Modedroge Moralin

18. Februar 2013 | Von | Kategorie: Gjallarhorn Weblog, Odins Auge Artikel

Moralin unterdrückt Zweifel und Ängste, verschafft dem Konsumenten die wohltuende Illusion beruhigender Gewissheiten und ein unerschütterliches gutes Gewissen, und das überwältigende Gefühl, immer „moralisch “ im Recht, allen anderes Denkenden überlegen und stets einer der „Guten“ zu sein.
Typische Nebenwirkungen sind Tunnelblick, Schwarz-Weiß-Sehen, wobei anders als bei der Farbenblindheit auch keine Graustufen mehr erkannt werden können, gestörte Selbstwahrnehmung, Emphatieverlust, Kritikresistenz, einhergehend mit Beratungsresistenz und zunehmender Merkbefreitheit – und vor allem Rücksichtslosigkeit.
Die Rücksichtlosigkeit kann sich zu offener Aggressivität gegen „moralisch verkommene“ Menschen ausweiten – bei bestem Gewissen des moralinabhängigen Täters.

Moralin wirkt interessanterweise bei Konsumenten, die zugleich Dealer sind, besonders stark, während zwangsweise verabreichtes Moralin nicht selten zu Abscheu, Brechreiz und Aggressivität gegenüber den Verbreitern führt.

Moralin ist im Grund genommen eine uralte Droge. Sie war schon im Altertum bekannt und wurde seit dem frühen Mittelalter vor allem in Kirchen und Klöstern gedealt. In Form der Moralinsäure wurde es von Dr. Nietzsche um 1880 isoliert, sein Versuch, eine „moralinfreie Tugend“ zu synthetisieren, darf als gescheitert betrachtet werden

In den letzten Jahrzehnten wurde Moralin in Form von Moralinsäure von sog. Bußpredigern religöser und nicht-religiöser Art verbreitet – auch zwangsweise – ansonsten nahm aber der Konsum seit der großen Moralinwelle der 1950-er Jahre deutlich ab.

Auf der Straße wird Moralin mit Heuchelin und reichlich Blut und Sperma verschnitten und auf Papier verteilt gedealt. Ein weit verbreitetes Moralin- und Heuchelin-getränktes Papier ist unter dem Szene-Namen BILD (mit Großbuchstaben geschrieben) bekannt.
Beim Moralinhandel haben die elektronischen Medien und seit einigen Jahren auch das Internet eine wachsende Bedeutung.

Seit etwa 2005 greift die Moralinabhängigkeit und – gemäß dem dem alten Szene-Spruch „wer fixt, der dealt“ – der Moralinhandel auch in den bisher für resistent gehaltenen linken Kreisen um sich. Seit Beginn der Finanzkrise 2008 wurde Moralin wieder zur Massendroge.

Zur Ursache der Moralin-Welle, und zu Risiken und Nebenwirkungen des Moralin-Gebrauchs zwei aktuelle Blogartikel:
… zieh dir bitte etwas an („twister“ zum Revival des strengen Nacktheits-Tabus und dem Hang patriarchaler Gesellschaften die Opfer von sexualisierter Gewalt – sofern sie, wie meistens Frauen und Kinder sind – zu („moralisch“) „Schuldigen“ zu machen)
und
Die Kohl-Generation: Der Deckel auf dem Topf („Momorulez“ über den zeitgeschichtlichen Hintergrund vor dem Moralin zur Modedroge werden konnte).

Moralin („moralinsauer“) hat übrigens nur ganz entfernt etwas mit „Moral“ im eigentlichen Sinne oder gar mit „Ethik“ zu tun, aber sehr viel mit dem Moralisieren.
Dabei geht es um subjektiven Wertvorstellungen, die Moralisierer / „Moralindealer“ für allgemeingültig halten, und alle, die etwas sagen, schreiben oder gar tun zu wagen, was ihren subjektiven Wertvorstellungen nicht entspricht, als „sündig“, „böse“ oder „gefährlich“, auf jeden Fall aber als „schuldig“ anprangern.
(Hierzu der Aufsatz: Schuld – die Rückkehr ins Paradies von Sven Scholz.)
Letzten Ende lässt sich die Moralpredigt, vor allem in Form der Bußpredigt, auf religiöse Praktiken und Traditionen zurückführen, in unserer Gesellschaft vor allem auf christliche Praktiken und Traditionen. Ein „Pionier“ im Geschäft des Moralisierens war übrigens der „Kirchenlehrer“ Augustinus, und Reformation und Gegenreformation, vor allem der Puritanismus, prägen das „abendländische Moralisieren“ in besonderer Weise. Moralisieren, Moralprediger und sogar Puritaner gibt es bekanntlich auch im Islam.

