Glauben in den Kinderschuhen … Aus dem Leben einer Wikingerwelpen-Ma

22. Januar 2014 | Von | Kategorie: Ættlings-Alltag

Dieser Artikel entstand auf Grund des Artikels „Ich und mein Thorshammer“von Diana Jägermond.

„Mama? Wann ist Weihnachten?“ Da haben wir den Salat… An der Stelle würden andere Mütter antworten: “Na, am 24.12 ist doch Heilig Abend und am 25. ist der 1. Weihnachtstag.“
Doch viele andere Mütter in der Schule sowie dem Kindergarten meiner Wikingerwelpen (wie ich meine Kinder liebevoll nenne) sind ja auch keine „Heiden“.

Ich schaue meinen Sohn an und antworte:“Schatz, ich feiere kein Weihnachten. Ich feiere Jul und das am 21.12. Wenn du Weihnachten feiern magst, dann können wir das tun.“

So offen war ich meinen Kindern gegenüber nicht immer, was meinen Glauben anging.
Darf ich mich vorstellen? Mein Pseudonym ist „Hrafnakona“, bin ein 83´ger Jahrgang und… ich bin eine Heidenmama!

Meinen „alten Weg“ wie ich es selbst gerne bezeichne oder „Wurzelweg“, gehe ich aktiv schon seit einigen Jahren. Den tiefen Drang weiter zu suchen, mehr zu finden, hatte ich schon als kleine popelnde Göre. Erzogen wurde ich Neuapostolisch und einige Familienmitglieder tragen das Priesteramt. Trotzdem rebellierte ich immer ein wenig, hinterfragte die Lehren da sie mir nicht ausreichten. Mein Weg sollte einfach ein anderer sein. Nun ja… bevor ich nun auf meinem Besen ZU weit zurückreite, kehre ich mal zurück zu Beginn meines aktiven Weges.

„Ich will Heidin sein. Weißt du Bescheid“, schmetterte ich meinem damaligen Ehemann entgegen und erinnere mich noch an seine Reaktion als wäre es erst gestern gewesen. „Aha? Musst du wissen.“ Kleine Kurzbeschreibung: Er glaubte an nichts, aber daran glaubte er recht streng 😉 .

Von da an versuchte ich im Internet Kontakte zu knüpfen, meldete mich in Foren an und begann langsam aber stetig immer mehr Wissen anzuhäufen. Mir begegneten die verschiedensten Traditionen und Untertraditionen. Erinnere ich mich doch noch heute an meine damaligen Fragen, die ich unbeholfen gestellt habe. Peinlich, würde man heute sagen, aber ich sage: “Die gehörten dazu, sonst hätte ich meinen Weg nie gefunden.“

Ich besuchte ab und an ein Paar treffen, wenn ich es durchringen konnte. Denn so offen war mein damaliger Mann nicht. „Besenreiter“ wurde ich oft genannt, doch irgendwann reagierte ich nicht mehr darauf. Ich blieb bei meinem Weg, denn ich wusste ich würde finden was ich suchte. Das ist wohl das Gefühl, was man tief im Herzen spürt. Ein „Ruf“, das beschreibt es am besten.

Doch da war noch etwas, der Wunsch meine Überzeugung ausleben zu können, zu dürfen. Dieses sollte aber noch dauern. Wir wohnten meist in sehr ländlicher Umgebung in Dörfern, die wohl gerade erst die Pranger und Scheiterhaufen in die Schuppen gestellt hatten. Zumindest kam es mir so vor. Ich erinnere mich daran, dass alleine eine Unterhaltung mit einer Mutter, deren Kind den selben Kindergarten besuchte wie mein ältester Sohn, über Kräuter eine Reaktion herauf beschwor: “Bist du ne Hexe?? Ne oder?!“ Ich sagte: “Ach was…ich doch nicht…ich habs mal gelesen.“
Was passierte in mir drin? Ich hatte nicht nur diese Mutter belogen, was im Grunde relativ egal war, ich mochte sie ohnehin nicht. Schlimmer, ich hatte mich selbst belogen. Meine Angst, dass mein Sohn evtl. im Kindergarten gemieden werden könnte war zu groß und sicherlich war dies auch in der Situation das Beste.

