Die „alten Germanen“ hatten keine Religion

22. September 2008 | Von | Kategorie: Germanisches und Kulturelles, Kultur & Weltbild

Angeregt durch die Bertelsmann-Studie zur Religiösität, die wunschgemäß 70 Prozent „religiöse“ Menschen in Deutschland ausmachte, stieß ich wieder einmal auf die grundsätzliche Fragen, was Religion eigentlich ist. Konkret: Ist Ásatrú, bzw. „nordisch-germanisches Neuheidentum“ – also die „spirituelle Richtung“, der ich (unter Anderem!) angehöre, eine Religion? Was automatisch die Frage nach sich zieht, ob die „alten Germanen“ eine Religion hatten.

Ich neige zu der (vielleicht überraschenden) Antwort: Die „alten Germanen“ hatten keine Religion.
Die „alten Griechen“, „alten Römer“, „alten Ägypter“ und andere vor-christliche Polytheisten übrigens auch nicht.

Dazu muss man zunächst wissen, was „Religion“ überhaupt bedeutet.
Im Sinne der Umfrage der Bertelsmann-Stiftung wäre auch einer von Armins Cheruskern, dem man den Fragebogen (in entsprechender Übersetzung) vorgelegt hätte, „religiös“ gewesen. Genau so wie die meisten Römer, die sich, mit der lateinischen Fassung konfrontiert, wohl als „hochreligiös“ erwiesen hätten. Aber das liegt daran, dass der Fragebogen so konzipiert ist, dass er einerseits nicht zwischen „Religiösität“ und „Spiritualität“ (zwei durchaus verschiedene Dinge) unterscheidet, andererseits auch das Einhalten alltäglicher religiöser Bräuche, unabhängig von der Motivation der Befragten, als Zeichen von „Religiosität“ sieht. Ein Atheist, der seiner Familie zuliebe Weihnachten in die Kirche geht, zeigt also laut Fragebogen „religiöses Verhalten“. Auch Meditation wird als religiöses Verhalten, ähnlich dem Gebet, gesehen. Aber – auch Atheisten meditieren, denn Meditation kann als reine Entspannungsübung praktiziert werden.
Schon der Wikipedia-Artikel über Religion und mehr noch der über Religionsdefinition zeigt, wie naiv (und „christozentrisch“) der Ansatz der Bertelsmann-Stiftung ist.

Interessant ist, dass die heidnischen Römer das, was wir heute üblicherweise die „altrömische Religion“ nennen, nicht mit dem Wort religio bezeichneten. Nach Cicero (De Natura Deorum 2, 72; 1. Jh. v. u. Z.) geht religio zurück auf relegere, was wörtlich „wieder auflesen, wieder aufsammeln, wieder aufwickeln“, im übertragenen Sinn „bedenken, Acht geben“ bedeutet. Der Bezug zu religio in der späteren Bedeutung von „Frömmigkeit“ oder „Gottesfurcht“ entstand dadurch, dass Cicero dabei an den Tempelkult dachte, den es sorgsam zu beachten galt. Aber vor allem bedeutete religio für ihn und seine Zeitgenossen „Rücksicht“, „Bedenken“, „Skrupel“, „Pflicht“, „Gewissenhaftigkeit“. Ein gewissenhafter Mensch war im altrömischen Sinne „religiös“, auch wenn er vielleicht nie im Leben einen Tempel aufsuchte.

Erst der im 3. Jahrhundert unserer Zeitrechnung lebende christliche Apologet Lactantius führte das Wort religio zurück auf religare: „an-, zurückbinden“. Damit bereitete er der noch heute üblichen Bedeutungen von „Religion“ im Sinne von „Rückbindung“ des Gläubigen an einen universellen göttlichen Ursprung oder an sonstige Auffassungen von Transzendenz den Weg.

Einen interessanten Ansatz vertritt Peter Möller in seinem Aufsatz: „Religion und Philosophie“.
Nach der Einschätzung Möllers hat Religion sechs analytisch trennbare Aspekte:

  • Dogmatismus: Über das empirisch und rational Erkennbare hinaus werden bestimmte Glaubenssätze aufgestellt, von deren Richtigkeit ohne jeden Zweifel ausgegangen wird.
  • Unkompliziertheit: In der Regel handelt es sich dabei um eine sehr einfache, dem Auffassungsvermögen der großen Mehrheit der Bevölkerung angepasste, mythenhafte, märchenhafte Seinsdeutung und Voraussagen, was mit dem Menschen bzw. seiner Seele in Zukunft passieren wird.
  • Trostpflasterfunktion: Mit dem Glauben an eine jenseitige Vergeltung, ewiges Leben, Wiedergeburt etc. tröstet die Religion viele Menschen über die z. T. gewaltigen Lebensprobleme hinweg.
  • Ethik: Verbunden mit den religiösen Glaubenssätzen sind Angaben darüber, was gut und böse ist und damit verbunden die Aufforderung zu einem bestimmten Verhalten.
  • Kulthandlungen: Verbunden mit diesen Glaubenssätzen werden bestimmte Kulthandlungen durchgeführt, wie zum Beispiel Gottesdienste, Gebete, Rituale etc.
  • Kirche: In der Regel gibt es eine Organisation, in der die Gläubigen zusammengefasst sind, und die über die Reinhaltung der Lehre und über die Kulthandlungen wacht.

