Gustaf Kossinna, ein Vordenker der „völkischen Archäologie“ (3)

8. Juni 2016 | Von | Kategorie: Odins Auge Artikel

Archäologie als Mittel im politischen Machtkampf

"Das Weichselland - ein uralter Heimatboden der Germanen" Kossinna
Wissenschaft im Dienste nationalistischer Eroberungspropaganda: „Das Weichselland. Ein uralter Heimatboden der Germanen“ (1919)“

Nach dem Ende des ersten Weltkriegs war nicht mehr zu übersehen, dass Kossinna sich mehr um die völkischen Ideologie und die nationalistisch gefärbten Tagespolitik kümmerte, als um seine wissenschaftliche Arbeit.
Kossinna versuchte allen Ernstes, mit seiner an die in Versailles tagenden Friedenskonferenz gerichteten Denkschrift: „Die deutsche Ostmark: ein Heimatboden der Germanen“ zu verhindern, dass vormals deutsche, aber überwiegend von Polen bewohnte Gebiete an den wiedergegründeten polnischen Staat abgetreten wurden. Anhand von Funden wollte er beweisen, dass schon in der frühen Eisenzeit (also vor 500 v. u. Z.) das spätere Westpolen germanisch besiedelt war und leitete daraus politische Forderungen für das Jahr 1919 ab.
Dieser einigermaßen weltfremde Versuch wurde allerdings nicht ernst genommen, was niemanden außerhalb „völkischer Kreise“ verwundert haben dürfte.

Weltfremd war die Denkschrift in gleich mehrfacher Hinsicht. Sie zeigte, wie sehr sich der vormals seriöse Wissenschaftler in sein ideologisches Wunschdenken hineingesteigert hatte. Zuerst einmal setzte Kossinna voraus, dass seine ethnische Deutung von Kulturprovinzen – das „Verlängern“ historisch bekannten Völker in die Vorgeschichte – anerkannter Stand der Wissenschaft sei. In Wirklichkeit war sie heftig umstritten. Dann setzte er, in bekannter völkischer Manier, „Deutsche“ und „Germanen“ gleich – was z. B. die am Verhandlungstisch sitzenden Engländer als gegen sie gerichteten Spitze wahrgenommen haben könnten. (Die deutsche Weltkriegs-Propaganda vom „perfiden Albion“, das sein „gemeinsames germanisches Blut“ verraten würde, indem es gegen Deutschland kämpfte, war schließlich noch in frischer Erinnerung.) Schließlich nahm er die „graue Vorzeit“ wichtiger als die jüngere Geschichte – etwa, dass die Provinzen Westpreußen und Posen erst 1772 und 1793 im Zuge der ersten und zweiten „Polnischen Teilung“ preußisch geworden waren – oder dass diese umstrittenen Gebiete eine überwiegend polnisch sprechende Bevölkerung hatten. Schließlich erforderte es ein gerütteltes Maß an Naivität, mit am Schreibtisch konstruierten „Kulturprovinzen“ gegenüber den Fakten schaffenden Siegermächten zu argumentieren. Auf der Konferenz von Versailles, auf der es bekanntermaßen um knallharte Interessenpolitik ging und sogar selbstgesetzte Grundsätze wie das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ offen missachtet wurden, wird man das bestenfalls müde belächelt haben.

Dennoch lieferte Kossinnas Denkschrift das Muster, nach dem später die Nazis mit Waffengewalt eroberte Gebiete für „urdeutsch“ erklärten: Es reichte ihnen als propagandistische Rechtfertigung für deutsche Ansprüche aus, wenn im fraglichen Gebiet irgendwann einmal Germanen gesiedelt hatten.
In zwei Punkten unterschied sich die NS-Kulturpropaganda allerdings von Kossinnas Versuch: In der Machtbasis – 1919 saßen die Siegermächte am längeren Hebel, 1941 die deutschen Eroberer – und in der Faktenbasis – Kossinna war und blieb interpretierender Schreibtischforscher, während die NS-Archäologen gezielt nach „germanischen“ Artefakten suchten, um ihre Behauptungen auch außerhalb des deutschen Machtbereichs plausibel zum machen. (Was auch einer der Gründe war, wieso in der archäologischen Zweckforschung des „SS-Ahnenerbes“ und des „Amts Rosenberg“ viel geraubt und viel behauptet, aber kaum gefälscht wurde, denn jede aufgeflogene Fälschung hätte die „historische Rechtfertigung“ geschwächt.)