Ich war es gewohnt im „Stillen“ zu arbeiten. Doch zufrieden machte mich das nicht. „Warum musste ich meinen Glauben verleugnen um in Ruhe leben zu können?“ Eine Frage die in meinem Kopf kreiste… Doch es passierte noch etwas anderes… Ich konnte meinem Sohn nicht mehr wirklich in die Augen gucken wenn ich ihn lehren wollte stolz zu sein… Mutig zu sein. Denn ich war es selbst nicht.
Ich hätte mich aufbäumen müssen vor dieser Mutter, stolz die Brust schwellen und sagen: “Ja, ich bin Heidin, wenn du das meinst und was für eine.“

Doch was wäre der Preis gewesen?
Ein einsames Kind ohne Freunde? Nachbarn die die Nase rümpfen? Die mich evtl. sogar beschimpfen? Ein Preis den ich damals nicht zahlen wollte und auch nicht hätte können.
Mal ehrlich, wenn jemand in einer christlichen Einrichtung arbeitet würde es sicherlich auch nicht gut kommen wenn man aufsteht und sagt: “Hey wir sind Heiden…“ Ich denke, der Chef würde ebenfalls aufstehen und singen: “…dann passt du hier nicht hin. Falleraaa.“

Mir sind schon Heiden begegnet die sagten (nicht zu mir): „Wenn du nicht zu deinem Glauben stehst, bist du ein Heuchler.“ Sicherlich, deren Auffassung vom Glücklichsein, aber die Beurteilung sollte man schon einem jeden selbst überlassen, denn das „Täglich Brot“ hat auch seine Priorität und seinen Preis 😉

Ich wollte damals nichts riskieren, wogegen ich mich und mein Kind nicht hätte schützen können.
Wie ist es heute???

Heute habe ich zwei Kinder. Einer besucht die Schule, einer den Kindergarten. Wenn mein Sohn mir beim Essen erzählt: “Gott kam auf die Erde und verteilte sein Blut überall… (Ihr könnt euch nicht vorstellen wie sehr ich bei dieser kindlichen Überlieferung lachen musste)“ Dann sage ich: “Richtig, das glauben die Christen. Die Mama glaubt an was anderes.“ Meine beiden Söhne sind christlich getauft. Selbst jetzt, wo ich meinen Glauben offen leben kann, dank sehr tolerantem, interessiertem, liebevollem (neuen 😛 ) Mann an meiner Seite, bereue ich diesen Schritt nicht. Meine Überzeugung ist, dass mein Weg nicht unbedingt der meiner Kinder sein muss. Sollte mein Sohn irgendwann sagen:“Mama ich will Priester werden.“, freue ich mich ebenso über diese Tatsache, als würde er sagen:“Mama, darf ich mit dir heute Odin anrufen?“ Denn BEIDES würde bedeuten:Mein Kind hat SEINEN Weg gefunden. Durchaus eine Tatsache die erfreuen sollte…

Um meinen Kindern bis zu diesem Zeitpunkt „neutral“ zur Seite zu stehen habe ich es mir angewöhnt, aus allen Religionen, Traditionen, etc. ein wenig zu erzählen. So gut es mein Wissen eben hergibt.
Wir feiern Jul, aber auch ebenso Weihnachten. (Mein Mann findet, dass NUR an Weihnachten die Spekulatius BESONDERS gut schmecken 😉 und ich möchte ihm dieses auch lassen.)
Meine Kinder lernen über „den lieben Gott „ und ebenso über „Odin, Thor usw.“ (Hach wir Heiden haben einfach eine so große Auswahl 😛 daher liste ich unsere Götter nun nicht komplett auf)

Natürlich laufe ich „Gefahr“ dass mein Kind es in der Schule oder im Kindergarten erzählt, was wir feiern und woran wir glauben. Doch heute birgt dieses keine „Gefahr“ mehr, denn ich habe eine andere Einstellung, bin selbstbewusster geworden. (Zudem wir in einer sehr offenen Gegend wohnen und auch die Einrichtungen sehr offen und tolerant sind.)
Bücher
In meinem „Lektüren-Repertoire für Kinder“ finden orthonormale Märchenbücher ebenso Platz, wie spirituelle Kinderbücher. Mein Sohn hatte damals zur Taufe sogar eine Kinderbibel geschenkt bekommen die, leicht lädiert das muss ich zugeben, im Bücherschrank steht. Im Moment findet mein Sohn „Odin voll cool“ und „Thor ist sowieso der Stärkste und hat nen großen Hammer“. 😉 Ab und zu hat aber auch Jesus einen festen Platz an unserem Tisch weil er „…so toll Wasser zu Wein verzaubern kann…“ und ich finde es persönlich wichtig den Kindern offen entgegen zu treten. Wenn meine Kids das Tischgebet sprechen wollen, dann tun sie das… Sie wissen allerdings auch, dass ich nicht zu dem „Lieben Gott“ bete.