Gemäß Möller – und da schließe ich mich seiner Auffassung an – machen nur diese sechs Punkte zusammen Religion aus. Würde man z. B. bereits das Aufstellen nicht nachprüfbarer Glaubenssätze Religion nennen, wäre auch ein politischer Fanatiker religiös und eigentlich schon jeder etwas beschränkte, sture Mensch. Dann verlöre der Begriff Religion seinen Erklärungswert.

Zieht man die historischen Quellen und die archäologischen Befunde über die „germanische Kultur“ vor der Christianisierung zusammen (was nebenbei gesagt eine gewagte Verallgemeinerung ist), dann wird klar, dass es so etwas wie eine „heidnisch germanische Kirche“ nicht gab, ein Priesterwesen im römischen Sinne nicht nachweisbar ist, gar nicht zu reden von einem Klerus im Sinne der monotheistischen Großreligionen.
Ebenfalls sicher sein kann man in Fragen des Dogmatismus: die Mythologie geht zwar über das empirisch und rational Erkennbare hinaus, stellt aber keine Glaubenssätze auf, es können verschiedene, sich inhaltlich widersprechende Mythen nebeneinander stehen. (Das war übrigens auch bei den Römern, Griechen, Ägyptern, Kelten usw. so.)
Nicht ganz so einfach ist die Entscheidung hinsichtlich der „Unkompliziertheit“: zwar herrschte eine mythenhafte, „märchenhafte“ (viele Märchen sind „gesunkene Mythen“) Seinsdeutung vor, es gab auch Voraussagen, was mit dem Menschen bzw. seiner Seele in Zukunft passieren wird. Andererseits sind heidnische Weltdeutungen in der Regel eher kompliziert – es ist nicht zuletzt die relative Einfachheit des monotheistischen Christentums, die die Missionierung erleichterte und erleichtert. Hinsichtlich der Unkompliziertheit ist übrigens der Islam dem Christentum mit seinem schwer verständlichen Trinitäts-Konstrukt klar überlegen. So, wie die christliche Dogmatik, jedenfalls für den Normalgläubigen, unkomplizierter ist als die ausgeklügelte und hochabstrakte jüdische Gesetzesgelehrsamkeit. Einwurf: Wäre ich PR-Fachmann, ich sähe im Islam die Religion mit dem „größten Verbreitungspotenzial“. Vielleicht ist es dem Einfluss der PR-Fachleute auf die Politik zu verdanken, dass so viele „westliche“ Politiker so viel Angst vor einem „übermächtig werdenden“ Islam haben …
Die „Trostpflasterfunktion“ ist im germanischen Heidentum, nach allem, was wir wissen, eher schwach ausgeprägt. „Jenseitige Vergeltung“, etwa in dem Sinne, dass „böse Menschen“ in die Hölle kämen und ein rechtschaffender und frommer Armer ins Paradies, gibt es noch nicht einmal in den schon vom christlichen Denken beeinflussten Edden, in denen allerdings schon von einer „Strafbehandlung“ für Meineidige die Rede ist. Und auch Walhall ist kein „Paradies für gefallene Krieger“, wie es oft heißt, sondern ein jenseitiges Trainingslager für Ragnarök. Allerdings mit zugegeben guter Verpflegung und einigem Komfort. Wobei Odin nur die zweite Wahl unter den toten Kriegern hat, die erste Wahl hat Freyja, die „Besten“ kommen also nicht nach Walhall, sondern nach Folkwang. Übrigens deutet vieles darauf hin, dass sich die Vorstellung von Walhall erst nach der Völkerwanderung ausgebildet hat und auf den „Adel“ und seine Krieger-Gefolgschaften beschränkt war. Selbst für die Wikinger-Zeit gibt es keine Belege dafür, dass ein sterbender Krieger sich auf den Einzug nach Walhall gefreut hätte.
Eine ethische Funktion hat die „Alte Sitte“ schon gehabt, wobei sich „weltliche“ und „göttliche“ Gesetze und Gebote nicht voneinander trennen lassen. Die klare, dualistische Unterscheidung zwischen „gut“ und „böse“ fehlt. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass es Kulthandlungen, Rituale usw. gab.

