„Hypermoral“ – der posthume Sieg eines Nazi-Philosophen

1. September 2018 | Von | Kategorie: Gjallarhorn Weblog, Odins Auge Artikel

Ein persönlicher Kommentar zu einem in Mode gekommenen Schlagwort

Hin und wieder benutzte ich den Ausdruck „Hypermoral“ für eine Haltung, ein „Ethos“, das ich für sehr problematisch halte. Inzwischen halte ich dieses griffige Schlagwort selbst für äußerst problematisch, nicht etwa, weil ich die Haltung, die ich „hypermoralisch“ nannte, nun für weniger problematisch halten würde. Das Problem ist, wie dieses bis vor Kurzem ungebräuchliche Wort heute meistens gebraucht wird.

In der öffentlichen Debatte um die „Flüchtlingskrise“ und vor allem um die Rettung von schiffbrüchigen Bootsflüchtlingen macht der Begriff „Hypermoral“ bzw. „Hypermoralismus“ eine häßliche Karriere.
Ein typisches Beispiel ist der am 28. Juni 2018 auf dem rechts-katholischen Portal „kath.net“ erschienene Gastbeitrag „Das ist bewusst geschaffene Seenot, keine Rettung“ von Boris Palmer.
Palmer schreibt:

„Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der deutschen Hypermoral, die Boote im Mittelmeer finanziert und dem Sieg der Rechten in Siena und der Toskana: Die so genannten Rettungsschiffe kreuzen kurz vor der libyschen Küste und nehmen dort die Migranten auf, die von Schleppern in Boote gesetzt werden, die keine 20km fahren können. Das ist bewusst geschaffene Seenot, keine Rettung. Es soll eine Situation geschaffen werden, die dazu zwingt, die Überfahrt nach Europa zu gestatten.
Deshalb fahren diese Boote nach Italien, berufen sich auf internationales Recht und überlassen die Migranten den Marktplätzen und Parks Italiens. Und das haben sie jetzt so lange gemacht, bis Siena fiel und Salvini Minister wurde. Nichts anderes ist die Ursache.“

Mit anderen Worten:
Palmer macht die Hilfsbereitschaft jener, die Menschen nicht einfach ertrinken lassen wollen, für den politischen Rechtsruck verantwortlich.
Dazu konstruiert er folgende Kausalkette: Da freiwillige Seenotretter schiffbrüchige Flüchtlinge retten, kommen mehr geflüchtete Menschen lebend in Italien an. Diese geretteten Menschen verursachen Probleme, und wegen dieser Probleme werden die Neofaschisten der „Lega“ und die „Hauptsache dagegen“-Populisten der M5S gewählt.

Nun sind die Flüchtlinge nicht automatisch ein Problem, jedenfalls nicht dann, wenn alle EU-Länder in dieser Frage im humanitären Sinne zusammenarbeiten würden. (Zur Zeit stehen die Signale aber überall, auch in Deutschland, auf Abschottung – was de facto: „beim Sterben zusehen“ heißt.) Die EU-Länder wären reich genug, die vor Krieg und Verfolgung geflüchtete Menschen zeitweilig aufzunehmen – und, bei gutem Willen, auch fähig, jene, die bleiben wollen, zu integrieren. Auf mittelere Sicht und ganz eiskalt ökonomisch gesehen, profitiert „Europa“ sogar von der Zuwanderung, etwa, um der Überalterung etwas entgegenzusetzen.

Da tätige Nächstenliebe nach eigenen Angaben ein zentraler Wert auch konservativer Katholiken ist, wundert es mich ein wenig, dass „kath.net“ diesen unausgesprochen und vielleicht ungewollt rassistischen Gastartikel Palmers bringt. (Als „böser Heide“ könnte ich glatt auf die Idee kommen, das läge daran, dass die meisten geflüchteten Menschen islamischen Glaubens sind.)

Auf den „linksgrünen Tugendterror“ zu schimpfen, gehört in der konservativen bis radikal rechten Kulturkritik schon lange sozusagen zum „guten Ton“. (Was ich vom Begriff „Tugendterror“ halte, schrieb ich hier: Fiktive Bedrohungen.) Der Begriff „Hypermoral“ kam in diesen Kreisen durch das Buch „Hypermoral – Die neue Lust an der Empörung“, verfasst vom Philosophen und Cicero-Kolumnisten Alexander Grau, wieder in Mode. Grau behauptet, dass die Hypermoral die Leitideologie unserer Zeit sei.

