Wann Fleiß eine Sünde und Faulheit eine Tugend ist

3. Januar 2015 | Von | Kategorie: Kultur & Weltbild, Ætt Feature

Heidnische Gedanken zu einem christlichen Gedankenkonstrukt

Vor einigen Monaten schrob ich einen kleinen Text über Tacitus und die faulen Germanen. Darin erwähnte ich kurz, dass in der Antike Faulheit zwar keine geschätzte Eigenschaft war, allerdings auch keine verachtenswerte Todsünde.

Dolce_far_Niente_-_John_William_Waterhouse
Dolce far Niente (Gemälde von John William Waterhouse, 1880)

Schon in der Antike warfen Reiche ihren armen Mitmenschen vor, sie seinen wegen ihrer Arbeitsscheu arm. Ein bekanntes Schema, an dem sich bis heute wenig änderte. Auch dass dieses Schema auf ganze Völker angewendet wurde, setzt sich bis heute fort – die nach römischer Ansicht faul in den Tag lebenden Barbaren, die eben deshalb zivilisatorisch auf keinen grünen Zweig kämen von damals sind die „Entwicklungsländer”, deren Bewohner nie „anständig arbeiten” gelernt hätten, der Moderne. Auch Ressentiments gegen „Wirtschaftsflüchtlinge” und „Pleitegriechen” gehen in die selbe Richtung: „Alle wollen was von unserem hart erarbeiteten Wohlstand abhaben, ohne etwas dafür getan zu haben!”

Es gab allerdings einen wesentlichen Unterschied zur Neuzeit: Fleiß war nach antikem Verständnis zwar eine erstrebenswerte Eigenschaft, aber dabei stets Mittel zum Zweck. Da körperliche Arbeit in antiken Griechenland und auch im antiken Rom etwas war, was eines zivilisierten Menschen unwürdig war, und die man, sofern man es sich leisten konnten, möglichst den Sklaven überließ, trübte der Vorwurf der Faulheit das idealisierte und den „dekadenten Römern” als Beispiel traditioneller Tugenden vorgehaltenen Germanenbild des Tacitus weniger, als manche neuzeitliche Tacitus-Leser glauben mögen.

Erst mit dem Aufstieg des Christentums zur „Herrschaftsreligion” wurde der Fleiß zum Selbstzweck.
Selbst im Christentum wurde der Fleiß nicht von Anfang so vergottet wie seit der Reformationszeit. In der mittelalterlichen Theologie findet sich zum Beispiel regelmäßig das Lob der Muße.

Die Idee, dass Fleiß ein Wert an sich sein könnte, funktionierte ursprünglich nicht ohne die Vorstellung, es gäbe eine Belohnung bzw. Strafe im Jenseits.
Darüber, wie die Arbeit „gottgefällig” wurde, und welche Rolle vor allem die Reformation dabei spielte, ließ ich mich vor einiger Zeit schon einmal aus: Die Arbeitsreligion.

Die Gesellschaft war nie so sehr auf Arbeit als Zentrum des Lebens fixiert wie heute, wo sich das gewohnte System lohnabhängiger Beschäftigung, bedingt durch technischen Fortschritt, langsam aber sicher in Wohlgefallen auflöst.
Im statistischen Durchschnitt verbringt ein Deutscher nur noch neun Prozent seiner Lebenszeit mit tatsächlicher Erwerbsarbeit. Dass heißt, dass heute viele Deutsche ähnlich wenig arbeiten wie einst die „alten Germanen”. Manche von uns können es sich sogar leisten, so mußeintensiv zu leben, wie die von Tacitus wegen ihrer Faulheit verachteten sklavenhaltenden Angehörigen der römischen Oberschicht. (Er verachtete wohlgemerkt nicht die Tatsache, dass diese privilegierten Menschen Sklaven für sich schuften ließen, er bemäkelte nur, dass sie offensichtlich und stolz zeigten, dass sie es nicht nötig hatten, zu arbeiten.)
Eines ist bei uns allerdings genau so wie im „alten Rom”: Nichtstun ist gesellschaftlich akzeptiert, wenn es freiwillig geschieht. Jedenfalls dann, wenn es durch (vermutete) „Leistung” oder dadurch, dass „man es sich leisten kann”, finanziell nämlich, also durch Reichtum, legitimiert ist.
Es gehört zum Image fördernden Repertoire gestresster oder sich gestresst gebender Manager, Politiker oder sonstiger wichtiger oder sich für wichtig haltender Leute, ihre Sehnsucht nach Faulheit öffentlich kund zu tun. „Einmal richtig für ein paar Wochen nichts tun!” (Regieanweisung: Mit seufzend-leidendem Tonfall aussprechen.)
Einfache Arbeiter oder Büroangestellte, die so etwas öffentlich sagen, haben hingegen schnell den Ruf weg, nicht eben die Fleißigsten zu sein.
Ist das Nichtstun gar unfreiwillig, ist es gefährlich, auch nur den Hauch eines Verdachts aufkommen zu lassen, man sehne sich nach Muße.
Von Arbeitslosen wird nämlich verlangt, dass sich ihr gesamtes Sinnen und Trachten um die Arbeit beziehungsweise um ihre Beschaffung, zu drehen habe. Egal, ob es überhaupt Arbeit gibt. Darauf beruht nicht nur das manchmal absurde und regelmäßig menschenunwürdige Sanktionsunwesen im „System Harz IV”, sondern auch ein gigantisches System von Scheinbeschäftigungen und Scheinfortbildungen, deren Hauptzweck es ist, Arbeitslose vom Faulsein abzuhalten und Statistiken zu schönen.