Also treffen zwei der sechs möllerschen Kriterien auf das „germanische Heidentum“ überhaupt nicht zu, drei weitere allenfalls teilweise, nur einer, das Ausüben von Kulthandlungen, voll und ganz. So gesehen wäre das germanischen Heidentum keine Religion. Aber auch nichts völlig Anderes.

Eine andere Religionsdefinition geht auf Clifford Geertz zurück. Religion ist, folgt man Geertz, ein Symbolsystem, dessen Ziel es ist, starke, umfassende und dauerhafte Stimmungen und Motivationen im Menschen zu erzeugen, indem Vorstellungen einer allgemeinen Seinsordnung formuliert werden, die mit einer solchen Aura von Faktizität („Tatsächlichkeit“) umgeben werden, dass die Stimmungen und Motivationen vollkommen der Realität zu entsprechen scheinen.
Ein Vorteil von Geertz Ansatz ist, dass er auch „Politreligionen“ und ähnliche zur universellen metaphysischen Glaubenssystemen geronnene Ideologien abgedeckt. Das entscheidende Kriterium ist, dass Religion beim Gläubigen den Anschein erweckt, die einzige und universelle Wahrheit zu sein.
Es lässt sich, etwas vergröbert, sagen, dass in der der Religion an etwas geglaubt wird, und zwar dergestalt, dass sich „Glauben“ und „Zweifel“ aneinander ausschließen. Ein Zweifel an den Aussagen der Religion – zum Beispiel an einem heiligen Buch, an der Offenbarung eines Propheten, den Worten eines charismatischen Führers – wird nicht geduldet.
Das trifft auf Heiden – offensichtlich – nicht zu: keine heiligen Bücher, keine göttlichen Offenbarungen, die nur auserwählten Propheten (und sonst niemandem) zuteil werden, keine „unfehlbaren“ Religionsführer. Einwurf: Unter „Neuheiden“ mag das anders sein, es gibt z. B. „Heidenfürsten“, die die Edda zur „heiligen Schrift“ und sich selbst zum unfehlbaren Propheten stilisieren, aber sie ahmen damit letztlich nur die christlichen Kirchen nach.

An dieser Stelle ließe sich einwenden, dass es zumindest im griechischen Heidentum den Vorwurf der Asebie, der „Gottlosigkeit“, gab. Allerdings hatte dieser Vorwurf, wie man an den Asebie-Prozessen z. B. gegen Sokrates oder Protagoras erkennt, einen politisch-gesellschaftlichen Konnex. Die „Götter Athens“ zu leugnen war gleichbedeutend mit einem Verstoß gegen den „Geist“ der Polis (und umgekehrt). Die „Asebie“ ist nicht mit der „Gotteslästerung“ im christlichen oder islamischen Verständnis gleichzusetzen – Komödiendichter wie Aristophanes durften ausgesprochen deftig über die Götter spotten, ohne der Asebie verdächtig zu werden. Es gibt – außer einer Bemerkung über die Bestrafung „Gottloser“ bei Tacitus – keine Hinweise, dass es bei den Germanen etwas der Asebie Vergleichbares gegeben hätte.

Wie dem auch sei: es gibt offensichtlich metaphysische Auffassungen, die zwar keine Religion im Sinne etwa des Christentums sind, aber ihnen in mancher Hinsicht ähneln.

Der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann prägte die Begriffe „primäre und sekundäre Religion“, die hier vielleicht weiter helfen.

Primäre Religionen haben einen tribalen Charakter, es sind „Stammesreligionen“. (Oder, wenn es wie in Rom oder lange vorher in Ägypten zur Herausbildung eines Staates gekommen ist, „Nationalreligionen“ – „Nation“ passt in diesem Zusammenhang zwar nicht ganz, aber „Staatsreligion“ hat schon eine andere Bedeutung.)
Es gibt Stammesgötter und Stammeskulte. Gesellschaft und Religion lassen sich nicht trennen, beides ist „Sitte“, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Primäre Religionen sind eher Lebensstil als Glaubensüberzeugung. Sie bestimmt durch ihre Moral und Ethik das Leben der Gesellschaft. Die Riten dienen vornehmlich der Integration der Gesellschaft, dienen also dem Zusammenleben, allgemeiner gesagt, dem Leben, das sie stärken, fördern wollen. Einer primären Religion kann man sich nur anschließen, indem man durch Riten in den Stamm selbst aufgenommen wird, oder dass der Stamm mit einem anderen ein Bündnis eingeht, das den religiösen Austausch einschließt. Dabei kommt es jedoch nicht zu einem wirklichen Religionswechsel, selbst bei einer politischen Unterwerfung nicht, sondern zu einer Religionsvermischung.