Was ist denn eigentlich „Hypermoral“?

Da ich den Begriff „Hypermoral“ relativ oft verwendete, auch auf diesen Seiten z. B. „Von Brot, Böllern und Moralinsäure“ und „Modedroge Moralin“, erkäre ich etwas ausführlicher, was ich unter „Hypermoral“ verstehe, und was jene, die Seenothelfern „Hypermoral“ vorwerfen, darunter verstehen.

Was verstehe ich unter „Hypermoral“? Jemand, der hypermoralisch ist, ist nicht etwa, wie man vielleicht von Wortsinn her meinen könnten, jemand, der oder die besonders viel Wert auf moralisch einwandfreies Verhalten legt. Es gibt hypermoralische „Moralapostel“, aber nicht jeder eifernder Moralprediger ist hypermoralisch.Die meisten hypermoralischen Menschen haben ein manichäistisches, „schwarz/weiß“, „ja/nein“, „gut/böse“ Weltbild. Aber auch davon gibt es Ausnahmen.
Meine Definition:

Hypermoral ist eine übersteigerte Form gesinnungsethischer Grundsätze, bei denen der Realitätsbezug und die praktische Anwendbarkeit nebensächlich ist und im Konflikt zu ihnen stehende ethische Grundsätze für unwichtig erklärt und bewusst missachtet werden.

Für einen Hypermoralisten sind menschliche Handlungen im wesentlichen durch gute oder böse Absichten bzw. „das Gute“ und „das Böse“ an sich motiviert. Eine pragmatisch-moralische Auffassung, wie sie Goethes Mephisto in die Worte „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ fasst, ist für Hypermoralisten nicht akzeptabel – aus einer böse Absicht kann für sie nichts Gutes erwachsen!
Ein entsetzliches Beispiel für Hypermoral sind jene Abtreibungsgegner, die so weit gehen, das ungeborene Leben auch auf Kosten des Lebens der Schwangeren zu „schützen“.

In der Politik ist „Moralhypertrophie“ eine Einstellung, die alle Probleme in Staat und Gesellschaft als moralische Probleme auffasst. (Dazu verweise ich auf meinen Aufsatz: „Modedroge Moralin“.) „Hypermoral“ geht typischerweise mit Moralhypertrophie einher.

Ich bin Freund einer Verantwortungsethik, allerdings ergänzt um eine gewisse gesinnungsethische „Wertehierachie“: Menschenrechte sind für mich etwas Absolutes. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt‘“, wie es im Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes heißt.

Damit dürfte meine Haltung zum Thema „Rettungsschiffe“ glasklar sein: Wenn jemand zu ertrinken droht, dann ist es meine verdammte moralische Pflicht, so gut zu helfen, wie ich kann. Das gebietet einfach der Anstand. Leben retten – alles andere ist erst einmal Nebensache.

„Moralhypertropie“ wäre es nur dann, wenn ich mich moralisch verpflichtet sähe, mich selbst in Lebensgefahr zu bringen, um Menschenleben zu retten. „Hypermoral“ dann, wenn ich von anderen verlangen würde, heldenhaft sich selbst für andere in Gefahr zu bringen, und „Hypermoralismus“, wenn ich allen, die nicht zum „Heldentum“ bereit sind, ein schlechtes Gewissen einrede.

Als Verantwortungsethiker ist es mir allerdings relativ schnuppe, aus welchen Motiven heraus jemand ertrinkende Menschen aus dem Wasser zieht. Aus freien Stücken, um sich nicht wegen „unterlassener Hilfeleistung“ strafbar zu machen, um gutes Karma zu gewinnen, aus schlechtem Gewissen, weil man es als guter Seemann eben macht, des Seelenheils wegen, des Ruhms wegen, aus Pflichterfüllung – egal: Hauptsache erst einmal, sie werden gerettet. Selbst so eigennützige Motive, wie das, gute Publicity für ein Unternehmen zu machen, nehme ich hin. Nur bei direktem finanziellen oder machtpoltischem Profit ist meine moralische „Rote Linie“ überschritten. Und obwohl die meisten „Schlepper“ ziemliche Arschlöcher und eindeutig kriminell sein dürften, gilt das längst nicht für alle, die Menschen illegal über Grenzen bringen. Im Falle Fluchthelfer „Null Toleranz“ zu fordern, ist meiner Erachtens hypermoralisch.