Ist Fleiß denn immer gut und nützlich?

Nein! Fleiß ist kein Wert an sich, sondern eine Tugend. Und zwar eine sogenannte Sekundärtugend, also eine Tugend, bei der es davon abhängt, mit welchen anderen Tugenden verbunden sie auftritt, um wirklich Tugend zu sein. Ein fleißiger Dieb, Betrüger oder Wirtschaftskrimineller ist schwerlich tugendhaft zu nennen.
Faulheit wäre selbst nach streng protestantischen Maßstäben sozusagen ein Sekundärlaster: Erst in Verbindung mit anderen Lastern ist es lasterhaft. Wobei viele der Laster nach streng protestantischen, sprich puritanischen, Maßstäben nach landläufigem Verständnis gar keine Laster sind, etwa Tanzen gehen, Unterhaltungsmusik hören oder auch fleißige sexuelle Aktivität. (Faustregel bei evangelikalen Fundamentalisten: Alles, was Spaß macht, ist lasterhaft!)

Diogenes (Gemälde von Waterhouse)
Diogenes (Gemälde von John William Waterhouse, 1884) – Ein mußeintensiv lebender antiker Philosoph.

„Schubladendenken” ist dem Einzelmenschen gegenüber ungerecht, aber es schafft bequem Übersicht. Der Übersichtlichkeit halber teilen wir die Menschen einmal ganz grob in Fleißige und Faule, Klug und Dumme ein.

Klug und fleißig

Der Idealfall. Die leuchtenden Vorbilder in der Erwerbs- und Leistungsgesellschaft. Jedenfalls theoretisch.
„Klug” bedeutet übrigens nicht das selbe wie „intelligent”. Nach der Faustregel „dumm ist, wer Dummes tut”, muss das Verhalten sehr vieler intelligenter Menschen als „strohdumm” bezeichnet werden. Pathologisch fleißige „Workaholics” sind auffällig oft überdurchschnittlich intelligent. Es ist aber sicherlich nicht klug, sich willig ausbeuten zu lassen oder sich bis zur totalen Erschöpfung selbst auszubeuten.
Also haben kluge und dabei fleißige Menschen wahrscheinlich gute Gründe, so fleißig zu sein. Einer könnte sein, dass sie besonders ehrgeizig sind – was auch ein Grund dafür ist, dass fleißige und kluge Menschen nicht zwangsläufig die erfolgreichsten beruflichen Karieren hinlegen. Regelmäßig landen die klugen Fleißigen nämlich in Fachabteilungen, auf Stabsstellen oder auf Beraterposten und in ähnlichen Sackgassen auf dem Weg nach „ganz oben”, denn dort sind sie mit ihrem Fleiß und ihrer Klugheit nützlich, ohne am Stuhl ihrer Vorgesetzten sägen zu können.
Ein anderer Grund für außergewöhnlichen Fleiß kluger Menschen könnte auch echte Leidenschaft für ihren Beruf bzw. ihr Arbeitsgebiet sein. Sind solche für ihre Aufgabe „brennende” Menschen aber nicht teamfähig, oder steigert sich ihre Leidenschaft zum Fanatismus, sind sie echte Landplagen.
Klugen, fleißigen Menschen, denen ihre Arbeit Spaß bringt, wird oft abgesprochen, wirklich fleißig zu sein: „Ihr macht das alles doch nur zu eurem Vergnügen!”
Ein verbreiteter christlicher, vor allem „protestantischer” Denkfehler ist es nämlich, Fleiß mit Selbstüberwindung, mit Leiden, Mühsal und eiserner Disziplin gleichzusetzen. Wer tugendhaft fleißig sein will, sollte jedenfalls etwas tun, was keinen Spaß bringt.

