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	<title>Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt&#187; Kultur &amp; Weltbild</title>
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		<title>Biikebrennen in Nordfriesland</title>
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		<pubDate>Sat, 29 Jan 2011 05:00:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Wodan]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><b>An den Stränden Nordfrieslands findet am 21. Februar, einen Monat vor der Tag- und Nachtgleiche, das Biikebrennen statt.</b><br />
<span id="more-3761"></span></p>
<p>Es gibt viele Volksbräuche, von denen behauptet wird, sie gingen bis auf &#8220;heidnische Zeiten&#8221; zurück. Ob das wirklich stimmt, ist in vielen Fällen fraglich. Zu viele &#8220;uralte Bräuche&#8221; lassen sich nämlich nur bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, sind also mutmaßlich neu geschaffen. Bei älteren Bräuchen lasst sich beim beim besten Willen nicht mehr sagen, was denn christlich, was nicht-christliches Brauchtum, und was wiederum davon, wenn überhaupt, vorchristlich ist. Die ältere Volkskunde neigte in Deutschland bekanntlich dazu, alles, was irgendwie altüberliefert war, für &#8220;germanisch&#8221; zu halten &#8211; obwohl zwischen &#8220;den heidnischen Germanen&#8221; und &#8220;den Deutschen&#8221; Jahrhunderte lagen. Daher ist eine gewisse Skepsis angebracht, wenn ein Volksbrauch &#8220;germanisch&#8221; (regional gern auch &#8220;keltisch&#8221;, eher selten genommen: &#8220;slawisch&#8221;) sein soll.</p>
<p>Es gibt auch das andere Extrem, und dieses Extrem sind (meist kirchliche oder kirchennahe) Experten und &#8220;Experten&#8221;, die bestreiten, dass unter den  Karnevals- bzw. Faschings- bzw. Fastnachts-Bräuchen auch solche sind, die überhaupt nichts mit dem Beginn der vorösterlichen Fastenzeit zu tun haben, sondern jahreszeitliches Brauchtum, vulgo &#8220;Winteraustreiben&#8221; genannt, sind. Fällt gar das Wort &#8220;heidnisch&#8221;, greifen sie innerlich zum Weihwasserspritzer. Nun ist Karneval / Fastnacht tatsächlich eine Melange, aus der sich beim bestem Willen die einzelnen Bestandteile nicht mehr ausfiltern lassen.</p>
<p>Beim friesischen Biikebrennen ist es hingegen weitgehend unstrittig, dass es zumindest teilweise heidnischen Ursprungs ist.<br />
<a href="http://www.pixelio.de/details.php?image_id=107343"><img src="http://u1.ipernity.com/17/13/19/9931319.9a1d51fc.500.jpg" width="500" height="333" alt="107343 R K B by Hans-Peter-Dehn pixelio.de" border="0"/></a><br />
Foto: <a href="http://www.pixelio.de/details.php?image_id=107343" tatget="_blank">© Hans Peter Dehn / pixelio.de</a><br />
Das friesische Wort &#8220;Biike&#8221; bedeutet im allgemeine (&#8220;See-)Zeichen&#8221; (plattdeutsch &#8220;Bake&#8221; oder &#8220;Beeke&#8221;), hier in der besonderen Bedeutung &#8220;Feuerzeichen&#8221;.<br />
Die Feuer gelten als Opferfeuer zum Abschluss der Winterfeste. Ackerbau und Seefahrt ruhten im Winter notgedrungen, es gab also mehr &#8220;freie Zeit&#8221;, als den Bauern, Schippern und Fischern lieb gewesen sein dürfte. In den  Hansestädten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ruhte die Schifffahrt zwischen Martini (11. November) und Petri Stuhlfeier (&#8220;Peterstag&#8221;) (22. Februar). Die vielen Friesen, die auf hansischen Schiffen fuhren, waren also in dieser Zeit &#8220;saisonal arbeitslos&#8221;.<br />
Die Winterfeste (in etwa ein &#8220;bäuerliches Friesen-Fasching&#8221;) darf man sich nicht zu idyllisch vorstellen, sondern eher gemäß dem Prinzip &#8220;saure Zeiten, frohe Feste&#8221;. Es wird ziemlich deftig und alkoholseelig abgegangen sein, und die Menschen werden froh gewesen sein, wenn sie genug zum Essen hatten.<br />
Bis im Jahr 1867 (!) die preußische Gerichtsbarkeit das Laiengericht der Ratsmänner aufhob, war der 21. Februar in Nordfriesland Thingtag (Gerichtstag).<br />
Das Biikefest wurde dennoch örtlich an verschiedenen Tagen gefeiert,  jedoch stets vor Beginn der Fastenzeit, weshalb es auch als Fastnachtsbrauch gilt. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts findet es überall in Nordfriesland einheitlich am 21. Februar statt.</p>
<p>Ob tatsächlich, wie die ältere Volkskunde behauptet, Wodan, als Herrscher über Krieg und Sturm, durch die Opferfeuer milde gestimmt werden sollte, ist nicht gesichert.<br />
Immerhin plausibel ist ein Opfer zum Schutz der jungen Saat.</p>
<p>Dass das Biikebrennens in historischer Zeit ein Abschiedsfest für die Männer war, die als Walfänger zur See fuhren, ist zwar nicht falsch, aber die romantische Vorstellung von am Strand um die Biike versammelten Frauen, die den abfahrenden Schiffe nachwunken, ist eine Legende des 19. Jahrhunderts. Der Keitumer Chronist Henning Rinken berichtete, das vor 1760 sich alljährlich am 22. Februar in Keitum auf Sylt die Seeleute versammelten, um ihre Abfahrt zu den Walfanghäfen zu besprechen, und Heuerverträge für die kommende Fangsaison abzuschließen. Sie werden sicherlich auch Abschied gefeiert haben &#8211; schließlich waren sie oft monatelang fort. Aber die ziemlich großen Walfangschiffe hätten schwerlich direkt von den Inseln und kleinen Küstenorten aus in See gehen können, und mieden wegen ihres Tiefgangs auch die friesischen Inseln mit ihren tückischen Sandbänken und erst recht die Wattensee, weshalb die Männer auf den ausfahrenden Schiffen die brennenden Biiken am heimatlichen Strand gar nicht hätten sehen können.<br />
Die Männer fuhren auf kleinen Küstenseglern oder über Land erst zu den großen Hafenstädten Norddeutschlands und der Niederlande, und zwar sicher nicht alle auf einmal. Außerdem waren Ende Februar oft noch die Häfen zugefroren.<br />
Gartenzäune und -Tore aus Walknochen künden übrigens noch heute auf den friesischen Inseln davon, wie wichtig der Walfang war.</p>
<p>Biiken hatten aber auch einen praktischen Zweck, denn die Feuer dienten  den Küstenschiffern und Fischern als Orientierungspunkte. Das hat aber mit dem besonderen Brauch des Biikebrennens nicht viel zu tun.</p>
<p>Das Feuer brannte, wie aus dem 18. Jahrhundert überliefert ist, früher an bakenähnlichen Stangen. Noch im 19. Jahrhundert wird die Biike als brennende, mit Teer und Stroh gefüllte Tonne auf einer Stange beschrieben. Die heute üblichen großen Feuerstöße sind wahrscheinlich erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Erst seit dieser Zeit sind auch Weihnachtsbäume üblich, die heute einen wesentlichen Anteil des Biikematerials bilden.</p>
<p>In einige Dörfern wird im Biike-Feuer eine Strohpuppe verbrannt, die &#8220;Petermännchen&#8221; genannt wird und vielleicht den Winter symbolisiert. Fälschlich wird der Peterstag (nordfriesisch &#8220;piddersdai&#8221;) mit Petrus &#8211; immerhin Schutzpatron der Fischer &#8211; in Verbindung gebracht. Tatsächlich feiert die katholische Kirche das Fest &#8220;Kathedra Petri&#8221;, also den Stuhl des Papstes, bzw. die Vorrangstellung des Petrus-Amtes, was das Lehramt betrifft. Dass dieser Feiertag in Norddeutschland recht wichtig wurde, und es auch über die Reformation hinaus blieb, dürfte rein kalendarische Gründe haben &#8211; es gibt ja auch keinen inhaltlichen Zusammenhang zwischen Martinstag und dem Ende der Seefahrtssaison. Die in der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Biikebrennen" target="_blank">Wikipedia</a> genannte Ansicht, das Petermännchen hätte nichts mit dem Heiligen Petrus, sondern mit dem Papst (also dem Petrus-Amt) und dem damit verbundenen christlichen Glauben zu tun, der abgelehnt wurde, ist aber meines Wissens ungesichtert.<br />
Es stimmt, dass die christliche Missionare es bei den Friesen nicht leicht hatten &#8211; etliche Missionare, allen voran Bonifatius, verdanken ihren Märtyrer-Status friesischen Streitäxten &#8211; und es stimmt auch, dass sich manches eindeutig heidnische Brauchtum dort bis in die Gegenwart gehalten hat. Nach Nordfriesland gelangte das Christentum ziemlich spät. Erst um 1100 wurden hier die ersten Kirchen gebaut &#8211; gut 300 Jahre nach der Christianisierung Sachsens (&#8220;Altsachsens&#8221;, also heutiges Niedersachsen und Westfalen nebst dem Westen Holsteins) und gut 100 Jahre nach der offiziellen Christianisierung Islands. Noch in einem Papst-Brief von 1198 werden die nordfriesischen Utlande als &#8220;neue Pflanzstätte des Glaubens&#8221; bezeichnet.<br />
Umso schneller lösten sich die Nordfriesen von &#8220;Rom&#8221;: Die Reformation wurde in Nordfriesland schon bald nach Luthers Auftreten in Wittenberg übernommen. Schon von 1525 an verkündeten Dietrich Becker und Hermann Tast in Husum das neue Gedankengut: Nordfriesland wurde evangelisch-lutherisch.<br />
Da man in den norddeutschen Küstenlandstrichen traditionell zur Rebellion gegen unerwünschte Obrigkeiten neigte, und da sie eine frühe Hochburg der Reformation waren, braucht eine symbolische Papstverbrennung, wenn es denn eine ist, nicht zwangsläufig heidnisch zu sein. Da die katholische Kirche am 22. Februar die Vorrangstellung des Papstes feiert, könnte der Brauch, das Petermännchen im Biikefeuer zu verbrennen, auch auf die Reformationszeit zurückgehen.</p>
<p>Auf den dänischen Wattenmeerinseln und in Jütland ist das Biikebrennen als Pers Awten (jütisch für Peters Abend) bekannt.</p>
<p>Einer Sylter Legende nach (die allerdings auch vermutlich erst im 19. Jahrhundert aufkam) diente das Biikebrennen auch als Zeichen für die Männer auf dem Festland, dass die Frauen nun wieder allein waren und Hilfe bei der Arbeit auf den Höfen und &#8220;anderen Dingen&#8221; benötigten. Historisch ist das äußerst unwahrscheinlich, denn es fuhr selbst in den Hochzeiten des Walfanges und der Segelschifffahrt nicht der Großteil der männlichen Bevölkerung zur See.<br />
Bis auf Offiziere, Unteroffiziere und Handwerker (z. B. Schiffszimmermann, Schmied, Segelmacher, Koch, aber auch Wundarzt), die auch älter sein konnten, fuhren auf Segelschiffen fast nur junge Männer zwischen 16 und höchstens Anfang 30. Die Arbeit in der Takelage eines Großseglers ist gefährlich, langsame Reflexe oder steife Gelenke können tödlich sein. Um die 30 wurde ein normaler Seemann an Land sesshaft oder wechselte zumindest in die küstennahe Kleinschifffahrt. Meistens heirateten die ehemaligen Seeleute auch erst in diesem Alter. </p>
<p>Auf Sylt hält heute vor dem Entzünden der Biike der Pastor oder der Bürgermeister eine Ansprache auf Sylter Friesisch. Sie endet traditionell mit den Worten &#8220;maaki di biiki ön!&#8221; (&#8220;Macht die Biike an!&#8221;). </p>
<p>Heute ist Biikebrennen auch, aber zum Glück nicht nur, eine Touristenattraktion. Das Biikebrennen ist in Nordfriesland ein Volksfest, das von den Einwohner der Gemeinde gemeinsam organisiert und von der örtlichen freiwilligen Feuerwehr betreut wird, wie andernorts das Osterfeuer.<br />
Zum Biikebrennen wird traditionell Grünkohl mit Kasseler und Schweinebacke gegessen, auch die örtliche Gastronomie bietet dieses deftige Gericht an. Das typische Getränk am Biikefeuer ist in den meisten Orten Teepunsch.<br />
Aus dem Erlös des Getränkeverkaufs werden in manchen Orten notwendige öffentliche Maßnahmen finanziert.</p>
<p>Es werden dieses Jahr wieder rund 80 Feuer zwischen Sylt und St. Peter Ording entzündet werden. </p>
<p><a href="http://www.nordseetourismus.de/download.php?artid={5d1bf079-6893-44b2-b4e4-ea88b25e395d}" Target="_blank">Biiekebrennen 2011 &#8211; Übersicht über Veranstaltungen (pdf)</a> (von Nordseetourismus.de)</p>
<p><a href="http://www.sylt-tv.com/biikebrennen-sylt-50919.html" target="_blank">Biikebrennen auf Sylt 2011</a></p>
<p><a href="http://www.st.peter-ording-nordsee.de/biikebrennen.html" target="_blank">Biikebrennen in St. Peter-Ording</a></p>
<p><a href="http://www.amrum.de/en/news/events/veranstaltungs-kalender/?tx_xmlimporter_pi1[showUid]=5&#038;cHash=33b45f573f9c5bf05c9708cc30e2137d" target="_blank">Biikebrennen auf Amrum</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/biikebrennen-in-nordfriesland/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><b>An den Stränden Nordfrieslands findet am 21. Februar, einen Monat vor der Tag- und Nachtgleiche, das Biikebrennen statt.</b><br />
<span id="more-3761"></span></p>
<p>Es gibt viele Volksbräuche, von denen behauptet wird, sie gingen bis auf &#8220;heidnische Zeiten&#8221; zurück. Ob das wirklich stimmt, ist in vielen Fällen fraglich. Zu viele &#8220;uralte Bräuche&#8221; lassen sich nämlich nur bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, sind also mutmaßlich neu geschaffen. Bei älteren Bräuchen lasst sich beim beim besten Willen nicht mehr sagen, was denn christlich, was nicht-christliches Brauchtum, und was wiederum davon, wenn überhaupt, vorchristlich ist. Die ältere Volkskunde neigte in Deutschland bekanntlich dazu, alles, was irgendwie altüberliefert war, für &#8220;germanisch&#8221; zu halten &#8211; obwohl zwischen &#8220;den heidnischen Germanen&#8221; und &#8220;den Deutschen&#8221; Jahrhunderte lagen. Daher ist eine gewisse Skepsis angebracht, wenn ein Volksbrauch &#8220;germanisch&#8221; (regional gern auch &#8220;keltisch&#8221;, eher selten genommen: &#8220;slawisch&#8221;) sein soll.</p>
<p>Es gibt auch das andere Extrem, und dieses Extrem sind (meist kirchliche oder kirchennahe) Experten und &#8220;Experten&#8221;, die bestreiten, dass unter den  Karnevals- bzw. Faschings- bzw. Fastnachts-Bräuchen auch solche sind, die überhaupt nichts mit dem Beginn der vorösterlichen Fastenzeit zu tun haben, sondern jahreszeitliches Brauchtum, vulgo &#8220;Winteraustreiben&#8221; genannt, sind. Fällt gar das Wort &#8220;heidnisch&#8221;, greifen sie innerlich zum Weihwasserspritzer. Nun ist Karneval / Fastnacht tatsächlich eine Melange, aus der sich beim bestem Willen die einzelnen Bestandteile nicht mehr ausfiltern lassen.</p>
<p>Beim friesischen Biikebrennen ist es hingegen weitgehend unstrittig, dass es zumindest teilweise heidnischen Ursprungs ist.<br />
<a href="http://www.pixelio.de/details.php?image_id=107343"><img src="http://u1.ipernity.com/17/13/19/9931319.9a1d51fc.500.jpg" width="500" height="333" alt="107343 R K B by Hans-Peter-Dehn pixelio.de" border="0"/></a><br />
Foto: <a href="http://www.pixelio.de/details.php?image_id=107343" tatget="_blank">© Hans Peter Dehn / pixelio.de</a><br />
Das friesische Wort &#8220;Biike&#8221; bedeutet im allgemeine (&#8220;See-)Zeichen&#8221; (plattdeutsch &#8220;Bake&#8221; oder &#8220;Beeke&#8221;), hier in der besonderen Bedeutung &#8220;Feuerzeichen&#8221;.<br />
Die Feuer gelten als Opferfeuer zum Abschluss der Winterfeste. Ackerbau und Seefahrt ruhten im Winter notgedrungen, es gab also mehr &#8220;freie Zeit&#8221;, als den Bauern, Schippern und Fischern lieb gewesen sein dürfte. In den  Hansestädten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ruhte die Schifffahrt zwischen Martini (11. November) und Petri Stuhlfeier (&#8220;Peterstag&#8221;) (22. Februar). Die vielen Friesen, die auf hansischen Schiffen fuhren, waren also in dieser Zeit &#8220;saisonal arbeitslos&#8221;.<br />
Die Winterfeste (in etwa ein &#8220;bäuerliches Friesen-Fasching&#8221;) darf man sich nicht zu idyllisch vorstellen, sondern eher gemäß dem Prinzip &#8220;saure Zeiten, frohe Feste&#8221;. Es wird ziemlich deftig und alkoholseelig abgegangen sein, und die Menschen werden froh gewesen sein, wenn sie genug zum Essen hatten.<br />
Bis im Jahr 1867 (!) die preußische Gerichtsbarkeit das Laiengericht der Ratsmänner aufhob, war der 21. Februar in Nordfriesland Thingtag (Gerichtstag).<br />
Das Biikefest wurde dennoch örtlich an verschiedenen Tagen gefeiert,  jedoch stets vor Beginn der Fastenzeit, weshalb es auch als Fastnachtsbrauch gilt. Erst seit Ende des 19. Jahrhunderts findet es überall in Nordfriesland einheitlich am 21. Februar statt.</p>
<p>Ob tatsächlich, wie die ältere Volkskunde behauptet, Wodan, als Herrscher über Krieg und Sturm, durch die Opferfeuer milde gestimmt werden sollte, ist nicht gesichert.<br />
Immerhin plausibel ist ein Opfer zum Schutz der jungen Saat.</p>
<p>Dass das Biikebrennens in historischer Zeit ein Abschiedsfest für die Männer war, die als Walfänger zur See fuhren, ist zwar nicht falsch, aber die romantische Vorstellung von am Strand um die Biike versammelten Frauen, die den abfahrenden Schiffe nachwunken, ist eine Legende des 19. Jahrhunderts. Der Keitumer Chronist Henning Rinken berichtete, das vor 1760 sich alljährlich am 22. Februar in Keitum auf Sylt die Seeleute versammelten, um ihre Abfahrt zu den Walfanghäfen zu besprechen, und Heuerverträge für die kommende Fangsaison abzuschließen. Sie werden sicherlich auch Abschied gefeiert haben &#8211; schließlich waren sie oft monatelang fort. Aber die ziemlich großen Walfangschiffe hätten schwerlich direkt von den Inseln und kleinen Küstenorten aus in See gehen können, und mieden wegen ihres Tiefgangs auch die friesischen Inseln mit ihren tückischen Sandbänken und erst recht die Wattensee, weshalb die Männer auf den ausfahrenden Schiffen die brennenden Biiken am heimatlichen Strand gar nicht hätten sehen können.<br />
Die Männer fuhren auf kleinen Küstenseglern oder über Land erst zu den großen Hafenstädten Norddeutschlands und der Niederlande, und zwar sicher nicht alle auf einmal. Außerdem waren Ende Februar oft noch die Häfen zugefroren.<br />
Gartenzäune und -Tore aus Walknochen künden übrigens noch heute auf den friesischen Inseln davon, wie wichtig der Walfang war.</p>
<p>Biiken hatten aber auch einen praktischen Zweck, denn die Feuer dienten  den Küstenschiffern und Fischern als Orientierungspunkte. Das hat aber mit dem besonderen Brauch des Biikebrennens nicht viel zu tun.</p>
<p>Das Feuer brannte, wie aus dem 18. Jahrhundert überliefert ist, früher an bakenähnlichen Stangen. Noch im 19. Jahrhundert wird die Biike als brennende, mit Teer und Stroh gefüllte Tonne auf einer Stange beschrieben. Die heute üblichen großen Feuerstöße sind wahrscheinlich erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Erst seit dieser Zeit sind auch Weihnachtsbäume üblich, die heute einen wesentlichen Anteil des Biikematerials bilden.</p>
<p>In einige Dörfern wird im Biike-Feuer eine Strohpuppe verbrannt, die &#8220;Petermännchen&#8221; genannt wird und vielleicht den Winter symbolisiert. Fälschlich wird der Peterstag (nordfriesisch &#8220;piddersdai&#8221;) mit Petrus &#8211; immerhin Schutzpatron der Fischer &#8211; in Verbindung gebracht. Tatsächlich feiert die katholische Kirche das Fest &#8220;Kathedra Petri&#8221;, also den Stuhl des Papstes, bzw. die Vorrangstellung des Petrus-Amtes, was das Lehramt betrifft. Dass dieser Feiertag in Norddeutschland recht wichtig wurde, und es auch über die Reformation hinaus blieb, dürfte rein kalendarische Gründe haben &#8211; es gibt ja auch keinen inhaltlichen Zusammenhang zwischen Martinstag und dem Ende der Seefahrtssaison. Die in der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Biikebrennen" target="_blank">Wikipedia</a> genannte Ansicht, das Petermännchen hätte nichts mit dem Heiligen Petrus, sondern mit dem Papst (also dem Petrus-Amt) und dem damit verbundenen christlichen Glauben zu tun, der abgelehnt wurde, ist aber meines Wissens ungesichtert.<br />
Es stimmt, dass die christliche Missionare es bei den Friesen nicht leicht hatten &#8211; etliche Missionare, allen voran Bonifatius, verdanken ihren Märtyrer-Status friesischen Streitäxten &#8211; und es stimmt auch, dass sich manches eindeutig heidnische Brauchtum dort bis in die Gegenwart gehalten hat. Nach Nordfriesland gelangte das Christentum ziemlich spät. Erst um 1100 wurden hier die ersten Kirchen gebaut &#8211; gut 300 Jahre nach der Christianisierung Sachsens (&#8220;Altsachsens&#8221;, also heutiges Niedersachsen und Westfalen nebst dem Westen Holsteins) und gut 100 Jahre nach der offiziellen Christianisierung Islands. Noch in einem Papst-Brief von 1198 werden die nordfriesischen Utlande als &#8220;neue Pflanzstätte des Glaubens&#8221; bezeichnet.<br />
Umso schneller lösten sich die Nordfriesen von &#8220;Rom&#8221;: Die Reformation wurde in Nordfriesland schon bald nach Luthers Auftreten in Wittenberg übernommen. Schon von 1525 an verkündeten Dietrich Becker und Hermann Tast in Husum das neue Gedankengut: Nordfriesland wurde evangelisch-lutherisch.<br />
Da man in den norddeutschen Küstenlandstrichen traditionell zur Rebellion gegen unerwünschte Obrigkeiten neigte, und da sie eine frühe Hochburg der Reformation waren, braucht eine symbolische Papstverbrennung, wenn es denn eine ist, nicht zwangsläufig heidnisch zu sein. Da die katholische Kirche am 22. Februar die Vorrangstellung des Papstes feiert, könnte der Brauch, das Petermännchen im Biikefeuer zu verbrennen, auch auf die Reformationszeit zurückgehen.</p>
<p>Auf den dänischen Wattenmeerinseln und in Jütland ist das Biikebrennen als Pers Awten (jütisch für Peters Abend) bekannt.</p>
<p>Einer Sylter Legende nach (die allerdings auch vermutlich erst im 19. Jahrhundert aufkam) diente das Biikebrennen auch als Zeichen für die Männer auf dem Festland, dass die Frauen nun wieder allein waren und Hilfe bei der Arbeit auf den Höfen und &#8220;anderen Dingen&#8221; benötigten. Historisch ist das äußerst unwahrscheinlich, denn es fuhr selbst in den Hochzeiten des Walfanges und der Segelschifffahrt nicht der Großteil der männlichen Bevölkerung zur See.<br />
Bis auf Offiziere, Unteroffiziere und Handwerker (z. B. Schiffszimmermann, Schmied, Segelmacher, Koch, aber auch Wundarzt), die auch älter sein konnten, fuhren auf Segelschiffen fast nur junge Männer zwischen 16 und höchstens Anfang 30. Die Arbeit in der Takelage eines Großseglers ist gefährlich, langsame Reflexe oder steife Gelenke können tödlich sein. Um die 30 wurde ein normaler Seemann an Land sesshaft oder wechselte zumindest in die küstennahe Kleinschifffahrt. Meistens heirateten die ehemaligen Seeleute auch erst in diesem Alter. </p>
<p>Auf Sylt hält heute vor dem Entzünden der Biike der Pastor oder der Bürgermeister eine Ansprache auf Sylter Friesisch. Sie endet traditionell mit den Worten &#8220;maaki di biiki ön!&#8221; (&#8220;Macht die Biike an!&#8221;). </p>
<p>Heute ist Biikebrennen auch, aber zum Glück nicht nur, eine Touristenattraktion. Das Biikebrennen ist in Nordfriesland ein Volksfest, das von den Einwohner der Gemeinde gemeinsam organisiert und von der örtlichen freiwilligen Feuerwehr betreut wird, wie andernorts das Osterfeuer.<br />
Zum Biikebrennen wird traditionell Grünkohl mit Kasseler und Schweinebacke gegessen, auch die örtliche Gastronomie bietet dieses deftige Gericht an. Das typische Getränk am Biikefeuer ist in den meisten Orten Teepunsch.<br />
Aus dem Erlös des Getränkeverkaufs werden in manchen Orten notwendige öffentliche Maßnahmen finanziert.</p>
<p>Es werden dieses Jahr wieder rund 80 Feuer zwischen Sylt und St. Peter Ording entzündet werden. </p>
<p><a href="http://www.nordseetourismus.de/download.php?artid={5d1bf079-6893-44b2-b4e4-ea88b25e395d}" Target="_blank">Biiekebrennen 2011 &#8211; Übersicht über Veranstaltungen (pdf)</a> (von Nordseetourismus.de)</p>
<p><a href="http://www.sylt-tv.com/biikebrennen-sylt-50919.html" target="_blank">Biikebrennen auf Sylt 2011</a></p>
<p><a href="http://www.st.peter-ording-nordsee.de/biikebrennen.html" target="_blank">Biikebrennen in St. Peter-Ording</a></p>
<p><a href="http://www.amrum.de/en/news/events/veranstaltungs-kalender/?tx_xmlimporter_pi1[showUid]=5&#038;cHash=33b45f573f9c5bf05c9708cc30e2137d" target="_blank">Biikebrennen auf Amrum</a></p>
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		<title>&#8220;Mythos&#8221; &#8211; Annäherung an einen Begriff</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/mythos-annaherung-an-einen-begriff/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/mythos-annaherung-an-einen-begriff/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 20 Jan 2011 13:37:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
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		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=3766</guid>
		<description><![CDATA[<p>&#8220;Mythos&#8221; kommt aus dem Altgriechischen, und bedeutet schlicht: &#8220;Erzählung&#8221;.<br />
Für Platon ist ein Mythos das Werk eines Dichters, das immer Erfundenes, aber auch Wahres enthält. Heute würden wir sagen: ein Gleichnis, eine Metapher, eine Parabel oder auch ein Gedankenexperiment.</p>
<p>Johann Christoph Gottsched übersetzte 1730 Mythos mit &#8220;Fabel&#8221;. Aus der Alltagsbedeutung von &#8220;Fabel&#8221; ergab sich dann auch die moderne alltagssprachliche Bedeutung von &#8220;Mythos&#8221;: etwas, was behauptet wird, aber nicht wahr ist.<br />
(&#8220;Dass hohe Vitamin C-Dosen vor Erkältung schützen, ist ein Mythos.&#8221; Anderes Beispiel: <a href="http://www.nornirsaett.de/vom-mythos-des-arischen-volksstammes/">Vom Mythos des &#8220;Arischen Volksstammes&#8221;</a>.)<br />
Seit der Aufklärung gilt der Mythos als Vorstufe zum begrifflichen Denken. Eine Nebenwirkung dieser Sichtweise: Mythen gelten als überholt, abergläubisch, rückständig. Nur eine abstrakte Betrachtungsweise gilt als wissenschaftlich, je abstrakter, desto besser. Im Idealfall lässt sich alles als eine Formel ausdrücken. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet die hochabstrakte theoretische Physik war, die in Form des Gedankenexperimentes und der Metapher (bekanntestes Beispiel &#8220;Urknall&#8221;) dem Mythos im platonischen Sinne wieder Bedeutung gab.<br />
Dennoch ist es fahrlässig, Mythos und Wissenschaft sozusagen nach Belieben zu mischen. Der Mythos schafft und vermittelt Wissen durch <i>Erzählung</i> im Gegensatz zur wissenschaftlichen <i>Erklärung</i>, die immer vorläufig und unvollständig ist<br />
Noch gefährlicher ist es, wie es zum Beispiel die die Bibel wörtlich nehmenden Fundamentalisten tun, Mythen und Tatsachenberichte zu verwechseln.<br />
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno behandelten in ihrer Aufsatzsammlung &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221; (1944) das &#8220;Scheitern der Aufklärung&#8221;: Mit dem Versuch, die Natur zu beherrschen, wird ihrer Auffassung nach der einst mythische Zugang zur Welt seit der Aufklärung rational gemacht, als &#8220;Herrschaft&#8221; aber schlage Aufklärung selbst in einen  Mythos zurück, in den Mythos des &#8220;Positivismus&#8221;, einer Affirmation des Bestehenden.<br />
Alles in allem hat im &#8220;gesellschaftlichen Mainstream&#8221; mythisches Denken &#8211; egal wie weit verbreitet es ist &#8211; keinen guten Ruf. </p>
<p>Viele spirituell denkende Menschen nehmen Mythen jedoch ernst und halten sie in Ehren. Das gilt ganz besonders für Heiden &#8211; das neue Heidentum lebt geradezu von uralten und ganz neue Mythen.<br />
Für alte und neue Mythen gilt, dass sie grundliegende menschliche Erlebnisweisen in Erzählerischer, dramatischer und symbolischer Form ausdrücken.<br />
Der Psychoanalytiker C. G. Jung konnte zeigen, dass die gleichen Bilder und Motive in den Mythen aller von ihm untersuchten Völker und Kulturen immer wieder auftauchen &#8211; die Archetypen. Daraus entwickelte Jung die Hypothese, dass es einen seelischen Urgrund gäbe, der allen Menschen gemeinsam wäre: das &#8220;kollektive Unbewusste&#8221;.<br />
(Es soll nicht verschwiegen werden, dass die meisten Psychologen und die meisten Sozialwissenschaftler das &#8220;kollektive Unbewusste&#8221; für einen Mythos in moderner alltagssprachlicher Bedeutung halten.)<br />
Jungs Ansatz brachte es mit sich, dass die pychologisierende Deutung von Mythen geradezu selbstverständlich wurde.<br />
So selbstverständlich, dass Heiden, die die alten Geschichten von Göttern und Geistern inhaltlich ernst nehmen, sogar von &#8220;esoterischer&#8221; Seite Ablehnung erfahren. Schließlich &#8220;weiß doch jeder&#8221;, dass Mythen von Göttern nur psychische Konstellationen in Form einer Geschichte ausdrücken.</p>
<p>Zurück zum Begriff: Was ist also ein Mythos? Meine bevorzugte Definition ist:<br />
<b>Ein Mythos ist der Versuch, zu erzählen, was sich nicht sagen lässt.</b></p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/3383918"><img src="http://u1.ipernity.com/9/39/18/3383918.e0a231e8.500.jpg" width="440" height="500" alt="Thorshammer" border="0"/></a></p>
<p>Ein Mythos ist zum Beispiel Thors Hammer, Mjölnir.<br />
Ich werde ab und an gefragt, ob ich an den Mythos von Thor und seinem Hammer glaube. Eine knifflige Frage, bei der jede mögliche Antwort allzuleicht missverständlich ist.<br />
Ein typisches Missverständnis ergibt sich &#8211; siehe oben &#8211; aus der Auffassung, dass der Mythos nur die naive Vorstufe zum begrifflichen Denken ist. Mythisches Denken als vorwissenschaftliches Denken: <i>Damals wussten es die ollen Germanen eben nicht besser und stellten sich beim Gewitter einen rothaarigen Mann auf einen von Böcken gezogenen Wagen vor, der einen mächtigen Hammer schleudert. Aber heute wissen wir es besser: der Donner, der einmal Thors Hammer zugerechnet wurde, kann besser durch elektrische Ladungen in den Wolken erklärt werden! Mjönir ist überflüssig, die ganze Geschichte von Thor nichts als ein Märchen!</i> (Wobei nebenbei auch das Märchen, als eine Form des Mythos, unterschätzt wird.)</p>