Ein Höhepunkt der „Moralpredigten“ und der Moralpanik in (West-)Deutschland waren die 1950er Jahre. Das hing sicher mit der Schuldabwehr und Verdrängung der damals erst wenige Jahre zurückliegenden Naziverbrechen zusammen, aber auch mit den Bedrohungsängsten im „Kalten Krieg“.
Aber auch die DDR war ein Hort der „Moralpredigten“ – vor allem, wenn dem „Klassenfeind“ und dem „kapitalistischem Ausland“ „moralische Verkommenheit“ attestiert wurde. Karl Marx hätte das vermutlich „verkürzte Kapitalismuskritik“ genannt.
Wahrscheinlich verlegte sich die DDR auf antikapitalistische Moralpredigten, weil eine offene und öffentliche Diskussion der politisch-ökonomischen Verhältnisse im „Westen“ als Nebenergebnis auch die eigene Gesellschaft des „real existierenden Sozialismus“ infrage gestellt hätte.

Damit bin ich bei einem entscheidenden Merkmal des Moralisierens (des „Moralins“), auch und gerade gegenüber echter moralischer Empörung: Verkürzte Kritik. Scheu vor Kritik der politischer Ökonomie, Scheu auch vor allen komplizierten Zusammenhängen, dafür eine Vorliebe für Schuldzuweisungen und Sündenbockdenken, statt mühsamer Suche nach Ursachen.
Die mit moralisierenden Appellen und moralisierten Schuldzuweisungen gespickten Nahrungsmittelskandale sind ein Musterbeispiel: Den wirklichen Ursachen nachzugehen könnte ja unangenehm sein – und die „Schuld“ etwa bei der „Billig-Mentalität“ der Verbrauchen zu suchen, ohne zu fragen, woran es denn liegen könnte, dass die besagte Verbraucher beim Lebensmittelkauf auf den Cent sehen, riecht deutlich nach dem selbstgerechten „selber Schuld“, das man von religiösen Moralpredigern kennt.

Sehr viel wichtiger als „Moralpredigten“ sind in der heutige Gesellschaft „Skandale“. Nicht die echte, sondern die, die z. B. von den erwähnten Boulevardmedien zu solchen erklärt werden. Ein „Skandal“ in diesem Sinne ist einfach ein Verhalten, das nicht ganz der Norm entspricht, die das betreffende Medium nach außen vertritt. Auch in der Politik wird gerne skandalisiert und moralisiert. Meistens wird dabei auch kräftig geheuchelt, denn Heuchelei und Selbstgerechtigkeit gehören zum Geschäft mit der künstlich erzeugten moralischen Empörung.
Bei „Prominenten“ reichen ein Seitensprung, ein unbedachtes Wort, ein Wutanfall, ein Glas zuviel oder vielleicht schon ein verrutschter BH zum „Skandal“, aber auch normale Menschen sind vor Skandalisierung ihres Verhaltens in dem Moment nicht nicht mehr sicher, in dem sie in den Blickwinkel der medialen Öffentlichkeit geraten.
Auffällig ist, wie groß der Anteil solcher Skandale, die in Wirklichkeit zum normalen menschlichen Leben dazugehören, in den alten und „neuen“ Medien inzwischen ist. Hauptsache, es muss nicht tiefgehend analysiert werden. Es ist ja so angenehm, wenn an der Finanzkrise ein paar „gierige Zocker“ und vor allen „wir alle, die wir über unsere Verhältnisse gelebt haben“ (man hört das Moralin geradezu triefen) „schuld“ sind. Moralisieren statt analysieren.

Puritanische, von moralischem Druck erfüllte, Gesellschaften, in dem jeder kleine Fehler, jedes nicht normgerechtes Verhalten sanktioniert werden kann, und sei es in Form einer hämischen Schlagzeile in der „BILD“, vertragen sich auch aus zwei anderen Gründen schlecht mit Demokratie und offener Gesellschaft:

In der „durchmoralisierten“ Gesellschaft mit der „moralischen Wächterinstanz“ der skandalfreudigen Medien (und zunehmend auch der durch Twitter und Facebook sichtbar gemachten öffentlichen Empörung in Form von „Shitstorms“ – die dann gierig von den personell ausgedünnten und unter Erfolgsdruck stehenden Redaktionen der „großen Medien“ aufgegriffen werden) auf die wir zutreiben, können nur die (seltenen) Tugendbolde und die besonders geschickten Heuchler und Täuscher in öffentlichen Ämtern Karriere machen. Ein Willy Brand mit seinen Bordelbesuchen und Seitensprüngen hätte es heute schwer – vielleicht hätte auch ein starker Raucher wie Helmut Schmidt keine Chance mehr, Kanzler zu werden. Es hat schon seine Gründe, dass Angela Merkel ihr Privatleben vor der Öffentlichkeit verbirgt – wohl weniger, weil sie „etwas Schlimmes“ zu verbergen hätte, sondern weil schon zu viele Politiker über „Privatsachen“ gestolpert sind. (Damit meine ich ausdrücklich keine plagigierten Doktorarbeiten oder „Gefälligkeiten“ durch „befreundete Geschäftsleute“ – , Wulff, Guttenberg usw. sind zwar auch über Medien-Skandale gestolpert, allerdings sind sie eher gescheiterte Heuchler als integre Politiker mit kleinen Fehlern.)
Es ist zu bezweifeln, ob brave und angepasste Tugendhelden auch die Besten für ein politisches Amt sind – Heuchler sind es jedenfalls nicht.

