Eine nicht unberechtigte Sorge

24. März 2019 | Von | Kategorie: Gjallarhorn Weblog
Vor einiger Zeit schrieb „[B]lack Power“ Nap auf Twitter:
Wissen weisse deutsche Menschen dieser Tage etwa nicht, dass wir seeeehr aufmerksam bis argwöhnisch werden, wenn sie ihre Kinder Thor, Thyra, Skadi, Freyja, Wotan nennen?

Als demokratischer und antirassistischer germanisch orientierter Neuheide ist mein erster impuls auf solche unbequemen Aussagen die „Abwehrhaltung“. Damit stehe ich wirklich nicht allein; unzählige Heiden und Germanenfans verstehen Aussagen wie die von „[B]lack Power Nap“ als Angriffe auf sie selbst. Dem entsprechend sieht die Verteidigung aus: Nazis und andere völkische Spinner hätten keine Ahnung, um was es in der nordischen Mythologie wirklich ginge, ihr Germanenbild sei absurd falsch, die wenigsten extrem Rechten bzw. Faschisten seien heidnisch unterwegs, für „Identitäre“ und ähnliche „Abendlandsverteidiger“ wären christliche Kreuzritter eh wichtiger als heidnische Wikinger, und so weiter.

Stimmt ja auch alles. Es ist allerdings in diesem Zusammenhang herzlich wenig relevant.

Denke ich allerdings kurz nach, dann begreife ich, dass es gar nicht um mich in meiner Eigenschaft als Heide und Germanenfan geht, sondern um mich in meiner Eigenschaft als Weißer, und dass es kein Angriff ist, sondern eine Mahnung. Es geht um die Angst „Nichtweißer“ vor völkischen Rassisten, und darum, dass weiße Deutsche diese leider berechtigte Angst nicht ernst genug nehmen.

Namen aus der „germanischen“ beziehungsweise „nordischen“ Mythologie sind, jedenfalls im deutschen Sprachraum, nicht gerade Allerweltsnamen. Da stellt sich die Frage, warum Eltern sich für solche exotischen Vornamen entscheiden. Selbst in heidnischen Kreisen ist es eher die Ausnahme, Kinder so zu nennen.

Normalerweise bevorzugen nationalistisch und rassistisch gesonnene Eltern tradionelle deutsche oder nord- und mitteleuropäische Namen, Das entspricht auch dem Trend sich selbst als „Ober-“ oder „Mittelschicht“ verstehender Eltern, angebliche typische „Unterschichtnamen“, wie die zeitweiligen Modenamen Kevin und Cindy, zwecks Distinktion vermeiden. Andere Eltern meiden „ausländisch“ klingenden Namen. Das kann nationalistisch motiviert sein, ist aber oft nur Reaktion auf den alltäglichen Rassismus. Es ist eine bittere Tatsache, dass Menschen mit „fremdartigen“ Namen schlechtere Chancen bei Bewerbungen haben, als solche mit deutschen Allerweltsnamen.

Aus der Sicht von Menschen, die Rassismus täglich am eigenen Leib erfahren, ist der deutliche Trend zu „altmodischen“ und möglichst „deutschen“ Namen ein Alarmzeichen.

Anderseits darf man nicht vergessen, dass die nicht nur unter Neonazis gängige Forderung „deutschen Kindern deutsche Namen“ zu geben, im Ergebnis eher „unauffällig“ bleibt, denn viele Nationalisten lehnen auch „ausländische“ Namen „nordischer“ Herkunft ab, und würde ihre Tochter zum Beispiel niemals Skadi oder ihren Sohn Thorbjörn nennen.

Das deckt sich mit der Praxis in Nazideutschland. Am 18. August 1938 erließ Innenminister Hermann Göring:
Kinder deutscher Staatsangehöriger sollen grundsätzlich nur deutsche Vornamen erhalten. Es dient der Förderung des Sippengedankens, wenn bei der Wahl der Vornamen auf die in der Sippe früher verwendeten Vornamen zurückgegriffen wird. Dabei werden besonders auch solche Vornamen infrage kommen, die einem bestimmten deutschen Landesteil, aus dem die Sippe stammt, eigentümlich sind (z. B. Dierk, Meinert, Uwe, Wiebke).“
(Aus Wie die Nazis ihre Kinder nannten Welt.de, 05.09.2017, Autor: Matthias Heine) Nordische Namen waren im Nazi-Reich hingegen nur dann erwünscht, wenn sie sich problemlos in die deutsche Sprache einfügen ließen, das galt vor allem für Namen wie Sven, Knud, Dagmar oder Anna, die schon im 19. Jahrhundert in Deutschland weit verbreitet waren.