<p>Es ist meiner Ansicht nach tatsächlich dieselbe Verwechslung, die auch den Fundamentalisten unterläuft, die glatt glauben, die Erde sei nur einige Jahrtausende alt und von allen Tierarten hätte ein Paar in die Arche Noah gepasst, weil das ja so in der Bibel stünde: Die Verwechslung von Erzählung und Erklärung, zwischen Gleichnis und (vor-)wissenschaftlicher Theorie. Es stimmt, denke ich, also nicht, dass die Erkenntnisse über statische Elektrizität die Donnergötter in dem Sinne abgelöst hätten, wie das heliozentrische Weltbild eines Galileis oder Keplers das als unzutreffend erkannte geozentrische Weltbild eines Ptolemäus ablöste.<br />
In der germanischen Mythologie gibt es den Weltenbaum Yggdrasil, der die neun Welten miteinander verbindet. Kein alter Germane wird dabei an einen &#8220;realweltlichen&#8221;, normalen, nur riesengroßen Baum, gedacht haben. Ebenso wenig, wie noch heute sibirische Schamanen, die über den Himmel, Erde und Unterwelt verbindenden Weltenbaum reisen, dabei real-weltlich an einem gigantischen Baum herumklettern &#8211; oder sich bei ihren Reisen überhaupt nennenswert vom Fleck bewegen. Genauso wenig, wie ein normaler Christ sich &#8220;Christi Himmelfahrt&#8221; als einen fahrstuhlähnlichen Vorgang im dreidimensionalen Raum vorstellt. (Von besonders vernagelten Fundis vielleicht abgesehen &#8230; auf diesem Gebiet halte ich inzwischen so ziemlich <i>alles</i> für möglich!)<br />
Wenn ein katholischer Gynäkologe an die jungfräuliche Geburt glaubt, dann in aller Regel wohl nicht in dem Sinne, dass er die jungfräuliche Geburt beim Menschen für eine gynäkologische Tatsache halten würde. Er glaubt an den Mythos &#8220;jungfräuliche Geburt&#8221;. Ob so ein Mythos sinnvoll oder hilfreich ist, ist eine andere Frage. Mit den anatomischen Tatsachen kann er ebenso wenig kollidieren, wie der Weltenbaum mit der Geographie.</p>
<p>Anderes Beispiel: die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist ein lehrreicher Mythos der Bibel &#8211; man erfährt aus ihm sehr viel über menschliche Vermessenheit, und auch etwas über die Gründe, an denen menschliche Vorhaben scheitern. Ein Fundamentalist, der wirklich glaubt, die alten Babylonier hätten mit ihrer Ziggurat den Himmel erreichen wollen, oder die Vielfalt der menschlichen Sprachen aus der &#8220;babylonischen Sprachverwirrung&#8221; zu erklären versucht, verwechselt die Kategorien &#8211; und tut dem Mythos Gewalt an.</p>
<p>An Thors Hammer glaube ich übrigens nicht. Ich würde schließlich auch nicht sagen, dass ich an den elektrischen Strom glaube. Im südgermanischen Sprachgebrauch heißt der Gott übrigens Donar, was auf neuhochdeutsch schlicht Donner bedeutet. Es wäre ziemlich albern, zu behaupten,Donner gäbe es nicht.<br />
Ernsthaft: Unter anderem steht Thors Hammer Mjölnir für etwas &#8211; er ist ein kraftvolles Symbol, das abstrakte metaphysische Begriffe und wenig anschauliche Naturvorgänge buchstäblich handgreiflich macht. Unter Anderem steht er auch für &#8220;elektrische Energie&#8221;, auch wenn es im Nordeuropa des frühen Mittelalters noch keine Vorstellung von &#8220;elektrischer Energie&#8221; gab.<br />
Aber die Germanen &#8211; und andere Völker, der Perun der Slawen und der Thiermes der Sami sind erkennbar &#8220;Brüder&#8221; Thors, und Donnergötter gibt es in allen mir bekannten Mythologien &#8211; besaßen in Thors Hammer einen Mythos, der ihnen erlaubte, mit Erscheinungen wie Blitz und Donner umzugehen, und der sich, auf seine Art und Weise, in der Praxis bewährte. </p>
<p>Heute stehen uns neben dem Mythos auch Philosophie und Wissenschaft zur Verfügung, aber ein Künstler oder Schriftsteller, der nicht mythisch zu denken versteht, hat es, vorsichtig gesagt, schwer.</p>
<p>Ein Beispiel für moderne Mythen, die sich praktisch bewährt haben, sind das &#8220;Über-Ich&#8221;, &#8220;Ich&#8221; und &#8220;Es&#8221; im Sinne der Psychoanalyse nach Freud &#8211; jedenfalls wenn man streng wissenschaftliche Maßstäbe anlegt. Diese Mythen &#8220;funktionieren&#8221; gut, beschreiben, auch wenn sie keine neurologisch fassbaren Gegenstücke im Gehirn haben, die seelischen Vorgänge auf praktisch brauchbare Art. So wie viele der alten Mythen heute noch &#8220;funktionieren&#8221;. Mythos, Metapher, Gleichnis und Gedankenexperiment sind im heutigen Spachgebrauch zwar nicht dasselbe, aber dass die Übergänge fließend sind, wird wohl niemand bestreiten. Und da es schiefe Metaphern und irreführende Gleichnisse gibt, gibt es auch unbrauchbare Mythen. </p>
<p>Ich nehme nicht an, dass die altnordischen, altgriechischen, altindischen und altsonstigen Mythen zur Zeit ihrer Ersterzählung rational verstanden wurden, geschweige denn wörtlich aufgefasst wurden. Dagegen spricht z. B. die Erfahrung mit den schon erwähnten schamanistischen Praktiken und dem Weltenbaum, der für alle Umstehenden ersichtlich in der &#8220;Alltäglichen Wirklichkeit&#8221; nicht da ist, und auf den der Schamane auch nicht mit seinem fleischlichen Körper hinaufklettert. Der Weltenbaum war von Anfang an &#8220;Symbol&#8221;, stand &#8220;für etwas&#8221;, das sich mit &#8220;normalen Sinnen&#8221; nicht beschreiben lässt. Eine ganz alltägliche Erfahrung &#8211; man versuche nur einmal, z. B. eine Symphonie mit Worten zu beschreiben.</p>
<p>In der modernen Naturwissenschaft entstehen tatsächlich neue Mythen &#8211; und zwar aus dem selben Grunde, der schon für den Schamanen galt. Die Quantenphysik lässt sich nur in der abstrakten Sprache der Mathematik beschreiben, jeder Versuch, sich darunter etwas vorzustellen, bringt nicht etwa eine vereinfachte Modellvorstellung hervor, sondern eine mythische Umschreibung.</p>
<p>Wir denken im Alltag kausal, in Ursachen und Wirkungen &#8211; sonst würden wir nicht lange Überleben. Der Versuch, in kausaler Sprache a-kausale (aber unzufällige) Vorgänge zu beschreiben, führt zum Mythos.<br />
Ein Problem dabei ist, dass wir in unserer Kultur, infolge eine jahrhundertelangen Entmythologisierung (die unter überzeugten Prostestanten übrigens weiter vorangeschritten zu sein scheint, als unter Agnostikern und selbst Atheisten) im Gegensatzpaar &#8220;kausal&#8221; und &#8220;zufällig&#8221; denken.<br />
Darin liegt meiner Ansicht nach auch das Hauptproblem beim Diskurs um Kreationismus und &#8220;Intelligent Design&#8221;: Für die &#8211; meist stramm protestantischen (und entmythologisierten) &#8211; Kreationisten und ID-Anhänger gibt es nur die Alternative &#8220;Zufall&#8221; oder &#8220;Planung&#8221; &#8211; folglich sind sie auch felsenfest überzeugt, &#8220;Darwin widerlegt&#8221; zu haben, wenn sie nachweisen können, dass &#8220;purer Zufall&#8221; und mechanistisch verstandene &#8220;Naturgesetze&#8221; die Entwicklung des Lebens nicht hinreichend erklären können. Schon simple Beispiele von Selbstorganisation &#8211; etwa die Tatsache, dass an einem Kiesstrand mit heftiger Brandung der Kies &#8220;nach Größe sortiert wird&#8221; &#8211; sprengen in ihrer Unanschaulichkeit das klassische &#8220;entmythologisierte Weltbild&#8221;. Daraus gibt es zwei Auswege: auf Anschaulichkeit verzichten &#8211; konsequente Mathematisierung &#8211; oder (einschließendes &#8220;Oder&#8221;, nicht die &#8220;Alternative&#8221;: &#8220;entweder &#8211; oder&#8221;!) &#8211; der Mythos. In diesem Sinne sind die &#8220;harten&#8221; Kreationisten gegenüber den pseudowissenschaftlichen ID-Anhängern wenigstens ehrlich, denn sie verweisen offen auf einen Mythos: das ordnende Eingreifen Gottes.</p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>&#8220;Mythos&#8221; kommt aus dem Altgriechischen, und bedeutet schlicht: &#8220;Erzählung&#8221;.<br />
Für Platon ist ein Mythos das Werk eines Dichters, das immer Erfundenes, aber auch Wahres enthält. Heute würden wir sagen: ein Gleichnis, eine Metapher, eine Parabel oder auch ein Gedankenexperiment.</p>
<p>Johann Christoph Gottsched übersetzte 1730 Mythos mit &#8220;Fabel&#8221;. Aus der Alltagsbedeutung von &#8220;Fabel&#8221; ergab sich dann auch die moderne alltagssprachliche Bedeutung von &#8220;Mythos&#8221;: etwas, was behauptet wird, aber nicht wahr ist.<br />
(&#8220;Dass hohe Vitamin C-Dosen vor Erkältung schützen, ist ein Mythos.&#8221; Anderes Beispiel: <a href="http://www.nornirsaett.de/vom-mythos-des-arischen-volksstammes/">Vom Mythos des &#8220;Arischen Volksstammes&#8221;</a>.)<br />
Seit der Aufklärung gilt der Mythos als Vorstufe zum begrifflichen Denken. Eine Nebenwirkung dieser Sichtweise: Mythen gelten als überholt, abergläubisch, rückständig. Nur eine abstrakte Betrachtungsweise gilt als wissenschaftlich, je abstrakter, desto besser. Im Idealfall lässt sich alles als eine Formel ausdrücken. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass es ausgerechnet die hochabstrakte theoretische Physik war, die in Form des Gedankenexperimentes und der Metapher (bekanntestes Beispiel &#8220;Urknall&#8221;) dem Mythos im platonischen Sinne wieder Bedeutung gab.<br />
Dennoch ist es fahrlässig, Mythos und Wissenschaft sozusagen nach Belieben zu mischen. Der Mythos schafft und vermittelt Wissen durch <i>Erzählung</i> im Gegensatz zur wissenschaftlichen <i>Erklärung</i>, die immer vorläufig und unvollständig ist<br />
Noch gefährlicher ist es, wie es zum Beispiel die die Bibel wörtlich nehmenden Fundamentalisten tun, Mythen und Tatsachenberichte zu verwechseln.<br />
Max Horkheimer und Theodor W. Adorno behandelten in ihrer Aufsatzsammlung &#8220;Dialektik der Aufklärung&#8221; (1944) das &#8220;Scheitern der Aufklärung&#8221;: Mit dem Versuch, die Natur zu beherrschen, wird ihrer Auffassung nach der einst mythische Zugang zur Welt seit der Aufklärung rational gemacht, als &#8220;Herrschaft&#8221; aber schlage Aufklärung selbst in einen  Mythos zurück, in den Mythos des &#8220;Positivismus&#8221;, einer Affirmation des Bestehenden.<br />
Alles in allem hat im &#8220;gesellschaftlichen Mainstream&#8221; mythisches Denken &#8211; egal wie weit verbreitet es ist &#8211; keinen guten Ruf. </p>
<p>Viele spirituell denkende Menschen nehmen Mythen jedoch ernst und halten sie in Ehren. Das gilt ganz besonders für Heiden &#8211; das neue Heidentum lebt geradezu von uralten und ganz neue Mythen.<br />
Für alte und neue Mythen gilt, dass sie grundliegende menschliche Erlebnisweisen in Erzählerischer, dramatischer und symbolischer Form ausdrücken.<br />
Der Psychoanalytiker C. G. Jung konnte zeigen, dass die gleichen Bilder und Motive in den Mythen aller von ihm untersuchten Völker und Kulturen immer wieder auftauchen &#8211; die Archetypen. Daraus entwickelte Jung die Hypothese, dass es einen seelischen Urgrund gäbe, der allen Menschen gemeinsam wäre: das &#8220;kollektive Unbewusste&#8221;.<br />
(Es soll nicht verschwiegen werden, dass die meisten Psychologen und die meisten Sozialwissenschaftler das &#8220;kollektive Unbewusste&#8221; für einen Mythos in moderner alltagssprachlicher Bedeutung halten.)<br />
Jungs Ansatz brachte es mit sich, dass die pychologisierende Deutung von Mythen geradezu selbstverständlich wurde.<br />
So selbstverständlich, dass Heiden, die die alten Geschichten von Göttern und Geistern inhaltlich ernst nehmen, sogar von &#8220;esoterischer&#8221; Seite Ablehnung erfahren. Schließlich &#8220;weiß doch jeder&#8221;, dass Mythen von Göttern nur psychische Konstellationen in Form einer Geschichte ausdrücken.</p>
<p>Zurück zum Begriff: Was ist also ein Mythos? Meine bevorzugte Definition ist:<br />
<b>Ein Mythos ist der Versuch, zu erzählen, was sich nicht sagen lässt.</b></p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/3383918"><img src="http://u1.ipernity.com/9/39/18/3383918.e0a231e8.500.jpg" width="440" height="500" alt="Thorshammer" border="0"/></a></p>
<p>Ein Mythos ist zum Beispiel Thors Hammer, Mjölnir.<br />
Ich werde ab und an gefragt, ob ich an den Mythos von Thor und seinem Hammer glaube. Eine knifflige Frage, bei der jede mögliche Antwort allzuleicht missverständlich ist.<br />
Ein typisches Missverständnis ergibt sich &#8211; siehe oben &#8211; aus der Auffassung, dass der Mythos nur die naive Vorstufe zum begrifflichen Denken ist. Mythisches Denken als vorwissenschaftliches Denken: <i>Damals wussten es die ollen Germanen eben nicht besser und stellten sich beim Gewitter einen rothaarigen Mann auf einen von Böcken gezogenen Wagen vor, der einen mächtigen Hammer schleudert. Aber heute wissen wir es besser: der Donner, der einmal Thors Hammer zugerechnet wurde, kann besser durch elektrische Ladungen in den Wolken erklärt werden! Mjönir ist überflüssig, die ganze Geschichte von Thor nichts als ein Märchen!</i> (Wobei nebenbei auch das Märchen, als eine Form des Mythos, unterschätzt wird.)</p>
<p>Es ist meiner Ansicht nach tatsächlich dieselbe Verwechslung, die auch den Fundamentalisten unterläuft, die glatt glauben, die Erde sei nur einige Jahrtausende alt und von allen Tierarten hätte ein Paar in die Arche Noah gepasst, weil das ja so in der Bibel stünde: Die Verwechslung von Erzählung und Erklärung, zwischen Gleichnis und (vor-)wissenschaftlicher Theorie. Es stimmt, denke ich, also nicht, dass die Erkenntnisse über statische Elektrizität die Donnergötter in dem Sinne abgelöst hätten, wie das heliozentrische Weltbild eines Galileis oder Keplers das als unzutreffend erkannte geozentrische Weltbild eines Ptolemäus ablöste.<br />
In der germanischen Mythologie gibt es den Weltenbaum Yggdrasil, der die neun Welten miteinander verbindet. Kein alter Germane wird dabei an einen &#8220;realweltlichen&#8221;, normalen, nur riesengroßen Baum, gedacht haben. Ebenso wenig, wie noch heute sibirische Schamanen, die über den Himmel, Erde und Unterwelt verbindenden Weltenbaum reisen, dabei real-weltlich an einem gigantischen Baum herumklettern &#8211; oder sich bei ihren Reisen überhaupt nennenswert vom Fleck bewegen. Genauso wenig, wie ein normaler Christ sich &#8220;Christi Himmelfahrt&#8221; als einen fahrstuhlähnlichen Vorgang im dreidimensionalen Raum vorstellt. (Von besonders vernagelten Fundis vielleicht abgesehen &#8230; auf diesem Gebiet halte ich inzwischen so ziemlich <i>alles</i> für möglich!)<br />
Wenn ein katholischer Gynäkologe an die jungfräuliche Geburt glaubt, dann in aller Regel wohl nicht in dem Sinne, dass er die jungfräuliche Geburt beim Menschen für eine gynäkologische Tatsache halten würde. Er glaubt an den Mythos &#8220;jungfräuliche Geburt&#8221;. Ob so ein Mythos sinnvoll oder hilfreich ist, ist eine andere Frage. Mit den anatomischen Tatsachen kann er ebenso wenig kollidieren, wie der Weltenbaum mit der Geographie.</p>
<p>Anderes Beispiel: die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist ein lehrreicher Mythos der Bibel &#8211; man erfährt aus ihm sehr viel über menschliche Vermessenheit, und auch etwas über die Gründe, an denen menschliche Vorhaben scheitern. Ein Fundamentalist, der wirklich glaubt, die alten Babylonier hätten mit ihrer Ziggurat den Himmel erreichen wollen, oder die Vielfalt der menschlichen Sprachen aus der &#8220;babylonischen Sprachverwirrung&#8221; zu erklären versucht, verwechselt die Kategorien &#8211; und tut dem Mythos Gewalt an.</p>
<p>An Thors Hammer glaube ich übrigens nicht. Ich würde schließlich auch nicht sagen, dass ich an den elektrischen Strom glaube. Im südgermanischen Sprachgebrauch heißt der Gott übrigens Donar, was auf neuhochdeutsch schlicht Donner bedeutet. Es wäre ziemlich albern, zu behaupten,Donner gäbe es nicht.<br />
Ernsthaft: Unter anderem steht Thors Hammer Mjölnir für etwas &#8211; er ist ein kraftvolles Symbol, das abstrakte metaphysische Begriffe und wenig anschauliche Naturvorgänge buchstäblich handgreiflich macht. Unter Anderem steht er auch für &#8220;elektrische Energie&#8221;, auch wenn es im Nordeuropa des frühen Mittelalters noch keine Vorstellung von &#8220;elektrischer Energie&#8221; gab.<br />
Aber die Germanen &#8211; und andere Völker, der Perun der Slawen und der Thiermes der Sami sind erkennbar &#8220;Brüder&#8221; Thors, und Donnergötter gibt es in allen mir bekannten Mythologien &#8211; besaßen in Thors Hammer einen Mythos, der ihnen erlaubte, mit Erscheinungen wie Blitz und Donner umzugehen, und der sich, auf seine Art und Weise, in der Praxis bewährte. </p>
<p>Heute stehen uns neben dem Mythos auch Philosophie und Wissenschaft zur Verfügung, aber ein Künstler oder Schriftsteller, der nicht mythisch zu denken versteht, hat es, vorsichtig gesagt, schwer.</p>
<p>Ein Beispiel für moderne Mythen, die sich praktisch bewährt haben, sind das &#8220;Über-Ich&#8221;, &#8220;Ich&#8221; und &#8220;Es&#8221; im Sinne der Psychoanalyse nach Freud &#8211; jedenfalls wenn man streng wissenschaftliche Maßstäbe anlegt. Diese Mythen &#8220;funktionieren&#8221; gut, beschreiben, auch wenn sie keine neurologisch fassbaren Gegenstücke im Gehirn haben, die seelischen Vorgänge auf praktisch brauchbare Art. So wie viele der alten Mythen heute noch &#8220;funktionieren&#8221;. Mythos, Metapher, Gleichnis und Gedankenexperiment sind im heutigen Spachgebrauch zwar nicht dasselbe, aber dass die Übergänge fließend sind, wird wohl niemand bestreiten. Und da es schiefe Metaphern und irreführende Gleichnisse gibt, gibt es auch unbrauchbare Mythen. </p>
<p>Ich nehme nicht an, dass die altnordischen, altgriechischen, altindischen und altsonstigen Mythen zur Zeit ihrer Ersterzählung rational verstanden wurden, geschweige denn wörtlich aufgefasst wurden. Dagegen spricht z. B. die Erfahrung mit den schon erwähnten schamanistischen Praktiken und dem Weltenbaum, der für alle Umstehenden ersichtlich in der &#8220;Alltäglichen Wirklichkeit&#8221; nicht da ist, und auf den der Schamane auch nicht mit seinem fleischlichen Körper hinaufklettert. Der Weltenbaum war von Anfang an &#8220;Symbol&#8221;, stand &#8220;für etwas&#8221;, das sich mit &#8220;normalen Sinnen&#8221; nicht beschreiben lässt. Eine ganz alltägliche Erfahrung &#8211; man versuche nur einmal, z. B. eine Symphonie mit Worten zu beschreiben.</p>
<p>In der modernen Naturwissenschaft entstehen tatsächlich neue Mythen &#8211; und zwar aus dem selben Grunde, der schon für den Schamanen galt. Die Quantenphysik lässt sich nur in der abstrakten Sprache der Mathematik beschreiben, jeder Versuch, sich darunter etwas vorzustellen, bringt nicht etwa eine vereinfachte Modellvorstellung hervor, sondern eine mythische Umschreibung.</p>
<p>Wir denken im Alltag kausal, in Ursachen und Wirkungen &#8211; sonst würden wir nicht lange Überleben. Der Versuch, in kausaler Sprache a-kausale (aber unzufällige) Vorgänge zu beschreiben, führt zum Mythos.<br />
Ein Problem dabei ist, dass wir in unserer Kultur, infolge eine jahrhundertelangen Entmythologisierung (die unter überzeugten Prostestanten übrigens weiter vorangeschritten zu sein scheint, als unter Agnostikern und selbst Atheisten) im Gegensatzpaar &#8220;kausal&#8221; und &#8220;zufällig&#8221; denken.<br />
Darin liegt meiner Ansicht nach auch das Hauptproblem beim Diskurs um Kreationismus und &#8220;Intelligent Design&#8221;: Für die &#8211; meist stramm protestantischen (und entmythologisierten) &#8211; Kreationisten und ID-Anhänger gibt es nur die Alternative &#8220;Zufall&#8221; oder &#8220;Planung&#8221; &#8211; folglich sind sie auch felsenfest überzeugt, &#8220;Darwin widerlegt&#8221; zu haben, wenn sie nachweisen können, dass &#8220;purer Zufall&#8221; und mechanistisch verstandene &#8220;Naturgesetze&#8221; die Entwicklung des Lebens nicht hinreichend erklären können. Schon simple Beispiele von Selbstorganisation &#8211; etwa die Tatsache, dass an einem Kiesstrand mit heftiger Brandung der Kies &#8220;nach Größe sortiert wird&#8221; &#8211; sprengen in ihrer Unanschaulichkeit das klassische &#8220;entmythologisierte Weltbild&#8221;. Daraus gibt es zwei Auswege: auf Anschaulichkeit verzichten &#8211; konsequente Mathematisierung &#8211; oder (einschließendes &#8220;Oder&#8221;, nicht die &#8220;Alternative&#8221;: &#8220;entweder &#8211; oder&#8221;!) &#8211; der Mythos. In diesem Sinne sind die &#8220;harten&#8221; Kreationisten gegenüber den pseudowissenschaftlichen ID-Anhängern wenigstens ehrlich, denn sie verweisen offen auf einen Mythos: das ordnende Eingreifen Gottes.</p>
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		<title>Midsommar in Schweden</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Jun 2009 19:37:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur & Weltbild]]></category>
		<category><![CDATA[feste]]></category>
		<category><![CDATA[germanisch]]></category>
		<category><![CDATA[Mittsommer]]></category>
		<category><![CDATA[Schweden]]></category>
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		<category><![CDATA[Sonnenwende]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><i>In den skandinavischen Ländern wird die Mittsommernacht traditionell aufwendig gefeiert. “Dank” Ikea-Werbung ist die “schwedische Mittsommerfeier” auch bei uns ein Begriff.<br />
Unsere schwedische Gastautorin Inger Sveinsson berichtet, wie “midsommar” in ihrer Heimat gefeiert wird.</i></p>
<p>Die  Sommersonnenwende, der längste Tag des Jahres, ist neben dem Julfest auch der Höhepunkt des germanischen Jahres.<br />
Die Sonnenwende ist eine Übergangszeit, genauso wie die Dämmerung, die die Nacht vom Tag trennt. Sie ist auch eine Schwelle nach deren Überschreitung die Tage kürzer werden. Es geht wieder auf das Winterhalbjahr zu. Aber zunächst folgt die wärmste Zeit des Jahres, dann die Erntezeit. Das Wachstum ist an seinem Höhepunkt angekommen, es herrscht Fülle und Reife.<span id="more-1534"></span> Zwischen Mittsommer und Frühherbst lag für unsere Vorfahren die reiche Zeit des Jahres &#8211; aber auch wegen der Ernten eine arbeitsreiche Zeit, die wenig Zeit zum Feiern ließ. Mittsommer liegt noch vor der Heuernte, man hatte also Zeit für ein großes Fest. </p>
<p>Das Fest wurde unter freiem Himmel gefeiert. Wie bei allen Sonnenfesten spielte das Feuer eine große Rolle. So wurden auf Hügeln und am Strand Sonnwendfeuer angezündet, wie noch heute beinahe überall im Norden. Wahrscheinlich brachte man Rauchopfer. Sicherlich wurde auch um das Feuer getanzt, vermutlich im Kreis und im Uhrzeigersinn. Dass kräftig geschmaust und getrunken wurde, ist anzunehmen.<br />
Aus welcher Zeit der Brauch, brennende Reifen, Symbole für das Sonnenrad und den kreisförmigen Weg alles Lebens, Berghänge und Hügel hinunterrollen zu lassen, stammt, ist umstritten. Vielleicht ist er nur eine Neuschöpfung der Romantik.</p>
<p>Die Pflanze, die mit diesem Fest in besonderem Zusammenhang steht, ist das Johanniskraut. Man sagt, an diesem Tag habe es seine größte Heilkraft. Deshalb wurde es besonders an diesem Tag gesammelt.</p>
<p>Wie kann es anders sein &#8211; auch dieses Fest wurde von der Kirche &#8220;zwangsadoptiert&#8221; und umgestaltet. Sie musste zu diesem Zweck sogar den Johannistag verlegen, damit er näher an die Sonnenwende rückte. </p>
<p><b>Midsommar in Schweden</b><br />
Midsommar in Schweden? Nach dem  Klischee sieht das etwas so aus:<br />
<blockquote>
<i>Zeit:</i> Heller Nachmittag, strahlend schönes Sommer-Wetter.<br />
<i>Ort:</i> Wohl irgendwo in Schweden.<br />
Barfüßige Mädchen in kurzen weißen Kleidchen tanzen um einen Maibaum, Blumenkränze im blonden Haar. Dazu Fiedel-Musik und eine Volkstanzgruppe in malerischen Trachten. Und schwedische Männer in wenig geschmackvollen kurzärmligen Hemden, Bierhumpen in der Hand und trotz der frühen Stunde hackevoll besoffen.</p></blockquote>
<p><i>Ganz</i> falsch ist das nicht. Das Klischee wird in Deutschland durch die Werbung verbreitet. Ziemlich humorvoll durch die eines schwedischen Möbelhauses, das vor allem in Polen produziert, und reichlich humorlos vom schwedischen Tourismusbüro.<br />
Aber vielleicht sehe ich das falsch, vielleicht hat auch die schwedische Tourismuswerbung Humor. Immerhin habe ich einen guten Witz in einem Faltblatt unter &#8220;Midsommar&#8221; entdeckt:<br />
<blockquote>&#8220;Besucher sind immer gern willkommen, doch sollten sie eines beachten: So ausgelassen man hier auch feiern mag, Alkohol ist für die Schweden nicht drin. In der Öffentlichkeit greift hier niemand zur Flasche.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das moderne Midsommarfest wird in Schweden nicht termingerecht zum 21. Juni, sondern am Wochenende danach gefeiert.<br />
Die Feiern beginnen Freitag-Nachmittag – midsommarafton &#8211; und dauern bis in den Samstag, midsommardag.<br />
Da Schweden ein sehr ausgedehntes Land ist unterscheiden sich die Bräuche in den Landschaften sehr. So mehr nach Norwegen und Finnland hin entfacht man wie eigentlich überall in den nordischen Ländern große Feuer. Der verspätete Maibaum (korrekt: &#8220;midsommarstång&#8221; aber auch viele Schweden nennen ihn „majstång&#8221;) kam im Spätmittelalter nach Schweden, doch ist das Errichten eines Phallossymbols ein eindeutig heidnischer Brauch. Die Sitte Midsommar mit einem Maibaum statt mit einem Feuer zu feiern, stammt ursprünglich aus dem mittelschwedischen Dalarna, genauer gesagt, aus Siljansbygd (so heißt die Gegend um den Siljansee). Dort wird bis heute besonders heftig Midsommar gefeiert. In anderen Teilen Schwedens wird Dalarna-Midsommar mit mehr oder weniger großem Erfolg kopiert.<br />
<img src="http://u1.ipernity.com/11/22/21/5092221.e51bc694.jpg" width="250" height="378" alt="majstång" border="0"/><br />
<i>Spitze einer Majstång</i><br />
In Dalarna ist Schweden in etwa so, wie sich Ausländer, die nie in Schweden waren, sich Schweden meistens vorstellen: Bunte Holzhäuser, geschnitzte rotlackierte Dalarpferdchen, bewaldete Berge, große Seen, zu Volksfesten bunte Trachten und Fiedler.<br />
Vom Aufwand her ist Dalarnas Midsommar mit Weihnachten vergleichbar. Tagelang wird Midsommar vorbereitet. Häuser, Gärten, selbst Autos werden mit Birkengrün geschmückt. Überall brummen die Rasenmäher. Wenn das Wetter mitspielt, was entgegen der Werbung <i>nicht immer</i> der Fall ist, werden in den Gärten die Tische festlich gedeckt. Unvermeidlich: überall die die blauen Schwedenfahnen mit dem gelben Kreuz. <i>(Ja, wir haben es mit den Fähnchen!)</i><br />
Durch die blühenden Wiesen stapfen Kinder und pflücken eifrig und mitunter zum Kummer der Naturschützer massenweise Wildblumen, die sie zu Kränzen für den Kopf verarbeiten.</p>
<p>Am Freitag wird der bereits erwähnte Maibaum geschmückt. Er ist wie sein wirklich zum Maifest aufgestelltes deutsches Gegenstück ein altes germanisches Sonnen- und Phallossymbol. Er hat die Form eines Kreuzes, das übrigens nicht vom christlichen Kreuz, sondern vom Sonnenrad her kommt, an dem zwei Kränze hängen. Der ganze Baum ist mit Laub und Blumen überzogen. Alle helfen beim Schmücken des Maibaums, indem sie Blumen und Birkenzweige pflücken und ihn gemeinsam bekleiden. Danach wird der Baum aufgerichtet. Vor allem Kinder tanzen um ihn herum. Midsommar ist am Tag ja überhaupt ein Kinder- und Familienfest.<br />
Manche Leute tragen auch Trachten und zwar nicht nur in den Touristenorten. Oft kommen auch einige Spielmänner, die Ziehharmonika und Fidel spielen. Einige besondere Lieder, wie zum Beispiel &#8220;Små grodorna&#8221; (&#8220;Die kleinen Frösche&#8221;) werden gesungen. <i>(Über den dazugehörigen Froschtanz machen sich vor allem deutsche Touristen gerne lustig).</i></p>
<p>Dalarna liegt schon recht weit im Norden, das heißt, zu Midsommar wird es nicht richtig dunkel, weshalb dass man oft die ganze Nacht durchfeiert. Man wünscht einander &#8220;Trevlig Midsommar&#8221; (&#8220;Frohen Mittsommer&#8221;) und es herrscht allgemein eine sehr gute Stimmung.<br />
Krönender Abschluss des Mittsommar-Festes in Dalarna ist der Sonntagabend mit seinem Tanz auf den Brücken. Rund um den Siljansee wird auf den kleinen Anlegebrücken und Bootsstegen getanzt.<br />
Typische Midsommar- Speisen sind neue Kartoffeln, eingelegte Heringe mit saurer Sahne mit Kräutern, vor allem Dill. Viele Leute trinken zum Essen gerne ein Gläschen und zwei oder auch drei Akvavit oder Wodka, trotz der atemberaubend hohen Schnapspreise. Danach gibt es Erdbeeren mit Schlagsahne.<br />
In vielen schwedischen Städten und Dörfern werden in Parks organisierte Midsommar-Feiern abgehalten, die sich am Darlarna-Vorbild orientieren. Selbstverständlich gibt es auch im Siljansbygd reichlich viele organisierte Feiern, die reine Touristenspektakel sind.</p>
<p>Feiern im privaten Kreis unterscheiden sich dagegen nicht sehr von deutschen Sommerfesten.<br />
Man trifft sich nachmittags zum Essen &#8211; bei gutem Wetter möglichst im Garten. Abends wird dann gemeinsam gegrillt. Die anschließende Party, die bis zum Morgen andauert (richtig dunkel wird es ja nicht), hat mit traditionellem Brauchtum nicht viel zu tun.<br />
Die Kehrseite der Midsommar-Feierlichkeiten ist der oft ungezügelte Alkoholkonsum &#8211; speziell unter den Jüngeren. Irgendwo musste ich lesen: &#8220;Mittsommer ist jener Tag im Jahr, an dem sich statistisch gesehen 80% der Schweden bis zum Affenstadium vollaufen lassen&#8221;. Leider ist das keine  Verleumdung! <i>(Soviel zu der Behauptung des Tourismusbüros. Es ist wohl was dran an der Theorie mit den Parallel-Universen.)</i> Ich will nicht verschweigen, dass vor allem in größeren Städten fast jedes Jahr auch Tote und Verletzte nach Midsommar zu beklagen sind. Teilweise durch Schlägereien und Messerstechereien, teilweise aber auch durch Badeunfälle betrunkener Schwimmer.</p>
<p><b>Alte schwedische Midsommar-Bräuche</b><br />
Fruchtbarkeit steht im Mittelpunkt des Midsommar-Festes.<br />
So gibt es viele Rezepte, wie die jungen Frauen zu einem Mann kommen können. Brot backen hilft, und zwar zu gleichen Teilen Salz wie Mehl (!) Wenn die Gute dann träumt, wird derjenige ihr Mann, der ihr im Traum Wasser zu trinken gibt.<br />