In den 1920er Jahren mussten die deutschen völkischen Archäologen erfahren, dass der Spieß „völkische Funddeutung“ sich auch umdrehen ließ.

Der polnische Vorgeschichtsforscher Józef Kostrzewski, ein Schüler Kossinnas, versuchte, mit den Methoden seines früheren Lehrmeisters nicht nur dessen „deutschvölkisch“ begründeten Behauptungen zu widerlegen, sondern seinerseits Gebietsansprüche archäologisch zu untermauern. Er sah, quasi als Spiegelbild seines akademischen Lehrers, die Rolle seiner Wissenschaft als Produzentin von Argumenten für politische Forderungen.
Nach Kostrzewski war die mehrfach erwähnte „Lausitzer Kultur“ eindeutig slawisch. Damit hätten nicht nur in den umstrittenen Gebieten vor den „Germanen“ „Slawen“ gelebt, sondern die „urslawischen“ Länder hätten weit bis nach Westen gereicht, einschließlich der Gegend, in der später Berlin liegen würde. Józef Kostrzewski behauptete während des polnischen Historikertages 1925, dass die Geschichtswissenschaft in den Westgebieten schon immer den Zwecken der „Verteidigung der nationalen Existenz“ gedient habe.

Kostrzewski lieferte sich einen erbitterten Streit über die ethnisch Zuordnung der Lausitzer und der Pomeranischen Kulturen mit dem noch jungen deutschen Archäologen Bolko von Richthofen. Das zeigt, dass auch Archäologen, die wie von Richthofen keine Kossinna-Schüler waren und dessen Methoden gegenüber Vorbehalte hatten, in seinem Sinne argumentierten. Der Freicorps-Kämpfer und glühende Nationalist von Richthofen war später ein wichtiger Funktionär im SS-„Ahnenerbe“, machte trotzdem auch nach 1945 weiterhin Karriere, u. A. als CSU-Politiker und Vertriebenfunktionär, und behielt seine scharf antipolnische Haltung zeitlebens bei.

Da polnische Nationalisten, analog zu ihren deutschen Gegenspielern, großzügig „westslawisch“ mit „polnisch“ gleichsetzten, ergab sich für die 1920er und 1930er Jahre folgendes Bild: Deutsche „Ostforscher“ stellten „historisch begründete“ deutsche Gebietsansprüche bis an die Weichsel bzw. vom damals deutschen Ostpreußen ausgehend, über die Memel hinaus ins Baltikum, polnische „Westforscher“ polnische Ansprüche bis an Elbe und Saale.
Wobei allerdings auf polnischer Seite weniger mit den umstrittenen Lausitzer und Pomoranen Kulturen als mit den unstrittig westslawischen Gebieten im frühen Mittelalter argumentiert wurde. In gewisser Hinsicht hatten die „polnischen Westforscher“ also gegenüber den „deutschen Ostforschern“ die „besseren Argumente“, da die Existenz der westslawischen Siedlungsgebiete von deutscher Seite anders als die ethnische Zuschreibung der Lausitzer Kultur, der Pomoraner Kultur oder den Kulturen der Oder-Warthe-Gruppe nicht bestritten werden konnten.

Sowohl in der polnischen „West“- wie in der deutschen „Ostforschung“ ging es erst in zweiter Linie um wissenschaftliche Erkenntnisse. Es war hochpolitische Zweckforschung im Streit um Territorien, Minderheiten und Kultureinflüsse. Auch „dank“ des Kalten Krieges überdauerte ihr Gedankengut in die Zeit nach 1945. Lange Zeit vergifteten sie das geistige Klima zwischen beiden Ländern, da sie über die wissenschaftliche Arbeit hinaus auch publizistisch und pädagogisch wirksam wurden. Ihre völkischen Deutungen der bronze- und eisenzeitlichen Geschichte wirken nach, solange die Gleichsetzung „germanisch = deutsch“ und „westslawisch = polnisch“ noch in vielen Köpfen steckt.