Ein typischer Ausdruck von Hypermoralismus ist es, „uns“, den „gierigen Verbrauchern“ die Schuld an tödlichen Unfällen in Textilfabriken z. B. in Bangla Desh oder Vietnam zuzuschreiben. Diese Ansicht lässt außer acht, dass es außer „Geiz“ und „Gier“ auch andere, weniger unmoralische, Motive gibt, billige Kleidung zu kaufen – wer lange Zeit arbeitslos war, einen „Niedriglohnjob“ hat oder eine größere Familie versorgen muss, dem bleibt wohl oder übel oft nichts anderes übrig. Die hypermoralische Kritik an den schlimmen Verhältnissen ist in diesem Falle das, was Marxisten „verkürzte Kapitalismuskritik“ nennen würde, sie lässt Wesentliches außer acht und überbetont Fragen der persönlichen Moral.
Der zweite Aspekt ist der, dass die Textilarbeiter in Bangla Desh nichts von meinem schlechten Gewissen und meinem Mitleid ihnen gegenüber haben. Druck auf die Verantwortlichen (nicht „Schuldigen“!) etwa in den Textilhandelsunternehmen und auf die Fabrikanten ist da schon hilfreicher. Ein Boykott kann mir zwar ein „gutes Gewissen“ geben, aber unter Umständen jenen schaden, die unter den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen leiden.

Deutlich wird das am Beispiel der Boykottaktion „Kauft keine Früchte des Apartheit“ während der 1980-er Jahre gegen das damalige Rassisten-Regime in Südafrika. Es war ein schwarzer südafrikanische Anti-Apartheit-Aktivist, der uns „es gut meinende“ Deutsche darauf stieß, dass ein Boykott von z. B. Weintrauben den (wirtschaftlich) Mächtigen in Südafrika gar nicht weh täte – die würden sich auf den Export von Kohle, Diamanten, Edelmetallen, aber auch Maschinen und Waffen stützen. Ein paar Früchte weniger täten ihnen nicht weh – sehr wohl aber den (durchweg schwarzen) Landarbeitern, Arbeitern in Verarbeitungsbetrieben und auch den vielen Kleinunternehmern in der Landwirtschaft. „Kauft keine Früchte der Apartheit“ war ein für „das Volk“ in Südafrika kontraproduktiver Boykott.

„Hypermoral“ im Sinne Arnold Gehlens

Es ist allerdings unübersehbar, dass Grau, Palmer, der FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube und viele mehr, von nationalistischen Politiker_innen in und außerhalb der AfD ganz zu schweigen, das deutlich anders sehen als ich.
Dabei denken und handeln diese rechtskonservativen bis rechtsradikalen Menschen eindeutig eher im Sinne des Erfinders des Begriffs „Hypermoral“ als ich.

Geprägt wurde der Begriff der „Hypermoral“ 1968 im Essay „Moral und Hypermoral“ des konservativen bis reaktionären Philosophen Arnold Gehlen. Eines Denkers, den ich mich angesichts seiner Karriere zwischen 1933 und 1945 und seiner Haltung während und nach der NS-Zeit nicht scheue, einen „Nazi-Philosophen“ zu nennen. (Mehr hierzu weiter unten.)

Diese Schrift ist durchaus danach, also beharrend bis rückschrittlich, die philosophisch-anthropologischen Überlegungen Gehlens treten gegenüber der polemischen Zeitkritik deutlich ins Hintertreffen. Mit seinem Rundumschlag gegen so ziemlich alles, was ihm politisch und gesellschaftlich in der Bundesrepublik Deutschland der 1960er-Jahre nicht gefiel (und ihm gefiel vieles nicht), ist Gehlen sozusagen der Prototyp aller „68er-Basher“.
Obwohl ich nicht nur politisch völlig anderen Ansicht bin als Gehlen, hielt ich bis vor Kurzem wenigstens die von ihm geprägten Begriffe „Humanitarismus“ und „Hypermoral“ für brauchbar, im Sinne griffiger Schlagwörter.