Öfter wird ein anderer Brauch ausgeübt. Die Mädchen pflücken sieben oder neun verschiedene Sorten von Blumen legen diese unter das Kopfkissen. Wer das macht, träumt in der Nacht angeblich von dem zukünftigen Ehemann. Idealerweise pflückt man die Blumen nackt und rückwärts gehend, man darf dabei nicht reden. Die Blumen sollen solche sein, die in der Nacht nicht ihre Blüten schließn, sondern offen bleiben.<br />
Noch eindeutiger in heidnische Zeiten verweist ein Brauch, der früher angeblich in einem kleinen Ort in Dalarna, in Bingsjö, ausgeübt wurde. Die jungen unverheirateten Frauen versammelten sich in der Mittsommernacht in einer Scheune. Dann zogen sie sich nackt aus und gingen rückwärts über eine Brücke, die sie mit einem Besen aus Birkenreisig fegten, während sie scheue Blicke in die Umgebung warfen, denn sie würden da ihren Zukünftigen erblicken können. (Man kann sich denken, wo die jungen Männer Aufstellung nahmen.)<br />
Zu Mittsommer steckt magische Kraft in allem, was wächst &#8211; daher die vielen Blumenkränze und Sträuße.<br />
<b>Trevlig Midsommar!</b></p>
<p>Text von Inger Sveinsson, redaktionell bearbeitet von Martin Marheinecke.</p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/midsommar-in-schweden/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><i>In den skandinavischen Ländern wird die Mittsommernacht traditionell aufwendig gefeiert. “Dank” Ikea-Werbung ist die “schwedische Mittsommerfeier” auch bei uns ein Begriff.<br />
Unsere schwedische Gastautorin Inger Sveinsson berichtet, wie “midsommar” in ihrer Heimat gefeiert wird.</i></p>
<p>Die  Sommersonnenwende, der längste Tag des Jahres, ist neben dem Julfest auch der Höhepunkt des germanischen Jahres.<br />
Die Sonnenwende ist eine Übergangszeit, genauso wie die Dämmerung, die die Nacht vom Tag trennt. Sie ist auch eine Schwelle nach deren Überschreitung die Tage kürzer werden. Es geht wieder auf das Winterhalbjahr zu. Aber zunächst folgt die wärmste Zeit des Jahres, dann die Erntezeit. Das Wachstum ist an seinem Höhepunkt angekommen, es herrscht Fülle und Reife.<span id="more-1534"></span> Zwischen Mittsommer und Frühherbst lag für unsere Vorfahren die reiche Zeit des Jahres &#8211; aber auch wegen der Ernten eine arbeitsreiche Zeit, die wenig Zeit zum Feiern ließ. Mittsommer liegt noch vor der Heuernte, man hatte also Zeit für ein großes Fest. </p>
<p>Das Fest wurde unter freiem Himmel gefeiert. Wie bei allen Sonnenfesten spielte das Feuer eine große Rolle. So wurden auf Hügeln und am Strand Sonnwendfeuer angezündet, wie noch heute beinahe überall im Norden. Wahrscheinlich brachte man Rauchopfer. Sicherlich wurde auch um das Feuer getanzt, vermutlich im Kreis und im Uhrzeigersinn. Dass kräftig geschmaust und getrunken wurde, ist anzunehmen.<br />
Aus welcher Zeit der Brauch, brennende Reifen, Symbole für das Sonnenrad und den kreisförmigen Weg alles Lebens, Berghänge und Hügel hinunterrollen zu lassen, stammt, ist umstritten. Vielleicht ist er nur eine Neuschöpfung der Romantik.</p>
<p>Die Pflanze, die mit diesem Fest in besonderem Zusammenhang steht, ist das Johanniskraut. Man sagt, an diesem Tag habe es seine größte Heilkraft. Deshalb wurde es besonders an diesem Tag gesammelt.</p>
<p>Wie kann es anders sein &#8211; auch dieses Fest wurde von der Kirche &#8220;zwangsadoptiert&#8221; und umgestaltet. Sie musste zu diesem Zweck sogar den Johannistag verlegen, damit er näher an die Sonnenwende rückte. </p>
<p><b>Midsommar in Schweden</b><br />
Midsommar in Schweden? Nach dem  Klischee sieht das etwas so aus:<br />
<blockquote>
<i>Zeit:</i> Heller Nachmittag, strahlend schönes Sommer-Wetter.<br />
<i>Ort:</i> Wohl irgendwo in Schweden.<br />
Barfüßige Mädchen in kurzen weißen Kleidchen tanzen um einen Maibaum, Blumenkränze im blonden Haar. Dazu Fiedel-Musik und eine Volkstanzgruppe in malerischen Trachten. Und schwedische Männer in wenig geschmackvollen kurzärmligen Hemden, Bierhumpen in der Hand und trotz der frühen Stunde hackevoll besoffen.</p></blockquote>
<p><i>Ganz</i> falsch ist das nicht. Das Klischee wird in Deutschland durch die Werbung verbreitet. Ziemlich humorvoll durch die eines schwedischen Möbelhauses, das vor allem in Polen produziert, und reichlich humorlos vom schwedischen Tourismusbüro.<br />
Aber vielleicht sehe ich das falsch, vielleicht hat auch die schwedische Tourismuswerbung Humor. Immerhin habe ich einen guten Witz in einem Faltblatt unter &#8220;Midsommar&#8221; entdeckt:<br />
<blockquote>&#8220;Besucher sind immer gern willkommen, doch sollten sie eines beachten: So ausgelassen man hier auch feiern mag, Alkohol ist für die Schweden nicht drin. In der Öffentlichkeit greift hier niemand zur Flasche.&#8221;</p></blockquote>
<p>Das moderne Midsommarfest wird in Schweden nicht termingerecht zum 21. Juni, sondern am Wochenende danach gefeiert.<br />
Die Feiern beginnen Freitag-Nachmittag – midsommarafton &#8211; und dauern bis in den Samstag, midsommardag.<br />
Da Schweden ein sehr ausgedehntes Land ist unterscheiden sich die Bräuche in den Landschaften sehr. So mehr nach Norwegen und Finnland hin entfacht man wie eigentlich überall in den nordischen Ländern große Feuer. Der verspätete Maibaum (korrekt: &#8220;midsommarstång&#8221; aber auch viele Schweden nennen ihn „majstång&#8221;) kam im Spätmittelalter nach Schweden, doch ist das Errichten eines Phallossymbols ein eindeutig heidnischer Brauch. Die Sitte Midsommar mit einem Maibaum statt mit einem Feuer zu feiern, stammt ursprünglich aus dem mittelschwedischen Dalarna, genauer gesagt, aus Siljansbygd (so heißt die Gegend um den Siljansee). Dort wird bis heute besonders heftig Midsommar gefeiert. In anderen Teilen Schwedens wird Dalarna-Midsommar mit mehr oder weniger großem Erfolg kopiert.<br />
<img src="http://u1.ipernity.com/11/22/21/5092221.e51bc694.jpg" width="250" height="378" alt="majstång" border="0"/><br />
<i>Spitze einer Majstång</i><br />
In Dalarna ist Schweden in etwa so, wie sich Ausländer, die nie in Schweden waren, sich Schweden meistens vorstellen: Bunte Holzhäuser, geschnitzte rotlackierte Dalarpferdchen, bewaldete Berge, große Seen, zu Volksfesten bunte Trachten und Fiedler.<br />
Vom Aufwand her ist Dalarnas Midsommar mit Weihnachten vergleichbar. Tagelang wird Midsommar vorbereitet. Häuser, Gärten, selbst Autos werden mit Birkengrün geschmückt. Überall brummen die Rasenmäher. Wenn das Wetter mitspielt, was entgegen der Werbung <i>nicht immer</i> der Fall ist, werden in den Gärten die Tische festlich gedeckt. Unvermeidlich: überall die die blauen Schwedenfahnen mit dem gelben Kreuz. <i>(Ja, wir haben es mit den Fähnchen!)</i><br />
Durch die blühenden Wiesen stapfen Kinder und pflücken eifrig und mitunter zum Kummer der Naturschützer massenweise Wildblumen, die sie zu Kränzen für den Kopf verarbeiten.</p>
<p>Am Freitag wird der bereits erwähnte Maibaum geschmückt. Er ist wie sein wirklich zum Maifest aufgestelltes deutsches Gegenstück ein altes germanisches Sonnen- und Phallossymbol. Er hat die Form eines Kreuzes, das übrigens nicht vom christlichen Kreuz, sondern vom Sonnenrad her kommt, an dem zwei Kränze hängen. Der ganze Baum ist mit Laub und Blumen überzogen. Alle helfen beim Schmücken des Maibaums, indem sie Blumen und Birkenzweige pflücken und ihn gemeinsam bekleiden. Danach wird der Baum aufgerichtet. Vor allem Kinder tanzen um ihn herum. Midsommar ist am Tag ja überhaupt ein Kinder- und Familienfest.<br />
Manche Leute tragen auch Trachten und zwar nicht nur in den Touristenorten. Oft kommen auch einige Spielmänner, die Ziehharmonika und Fidel spielen. Einige besondere Lieder, wie zum Beispiel &#8220;Små grodorna&#8221; (&#8220;Die kleinen Frösche&#8221;) werden gesungen. <i>(Über den dazugehörigen Froschtanz machen sich vor allem deutsche Touristen gerne lustig).</i></p>
<p>Dalarna liegt schon recht weit im Norden, das heißt, zu Midsommar wird es nicht richtig dunkel, weshalb dass man oft die ganze Nacht durchfeiert. Man wünscht einander &#8220;Trevlig Midsommar&#8221; (&#8220;Frohen Mittsommer&#8221;) und es herrscht allgemein eine sehr gute Stimmung.<br />
Krönender Abschluss des Mittsommar-Festes in Dalarna ist der Sonntagabend mit seinem Tanz auf den Brücken. Rund um den Siljansee wird auf den kleinen Anlegebrücken und Bootsstegen getanzt.<br />
Typische Midsommar- Speisen sind neue Kartoffeln, eingelegte Heringe mit saurer Sahne mit Kräutern, vor allem Dill. Viele Leute trinken zum Essen gerne ein Gläschen und zwei oder auch drei Akvavit oder Wodka, trotz der atemberaubend hohen Schnapspreise. Danach gibt es Erdbeeren mit Schlagsahne.<br />
In vielen schwedischen Städten und Dörfern werden in Parks organisierte Midsommar-Feiern abgehalten, die sich am Darlarna-Vorbild orientieren. Selbstverständlich gibt es auch im Siljansbygd reichlich viele organisierte Feiern, die reine Touristenspektakel sind.</p>
<p>Feiern im privaten Kreis unterscheiden sich dagegen nicht sehr von deutschen Sommerfesten.<br />
Man trifft sich nachmittags zum Essen &#8211; bei gutem Wetter möglichst im Garten. Abends wird dann gemeinsam gegrillt. Die anschließende Party, die bis zum Morgen andauert (richtig dunkel wird es ja nicht), hat mit traditionellem Brauchtum nicht viel zu tun.<br />
Die Kehrseite der Midsommar-Feierlichkeiten ist der oft ungezügelte Alkoholkonsum &#8211; speziell unter den Jüngeren. Irgendwo musste ich lesen: &#8220;Mittsommer ist jener Tag im Jahr, an dem sich statistisch gesehen 80% der Schweden bis zum Affenstadium vollaufen lassen&#8221;. Leider ist das keine  Verleumdung! <i>(Soviel zu der Behauptung des Tourismusbüros. Es ist wohl was dran an der Theorie mit den Parallel-Universen.)</i> Ich will nicht verschweigen, dass vor allem in größeren Städten fast jedes Jahr auch Tote und Verletzte nach Midsommar zu beklagen sind. Teilweise durch Schlägereien und Messerstechereien, teilweise aber auch durch Badeunfälle betrunkener Schwimmer.</p>
<p><b>Alte schwedische Midsommar-Bräuche</b><br />
Fruchtbarkeit steht im Mittelpunkt des Midsommar-Festes.<br />
So gibt es viele Rezepte, wie die jungen Frauen zu einem Mann kommen können. Brot backen hilft, und zwar zu gleichen Teilen Salz wie Mehl (!) Wenn die Gute dann träumt, wird derjenige ihr Mann, der ihr im Traum Wasser zu trinken gibt.<br />
Öfter wird ein anderer Brauch ausgeübt. Die Mädchen pflücken sieben oder neun verschiedene Sorten von Blumen legen diese unter das Kopfkissen. Wer das macht, träumt in der Nacht angeblich von dem zukünftigen Ehemann. Idealerweise pflückt man die Blumen nackt und rückwärts gehend, man darf dabei nicht reden. Die Blumen sollen solche sein, die in der Nacht nicht ihre Blüten schließn, sondern offen bleiben.<br />
Noch eindeutiger in heidnische Zeiten verweist ein Brauch, der früher angeblich in einem kleinen Ort in Dalarna, in Bingsjö, ausgeübt wurde. Die jungen unverheirateten Frauen versammelten sich in der Mittsommernacht in einer Scheune. Dann zogen sie sich nackt aus und gingen rückwärts über eine Brücke, die sie mit einem Besen aus Birkenreisig fegten, während sie scheue Blicke in die Umgebung warfen, denn sie würden da ihren Zukünftigen erblicken können. (Man kann sich denken, wo die jungen Männer Aufstellung nahmen.)<br />
Zu Mittsommer steckt magische Kraft in allem, was wächst &#8211; daher die vielen Blumenkränze und Sträuße.<br />
<b>Trevlig Midsommar!</b></p>
<p>Text von Inger Sveinsson, redaktionell bearbeitet von Martin Marheinecke.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Ostara &#8211; oder: dem Fest ist es egal, ob eine Göttin so heißt</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/ostara-oder-dem-fest-ist-es-egal-ob-eine-gottin-so-heist/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/ostara-oder-dem-fest-ist-es-egal-ob-eine-gottin-so-heist/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 19 Mar 2009 22:51:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur & Weltbild]]></category>
		<category><![CDATA[feste]]></category>
		<category><![CDATA[frühling]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
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		<category><![CDATA[Mittelalter]]></category>
		<category><![CDATA[ostara]]></category>
		<category><![CDATA[Ostern]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1218</guid>
		<description><![CDATA[<p>Im Ásatrú ist es üblich, das Fest des Frühlingsbeginns als Ostarafest zu feiern.<br />
Es ist ziemlich sicher &#8211; wenngleich nicht beweisbar &#8211; dass auch schon die &#8220;alten Germanen&#8221; im heutigen Deutschland ein Frühjahrsfest kannten. Schließlich wäre es ziemlich ungewöhnlich, wenn ein Bauernvolk <i>kein</i> Frühlingsfest hätte!<span id="more-1218"></span><br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/4386206"><img src="http://u1.ipernity.com/8/62/06/4386206.218fec62.500.jpg" width="500" height="375" alt="krokus-01" border="0"/></a></p>
<p>Ob man dieses Fest, wie üblich, Ostara nennt, ist keineswegs zwingend. Im Norden, vor allem in Island, nennt man es schlicht Várblót (Frühlingsfest). Auch der Name Sigrblót (Siegesfest) ist bekannt, da zum Frühlingsbeginn der Sieg über die winterlichen Reifriesen gefeiert wird.</p>
<p>Bleiben wir bei Ostara. Ein Name, der an das Licht der Sonne erinnert, die am Tag der Frühjahrstagundnachtgleiche genau im Osten aufgeht. Deshalb liegt die Betonung bei Ostara auch auf dem &#8220;O&#8221; wie &#8220;Ost&#8221; und nicht auf dem mittleren &#8220;a&#8221;, wie man es so oft hört. </p>
<p>Woher jedoch die Bezeichnung Ostara genau stammt, ist nicht ganz geklärt. Manche grimmige Germanenfreunde (also solche, die sich auf Jacob Grimm berufen) meinen, es gäbe eine germanische Göttin des Frühlings namens <i>Ostara</i>. Jacob Grimm leitete diesen Namen durch philologische Vergleiche her, die spätere Gelehrte nicht so ganz zu überzeugen vermochten.<br />
Pünktlich zu Frühlingsbeginn &#8211; oder allerspätestens zu Ostern &#8211; erscheinen in populären Medien Artikel, in denen vehement bestritten wird, dass &#8220;Ostern&#8221; von einer &#8220;angeblichen Germanengöttin Ostara&#8221; käme. Etwa weniger Vehemenz wäre da angebracht.<br />
Man kann nicht sagen, dass Jacob Grimm die blütenbringende Göttin mittels blühender Fantasie nachträglich aus dem Namen des Osterfestes erschlossen hätte. Als Quelle bezog sich Grimm nämlich auf den angelsächsischen Mönch und Kirchenhistoriker Beda Venerabilis, der zu Beginn des 8. Jahrhunderts lebte. Beda erklärte den angelsächsischen Eostur-monath (Ostermonat) mit einer heidnischen angelsächsischen Göttin namens &#8220;Eostrae&#8221;. Grimm war immerhin skeptisch genug, um in seinem &#8220;Deutschen Wörterbuch&#8221; die Möglichkeit einzuräumen, Beda könne die Göttin schlicht erfunden haben.</p>
<p>Es stimmt aber, dass Grimm dafür verantwortlich ist, dass als mutmaßlicher kontinentalgermanischer Name der Frühjahrsgöttin &#8220;Ostara&#8221; gebräuchlich wurde. Er hatte diesen Namen aus dem althochdeutschen &#8220;ostarun&#8221; für Ostern&#8221; abgeleitet. Im Althochdeutschen des Frankenreichs wurde der April &#8220;ôstarmânôt&#8221; genannt.<br />
In fast allen europäischen Sprachen, außer Englisch und Deutsch, leitet sich der Name für das christliche Osterfest vom aramäischen pas&#8217;cha, angelehnt an das hebräische Wort Pessach, ab.<br />
(Dänisch: påske, Finnisch: pääsiäinen, Französisch: pâques, Isländisch: páskar,<br />
Italienisch: pasqua, Niederländisch: pasen, Schwedisch: påsk, Spanisch: pascua usw. usw..) Das spricht für einen &#8220;echt germanischen&#8221; Namen des Festes, der dann wohl auch heidnische Wurzeln hätte. (Der Name, nicht das Fest &#8211; wenn es ein heidnisches ostarun gegeben hat, trat das christliche Ostern in ähnlicher Weise an Stelle des heidnischen Festes, wie Jul / Mittwinter durch das christliche Weihnachten ersetzt wurde.)<br />
Trotzdem ist die von Grimm erschlossene Form &#8220;Ostara&#8221; schon deshalb zweifelhaft, weil der größte Teil des späteren Deutschlands zu der Zeit, als osterun und ôstarmânôt sprachlich fassbar wurden, schon mehr oder weniger erfolgreich christianisiert war.<br />
Das Wort &#8220;Ostern&#8221; wie die Himmelsrichtung &#8220;Osten&#8221; lässt sich auf die altgermanische Form *ausro für &#8220;Morgenröte&#8221;  zurückführen. Schwer zu sagen, ob nun der Monatsname direkt nach der Himmelsrichtung benannt ist, die wiederum nach der Morgenröte benannt wurde, oder über den Umweg über eine Göttin, die entweder nach der Morgenröte oder eben dieser Himmelsrichtung benannt wurde.<br />
Jetzt gibt es natürlich Schlaumeier, die darauf hinweisen, dass in der Edda die Himmelsrichtung &#8220;Osten&#8221; mit dem Zwerg Ostri verknüpft sei, der zusammen mit seinen Kollegen Nordri, Westri und Södri den Himmel tragen würde. Die mögen daran denken, dass zwischen der Zeit, aus der die ältesten althochdeutschen Sprachdenkmäler, so auch das Wort osterun, stammen, und der Niederschrift der Liederedda locker 500 Jahre und mehr als 2000 km liegen. Abgesehen davon sind &#8220;mythologische Mehrfachbelegungen&#8221; nicht ungewöhlich.<br />
Vielleicht ist aber auch der berühmteste Holzfäller des frühen Mittelalters, der angelsächsische Missionar Bonifatius, für das Wort ostarun, das in Chroniken aus seinem Wirkkreis auftaucht, und dann wohl indirekt auch für ôstarmânôt verantwortlich, und zwar in Anlehnung an den angelsächsischen Monatsnamen Eostur-monath. Allerdings schrieb Beda ausdrücklich und spürbar erleichtert, dass sich (vorläufig, wie sich später erwies) unter den Angelsachsen &#8220;Passahmonat&#8221; durchgesetzt hätte. Beda Venerabilis lebte von 673 bis 735, Wynfreth Bonifatius von 675 bis 745, sie waren also Zeitgenossen und kannte sich vielleicht sogar persönlich. Es gibt also keinen Grund, wieso Bonifatius ostarun schreiben oder schreiben lassen sollte, wenn diese Bezeichnung nicht im Missionsgebiet üblich war.</p>
<p>Es ist, wie schon erwähnt, sehr wahrscheinlich, dass es frühjährliche Vegetationsriten gab. Außerdem deutet Manches darauf hin, dass zu dieser Gelegenheit die Matronen- bzw. Disen- bzw. Idisi verehrt wurden. Die von über 150 Weihesteinen aus der Römerzeit (um 200 u. Z.) her bekannte <i>Matronis Austriahenis</i> ist die am häufigsten namentlich belegte Matrone. Der Name ist eindeutig germanischen Ursprungs und der Namensteil &#8220;Austr-&#8221; wird übereinstimmend als &#8220;Osten-&#8221; übersetzt.<br />
Auch würde eine germanische Göttin der Morgenröte namens Austro gut zur indischen Uṣāḥ, griechischen Eos, römischen Aurora und der litauischen Aušrine (alles Göttinnen der Morgenröte) passen.<br />
Aber bewiesen ist dadurch nichts.<br />
Eher skeptisch sollte man aber gegenüber der in vor allem in Wicca-Kreisen beliebten Gleichsetzung von Ostara mit der westsemitischen Fruchtbarkeitsgöttin Astarte (Aschtoret, Athtar)sein. Die Eier- und Hasensymbolik zu Ostern kommt ganz gut ohne Astarte aus, denn Eier oder eifrig rammelnde Hasen sind auch ohne Rückgriff auf Astarte überzeugende Fruchbarkeitssymbole.</p>
<p>Ebenso wenig vermag die Hypothese des fernsehberühmten &#8220;Namensprofessors&#8221; Jürgen Udolphs zu überzeugen, der den Begriff Ostern von einem nordgermanischen Wortstamm *ausa (Wasser schöpfen, gießen) herleitet, was er z. B. mit einem im Altwestnorwegischen bezeugtem abgeleiteten Wort *austra (im Sinne von &#8220;Wasser aus dem Schiffsboden ausschöpfen und weggiessen&#8221;, vgl. plattdeutsch &#8220;ösen&#8221;) untermauert, und mit Taufriten in Verbindung bringt. Das Dumme dabei ist nämlich, dass für die Taufe schon das nordische Wort &#8220;diepan&#8221; und das althochdeutsche &#8220;toufan&#8221; bekannt sind.</p>
<p>Wie dem auch sei, für ein fröhliches Frühlingsfest ist es völlig egal, wie die dazugehörige Göttin heißt, und es ist auch einigermaßen schnuppe, ob es wirklich bei den ollen Germanen eine spezielle Morgenrötegöttin gab!</p>
<p>Allen näher an Ostara Interessierten sei dieser weiterführende Artikel von Kurt Oertel ausdrücklich empfohlen:<br />
<a href="http://www.eldaring.de/pages/germanisches-heidentum/goetter-und-wesen/goettin-ostara.php" target="_blank">Göttin Ostara &#8211; Eine germanische Göttin?</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/ostara-oder-dem-fest-ist-es-egal-ob-eine-gottin-so-heist/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Ásatrú ist es üblich, das Fest des Frühlingsbeginns als Ostarafest zu feiern.<br />
Es ist ziemlich sicher &#8211; wenngleich nicht beweisbar &#8211; dass auch schon die &#8220;alten Germanen&#8221; im heutigen Deutschland ein Frühjahrsfest kannten. Schließlich wäre es ziemlich ungewöhnlich, wenn ein Bauernvolk <i>kein</i> Frühlingsfest hätte!<span id="more-1218"></span><br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/4386206"><img src="http://u1.ipernity.com/8/62/06/4386206.218fec62.500.jpg" width="500" height="375" alt="krokus-01" border="0"/></a></p>
<p>Ob man dieses Fest, wie üblich, Ostara nennt, ist keineswegs zwingend. Im Norden, vor allem in Island, nennt man es schlicht Várblót (Frühlingsfest). Auch der Name Sigrblót (Siegesfest) ist bekannt, da zum Frühlingsbeginn der Sieg über die winterlichen Reifriesen gefeiert wird.</p>
<p>Bleiben wir bei Ostara. Ein Name, der an das Licht der Sonne erinnert, die am Tag der Frühjahrstagundnachtgleiche genau im Osten aufgeht. Deshalb liegt die Betonung bei Ostara auch auf dem &#8220;O&#8221; wie &#8220;Ost&#8221; und nicht auf dem mittleren &#8220;a&#8221;, wie man es so oft hört. </p>
<p>Woher jedoch die Bezeichnung Ostara genau stammt, ist nicht ganz geklärt. Manche grimmige Germanenfreunde (also solche, die sich auf Jacob Grimm berufen) meinen, es gäbe eine germanische Göttin des Frühlings namens <i>Ostara</i>. Jacob Grimm leitete diesen Namen durch philologische Vergleiche her, die spätere Gelehrte nicht so ganz zu überzeugen vermochten.<br />
Pünktlich zu Frühlingsbeginn &#8211; oder allerspätestens zu Ostern &#8211; erscheinen in populären Medien Artikel, in denen vehement bestritten wird, dass &#8220;Ostern&#8221; von einer &#8220;angeblichen Germanengöttin Ostara&#8221; käme. Etwa weniger Vehemenz wäre da angebracht.<br />
Man kann nicht sagen, dass Jacob Grimm die blütenbringende Göttin mittels blühender Fantasie nachträglich aus dem Namen des Osterfestes erschlossen hätte. Als Quelle bezog sich Grimm nämlich auf den angelsächsischen Mönch und Kirchenhistoriker Beda Venerabilis, der zu Beginn des 8. Jahrhunderts lebte. Beda erklärte den angelsächsischen Eostur-monath (Ostermonat) mit einer heidnischen angelsächsischen Göttin namens &#8220;Eostrae&#8221;. Grimm war immerhin skeptisch genug, um in seinem &#8220;Deutschen Wörterbuch&#8221; die Möglichkeit einzuräumen, Beda könne die Göttin schlicht erfunden haben.</p>
<p>Es stimmt aber, dass Grimm dafür verantwortlich ist, dass als mutmaßlicher kontinentalgermanischer Name der Frühjahrsgöttin &#8220;Ostara&#8221; gebräuchlich wurde. Er hatte diesen Namen aus dem althochdeutschen &#8220;ostarun&#8221; für Ostern&#8221; abgeleitet. Im Althochdeutschen des Frankenreichs wurde der April &#8220;ôstarmânôt&#8221; genannt.<br />
In fast allen europäischen Sprachen, außer Englisch und Deutsch, leitet sich der Name für das christliche Osterfest vom aramäischen pas&#8217;cha, angelehnt an das hebräische Wort Pessach, ab.<br />
(Dänisch: påske, Finnisch: pääsiäinen, Französisch: pâques, Isländisch: páskar,<br />
Italienisch: pasqua, Niederländisch: pasen, Schwedisch: påsk, Spanisch: pascua usw. usw..) Das spricht für einen &#8220;echt germanischen&#8221; Namen des Festes, der dann wohl auch heidnische Wurzeln hätte. (Der Name, nicht das Fest &#8211; wenn es ein heidnisches ostarun gegeben hat, trat das christliche Ostern in ähnlicher Weise an Stelle des heidnischen Festes, wie Jul / Mittwinter durch das christliche Weihnachten ersetzt wurde.)<br />
Trotzdem ist die von Grimm erschlossene Form &#8220;Ostara&#8221; schon deshalb zweifelhaft, weil der größte Teil des späteren Deutschlands zu der Zeit, als osterun und ôstarmânôt sprachlich fassbar wurden, schon mehr oder weniger erfolgreich christianisiert war.<br />
Das Wort &#8220;Ostern&#8221; wie die Himmelsrichtung &#8220;Osten&#8221; lässt sich auf die altgermanische Form *ausro für &#8220;Morgenröte&#8221;  zurückführen. Schwer zu sagen, ob nun der Monatsname direkt nach der Himmelsrichtung benannt ist, die wiederum nach der Morgenröte benannt wurde, oder über den Umweg über eine Göttin, die entweder nach der Morgenröte oder eben dieser Himmelsrichtung benannt wurde.<br />
Jetzt gibt es natürlich Schlaumeier, die darauf hinweisen, dass in der Edda die Himmelsrichtung &#8220;Osten&#8221; mit dem Zwerg Ostri verknüpft sei, der zusammen mit seinen Kollegen Nordri, Westri und Södri den Himmel tragen würde. Die mögen daran denken, dass zwischen der Zeit, aus der die ältesten althochdeutschen Sprachdenkmäler, so auch das Wort osterun, stammen, und der Niederschrift der Liederedda locker 500 Jahre und mehr als 2000 km liegen. Abgesehen davon sind &#8220;mythologische Mehrfachbelegungen&#8221; nicht ungewöhlich.<br />
Vielleicht ist aber auch der berühmteste Holzfäller des frühen Mittelalters, der angelsächsische Missionar Bonifatius, für das Wort ostarun, das in Chroniken aus seinem Wirkkreis auftaucht, und dann wohl indirekt auch für ôstarmânôt verantwortlich, und zwar in Anlehnung an den angelsächsischen Monatsnamen Eostur-monath. Allerdings schrieb Beda ausdrücklich und spürbar erleichtert, dass sich (vorläufig, wie sich später erwies) unter den Angelsachsen &#8220;Passahmonat&#8221; durchgesetzt hätte. Beda Venerabilis lebte von 673 bis 735, Wynfreth Bonifatius von 675 bis 745, sie waren also Zeitgenossen und kannte sich vielleicht sogar persönlich. Es gibt also keinen Grund, wieso Bonifatius ostarun schreiben oder schreiben lassen sollte, wenn diese Bezeichnung nicht im Missionsgebiet üblich war.</p>
<p>Es ist, wie schon erwähnt, sehr wahrscheinlich, dass es frühjährliche Vegetationsriten gab. Außerdem deutet Manches darauf hin, dass zu dieser Gelegenheit die Matronen- bzw. Disen- bzw. Idisi verehrt wurden. Die von über 150 Weihesteinen aus der Römerzeit (um 200 u. Z.) her bekannte <i>Matronis Austriahenis</i> ist die am häufigsten namentlich belegte Matrone. Der Name ist eindeutig germanischen Ursprungs und der Namensteil &#8220;Austr-&#8221; wird übereinstimmend als &#8220;Osten-&#8221; übersetzt.<br />
Auch würde eine germanische Göttin der Morgenröte namens Austro gut zur indischen Uṣāḥ, griechischen Eos, römischen Aurora und der litauischen Aušrine (alles Göttinnen der Morgenröte) passen.<br />
Aber bewiesen ist dadurch nichts.<br />
Eher skeptisch sollte man aber gegenüber der in vor allem in Wicca-Kreisen beliebten Gleichsetzung von Ostara mit der westsemitischen Fruchtbarkeitsgöttin Astarte (Aschtoret, Athtar)sein. Die Eier- und Hasensymbolik zu Ostern kommt ganz gut ohne Astarte aus, denn Eier oder eifrig rammelnde Hasen sind auch ohne Rückgriff auf Astarte überzeugende Fruchbarkeitssymbole.</p>
<p>Ebenso wenig vermag die Hypothese des fernsehberühmten &#8220;Namensprofessors&#8221; Jürgen Udolphs zu überzeugen, der den Begriff Ostern von einem nordgermanischen Wortstamm *ausa (Wasser schöpfen, gießen) herleitet, was er z. B. mit einem im Altwestnorwegischen bezeugtem abgeleiteten Wort *austra (im Sinne von &#8220;Wasser aus dem Schiffsboden ausschöpfen und weggiessen&#8221;, vgl. plattdeutsch &#8220;ösen&#8221;) untermauert, und mit Taufriten in Verbindung bringt. Das Dumme dabei ist nämlich, dass für die Taufe schon das nordische Wort &#8220;diepan&#8221; und das althochdeutsche &#8220;toufan&#8221; bekannt sind.</p>
<p>Wie dem auch sei, für ein fröhliches Frühlingsfest ist es völlig egal, wie die dazugehörige Göttin heißt, und es ist auch einigermaßen schnuppe, ob es wirklich bei den ollen Germanen eine spezielle Morgenrötegöttin gab!</p>
<p>Allen näher an Ostara Interessierten sei dieser weiterführende Artikel von Kurt Oertel ausdrücklich empfohlen:<br />
<a href="http://www.eldaring.de/pages/germanisches-heidentum/goetter-und-wesen/goettin-ostara.php" target="_blank">Göttin Ostara &#8211; Eine germanische Göttin?</a></p>
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		<title>Der kleine Unterschied</title>
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		<pubDate>Sat, 25 Oct 2008 23:19:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p><strong>Freyja die Schöne und Odin der Schreckliche, der starke Thor und die Schicksal webenden Nornen&#8230; Das sind sie doch: die typischen Gestalten aus dem germanischen Götterhimmel? Nicht wahr? Nun jein: als typisch mögen sie gelten. Aber ob wir sie germanisch nennen dürfen – das steht in offener Frage. </strong></p>
<p><strong><em>Im Voraus: me too</em></strong><br />
Da auf einer Plattform wie dieser (vielleicht ja im Medium Internet überhaupt) häufig erstmal wüst geblökt wird, und erst dann gelesen – nachgedacht aber so gut wie überhaupt nie, stelle ich meiner Überlegung einen&#8230; nennen wir´s&#8230; <em>Conclaimer voraus:</em> mein Bekenntnis, dass ich eigenen kritischen Gedankengangs allererstes Opfer selber bin.</p>
<p>Und auch bestes Beispiel, mit Verlaub: denn ich bin nicht weniger Ásatrú dadurch, dass ich vermeintliche Selbstverständlichkeiten meines mythologischen Überbaus in Frage stelle. Ganz im Gegenteil. Ich stelle sie in Frage, <em>weil</em> ich Ásatrú bin. Genügsames Nachtrotten (wem oder was eigentlich hinterher, und weswegen?) ist was für Schafsgemüter,  Vorgekautes Wiederkäuen aber ein Merkmal von Rindviechern. Mein Donnergott wirft nicht mit Wattebäuschchen. Warum sollte ich verhehlen, wo der Hammer hängt?</p>