Die andere Gefahr geht von Denunzianten aus. Das Gefühl, moralisch im Recht zu sein, und die feste Überzeugung, es mit moralisch verkommenen Individuen (z. B. „Sozialschmarotzern“) zu tun zu haben, beseitigt zuverlässig moralische Hemmungen zu petzen oder im Extremfall andere Menschen ans Messer zu liefern.
Die moderne technische Infrastruktur erleichtert den aufmerksame Hobbydetektiven das Handwerk. Damit meine ich nicht „das Internet“ als solches, wie es neophobe Medienvertreter und Politiker so gern als moralische Bedrohung an die Wand malen, sondern z. B. die eifrigen Leserreporter, die willig und billig den Boulevardmedien zuarbeiten. Oder die Möglichkeiten zur anonymen Anzeige, die, geht es nach einigen „Medienpolitikern“, sogar als „Alarmknopf“ in Browser eingebaut werden sollen.

Moral ist Modedroge, nicht nur bei uns, sondern stärker noch in den USA. (Ein hochrangiger Politiker in „wilder Ehe“, wie der amtierende deutsche Bundespräsident Gauk wäre in den USA wahrscheinlich nicht denkbar. Offen schwule Politiker haben dort nachweislich erhebliche Probleme – und dass, obwohl Deutschland an sich in Sachen Homophobie-Bekämpfung weit hinter den USA herhinkt.)

Erstens ist Moralisieren „in“, weil alte christliche, vor allem puritanische, Traditionen fortwirken – und in Zeiten der Krisen, des Wandels, gern auf „bewährte Tugenden“ zurückgegriffen wird. (Es ist übrigens bemerkenswert, dass Theologen in der deutschen Politik offensichtlich als besonders moralisch integer wahrgenommen werden – allen begründeten Zweifeln an der moralische Integrität der Kirchen als Institution und vieler ihrer hohen Vertreter zum Trotz.)

Zweitens, weil das Gefühl einer allgemeinen, diffusen Angst, einer abstrakten Bedrohung, Schuldzuweisungen an „die Anderen“ fördert. Moralisieren erleichtert die Schuldzuweisung, auch an Opfer, ungemein.

Drittens, weil es eine allgemeine Tendenz zur Transparenz des persönlichen Lebens gibt – bei gleichzeitiger Intransparenz der Behörden, Großunternehmen, Verbänden, politischen Parteien, kurz, der Institutionen. Vielleicht sollte man das nicht Transparenz, sondern Geheimnislosigkeit nennen, eingefordert mit der Universal-Begründung: „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“.

Viertens, weil Analysen über die moralisierte Empörung hinaus so schwierig sind – und weil sie unangenehme Tatsachen und Zusammenhänge an Licht bringen könnten.

Fünftens, weil die Idee, dass ein moralisch einwandfreies Leben durch institutionellen Druck und durch Kontrolle und Strafe durchsetzbar sein könnte, geradezu verlockend für einen bestimmten Typ „Entscheider“ in Politik und Wirtschaft ist – und sogar als Wohltat verkauft werden kann. („Es ist nur zu Ihrem eigenen Besten.“)

Als Sechsten und letzten Grund (es gibt sicher noch mehr) sehe ich, dass die Vorstellung, Gefahren möglichst vollständig ausschalten zu können und auch zu müssen, mit der Anzahl „abstrakter“ oder in ihrem Ausmaß schwer einschätzbarer Gefahren zunimmt.
Typischerweise liegt die Entscheidung, ob etwas riskant ist, nicht im Ermessen des Einzelnen. Diese Entscheidung treffen staatliche oder andere institutionelle Stellen (z. B. Krankenkassen, Versicherungen) für ihn.

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2 Kommentare
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  1. […] passende Ergänzung zur Modedroge Moralin und eine Bestätigung dessen, was ich in diesem Artikel ausführte, gibt eine Journalismusstudie […]

  2. […] herleitet. Mag ja sein, dass “Tugendwahn” und “Moralpanik” (siehe: Modedroge Moralin) etwas mit religiösem Fanatismus zu tun haben, mag auch sein, dass motheistische Religionen für […]

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