Auch wenn Missionierung unter primären Religionen nicht vorkommt, Religionskriege unter ihnen kaum möglich sind und „fremde Götter“ genau wie „fremde Menschen“ zuweilen in die Stammesgemeinschaft aufgenommen wurden bzw. – in staatlich organisierten Kulturen – das Bürgerrecht erhielten, weist Assmann ausdrücklich das „alte Klischee vom ‚toleranten Polytheismus“ zurück. Polytheistische Religionen sind genau so tolerant (oder intolerant) wie die Gemeinwesen, in denen sie praktiziert werden. So fand die – ausgeprägte und zurecht gelobte- religiöse Toleranz der Römer ihre Grenzen in der „Staatsraison“: Cäsar duldete zwar die keltische „Religion“ (genauer gesagt, war sie ihm gleichgültig), ließ aber die Druiden, die wesentlichen Traditionsträger dieser Primärreligion, brutal verfolgen – weil er in diesem „Geheimbund“ eine politische Gefahr sah. Eine andere Grenze der Toleranz war, dass in der Kaiserzeit römischen Bürger an der Staats- und Kaiserverehrung teilnehmen mussten – wenigsten als pro-forma Opfer für das Heil des Kaisers. Die frühen Christen verweigerten dieses Opfer, weil das die Anerkennung eines anderen Gottes neben dem Gott der Bibel bedeutet hätte. Aus römischer Sicht war das Verrat am Heil der „Staatsgemeinschaft“ und folglich ein Akt der politischen Rebellion.

Für die germanische Welt zeichnet der Bochumer Religionswissenschaftler Hans-Peter Hasenfratz in dieser Beziehung ein düsteres Bild:

„Alles, was außerhalb des Sippenfriedens steht, ist Feind, dazu gehört der ‚Unfreie‘, der von seinem Herrn bußlos erschlagen werden kann.“

Hasenfratz schöpft diese Feststellung aus den selben Quellen, die auch „völkische“ Germanenfanatiker in ihrer xenophoben (fremdenfeindlichen, wörtlich „gastängstlichen“) Weltanschauung bestärken – allerdings mit umgekehrter moralischen Bewertung. Folglich könnte es auch mit der „religiösen Toleranz“ der Germanen nicht weit her gewesen sein.
Allerdings stammen diese Quellen entweder aus der Völkerwanderungszeit – einem jahrhundertenlangen permanenten Kriegszustand – wobei sich gerade während der Völkerwanderung auch Beispiele genau des gegenteiligen Verhaltens, der bereitwilligen Aufnahme Fremder und fremder Sitten in der Stamm, finden lassen.
Oder sie stammen von christlichen Missionaren, die verständlicherweise das Heidentum in einem düsteren Licht sahen, oder aus hochmittelalterlichen Quellen, die über die „alte Zeit des Heidentums“ rückblickend berichteten – wobei selbst wohlwollende Chronisten Sitten ihrer Zeit auf die „Ahnen“ zurückprojektieren.
Alles in allem: Kein heidnischer Germane wurde dadurch automatisch tolerant, dass er Polytheist war. Ebensowenig wurde er dadurch automatisch intolerant, weil er einer Stammesreligion anhing.

Assmann benutzt den Begriff „Sekundärreligion“ – der Religion im Sinne der oben genannten Religionsdefinitionen – anstelle älterer, unscharfer Begriffe wie „Offenbarungsreligionen“, „Buchreligionen“, „Hochreligionen“, „Universalreligionen“ oder „monotheistischer Religionen“.
Die für Sekundärreligionen charakteristischen Merkmale sind nach Assmann:

  • es gibt eine (exklusive) Offenbarung, eine heilige Schrift
  • die religiöse Sphäre ist gegenüber der weltlichen abgetrennt und ihr in ethischen und moralischen Fragen übergeordnet,
  • die religiöse Offenbarung gilt für die ganze Welt und nicht nur für ein einzelnes Volk oder eine einzelne Region (religiöser Universalismus)
  • es gibt nur einen Gott

Sekundärreligionen entstanden, laut Assmann, aus einer Rebellion gegen eine bestehende Primärreligion – er geht vom Beispiel der Ein-Gott-Religion des Pharaos Echnaton aus, der gegen die mit dem Staatswesen verschmolzenen polytheistische Religion bzw. die Machtfülle deren Priester, die seine Macht beschränkte, rebellierte.