<p>Also Honig auf mein Haupt (oder -wein in meine Kehle: Asche ist mir zu christlich für den Zweck) – ich gebe zu und bekenne:<br />
Ja, auch ich bin im Bann der schrecklichen Freyja, stärke mich an Odins Beispiel, finde Thor wunderschön und mein Schicksal im Netz der Nornen gut verwoben. Ich höre auf Heimdalls Rat und lasse mir meine Sehnsüchte von Lofn auf Erlaubnis freischalten. Ich vertraue Tyr – und wenn auf geradem Weg gar nix mehr geht, hilft mir sogar Loki aus der Patsche (in eine manchmal größere, aber es ging ja sonst nix). Ich opfere sogar einer Frühlingsgöttin Óstara – obwohl die gar nicht &#8220;in der Edda steht&#8221;.<br />
Und – schon mal was von Támfana gehört? Aber ich will nicht vorgreifen&#8230;</p>
<p>Ich gehe davon aus, dass ich niemals nach Valhall komme. Zum einen, weil da nur diejenigen Krieger hinkommen, die in der Schlacht fallen. Es ist ungeklärt, ob das auch für Krieger der Waffengattung Zunge gilt&#8230; vielleicht wären Fragensteller zu gefährlich für die Hausordnung Valhalls (die aus der späteren Völkerwanderungszeit stammt: und was bitt´schön hab ich mit vormittelalterlichem Hauen und Stechen am Helm?)? </p>
<p>Sollte ich dennoch &#8220;fallen&#8221;, vulgo eines unnatürlichen Todes sterben, habe ich schreckliche Hoffnung, dass ich eher im Gefolge der Großen Sau lande: wie auf Erden, so in Folkvang (auch wenn es von diesem &#8220;Jenseits&#8221;, im Gegensatz zu Valhall, keine Beschreibung gibt. Das lässt mehr Raum für eigene Phantasie&#8230;). Schließlich hat die Göttin der nassen Schenkel die erste Wahl vor dem Rabengott und Speerschüttler. Auch wenn der mein Chef ist und bleibt. Er mag mir den Speer brechen dereinst – aber Freyja wäre keine Frau, wenn sie nicht auch in diesem Phall das letzte Wort behielte. Küß die Hand, gnä´ Sau. Es mag Schlimmeres geben, als erste Wahl zu sein. Unten wie oben.</p>
<p>Sollte aber zum andern nix weiter oder anderes passieren – was als wahrscheinlich gelten darf –, lande ich (laut Edda zumindest) bei Hel. Was mich dünkt wie eine Art Reset, da ich eh den Eindruck habe, dort herzukommen. Aber das nächste Mal schau ich mir das Kleingedruckte genauer an&#8230; (Lassen Sie sich ins späte 20. Jh. gebären, hieß es. Da gibt´s Parties und Telefon und später sogar E-Mails, da könnense schwadronieren, bis den Mädels der Saft tropft, hieß es. Da haste freie Berufswahl, Waschmaschinen und mehr als eine Hose, die Musik brauchste nimmer selber machen und sogar den Wein gibt´s fertig im Supermarkt, ohne dass du ihn erst mühsam und risikoreich – Valhall! – den blöderweise viel besser bewaffneten und obendrein unsäglich arroganten Amis, äh, Römern klauen musst. Angeblich könne man sogar Könige und Fürsten einfach abwählen, ohne sie selber köpfen zu müssen. Hieß es. Aber das keineswegs – oder höchstens sehr bedingt auch – Party gewesene 20. Jh. ist vorbei, und einer wie Ackermann steht immer noch der Deutschen Bank vor, ohne auf irgendeinem Wahlzettel aufzutauchen – um hernach unterhalb fünfprozentigen Bevölkerungsapplauses in wohlverdienter Vergessenheit zu vergurgeln&#8230;). Hel verhehlt den ihren halt so manches.</p>
<p><em>Conclaimer Ende.</em> Ich habe hier also hoffentlich ausreichend dargelegt, dass ich ein ganz gewöhnlicher Anhänger ásatrútypischer Mythen, Gott- und Frechheiten bin – und es liegt mir weißtyr fern, auch nur eine einzige meiner Gottheiten als solche anzuzweifeln: wer wäre ich denn? Ich erlaube mir nur einen Blick auf die Grundlage, auf der ihre Mythen beruhen – mit der aber bricht leider ein Großteil dessen ein, was wir über sie wissen&#8230; was man uns überlieferte&#8230; und woraus der/die Ásatrú gewöhnlich wesentliche Teile ihrer/seiner Identidings schnitzt.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/2871503"><img src="http://u1.ipernity.com/8/15/03/2871503.a4e6001e.500.jpg" border="0" alt="JD603285" width="375" height="500" target="_blank" /></a><br />
<em>Runenstein aus der Wikingerzeit (Kopie) &#8211; Wikingermuseum Foteviken, Schweden (Foto: Volkmar Kuhnle)</em></p>
<p><strong>Es steht geschrieben</strong><br />
Was steht alles fest? Die historischen Kulturen, die wir heute als germanische bezeichnen, waren weitgehend schriftlos. Im Gegensatz zu Römern und Griechen machten sich Germanen nicht die geringste Mühe, ihre möglichen Gedanken späteren Generationen einigermaßen nachvollziehbar mitzuteilen. Auf Runensteinen stehen eher knappere bis knappste Botschaften&#8230; über z.B. Schiffsunglücke, zudem in häufig vielschichtiger Deutungsunsicherheit – wobei das halbe Quantum der Nachricht noch aus dem umständlichen Copyright-Sermon des beauftragten Érilar, des Runenritzmeisters bestehen mag. </p>
<p>Wo aber doch mal mehr Worte zusammenhängend in Stein gehauen wurden, war die Motivation der dann so titulierbaren Textinhalte nicht selten schon christlich. Nahezu alles frühere Geritze – auf Waffen, Brakteaten oder Knochen – gibt deutlich mehr Rätsel auf, als es erklärt. Noch auf dem nächstbeliebigen einzelnen römischen Popel-, äh, Patriziergrab finden wir mehr Inschriften vulgo ausdeutbare Info über die Kultur, die den Betreffenden unter die Erde brachte, als in den Hinterlassenschaften ganzer germanischer Stämme zusammen. Der germanische O-Ton, soweit überhaupt als solcher verifizierbar, hinterlässt uns, Inschriften betreffend, also eher unbefriedigt.</p>
<p>Was haben wir noch? Längliche – und womöglich aufschlussreiche – Aufzeichnungen von Plinius dem Älteren, welcher ein Römer war, aber sich doch nicht zu schade, Zusammenstöße seiner zivilisierten Zeitgenossen mit den (auch germanischen) Barbaren aus dem Norden wortreich zu schildern, hätten wir beinah überliefert gekriegt. Leider musste sich der antike Gelehrte mit dem fortschrittlichsten Medium seiner Zeit begnügen, welches Papyrus war. Dieses Speichermedium ist zwar haltbarer als die CD – aber im Laufe der unerbittlichen Zeit doch nicht haltbar genug: was bereits die römischen Zeitgenossen bemerkten. Die, als sie gewahrten, dass der Schmodder noch zu ihren Lebzeiten verrottet, das Zeugs flugs abschrieben. </p>
<p>Natürlich nicht die ganzen öden Details, die eh niemanden interessierten. Sondern nur knuffige Zusammenfassungen. Und so weiter und so fort: immer etwas weniger. Am Ende blieb eigentlich vor allem der Umstand überliefert, dass Plinius der Ältere unheimlich viel aufgeschrieben hatte: nicht weniger als 20 Bücher sollen es gewesen sein, der er über die &#8220;germanischen Kriege&#8221; verfasste. Das wissen wir heute noch: Sein Neffe Plinius der Jüngere war so freundlich gewesen, das in seinem Nachruf auf den Onkel mitzuerwähnen. Nur was jener da zu schildern wusste, das wissen wir leider nicht mehr. Das ist verrottet. Pech aber auch –  umso mehr, als dass es Berichte aus erster Hand gewesen wären: denn Plinius der Ältere war fünf Jahre lang als römischer Offizier in niedergermanischen Gefilden stationiert gewesen. Zwar darf man nicht davon ausgehen, daß er Interesse an der germanischenn Kultur gehabt hat: kein antiker Autor hatte das. Aber als Augenzeugenberichte hätten diese Aufzeichnungen Seltenheitswert gehabt.</p>
<p>Später. Ein Römer namens Tacitus. Redner, Politiker, Gelehrter. Nahm sich die zivi´sierten Hauptstadtbewohner seiner Zeit vor. Um 100 nach Christus war das. Hört mal, guckt mal, schrieb er. Ihr verlotterten Saubären. Meinte er. Seine Landsleut´ meinend – die urbanen vor allem: Ihr solltet euch schämen, einander heimliche Liebesbriefchen zuzustecken, wenn ihr nichtmal verheiratet seid miteinander, insistierte er (den Umstand ignorierend, dass Ehen in aller Regel der Menschheitsgeschichte alles Mögliche provozieren: wozu eheinterne Liebesbriefe erkennbar nicht gehören. Denn Liebesbriefe scheinen eine Ausdrucksart Verliebter zu sein: schon immer&#8230;). Nehmt euch ein Beispiel, sagte der sittenstrenge Tacitus, an Winnetou, dem edlen blonden Häuptling der Germanen. (Die ganz bestimmt keine Liebesbriefchen schreiben konnten, schon weil sie der Schriftkunst als solcher unkundig waren, Anm. d. Verf.)</p>
<p>Tacitus weiter, in einer überzeugenden Mischung aus Schwärmerei und Befremden, über die (von ihm an den Haaren herbeizitierten) Germanen: Das sind wetterharte Recken jenseits der Alpen, wisst ihr. Die laufen den ganzen Tag oben ohne herum (die Männer zumindest), obwohl´s da oben schneit, und bevor sie nicht mindestens 20 Jahre alt sind, kommen diese edlen Wilden überhaupt nicht auf Ideen von wegen Blümchen und Bienchen und so&#8230; Tacitus schrieb eine Menge. Nicht das meiste davon, sondern schlichtweg alles hatte er von andern gehört: von Leuten, die dort oben gewesen waren, im Norden. Im Gegensatz zu ihm selber. Zudem lässt sich heute schwerlich bestimmen, welche germanischen Götter irgendein Römer meinte, wenn er im Zuge der so genannten &#8220;Pax Romana&#8221; ganz selbstverständlich römische Götternamen benutzte, um die Gottheiten ihm fremder Kulturen zu beschreiben&#8230; Tacitus ist ein typisches Beispiel für diese großzügige Laxheit.</p>
<p>Zu seiner Zeit wurde abgeschnittenes Blondhaar aus dem dust´ren Norden als teure Exotik auf Roms Märkten verkauft. Zivilisierte träumen gern von etwas Unwissbarem, das sie für &#8220;ursprünglich&#8221; halten mögen. Worin ihre zumeist frustrierten Phantasien orgiastisch (und folgenlos) kulminieren können. Das gilt damals wie heute. Typische Beispiele: die angebliche &#8220;Naturnähe&#8221; (wenn nicht gar unterstellte Naturliebe) archaischer Naturreligiöser, einfachere Lebens-Organisationsformen, Freie Liebe, Matriarchat&#8230; bis hin zur emotionsberuhigend anschaulichen Es-war-einmal-Show des romantisch-verrußten Freizeit-Schmiedes aufm pest-, aber nicht abgas- oder feinstaubfreien Mittelaltermarkt. Spätestens sein Beispiel lässt vergessen, für Momente des Staunens, Schauderns oder scheinüberlegenen Gähnens zumindest: den zickenden Ticketautomaten, der deinen sauer erworbenen und gerade noch aus der Manteltasche gekramten Knittergeldschein beharrlich wieder ausspuckt, während der heute ausnahmsweise pünktliche Zug zehn Gleise fern von dir abzufahren droht.</p>
<p><strong>Heilige Schriften?</strong><br />
Soweit, so fraglich. Aber wir haben ja noch was. Die Edda! Die nordischste aller Überlieferungen über die nordeuropäischen Kulturen! Tatsächlich wird gerade diese zusammenhängendste aller literarischen Quellen von manchem gerngläubigen Neuheiden als eine Art &#8220;nordische Bibel&#8221; gesehen – oder zumindest so behandelt. </p>
<p>Ich beobachtete auf einem Vortrag über Core-Schamanismus, der auf einer Neuheiden-Veranstaltung gehalten wurde von einem Gastredner, wie sich hernach ganze Trauben von Germanengläubigen um ihre Wortführer (oder die Belesensten halt) scharten, um zu erfragen, was denn nun von dem – inhaltlich kompetenten und hochinteressanten – Stoff für sie anwendbar sei: ob da irgendwas durch die Edda &#8220;abgedeckt&#8221; sei oder darin stünde. Man gewann den Eindruck, dass vom Vortragsthema nur solche Aspekte brauchbar oder relevant sein könnten, von denen die Filterung durch die Edda irgendetwas übrig ließ – für jene Germanengläubigen halt. Nur ein besonders krasses Beispiel. Aber die persönliche kulturelle Identität von den Wortwörtlichkeiten bestimmter literarischer Quellen abhängig zu machen, scheint ein typisch neogermanisches Syndrom (wenn nicht gar Symptom) zu sein: so häufig, wie es auftritt!</p>
<p>Das Problem ist dabei, wie ich meine, noch weniger die recht unterschiedliche Qualität und inhaltliche Ausdeutung der verschiedenen Übertragungen aus der Originalsprache. Das Problem ist ebenfalls nicht, dass sich, wer auch nur ein paar Brocken Altnordisch parat hat, unter germanengläubigen Neuheiden recht leicht und billig zur Scheinautorität mit entsprechender Deutungshoheit angeblichen &#8220;alten Wissens&#8221; aufschwingen kann. Wer sich solchen Pfeifen als Gefolge andient, sich ergo als Mensch benimmt wie ein Lamm, erklärt zumindest mir vergeblich, was daran bitteschön &#8220;Ásatrú&#8221; sein soll. Aber vielleicht ist das mit ein Grund, warum Lämmer Hirten brauchen (die das dann für sie erklären): hier nicht unser Thema.</p>
<p>Dem Problem schon etwas näher kommen wir bei der Untersuchung der Quellen selbst. Spätestens ihre zahllosen Widersprüchlichkeiten, Ungereimtheiten und Lücken müssten bei jedem halbwegs intelligenten Primaten Fragen aufwerfen: Woher &#8220;quellen&#8221; die denn? Und wieso quillt da überhaupt was? Bei der Edda ist das ziemlich klar: Es gibt die Ältere Edda und die Jüngere, wobei die jüngere historisch älter ist als die ältere. Bongi? Nein, das ist keine germanische Version von Dialektik – diese kleine Begriffsverwirrnis hat sich nur im Laufe der Zeit ganz banal ergeben. Schließlich kam der Kram im Original nicht als Hardcover oder Taschenbuch heraus. </p>
<p>Die handschriftlichen Urfassungen sind von einem isländischen Gelehrten namens Snorri Sturluson. Er schrieb auf einzelne Blätter. Die Vollständigkeit der Hinterlassenschaft darf angezweifelt werden, die Reihenfolge der verbliebenen Teile, oft sogar einzelner Verse, ist umstritten. Ebenso die Frage von Snorris Quellen. Besonders interessant an der Edda sind aber zwei Aspekte: der Zeitpunkt ihrer Entstehung, und die Motivation dahinter. Als Snorri das niederkratzte, was wir heute fast ausschließlich über altgermanische Mythologie wissen (bzw. für solche halten), war Island schon seit über zwei Jahrhunderten christlich. Die Absicht des Gelehrten war zudem keineswegs, irgendeinen alten Glauben zu bewahren, sondern seinen Schülern eine bestimmte Form der damaligen Dichtkunst beizubringen, die so genannte Skaldik.</p>
<p>Selbstverständlich darf davon ausgegangen werden, dass der Lehrer tief in die heidnische Mottenkiste griff: und so manche Sagen, Mären und Lieder vor dem endgültigen Vergessen bewahrte. Wofür wir ihm auch unendlich dankbar sind. Nur muss man sich darüber klar sein, dass schon jener allererste nordische Mythenaufschreiber und -nachdichter verfuhr wie ein heutiger Theater- oder Filmregisseur mit Autorentexten: Da werden weite Passagen gestrichen, Kapitel umgebaut, Personen und Handlungsstränge neu gruppiert – und wo was fehlt, wird flugs was eingefügt, dazuerfunden: von einzelnen Figuren bis ganzen Aktionssequenzen. &#8220;Based on the novel of&#8230;&#8221; steht dann im Nachspann. Das ist ein ganz normaler, konsequenter Vorgang: Filme bedienen das Auge, Bücher die Phantasie, Theater bemüht sich um beides. (Dies ist keine Aussage über etwaige Qualitäten oder Mängel, sondern ergibt sich geradezu zwingend aus der unterschiedlichen Natur der Vermittlungsformen und deren spezifischen Anforderungen.)</p>
<p>Warum aber soll Snorri – der ja kein Theater machte – vergleichbar verfahren sein mit dem von ihm überlieferten Mythenstoff? Sehr einfach: weil nach irgendeiner Authentizität der Inhalte damals kein Hahn mehr krähte, und der Verwender des Stoffes schon gar nicht. Um Dichtkunst ging´s. Ein Manual hat er verfasst, wie ein ordentlicher Skalde ordentliche Skaldenverse zu schmieden hat. Für die Veranschaulichung seines schriftlichen Workshops nahm er alte Sagen und Erzählungen heran: oder schöpfte nur aus ihnen, ließ sich von Altem inspirieren&#8230; wobei ihn nichts gebremst haben braucht, da beliebig hineinzukreieren, herumzumixen oder wegzulassen. Ein Interesse an diesem Stoff will ich ihm bestimmt nicht absprechen: ist doch schon fast herzig, wie er die Asen auf eine knuffige Anzahl von Zwölfen zu trimmen versucht, sich aber schon dabei in Widersprüche verstrickt. </p>
<p>Egal! Der Stoff war public domain, frei verfügbarer Fundus, seine Niederschrift aber Mittel zu einem ganz anderen Zweck. Inhaltlich brauchten die Nacherzählungen keinen genaueren Ansprüchen genügen als etwa Disneys Zeichentrick-Verwurstung des Herkules-Mythos. Hie wie dort griff man auf &#8220;noch irgendwie Bekanntes&#8221;, auf &#8220;mal Gehörtes&#8221; zurück: Hollywood zur kommerziellen Unterhaltung, Snorri zur fachlichen Nachwuchsdichter-Belehrung.</p>
<p>Nun kennen wir Heutigen die älteren und originaleren Fassungen des antiken Herkules-Mythos ziemlich genau – die bis dato ausschließlich mündlich überlieferte Mythenschatzkiste aber, aus der Snorri die Edda schöpfte, leider überhaupt nicht. Weshalb sich auch nicht mehr feststellen lässt, was vielleicht des Dichters ureigener Anteil war. Überall dort, wo seine Figuren, Handlungen oder Erwähnungen keine anderweitigen Entsprechungen anderswo haben, wo es keine analogen Funde oder hinweisende weitere Quellen gibt: besteht genau der Verdacht.</p>
<p><strong>Die im Dunkeln sieht man nicht&#8230;</strong><br />
Zahlreiche mythologische Liedern und Skaldengedichte kennen wir ausschließlich durch Snorris Zitate – und auch die Sagas anderer Autoren stammen allesamt aus christlicher Zeit. Heidnische Bräuche waren da längst auf dem Rückzug. Ihre zunehmende Durchsetzung mit christlich beeinflussten Werten mochte beim &#8220;einfachen Volk&#8221; zwar erst allmählich vonstatten gegangen sein – was aber nichts ändert an der grundsätzlichen geistigen Dominanz organisierter Christianisierung: der das eher &#8220;unbewusst&#8221; betriebene Heidentum, das ja weniger als &#8220;Religion&#8221; in heutigem Sinne aufgefasst werden darf denn vielmehr als &#8220;alter Brauch&#8221;, nichts entgegenzusetzen hatte. Wer damals noch an heidnischen Bräuchen festhielt, galt mit Sicherheit nicht als vorbildlich oder irgend nachahmenswert. </p>
<p>Das Heidentum mochte noch Anhänger gehabt haben, aber konnte keine Fürsprecher mehr hervorbringen. Heute aus den Überlieferungen der damals Gebildeteren – der Schreibkundigen – allen Ernstes altgermanische Religionsinhalte ableiten zu wollen, ist ein ähnlich abenteuerliches Unterfangen, als wolle man die Kultur der Apachen nach Karl-May-Erzählungen rekonstruieren. Ähnlichkeiten mit historischer Wirklichkeit könnten vorkommen, sind aber rein zufällig – und sind schwerer auszumachen als Nadeln im Heuhaufen (da sich Nadeln von Heu wenigstens dann unterscheiden lassen unterscheiden lassen, wenn man mal welche findet). In christlicher Kulturdominanz erhaltene heidnische Reste mögen auffindbar sein – aber nur in Form negativer Absetzung: ungenügenden Christentums, sozusagen&#8230; als Abweichungen von christlichen Werten oder Gesetzen. Was von heidnischen Brauch-Überbleibseln aber einmal tatsächliche spirituelle Relevanz gehabt haben mag, kann bestenfalls strittig bleiben. Eine Überlieferung &#8220;heidnischer Werte&#8221; als solcher existiert nicht. Aus der langen Phase des ungleichen Paradigmenwechsels aber bringt kein Mensch mehr die Milch aus der Melange.</p>
<blockquote><p>&#8220;Sank das Boot, brach das Schwert / Kamen andere daher / Und der Sang sank ins Grab&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(<a href="http://www.singvoegel.com/index.php/kommt-ein-boot/" target="_blank">Kommt ein Boot</a>, die Singvøgel)</p>
<p><strong>Sank das Boot&#8230;</strong><br />
Der erhaltene &#8220;Codex Regius der Liederedda&#8221; wurde etwa 50 Jahre nach Snorris &#8220;Original&#8221; niedergeschrieben – und weicht von diesem bereits (z.B. in der dichterisch vergleichsweise starken &#8220;Vøluspa&#8221;, die den Bogen von der Welterschaffung bis zum Untergang der Götter spannt) beträchtlich ab. Dazu kommt, dass schon Snorris Zeitgenossen etliche der älteren &#8220;Kenningar&#8221; nicht mehr verstanden haben dürften: da die Mythen, auf die solche Begriffsrätsel anspielten, schon über 200 Jahre lang keine spirituelle Relevanz mehr hatten.</p>
<p>Kenningar sind skaldentypische Umschreibungen, die z.B. von einem &#8220;Wogenhengst&#8221; sprechen, wenn ein Boot gemeint ist. Während sich ein simples und profanes Beispiel wie dieses noch durch bloßes Kombinieren entschlüsseln lässt (da uns sowohl Wogen als auch Hengste bekannt sind), muss man mit dem stofflichen Who is Who schon etwas vertrauter sein, um z.B. &#8220;Friggs einzige Freude&#8221; als deren Gemahl Odin zu identifizieren. So richtig knuffig wird´s dann aber mit Versen wie diesem:</p>
<blockquote><p>&#8220;Da wurde Völkermord in der Welt zuerst / da sie mit Geren Gullweig (die Goldkraft) stießen / In des Hohen Halle die helle brannten. / Dreimal verbrannt, ist sie dreimal geboren / Oft, unselten, doch ist sie am Leben&#8221;</p></blockquote>
<p>So lautet Vøluspa-Vers 25 in der Übertragung von Karl Simrock.</p>
<p>&#8230;Was Edda-Übersetzer Felix Genzmer so überträgt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Da kam zuerst / Krieg in die Welt / als Götter Gullweig / mit Geren stießen / und in Heervaters Halle brannten / dreimal brannten / die dreimal geborne&#8221;</p></blockquote>
<p>Genzmer beziffert diese Passage als Vers 15&#8230;</p>
<p>Das altnordische Original lässt jedem dieser Sprache Kundigen offensichtlich recht weitgehende Interpretationen zu. Wobei der Gullweig-Vers nicht das krasseste Beispiel dafür ist: Ich wählte es eher aufgrund seiner inhaltlichen Schwergängigkeit. Um zu veranschaulichen, dass zumindest komplexere Kenningar – wie auch sonstige Anspielungen – der Kenntnis dessen bedürfen, worauf da überhaupt angespielt wird. </p>
<p>Da Kenningar in Eddastrophen ähnlich oft vorkommen wie röhrende Gitarren im Heavy Metal, liest sich das Ganze für Einsteiger eher ungemütlich – die Kenner aber streiten sich über zahllose Deutungsvarianten: spätestens überall dort, wo Kenningar auf Hintergrundstories verweisen, die schon früh in Vergessenheit gerieten, und die niemand überlieferte. Ob es zu Snorris Lebzeiten – 1179 bis 1241 – noch eine ungebrochene mündliche Überlieferungstradition gab, die heidnisch genannt werden darf, ist höchst umstritten. </p>
<p>Tatsache ist, dass von einer solchen Tradition heute nichts mehr übrig ist. Kein Mensch weiß, ob z.B. der Gott Heimdall in historischer Zeit je irgendeine heidnische Verehrung erfuhr – genauer gesagt: ob das überhaupt ein Gott war; ob es einen altgermanischen Gott dieses Namens gab. Wir kennen ihn ausschließlich von Snorri. Er könnte ihn sich ausgedacht haben. Oder die Eigenschaften von anderen heidnischen Göttern zu dem zusammengemixt, was uns heute als goldzähniger Sohn von neun Müttern entgegenstrahlt, dessen Schwert &#8220;Haupt&#8221; heißt, und der beim drohenden Weltuntergang ins &#8220;Gjallarhorn&#8221; Alarm bläst. Vielleicht ist der (bereits innerhalb dieser literarischen Erwähnungen nach allen Seiten hin offen bleibende, schon in der Edda selbst nirgends weiter- oder annähernd rund gesponnene – geschweige denn woanders belegte) Heimdall-Mythos trotzdem altgermanisch, also irgendwie wenigstens teil- oder ansatzweise heidnischer Herkunft. Vielleicht aber überhaupt nicht. Beweisen lässt sich das eine sowenig wie das andere.</p>
<p>Einen Tick deutlicher lässt sich Baduhenna belegen – mehr oder minder indirekt: In einem &#8220;Hain der Baduhenna&#8221;, so überliefern antike Quellen, sollen 900 Römer von wilden Friesen niedergemacht worden sein. Auch die etymologische Aufschlüsselung des Namens Baduhenna lässt die Vermutung zu, dass es sich um eine Schlacht- oder Kriegsgöttin handelte. Das ist allerdings auch schon alles, was wir darüber in Erfahrung bringen können: Denn in der Edda kommt eine Göttin Baduhenna nicht vor.</p>
<p>Weshalb die meisten Neuheiden – Germanengläubige eingeschlossen, behaupte ich mal – diesen Namen noch nie gehört haben dürften. Im Gegensatz zu dem Heimdalls.</p>
<p><strong>Kamen andere daher&#8230;</strong><br />
Genau deshalb spreche ich übrigens von &#8220;Germanengläubigen&#8221;: jene Neuheiden meinend, die ihre germanische Orientierung ausschließlich aus literarischen Quellen wie der Edda und den Sagas herleiten. Diese Leute glauben, dass alte Germanen an Heimdall, Eir, Idun und Gefjon geglaubt haben, dazu an mystische Orte wie Vanaheim, Muspellheim, Ljossalf- und Svartalfheimr usw. (Dass christlicher Glauben, z.B. der Arianismus, unter zahlreichen germanischen Stämmen während der Völkerwanderungszeit schon längst auf dem Vormarsch war und diese zunehmend dominierte, sei hier nur am Rande erwähnt. Die Bereitschaft, neue spirituelle Einflüsse aufzunehmen bzw. sich solchen zu öffnen, kann in gewisser Hinsicht sogar als ein Hauptmerkmal altgermanischer Religiösität ausgemacht werden&#8230;)</p>
<p>Wohlgemerkt, und noch mal: Es liegt mir fern, hier irgendjemandem seinen heiligen Glauben an diese oder jene Gottheit, diese oder jene spirituelle Wahrheit abzusprechen. Der einzige Glauben, dem ich widerspreche, ist der, dass es sich dabei auch und zwangsläufig um einen altgermanischen gehandelt haben soll: um Götter, die bereits in vorchristlicher Zeit welche waren und als solche verehrt wurden. Von einer großen Zahl in der Edda erwähnter oder beschriebener Namen und Begriffe lässt sich das – über Snorris Werk hinaus – nirgends belegen. </p>
<p>Und hier sind wir am springenden Punkt des &#8220;kleinen Unterschieds&#8221;, den ich meine. Literarische Quellen sind nunmal keine archäologischen und in diesem Sinne keine historischen. Aus archäologischen aber lässt sich schwerlich eine altgemeinte Religion bauen. Verbeulte Helme mit kryptischen Krakelinschriften, verbogene Fibeln, verrottete Klingen,  Scherben von Pötten und nicht mal mehr von Läusen bewohnte Knochenkämme sind für Vitrinen eine Zier – ein Heidentum wird nicht aus ihr. Literarische Hinterlassenschaften über das Heidentum alter Germanen gibt es – aber nicht von ihnen. Der kleine Unterschied hat Konsequenzen. Theoretisch tun (die meisten) germanisch orientierten Neuheiden so, als gäbe es die nicht. Das wiederum hat Konsequenzen für neuheidnische Praktiken: sie werden zum &#8220;so tun als ob&#8221;. Erst aber dieses allgegenwärtige Beharren darauf, dass sie echt sei, altgermanische Tradition, &#8220;Religion unserer Vorfahren&#8221;, macht sie zu einer Peinlichkeit: die ambitioniert gelebte Fantasy.</p>
<p>Denn logischerweise lässt sich auch aus einer nur indirekt nachweisbaren historischen Verehrung z.B. einer Támfana nicht gerade viel Taugliches schnitzen, womit sich neuheidnische Rituale – oder Identitäten – bereichern ließen: Támfana ist nur dadurch bekannt, dass die Römer die erfolgreiche Zerstörung ihres Tempels vermeldeten. Und nur durch ziemlich kniffelige Recherchen über den (in der römischen Geschichtsschreibung nur nebulös angedeuteten) Zeitpunkt jener Schlacht – dem Herbstäquinoktium – lässt sich, im Zusammenhang mit fundierter Etymologie, einigermaßen stichhaltig vermuten, dass es sich bei Támfana um eine &#8220;Göttin des Zeitmaßes&#8221; gehandelt haben könnte&#8230;</p>
<p>Derlei Widerborstigkeiten hinterherzuforschen und das Für und Wider einer Annahme oder auch nur Fragestellung kritisch zu untersuchen, ist natürlich wesentlich unbequemer und emotional unergiebiger, als in irgendeiner Edda-Übertragung gemütlich nachzulesen, dass Odin gern mal in Sökkvabekkr mit Friggs &#8220;Zofe&#8221; Saga Met aus goldenen Schalen schlürft (um bei solchen Gelegenheiten das eine oder andere Wissenswerte zu erfahren, das seine verschwiegene Göttergattin ihm, dem Sucher, vorzuenthalten pflegt&#8230;). Ich finde diese Geschichte auch schön – nur muss sie genauso wenig aus urheidnischem Fundus stammen wie der amüsante Schwank, wo sich Thor in Brautkleider hüllen muss: genau genug beschrieben, um den Donnergott nicht etwa in germanischer, sondern eindeutig hochmittelalterlicher Tracht bestaunen zu können.</p>
<p><strong>Mut zur Wahrheit?</strong><br />
Der Bilderreichtum der Edda ist zweifellos ein einzigartiges Leuchtfeuer in einer sonst vorwiegend aus Scherben und drögen Bruchstücken bestehenden Hinterlassenschaft – allzu oft wird aber übersehen, dass es sich bei dem Schein, den das Dichtkunst-Lehrwerk eines Christen auf die versunkene germanische Mythologie wirft, bereits um ein Grablicht handelt. </p>
<p>Natürlich hat gerade Snorri diese Mythologie mit mehr Hingabe geschildert (und wer weiß wo und wie ausgeschmückt, oder verdünnt&#8230; die christlichen Einflüsse sind bereits in der Vøluspa erkennbar, höchst ungermanischer Feudalismus wird später in der – ohnedies umstrittenen – Rigsthula beworben: möglicherweise zu Legitimationszwecken solcher Sozialveränderungen) als die den Germanen meist eher feindlich gesinnten Römer: denen es um etwas anderes ging, als ausgerechnet irgendwelche Barbaren kulturell ernst zu nehmen und entsprechend akribisch zu dokumentieren. </p>
<p>Aber O-Ton altgermanischer Kultur ist auch Snorri keiner. Er wird nur so behandelt: heute, von Menschen, die ein sozusagen bitteres Interesse daran haben, aus christlichen Aufzeichnungen neuheidnische Identitäten destillieren zu müssen – und oft fließt das Destillat ins rein Fabulöse. Notgedrungen: mangels germanischer Originaltöne. Mangels germanisch-heidnisch motivierter Überlieferung – die es nirgends gibt.</p>
<p>Allerdings: den Mumm, diesen Umstand und seine Konsequenzen wenigstens offen zuzugeben, hätte ich bekennenden Ásatrú schon gern zugetraut. Ich hätte mich wohler gefühlt in deren Gesellschaft. Es hätte mich auch stolzer gemacht, im gesellschaftlichen Echo meiner Ásatrú-Identität, wenn das Ásatrú der meisten, die sich zu seinen (hochumstrittenen möglichen) Inhalten bekennen, wenigstens im Punkt historischer Wahrheitsliebe über die Legendenmacherei anderer neuheidnischer Richtungen herausragend verhielte. </p>