Kossinnas Erbe

In der Einleitung zum dritten Band der „Mannus-Bücherei“ schrieb Kossinna:

„Vor allem ist es notwendig, daß der Deutsche sich seines eigenen Wertes, der Kulturschöpfungen seiner Vorväter und der gesamten nordischen Rasse bewußt wird!“

Damit sprach Kossinna etwas aus, das im Deutschland der 1920er Jahre den Zeitgeist traf. Er begnügte sich nicht damit, die angeblich „angekratzte Germanenehre“ wiederherzustellen oder nachzuweisen, dass die Germanen keine plumpen Barbaren, sondern Vertreter eines Kulturvolkes waren. Er behauptete die rassische Überlegenheit der sich gedemütigt fühlenden Weltkriegsverlierer.
Band III der Mannusbibliothek (Titelbild)
Kossinna schloss sich verschiedenen völkischen und antisemitischen Gruppierungen an. 1928 wurde er öffentlicher Förderer des „Kampfbundes für deutsche Kultur“, einer NSDAP-nahen Organisation unter der Leitung des NS-Ideologen Alfred Rosenberg. Er war auch Mitglied im „rassekundlichen“ Nordischen Ring.
Kossinna hatte auch seine wissenschaftlichen Verdienste und trug viel zur Popularisierung der Ur- und Frühgeschichtsforschung bei. Anfangs ging er noch einer berechtigten wissenschaftlichen Frage nach („Ist es möglich, vor- und frühgeschichtliche Kulturen ohne schriftliche Zeugnisse bestimmtern Völkern zuzuordnen?“). Später beantworte er diese Frage ohne Selbstzweifel mit „Ja“, dann machte er aus seiner Antwort ein Dogma. Wie kaum ein anderer förderte er den Glauben an die außerordentliche „altgermanische Kulturhöhe“. Er predigte den „germanischen Kulturschöpfer“ und „Kulturbringer“ und war damit Wegbereiter der nationalsozialistischen Geschichtsideologie einschließlich „Propaganda-Archäologie“.
Kossinna gehört zu jenen Wissenschaftlern, die ihre Wissenschaft der Agitation und Ideologisierung unterwarfen. Damit hatte er leider auch die von ihm hervorgebrachten ernstzunehmenden und für das Fach wichtigen Erkenntnisse zum Teil entwertet.

Gustaf Kossinna, der im Laufe der Jahre vom National-Konservativen zum völkischen Nationalisten und schließlich zum „Propheten“ des völkischen „Germanenkultes“ und de facto zum Nazi geworden war, erlebte die „Machtergreifung“ Adolf Hitlers nicht mehr mit. Er starb 1931. Seine im Rassismus mündenden Gedanken erreichten erst nach seinem Tod den Höhepunkt ihrer Wirkung.

Seine umstrittene siedlungsarchäologische Methode wurde unter dem NS-Regime quasi zum Dogma erhoben, und damit der Prüfung entzogen. Es erforderte einigen Mut, sich kritisch mit Kossinnas Lehre auseinanderzusetzen. Diesen Mut brachten nur wenige auf, die meisten deutschen Archäologen waren Nazis oder Opportunisten. Es machte dabei wenig aus, wenn sie es besser wussten oder es, wie der für das „Ahnenerbe“ der SS arbeitende NS-Profiteur Herbert Jankuhn, sogar besser machten. Die Siedlungsarchäologie im modernen Sinne, die mit den Ansätzen Kossinnas wenig mehr als den Namen gemeinsam hat, geht u. A. auf Jankuhn zurück. Wissenschaftliche Seriosität und ein auf das enge Fachgebiet beschränktes „unideologisches“ Arbeiten schließen nicht aus, auf politischem Feld Nazi zu sein.