Sekundäre Religionen, Religionen im „eigentlichen Sinne“ sind ursprünglich „Widerstandsbewegungen“. Die Ausdifferenzierung des (im eigentlichen Sinne) Religiösen gegenüber dem Politischen und dem Moralischen ist überall aus politischen und sozialen Konflikten hervorgegangen.
Einen entscheidende Unterschied zur Primärreligion beschrieb Assmann so:

„Die sekundäre Religion ist in einem ganz neuen und emphatischen Sinne Religion und vor allem: die Sekundärreligion ist ‚Herzenssache‘.“

Sie steht für sich, und der Einzelne steht vor Gott.
„Sekundäre Religionen“ gehen vielleicht nicht immer auf Rebellen, aber wohl auf Reformer, Charismatiker, Propheten oder ganz neutral Stifter zurück. Während die primäre Religion zwar religiöse Spezialisten kennt, z. B. Priester (oft ist das Sippenoberhaupt „Priester“) Wahrsager, Heiler, Schamanen u.a., ist sie dennoch vor allem eine kollektive Angelegenheit.

Die sekundären Religionen sind dagegen in hohem Maße eine Angelegenheit des Einzelnen. Die neue Glaubenswahrheit, die hier verkündigt wird, gilt allen Menschen, nicht nur dem eigenen Volk und Stamm. Während für die primäre Religion die Immanenz im Vordergrund steht, so ist die sekundäre Religion auf Transzendenz gerichtet.

Im Monotheismus tritt der Gedanke der „Gerechtigkeit“ in den Vordergrund, hat doch keine „heidnische Religion“ jemals Recht und Ethos zu ihrer Hauptsache gemacht. Heidnische Rechtsvorstellungen, einschließlich des altrömischen Rechts – auf dem z. B. noch unser Zivilrecht fußt – sind eher auf den Interessenausgleich als auf die Durchsetzung abstrakter Rechtsgüter gerichtet. Recht und Ethos liefern nur die Rahmenbedingungen. Ein „Verbrechen ohne Opfer“ oder wenigstens ohne potenzielle Opfer wäre für einen alten Römer, einen alten Griechen oder einen alten Germanen ein unsinniger Rechtsbegriff gewesen. Wo kein Geschädigter, da kein Kläger und „Wo kein Kläger, da kein Richter“, wie es noch im mittelalterlichen „Sachsenspiegel“ stand. Man kann in der Idee einer universellen und bedingungslosen Gerechtigkeit einen Fortschritt sehen (allerdings einen ambivalenten, möchte ich hinzufügen).

Für Assmann stellt sich der Monotheismus als vergeistigt und ethisiert dar. In der Regel verstehe sich der Monotheismus von einer Offenbarung her und erfordere zivilisatorisch das Buch, beruhe somit auf „Gedächtniskultur“ – in schriftlosen Kulturen kann sich keine Sekundärreligion etablieren. Während die primären Religionen meistens eine tiefe Differenz zwischen dem eigenen Volk und den anderen Völkern machen, setzen universaler Glaubensüberzeugungen voraus, dass alle Menschen auf irgendeine Weise gleich und dazu berufen sind, sich der neuen Glaubenswahrheit anzuschließen. In gleicher Weise ist dem Monotheismus der Gedanke inhärent, seine Glaubensvorstellung habe universelle Gültigkeit: Gibt es nur einen Gott, dann kann der Bereich seiner Wirksamkeit nicht auf eine einzige Region und ein Volk beschränkt sein, sondern in der ganzen Welt, die seine Schöpfung ist, muss sein Name bekannt sein, muss seine Herrschaft religiös anerkannt und gepriesen werden.

Das ist der Grund, weshalb die Entwicklung eines absoluten Wahrheitsbegriffes in den Sekundärreligionen (Assmann nennt sie „Die Mosaische Unterscheidung“), langfristig das pluralistische Nebeneinander des antiken Pantheons unmöglich machte und so tief in das kulturelle Gedächtnis des modernen Menschen eingegangen ist.

Für den Monotheismus ist ein hoher Preis zu zahlen, der unter Anderem in intensiven religiösen, kulturellen und politischen Auseinandersetzungen besteht.

Daraus wird klar, dass sich jede Form des Neuheidentums grundsätzlich von der „Primärreligion“ aus der Zeit vor der Christianisierung unterscheiden muss. Im gar nicht so seltenen Fall entsteht eine Art „nichtchristlicher Kirche“ inklusive Klerus, Schriftgläubigkeit und absoluten Wahrheitsanspruch. (Siehe die oben genannten „Heidenfürsten“ bzw, „Heidenpäpste“.)
Im ungünstigsten Fall kommt noch ein oberflächlich der primären Stammesreligion abgeschauter Glaube an „Nationalgötter“ und eine „Nationalreligion“ hinzu – „Ásatrú“ nach dieser Lesart wäre nur etwas für Menschen „germanischen oder stammverwandten Blutes“. Überschneidungen mit rechtextremer Ideologie sind unzufällig.

