Mit Stämmen ist kein Staat zu machen, Teil 3: Sind Stämme „von Kultur aus“ kriegerisch?

13. April 2018 | Von | Kategorie: Erforscht & Entdeckt, Ætt Feature

Im großen und ganzen lässt sich sagen, dass bis in die frühe Eisenzeit in Europa und Umgebung Ranggesellschaften, also Stammesgesellschaften und Häuptlingstümer, vorherrschend waren. Die Menschen lebten also in Stämmen.
Bis weit ins 20. Jahrhundert, und manchmal darüber hinaus, lebten zahlreiche Menschen ebenfalls in Stämmen; wenn es „übergeordnete“ staatliche Ordnungen gab, waren sie entweder irrelevant oder wurden so weit wie möglichst ignoriert. Theoretisch sollte es also möglich sein, zu entscheiden, wie kriegerisch in Stämmen organisierte Gesellschaften im Vergleich zu in Staaten organisierten sind.
So einfach scheint das aber nicht zu sein. Nach wie vor bestimmen uralte Klischees in „historischen“ Romanen und -Filmen, „exotischen“ Abenteuergeschichten und auch populärwissenschaftlichen Darstellungen das Bild. Der alten Ideologie von den „Edlen Wilden“, die allenfalls aus Notwehr „das Kriegsbeil ausgraben“ würden, steht die noch ältere der „gewalttätigen Barbaren“ gegenüber, die nur durch das „Joch der Zivilisation gezähmt“ werden könnten.

Bronzezeitliche Germanen nach alter Schulwandtafel
„Bronzezeitliche Germanen“ in einem Schulwandbild des frühen 20. Jahrhunderts. Dumm nur, dass es in der Bronzezeit noch gar keine „Germanen“ gab. Auch sonst ist das Bild aus heutiger Sicht eher „Fantasy mit historischen Versatzstücken“ als ernstzunehmende Rekonstruktion.

Seit der Jungsteinzeit gibt es Skelettfunde, die auf Gewalttaten hinweisen. Aus der Bronzezeit sind Schlachtfelder archäologisch nachgewiesen. Zur Zeit (2018), gilt das Schlachtfeld entlang des Flusses Tollense in Vorpommern, datiert auf ca. 1300 v. u. Z., als ältestes Schlachtfeld der Welt.
Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass beispielsweise die Ägypter zu dieser Zeit weitaus größere Armeen ins Feld führten. Schriftquellen deuten auf Schlachten mit 15000 Mann im „Nahen Osten“ hin, gegen die „Tollenseschlacht“ ein kleines Scharmützel gewesen wäre.

Nun ist die Jungsteinzeit die Epoche, in der sich die Häuptlingstümer herausbildeten, und in der Bronzezeit gab es bereits die ersten Staaten.

Populär ist die These, dass mit der „Neolithischen Revolution“, vor allem mit der Einführung des Ackerbaus, unvermeindlich ungleiche Gesellschaften, also Häuptlingstümer und später Staaten, entstehen mussten, und dass mit Häuptlingstümern und frühen Staaten zwangsläufig auch der Krieg über die Menschheit gekommen wäre.

Letzten Endes läuft diese griffige These auf das Prinzip „edler Wilder“ hinaus, denn vor der „Neolithischen Revolution“ hätten allgemeinene Gleichheit und dauerhafter Frieden geherrscht. Nun ist es zwar wirklich so, dass Häuptlingstümer nicht ohne Ungleichheit entstehen können (siehe Teil 1), aber es ging in Sammler- und Jägergesellschaften nicht zwangsläufig gleich zu, sobald es mehr als nur das Lebensnotwendigste zu verteilen gab. Anderseits waren viele frühe Agrargesellschaften „echte“ Stammesgesellschaften ohne dauerhafte Herrscher und als solche ziemlich egalitär. (Siehe hierzu der Artikel How to change the course of human history)
Die These, dass mit dem Ackerbau zwangläufig die Ungleichheit und damit der Krieg über die Menschheit gekommen wären, ist nicht haltbar.

