.
Es ist allerdings nichts falsch daran, dass ich Privilegien wie Freiheit und Sicherheit, die andere nicht genießen, genieße – es ist nur verkehrt, dass andere sie nicht genießen.
Das ist ein wichtiger Punkt, denn allzu oft geht das Bewusstsein, privilegiert zu sein, mit schlechtem Gewissen einher. Das ist von Übel, denn wir leben in einer Kultur, in der der Appell ans schlechte Gewissen zur Erziehung, zur religiösen und zivilreligiösen Praxis und zur Werbung und Propaganda selbstverständliches Mittel zum Zweck ist. Vielleicht ist es tatsächlich effektiv, z. B. Spenden für Hilfsprojekte durch den Appell ans schlechte Gewissen, etwa dem Privileg, jeden Tag ausreichend zu Essen zu haben, einzutreiben. Leider fördern solche Kampagnen, vor allem, wenn es um „Hunger in Afrika“ oder ähnliches geht, durch den Appell ans schlechte Gewissen der Privilegierten auch das (gut gemeinte) rassistische Denken, im Sinne der berüchtigten Redensart von der „Bürde des Weißen Mannes“.

Ein andere Effekt der Scham über die eigenen Privilegien ist es, sie, wie so viele Sachen, die uns peinlich sind, zu leugnen, zu verdrängen oder, wenn das nicht funktioniert, sie zu verstecken.
Ein schlechtes Gewissen zu haben, weil ich genug zu essen habe, gewisse politische Freiheiten genieße oder nicht wegen meiner Hautfarbe schief angesehen werde, ist eine verdammt schlechte Idee, wenn es darum geht, die Verhältnisse zu verbessern. Denn all das und noch viel mehr, steht allen zu! Ausnahmslos.

„Natürlich gibt es Rassen, das sieht man doch! Nämlich: Weiß, Schwarz, Gelb, Rot.“

Das ist eine spontane Reaktion auf die Überschrift meines älteren Aufsatzes: „Menschenrassen gibt es nicht!“
Und es ist zugleich ein gutes Beispiel, mit wie wenig Realitätsbezug „Menschenrassen“ konstruiert werden.

Abgesehen davon, dass ein „Weißer“ typischerweise nicht so weiß wie ein leeres Blatt Druckerpapier und ein „Schwarzer“ nicht so schwarz wie ein Stück Steinkohle ist, sind diese Bezeichnungen, wenn „weiß“ für „sehr hellhäutig“ und „schwarz“ für „sehr dunkelhäutig“ stehen, einigermaßen nachvollziehbar. Hingegen entsprechen „Gelb“ und „Rot“ nicht dem, was „man doch sieht“.
Die einzigen Menschen, deren Haut ich ohne weiteres „gelb“ nennen würden, leiden an schwerer Hepatitis – und alle „Rothäute“, die ich jemals sah, waren “Weiße” mit einem heftigen Sonnenbrand.
Es ist nicht ganz einfach, zu verstehen, wie diese Bezeichnungen zustande kommen. „Gelb“ könnte, mit einiger Phantasie, einen nicht ganz „weißen“, aber nicht wirklich „braunen“ Hautton beschreiben, eher jedoch den Hautton, der sich nach überreichlichem Genuss von Karottensaft oder leichtfertiger Anwendung bestimmter Selbstbräuner ergibt – jedenfalls keine Hautfarbe, die exklusiv „Ostasiaten“ zugeschrieben werden könnte.
Gelb war allerdings die Symbolfarbe des alten chinesischen Kaiserhauses. Weil außerdem einer der beiden wichtigsten Flüsse und „Lebensadern“ Chinas der wegen seines lehmigen Wassers so genannte „Gelbe Fluss“ ist, wurde gelb zur Symbolfarbe Chinas.
Die sattgelb gekleideten, von den Portugiesen „Mandarine“ genannten kaiserlichen Beamten hießen im Jargon der in China lebenden Europäer „die Gelben“, was sich später auf alle Chinesen übertrug.
Die Neigung, amerikanische Ureinwohner als „Rothäute“ zu bezeichnen, bezog sich ursprünglich auf die Körperbemalungen einiger nordamerikanischer Stämme. Es wäre etwa so, als ob heute noch Schotten wegen der entsprechenden Körperbemalung der Pikten „Blauhäute“ genannt werden würden. Von Columbus Tagen bis weit ins 18. Jahrhundert hinein beschrieben Europäer die Hautfarben der „Indianer“ wirklichkeitsgetreu als „braun“, was von „fast weiß“ über „bronzebraun“ bis „fast schwarz“ ging. Auch danach ist auffällig, dass vor allem jene „Indianern“ eine zumindest „rötliche Hautfarbe“ zuschrieben, die wahrscheinlich nie einen gesehen hatten.

Die Idee, die Menschheit in vier „Rassen“ mit vier unterschiedlichen „Hautfarben“ zu unterteilen, geht auf einen an für sich sehr verdienstvollen schwedischen Gelehrten, Carl von Linné, dem Begründer der biologischen Systematik, zurück. Schon in der ersten Auflage seines Hauptwerkes „Systema Naturae“ (1735) unterteilte er die Menschen nach ihrer geographischen Herkunft in Europäer, Amerikaner, Asiaten und Afrikaner. Damit bewegte er sich noch in Rahmen des Üblichen.
Irgendwann schien allerdings der philosophische – oder esoterische – Ehrgeiz den leidenschaftlichen Systematiker gepackt zu haben. Ab der 1758 erschienenen 10. Auflage seinen Werkes ordnete er jeder Varietät bzw. „Rasse“ (er gebrauchte dieses Wort noch nicht) eine Farbe, ein Temperament und eine Körperhaltung zu: Den „roten“ Homo sapiens Americanus bezeichnete er als cholerisch und aufrecht, den „weißen“ Europaeus als sanguinisch und athletisch, den „gelben“ Asiaticus als melancholisch und steif und den „schwarzen“ Afer als phlegmatisch und schlaff.
Seine Einteilung fußte natürlich nicht auf Beobachtungen, sondern auf der antiken Vier-Elemente-Lehre und der an diese anschließenden hippokratischen Lehre von den vier Körpersäften mit den entsprechenden vier Temperamenten. Später fanden andere Autoren diese Zuschreibungen in der Wirklichkeit bestätigt. Ein typischer Fall für vorgefassten Meinungen, die bestimmen, was Beobachter wahrnehmen.

Geht es allein nach der Farbe der Haut, sind alle Menschen, von Albinos abgesehen, braun, nur mit unterschiedlicher Farbtiefe.

Auch wenn wir heute über den „wissenschaftlichen“ Rassismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nur noch entsetzt mit dem Kopf schütteln können, haben sich rassistische Klischees tief in unsere, europäische, Kultur eingefressen.
Selbst wenn die manchmal rührend-hilflosen Versuche, rassistische Sprache zu vermeiden, manchmal eher gut gemeint als gut gemacht sein mögen, sind sie wichtig, auch, um vom Weißen Sprecher vielleicht gar nicht böse gemeinten Herabsetzungen und Beleidigungen Nichtweißer Menschen so weit wie möglich zu vermeiden. Stichwort: „N-Wort“.
Dass es so schwer ist, rassistische Sprache zu vermeiden, verrät, wie sehr noch die Vorstellung, der „Weiße Mann“ sei der Prototyp des Menschen, die „Norm“, unser Denken beherrscht.

Weiterlesen: Teil 2.

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