Jankuhn hatte übrigens bei Kossinnas „Erzrivalen“ Carl Schuchardt studiert.
Anders als sein Schüler blieb Schuchardt selbst den Nazis gegenüber reserviert: Schon vor der „Gleichschaltung“ legte er den Vorsitz des „Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung“ nieder und zog sich ins Privatleben zurück. Allerdings kann man selbst ihm einen gewissen Opportunismus nicht absprechen. So äußerte er im Vorwort zur zweiten Auflage seiner „Deutschen Vorgeschichte“ 1934, dass die Auffassungen des Nationalsozialismus vom Germanentum auf denselben Ideen und Erkenntnissen aufgebaut sei, der er seit Jahrzehnten vertreten und verbreitet hätte. Carl Schuchhardt starb 1943.

Hans Reinerth, den ich oben einen „Nazi-Archäologen“ nannte, gilt als geistiger Nachfolger Gustaf Kossinnas und führender Ideologe der NS-Vorgeschichtsforschung. Wie Jankuhn ist er ein Beispiel dafür, dass fachlich saubere archäologische Arbeit und menschenverachtende politische Gesinnung zusammengehen können. Reinerth bevorzugte, anders als sein Vorbild und Lehrer, zu Beginn seiner wissenschaftlichen Tätigkeit einen kulturhistorischen Ansatz und war mit ethnischen Zuschreibungen vorsichtig. Als sich der bereits für seine Ausgrabungen am Federsee berühmt gewordene „Pfahlbauprofessor“ der NSDAP zuwandte, vernachlässigte er den kulturhistorischen Ansatz und bevorzugte nun ethnische Deutungen, die bei ihm eindeutig rassistisch waren: „Rasse“ wurde zum wichtigstes Merkmal eines „Volkes“. Reinhardt betrieb nun politische Wissenschaft, was sich für ihn lohnte: 1934 wurde er zum Vertreter Rosenbergs in allen Belangen der Vorgeschichte ernannt. Auf Rosenbergs Bestreben wurde er auch Direktor des Instituts für Vor- und Germanische Frühgeschichte in Berlin und schließlich 1937 Reichsamtleiter im Reichsamt für Vorgeschichte. Wie Jankuhn war er maßgeblich am Kulturraub der deutschen Besatzer in Osteuropa beteiligt, anders als diesem gelang es ihm nicht, seine akademische Kariere nach dem Ende des NS-Regimes fortzusetzen. Er war dafür wohl zu offen und unleugbar als überzeugter Nazi in Erscheinung getreten und hatte sich zu viele Feinde gemacht. Immerhin übernahm er die 1953 die Leitung des Pfahlbaumuseums in Unteruhldingen am Bodensee.

An für sich hätte die „völkische Archäologie“ nach 1945 gründlich diskreditiert sein müssen. Auf den akademischen Bereich trifft das sogar einigermaßen zu, selbst stark NS-belastete Archäologen vermieden von nun an ethnische Funddeutungen und rassistische Hypothesen. Mit der Diskreditierung der „völkischen Archäologie“ nach dem Ende der NS-Herrschaft vermieden die als Handlanger des Regimes bloßgestellten Wissenschaftler nach 1945 jede Form einer Aufarbeitung. Ansätze einer kritischen Auseinandersetzung wurden lange konsequent ignoriert. Man hatte die Forschungsinhalte „entnazifiziert“ und einige Fragestellungen regelrecht tabuisiert, und damit gut! (In der Nachkriegszeit wurde im deutschsprachigen Raum das empirische Sammeln von Fakten und deren chronologisch-räumliche Ordnung zum wichtigsten Forschungsziel der Archäologie erklärt. Theoretische Ansätze traten damit in den Hintergrund – und somit auch Fragen nach der Weltanschauung der handwerklich und fachlich so ausgezeichnet arbeitenden NS-belasteten Archäologen.)
So wie Kossinna nach 1933 posthum zur alles überstrahlenden Autorität der deutschen Vorgeschichtsforschung erhoben wurde, so wurde seine Bedeutung nach 1945 heruntergespielt.