Mit den „Stammesfürsten“ kam der Krieg

Zwar redet heute kaum noch ein ernstzunehmender Wissenschaftler davon, dass „der Mensch“ von Natur aus kriegerisch wäre, der Krieg also quasi in den Genen läge, aber für die These, dass Stammesgesellschaften von „Kultur aus“ kriegerisch wären, spricht die ethnologische Statistik.
Gemäß Jürg Helbling von der Universität Luzern stürben in nicht staatlich geordneten Gesellschaften 25 Prozent der Bevölkerung in Kriegen, in staatlich geordneten wären es höchstens 10 Prozent.

Archäologische Funde in Kalifornien unterstützen auf den ersten Blick die These von den kriegerischen Stämmen. Zwischen 500 und 1800 u. Z. lebten hier ausschließlich „Indianerstämme“ auf quasi „steinzeitlichem“ Niveau. Aus dieser Zeit stammen einige tausend Skelette mit Verletzungsspuren von scharfen und stumpfen Waffen. Anthropologen um Marc Allen an der California State Polytechnic University klassifizierten die Wunden und untersuchten die geographische Verteilung. Sie verglichen die Funde mit den politischen Strukturen, soweit sie bekannt sind.
Das Ergebnis der 2016 veröffentlichten Studie lies aufhorchen: Wo komplexe Gesellschaften gerade erst entstanden, gab es kaum Zeugnisse von kriegerischer Gewalt. Wo sich bereits Häuptlingstümer heraus gebildet hatten, finden sich viele Gewaltopfer.

In die selbe Richtung wie diese archäologische Studie weist eine ethnologische Studie unter der Leitung von Douglas Fry und Patrik Söderberg von der Åbo-Akademi-Universität im finnischen Vaasa. Sie untersuchten bewaffnete Auseinandersetzungen in Stammeskulturen und konzentrierten sich auf Völker, die zur Zeit des Geschehens noch als reine Jäger und Sammler lebten und höchstens fünf Prozent ihrer Ernährung aus Ackerbau und Viehzucht bestritten. Als Grundlage diente ihnen das „standard cross-cultural sample“, in dem Daten zu insgesamt 186 Kulturen abgelegt sind. Dort wählten sie 21 Jäger-und-Sammler-Völker aus, etwa die Hadza-Nomaden in Tansania und die Pygmäen im afrikanischen Regenwald, oder die Inuit und die Athabasken im subarktischen Amerika. Insgesamt fanden die Forscher 148 Auseinandersetzungen, in denen Menschen ums Leben kamen und die alle sehr gut dokumentiert waren.

Sie fanden dabei nur wenige Kriege. Zwei Drittel aller tödlichen Auseinandersetzungen hingen mit Familienfehden, persönlichem Streit, oder Hinrichtungen von Menschen, die in den Augen ihrer Stammesgenossen Verbrechen begangen worden waren. 36 Prozent der Todesfälle ließen sich sogar dem engeren Familien- oder Freundeskreis sowie den Nachbarn zuordnen. Fast immer waren die Täter Männer, nur vier Prozent der Gewalttaten gingen von Frauen aus.

Gerade einmal 15 Prozent aller Opfer stammten nicht aus dem eigenen Stamm oder zum eigenen Volk. Doch selbst bei diesen Fällen handelte es sich oft kaum um Krieg, sondern eher um Mord. So wurden zum Beispiel Schiffbrüchige an einer fremden Küste umgebracht.
In den allermeisten Fällen handelte es sich um Mord und Totschlag, bisweilen auch um Familienfehden. Für Auseinandersetzungen zwischen Stämmen und Völkern, die zum Beispiel um Rohstoffe entbrennen, fanden sie dagegen kaum einen Hinweis. Lethal Aggression in Mobile Forager Bands and Implications for the Origins of War (Science)

Alles in Allem: Die Chance, eines gewaltsames Todes zu sterben, ist statistisch gesehen in Ranggesellschaften größer als in durchorganisierten Staaten. Die Wahrscheinlichkeit, einfach ermordet oder gelyncht zu werden, ist in staatlich organisierten Gesellschaften, in denen es ja ein Gewaltmonopol gibt, deutlich kleiner. Anderseits ist die Gewaltbereitschaft nach außen in Gesellschaften mit „Machtelite“ größer als in wenig organisierten Stammesgesellschaften, womit das Risiko, Kriegsopfer zu werden, steigt.