Unter „Humanitarismus“ versteht Gehlen die „zur ethischen Pflicht gemachte unterschiedslose Menschenliebe“, eine Erweiterung des Familienethos auf die ganze Menschheit. „Fremde“ Menschen, die nicht Familienangehörige, Freunde, Kollegen usw. sind, sollten genau so geliebt werden wie Menschen aus diesen „Nahgruppen“. Humanitarismus bedeutet also, dass an Stelle des alttestamentarischen „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ die Forderung: „Liebe deinen Fernsten wie deinen Nächsten!“ tritt. So weit bin ich noch bei ihm.
Ich ergänze aus meiner Sicht: Da Menschen mit dem Hang zur Hypermoralität die Selbstliebe gerade nicht als „Tugend“, sondern eher als „Sünde“ sehen, zieht der Humanitarismus nicht selten die Haltung „Verachte deinen Nächsten wie dich selbst“ folgerichtig nach sich. Was zählt, ist nicht mehr das Wohlergehen einzelner Menschen, was zählt, sind nur noch die moralischen Prinzipien.

Ich bin zum Beispiel der Ansicht: Im Sinne des Humanismus muss die Menschenwürde eines Straftäters auch dann gewährt bleiben, wenn seine Tat moralisch aufs Tiefste missbilligt werden muss. Gehlen würde so einen Standpunkt, anders als ich, für „hypermoralisch“ halten und damit die Aussage für „humanitaristisch“.

Nicht teilen mag ich Gehlens Ansicht, Humanitarismus sei ein Mittel ideologisch zweckmäßiger Fremdtäuschung zum Vorteil bestimmter (Herrschafts-)Gruppen mit gleichzeitiger öffentlicher Geltungssteigerung der Intellektuellen.
Mit der „Geltungssteigerung von Intellektuellen“ meint Gehlen die schlichte Tatsache, dass es einem den Anstrich moralischer Überlegenheit und eines besonderen „Durchblicks“ gibt, „unbequeme Wahrheiten“ auszusprechen und sich dabei selbst nicht zu schonen.
Wobei für Hypermoralisten, anders als Gehlen meint, nicht die „ideologische Fremdtäuschung“ (ich mache anderen etwas vor, weil es meiner Ideologie entspricht), sondern die „ideologische Selbsttäuschung“ (ich nehme etwas an, weil es meiner Ideologie entspricht) im Vordergrund stehen dürfte.

Humanitarismus im Sinne Gehlens ist eine Form des übersteigerten Humanismus, die kein überzeugter Humanist ernsthaft vertreten würde.

Auch wenn Gehlen seinerzeit Positionen angriff, die kaum einer der von ihm gescholtenen „linken Interlektuellen“ wirklich vertrat, ist die „Hypermoral“ an und für sich kein „Strohmannargument“. Denn entsprechende überzogene und entgrenzte moralische Forderungen gibt es ja wirklich. Wenn auch eher selten seitens der von Gehlen gescholtener „Linken“ und „Linksliberalen“, als aus dem Lager religiöser oder ideologischer Fanatiker. Mit religiösen Fundamentalistismus geht beispielsweise eine fundamentale Moral einher, die den einzelnen Menschen für alles Unglück dieser Welt moralisch schuldig macht.

Gehlen, ein Naziphilosoph

Für die Frage, ob es wirklich verwerflicher „Hypermoralismus“ sei, ertrinkende Bootsflüchtlinge zu retten, ist Gehlens politische Haltung irrelevant. An dieser Stelle darauf zu verweisen, dass er überzeugter „nationalsozialister Vordenker“ war und seine Haltung nach 1945 kaum änderte, wäre eine Argumentation ad hominem.

Anders sieht es bei der Frage aus, was Gehlen dazu veranlasst hat, nicht allein die Begriffe „Hypermoral“ und „Humanitarismus“ zu prägen, sondern sie antihumanistisch aufzuladen.