Im günstigsten Fall ist Neuheidentum der Versuch, Nachteile der Sekundärreligionen, der Religionen im eigentlichen Sinne, zu vermeiden, die Vorteile, die eine „Primärreligion“ dem Einzelnen und der sie tragenden Gemeinschaft bietet, zu nutzen, sich viele Dinge, die in primärreligiösen Stammesgesellschaften anders als im „christlichen Abendland“ üblich geregelt werden, anzusehen und von ihnen lernen.
Und zwar ohne dabei Errungenschaften der Moderne wie die universellen Menschenrechte oder die Vorstellung der Gleichheit aller Menschen über Bord zu geben.
Das ist möglich, weil diese Errungenschaften, anders, als es die selbsternannten „Verteidiger des christlichen Abendlandes“ meinen, eben nicht aus dem Christentum hervorgingen, sondern teilweise außerhalb von ihm, teilweise, wie die „Aufklärung“, sogar gegen es entwickelt worden.

Was auch deutlich wurde: modernes Heidentum ist mitnichten in erster Linie oder überhaupt „Glauben an die alten Götter“. Wie in den alten „Stammesreligionen“ lassen sich „Alltagsethik“ und „religiöse Ethik“ nicht trennen: beides ist „Sitte“. Und, wie ich vor kurzem auf der Julfeier der Nornirs Ætt feststellen konnte, wird diese alt-neue Sitte (Siðr) tatsächlich von Generation zu Generation weitergegeben. (Nicht in Form einer „religiösen Erziehung“ oder gar einer Missionierung, sondern durch freiwillige Übernahme „der Jungen“ von „den Alten“.)

Um auf die Eingangsfestellung zurückzukommen: sowohl die alte „Primärreligion“ wie das aufgeklärte Neuheidentum haben wenig mit Religion im eigentlichen Sinne, also Sekundärreligion im Sinne Assmanns, gemein. So wenig, dass es sich strenggenommen verbietet, von einer heidnischen Religion zu sprechen.

Der Grund dafür, dass heute üblicherweise von „heidnischen“ oder „polytheistischen“ Religionen die Rede ist, liegt daran, dass nicht nur bei der Bertelsmann-Stiftung, sondern sogar innerhalb der Kirchen ein Religionsbegriff üblich wurde, in dem sich sogar philosophische Systeme wie der klassische Buddhismus – der keine Aussagen über einen Schöpfergott oder über die Existenz oder Nichtexistenz von Göttern macht – einbeziehen lassen. Unter einer so schwammigen Definition wie „System von letztinstanzlichen Verbindlichkeiten“ lässt sich nahezu jede Metaphysik zur „Religion“ umdeuten.

Oder anders gesagt: abgesehen von „Klotzmaterialisten“ wären alle Menschen „irgendwie religiös“ – und folgt man einigen christlichen Apologeten, glauben schließlich fast alle Menschen „irgendwo“ an Gott (womit implizit der Christengott gemeint ist). Dass z. B. viele Juden, Moslems, von Buddhisten und Heiden gar nicht zu reden, auf solche Umarmungsversuche, die man auch als Vereinahmungsversuche sehen kann, nicht eben freundlich reagieren, dürfte allenfalls besagte Apologeten verwundern.

Martin Marheinecke, wahrend der Rauhnächte 2007/2008

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7 Kommentare
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  1. Hallo Martin,
    erstmal Danke für den wiedermal anregenden Artikel. Lese deine Beiträge immer mit großem Interesse.
    (Bin ich froh, dass die nornirsaett site wieder und jetzt noch schöner auferstanden ist!!)
    Da ich gerade mit einem Buchprojekt schwanger gehe, dass die Zeit der Völkerwanderung und die Koexistenz von römischem und „germanischem“ Heidentum vs. frühem Christentum in den Fokus stellt, fiel mir eine deiner Aussagen besonders auf.
    Du schreibst:
    „Übrigens deutet vieles darauf hin, dass sich die Vorstellung von Walhall erst nach der Völkerwanderung ausgebildet hat und auf den “Adel” und seine Krieger-Gefolgschaften beschränkt war.“

    Könntest du mir bitte näher erklären, was genau du mit „… deutet vieles daraufhin …“ meinst? Gibt es diesbezüglich Quellen oder ist das Fehlen von Quellen gemeint, welches ja nicht unbedingt ausschließen würde, dass es die Vorstellung von Walhall/Folgwang bereits vor und während der Völkerwanderung gab.
    Ich wäre dir dankbar, wenn du vielleicht deine Quellen nennen könntest.