<p>Wenn es da auch einen kleinen Unterschied gäbe: zu all den anderen neuheidnischen Strömungen, deren jeweilige Anhänger erbittert um die Anzahl ihrer rituellen Knopflöcher zu streiten vermögen, ohne zu erkennen, dass zuweilen ihr ganzes mythologisches oder spirituelles Gewand überhaupt nur aus Löchern besteht, vulgo des Kaisers neuen Kleidern ähnlicher ist als wenn sie wirklich skyclad herumliefen. Ja, ich weiß: &#8220;skyclad&#8221; ist kein Ásatrú-Begriff. Eine Wikingergewandung macht aber noch lange keinen Ásatrú. Begriffen? Nein. Spätestens, wenn die meisten das Maul aufreißen, entblößen sie ihre spirituelle Nacktheit. Man muss noch froh sein, wenn ihnen keine Hakenkreuze in die Seele graviert sind – unter dem nostalgischen Stroh. Oder vielleicht sollte man sie schon loben, wenn sie überhaupt andere Gewandung tragen als &#8220;Odin statt Jesus&#8221;-Leiberl.</p>
<p><strong>Vorhang auf – Geist auch</strong><br />
Offen darf – neben den hier zuvörderst aufgeworfenen (kritischen KennerInnen der Materie freilich schon Bekanntes nur in Erinnerung bringenden) – Fragen aber auch diejenige bleiben, was denn eigentlich so schrecklich daran wäre, dem Bekenntnis zu großen Gottheiten jenes kleine, aber ehrliche hinzuzufügen, dass wir uns ebendiese Großen im Grunde selber schnitzen: müssen, will ich sogar sagen. Denn selbst nach Abzug sämtlicher unsicherer Mythen und Legenden (die man ja deshalb nicht in die Tonne treten muss: Es reichte ja das Bewusstsein darüber, worum es sich womöglich handelt) bleibt doch von germanischer Kultur durchaus genug Erforschbares und Recherchierbares übrig, um sich davon ganz ungewohnte Denkweisen in den Charakter einzuarbeiten, so peu á peu. </p>
<p>Klar: eine Heidenarbeit. Die aber kann freilich erst gar nicht beginnen, so lange man (bewusst oder unbewusst) im beharrlichen Leim der sittenchristlichen Tradition kleben bleibt, &#8220;das Spirituelle&#8221; vom restlichen Leben abtrennen zu können. Und erst diese moderne Reduktion aufs vermeintlich Religiöse zwingt, so will mir scheinen, die Bekennenden zu Rechtfertigungen oder haltlosen Behauptungen, die sich irgendwann im Kreis drehen – während der Matsch des Alltags unbeachtet bleibt (einschließlich möglichen Versinkens in eher bräunlichen Sümpfen), da ja dann fürs thematisch fokussierbarere und aus jeglicher sozialer Mitverantwortlichkeit herausamputierte Religionsverständnis irrelevant. Ja, vielleicht taugt dieses ja überhaupt vorrangig dazu, der komplizierten Welt und ihren zumeist unromantischen Anforderungen wenigstens wochenendweise und freizeitlich zu entfliehen. </p>
<p>Spätestens das aber verkaufe mir bitte keiner mehr als germanisch!</p>
<p><em>Duke Meyer</em></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Freyja die Schöne und Odin der Schreckliche, der starke Thor und die Schicksal webenden Nornen&#8230; Das sind sie doch: die typischen Gestalten aus dem germanischen Götterhimmel? Nicht wahr? Nun jein: als typisch mögen sie gelten. Aber ob wir sie germanisch nennen dürfen – das steht in offener Frage. </strong></p>
<p><strong><em>Im Voraus: me too</em></strong><br />
Da auf einer Plattform wie dieser (vielleicht ja im Medium Internet überhaupt) häufig erstmal wüst geblökt wird, und erst dann gelesen – nachgedacht aber so gut wie überhaupt nie, stelle ich meiner Überlegung einen&#8230; nennen wir´s&#8230; <em>Conclaimer voraus:</em> mein Bekenntnis, dass ich eigenen kritischen Gedankengangs allererstes Opfer selber bin.</p>
<p>Und auch bestes Beispiel, mit Verlaub: denn ich bin nicht weniger Ásatrú dadurch, dass ich vermeintliche Selbstverständlichkeiten meines mythologischen Überbaus in Frage stelle. Ganz im Gegenteil. Ich stelle sie in Frage, <em>weil</em> ich Ásatrú bin. Genügsames Nachtrotten (wem oder was eigentlich hinterher, und weswegen?) ist was für Schafsgemüter,  Vorgekautes Wiederkäuen aber ein Merkmal von Rindviechern. Mein Donnergott wirft nicht mit Wattebäuschchen. Warum sollte ich verhehlen, wo der Hammer hängt?</p>
<p>Also Honig auf mein Haupt (oder -wein in meine Kehle: Asche ist mir zu christlich für den Zweck) – ich gebe zu und bekenne:<br />
Ja, auch ich bin im Bann der schrecklichen Freyja, stärke mich an Odins Beispiel, finde Thor wunderschön und mein Schicksal im Netz der Nornen gut verwoben. Ich höre auf Heimdalls Rat und lasse mir meine Sehnsüchte von Lofn auf Erlaubnis freischalten. Ich vertraue Tyr – und wenn auf geradem Weg gar nix mehr geht, hilft mir sogar Loki aus der Patsche (in eine manchmal größere, aber es ging ja sonst nix). Ich opfere sogar einer Frühlingsgöttin Óstara – obwohl die gar nicht &#8220;in der Edda steht&#8221;.<br />
Und – schon mal was von Támfana gehört? Aber ich will nicht vorgreifen&#8230;</p>
<p>Ich gehe davon aus, dass ich niemals nach Valhall komme. Zum einen, weil da nur diejenigen Krieger hinkommen, die in der Schlacht fallen. Es ist ungeklärt, ob das auch für Krieger der Waffengattung Zunge gilt&#8230; vielleicht wären Fragensteller zu gefährlich für die Hausordnung Valhalls (die aus der späteren Völkerwanderungszeit stammt: und was bitt´schön hab ich mit vormittelalterlichem Hauen und Stechen am Helm?)? </p>
<p>Sollte ich dennoch &#8220;fallen&#8221;, vulgo eines unnatürlichen Todes sterben, habe ich schreckliche Hoffnung, dass ich eher im Gefolge der Großen Sau lande: wie auf Erden, so in Folkvang (auch wenn es von diesem &#8220;Jenseits&#8221;, im Gegensatz zu Valhall, keine Beschreibung gibt. Das lässt mehr Raum für eigene Phantasie&#8230;). Schließlich hat die Göttin der nassen Schenkel die erste Wahl vor dem Rabengott und Speerschüttler. Auch wenn der mein Chef ist und bleibt. Er mag mir den Speer brechen dereinst – aber Freyja wäre keine Frau, wenn sie nicht auch in diesem Phall das letzte Wort behielte. Küß die Hand, gnä´ Sau. Es mag Schlimmeres geben, als erste Wahl zu sein. Unten wie oben.</p>
<p>Sollte aber zum andern nix weiter oder anderes passieren – was als wahrscheinlich gelten darf –, lande ich (laut Edda zumindest) bei Hel. Was mich dünkt wie eine Art Reset, da ich eh den Eindruck habe, dort herzukommen. Aber das nächste Mal schau ich mir das Kleingedruckte genauer an&#8230; (Lassen Sie sich ins späte 20. Jh. gebären, hieß es. Da gibt´s Parties und Telefon und später sogar E-Mails, da könnense schwadronieren, bis den Mädels der Saft tropft, hieß es. Da haste freie Berufswahl, Waschmaschinen und mehr als eine Hose, die Musik brauchste nimmer selber machen und sogar den Wein gibt´s fertig im Supermarkt, ohne dass du ihn erst mühsam und risikoreich – Valhall! – den blöderweise viel besser bewaffneten und obendrein unsäglich arroganten Amis, äh, Römern klauen musst. Angeblich könne man sogar Könige und Fürsten einfach abwählen, ohne sie selber köpfen zu müssen. Hieß es. Aber das keineswegs – oder höchstens sehr bedingt auch – Party gewesene 20. Jh. ist vorbei, und einer wie Ackermann steht immer noch der Deutschen Bank vor, ohne auf irgendeinem Wahlzettel aufzutauchen – um hernach unterhalb fünfprozentigen Bevölkerungsapplauses in wohlverdienter Vergessenheit zu vergurgeln&#8230;). Hel verhehlt den ihren halt so manches.</p>
<p><em>Conclaimer Ende.</em> Ich habe hier also hoffentlich ausreichend dargelegt, dass ich ein ganz gewöhnlicher Anhänger ásatrútypischer Mythen, Gott- und Frechheiten bin – und es liegt mir weißtyr fern, auch nur eine einzige meiner Gottheiten als solche anzuzweifeln: wer wäre ich denn? Ich erlaube mir nur einen Blick auf die Grundlage, auf der ihre Mythen beruhen – mit der aber bricht leider ein Großteil dessen ein, was wir über sie wissen&#8230; was man uns überlieferte&#8230; und woraus der/die Ásatrú gewöhnlich wesentliche Teile ihrer/seiner Identidings schnitzt.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/2871503"><img src="http://u1.ipernity.com/8/15/03/2871503.a4e6001e.500.jpg" border="0" alt="JD603285" width="375" height="500" target="_blank" /></a><br />
<em>Runenstein aus der Wikingerzeit (Kopie) &#8211; Wikingermuseum Foteviken, Schweden (Foto: Volkmar Kuhnle)</em></p>
<p><strong>Es steht geschrieben</strong><br />
Was steht alles fest? Die historischen Kulturen, die wir heute als germanische bezeichnen, waren weitgehend schriftlos. Im Gegensatz zu Römern und Griechen machten sich Germanen nicht die geringste Mühe, ihre möglichen Gedanken späteren Generationen einigermaßen nachvollziehbar mitzuteilen. Auf Runensteinen stehen eher knappere bis knappste Botschaften&#8230; über z.B. Schiffsunglücke, zudem in häufig vielschichtiger Deutungsunsicherheit – wobei das halbe Quantum der Nachricht noch aus dem umständlichen Copyright-Sermon des beauftragten Érilar, des Runenritzmeisters bestehen mag. </p>
<p>Wo aber doch mal mehr Worte zusammenhängend in Stein gehauen wurden, war die Motivation der dann so titulierbaren Textinhalte nicht selten schon christlich. Nahezu alles frühere Geritze – auf Waffen, Brakteaten oder Knochen – gibt deutlich mehr Rätsel auf, als es erklärt. Noch auf dem nächstbeliebigen einzelnen römischen Popel-, äh, Patriziergrab finden wir mehr Inschriften vulgo ausdeutbare Info über die Kultur, die den Betreffenden unter die Erde brachte, als in den Hinterlassenschaften ganzer germanischer Stämme zusammen. Der germanische O-Ton, soweit überhaupt als solcher verifizierbar, hinterlässt uns, Inschriften betreffend, also eher unbefriedigt.</p>
<p>Was haben wir noch? Längliche – und womöglich aufschlussreiche – Aufzeichnungen von Plinius dem Älteren, welcher ein Römer war, aber sich doch nicht zu schade, Zusammenstöße seiner zivilisierten Zeitgenossen mit den (auch germanischen) Barbaren aus dem Norden wortreich zu schildern, hätten wir beinah überliefert gekriegt. Leider musste sich der antike Gelehrte mit dem fortschrittlichsten Medium seiner Zeit begnügen, welches Papyrus war. Dieses Speichermedium ist zwar haltbarer als die CD – aber im Laufe der unerbittlichen Zeit doch nicht haltbar genug: was bereits die römischen Zeitgenossen bemerkten. Die, als sie gewahrten, dass der Schmodder noch zu ihren Lebzeiten verrottet, das Zeugs flugs abschrieben. </p>
<p>Natürlich nicht die ganzen öden Details, die eh niemanden interessierten. Sondern nur knuffige Zusammenfassungen. Und so weiter und so fort: immer etwas weniger. Am Ende blieb eigentlich vor allem der Umstand überliefert, dass Plinius der Ältere unheimlich viel aufgeschrieben hatte: nicht weniger als 20 Bücher sollen es gewesen sein, der er über die &#8220;germanischen Kriege&#8221; verfasste. Das wissen wir heute noch: Sein Neffe Plinius der Jüngere war so freundlich gewesen, das in seinem Nachruf auf den Onkel mitzuerwähnen. Nur was jener da zu schildern wusste, das wissen wir leider nicht mehr. Das ist verrottet. Pech aber auch –  umso mehr, als dass es Berichte aus erster Hand gewesen wären: denn Plinius der Ältere war fünf Jahre lang als römischer Offizier in niedergermanischen Gefilden stationiert gewesen. Zwar darf man nicht davon ausgehen, daß er Interesse an der germanischenn Kultur gehabt hat: kein antiker Autor hatte das. Aber als Augenzeugenberichte hätten diese Aufzeichnungen Seltenheitswert gehabt.</p>
<p>Später. Ein Römer namens Tacitus. Redner, Politiker, Gelehrter. Nahm sich die zivi´sierten Hauptstadtbewohner seiner Zeit vor. Um 100 nach Christus war das. Hört mal, guckt mal, schrieb er. Ihr verlotterten Saubären. Meinte er. Seine Landsleut´ meinend – die urbanen vor allem: Ihr solltet euch schämen, einander heimliche Liebesbriefchen zuzustecken, wenn ihr nichtmal verheiratet seid miteinander, insistierte er (den Umstand ignorierend, dass Ehen in aller Regel der Menschheitsgeschichte alles Mögliche provozieren: wozu eheinterne Liebesbriefe erkennbar nicht gehören. Denn Liebesbriefe scheinen eine Ausdrucksart Verliebter zu sein: schon immer&#8230;). Nehmt euch ein Beispiel, sagte der sittenstrenge Tacitus, an Winnetou, dem edlen blonden Häuptling der Germanen. (Die ganz bestimmt keine Liebesbriefchen schreiben konnten, schon weil sie der Schriftkunst als solcher unkundig waren, Anm. d. Verf.)</p>
<p>Tacitus weiter, in einer überzeugenden Mischung aus Schwärmerei und Befremden, über die (von ihm an den Haaren herbeizitierten) Germanen: Das sind wetterharte Recken jenseits der Alpen, wisst ihr. Die laufen den ganzen Tag oben ohne herum (die Männer zumindest), obwohl´s da oben schneit, und bevor sie nicht mindestens 20 Jahre alt sind, kommen diese edlen Wilden überhaupt nicht auf Ideen von wegen Blümchen und Bienchen und so&#8230; Tacitus schrieb eine Menge. Nicht das meiste davon, sondern schlichtweg alles hatte er von andern gehört: von Leuten, die dort oben gewesen waren, im Norden. Im Gegensatz zu ihm selber. Zudem lässt sich heute schwerlich bestimmen, welche germanischen Götter irgendein Römer meinte, wenn er im Zuge der so genannten &#8220;Pax Romana&#8221; ganz selbstverständlich römische Götternamen benutzte, um die Gottheiten ihm fremder Kulturen zu beschreiben&#8230; Tacitus ist ein typisches Beispiel für diese großzügige Laxheit.</p>
<p>Zu seiner Zeit wurde abgeschnittenes Blondhaar aus dem dust´ren Norden als teure Exotik auf Roms Märkten verkauft. Zivilisierte träumen gern von etwas Unwissbarem, das sie für &#8220;ursprünglich&#8221; halten mögen. Worin ihre zumeist frustrierten Phantasien orgiastisch (und folgenlos) kulminieren können. Das gilt damals wie heute. Typische Beispiele: die angebliche &#8220;Naturnähe&#8221; (wenn nicht gar unterstellte Naturliebe) archaischer Naturreligiöser, einfachere Lebens-Organisationsformen, Freie Liebe, Matriarchat&#8230; bis hin zur emotionsberuhigend anschaulichen Es-war-einmal-Show des romantisch-verrußten Freizeit-Schmiedes aufm pest-, aber nicht abgas- oder feinstaubfreien Mittelaltermarkt. Spätestens sein Beispiel lässt vergessen, für Momente des Staunens, Schauderns oder scheinüberlegenen Gähnens zumindest: den zickenden Ticketautomaten, der deinen sauer erworbenen und gerade noch aus der Manteltasche gekramten Knittergeldschein beharrlich wieder ausspuckt, während der heute ausnahmsweise pünktliche Zug zehn Gleise fern von dir abzufahren droht.</p>
<p><strong>Heilige Schriften?</strong><br />
Soweit, so fraglich. Aber wir haben ja noch was. Die Edda! Die nordischste aller Überlieferungen über die nordeuropäischen Kulturen! Tatsächlich wird gerade diese zusammenhängendste aller literarischen Quellen von manchem gerngläubigen Neuheiden als eine Art &#8220;nordische Bibel&#8221; gesehen – oder zumindest so behandelt. </p>
<p>Ich beobachtete auf einem Vortrag über Core-Schamanismus, der auf einer Neuheiden-Veranstaltung gehalten wurde von einem Gastredner, wie sich hernach ganze Trauben von Germanengläubigen um ihre Wortführer (oder die Belesensten halt) scharten, um zu erfragen, was denn nun von dem – inhaltlich kompetenten und hochinteressanten – Stoff für sie anwendbar sei: ob da irgendwas durch die Edda &#8220;abgedeckt&#8221; sei oder darin stünde. Man gewann den Eindruck, dass vom Vortragsthema nur solche Aspekte brauchbar oder relevant sein könnten, von denen die Filterung durch die Edda irgendetwas übrig ließ – für jene Germanengläubigen halt. Nur ein besonders krasses Beispiel. Aber die persönliche kulturelle Identität von den Wortwörtlichkeiten bestimmter literarischer Quellen abhängig zu machen, scheint ein typisch neogermanisches Syndrom (wenn nicht gar Symptom) zu sein: so häufig, wie es auftritt!</p>
<p>Das Problem ist dabei, wie ich meine, noch weniger die recht unterschiedliche Qualität und inhaltliche Ausdeutung der verschiedenen Übertragungen aus der Originalsprache. Das Problem ist ebenfalls nicht, dass sich, wer auch nur ein paar Brocken Altnordisch parat hat, unter germanengläubigen Neuheiden recht leicht und billig zur Scheinautorität mit entsprechender Deutungshoheit angeblichen &#8220;alten Wissens&#8221; aufschwingen kann. Wer sich solchen Pfeifen als Gefolge andient, sich ergo als Mensch benimmt wie ein Lamm, erklärt zumindest mir vergeblich, was daran bitteschön &#8220;Ásatrú&#8221; sein soll. Aber vielleicht ist das mit ein Grund, warum Lämmer Hirten brauchen (die das dann für sie erklären): hier nicht unser Thema.</p>
<p>Dem Problem schon etwas näher kommen wir bei der Untersuchung der Quellen selbst. Spätestens ihre zahllosen Widersprüchlichkeiten, Ungereimtheiten und Lücken müssten bei jedem halbwegs intelligenten Primaten Fragen aufwerfen: Woher &#8220;quellen&#8221; die denn? Und wieso quillt da überhaupt was? Bei der Edda ist das ziemlich klar: Es gibt die Ältere Edda und die Jüngere, wobei die jüngere historisch älter ist als die ältere. Bongi? Nein, das ist keine germanische Version von Dialektik – diese kleine Begriffsverwirrnis hat sich nur im Laufe der Zeit ganz banal ergeben. Schließlich kam der Kram im Original nicht als Hardcover oder Taschenbuch heraus. </p>
<p>Die handschriftlichen Urfassungen sind von einem isländischen Gelehrten namens Snorri Sturluson. Er schrieb auf einzelne Blätter. Die Vollständigkeit der Hinterlassenschaft darf angezweifelt werden, die Reihenfolge der verbliebenen Teile, oft sogar einzelner Verse, ist umstritten. Ebenso die Frage von Snorris Quellen. Besonders interessant an der Edda sind aber zwei Aspekte: der Zeitpunkt ihrer Entstehung, und die Motivation dahinter. Als Snorri das niederkratzte, was wir heute fast ausschließlich über altgermanische Mythologie wissen (bzw. für solche halten), war Island schon seit über zwei Jahrhunderten christlich. Die Absicht des Gelehrten war zudem keineswegs, irgendeinen alten Glauben zu bewahren, sondern seinen Schülern eine bestimmte Form der damaligen Dichtkunst beizubringen, die so genannte Skaldik.</p>
<p>Selbstverständlich darf davon ausgegangen werden, dass der Lehrer tief in die heidnische Mottenkiste griff: und so manche Sagen, Mären und Lieder vor dem endgültigen Vergessen bewahrte. Wofür wir ihm auch unendlich dankbar sind. Nur muss man sich darüber klar sein, dass schon jener allererste nordische Mythenaufschreiber und -nachdichter verfuhr wie ein heutiger Theater- oder Filmregisseur mit Autorentexten: Da werden weite Passagen gestrichen, Kapitel umgebaut, Personen und Handlungsstränge neu gruppiert – und wo was fehlt, wird flugs was eingefügt, dazuerfunden: von einzelnen Figuren bis ganzen Aktionssequenzen. &#8220;Based on the novel of&#8230;&#8221; steht dann im Nachspann. Das ist ein ganz normaler, konsequenter Vorgang: Filme bedienen das Auge, Bücher die Phantasie, Theater bemüht sich um beides. (Dies ist keine Aussage über etwaige Qualitäten oder Mängel, sondern ergibt sich geradezu zwingend aus der unterschiedlichen Natur der Vermittlungsformen und deren spezifischen Anforderungen.)</p>
<p>Warum aber soll Snorri – der ja kein Theater machte – vergleichbar verfahren sein mit dem von ihm überlieferten Mythenstoff? Sehr einfach: weil nach irgendeiner Authentizität der Inhalte damals kein Hahn mehr krähte, und der Verwender des Stoffes schon gar nicht. Um Dichtkunst ging´s. Ein Manual hat er verfasst, wie ein ordentlicher Skalde ordentliche Skaldenverse zu schmieden hat. Für die Veranschaulichung seines schriftlichen Workshops nahm er alte Sagen und Erzählungen heran: oder schöpfte nur aus ihnen, ließ sich von Altem inspirieren&#8230; wobei ihn nichts gebremst haben braucht, da beliebig hineinzukreieren, herumzumixen oder wegzulassen. Ein Interesse an diesem Stoff will ich ihm bestimmt nicht absprechen: ist doch schon fast herzig, wie er die Asen auf eine knuffige Anzahl von Zwölfen zu trimmen versucht, sich aber schon dabei in Widersprüche verstrickt. </p>
<p>Egal! Der Stoff war public domain, frei verfügbarer Fundus, seine Niederschrift aber Mittel zu einem ganz anderen Zweck. Inhaltlich brauchten die Nacherzählungen keinen genaueren Ansprüchen genügen als etwa Disneys Zeichentrick-Verwurstung des Herkules-Mythos. Hie wie dort griff man auf &#8220;noch irgendwie Bekanntes&#8221;, auf &#8220;mal Gehörtes&#8221; zurück: Hollywood zur kommerziellen Unterhaltung, Snorri zur fachlichen Nachwuchsdichter-Belehrung.</p>
<p>Nun kennen wir Heutigen die älteren und originaleren Fassungen des antiken Herkules-Mythos ziemlich genau – die bis dato ausschließlich mündlich überlieferte Mythenschatzkiste aber, aus der Snorri die Edda schöpfte, leider überhaupt nicht. Weshalb sich auch nicht mehr feststellen lässt, was vielleicht des Dichters ureigener Anteil war. Überall dort, wo seine Figuren, Handlungen oder Erwähnungen keine anderweitigen Entsprechungen anderswo haben, wo es keine analogen Funde oder hinweisende weitere Quellen gibt: besteht genau der Verdacht.</p>
<p><strong>Die im Dunkeln sieht man nicht&#8230;</strong><br />
Zahlreiche mythologische Liedern und Skaldengedichte kennen wir ausschließlich durch Snorris Zitate – und auch die Sagas anderer Autoren stammen allesamt aus christlicher Zeit. Heidnische Bräuche waren da längst auf dem Rückzug. Ihre zunehmende Durchsetzung mit christlich beeinflussten Werten mochte beim &#8220;einfachen Volk&#8221; zwar erst allmählich vonstatten gegangen sein – was aber nichts ändert an der grundsätzlichen geistigen Dominanz organisierter Christianisierung: der das eher &#8220;unbewusst&#8221; betriebene Heidentum, das ja weniger als &#8220;Religion&#8221; in heutigem Sinne aufgefasst werden darf denn vielmehr als &#8220;alter Brauch&#8221;, nichts entgegenzusetzen hatte. Wer damals noch an heidnischen Bräuchen festhielt, galt mit Sicherheit nicht als vorbildlich oder irgend nachahmenswert. </p>
<p>Das Heidentum mochte noch Anhänger gehabt haben, aber konnte keine Fürsprecher mehr hervorbringen. Heute aus den Überlieferungen der damals Gebildeteren – der Schreibkundigen – allen Ernstes altgermanische Religionsinhalte ableiten zu wollen, ist ein ähnlich abenteuerliches Unterfangen, als wolle man die Kultur der Apachen nach Karl-May-Erzählungen rekonstruieren. Ähnlichkeiten mit historischer Wirklichkeit könnten vorkommen, sind aber rein zufällig – und sind schwerer auszumachen als Nadeln im Heuhaufen (da sich Nadeln von Heu wenigstens dann unterscheiden lassen unterscheiden lassen, wenn man mal welche findet). In christlicher Kulturdominanz erhaltene heidnische Reste mögen auffindbar sein – aber nur in Form negativer Absetzung: ungenügenden Christentums, sozusagen&#8230; als Abweichungen von christlichen Werten oder Gesetzen. Was von heidnischen Brauch-Überbleibseln aber einmal tatsächliche spirituelle Relevanz gehabt haben mag, kann bestenfalls strittig bleiben. Eine Überlieferung &#8220;heidnischer Werte&#8221; als solcher existiert nicht. Aus der langen Phase des ungleichen Paradigmenwechsels aber bringt kein Mensch mehr die Milch aus der Melange.</p>
<blockquote><p>&#8220;Sank das Boot, brach das Schwert / Kamen andere daher / Und der Sang sank ins Grab&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(<a href="http://www.singvoegel.com/index.php/kommt-ein-boot/" target="_blank">Kommt ein Boot</a>, die Singvøgel)</p>
<p><strong>Sank das Boot&#8230;</strong><br />
Der erhaltene &#8220;Codex Regius der Liederedda&#8221; wurde etwa 50 Jahre nach Snorris &#8220;Original&#8221; niedergeschrieben – und weicht von diesem bereits (z.B. in der dichterisch vergleichsweise starken &#8220;Vøluspa&#8221;, die den Bogen von der Welterschaffung bis zum Untergang der Götter spannt) beträchtlich ab. Dazu kommt, dass schon Snorris Zeitgenossen etliche der älteren &#8220;Kenningar&#8221; nicht mehr verstanden haben dürften: da die Mythen, auf die solche Begriffsrätsel anspielten, schon über 200 Jahre lang keine spirituelle Relevanz mehr hatten.</p>
<p>Kenningar sind skaldentypische Umschreibungen, die z.B. von einem &#8220;Wogenhengst&#8221; sprechen, wenn ein Boot gemeint ist. Während sich ein simples und profanes Beispiel wie dieses noch durch bloßes Kombinieren entschlüsseln lässt (da uns sowohl Wogen als auch Hengste bekannt sind), muss man mit dem stofflichen Who is Who schon etwas vertrauter sein, um z.B. &#8220;Friggs einzige Freude&#8221; als deren Gemahl Odin zu identifizieren. So richtig knuffig wird´s dann aber mit Versen wie diesem:</p>
<blockquote><p>&#8220;Da wurde Völkermord in der Welt zuerst / da sie mit Geren Gullweig (die Goldkraft) stießen / In des Hohen Halle die helle brannten. / Dreimal verbrannt, ist sie dreimal geboren / Oft, unselten, doch ist sie am Leben&#8221;</p></blockquote>
<p>So lautet Vøluspa-Vers 25 in der Übertragung von Karl Simrock.</p>
<p>&#8230;Was Edda-Übersetzer Felix Genzmer so überträgt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Da kam zuerst / Krieg in die Welt / als Götter Gullweig / mit Geren stießen / und in Heervaters Halle brannten / dreimal brannten / die dreimal geborne&#8221;</p></blockquote>
<p>Genzmer beziffert diese Passage als Vers 15&#8230;</p>
<p>Das altnordische Original lässt jedem dieser Sprache Kundigen offensichtlich recht weitgehende Interpretationen zu. Wobei der Gullweig-Vers nicht das krasseste Beispiel dafür ist: Ich wählte es eher aufgrund seiner inhaltlichen Schwergängigkeit. Um zu veranschaulichen, dass zumindest komplexere Kenningar – wie auch sonstige Anspielungen – der Kenntnis dessen bedürfen, worauf da überhaupt angespielt wird. </p>
<p>Da Kenningar in Eddastrophen ähnlich oft vorkommen wie röhrende Gitarren im Heavy Metal, liest sich das Ganze für Einsteiger eher ungemütlich – die Kenner aber streiten sich über zahllose Deutungsvarianten: spätestens überall dort, wo Kenningar auf Hintergrundstories verweisen, die schon früh in Vergessenheit gerieten, und die niemand überlieferte. Ob es zu Snorris Lebzeiten – 1179 bis 1241 – noch eine ungebrochene mündliche Überlieferungstradition gab, die heidnisch genannt werden darf, ist höchst umstritten. </p>
<p>Tatsache ist, dass von einer solchen Tradition heute nichts mehr übrig ist. Kein Mensch weiß, ob z.B. der Gott Heimdall in historischer Zeit je irgendeine heidnische Verehrung erfuhr – genauer gesagt: ob das überhaupt ein Gott war; ob es einen altgermanischen Gott dieses Namens gab. Wir kennen ihn ausschließlich von Snorri. Er könnte ihn sich ausgedacht haben. Oder die Eigenschaften von anderen heidnischen Göttern zu dem zusammengemixt, was uns heute als goldzähniger Sohn von neun Müttern entgegenstrahlt, dessen Schwert &#8220;Haupt&#8221; heißt, und der beim drohenden Weltuntergang ins &#8220;Gjallarhorn&#8221; Alarm bläst. Vielleicht ist der (bereits innerhalb dieser literarischen Erwähnungen nach allen Seiten hin offen bleibende, schon in der Edda selbst nirgends weiter- oder annähernd rund gesponnene – geschweige denn woanders belegte) Heimdall-Mythos trotzdem altgermanisch, also irgendwie wenigstens teil- oder ansatzweise heidnischer Herkunft. Vielleicht aber überhaupt nicht. Beweisen lässt sich das eine sowenig wie das andere.</p>
<p>Einen Tick deutlicher lässt sich Baduhenna belegen – mehr oder minder indirekt: In einem &#8220;Hain der Baduhenna&#8221;, so überliefern antike Quellen, sollen 900 Römer von wilden Friesen niedergemacht worden sein. Auch die etymologische Aufschlüsselung des Namens Baduhenna lässt die Vermutung zu, dass es sich um eine Schlacht- oder Kriegsgöttin handelte. Das ist allerdings auch schon alles, was wir darüber in Erfahrung bringen können: Denn in der Edda kommt eine Göttin Baduhenna nicht vor.</p>
<p>Weshalb die meisten Neuheiden – Germanengläubige eingeschlossen, behaupte ich mal – diesen Namen noch nie gehört haben dürften. Im Gegensatz zu dem Heimdalls.</p>
<p><strong>Kamen andere daher&#8230;</strong><br />
Genau deshalb spreche ich übrigens von &#8220;Germanengläubigen&#8221;: jene Neuheiden meinend, die ihre germanische Orientierung ausschließlich aus literarischen Quellen wie der Edda und den Sagas herleiten. Diese Leute glauben, dass alte Germanen an Heimdall, Eir, Idun und Gefjon geglaubt haben, dazu an mystische Orte wie Vanaheim, Muspellheim, Ljossalf- und Svartalfheimr usw. (Dass christlicher Glauben, z.B. der Arianismus, unter zahlreichen germanischen Stämmen während der Völkerwanderungszeit schon längst auf dem Vormarsch war und diese zunehmend dominierte, sei hier nur am Rande erwähnt. Die Bereitschaft, neue spirituelle Einflüsse aufzunehmen bzw. sich solchen zu öffnen, kann in gewisser Hinsicht sogar als ein Hauptmerkmal altgermanischer Religiösität ausgemacht werden&#8230;)</p>
<p>Wohlgemerkt, und noch mal: Es liegt mir fern, hier irgendjemandem seinen heiligen Glauben an diese oder jene Gottheit, diese oder jene spirituelle Wahrheit abzusprechen. Der einzige Glauben, dem ich widerspreche, ist der, dass es sich dabei auch und zwangsläufig um einen altgermanischen gehandelt haben soll: um Götter, die bereits in vorchristlicher Zeit welche waren und als solche verehrt wurden. Von einer großen Zahl in der Edda erwähnter oder beschriebener Namen und Begriffe lässt sich das – über Snorris Werk hinaus – nirgends belegen. </p>
<p>Und hier sind wir am springenden Punkt des &#8220;kleinen Unterschieds&#8221;, den ich meine. Literarische Quellen sind nunmal keine archäologischen und in diesem Sinne keine historischen. Aus archäologischen aber lässt sich schwerlich eine altgemeinte Religion bauen. Verbeulte Helme mit kryptischen Krakelinschriften, verbogene Fibeln, verrottete Klingen,  Scherben von Pötten und nicht mal mehr von Läusen bewohnte Knochenkämme sind für Vitrinen eine Zier – ein Heidentum wird nicht aus ihr. Literarische Hinterlassenschaften über das Heidentum alter Germanen gibt es – aber nicht von ihnen. Der kleine Unterschied hat Konsequenzen. Theoretisch tun (die meisten) germanisch orientierten Neuheiden so, als gäbe es die nicht. Das wiederum hat Konsequenzen für neuheidnische Praktiken: sie werden zum &#8220;so tun als ob&#8221;. Erst aber dieses allgegenwärtige Beharren darauf, dass sie echt sei, altgermanische Tradition, &#8220;Religion unserer Vorfahren&#8221;, macht sie zu einer Peinlichkeit: die ambitioniert gelebte Fantasy.</p>