Arnold Gehlen gehörte nicht zu jenen allzu vielen Wissenschaftlern, die sich, wie z. B. der Philosoph Martin Heidegger, „mit den Nazis“ und ihrer mörderischen Weltanschauung „arrangierten“, sondern er machte ganz offen auf dem „Naziticket“ Karriere, und zwar auf skrupellos oportunistische Weise. 1933 trat er der NSDAP bei und unterzeichnete das „Bekenntnis der deutschen Professoren zu Adolf Hitler“, was sich für ihn lohnte. Nachdem Paul Tillich wegen NS-kritischer Äußerungen aus dem Staatsdienst geworfen worden war, übernahm Gehlen dessen vakante Professur an der Universität Frankfurt im Rahmen einer Lehrstuhlvertretung. 1934 wurde er Nachfolger auf dem Lehrstuhl seines Doktorvaters und Förderers Hans Driesch. Driesch war Pazifist und überzeugter Demokrat, und musste als einer der ersten Professoren aufgrund eines früheren Eintretens für pazifistische Kollegen unter dem Zwang der Nazi-Machthaber seine Emeritierung beantragen und durfte nicht weiter lehren.
Während der Zeit des Hitlerfaschimus war Gehlen ein begeisterter Anhänger des Nationalsozialismus. Seine steile Karriere, die ihn auf die prestigeträchtigen Lehrstühle in Königsberg (1936) und Wien (1940) trug, verdankte er der Protegierung durch das Nazi-Regime. Er profitierte ausserdem davon, dass unter dem NS-Regime verdiente jüdische und oppositionelle Wissenschaftler von den Universitäten verjagt wurden. In seinen Schriften aus dieser Zeit (einschließlich der ersten Auflage seines Hauptwerks „Der Mensch“) finden sich Anklänge an die NS-Weltanschauung. Gehlen versuchte sogar, eine „nationalsozialistische Philosophie“ zu schaffen, doch ein 1935 entstandenes Fragment, in welchem Gehlen sich in einer Art philosophischem Rassismus versuchte, blieb in der Schublade. Vielleicht scheiterte Gehlens Versuch daran, dass er merkte, dass seine eigene, stark von biologischen Erkenntnissen geprägte Anthropologie mit Rassismus unvereinbar war.

Dass er keine Schwierigkeit mit der NS-Weltanschauung hatte und in der Praxis „guter“ Nazi war, bedeutet allerdings nicht, dass Gehlen ein zweitklassiger Soziologe und Philosoph gewesen wäre. Es ist kein Zufall, dass die von ihm geprägten Begriffe wie „Reizüberflutung“ und „Entinstitutionalisierung“ sogar in die Alltagssprache Eingang fanden – seine Arbeiten auf diesem Gebiet waren bahnbrechend. Nicht von Gehlen geprägt, aber mit seinem Namen verbunden ist der Begriff des „Menschen als Mängelwesen“. Anknüpfend an Gehlen verwenden autoritär gesonnen Pädagogen diese Vorstellung dazu, das Kind als unfertiges Lebewesen zu sehen, das erst durch Erziehung zum vollständigen Menschen gemacht werden müsse.

In seinem 1940 erschienen Hauptwerk „Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt“ legte Gehlen ein Konzept von Philosophie zu Grunde, das er „empirische Philosophie“ nannte: das Allermeiste, was wir über das Wesen des Menschen oder auch das Wesen der Welt wissen können, können wir nur aus der Erfahrung bzw. einer philosophischen Deutung der Erfahrung entnehmen. Gehlen war zeitlebens überzeugt, dass ein Leben des Menschen ohne Mythos möglich, und dass die Religion in ihrer ursprünglichen Form überlebt sei. Anders als die meisten „linken“ Naturalisten und Atheisten war er sich allerdings sicher, dass der Mensch solcher absoluten und absolut verpflichtenden Weltdeutungen, wie Religion oder Mythos sie bieten, unbedingt bedarf.
Gehlen zufolge muss die Kultur beim „Mängelwesen“ Mensch die Instinkte und die Anpassung an die artspezifischer Umwelt, wie sie bei den Tieren besteht, ersetzen. Darauf baut er seine „Institutionenlehre“ auf: „verfestigte“ Verhaltensregulationen und Bedeutungsgehalte werden nach Gehlen in den gesellschaftlichen Institutionen gespeichert. Dies gilt sowohl für die allergrundlegensten Institutionen, wie Sprache und Sitten, als auch für darauf aufbauende Institutionen, wie z.B. die Herrschaftsinstitutionen. Die Institutionen erfüllen eine mehrfache Funktion für den Menschen. Sie geben Orientierungen vor und entlasten damit den Einzelnen vom ständigen Improvisationsdruck, sie leisten eine Abstimmungsfunktion innerhalb der Gesellschaft, d.h. sie ermöglichen ihren Mitgliedern ihr Verhalten gegenseitig zu deuten und geben Reaktionsmöglichkeiten vor, von denen jeder Handelnde sicher sein kann, dass sie vom Anderen verstanden werden. Schließlich speichern die Institutionen das gesamte Wissen bzw. die Weisheit einer Kultur.