    Gruß
    Hella

  2. Danke erstmal für den netten Kommentar, Hella!

    „Deutet vielen darauf hin“ – damit ist tatsächlich das auffällige Fehlen von Quellen gemeint. So gibt es nach Rudolf Simek selbst für die Wikingerzeit keine Hinweise dafür, dass Krieger gehofft hätten, nach dem Tod in der Schlacht nach Walhall oder Folkwang zu gelangen. Da sich die Gegner / Opfer der Wikinger recht viele Gedanken darüber gemacht hatten, was die heidnischen Wikinger zu so furiosen Kriegern gemacht haben könnte, fällt das Fehlen der Deutung „sie gingen mutig in den Tod, weil sie glaubten, in ein Kriegerparadies zu kommen“ tatsächlich auf, zumal Quellen aus derselben Zeit, die sich mit den Kampfesmut der Sarazenen beschäftigen, durchaus erwähnen, dass islamische Krieger hofften, nach dem Tod im Kampf gegen Nichtmoslems sofort ins Paradies zu kommen (wo schon 72 willige Jungfrauen auf den toten Krieger warten). Keine der kontinentalen und angelsächsischen Quellen lässt auch nur andeutungsweise erkennen, dass die Wikinger einem heldenhaften Tod mit Aussicht auf den Einzug in Walhall gelassen ins Auge sahen. Der im Sterben „Odin!“ brüllende Wikingerkrieger ist offenbar ein modernes Klischee.

    Anderseits gibt es aus der Wikingerzeit Darstellungen, die anscheinend auf den aus den Edden bekannten Mythos von gefallenen Kriegern, die von Walküren mit Hörnern voller Met empfangen werden, entsprechen (z. B. dem Bildstein von Tjängvide, aus dem 8. Jahrhundert, auf dem außer Odin achtbeinigem Pferd und einem Langschiff eine Burg zu erkennen ist, die als „Götterburg“ gedeutet worden ist). Bei diesen bildlichen Darstellungen bleibt allerdings offen, welcher Mythos oder welche Sage wirklich dargestellt ist.

    Es kann also sein, dass Walhall und Folgwang längst mythologisch bekannt waren, aber die Vorstellung, dass es bevorzugt „Kriegerparadiese“ seien, und nicht nur weitere Aufenthaltsorte für Tote, wie Hel oder Rans Hallen unter dem Meer, erst in der Übergangszeit zum Christentum formuliert wurden. Interessant ist, dass in älteren Sagen, die Götter nicht mit den Toten, auch nicht den bevorzugten Toten, zusammen wohnten. Sogar der tote Baldur kommt nach Hel.
    Erst im 10. Jahrhundert wird davon berichtet, dass Odin zusammen mit den Einheriern (den Auswählten im Kampf gefallenen) in einer hochgelegenen Halle sitzt. Wo sich der Sitz der Götter befindet, bleibt sogar in den Edden völlig offen, die Vorstellung, Asgard sei ein „Götterhimmel“, ist neueren Datums.

    Von den Ost- und Westgoten ist bekannt, dass diese glaubten, dass sich alle Toten unter der Erde oder in einem Berg aufhielten. Deshalb die Idee, der Glaube an Walhall sei erst nach der Völkerwanderungszeit entstanden.

    Die wahrscheinlichste Erklärung ist offensichtlich die, dass sich die Vorstellung einer „Vorzugsbehandlung toter Helden“ innerhalb kleiner Kriegereliten herausgebildet hatte und erst in der schon recht „höfischen“ Skaldendichtung um 1000 seine volle dichterische Ausprägung erhielt.

    Quellen:
    Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie, 2. Aufl. Kröner, Stuttgart, 1995
    Rudolf Simek, Die Wikinger, Geschichte, Kultur und Lebensweise, München, 1998
    Régis Boyer: Die Wikinger, Klett-Cotta, Stuttgart, 1994

    Ferner: der etwas wirre Artikel in der „Wikipedia“: http://de.wikipedia.org/wiki/Walhall

  3. […] wenigstens ihrer Website) dürfte diese Einschätzung des Religionsbregriffes vertraut vorkommen: Die “alten Germanen” hatten keine Religion, Müssen wir dran […]

  4. […] Die Quellen dieser Mythenbilder sind literarisch, womit sie als Echtheitsbeleg für tatsächliche altgermanische Glaubensvorstellungen ausscheiden. Klaubt man die Bruchstücke aus den Hinterlassenschaften der Völkerwanderungszeit zusammen, bleibt von “altgermanischer Religion” durchaus weniger übrig als die Edda suggeriert – die ja schließlich nur ein Lehrbuch für hochmittelalterliche Skaldendichtung war. Die damals schon “ollen heidnischen Mythen” waren für den Verfasser lediglich “Stoff” im Sinne von Übungs- und Anschauungsmaterial für eine hochartifizielle Methode des Verseschmiedens. Das diskreditiert die nordischen Schriftquellen zwar keineswegs: Ohne sie wüssten wir noch viel weniger über mögliche mythologische Vorstellungen vorchristlicher Zeit. Nur darf man die überlieferten Legenden und Dichtungen halt nicht für original “altgermanische Religion” halten. Es ist ohnedies die Frage, ob die altgermanische “Siðr”, die moralisches Wertesystem, Riten und Brauchtum, spirituelle Vorstellungen, empirische Weisheiten und alltägliche Gesellschaftsregeln gleichermaßen enthalten haben dürfte (und selbstverständlich ausschließlich mündlich überliefert wurde), nach heutigem Verständnis überhaupt als “Religion” auffassbar wäre. […]