Am „rechten Rande“ der akademischen Wissenschaft bestand zum Beispiel die von Kossinna gegründete Zeitschrift „Mannus“ fort. Von 1969 bis 1994 erschien sie im rechtsextremen Verlag Peter Wegener als Zeitschrift der unter der Ägide von Bolko von Richthofen neu gegründeten völkisch orientierten Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte. Außerdem trugen rechtslastige populärwissenschaftliche Werke, z. B Hans-Jürgen Marquarts „Vom Ursprung der Deutschen: 30000 Jahre Vorgeschichte des deutschen Volkes“ das Gedankengut Kossinnas weiter. Es gehört bis heute zum „geistigen Rüstzeug“ sowohl neofaschistischer wie „rechtspopulistischer“ Politiker.
Wer sich die heutige „rechtsextremistische“ und „rechtspopulistische“ Szene ansieht, bemerkt schnell, dass sowohl die Vorstellungen der „völkischen Archäologen“ als auch die Behauptungen der Ariosophen und anderer völkischer Germanomanen dort äußerst lebendig sind.

Ob im Jugoslawischen Bürgerkrieg der 1990er-Jahre, im Grenzstreit zwischen Griechenland und Mazedonien, im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine und in vielen Fällen mehr – immer noch werden archäologische Funde als „Beweise“ für Gebietsansprüche herangezogen. Sicherlich gäbe es das auch ohne das Wirken Kossinnas, aber die ethnische Deutung archäologischer Funde wurde von ihm und seinen Schülern vorangetrieben. Was es Nationalisten leichter macht, in die Vergangenheit projizierten Nationalismus als „wissenschaftlich bewiesen“ auszugeben.

Martin Marheinecke, Juni 2016

Literatur (Auswahl):

Uta Halle, Dirk Mahsarski (Hg.): Graben für Germanien: Archäologie unterm Hakenkreuz, Bremen, 2013
Nadine Odenthal: Der Volksbegriff der deutschen Urgeschichtsforschung im wissenschaftlichen Werk und Umfeld von Gustaf Kossinna, Carl Schuchhardt, Hans Reinerth und Gero von Merhart, Magisterarbeit, Universität zu Köln, Philosophische Fakultät, Institut für Ur- und Frühgeschichte, 2014
Uwe Puschner: Die Germanenideologie im Kontext der völkischen Weltanschauung, Göttinger Forum für Altertumswissenschaft 4, 2001
Joachim Rehork: Plünderer – Kunstraub als Staatsaffäre, Berlin, 1996
Rüdiger Sünner: Schwarze Sonne. Entfesslung und Mißbrauch der Mythen im Nationalsozialismus und rechter Esoterik, Freiburg im Breisgau / Basel 1999
Ulrich Veit: Der Prähistoriker als „local hero“ Gustaf Kossinna (1858 – 1931) und sein Kampf für die „deutsche Archäologie“, in: Stefanie Samida (Hg.): Inszenierte Wissenschaft – Zur Popularisierung von Wissen im 19. Jahrhundert, Bielefeld, 2011

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6 Kommentare
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  1. […] Teil 3 […]

  2. Interessante Zusammenstellung! Hatte über die Uni mal ein Seminar zu deutscher Ost- und polnischer Westforschung und mich darüber mit dem Thema befasst.