<p>Denn logischerweise lässt sich auch aus einer nur indirekt nachweisbaren historischen Verehrung z.B. einer Támfana nicht gerade viel Taugliches schnitzen, womit sich neuheidnische Rituale – oder Identitäten – bereichern ließen: Támfana ist nur dadurch bekannt, dass die Römer die erfolgreiche Zerstörung ihres Tempels vermeldeten. Und nur durch ziemlich kniffelige Recherchen über den (in der römischen Geschichtsschreibung nur nebulös angedeuteten) Zeitpunkt jener Schlacht – dem Herbstäquinoktium – lässt sich, im Zusammenhang mit fundierter Etymologie, einigermaßen stichhaltig vermuten, dass es sich bei Támfana um eine &#8220;Göttin des Zeitmaßes&#8221; gehandelt haben könnte&#8230;</p>
<p>Derlei Widerborstigkeiten hinterherzuforschen und das Für und Wider einer Annahme oder auch nur Fragestellung kritisch zu untersuchen, ist natürlich wesentlich unbequemer und emotional unergiebiger, als in irgendeiner Edda-Übertragung gemütlich nachzulesen, dass Odin gern mal in Sökkvabekkr mit Friggs &#8220;Zofe&#8221; Saga Met aus goldenen Schalen schlürft (um bei solchen Gelegenheiten das eine oder andere Wissenswerte zu erfahren, das seine verschwiegene Göttergattin ihm, dem Sucher, vorzuenthalten pflegt&#8230;). Ich finde diese Geschichte auch schön – nur muss sie genauso wenig aus urheidnischem Fundus stammen wie der amüsante Schwank, wo sich Thor in Brautkleider hüllen muss: genau genug beschrieben, um den Donnergott nicht etwa in germanischer, sondern eindeutig hochmittelalterlicher Tracht bestaunen zu können.</p>
<p><strong>Mut zur Wahrheit?</strong><br />
Der Bilderreichtum der Edda ist zweifellos ein einzigartiges Leuchtfeuer in einer sonst vorwiegend aus Scherben und drögen Bruchstücken bestehenden Hinterlassenschaft – allzu oft wird aber übersehen, dass es sich bei dem Schein, den das Dichtkunst-Lehrwerk eines Christen auf die versunkene germanische Mythologie wirft, bereits um ein Grablicht handelt. </p>
<p>Natürlich hat gerade Snorri diese Mythologie mit mehr Hingabe geschildert (und wer weiß wo und wie ausgeschmückt, oder verdünnt&#8230; die christlichen Einflüsse sind bereits in der Vøluspa erkennbar, höchst ungermanischer Feudalismus wird später in der – ohnedies umstrittenen – Rigsthula beworben: möglicherweise zu Legitimationszwecken solcher Sozialveränderungen) als die den Germanen meist eher feindlich gesinnten Römer: denen es um etwas anderes ging, als ausgerechnet irgendwelche Barbaren kulturell ernst zu nehmen und entsprechend akribisch zu dokumentieren. </p>
<p>Aber O-Ton altgermanischer Kultur ist auch Snorri keiner. Er wird nur so behandelt: heute, von Menschen, die ein sozusagen bitteres Interesse daran haben, aus christlichen Aufzeichnungen neuheidnische Identitäten destillieren zu müssen – und oft fließt das Destillat ins rein Fabulöse. Notgedrungen: mangels germanischer Originaltöne. Mangels germanisch-heidnisch motivierter Überlieferung – die es nirgends gibt.</p>
<p>Allerdings: den Mumm, diesen Umstand und seine Konsequenzen wenigstens offen zuzugeben, hätte ich bekennenden Ásatrú schon gern zugetraut. Ich hätte mich wohler gefühlt in deren Gesellschaft. Es hätte mich auch stolzer gemacht, im gesellschaftlichen Echo meiner Ásatrú-Identität, wenn das Ásatrú der meisten, die sich zu seinen (hochumstrittenen möglichen) Inhalten bekennen, wenigstens im Punkt historischer Wahrheitsliebe über die Legendenmacherei anderer neuheidnischer Richtungen herausragend verhielte. </p>
<p>Wenn es da auch einen kleinen Unterschied gäbe: zu all den anderen neuheidnischen Strömungen, deren jeweilige Anhänger erbittert um die Anzahl ihrer rituellen Knopflöcher zu streiten vermögen, ohne zu erkennen, dass zuweilen ihr ganzes mythologisches oder spirituelles Gewand überhaupt nur aus Löchern besteht, vulgo des Kaisers neuen Kleidern ähnlicher ist als wenn sie wirklich skyclad herumliefen. Ja, ich weiß: &#8220;skyclad&#8221; ist kein Ásatrú-Begriff. Eine Wikingergewandung macht aber noch lange keinen Ásatrú. Begriffen? Nein. Spätestens, wenn die meisten das Maul aufreißen, entblößen sie ihre spirituelle Nacktheit. Man muss noch froh sein, wenn ihnen keine Hakenkreuze in die Seele graviert sind – unter dem nostalgischen Stroh. Oder vielleicht sollte man sie schon loben, wenn sie überhaupt andere Gewandung tragen als &#8220;Odin statt Jesus&#8221;-Leiberl.</p>
<p><strong>Vorhang auf – Geist auch</strong><br />
Offen darf – neben den hier zuvörderst aufgeworfenen (kritischen KennerInnen der Materie freilich schon Bekanntes nur in Erinnerung bringenden) – Fragen aber auch diejenige bleiben, was denn eigentlich so schrecklich daran wäre, dem Bekenntnis zu großen Gottheiten jenes kleine, aber ehrliche hinzuzufügen, dass wir uns ebendiese Großen im Grunde selber schnitzen: müssen, will ich sogar sagen. Denn selbst nach Abzug sämtlicher unsicherer Mythen und Legenden (die man ja deshalb nicht in die Tonne treten muss: Es reichte ja das Bewusstsein darüber, worum es sich womöglich handelt) bleibt doch von germanischer Kultur durchaus genug Erforschbares und Recherchierbares übrig, um sich davon ganz ungewohnte Denkweisen in den Charakter einzuarbeiten, so peu á peu. </p>
<p>Klar: eine Heidenarbeit. Die aber kann freilich erst gar nicht beginnen, so lange man (bewusst oder unbewusst) im beharrlichen Leim der sittenchristlichen Tradition kleben bleibt, &#8220;das Spirituelle&#8221; vom restlichen Leben abtrennen zu können. Und erst diese moderne Reduktion aufs vermeintlich Religiöse zwingt, so will mir scheinen, die Bekennenden zu Rechtfertigungen oder haltlosen Behauptungen, die sich irgendwann im Kreis drehen – während der Matsch des Alltags unbeachtet bleibt (einschließlich möglichen Versinkens in eher bräunlichen Sümpfen), da ja dann fürs thematisch fokussierbarere und aus jeglicher sozialer Mitverantwortlichkeit herausamputierte Religionsverständnis irrelevant. Ja, vielleicht taugt dieses ja überhaupt vorrangig dazu, der komplizierten Welt und ihren zumeist unromantischen Anforderungen wenigstens wochenendweise und freizeitlich zu entfliehen. </p>
<p>Spätestens das aber verkaufe mir bitte keiner mehr als germanisch!</p>
<p><em>Duke Meyer</em></p>
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		<title>Heil (1)</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Oct 2008 10:33:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p><img src="http://u1.ipernity.com/4/71/59/1437159.bb42fea5.240.jpg" alt="Galiote" /><strong><br />
Wenige Begriffe unserer Sprache wurden derart vergewaltigt – von seiner jahrhundertlangen Instrumentalisierung durch die kirchlichen Theokraten bis zur schließlichen Besudelung durch die NS-Deutschen. Man nehme diese Überschrift daher um großer Götter (vor allem aber aller Menschlichkeit) Willen nicht als markerschütternden Ruf, sondern stelle sich das Wort vielmehr geflüstert vor. Behutsam mit seinem tatsächlichen Sinn refilled, gibt es keinen deutlicheren Begriff für das, was es mich zu sagen drängt.</strong></p>
<p><em><strong>Totale (Weitwinkel-Aufnahme / Panorama)</strong></em><br />
Wir leben in unruhigen Zeiten, Tendenz verstörend. Das international durchgesetzte Dogma weltweit &#8220;ungehinderten&#8221; Warenflusses entwertet Arbeitskraft auf selbstmörderisch niedrige Niveaus; die und der Einzelne hierzulande erleben das als persönliche Perspektivlosigkeit, Ohnmacht und Druck. Der Staat versucht sich in (zuweilen bizarren Hilflosigkeitsmaßnahmen) hauptsächlicher Armutsverwaltung; die dies dem Volk händeringend bis hanebüchen verkaufenden Politiker entwerten damit ihrerseits die Demokratie (denn die lebt vom Vertrauen). In deren Windschatten wiederum gehen Ideologen des Hasses Jünger fischen und schöpfen reichlich Volksfrust ab. Die Angstmaschine brummt.</p>
<p>Was immer als fixer Wert gegolten haben mag bis vor kurzem: er bröckelt. Sie bröckeln alle. Das ganze System erodiert. Und damit auch das Selbst-Bewusstsein seiner Träger: wie außen, so innen. Und an dem, was noch steht, meint man zu spüren, wie sich die Schrauben lockern (auch zuvieler Gemüter&#8230;). Sicher ist nur noch, daß als sicher geglaubte Gewissheiten schwinden. In diesem Strudel – ja: Mahlstrom – rangeln Menschen nach Halt.</p>
<p>Die Identitätsfindung im Land jener Beliebigkeit, die hier gern mit Freiheit verwechselt wird, nimmt neurotische Züge an: Als &#8220;westliche Werte&#8221; werden nach Gusto hervorgekramt, was blutige Geschichte oder ihre dümmlichsten Legenden hergeben – die Menschenrechte hingegen sind historisch offenbar noch zu jung, um bereits als einforderbarer Wert auch persönlich Sinn und Stolz zu stiften&#8230; (von Gemeinsinn ganz zu schweigen: Entsolidarisiert sind wir bis tief ins geplünderte Portemonnaie hinein. Auch ich überlege, ob ich mir meine Trinkhörner nicht demnächst an die Ellbogen schnalle&#8230; Only the lonely survive?). Und dem Big Brother USA wie ehedem gewohnt jeden Trend abzugucken, will auch nicht mehr recht funzen, seit der Ölscheich und Gotteskrieger Bush bei seinem &#8220;Krieg gegen den Terror&#8221; erkennbar ein wichtiges Land vergessen hat: Texas.</p>
<p>Texas erfüllt seit längerem die Kriterien für militärische Interventionen im Namen von Freiheit und Demokratie: Dort werden seit je die Menschenrechte mit Füßen getreten (Todesstrafe!), unlängst kam ein Präsident ohne glaubwürdige demokratische Verfahren an die Macht (Bush, 1. Amtszeit), dort lagern Massenvernichtungswaffen in hoher Zahl, breite Bevölkerungsschichten huldigen dem Fundamentalismus, religiöse Fanatiker sitzen in Regimekreisen. Von diesen gehen zudem weltweite Drohgebärden aus, und nicht nur rhetorische!</p>
<p>Aber Ernst beiseite.</p>
<p><em><strong>Nahaufnahme (Schwenk auf die Protagonisten / Portraits)</strong></em><br />
Die Spaßgesellschaft funktioniert ja noch. Treffen wir uns auf dem Mittelaltermarkt, und vergessen, &#8220;gewandet&#8221; wandelnd zwischen Drehleier, Blasebalg und fetter Bratwurst für drei &#8220;Taler&#8221;, dass jede beliebige Ära vor ein paar hundert Jahren für 99 % damaliger Bevölkerung frei von jeglicher persönlichen Freiheit war.</p>
<p>Gerade Neuheiden begeistern sich gern an der nostalgischen Wiedergängerey jener Jahrhunderte Kirchendiktatur (die deren noch blutigerer &#8220;Neuzeit&#8221; vorausgingen, in der die Inquisition zu ihren größten Exzessen erst so richtig auflief): damals, im Mittelalter, gab´s halt noch öffentliche Badezuber, oder so ähnlich (glucks). Und überhaupt soll man ja alles nicht so eng sehen – heute geht es schließlich ums Vergnügen.</p>
<p>Dieses aber kann sich krampfhafter Züge nicht entledigen, betrachtet man, wie ernst ebendiese &#8220;Heiden&#8221; anderseits in ihrer persönlichen &#8220;Religiösität&#8221; genommen werden möchten. Allmählich möchte sogar ich beinahe an &#8220;Karma&#8221; glauben: angesichts all dieser Profilkasper, Titelhuber, Verschwörungstechniker, freifabulierenden Geschichtsorakler, Unsinnabnicker und Wirklichkeitsverdränger, die da Asyl beantragen als vom Alltagsmief Verfolgte im Traumland freier Wühltisch-Phantasien. Wie viele Geheimräte, kaiserliche Beamte, Gendarmen, Zwangsmütter, Landbüttel, Kardinäle, Ablaßverkäufer, Äbtissinnen, Dorfpfaffen, Quacksalber, Marienerscheinungsgeplagte, Wundmal-Voodooisten, Selbstgeißlerinnen, Beutelschneider, dummgeprügelte Mägde, Kreuzfahrer und Kleinstdespoten mögen sich hier aus den letzten 1500 Jahren &#8220;inkarniert&#8221; haben in den heutigen Zeitgenossen! Denn anders kann ich mir deren jederzeit auf Stich- und Reizwort herauskrakeelbare Emp- und B.- Findlichkeiten kaum mehr erklären&#8230; (die Titel haben gewechselt. Wir sind Alsherjapsgode – und überhaupt hochgradig initiiert! Was man aber alles nicht verwechseln darf – schon der Wichtigkeit wegen.)</p>
<p>Den Vorfahren freilich ist kein Vorwurf zu machen. Was hätten sie anderes tun sollen, als nach ihrem Ableben in ausgerechnet sovielen heutigen Neuheiden zu &#8220;inkarnieren&#8221;? Schließlich werden sie von diesen geflissentlich übergangen bei der Ahnenverehrung: beruft sich neuheid doch lieber auf die beliebig aufblasbaren Ganzaltvorderen, die originalen (!) &#8220;Germanen&#8221;, unverfälschten (!) &#8220;Kelten&#8221; – oder wenigstens all die vieltausendjährig (in klammheimlichen, von Oma zu Enkelin vermutlich zwischen Kirchgang und Wäscheberg weitergeraunten) &#8220;ungebrochenen Hexentraditionen&#8221;&#8230;!? Zumindest die Linie der Dummheit ist eine nachweislich schwer durchbrechbare. Ganz hartnäckig haltbar, diese Tradition. Und wahrhaft religionsübergreifend.</p>
<p>Christen – waren das nicht irgendwelche fernen Bösen, die irgendwie aus der orientalischen (!) &#8220;Wüste&#8221; in unsere (!) schönen Wälder kamen (?) und mit viel Gezeter und Höllgeheul den armen heidnischen Landsleuts auf einmal das Spökenkieken verboten haben? Zu den eigenen Ahnen zählt neuheid die Christen anscheinend nicht (auch wenn deren Missionare keineswegs aus morgenländischen Fernen, sondern ganz nachbarschaftlich aus Irland und Italien herbeigetrippelt waren, das damalige New Age verkündend). Wie aber die vergammelten Wertvorstellungen all jener bekennenden Christen aus letztlich über anderthalb Jahrtausenden Abendland klammheimlich in den scheinheidnischen Köpfen der Heutigen spuken (auch ganz ohne Inkarnierungsschmäh, sondern so richtig de facto): Das passt auf keine Kuhhaut, und das bannt auch kein Pentagramm.</p>
<p>Also sprach der Moderator: Selig sind die besonders Bescheuerten, denn ihnen gehört das Medienreich. Und heute die ganze Welt.</p>
<p><em><strong>Außenaufnahme (hinter den Kulissen: fürs &#8220;Making of&#8221;)</strong></em><br />
Die ganze Welt &#8230; unsere (jeweils) ganze Welt&#8230; ist Wahrnehmung. Eine subjektive, immer, und nur. So ist das mit der &#8220;ganzen Welt&#8221;. Außerhalb menschlicher Wahrnehmung gibt es keine &#8220;Medien&#8221;, keine Fernseher, Filme oder Bildschirme (sieht man mal von ein paar größeren Halden Elektronikschrott ab, über die Mama Globus aber bald ihr gnädiges Gras wachsen lassen würde, ließe man ihr nur ungestörte Zeit). Unser aller Internet, das sind ein paar Millionen fragile Datenplatten, überdreht rotierend allesamt, miteinander verbunden über etliche Zigkilometer dickzäher Kabel auf Ozeangrund und sonstwo – und da z.B. die NASA (immerhin ja kein Kellerclübchen pickeliger Bastelbuben) schon heute die Dokus ihres kompletten Apollo-Raumfahrtprogramms aus den 60er Jahren nicht mehr abzuspielen vermag, weil niemand mehr die schrottreife Hardware reparieren kann (was aber eh egal ist, da die Originalaufnahmen inzwischen &#8220;verlegt&#8221; wurden: vulgo verloren sind&#8230;), <a href="#Fussnote">(1)</a> darf man getrost davon ausgehen, dass auch und gerade von unserer aller zeitgenössischen Daten-Geschwätzigkeit nicht viel mehr übrigbleiben wird als einige Tonnen unappetitlicher Plastik- und Siliziumschrott (von dem aber unklar sein wird, wozu er überhaupt diente). Die Archäologinnen künftiger Zeiten werden sich die Köpfe zerbrechen, was wir den ganzen Tag eigentlich gemacht haben – aber das müssen wir ungetröstet ihrer Phantasie überlassen. Von unseren Gedanken wird nichts künden!</p>
<p>Nun, wir wissen ja, was wir tun. Im Sinne unserer Making-Of-Aufnahme sieht das so aus: Ich sitze gerade seit ein paar Stunden auf einem Plastikdrehsesselchen, vor einem Holztisch, auf dem u.a. ein Kasten steht, in welchen ich unablässig hineingucke. Von der Vorderfront des Kastens geht ein fahles Leuchten aus, von der Deckenlampe ein helleres.<br />
Meine unruhigen Finger lassen flache Knopfreihen leise klappern. Aus zwei kleineren Kästen links und rechts auf dem Tisch röhrt rhythmisch-melodiöser Klang. Am Körper trage ich dünne Textilien und im Haar hoffentlich keine Läuse (obwohl die halbwüchsigen Kinder meiner Schwester ständig welche mit heimbringen von der Dorfschule). Mein Magen verdaut gerade &#8220;Spaghetti aglio e olio e peperoncino&#8221;: typisches Alltagsfutter für mich, auch wenn das nicht allzu germanisch sein dürfte – aber es machte mich nicht germanischer, bevorzugte ich Hirsebrei. Pasta, Knobi und Chillies sind billig – und so, wie ich sie mische, schmackhaft (na schön: der frisch zu raspelnde Parmegiano Reggiano drauf, der kostet a bisserl. Aber Stil darf sein, zumal´s der Käs´ wert ist) – außerdem sagen die wenigen Mädels, die mir die Freude machen, gelegentlich mein Lager zu teilen, daß ich &#8220;abgenommen&#8221; hätte: seit mir die Spaghetti die fette Hartwurst ersetzen morgens&#8230;</p>
<p>Off topic? Von wegen. Wir sind schon ganz haarscharf am Thema. Heil&#8230; Ich bestehe nochmals auf die kategorische Abwesenheit jeglichen Rufzeichens hinter diesem Four-Letter-Word, das mir so wichtig wurde in den jüngsten Jahren. Daß es mir überhaupt wichtig und relevant werden durfte (oder sagen wir pragmatischer: konnte), verdanke ich freilich anderen. Denn Heil, soviel sei vorausgeraunt, ist alles andere als eine individuelle Leistung. Obwohl es solche erfordert&#8230;</p>
<p>Und hier wären wir schon beim ersten Gegensatz zur &#8220;Gesellschaft&#8221; des &#8220;anything goes&#8221;: die eigentlich nur beständig verspricht, du könntest es allein schaffen. (Gerade mir als Musiker wird industriemäßig der &#8220;virtual drummer&#8221;, der &#8220;virtual guitarist&#8221;, der &#8220;virtual bassist&#8221; – &#8230; demnächst womöglich sogar noch das &#8220;virtual groupie&#8221;? – für &#8220;wenige&#8221; hundert Eurotaler angepriesen &#8230; alles wohlfeile Software fürs private Rechenkistchen. Stehende Botschaft all solcher postmodernen Errungenschaften: Mach dein Ding – für dich alleine! Was die Werbeprospekte nicht miterwähnen: Alleine, ganz alleine &#8230; bleibst du dann damit auch. Voilá: So verwandeln sich zahllose ambitionierte Künstler freiwillig in einsame Auto-Autisten. Ob wer dazu noch zuckt, spielt eigentlich nimmer die Rolle &#8230; Zuhörer werden zur bedrohten Art – die aber auch keinen mehr interessiert. Ich plage mich daher aber am Arsch lieber mit der lebendigen Zickengitarrera, ihrem und meinem Lieblingsdrummer, und der dann dreifach sich überschlagenden Ekstase herum&#8230;: bevor ich mir in fatalster Verblendung einbilde, &#8220;totale Kontrolle&#8221; über den künstlerischen Schaffensprozess ermögliche – oder garantiere gar – überhaupt einen solchen. Verdammt, ich bin Mensch – geborenes Herdentier! Mit allem Wenn und Wehe!)</p>
<p><em><strong>Innenaufnahme (Oberstübchen / Dachgeschoss)</strong></em><br />
Ich muss gestehen: Ich kann die Welt nicht retten. Der Globus brennt, und was mach ich? Schlangestehen im Supermarkt, oder vor dem einsam restgeöffneten Bank-, Amts- oder Bahnschalter, und mich noch dumm anrüffeln lassen von unterbezahlten und komplett desinteressierten Lakaien, die ihren bräsigen Dienst nach Vorschrift schieben, als gelte es, dem Kunden, der alles andere als ein &#8220;König&#8221; ist, durch ihre Ignoranz eine Art Rache des real überlebten Sozialismus spüren zu lassen.</p>
<p>Als kürzlich mein Mobiltelefon gesperrt wurde, da meine Rechnungsüberweisung zu spät erfolgt war, erwies es sich als unmöglich, einen lebenden Menschen im Dienste des Providers an die Strippe zu bekommen. Ich tippte mir die Finger wund, mich durch automatisierte Menüs hangelnd (&#8220;&#8230;dann drücken Sie die Drei&#8230;&#8221;), bloß um letztlich zu erfahren, dass &#8220;alle Mitarbeiter derzeit beschäftigt&#8221; seien – und Mozarts Kleine Nachtmusik tröstete zumindest in Form digitalisierten Gepiepses da wenig. &#8220;Du kannst es allein schaffen. Mach dein Ding.&#8221; Totale Kontrolle. Über dein Leben und Schaffen. Erstreben andere: habe ich den Eindruck. Aber diese Kontrolleure haben kein Gesicht. Der Zorn findet kein Ziel mehr: zumindest, wenn man nicht getriebenen Idioten wie &#8220;Jan von Helsing&#8221; (bürgerlich: Udo Bohley) – dem populären Sampler wiederaufbereiteter Verschwörungstheorien – auf den billigen Leim geht: der allen Ernstes suggeriert, an all der modernen Unbill seien (mal wieder, und wer sonst?) &#8220;die Juden&#8221; schuld.</p>
<p>Die Mauer muss weg! Gilt irgendwie noch immer. Da ich die außen nicht mehr sehe, gehe ich die in meinem Kopf an. Und siehe: da ist mehr als eine.</p>
<p><em><strong>Kamera aus (Drehpause)</strong></em><br />
Heil findet nicht im luftleeren Raum statt. Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Es geht um mehr. Es geht um Menschen: immer um mehrere. Wie nah oder weit weg die auch sein mögen.</p>
<blockquote><p>&#8220;Sie trafen sich auf einer Lichtung. Es waren nur noch wenige. Die Zeit hatte ihre Spuren in die Gesichter gegraben, wie in die Erinnerungen. Aber ihre Augen leuchteten ungebrochen. Sie wußten, wozu sie da standen. Jetzt galt es, weiterzumachen. Und als der erste Scheit loderte, sangen sie. Für den Wind, für das Gras, für die Berge&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Die Singvøgel: <a href="http://www.singvoegel.com/index.php/feuersang/" target="_blank">Feuersang</a>)</p>
<p>Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss.</p>
<blockquote><p>&#8220;Es war eine harte Zeit gewesen &#8230; Sie hatten vieles verloren. Und manch einer von früher war nicht mehr dabei&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(dto.)</p>
<p>Als ich letzten Winter jäh stark erkrankte, rief mich meine Schwester an: Sie komme mich jetzt holen – zu ihr raus aufs Land (wo ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wohnte. In meiner City-Bude war natürlich der Ofen kalt: ich konnte mich nimmer groß rühren). Sie ist nicht meine &#8220;richtige&#8221; Schwester. (Die &#8220;richtige&#8221; residiert als eine hochbürgerliche Institutsleiterin in Wien und hält nix von mir.) Loki, was sag ich! Natürlich ist die meine richtige Schwester, mit der ich lache und weine, mit der ich durch Dick und Dünn gehe oder strauchle, mit der ich jetzt wohne, und die mir kalte Wickel machte, bis das Fieber runter ging, und die auch anderseits jederzeit eine Fünf gerade sein lässt, und die auch manchmal nervt wie ich sie, aber die halt meine Schwester ist: meine liebe Schwester, obwohl ich die erst seit acht Jahren kenne, und die vor sechsen eben meine liebe, meine wichtige und richtige und wahre Schwester werden durfte. Mein Band mit ihr ist dicker als das des Blutes. Von den Göttern her sind sie und ich von einem Blut – obwohl wir nichtmal genau die gleichen Götter haben (brauchen). Home is where the heart is, und wir sind füreinander da. Das ganz normale, verrückte Leben brachte uns zusammen (so, wie mich dasselbe von meiner leiblichen Schwester leider entfremdete).</p>
<p>Kommenden Winter holen wir meine alte Mutter über Weihnachten auf Besuch, und als die das letzte Mal bei uns war, tanzte Schwesterherz mit der über 80jährigen spontan Walzer in der Küche. Zum Begriff &#8220;Heil&#8221; passt gerade und auch Kästners Erich alter Spruch:</p>
<blockquote><p>&#8220;Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Das Feuer loderte hoch. Hände fanden sich, faßten ineinander &#8230; Menschen maßen, was sie miteinander geteilt hatten – wieder und wieder&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Feuersang)</p>
<p>Susanne E. (Name vom Verfasser geändert), ein junges begabtes Mädel aus Norddeutschland, stieg nach einiger Zeit aus unserer Heilsgemeinschaft, der Nornirs Ætt, wieder aus: Sie mochte sich nicht so &#8220;festlegen&#8221;, und überhaupt: diese &#8220;Verpflichtungen&#8221; bei solchen Zugehörigkeiten – das alles sei nicht ihr Ding. Mal abgesehen davon, dass sich &#8220;Verpflichtungen&#8221; von Mitgliedern unserer kleinen überregionalen Gruppe auf (individuell wie spirituell zudem recht freizügig auslegbare) Zugehörigkeitsgefühle zu germanischer Kultur beschränken: die Anforderungen sind schon hoch. Wir erwarten – neben aktivem Einsatz für die Menschenrechte (was wir dem Erbe der Geschichte wie auch unseren Germanengöttern schuldig sind) – persönliche Verbindlichkeit der Gemeinschaft gegenüber. Dazu aber gehört wenig mehr als das Einhalten gegebenen Wortes, und das Interesse am Austausch mit den anderen in der Gruppe.</p>
<p>Die gibt es seit 1995. Die von Anbeginn angestrebte Heilsgemeinschaft tatsächlich zu sein, gelingt uns seit 2003. Unsere Kopfzahl ist überschaubar: etliche kamen, manche verließen uns. Woran wir aber unablässig arbeiten, ist die Struktur: unsere Konsensdemokratie funktioniert. Verdeckte Machtstrukturen aufzustöbern (besonders unbewusst oder unbeabsichtigt etablierte) und auszumerzen war ein ähnliches Sisyphus-Unterfangen, wie einen Garten von Unkraut freizuhalten. Aber wir schafften es. Seitdem fließen Energien ungehindert, von denen wir vorher gar nicht so recht ahnten, dass es sie überhaupt gibt. Obwohl wir weit auseinander wohnen: Hamburg – Leipzig – Bocholt – Rothenburg <em>(mittlerweile: Hamburg &#8211; Aachen &#8211; Wien)</em> sind unsere derzeitigen Grenzen bzw. Entfernungen. Aber wenn´s im Norden brennt, dann blinkt´s auf im Süden. Es geht tief, inzwischen: bis in die normalerweisen Tabus der zwischenmenschlichen Beziehungen hinein. Alles ist Privatsache – aber von der des einen bleibt auch die der anderen Hunderte Kilometer entfernt nicht unbetroffen. Wir trauen uns, zu reden: miteinander. Und zu handeln!</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/heil-2/" target="_blank">Heil (Teil 2)</a></p>
<p><em><a name="Fussnote">(1)</a> Das ist ein moderner Mythos &#8211; in doppelter Wortbedeutung. Im Sinne der Alltagssprache, weil nicht &#8220;die Dokus der NASA aus den 60ern&#8221; nicht mehr lesbar wären, sondern weil nur einige Behälter mit  Original-Magnetbändern, die Daten der Apolloflüge enthalten, nicht mehr auffindbar waren. Inzwischen (Juli 2009) sind sie wiedergefunden.<br />
Allerdings illustriert dieser Mythos &#8211; nun die andere, ursprüngliche Wortbedeutung &#8211; symbolisch verdichtet den &#8220;schleichenden Datenverfall&#8221;, die &#8220;Demenz der Archive&#8221;, den &#8220;elektronischen Alzheimer&#8221;. Wegen der geringen Haltbarkeit vieler Datenträger, aber auch, weil die Geräte, mit denen diese Datenträger gelesen werden, schnell veralten, droht in der Tat eine Zukunft, in der über unseren Alltag, unsere Kultur oder unser politisches Zeitgeschehen nur das bekannt sein wird, was in &#8220;offiziellen&#8221; Archiven mit großem Aufwand für aufbewahrenswert gehalten wird. Also eine vergleichbare Situation wie die die des Mittelalters, in der die klösterlichen Schreibstuben das &#8220;Chronistenmonopol&#8221; hatten.</em> MartinM</p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/heil-1/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://u1.ipernity.com/4/71/59/1437159.bb42fea5.240.jpg" alt="Galiote" /><strong><br />
Wenige Begriffe unserer Sprache wurden derart vergewaltigt – von seiner jahrhundertlangen Instrumentalisierung durch die kirchlichen Theokraten bis zur schließlichen Besudelung durch die NS-Deutschen. Man nehme diese Überschrift daher um großer Götter (vor allem aber aller Menschlichkeit) Willen nicht als markerschütternden Ruf, sondern stelle sich das Wort vielmehr geflüstert vor. Behutsam mit seinem tatsächlichen Sinn refilled, gibt es keinen deutlicheren Begriff für das, was es mich zu sagen drängt.</strong></p>
<p><em><strong>Totale (Weitwinkel-Aufnahme / Panorama)</strong></em><br />
Wir leben in unruhigen Zeiten, Tendenz verstörend. Das international durchgesetzte Dogma weltweit &#8220;ungehinderten&#8221; Warenflusses entwertet Arbeitskraft auf selbstmörderisch niedrige Niveaus; die und der Einzelne hierzulande erleben das als persönliche Perspektivlosigkeit, Ohnmacht und Druck. Der Staat versucht sich in (zuweilen bizarren Hilflosigkeitsmaßnahmen) hauptsächlicher Armutsverwaltung; die dies dem Volk händeringend bis hanebüchen verkaufenden Politiker entwerten damit ihrerseits die Demokratie (denn die lebt vom Vertrauen). In deren Windschatten wiederum gehen Ideologen des Hasses Jünger fischen und schöpfen reichlich Volksfrust ab. Die Angstmaschine brummt.</p>
<p>Was immer als fixer Wert gegolten haben mag bis vor kurzem: er bröckelt. Sie bröckeln alle. Das ganze System erodiert. Und damit auch das Selbst-Bewusstsein seiner Träger: wie außen, so innen. Und an dem, was noch steht, meint man zu spüren, wie sich die Schrauben lockern (auch zuvieler Gemüter&#8230;). Sicher ist nur noch, daß als sicher geglaubte Gewissheiten schwinden. In diesem Strudel – ja: Mahlstrom – rangeln Menschen nach Halt.</p>
<p>Die Identitätsfindung im Land jener Beliebigkeit, die hier gern mit Freiheit verwechselt wird, nimmt neurotische Züge an: Als &#8220;westliche Werte&#8221; werden nach Gusto hervorgekramt, was blutige Geschichte oder ihre dümmlichsten Legenden hergeben – die Menschenrechte hingegen sind historisch offenbar noch zu jung, um bereits als einforderbarer Wert auch persönlich Sinn und Stolz zu stiften&#8230; (von Gemeinsinn ganz zu schweigen: Entsolidarisiert sind wir bis tief ins geplünderte Portemonnaie hinein. Auch ich überlege, ob ich mir meine Trinkhörner nicht demnächst an die Ellbogen schnalle&#8230; Only the lonely survive?). Und dem Big Brother USA wie ehedem gewohnt jeden Trend abzugucken, will auch nicht mehr recht funzen, seit der Ölscheich und Gotteskrieger Bush bei seinem &#8220;Krieg gegen den Terror&#8221; erkennbar ein wichtiges Land vergessen hat: Texas.</p>
<p>Texas erfüllt seit längerem die Kriterien für militärische Interventionen im Namen von Freiheit und Demokratie: Dort werden seit je die Menschenrechte mit Füßen getreten (Todesstrafe!), unlängst kam ein Präsident ohne glaubwürdige demokratische Verfahren an die Macht (Bush, 1. Amtszeit), dort lagern Massenvernichtungswaffen in hoher Zahl, breite Bevölkerungsschichten huldigen dem Fundamentalismus, religiöse Fanatiker sitzen in Regimekreisen. Von diesen gehen zudem weltweite Drohgebärden aus, und nicht nur rhetorische!</p>