Anfangs, das muss ich zugeben, schnürte sich schon mein Magen ein wenig zu, wenn mein Kleiner ganz stolz im Kindergarten erzählte:“Hahaaaaa das Julkind hat mir einen Spielzeug unter den Baum gestellt.“ Doch in den meisten Fällen sind die Erzieher offener als man glaubt. Diese Erfahrung musste ich selbst sammeln. Vielleicht hätte ich auch damals in diesem kleinen Dorf offener sein können. Ich weiß es nicht. Heute bin ich es …

Mir ist es mittlerweile egal wie einzelne Menschen reagieren. (Die meisten reagieren offen und interessiert). Wenn ich dann von unseren Aett-Treffen berichte ernte ich nicht selten sehr interessierte Blicke. Besonders wenn meine Worte das stets „volle Methorn“ beschreiben 😉

Meine Devise ist:
Wenn mein Kind sieht, dass ich offen mit meinem Glauben umgehe, kann es das auch.
Denn wir sind das Vorbild. Sie sind die Zukunft einer evtl. toleranteren Gesellschaft. Zumindest hoffe ich das. Stolz seinen Glauben leben zu können ist ein wertvolles Gut, was_leider_noch nicht überall selbstverständlich ist, wie ich am Anfang des Artikels bereits erwähnt hatte. Aber vielleicht können wir unseren Kindern zeigen, dass es das das sein sollte. Selbstverständlich stolz auf seinen Glauben sein zu dürfen.

Heute antworte ich: “Ich bin Heidin und WAS für eine.“

Hrafnakona

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3 Kommentare
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  1. Liebe Hrafnakona,

    ich bin ebenfalls Mama und ebenfalls Heidin. Auch wenn ich meinen Weg noch nicht lange gehe und auch noch keine „gerade Spur“ in einem Glauben gefunden habe. Deinen Bericht zu lesen war aber überaus schön und ich freue mich zu hören, wie du es schaffst deinen Kindern eine so offene Umgang mit dem Glauben zu erziehen. Und ich hoffe, ich schaffe es irgendwann genauso.
    Denn ich hoffe, dass ich, mein Mann und unsere Kinder irgendwann genauso offen und gut mit unserem Glauben leben können, wie du es kannst! Vielen Dank für diesen wunderschönen Beitrag und noch ganz ganz viel Glück für euer weiteres Leben!

  2. Hallo Hrafnakona,

    danke für diesen Artikel! Vielleicht sollte ich mir an deiner Einstellung ein Beispiel nehmen, denn genau diesen inneren Kampf führe ich aktuell – wie offen kann ich zu meinen Kindern sein, wie offen zur (in meinem Fall leider etwas verbohrten) Umwelt? Aber hey, zumindest gibts mangels Partner keine Diskussionen in dieser Richtung 🙂

    Liebe Grüße

    Gwalin

  3. Hallo Hrafnakona und natürlich auch hallo die hier lesen,

    Ich finde deine Art und Weise wie du mit deinen Kindern an dieses Thema ran gehst toll. Ich bin seit ca. einem Jahr nun auch schon Vater, und wir haben einen ähnlichen Ansatz.

    Meine Frau (Christin allerdings ohne Kirche, die mag sie genau so wenig wie Ich) und Ich (Heide) versuchen unsere Tochter (ungetauft) komplett Tolerant zu erziehen. Die einzige Ausnahme machen wir da bei Nazis, die muss sie nicht Tolerieren.
    Unser Plan ist es der kleinen aus allen Religionen und Glaubensgemeinschaft etwas zu zeigen, und da sowohl Positives wie auch Negatives, und sie entscheidet irgendwann was davon ihr Weg ist. Vielleicht will sie damit ja auch gar nix zu tun haben.

    Ich denke wenn die Kinder die Chance haben sich alles anzuschauen können sie überhaupt erst den richtigen Weg für sich finden.

    Alles gute für die weitere Zeit mit deinen Kids.

    Hrothgar

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