Daraus lässt sich schließen, dass Häuptlingstümern im Durchschnitt besonders blutige Gesellschaften sein müssten. Heldensagen die, wie z. B. das Nibelungenlied oder die Epen Homers aus der Perspektive einer schon staatlich verfassten Gesellschaft über die alten „Königstümer“ berichten, die faktisch, siehe Teil 1, noch Häuptlingstümer waren, sprechen jedenfalls nicht dagegen.

Warum alte Epen fast immer und moderne Fantasygeschichten sehr oft in Ranggesellschaften, zumal solchen in Krisensituationen, angesiedelt sind, liegt auf der Hand – es gibt in ihnen viel „Action“. Also mehr Stoff für persönliches „Heldentum“ und persönliche „Tragödien“, als in Staaten, in denen Machtkämpfe meistens unblutig hinter den Kulissen ausgetragen werden, und Kriege mit anonym bleibenden Soldaten, die in feste Befehlsketten eingebunden sind, geführt werden.

Manchen Volksgruppen sind Krieg und Gewalt völlig fremd.

Auch wenn es die „edlen Wilden“ nur als Wunschbild und Vergangenheitsutopie gibt, gibt es doch gewaltfreie Gesellschaften. Ein Beispiel sind die Ifaluk, Bewohner eines Korallenatolls im Pazifik. Gewalt ist ihnen so fremd, dass es angeblich nicht einmal ein Wort dafür in ihrer Sprache gibt. Das brachte Douglas Fry auf die Spur anderer friedlich strukturierter Kulturen. Es sind überwiegend Stammesgesellschaften wie die Semai in Malaysia oder die Kadar in Indien, aber auch zum Beispiel die extrem pazifistische religöse Gemeinschaft der Amish mitten in den USA. Heute finden sind über 80 Volksgruppen in der Enzyklopädie der friedlichen Gesellschaften.

Das spricht dagegen, dass Krieg und Gewalt zwangsläufig zur menschlichen Natur gehören würden. Allerdings sind die relativ wenigen friedlichen Gesellschaften kulturelle Sonderfälle. Ihnen gemeinsam ist, dass sie überschaubare Gemeinschaften ohne ausgeprägte Machtstrukturen materiell und rechtlich ziemlich gleicher Menschen sind.

In anderen Gesellschaften, zum Beispiel bei den Maenga und den Maring in Neuguinea, ist der Krieg hochgradig reguliert und ritualisiert, so dass es relativ wenige Kriegstote gibt. Solche geregelten Kriege sind nicht auf Stammesgesellschaften beschränkt; auch für die mittelalterliche Fehde gab es strenge Kriegsregeln. Da das Fehdewesen im „Heiligen Römischen Reich“ direkt auf die germanische Stammesgesellschaft zurückgeführt werden kann, ist es wahrscheinlich, dass auch zwischen den notorisch zerstrittenen „Germanenstämmen“ ein „Krieg nach strengen Regeln“ als Rechtsinstitution gepflegt wurde. In den (allerdings schon hochmittelalterlichen) Heldensagen und den Isländersagas nimmt die Fehde als geregelter gewaltsamer Konflikt einen zentralen Platz ein.
Erst nachdem sich in den feudalen Staaten so etwas wie ein territoriales Gemeinwohlbewusstseins und eine funktionierenden Rechtsprechung etabliert hatt, war die Fehde als Form der Selbstjustiz nicht mehr zu rechtfertigen.

Martin Marheinecke, April 2018

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