Daraus ergibt sich die für autoritäre „Staatslenker“ angenehme Konsequenz, dass es für das Individuum Freiheit nur innerhalb, aber niemals jenseits der Institutionen oder gar gegen die Institutionen geben kann. Ein sinnvolles und erfülltes Leben kann es nur im Konformismus zu den Institutionen geben. Emanzipatorische Bestrebungen sind ebenso wie die aufklärerische Kritik an den Institutionen riskant, denn Institutionen können leicht zerstört werden, während es schwer ist, sie zu errichten. Gehlen ist nicht nur konservativ, er fordert einen formalen Konservativismus, der das Bestehende um seiner selbst willen heiligt.

Gehlens Institutionenlehre impliziert eine „geschlossene Gesellschaft“, also ein durchinstitutionalisiertes, fest verankertes autoritäres System. In der Konsequenz: ein totalitäres Regime, so etwas wie ein „verbesserter Nationalsozialismus“. Gehlen fürchtete, dass der Mensch ohne Mythos auf sich selbst zurückgeworfen und so zu einem haltlosen und sinnentleerten Leben verdammt würde. Seine Theorie setzt einerseits implizit voraus, dass alle Mythen falsch sind, fordert aber andererseits die Unterwerfung unter den Mythos. So gesehen wären z. B. der völkische Blut- und Boden-Mythos, wie der antisemitische „Mythus des 20. Jahrhunderts“ (Titel des Hauptwerkes des NS-Ideologen Alfred Rosenberg), wie auch die „braune Esoterik“, die vor allem in der SS und von Hitlers langjährigem Stellvertreter Rudolf Hess gepflegt wurde, zwar einerseits völlig realitätsferner Blödsinn, andererseits aber eben notwendig, um den „deutschen Volksgenossen“ Orientierung und Sinn im Leben zu geben.

Wie viele überzeugte Nazis versuchte Arnold Gehlen später sein Werk zu „säubern“, indem er verräterische Stellen in Neuauflagen seiner vor 1945 erschienenen Schriften tilgte. Er bliebt, trotz einigen kleinen Zugeständnissen an die Demokratie und im Alterswerk einem Hang zum Pluralismus, im Großen und Ganzen ein ultra-konservativer, auf zynische Weise Autorität um ihrer selbst willen rechtfertigender Denker.

Dieser weiterführende Text ist lang, aber auch sehr informativ, insbesondere hinsichtlich Gehlens Denkens 1933-1945 und der späterer Tilgungsarbeiten:
Gerwin Klinger
ZUCHT UND LEISTUNG – Arnold Gehlens Anthropologie des NS-Führerstaates (pdf)

Martin Marheinecke, August 2018

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Ein Kommentar
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  1. Hierzu ein interessanter Artikel aus der „Zeit“:

    Auch die Linken kritisieren eine angebliche „Hypermoral“ der Mitte und der Eliten. „Aufstehen“ und seine Unterstützerinnen kopieren rechtspopulistische Sprechmuster.

    Sammlungsbewegung „Aufstehen“: Die eigenen Privilegien stressfreier genießen

    … Es ist ein gefährlicher Irrtum, die rechten Antimoralisten beim Wort zu nehmen: als ginge es diesen Leuten nur um eine emotionsfreie, rationale, offene Debatte und eine „realistischere“ Staatspolitik. Der antimoralistische Affekt der Rechtspopulisten ist keine Reaktion auf den Hypermoralismus der Eliten, denn diesen gibt es überhaupt nicht. Die europäischen Liberalen, einschließlich Merkel und Macron, waren schon immer bereit gewesen, Menschenrechte mal Menschenrechte sein zu lassen, um in Libyen und der Türkei die „Außengrenzen zu sichern“. Auch die Forderung, dass in Zukunft wieder einmal Hunderttausende Flüchtlinge nach Europa kommen sollen, ist und war immer eine völlig marginalisierte Außenseiterposition. …

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