Wenn Kinder Namen wie Irmhild, Friedhelm, Brunhilde, Gerlind, Meinolf, Armin, Toralf oder auch Edda, Freyja, Baldur oder Skadi tragen, dann sagt das über die politische Gesinnung ihrer Eltern an und für sich nichts aus – aber wenn sich diese Namen in Familien und Gemeinschaften häufen, könnte das ein Indiz für eine gefährliche Haltung sein.

Bei einer eher seltenen, aber sehr gefährlichen Sorte Neonazis werden Kindern sowohl die bei den „alten Nazis“ beliebten „altdeutschen“ wie die damals eher verpönten „nordischen“ Namen verpasst, vorzugsweise Helden- und Götter- bzw. Göttinnennamen. Das sind autoritäre rechte Familienverbände, die sich „im Widerstand gegen das System“ wähnen und in einer Art „völkischen Parallelgesellschaft“ leben.

Hierüber erschien vor Kurzem ein ebenso informativer wie erschreckender Artikel von Andrea Röpke im „Migazin“: Geboren für die Volksgemeinschaft

Die „rechten Ökobauern“ und „völkischen Siedler“, die in abgelegenen Regionen Bauernhöfe aufkaufen, gehören ebenso zu dieser faschistischen Parallelgesellschaft wie „Jugendgemeinschaften“ in Tradition der verbotenen HDJ oder der ebenfalls verbotenen Viking-Jugend. Vereine lassen sich verbieten, Strukturen nicht, deshalb gibt es neue Organisatioen wie die „Sturmvögel“ oder den „Freibund“, in denen nach wie vor Kinder zu strammen Nazis abgerichtet werden.
In Deutschland wachsen immerhin einige tausend Kinder in diesen Strukturen auf. Aus ihnen rekrutiert sich der „harte Kern“ der selbsternannten „völkischen Elite“, zahlreiche Neonazi-Funktionäre und noch mehr Nazi-Schläger durchliefen zum Beispiel die HDJ.
Gefählich ist auch, wie anschlussfähig die Ideologie dieser Kreise an das Spektrum der „Ich-bin-doch-kein-Nazi“-Rechtextremisten ist. Gedankengut der völkischen Rassisten findet sich heute sogar in den Reihen von „Identitärer Bewegung“ und der „Alternative für Deutschland“ (AfD) wieder.

Auch wenn die „Identitären“ und andere deutsche „Neurechte“ eher auf das „christliche Abendland“ setzten, und Neuheiden unter ihnen eher selten sind, gehört der Bezug zur den „alten Germanen“ zum festen Inventar dieser Szene. Umgekehrt sind „Nazitrus“ wie die sattsam bekannte und immer noch unangenehm aktive „germanische“ Rassistensekte „Artgemeinschaft“ fest in der völkischen Szene verankert. Nicht zu vergessen sind völkische Ásatrú, die zwar nicht alle Nazis, aber stets sehr wohl – oft uneingestanden – Rassisten sind.

Eltern, die ihren Kindern „nordisch-germanische“ Namen geben, sind nicht unbedingt Rassisten, und die wenigsten Rassisten geben ihren Kindern solche Namen. Das ändert aber nichts daran, dass solche Namen unter besonders gefährlichen Rassisten „in“ sind. Es ändert auch nichts an der unbequemen Tatsache, dass der „Renaissance der alten deutschen Namen“ Indiz für einen „Rechtsruck“ und für wieder „salonfähigen“ Nationalismus sind. Sie stehen auch für den „modernen“ Rassismus in Form des Ethnopluralismus.

Daher ist das Missstrauen von Menschen, die Rassissmus am eigenen Leib erfahren, gegenüber Eltern, die ihre Kinder „germanisch-mythologische“ Namen geben, nachvollziehbar und leider allzu oft berechtigt.

Martin Marheinecke, März 2019

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