Klug und faul

Kluge und faule Menschen triff regelmäßig der Vorwurf, sie würden zu wenig aus ihren Fähigkeiten machen, sie wären, wie es neuerdings heißt, „Underachiever”. Regelmäßig gelten sie als Schlawiner, die sich geschickt um die Arbeit drücken. Manchmal sind sie es tatsächlich. Was nicht heißt, dass sie Schmarotzer wären. Als Vorgesetzte sind sie jedenfalls ein Segen, weil sie alle, die einfach nur ihre Arbeit machen wollen, in Ruhe lassen. Gegen blinden Aktionismus, ein Grundübel unserer Gesellschaft, sind sie immun.
Auch viele kluge Menschen, die augenscheinlich fleißig sind, gehören in diese Kategorie, wenn sie genau so viel und so intensiv arbeiten, wie sie wollen, aber kein Stück mehr. Denn in unserer Gesellschaft gilt „nicht am Limit arbeiten” mitunter schon als „faul”. Zum Glück für viele kluge „Underachiever” fällt es meistens gar nicht auf, dass sie welche sind. Allenfalls wundern sich ihre weniger klugen Mitmenschen darüber, wieso manchen Menschen trotz all der Arbeit so viel Zeit und Energie für Hobbys, Familie, Freunde und Vergnügen finden.
Gesellschaftlich sind kluge und faule Menschen überaus wertvoll, denn sie denken darüber nach, wie sich Arbeit vermeiden lässt. Alle arbeitssparenden Erfindungen und Organisationsformen wurden von klugen „Faulpelzen” erdacht. Der Computer wurden erfunden, weil kluge Menschen zu faul zum Kopfrechnen waren. Das an sich dumme Sprichwort „Müßiggang ist aller Laster Anfang”, ist insofern wahr, als dass praktisch alle LKWs mit dem vom klugen „Faulpelz” Rudolf Diesel erfundenen Motor fahren.
Der spanische Philosoph José Ortega y Gasset brachte es so auf den Punkt:

„Technik ist die Anstrengung, sich Anstrengung zu ersparen.”

Faul und dumm

Das ist eine sehr häufige Kombination und eine wenig angesehene. Zu unrecht, denn dumme und faule Menschen sind meistens unkomplizierte Zeitgenossen, die, wenn es denn unbedingt sein muss, ihren Stiefel ‚runterarbeiten, aber keinen Handschlag zu viel tun. Dass sie wenig Ehrgeiz haben, und zu dumm sind, um sich auf einfallsreiche Weise drücken zu können, macht sie geeignet für alle möglichen Routinearbeiten, die ja schließlich auch jemand erledigen muss.
Dumme und faule Menschen, denen es trotzdem irgendwie gelang, in Führungspositionen aufzurücken, überlassen meistens gerne klügeren und fleißigeren Leuten die eigentliche Arbeit und vor allem die eigentlichen Entscheidungen. Da es aber oft nicht möglich ist, diese klugen und fleißigen Leute im Hintergrund für die Folgen ihres Fleißes und ihrer Entscheidungen zu Verantwortung zu ziehen, neigen manche dieser „grauen Eminenzen” dazu, mit viel Ehrgeiz und wenig Rücksicht ihrer eigenen Interessen verfolgen.

Fleißig und dumm

Eine wirklich gefährliche Kombination! Es gibt nichts Gefährlicheres als Dumme – im Sinne von „Dummes tuende” – Menschen, die zum Fleiß neigen. Fleiß ohne Sinn und Verstand treibt die seltsamsten Blüten. Zahllose teure fehlgeplante Projekte, überflüssige bürokratische Regelungen und durch Missmanagement Pleite gegangene Unternehmen sind stumme Zeugen für die Arbeit fleißiger dummer Menschen mit viel Entscheidungs- aber wenig Sachkompetenz. Aber auch ohne Macht und Einfluss sind fleißige dumme Menschen gefährlich, denn sie sind nämlich kaum zu bremsen, wenn es darum geht, Schaden anzurichten.
In Krisensituationen – genauer gesagt, in allen Situationen, die sie für Krisensituationen halten, dumme Menschen verschätzen sich hierbei leicht – ist blinder Aktionismus, „irgendwas” tun, egal, wie unsinnig es ist, ein typisches Verhaltensmuster dieses Menschenschlages. (Wobei auch unter nicht dummen und nicht fleißigen Menschen „blinder Aktionismus” nicht eben selten ist, da Fleiß als Tugend überbewertet wird und die Angst davor, als Faulenzer zu gelten, den meisten von uns im Nacken sitzt.)

Wenn es fleißigen dummen Menschen schlicht an der Intelligenz oder am Wissen mangelt, hält sich der Schaden meistens noch in Grenzen. Richtig gefährlich sind Menschen, die aus Fanatismus, Engstirnigkeit, Wahn oder aus Angst heraus Dummes tun, und dabei fleißig sind. Sie sind – ohne Scherz! – eine Gefahr für das Überleben der Menschheit.

Martin Marheinecke

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