<p>Aber Ernst beiseite.</p>
<p><em><strong>Nahaufnahme (Schwenk auf die Protagonisten / Portraits)</strong></em><br />
Die Spaßgesellschaft funktioniert ja noch. Treffen wir uns auf dem Mittelaltermarkt, und vergessen, &#8220;gewandet&#8221; wandelnd zwischen Drehleier, Blasebalg und fetter Bratwurst für drei &#8220;Taler&#8221;, dass jede beliebige Ära vor ein paar hundert Jahren für 99 % damaliger Bevölkerung frei von jeglicher persönlichen Freiheit war.</p>
<p>Gerade Neuheiden begeistern sich gern an der nostalgischen Wiedergängerey jener Jahrhunderte Kirchendiktatur (die deren noch blutigerer &#8220;Neuzeit&#8221; vorausgingen, in der die Inquisition zu ihren größten Exzessen erst so richtig auflief): damals, im Mittelalter, gab´s halt noch öffentliche Badezuber, oder so ähnlich (glucks). Und überhaupt soll man ja alles nicht so eng sehen – heute geht es schließlich ums Vergnügen.</p>
<p>Dieses aber kann sich krampfhafter Züge nicht entledigen, betrachtet man, wie ernst ebendiese &#8220;Heiden&#8221; anderseits in ihrer persönlichen &#8220;Religiösität&#8221; genommen werden möchten. Allmählich möchte sogar ich beinahe an &#8220;Karma&#8221; glauben: angesichts all dieser Profilkasper, Titelhuber, Verschwörungstechniker, freifabulierenden Geschichtsorakler, Unsinnabnicker und Wirklichkeitsverdränger, die da Asyl beantragen als vom Alltagsmief Verfolgte im Traumland freier Wühltisch-Phantasien. Wie viele Geheimräte, kaiserliche Beamte, Gendarmen, Zwangsmütter, Landbüttel, Kardinäle, Ablaßverkäufer, Äbtissinnen, Dorfpfaffen, Quacksalber, Marienerscheinungsgeplagte, Wundmal-Voodooisten, Selbstgeißlerinnen, Beutelschneider, dummgeprügelte Mägde, Kreuzfahrer und Kleinstdespoten mögen sich hier aus den letzten 1500 Jahren &#8220;inkarniert&#8221; haben in den heutigen Zeitgenossen! Denn anders kann ich mir deren jederzeit auf Stich- und Reizwort herauskrakeelbare Emp- und B.- Findlichkeiten kaum mehr erklären&#8230; (die Titel haben gewechselt. Wir sind Alsherjapsgode – und überhaupt hochgradig initiiert! Was man aber alles nicht verwechseln darf – schon der Wichtigkeit wegen.)</p>
<p>Den Vorfahren freilich ist kein Vorwurf zu machen. Was hätten sie anderes tun sollen, als nach ihrem Ableben in ausgerechnet sovielen heutigen Neuheiden zu &#8220;inkarnieren&#8221;? Schließlich werden sie von diesen geflissentlich übergangen bei der Ahnenverehrung: beruft sich neuheid doch lieber auf die beliebig aufblasbaren Ganzaltvorderen, die originalen (!) &#8220;Germanen&#8221;, unverfälschten (!) &#8220;Kelten&#8221; – oder wenigstens all die vieltausendjährig (in klammheimlichen, von Oma zu Enkelin vermutlich zwischen Kirchgang und Wäscheberg weitergeraunten) &#8220;ungebrochenen Hexentraditionen&#8221;&#8230;!? Zumindest die Linie der Dummheit ist eine nachweislich schwer durchbrechbare. Ganz hartnäckig haltbar, diese Tradition. Und wahrhaft religionsübergreifend.</p>
<p>Christen – waren das nicht irgendwelche fernen Bösen, die irgendwie aus der orientalischen (!) &#8220;Wüste&#8221; in unsere (!) schönen Wälder kamen (?) und mit viel Gezeter und Höllgeheul den armen heidnischen Landsleuts auf einmal das Spökenkieken verboten haben? Zu den eigenen Ahnen zählt neuheid die Christen anscheinend nicht (auch wenn deren Missionare keineswegs aus morgenländischen Fernen, sondern ganz nachbarschaftlich aus Irland und Italien herbeigetrippelt waren, das damalige New Age verkündend). Wie aber die vergammelten Wertvorstellungen all jener bekennenden Christen aus letztlich über anderthalb Jahrtausenden Abendland klammheimlich in den scheinheidnischen Köpfen der Heutigen spuken (auch ganz ohne Inkarnierungsschmäh, sondern so richtig de facto): Das passt auf keine Kuhhaut, und das bannt auch kein Pentagramm.</p>
<p>Also sprach der Moderator: Selig sind die besonders Bescheuerten, denn ihnen gehört das Medienreich. Und heute die ganze Welt.</p>
<p><em><strong>Außenaufnahme (hinter den Kulissen: fürs &#8220;Making of&#8221;)</strong></em><br />
Die ganze Welt &#8230; unsere (jeweils) ganze Welt&#8230; ist Wahrnehmung. Eine subjektive, immer, und nur. So ist das mit der &#8220;ganzen Welt&#8221;. Außerhalb menschlicher Wahrnehmung gibt es keine &#8220;Medien&#8221;, keine Fernseher, Filme oder Bildschirme (sieht man mal von ein paar größeren Halden Elektronikschrott ab, über die Mama Globus aber bald ihr gnädiges Gras wachsen lassen würde, ließe man ihr nur ungestörte Zeit). Unser aller Internet, das sind ein paar Millionen fragile Datenplatten, überdreht rotierend allesamt, miteinander verbunden über etliche Zigkilometer dickzäher Kabel auf Ozeangrund und sonstwo – und da z.B. die NASA (immerhin ja kein Kellerclübchen pickeliger Bastelbuben) schon heute die Dokus ihres kompletten Apollo-Raumfahrtprogramms aus den 60er Jahren nicht mehr abzuspielen vermag, weil niemand mehr die schrottreife Hardware reparieren kann (was aber eh egal ist, da die Originalaufnahmen inzwischen &#8220;verlegt&#8221; wurden: vulgo verloren sind&#8230;), <a href="#Fussnote">(1)</a> darf man getrost davon ausgehen, dass auch und gerade von unserer aller zeitgenössischen Daten-Geschwätzigkeit nicht viel mehr übrigbleiben wird als einige Tonnen unappetitlicher Plastik- und Siliziumschrott (von dem aber unklar sein wird, wozu er überhaupt diente). Die Archäologinnen künftiger Zeiten werden sich die Köpfe zerbrechen, was wir den ganzen Tag eigentlich gemacht haben – aber das müssen wir ungetröstet ihrer Phantasie überlassen. Von unseren Gedanken wird nichts künden!</p>
<p>Nun, wir wissen ja, was wir tun. Im Sinne unserer Making-Of-Aufnahme sieht das so aus: Ich sitze gerade seit ein paar Stunden auf einem Plastikdrehsesselchen, vor einem Holztisch, auf dem u.a. ein Kasten steht, in welchen ich unablässig hineingucke. Von der Vorderfront des Kastens geht ein fahles Leuchten aus, von der Deckenlampe ein helleres.<br />
Meine unruhigen Finger lassen flache Knopfreihen leise klappern. Aus zwei kleineren Kästen links und rechts auf dem Tisch röhrt rhythmisch-melodiöser Klang. Am Körper trage ich dünne Textilien und im Haar hoffentlich keine Läuse (obwohl die halbwüchsigen Kinder meiner Schwester ständig welche mit heimbringen von der Dorfschule). Mein Magen verdaut gerade &#8220;Spaghetti aglio e olio e peperoncino&#8221;: typisches Alltagsfutter für mich, auch wenn das nicht allzu germanisch sein dürfte – aber es machte mich nicht germanischer, bevorzugte ich Hirsebrei. Pasta, Knobi und Chillies sind billig – und so, wie ich sie mische, schmackhaft (na schön: der frisch zu raspelnde Parmegiano Reggiano drauf, der kostet a bisserl. Aber Stil darf sein, zumal´s der Käs´ wert ist) – außerdem sagen die wenigen Mädels, die mir die Freude machen, gelegentlich mein Lager zu teilen, daß ich &#8220;abgenommen&#8221; hätte: seit mir die Spaghetti die fette Hartwurst ersetzen morgens&#8230;</p>
<p>Off topic? Von wegen. Wir sind schon ganz haarscharf am Thema. Heil&#8230; Ich bestehe nochmals auf die kategorische Abwesenheit jeglichen Rufzeichens hinter diesem Four-Letter-Word, das mir so wichtig wurde in den jüngsten Jahren. Daß es mir überhaupt wichtig und relevant werden durfte (oder sagen wir pragmatischer: konnte), verdanke ich freilich anderen. Denn Heil, soviel sei vorausgeraunt, ist alles andere als eine individuelle Leistung. Obwohl es solche erfordert&#8230;</p>
<p>Und hier wären wir schon beim ersten Gegensatz zur &#8220;Gesellschaft&#8221; des &#8220;anything goes&#8221;: die eigentlich nur beständig verspricht, du könntest es allein schaffen. (Gerade mir als Musiker wird industriemäßig der &#8220;virtual drummer&#8221;, der &#8220;virtual guitarist&#8221;, der &#8220;virtual bassist&#8221; – &#8230; demnächst womöglich sogar noch das &#8220;virtual groupie&#8221;? – für &#8220;wenige&#8221; hundert Eurotaler angepriesen &#8230; alles wohlfeile Software fürs private Rechenkistchen. Stehende Botschaft all solcher postmodernen Errungenschaften: Mach dein Ding – für dich alleine! Was die Werbeprospekte nicht miterwähnen: Alleine, ganz alleine &#8230; bleibst du dann damit auch. Voilá: So verwandeln sich zahllose ambitionierte Künstler freiwillig in einsame Auto-Autisten. Ob wer dazu noch zuckt, spielt eigentlich nimmer die Rolle &#8230; Zuhörer werden zur bedrohten Art – die aber auch keinen mehr interessiert. Ich plage mich daher aber am Arsch lieber mit der lebendigen Zickengitarrera, ihrem und meinem Lieblingsdrummer, und der dann dreifach sich überschlagenden Ekstase herum&#8230;: bevor ich mir in fatalster Verblendung einbilde, &#8220;totale Kontrolle&#8221; über den künstlerischen Schaffensprozess ermögliche – oder garantiere gar – überhaupt einen solchen. Verdammt, ich bin Mensch – geborenes Herdentier! Mit allem Wenn und Wehe!)</p>
<p><em><strong>Innenaufnahme (Oberstübchen / Dachgeschoss)</strong></em><br />
Ich muss gestehen: Ich kann die Welt nicht retten. Der Globus brennt, und was mach ich? Schlangestehen im Supermarkt, oder vor dem einsam restgeöffneten Bank-, Amts- oder Bahnschalter, und mich noch dumm anrüffeln lassen von unterbezahlten und komplett desinteressierten Lakaien, die ihren bräsigen Dienst nach Vorschrift schieben, als gelte es, dem Kunden, der alles andere als ein &#8220;König&#8221; ist, durch ihre Ignoranz eine Art Rache des real überlebten Sozialismus spüren zu lassen.</p>
<p>Als kürzlich mein Mobiltelefon gesperrt wurde, da meine Rechnungsüberweisung zu spät erfolgt war, erwies es sich als unmöglich, einen lebenden Menschen im Dienste des Providers an die Strippe zu bekommen. Ich tippte mir die Finger wund, mich durch automatisierte Menüs hangelnd (&#8220;&#8230;dann drücken Sie die Drei&#8230;&#8221;), bloß um letztlich zu erfahren, dass &#8220;alle Mitarbeiter derzeit beschäftigt&#8221; seien – und Mozarts Kleine Nachtmusik tröstete zumindest in Form digitalisierten Gepiepses da wenig. &#8220;Du kannst es allein schaffen. Mach dein Ding.&#8221; Totale Kontrolle. Über dein Leben und Schaffen. Erstreben andere: habe ich den Eindruck. Aber diese Kontrolleure haben kein Gesicht. Der Zorn findet kein Ziel mehr: zumindest, wenn man nicht getriebenen Idioten wie &#8220;Jan von Helsing&#8221; (bürgerlich: Udo Bohley) – dem populären Sampler wiederaufbereiteter Verschwörungstheorien – auf den billigen Leim geht: der allen Ernstes suggeriert, an all der modernen Unbill seien (mal wieder, und wer sonst?) &#8220;die Juden&#8221; schuld.</p>
<p>Die Mauer muss weg! Gilt irgendwie noch immer. Da ich die außen nicht mehr sehe, gehe ich die in meinem Kopf an. Und siehe: da ist mehr als eine.</p>
<p><em><strong>Kamera aus (Drehpause)</strong></em><br />
Heil findet nicht im luftleeren Raum statt. Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Es geht um mehr. Es geht um Menschen: immer um mehrere. Wie nah oder weit weg die auch sein mögen.</p>
<blockquote><p>&#8220;Sie trafen sich auf einer Lichtung. Es waren nur noch wenige. Die Zeit hatte ihre Spuren in die Gesichter gegraben, wie in die Erinnerungen. Aber ihre Augen leuchteten ungebrochen. Sie wußten, wozu sie da standen. Jetzt galt es, weiterzumachen. Und als der erste Scheit loderte, sangen sie. Für den Wind, für das Gras, für die Berge&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Die Singvøgel: <a href="http://www.singvoegel.com/index.php/feuersang/" target="_blank">Feuersang</a>)</p>
<p>Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss.</p>
<blockquote><p>&#8220;Es war eine harte Zeit gewesen &#8230; Sie hatten vieles verloren. Und manch einer von früher war nicht mehr dabei&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(dto.)</p>
<p>Als ich letzten Winter jäh stark erkrankte, rief mich meine Schwester an: Sie komme mich jetzt holen – zu ihr raus aufs Land (wo ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wohnte. In meiner City-Bude war natürlich der Ofen kalt: ich konnte mich nimmer groß rühren). Sie ist nicht meine &#8220;richtige&#8221; Schwester. (Die &#8220;richtige&#8221; residiert als eine hochbürgerliche Institutsleiterin in Wien und hält nix von mir.) Loki, was sag ich! Natürlich ist die meine richtige Schwester, mit der ich lache und weine, mit der ich durch Dick und Dünn gehe oder strauchle, mit der ich jetzt wohne, und die mir kalte Wickel machte, bis das Fieber runter ging, und die auch anderseits jederzeit eine Fünf gerade sein lässt, und die auch manchmal nervt wie ich sie, aber die halt meine Schwester ist: meine liebe Schwester, obwohl ich die erst seit acht Jahren kenne, und die vor sechsen eben meine liebe, meine wichtige und richtige und wahre Schwester werden durfte. Mein Band mit ihr ist dicker als das des Blutes. Von den Göttern her sind sie und ich von einem Blut – obwohl wir nichtmal genau die gleichen Götter haben (brauchen). Home is where the heart is, und wir sind füreinander da. Das ganz normale, verrückte Leben brachte uns zusammen (so, wie mich dasselbe von meiner leiblichen Schwester leider entfremdete).</p>
<p>Kommenden Winter holen wir meine alte Mutter über Weihnachten auf Besuch, und als die das letzte Mal bei uns war, tanzte Schwesterherz mit der über 80jährigen spontan Walzer in der Küche. Zum Begriff &#8220;Heil&#8221; passt gerade und auch Kästners Erich alter Spruch:</p>
<blockquote><p>&#8220;Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Das Feuer loderte hoch. Hände fanden sich, faßten ineinander &#8230; Menschen maßen, was sie miteinander geteilt hatten – wieder und wieder&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Feuersang)</p>
<p>Susanne E. (Name vom Verfasser geändert), ein junges begabtes Mädel aus Norddeutschland, stieg nach einiger Zeit aus unserer Heilsgemeinschaft, der Nornirs Ætt, wieder aus: Sie mochte sich nicht so &#8220;festlegen&#8221;, und überhaupt: diese &#8220;Verpflichtungen&#8221; bei solchen Zugehörigkeiten – das alles sei nicht ihr Ding. Mal abgesehen davon, dass sich &#8220;Verpflichtungen&#8221; von Mitgliedern unserer kleinen überregionalen Gruppe auf (individuell wie spirituell zudem recht freizügig auslegbare) Zugehörigkeitsgefühle zu germanischer Kultur beschränken: die Anforderungen sind schon hoch. Wir erwarten – neben aktivem Einsatz für die Menschenrechte (was wir dem Erbe der Geschichte wie auch unseren Germanengöttern schuldig sind) – persönliche Verbindlichkeit der Gemeinschaft gegenüber. Dazu aber gehört wenig mehr als das Einhalten gegebenen Wortes, und das Interesse am Austausch mit den anderen in der Gruppe.</p>
<p>Die gibt es seit 1995. Die von Anbeginn angestrebte Heilsgemeinschaft tatsächlich zu sein, gelingt uns seit 2003. Unsere Kopfzahl ist überschaubar: etliche kamen, manche verließen uns. Woran wir aber unablässig arbeiten, ist die Struktur: unsere Konsensdemokratie funktioniert. Verdeckte Machtstrukturen aufzustöbern (besonders unbewusst oder unbeabsichtigt etablierte) und auszumerzen war ein ähnliches Sisyphus-Unterfangen, wie einen Garten von Unkraut freizuhalten. Aber wir schafften es. Seitdem fließen Energien ungehindert, von denen wir vorher gar nicht so recht ahnten, dass es sie überhaupt gibt. Obwohl wir weit auseinander wohnen: Hamburg – Leipzig – Bocholt – Rothenburg <em>(mittlerweile: Hamburg &#8211; Aachen &#8211; Wien)</em> sind unsere derzeitigen Grenzen bzw. Entfernungen. Aber wenn´s im Norden brennt, dann blinkt´s auf im Süden. Es geht tief, inzwischen: bis in die normalerweisen Tabus der zwischenmenschlichen Beziehungen hinein. Alles ist Privatsache – aber von der des einen bleibt auch die der anderen Hunderte Kilometer entfernt nicht unbetroffen. Wir trauen uns, zu reden: miteinander. Und zu handeln!</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/heil-2/" target="_blank">Heil (Teil 2)</a></p>
<p><em><a name="Fussnote">(1)</a> Das ist ein moderner Mythos &#8211; in doppelter Wortbedeutung. Im Sinne der Alltagssprache, weil nicht &#8220;die Dokus der NASA aus den 60ern&#8221; nicht mehr lesbar wären, sondern weil nur einige Behälter mit  Original-Magnetbändern, die Daten der Apolloflüge enthalten, nicht mehr auffindbar waren. Inzwischen (Juli 2009) sind sie wiedergefunden.<br />
Allerdings illustriert dieser Mythos &#8211; nun die andere, ursprüngliche Wortbedeutung &#8211; symbolisch verdichtet den &#8220;schleichenden Datenverfall&#8221;, die &#8220;Demenz der Archive&#8221;, den &#8220;elektronischen Alzheimer&#8221;. Wegen der geringen Haltbarkeit vieler Datenträger, aber auch, weil die Geräte, mit denen diese Datenträger gelesen werden, schnell veralten, droht in der Tat eine Zukunft, in der über unseren Alltag, unsere Kultur oder unser politisches Zeitgeschehen nur das bekannt sein wird, was in &#8220;offiziellen&#8221; Archiven mit großem Aufwand für aufbewahrenswert gehalten wird. Also eine vergleichbare Situation wie die die des Mittelalters, in der die klösterlichen Schreibstuben das &#8220;Chronistenmonopol&#8221; hatten.</em> MartinM</p>
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		<pubDate>Wed, 15 Oct 2008 10:33:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Zufall]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=473</guid>
		<description><![CDATA[<p><i><b>Das Boot (Silouhette im Abenddämmer, außen)</b></i><br />
Ich wählte den Vergleich mit einem Boot, weil ein solches klare Grenzen hat. Je klarer der eigene Heilsbereich definiert ist, desto klarer lässt sich dessen Geschick lenken.<br />
<img src="http://u1.ipernity.com/4/77/26/1437726.128a050d.240.jpg" alt="Boot" /></p>
<p>Was aber ist Heil? Glück, Erfolg, Gedeihen? Das kommt schon hin. Aber es ist niemals nur das eigene, individuelle. Heil betrifft vielmehr unsere Beziehungen: alle (nicht nur die sog. Liebes-&#8230;)! Mein Heil erwächst daraus, was ich mit anderen zu tun habe, wie ich mit denen umgehe, und die mit mir.</p>
<p>Nach meiner Erfahrung wie auch Beobachtung bildet sich in jeder Gruppe von Menschen (egal, ob es eine zielorientierte Projektgruppe, eine Lebensgemeinschaft oder nur eine sonstwie interagierender Interessensverband ist) nach einer Weile – je nachdem, wie viel und wie häufig die Beteiligten miteinander zu tun haben, in welchem begrenzten Bereich auch immer – eine Art Gruppengeist heraus, den ich gern &#8220;Gruppenseele&#8221; nenne. In der Nornirs Ætt nennen wir eine solche Gruppenseele &#8220;Hamingja&#8221;, empfinden und behandeln zumindest die unsere als ein Wesen, eine Art unsichtbare (aber deutlich fühlbare Geist-) Person. Aber man braucht gar nicht diese bewusst intensive (germanische) Spielart bemühen: Jedes Team, jede Familie, jede Clique, jedes Ensemble kontinuierlich interagierender Personen hat seine eigene, mehr oder weniger spürbare Atmosphäre, deren Eigenschaften sich in solch einem Geist verdichten. Ob man das nun weiß, an sowas glaubt, oder sowas gar ignoriert. In den Fällen, wo man die Gruppenseele wirklich wahrzunehmen – und ernstzunehmen – bereit ist, wird es natürlich einfacher, damit umzugehen: darauf aufzupassen und zu achten. Das Heil der Nornirs-Ætt-Hamingja kommt nicht von ungefähr – die Personifizierung unserer Gruppenseele erlaubt uns einen konkreteren Umgang mit dem Gruppenheil, als das der Fall wäre bei lediglicher Wahrnehmung einer ungefähren &#8220;Atmosphäre&#8221; oder &#8220;Stimmung&#8221;.</p>
<p>Glück, Erfolg, Gedeihen. Die Gesellschaft, in der wir alle leben (und die wir dadurch darstellen: wir sind sie), definiert diese Begriffe – und damit das Heil – als ausschließliche Einzelleistung von Individuen: Jeder sei &#8220;seines Glückes Schmied&#8221;. Unwidersprochen, erstmal – aber das Bild reicht nicht aus. In seiner Unvollständigkeit ignoriert es all unsere Verhältnisse und Beziehungen: es ignoriert den Menschen als Gemeinschaftswesen. Dementsprechendes Unglück, Unheil kommt raus.</p>
<p>Kürzlich las ich einen bitterbösen Spruch: &#8220;Ich war für die Selbstverwirklichung – bis ich Leute traf, die sich selbst verwirklicht hatten.&#8221; Unsere Gesellschaft propagiert Freiheit wie keine andere. Aber Freiheit ohne Verbindlichkeiten anderen gegenüber läuft auf Einsamkeit hinaus: wofür die allermeisten Menschen nicht geschaffen sind. Aufgeklärte spüren die Zwickmühle: Freiheit oder Bindung? So schwarzweiß, derart digital (&#8220;null&#8221; oder &#8220;eins&#8221; – der eine Wert schließt immer den anderen aus) lässt sich das unmöglich entscheiden: zumindest nicht, wenn Heil daraus entstehen soll. Wir alle brauchen Freiheit(en) und Bindung(en) gleichermaßen.</p>
<p>Nein, ich vermag auch nicht von der &#8220;guten alten&#8221; Großfamilie zu träumen, wo einer den andern deckelt, wo womöglich die schlimmste Hackordnung herrschte: Was nützt mir der Halt der konkreten Bezüge, wenn ich überhaupt nix darf inmitten all der rigiden Sozialkontrolle? Selbst einer typischen neurotischen Kleinfamilie entstammend, probte ich, derlei fliehend, jahrzehntelang in hohem Maße das Gegenteil: suchte die persönliche Freiheit, die größtmögliche Unverbindlichkeit, fand das alles, und legte mir dabei auch eine Menge (sozial nicht immer kompatibler) Marotten zu – die heute z.T. sogar meinen Charakter prägen. Die Sehnsucht nach der &#8220;Gruppe&#8221; aber, einer Gemeinschaft: wurde umso bohrender, je weniger ich (auch über schlechte Erfahrungen, die ich vielfältig machte) an das Gelingen mehrköpfigen Miteinanders zu glauben – und darin zu investieren – vermochte. Doch diese jahrelangen Zeiten, die ich als harte erlebte, erwiesen sich später als gute Lehre!</p>
<p>Irgendwann beginnt man Werte zu entwickeln (umso freier, wie man all die unbeabsichtigt verinnerlichten zu reflektieren vermag: ein selbstkritischer Willensakt). Jener Mitbewohner, der mir einst die gemeinsame Wohnung verschaffte, mich aber kurz darauf um tausend Mark betrog (kaltgrinsend: obwohl ich ihm goldene Brücken baute, da ohne Gesichtsverlust herauszukommen in gemeinsamer Einigung – die er aber ablehnte): den erklärte ich irgendwann für mich als &#8220;schädlich für mein Heil&#8221;, und schob ihn aus meinem frischempfundenen &#8220;Heilsbereich&#8221;. Damals (neun Jahre isses her) brauchte ich dazu noch ein bissi albernen Hokuspokus: Hexerei mit Tierfell, Kerze und Kristall&#8230; Tinnef, aber er wirkte (natürlich). Heute genügte mir die Entscheidung, das Bewusstsein, der Entschluss. Konkrete Magie wirkt immer – unabhängig von Requisiten oder &#8220;Hokuspokus&#8221;.</p>
<p>Als ich mich vor sechs Jahren jäh konfrontiert fand mit einem halbkriminellen Wohnungsspekulanten, der sich (als mein plötzlich neuer Vermieter) notlos anschickte, mir in meiner damaligen Wohnung das Bleiben zur Hölle zu machen, erkannte ich: Diesen unappetitlichen Idioten (der sich z.B. erdreistet hatte, mir das Wasser abzusperren, als ich beim Scheißen auf dem Klo war – bloß, um mich rauszuekeln) hatten mir die Götter nur als vorübergehende Aufgabe geschickt – als Trainingsobjekt sozusagen. Diesen Arsch, der da geifernd vor meiner Tür stand und mir drohte – den würde ich nur kurze Zeit in meinem Leben kennen. Ich zog aus der Bude aus, aber gewann den Rechtsstreit mit einigen guten Kröten plus (die erstrittene Abfindung wärmte meine Tasche auf heimeligste) – obwohl mein Anwalt nicht grad der beste gewesen war. Zornmotivierte Gründe hatte ich dennoch gehabt, die schimmelige Bruchbude bei meinem Auszug rituell zu verfluchen – kurz darauf hörte ich, dass der Spekulant &#8220;pleite gegangen&#8221; war, und obendrein drei Finger verloren bei irgendeiner &#8220;Motorsäge-Aktion&#8221;&#8230; Zufall? Jou, warum nicht. Allein mein Mitleid hielt sich in Grenzen (ich bin, insbesondere wenn man mir grob unfair kommt, ein nachtragender Mensch).</p>
<p><img src="http://u1.ipernity.com/4/71/59/1437159.bb42fea5.500.jpg" alt="Galiot" /><br />
<i><b>Das Boot nimmt Fahrt auf</b></i><br />
Von den Mitgliedern meiner Gruppe erkrankte einer an Krebs, einer an einer lebensgefährlich-chronischen Autoimmunkrankheit, ein anderer bekam jäh einen (knapp überlebten) Herzinfarkt, einer kam für Jahre weder beruflich noch privat auf einen grünen Zweig, einer wurde die Ehe zum Gefängnis, einer anderen die Beziehung zu eng (ohne Aussicht auf Änderung). Des einen Familie ging auseinander, der andern ließ die ihre keinen Atem mehr, ein weiterer verlor die seine, einige finden erst gar keine Lebens- oder Liebespartner, die andern immer die falschen, ich selber wähne meine Liebste gegangen immer wieder, obwohl ich ihr die neue Liebe gönne wie sie meine Affären zu verdauen sucht – im Stress sind wir alle, und die mit &#8220;gesicherter Existenz&#8221; sind in schwindender Minderheit&#8230; Doch wir alle halten zusammen, haben und pflegen allesamt (zunehmende) Verbindlichkeiten. Wir stritten, wir kämpften, wir lachten und weinten, arbeiteten und ächzten, tranken, tanzten und liebten – und tun das alles nach wie vor. Wir verloren einen Rabenclan, an dem wir zehn Jahre lang selbstverständlich mitgearbeitet und Teil gehabt hatten, etliche der unsrigen verloren Lieben und (schlimmer vielleicht noch) jahrelange Freunde&#8230; Was hatten wir nicht alles – trotzdem oder deswegen – vorgehabt, doch unterm Strich nichts geerntet als&#8230;</p>
<blockquote><p><b>Heil. Sein Himmel ist Verbundenheitsgefühl, seine Erde Vertrauen.</b></p></blockquote>
<p>Gemeinschaftlich entwickelte, jahrelang erprobte (und veränderlichen Erfordernissen dynamisch angepasste) Regeln des Miteinander schufen die Voraussetzungen für das gegenseitige Vertrauen innerhalb der Nornirs Ætt – aber die ist nur eine kleine Gruppe, und die Heilsbereiche der Einzelnen gehen natürlich darüber hinaus (in Form von Familien, Freundeskreisen usw.).<br />
Und natürlich geht jeder mit seinem persönlichen Heilsbereich ein bisschen anders um, gemäß dessen, dass man ja auch individuell unterschiedliche Vorstellungen darüber, Erwartungen und Ansprüche daran hat. Keiner aus der Ætt kann oder wird mir daher vorschreiben, wie ich meinen persönlichen Heilsbereich zu definieren habe oder wen ich da in welcher Form hineinlasse, dran teilhaben lasse oder sonst wie dazuzähle – solange es nicht wiederum das Gruppenheil tangiert, was ich so treibe. Schließlich stärkt es das Gruppenheil, je besser es ihren Mitgliedern geht: das Heil potenziert sich. Insofern lässt es die andern auch nicht kalt, wenn es Einzelnen schlecht geht: es betrifft alle – und da unterscheidet sich unser Modell ganz konkret von den Sitten der größeren Gesellschaft: die mangels Heilsverständnis für so ein gegenseitiges Auffangen dann entweder Familienbande (im Sinne leiblicher Verwandtschaft) braucht – oder das Hilfsbedürfnis halt aufs mehr oder minder äußerlich-oberflächliche &#8220;Funktionieren&#8221; von Personen beschränkt. (Den Rest regelt dann der Psychiater, auf Gedeih und Verderb. Gewagtes Kunststück allerdings: Leuten gegenüber, die sich – unabhängig von ihren jeweiligen Problemen – gesellschaftlich eh schon auf ihre Funktion reduziert fühlen müssen: weil sie es sind.)</p>
<p>Was unser Gruppenheil wiederum von dem einer reinen Freundschaftsbindung (denn auch Freunde helfen ja einander&#8230;) unterscheidet, ist die klardefinierte, bewusst angewandte Systematik: also deutlich mehr als ein Schulterkloppen, und einem lauen Spruch a la &#8220;&#8230;und jetzt fang dich aber mal wieder&#8221;. Das Bewusstsein fürs gemeinschaftliche Heil ist stark – und ggf. nicht abhängig von privater Sympathie (obwohl solche natürlich aus den Ergebnissen erwächst, oder sich verstärkt).<br />
Wie weit weg die andern auch immer grad sein mögen, und egal wo es mich gerade herumwürfelt: ganz allein bin ich nie. Bin immer Teil eines konkreten größeren Ganzen.</p>
<p>Die Regeln unserer Gruppe gelten freilich nur für diese, und innerhalb dieser. Nach Regeln lebt aber jeder Mensch – wie (und woher) bewusst oder unbewusst verinnerlicht, und in welchem widersprüchlichen Ausdrucks- und Wirkungskonglomerat auch immer.<br />
Und wo immer eine (wie auch immer geartete) Gemeinschaft sich nicht eigene Regeln schafft, folgt sie bereits vorhandenen: meist eine zufällige Mischung dessen, was die jeweiligen Beteiligten so mitbringen&#8230; und je weniger oder unklarer das untereinander kommuniziert wird, desto mehr Zusammenstöße gibt´s: allzu oft als persönliche Animositäten missverstanden – die´s zwar immer auch gibt. Aber auf dieser Ebene lässt sich das Problem nicht lösen!</p>
<p>Ob ein Boot fahrtüchtig ist, misst sich nämlich nicht daran, ob oder inwieweit die Insassen sich gerade leiden können (wiewohl das zwar eine Rolle spielt, wie z.B. auch der Fahrtwind oder der Seegang&#8230;). Bei Segelriss, Mast- oder Ruderbruch ist es aber wenig hilfreich, private Sympathiefragen zu diskutieren. Da muss man schon erkennen, wo´s strukturell hapert, und auf die Sachebene gehen, um Probleme zu beheben. Was ist bei deiner Gruppe / Familie / sonstigen Gemeinschaft der Mast, das Segel, das Ruder? Welche Bedeutung haben diese &#8220;Teile&#8221;, und wie ist ihre funktionale Beziehung zueinander? Das ist &#8220;Struktur&#8221;: die von Gruppierungen zu erkennen, Voraussetzung, daran zu arbeiten. Wohlgemerkt: Die Frage lautet, was ist der Mast und das Ruder – nicht etwa: wer bedient es! (Das spielt zwar ggf. auch ein Röllchen, ist aber eine kategorisch andere Frage!) Inwieweit sind sich die &#8220;Insassen&#8221; dieses oder jenes Haufens überhaupt einig, in was für einer Art Boot sie hocken? Auch wohin das ggf. fahren soll, lässt sich erst danach klären.</p>
<p><i><b>Zu fernen Gestaden&#8230; (ein offener Plot)</b>/</i><br />