    Mir kommt dabei in den Sinn, dass ich mich vor einer ganzen Weile mit Amerikanern bei Facebook heftig über die Kennewick-Mann-Affäre gestritten habe. Bin mir nicht sicher, wie weit der Sachverhalt bekannt ist (immerhin waren auch amerikanische Neuheiden marginal verwickelt), aber es ging dabei ja um etwa 9000 Jahre alte menschliche Überreste, die im NW der USA gefunden wurden und die von einem nahegelegenen Indianerstamm aufgrund eines einschlägigen Bundesgesetzes über prähistorische Funde für sich beansprucht wurden. Vor einem Jahr kam ja nun die Genanalyse, dass die Überreste tatsächlich mit heutigen Indianern verwandt sind (wenig überraschend) und deswegen diesem speziellen Stamm (den Umatilla) zugesprochen wurden.
    Das war für mich aus der Perspektive der europäischen Ethno-Archäologie schwer nachvollziehbar, weil ja die bloße genetische Verbindung zwischen zwei Populationen gar nichts über kulturelle, sprachliche usw. Kontinuitäten aussagt – noch dazu in Nordamerika, wo man über die vorkolumbischen Wanderungsbewegungen und Bevölkerungsverschiebungen ja nur sehr vage und beschränkte Aussagen treffen kann. Mir kam die Analogie mit Ötzi in den Sinn: Wie absurd wäre das, wenn sich heute Italiener und Deutsche über die Überreste streiten, weil zufällig diese beiden Ethnien heute in Südtirol nahe dem Fundort wohnen?
    Der amerikanische Mainstream in den Kommentarspalten war aber sehr bedingungslos von einem pro-indianischen Standpunkt getragen (angesichts des vielfach erlittenen Unrechts sicherlich auch nicht ganz unverständlich) und nur sehr wenige konnten meinen Standpunkt (und den anderer rationaler Diskutanten) überhaupt nachvollziehen. War sehr seltsam, weil man mit einmal in eine Reihe mit weißen Nationalisten und Völkermordleugnern gestellt wurde, weil man die Sinnhaftigkeit einer Verbindung zwischen 9000 Jahre alten Überresten und heutigen Umatilla-Indianern angezweifelt hat.

    Für mich ein sehr skurriles Beispiel, wie diese politisierte Archäologie bis heute fortwirkt – jedoch außerhalb Europas z.T. quasi mit verkehrtem Vorzeichen, im Auftrag der Wiedergutmachung für Ureinwohner.

  3. Ja, die Kennewick-Mann-Affäre, die ich am Rande mitverfolge, ist in der Tat ein gutes Beispiel für politisierte Archäologie.

    Meines Wissens dürfte übrigens die DNA des Kennewick-Manns für die Frage, wem die Überreste gehören, juristisch irrelevant sein. 2010 sagte die Regierung der USA zu, alle menschlichen Überreste an die Stämme zurückzugeben. Dabei wird ausdrücklich von einer genetischen Verwandtschaft oder antropologischen Zuordnungen abgesehen. Es kommt nur noch darauf an, auf welchem Stammesgebiet die Funde gemacht wurden. (Im Extremfall könnte das bedeuten, dass z. B. Überreste von Europäern, die „vor Kolumbus“ Amerika aufgesucht haben, den jeweiligen Stämmen zugeordnet würden. Das entspricht allerdings auch der Rechtslage in Europa – „Ötzi“ wurde auf italienischem Staatsgebiet gefunden, also gehört er Italien.)

  4. Möglicherweise hat Kossinna noch ein Comeback:

    Kultur, Sprache und Gene sind vielleicht doch mal zusammengegangen (Bandkeramiker mit (proto-) germanischer Sprache und R1b-Gen)

    Neuerer Aufsatz: Volker Heyd „Kossinna’s smile“
    „…The result of this hybridisation process was the formation of a new material culture, the Corded Ware Culture, and of a new dialect, Proto-Germanic..“
    —————————
    Bei Jankuhn muß man alle „völkischen“ Aussagen hinterfragen: er war litauisch-masurischer Abstammung.
    Und hat das zur Karriereförderung und Selbstschutz verborgen.

  5. Und Kossinna war Masure:
    Heinz Grünert, Leidorf 2002 auf Seite 18 : „Mit der Ableitung seines Namens akzeptierte Kossinna seine Abstammung von den Masuren, einer aus Masowiern, Pruzzen und Deutschen entstandenen Bevölkerung (…)“.
    Also hauptsächlich polnisch.

  6. Ja, Kossinna stammte aus dem „masurisch-ermländischen Schmelztigel“, der auch einen Nicolaus Copernicus alias Niklas Koppernigk, alias Mikołaj Kopernik hervorbrachte, über dessen „Nationalität“ sich deutsche und polnische Nationalisten so herrlich sinnlos zanken können.

    Es ist nicht gerade ungewöhnlich, dass Menschen mit „ungewisser Nationaliltät“, wenn sie zum nationalistischen Lager stoßen, zu besonderem Fanatismus neigen.

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