  5. Die Etymologie und Erläuterung zum Begriff RELIGION kann ich so nicht stehen lassen.

    Die alten Römer verstanden unter religio die genaue Erfüllung aller Pflichten gegen die zahllosen vom Staat anerkannten höheren Mächte.

    Erst der christliche Autor Lactantius ( ca. 4.Jhdt.n.Chr.) erfüllte den Begriff religio mit einem neuen Sinn. Er verstand darunter die emotionale Verbindung des Individuums mit dem einen Gott.
    Schließlich hat das Wort religio einen erheblichen Bedeutungswandel von der römischen zur christlichen Religion erfahren.

    Die ältesten Quellen der altrömischen Religion zeigen, dass diese sich noch ganz im Bann einer magischen Weltanschauung bewegte, die auch den Lauf der Natur durch Zaubereien beeinflussen wollte.
    Das Motiv für die strikte Einhaltung aller Zeremonien war sicherlich die Furcht, durch Verletzung von Tabu-Regeln Schaden zu erleiden.
    Wie stark dieser Glaube mit der alten Auffassung von -religio- zusammenhängt, zeigt sich besonders deutlich im Sprachgebrauch. “ Religiöse Orte ( loca religiosa ) waren damals solche, an denen wegen der dort wirksamen numinosen Mächte Unheil zu erwarten war und von denen man sich am besten fernhielt.
    Dann die “ religiösen “ Tage ( dies religiosi ) , die Tage waren, an denen ein Unglück geschechen war und von denen man annahm, dass man sich am besten zu Hause aufhielt und nichts Wichtiges unternahm.
    Besonders die Bekanntschaft mit dem Weltbild der antiken Griechen hat tiefgreifende Veränderungen zu Folge gehabt.

    Zudem stimmt die Etymologie nur teilweise. Hier hat Cicero eine falsche Spur gelegt, der eine Verbindung zu relegere / re-legere ( 2 ),wieder zusammennehmen, wieder durchreisen, wiederlesen, wieder erwägen, gesehen hatte.
    Bereits zu Ciceros Zeiten verbindet man -religio- mit re-ligere: zurückbinden, an-und festbinden, aufbinden, losbinden.

    Das Wort religio hat drei Gruppen von Hauptbedeutungen:
    1.Bedenken, Zweifel, Besorgnis, abergläubisch, religiöses Bedenken, Gewissenhaftigkeit
    2.Religiösität, Gottesfurcht, Frömmigkeit, religiöse Verehrung, Gottesdienst, Religionswesen, Zeremonien,
    Bräuche, Kult, heiliger Gegenstand, Heiligtum, Religionsfrevel, Sünde, Frevel,Fluch, Aberglaube
    3.Heiligkeit, Verbindlichkeit, heiliges Versprechen

    Das zeigt m.E., dass aber die Anbindung an die zuvor genannten Verben unter Umständen voreilig sind. Vielleicht es ist auch ein religiöses Tabuwort. Oder noch viel einfacher, es bezieht sich auf das Gesetz, Regel oder Vertrag.
    Lex, im Genitiv legis, könnte in re-ligio der zweit Bestandeil sein, auch wenn ein älteres re-legio nicht belegt ist. Vielleicht mit der Bedeutung “ wieder in den Zustand des Gesetzes “ gelangen. Es dürfte somit auch als ein verhüllender Begriff gekennzeichnet werden.

    Oswald Poplas
    Nachfahre von Aelianus Poplas, Prophet undVorsitzende des Stadtrates von Milet

  6. „Nachfahre von Aelianus Poplas, Prophet undVorsitzende des Stadtrates von Milet“

    Haha, das ist jetzt als Scherz gemeint, gell? Bitte, sag‘ dass das ein Scherz ist xD

  7. […] the links might not be up to date anymore! [1] It’s German version can be found there: http://www.nornirsaett.de/die-alten-germanen-hatten-keine-religion/ [2] http://www.bertelsmann-stiftung.de/de/startseite/ [3] de.wikipedia.org/wiki/Religion [4] […]

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