Was packen wir hinein in unser Boot? Geht es ums Vorwärtskommen (gemeinschaftlich wie persönlich), oder auf Räubereifahrt? In germanischem Verständnis hängt auch Gruppenheil ab von individueller Ehre – die ich, um Assoziationen zu pathetischem Hohlgebläse zu vermeiden, hier mal lieber als Ehrbarkeit (der Einzelnen) bezeichne. Und die wiederum hängt ab von Wertinhalten. Hier scheiden sich die Geister – und das ist auch nötig. Ich kann kein Heil mit jemandem haben, der z.B. Menschen in &#8220;Rassen&#8221; einteilt (was Abwertungen immer nach sich zieht: und sei es &#8220;nur&#8221; in der Praxis via biologistisch beliebig begründbarer Ausschlüsse) und / oder Inhalte und Formen seiner persönlichen Religion (und damit auch die anderer) für genetisch oder sonst wie biologisch bedingt hält. Und wenn so jemand zehnmal die gleichen Götternamen verwendet wie ich (alles schon mal vorgekommen&#8230;). Da beschwören wir dennoch vollkommen unterschiedliche Kräfte herauf: die sich im Fall dieses Werte-Beispiels diametral und unvereinbar gegenüberstehen. Rassismus ist keine politische Meinung, sondern ein Verbrechen. Ja: Mein germanischer Ehrbegriff ist mit den Menschenrechten verheiratet – deren historische Jugendlichkeit ihrer Attraktivität keinerlei Abbruch tut (zumal sie weit ältere Ideen und Werte aufgreifen: allein ihre umfassende Bündelung ist jung – ihr Universalitätsanspruch aber lediglich konsequent)&#8230; Außerdem war es eine Liebesheirat. Ein Bund fürs Leben, und darüber hinaus. Diese Braut wird also verteidigt: bei der Ehr´! Jenseits von ihr gibt´s kein Heil – auch wenn das meine noch etwas weiter greift. Aber ohne sie geht halt gar nix. Von Menschen für Menschen erschaffen, steht sie im Einklang mit der Musik und dem Atem der Götter, insbesondere Mutter Nerthus, die lieber Regen als Blut trinkt.</p>
<p>Die Fahrt unseres Bootes aber hat erst begonnen. Hier nur als kleines Beispiel für Gedanken und Bemühungen ums große Thema. Fragen des menschlichen Miteinanders, insbesondere das von Gruppierungen aller Art, nehmen unserer Tage an Wichtigkeit zu: gerade angesichts realer wie auch empfundener Weltlage. Dem Unheil der Zeit etwas Heiles entgegenhalten – das freilich immer wieder neu geschaffen werden muss, umsichtig und sorgsam. Es ist nicht unbedingt einfach. Wer nicht hinabgezogen werden will in den Mahlstrom erodierender Werte zweifelhaften Wertes, braucht haltbare Bindungen: deren Überleben aber wird abhängen von der Souveränität und Praktikabilität ihrer Wertinhalte – und die hängen ab von der Integrität derjenigen Menschen, die sie vertreten. Frei und gleichberechtigt Organisierte haben den längeren Atem. Die höhere Ehre sowieso.</p>
<p><b><i>Abspann</i></b><br />
Nach dem – und beim (denn die Geschichte geht ja weiter: ist ja gar kein Film, den wir hier drehen&#8230;!) – vorsichtigen Wiederauffüllen des Begriffs &#8220;Heil&#8221; mit ehrbaren Inhalten bleibt mir ein Anliegen – verbunden mit entsprechender Empfehlung, die ich mir hiermit erlaube – dieses alte, von allzu unheilem Gebrüll noch arg wundgeriebene Wort lieber zu flüstern. Noch besser, es zu leben. Beides aber, damit es heilen kann. Dort findet es nämlich heim. Es? Wir. Alle.</p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/heil-2/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><i><b>Das Boot (Silouhette im Abenddämmer, außen)</b></i><br />
Ich wählte den Vergleich mit einem Boot, weil ein solches klare Grenzen hat. Je klarer der eigene Heilsbereich definiert ist, desto klarer lässt sich dessen Geschick lenken.<br />
<img src="http://u1.ipernity.com/4/77/26/1437726.128a050d.240.jpg" alt="Boot" /></p>
<p>Was aber ist Heil? Glück, Erfolg, Gedeihen? Das kommt schon hin. Aber es ist niemals nur das eigene, individuelle. Heil betrifft vielmehr unsere Beziehungen: alle (nicht nur die sog. Liebes-&#8230;)! Mein Heil erwächst daraus, was ich mit anderen zu tun habe, wie ich mit denen umgehe, und die mit mir.</p>
<p>Nach meiner Erfahrung wie auch Beobachtung bildet sich in jeder Gruppe von Menschen (egal, ob es eine zielorientierte Projektgruppe, eine Lebensgemeinschaft oder nur eine sonstwie interagierender Interessensverband ist) nach einer Weile – je nachdem, wie viel und wie häufig die Beteiligten miteinander zu tun haben, in welchem begrenzten Bereich auch immer – eine Art Gruppengeist heraus, den ich gern &#8220;Gruppenseele&#8221; nenne. In der Nornirs Ætt nennen wir eine solche Gruppenseele &#8220;Hamingja&#8221;, empfinden und behandeln zumindest die unsere als ein Wesen, eine Art unsichtbare (aber deutlich fühlbare Geist-) Person. Aber man braucht gar nicht diese bewusst intensive (germanische) Spielart bemühen: Jedes Team, jede Familie, jede Clique, jedes Ensemble kontinuierlich interagierender Personen hat seine eigene, mehr oder weniger spürbare Atmosphäre, deren Eigenschaften sich in solch einem Geist verdichten. Ob man das nun weiß, an sowas glaubt, oder sowas gar ignoriert. In den Fällen, wo man die Gruppenseele wirklich wahrzunehmen – und ernstzunehmen – bereit ist, wird es natürlich einfacher, damit umzugehen: darauf aufzupassen und zu achten. Das Heil der Nornirs-Ætt-Hamingja kommt nicht von ungefähr – die Personifizierung unserer Gruppenseele erlaubt uns einen konkreteren Umgang mit dem Gruppenheil, als das der Fall wäre bei lediglicher Wahrnehmung einer ungefähren &#8220;Atmosphäre&#8221; oder &#8220;Stimmung&#8221;.</p>
<p>Glück, Erfolg, Gedeihen. Die Gesellschaft, in der wir alle leben (und die wir dadurch darstellen: wir sind sie), definiert diese Begriffe – und damit das Heil – als ausschließliche Einzelleistung von Individuen: Jeder sei &#8220;seines Glückes Schmied&#8221;. Unwidersprochen, erstmal – aber das Bild reicht nicht aus. In seiner Unvollständigkeit ignoriert es all unsere Verhältnisse und Beziehungen: es ignoriert den Menschen als Gemeinschaftswesen. Dementsprechendes Unglück, Unheil kommt raus.</p>
<p>Kürzlich las ich einen bitterbösen Spruch: &#8220;Ich war für die Selbstverwirklichung – bis ich Leute traf, die sich selbst verwirklicht hatten.&#8221; Unsere Gesellschaft propagiert Freiheit wie keine andere. Aber Freiheit ohne Verbindlichkeiten anderen gegenüber läuft auf Einsamkeit hinaus: wofür die allermeisten Menschen nicht geschaffen sind. Aufgeklärte spüren die Zwickmühle: Freiheit oder Bindung? So schwarzweiß, derart digital (&#8220;null&#8221; oder &#8220;eins&#8221; – der eine Wert schließt immer den anderen aus) lässt sich das unmöglich entscheiden: zumindest nicht, wenn Heil daraus entstehen soll. Wir alle brauchen Freiheit(en) und Bindung(en) gleichermaßen.</p>
<p>Nein, ich vermag auch nicht von der &#8220;guten alten&#8221; Großfamilie zu träumen, wo einer den andern deckelt, wo womöglich die schlimmste Hackordnung herrschte: Was nützt mir der Halt der konkreten Bezüge, wenn ich überhaupt nix darf inmitten all der rigiden Sozialkontrolle? Selbst einer typischen neurotischen Kleinfamilie entstammend, probte ich, derlei fliehend, jahrzehntelang in hohem Maße das Gegenteil: suchte die persönliche Freiheit, die größtmögliche Unverbindlichkeit, fand das alles, und legte mir dabei auch eine Menge (sozial nicht immer kompatibler) Marotten zu – die heute z.T. sogar meinen Charakter prägen. Die Sehnsucht nach der &#8220;Gruppe&#8221; aber, einer Gemeinschaft: wurde umso bohrender, je weniger ich (auch über schlechte Erfahrungen, die ich vielfältig machte) an das Gelingen mehrköpfigen Miteinanders zu glauben – und darin zu investieren – vermochte. Doch diese jahrelangen Zeiten, die ich als harte erlebte, erwiesen sich später als gute Lehre!</p>
<p>Irgendwann beginnt man Werte zu entwickeln (umso freier, wie man all die unbeabsichtigt verinnerlichten zu reflektieren vermag: ein selbstkritischer Willensakt). Jener Mitbewohner, der mir einst die gemeinsame Wohnung verschaffte, mich aber kurz darauf um tausend Mark betrog (kaltgrinsend: obwohl ich ihm goldene Brücken baute, da ohne Gesichtsverlust herauszukommen in gemeinsamer Einigung – die er aber ablehnte): den erklärte ich irgendwann für mich als &#8220;schädlich für mein Heil&#8221;, und schob ihn aus meinem frischempfundenen &#8220;Heilsbereich&#8221;. Damals (neun Jahre isses her) brauchte ich dazu noch ein bissi albernen Hokuspokus: Hexerei mit Tierfell, Kerze und Kristall&#8230; Tinnef, aber er wirkte (natürlich). Heute genügte mir die Entscheidung, das Bewusstsein, der Entschluss. Konkrete Magie wirkt immer – unabhängig von Requisiten oder &#8220;Hokuspokus&#8221;.</p>
<p>Als ich mich vor sechs Jahren jäh konfrontiert fand mit einem halbkriminellen Wohnungsspekulanten, der sich (als mein plötzlich neuer Vermieter) notlos anschickte, mir in meiner damaligen Wohnung das Bleiben zur Hölle zu machen, erkannte ich: Diesen unappetitlichen Idioten (der sich z.B. erdreistet hatte, mir das Wasser abzusperren, als ich beim Scheißen auf dem Klo war – bloß, um mich rauszuekeln) hatten mir die Götter nur als vorübergehende Aufgabe geschickt – als Trainingsobjekt sozusagen. Diesen Arsch, der da geifernd vor meiner Tür stand und mir drohte – den würde ich nur kurze Zeit in meinem Leben kennen. Ich zog aus der Bude aus, aber gewann den Rechtsstreit mit einigen guten Kröten plus (die erstrittene Abfindung wärmte meine Tasche auf heimeligste) – obwohl mein Anwalt nicht grad der beste gewesen war. Zornmotivierte Gründe hatte ich dennoch gehabt, die schimmelige Bruchbude bei meinem Auszug rituell zu verfluchen – kurz darauf hörte ich, dass der Spekulant &#8220;pleite gegangen&#8221; war, und obendrein drei Finger verloren bei irgendeiner &#8220;Motorsäge-Aktion&#8221;&#8230; Zufall? Jou, warum nicht. Allein mein Mitleid hielt sich in Grenzen (ich bin, insbesondere wenn man mir grob unfair kommt, ein nachtragender Mensch).</p>
<p><img src="http://u1.ipernity.com/4/71/59/1437159.bb42fea5.500.jpg" alt="Galiot" /><br />
<i><b>Das Boot nimmt Fahrt auf</b></i><br />
Von den Mitgliedern meiner Gruppe erkrankte einer an Krebs, einer an einer lebensgefährlich-chronischen Autoimmunkrankheit, ein anderer bekam jäh einen (knapp überlebten) Herzinfarkt, einer kam für Jahre weder beruflich noch privat auf einen grünen Zweig, einer wurde die Ehe zum Gefängnis, einer anderen die Beziehung zu eng (ohne Aussicht auf Änderung). Des einen Familie ging auseinander, der andern ließ die ihre keinen Atem mehr, ein weiterer verlor die seine, einige finden erst gar keine Lebens- oder Liebespartner, die andern immer die falschen, ich selber wähne meine Liebste gegangen immer wieder, obwohl ich ihr die neue Liebe gönne wie sie meine Affären zu verdauen sucht – im Stress sind wir alle, und die mit &#8220;gesicherter Existenz&#8221; sind in schwindender Minderheit&#8230; Doch wir alle halten zusammen, haben und pflegen allesamt (zunehmende) Verbindlichkeiten. Wir stritten, wir kämpften, wir lachten und weinten, arbeiteten und ächzten, tranken, tanzten und liebten – und tun das alles nach wie vor. Wir verloren einen Rabenclan, an dem wir zehn Jahre lang selbstverständlich mitgearbeitet und Teil gehabt hatten, etliche der unsrigen verloren Lieben und (schlimmer vielleicht noch) jahrelange Freunde&#8230; Was hatten wir nicht alles – trotzdem oder deswegen – vorgehabt, doch unterm Strich nichts geerntet als&#8230;</p>
<blockquote><p><b>Heil. Sein Himmel ist Verbundenheitsgefühl, seine Erde Vertrauen.</b></p></blockquote>
<p>Gemeinschaftlich entwickelte, jahrelang erprobte (und veränderlichen Erfordernissen dynamisch angepasste) Regeln des Miteinander schufen die Voraussetzungen für das gegenseitige Vertrauen innerhalb der Nornirs Ætt – aber die ist nur eine kleine Gruppe, und die Heilsbereiche der Einzelnen gehen natürlich darüber hinaus (in Form von Familien, Freundeskreisen usw.).<br />
Und natürlich geht jeder mit seinem persönlichen Heilsbereich ein bisschen anders um, gemäß dessen, dass man ja auch individuell unterschiedliche Vorstellungen darüber, Erwartungen und Ansprüche daran hat. Keiner aus der Ætt kann oder wird mir daher vorschreiben, wie ich meinen persönlichen Heilsbereich zu definieren habe oder wen ich da in welcher Form hineinlasse, dran teilhaben lasse oder sonst wie dazuzähle – solange es nicht wiederum das Gruppenheil tangiert, was ich so treibe. Schließlich stärkt es das Gruppenheil, je besser es ihren Mitgliedern geht: das Heil potenziert sich. Insofern lässt es die andern auch nicht kalt, wenn es Einzelnen schlecht geht: es betrifft alle – und da unterscheidet sich unser Modell ganz konkret von den Sitten der größeren Gesellschaft: die mangels Heilsverständnis für so ein gegenseitiges Auffangen dann entweder Familienbande (im Sinne leiblicher Verwandtschaft) braucht – oder das Hilfsbedürfnis halt aufs mehr oder minder äußerlich-oberflächliche &#8220;Funktionieren&#8221; von Personen beschränkt. (Den Rest regelt dann der Psychiater, auf Gedeih und Verderb. Gewagtes Kunststück allerdings: Leuten gegenüber, die sich – unabhängig von ihren jeweiligen Problemen – gesellschaftlich eh schon auf ihre Funktion reduziert fühlen müssen: weil sie es sind.)</p>
<p>Was unser Gruppenheil wiederum von dem einer reinen Freundschaftsbindung (denn auch Freunde helfen ja einander&#8230;) unterscheidet, ist die klardefinierte, bewusst angewandte Systematik: also deutlich mehr als ein Schulterkloppen, und einem lauen Spruch a la &#8220;&#8230;und jetzt fang dich aber mal wieder&#8221;. Das Bewusstsein fürs gemeinschaftliche Heil ist stark – und ggf. nicht abhängig von privater Sympathie (obwohl solche natürlich aus den Ergebnissen erwächst, oder sich verstärkt).<br />
Wie weit weg die andern auch immer grad sein mögen, und egal wo es mich gerade herumwürfelt: ganz allein bin ich nie. Bin immer Teil eines konkreten größeren Ganzen.</p>
<p>Die Regeln unserer Gruppe gelten freilich nur für diese, und innerhalb dieser. Nach Regeln lebt aber jeder Mensch – wie (und woher) bewusst oder unbewusst verinnerlicht, und in welchem widersprüchlichen Ausdrucks- und Wirkungskonglomerat auch immer.<br />
Und wo immer eine (wie auch immer geartete) Gemeinschaft sich nicht eigene Regeln schafft, folgt sie bereits vorhandenen: meist eine zufällige Mischung dessen, was die jeweiligen Beteiligten so mitbringen&#8230; und je weniger oder unklarer das untereinander kommuniziert wird, desto mehr Zusammenstöße gibt´s: allzu oft als persönliche Animositäten missverstanden – die´s zwar immer auch gibt. Aber auf dieser Ebene lässt sich das Problem nicht lösen!</p>
<p>Ob ein Boot fahrtüchtig ist, misst sich nämlich nicht daran, ob oder inwieweit die Insassen sich gerade leiden können (wiewohl das zwar eine Rolle spielt, wie z.B. auch der Fahrtwind oder der Seegang&#8230;). Bei Segelriss, Mast- oder Ruderbruch ist es aber wenig hilfreich, private Sympathiefragen zu diskutieren. Da muss man schon erkennen, wo´s strukturell hapert, und auf die Sachebene gehen, um Probleme zu beheben. Was ist bei deiner Gruppe / Familie / sonstigen Gemeinschaft der Mast, das Segel, das Ruder? Welche Bedeutung haben diese &#8220;Teile&#8221;, und wie ist ihre funktionale Beziehung zueinander? Das ist &#8220;Struktur&#8221;: die von Gruppierungen zu erkennen, Voraussetzung, daran zu arbeiten. Wohlgemerkt: Die Frage lautet, was ist der Mast und das Ruder – nicht etwa: wer bedient es! (Das spielt zwar ggf. auch ein Röllchen, ist aber eine kategorisch andere Frage!) Inwieweit sind sich die &#8220;Insassen&#8221; dieses oder jenes Haufens überhaupt einig, in was für einer Art Boot sie hocken? Auch wohin das ggf. fahren soll, lässt sich erst danach klären.</p>
<p><i><b>Zu fernen Gestaden&#8230; (ein offener Plot)</b>/</i><br />
Was packen wir hinein in unser Boot? Geht es ums Vorwärtskommen (gemeinschaftlich wie persönlich), oder auf Räubereifahrt? In germanischem Verständnis hängt auch Gruppenheil ab von individueller Ehre – die ich, um Assoziationen zu pathetischem Hohlgebläse zu vermeiden, hier mal lieber als Ehrbarkeit (der Einzelnen) bezeichne. Und die wiederum hängt ab von Wertinhalten. Hier scheiden sich die Geister – und das ist auch nötig. Ich kann kein Heil mit jemandem haben, der z.B. Menschen in &#8220;Rassen&#8221; einteilt (was Abwertungen immer nach sich zieht: und sei es &#8220;nur&#8221; in der Praxis via biologistisch beliebig begründbarer Ausschlüsse) und / oder Inhalte und Formen seiner persönlichen Religion (und damit auch die anderer) für genetisch oder sonst wie biologisch bedingt hält. Und wenn so jemand zehnmal die gleichen Götternamen verwendet wie ich (alles schon mal vorgekommen&#8230;). Da beschwören wir dennoch vollkommen unterschiedliche Kräfte herauf: die sich im Fall dieses Werte-Beispiels diametral und unvereinbar gegenüberstehen. Rassismus ist keine politische Meinung, sondern ein Verbrechen. Ja: Mein germanischer Ehrbegriff ist mit den Menschenrechten verheiratet – deren historische Jugendlichkeit ihrer Attraktivität keinerlei Abbruch tut (zumal sie weit ältere Ideen und Werte aufgreifen: allein ihre umfassende Bündelung ist jung – ihr Universalitätsanspruch aber lediglich konsequent)&#8230; Außerdem war es eine Liebesheirat. Ein Bund fürs Leben, und darüber hinaus. Diese Braut wird also verteidigt: bei der Ehr´! Jenseits von ihr gibt´s kein Heil – auch wenn das meine noch etwas weiter greift. Aber ohne sie geht halt gar nix. Von Menschen für Menschen erschaffen, steht sie im Einklang mit der Musik und dem Atem der Götter, insbesondere Mutter Nerthus, die lieber Regen als Blut trinkt.</p>
<p>Die Fahrt unseres Bootes aber hat erst begonnen. Hier nur als kleines Beispiel für Gedanken und Bemühungen ums große Thema. Fragen des menschlichen Miteinanders, insbesondere das von Gruppierungen aller Art, nehmen unserer Tage an Wichtigkeit zu: gerade angesichts realer wie auch empfundener Weltlage. Dem Unheil der Zeit etwas Heiles entgegenhalten – das freilich immer wieder neu geschaffen werden muss, umsichtig und sorgsam. Es ist nicht unbedingt einfach. Wer nicht hinabgezogen werden will in den Mahlstrom erodierender Werte zweifelhaften Wertes, braucht haltbare Bindungen: deren Überleben aber wird abhängen von der Souveränität und Praktikabilität ihrer Wertinhalte – und die hängen ab von der Integrität derjenigen Menschen, die sie vertreten. Frei und gleichberechtigt Organisierte haben den längeren Atem. Die höhere Ehre sowieso.</p>
<p><b><i>Abspann</i></b><br />
Nach dem – und beim (denn die Geschichte geht ja weiter: ist ja gar kein Film, den wir hier drehen&#8230;!) – vorsichtigen Wiederauffüllen des Begriffs &#8220;Heil&#8221; mit ehrbaren Inhalten bleibt mir ein Anliegen – verbunden mit entsprechender Empfehlung, die ich mir hiermit erlaube – dieses alte, von allzu unheilem Gebrüll noch arg wundgeriebene Wort lieber zu flüstern. Noch besser, es zu leben. Beides aber, damit es heilen kann. Dort findet es nämlich heim. Es? Wir. Alle.</p>
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		<title>Wer erleuchtet das Meer? (Teil 1)</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-1/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-1/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 11 Oct 2008 19:16:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur & Weltbild]]></category>
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		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>

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		<description><![CDATA[<p><b>Gefragt nach meinen Göttern, komme ich ins Schwitzen: je mehr ich von ihnen erzähle, desto weniger erfährt man dabei über Asatrú. Fange ich aber damit an, muss ich soviel erklären, dass ich kaum mehr zum sog. Spirituellen komme. Ist Asatrú überhaupt spirituell?</b></p>
<p>Diese Frage ist leicht zu beantworten. Aber warum sollte ich das tun? Ich erkläre mich für befangen: da ich selbst Asatrú bin, halte ich unsere Riten natürlich für spirituell. Aber das kann anderen ja anders vorkommen. Macht euch selbst ein Bild.</p>
<p><b>Auf die Ahnen!</b><br />
Draußen, nachts, ein Feuer, drumrum Herumlungernde. (Das Szenario ist ebenso in ein beliebiges Wohnzimmer verlegbar, aber draußen finde ich es behaglicher.) Die Luft ist warm, die Atmosphäre gemütlich, man plaudert miteinander, unaufgeregt. Entspannte Runde, vielleicht ein Dutzend Leute, vielleicht ein paar mehr. Plötzlich steht einer auf, hebt sein Horn: &#8220;Auf die Ahnen!&#8221; Kurze Verdutzpause, dann stehen weitere auf und tun dasselbe, andere bleiben sitzen oder liegen, aber alle heben Horn, Flasche oder Becher und erwidern den Ruf im Chor: &#8220;Auf die Ahnen!&#8221; Und daraufhin trinkt jeder einen tüchtigen Schluck. Aus seinem Horn oder sonstigen Gefäß. Met, Wein, Bier – je nach persönlichem Geschmack, oder was halt grad da ist (alkoholisch sollte es sein: in diesem Ritus).</p>
<p>Und weiter? Nichts weiter. Die Runde dümpelt wieder vor sich hin, als wäre nichts gewesen. Aber bald erhebt sich die Nächste: &#8220;Auf die Asen!&#8221; Und alle trinken, teils sich erhebend, auf die Genannten, den Spruch wiederholend. Die nächsten, auf die dieserart getrunken wird, sind dann unweigerlich die Vanen. Ab da wird die Reihenfolge schon beliebig. Auf die Helden! &#8230; Auf die Heldinnen!&#8230; Auf die Disen, auf die Valkyries, auf die Einherjer&#8230; usw. usf. Die germanische Mythologie hat viele Figuren.</p>
<p>Allmählich wird es detaillierter, auf einzelne Gottheiten wird getrunken (was sich hinziehen kann, weil da jeder ein paar Lieblinge hat und anbringt), bald auf die versammelte Gemeinschaft, bald auf abwesende Freunde, oder verstorbene Verwandte (Ahnen). Spürbar steigt allmählich eine gewisse Spannung unter den Beteiligten. Noch ist keiner betrunken. Betrunkene Asatrú habe ich eigentlich kaum je gesehen – nicht in meiner Runde. Oder mir fiel es nicht auf. Wer als besoffen auffällt, ist in der Regel kein Asatrú. Zumindest nicht aus meinem Haufen. Manche Asatrú können ziemlich viel trinken, sie haben Übung. Andere, die weniger vertragen, nehmen halt kleinere Schlucke – darauf kommt es nicht an. Doch die Ruhepausen zwischen den Sprüchen werden kürzer. Es steigert sich.</p>
<p>So in etwa verläuft der zeremonielle erste Teil eines sogenannten &#8220;Ahnentrinkens&#8221;. Für Asatrú ein echter Gottesdienst. Der zweite Teil wird dann – für die Beteiligten – noch sehr lustig. Ich kann ihn allerdings nicht schildern. Weil: zu intim. Es wird nämlich geschworen. Nachdem die Ahnen, die Götter, die Gemeinschaft und alle, die man hochleben lassen will, durchgefeiert sind, kommt der magische Moment, den alle erwarten, vor dem manche sich fürchten&#8230; Wo eine oder einer aufsteht, diesmal aber nicht, um jemanden zu nennen. Der zweite Teil des Ahnentrinkens beginnt in dem Augenblick, wo einer aufsteht und sagt: &#8220;Ich schwöre&#8230;&#8221;</p>
<p>Und spätestens jetzt wird es ziemlich still. Alle wollen den Schwur hören, und der oder die, die jetzt schwört, vergewissert sich, ob alle auch zuhören.</p>
<p><b>&#8220;Gehört und bezeugt&#8221;</b><br />
Wir haben oft Gäste gehabt in solchen Runden, Freunde und Bekannte, die mit uns feierten, ohne selbst Asatrú zu sein. Wenn es ein Ahnentrinken gab, haben die natürlich auch mitgemacht. Allerdings hat es ihnen meist keiner extra erklärt – weil sich Ahnentrinken oft ungeplant ergaben, und eh man sich´s versah, fand schon eins statt.<br />
Es kam vor, dass im ersten Teil ein Gast aufstand und das Glas &#8220;auf Shiva&#8221; oder sonst eine Gottheit erhob, mit der sonst keiner der Anwesenden im Bunde war. Asatrú haben nichts gegen andere Götter, feiern aber lieber ausschließlich ihre eigenen, und das wurde dann kurz erklärt, damit es niemandem peinlich sein musste, und ist ja auch leicht zu kapieren. Aber nach dem zweiten, dritten oder vierten Schwur eines Asatrú konnte es schon auch passieren, dass eine mitfeiernde Studentin z. B. aufstand und der wartenden Runde tapfer verkündete: &#8220;Ich schöre, dass&#8230; ich meine Diplomarbeit, von der für mich viel abhängt, gut hinkriege!&#8221; Naja. Wir haben da schon auch drauf getrunken. Aber solche Schwüre sind keine gern gehörten auf Ahnentrinken. Sie erzeugen u. U. eine leichte Peinlichkeit, vergleichbar mit der, als würde jemand beim christlichen Kirchengottesdienst eifrig bekennen: &#8220;Den Jesus, den find ich soo geil, wenn ich den nackt seh, kann ich mich – slurp – gar nimmer halten!&#8221;</p>
<p>Schwüre auf Ahnentrinken sollen nämlich keine normalen Vorhaben zum Inhalt haben: nichts, was der/die Schwörende an und pfirsich sowieso erreichen kann. Im Idealfall sind die Inhalte völlig unausführbar. Den Mond herabholen, ihn in zwei Hälften schneiden um ein schmuckes Mieder damit zu schmücken – das wäre so was Unerreichbares. Natürlich schwört das keiner, nicht nur, weil ich noch kein Weib gesehen habe, ob Asatrú oder nicht, deren Brüste so groß gewesen wären, dass sie zwei Mondhälften hätte brauchen können als Push Ups. Aber so was würde vor allem deshalb nicht geschworen, weil es Blödsinn wäre. Der Inhalt des Schwurs, die Erfüllung seines Versprechens, sollte zwar unerreichbar sein – aber auch von etwas handeln, was sich der/die Schwörende wahrhaft wünscht. Und was die andern, im Idealfall, auch nachvollziehen können und gutheißen. Es müssen nicht immer gewaltige Großtaten sein. Es darf bizarr werden. Echt halt, authentisch, aus dem Bauch, tiefstem Herzen und Gemüt. Persönlich oder allgemein. Immer gebunden an den, der schwört, &#8220;gehört und bezeugt&#8221; von denen, die mit drauf trinken.</p>
<p>Warum wird Unmögliches geschworen, begossen und gemeinschaftlich bezeugt? Bei einem Ahnentrinken wird davon ausgegangen, dass die Götter die Erfüllung des Schwurs tatsächlich ermöglichen. Irgendwann. Und allen Ernstes. Deswegen auch der Alkohol: Er soll enthemmen, möglichst größenwahnsinnige Schwüre zu wagen. Wir erinnern uns: Bis der erste Teil des Rituals, wo auf diese und jene getrunken wird, vorüber ist, hat man gewöhnlich schon ganz schön was intus. Auch wenn man nur kleine Schlucke nimmt.<br />
Wir hatten Ahnentrinken, da wurde es echt peinlich: keiner wollte mehr was schwören, jeder druckste: mach du doch. Gekicher. Aber wer von den zwei vorigen Ahnentrinken noch Riesenschwüre offen hat, uneingelöste, der bindet sich dann nicht so leichtfertig einen dritten auf. Die Dinger sind ja noch im Gedächtmix, werden auch gern mal (augenzwinkernd) angesprochen. Auch ich habe, auf meinem allerersten Ahnentrinken, gleich einen Schwur getätigt, zu fortgeschrittener Stunde in heiterer Runde, der ebenso unerreichbar ist wie auch gleichzeitig sozusagen mein spirituelles Lebenswerk darstellte, gelänge es mir denn. Kleiner ging´s nich´, verstehste. Fragt mich nicht, wie weit ich damit bin. Ich verzweifle manchmal. Ein paar Jahre nach jenem Schwur machte ich ein <a href="http://www.singvoegel.com/index.php/sonnenrad-song/" target="_blank">Lied</a> darüber, eigentlich nur für Freunde, aber später nahm ich es auf, es machte die Runde (über meine Kreise hinaus), und inzwischen erklingt es an manchem Lagerfeuer, zuweilen gar gesungen von Leuten, die mich gar nicht kennen (und eigentlich auch nicht wissen können, was ich mit dem Text meine). Aber vielleicht gehört das zur Schwurerfüllung&#8230;</p>
<p><b>Ganz nüchtern: ernüchternd?</b><br />
Gesellschaftlich ist Asatrú ein umkämpftes Konfliktfeld. Rassistische oder sonstwie ideologisch gefärbte Deutungen des Begriffs klammere ich in diesem Artikel von vornherein aus (zumal ich Asatrú derlei nicht als Asatrú anerkennen kann. Das gehört zum Konfliktfeld). Aber auch auf der Seite der menschenrechtlich Orientierten sind, trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten, ab einer bestimmten Tiefe Gemeinsamkeiten nicht wirklich voraussetzbar.<br />
Zur &#8220;Kategorie Asatrú&#8221; gehört, dass Götter dort einen grundsätzlich anderen Stellenwert haben (können) als in andern mir bekannten neopaganen Richtungen. Dies meine ich wertfrei.<br />
&#8220;Kategorisch anders&#8221; meint hier auch: Um wirklich Wesentliches über Asatrú zu sagen, könnte ich meine (nur subjektiv hochwichtigen) Götter allesamt getrost weglassen, oder lediglich als &#8220;bei mir und für mich halt vorhanden&#8221; am Rande miterwähnen. Was Asatrú nämlich ausmacht, ist weniger eine Frage göttlicher Vorstellungen als vielmehr eine irdischen Verhaltens.</p>
<p>Die gesellschaftliche Positionierung, die sozialen Bezüge, persönliche Verbindlichkeiten und aus all dem resultierende Konsequenzen sind für mich als Asatrú wesentlich entscheidender als Fragen von Ausstattung, Kult oder Ritus.<br />
Und ich nehme mir die Freiheit heraus, auch andere eher nach Motivation, Tat und Selbstverantwortungsbereitschaft zu beurteilen (als etwa nach oberflächlichen Habitusmerkmalen).<br />
Nun mache ich mein Verhalten durchaus &#8220;an den Göttern fest&#8221;, fühle mich ihnen verantwortlich und stehe mit ihnen in einem ständigen Austausch, den ich als ebenso selbstverständlich wie geradezu &#8220;familiär&#8221; empfinde. Das ist meine Methode, mein &#8220;inneres Geländer&#8221; – ich kenne jedoch einige respektable Asatrú, die ihr &#8220;Geländer&#8221; eher umweglos in der Sozialgemeinschaft direkt finden; die Götter haben für jene eine dann andere Bedeutung. Spirituelle Inhalte wie daraus abgeleiteter Kultus als solcher sind sowieso individuell frei: Speziell in meiner Gemeinschaft wird der Umgang mit Göttern als persönliche Angelegenheit gesehen, gehört gewissermaßen zur Intimsphäre, und erfreut sich entsprechend rücksichtsvoller gegenseitiger Achtung (individuelle Unterschiede und Ansichten in spirituellen Fragen eher als normal voraussetzend als denn irgendwelche künstlichen Einigkeiten ersehnend: auf diesem speziellen Gebiet der &#8220;Religionsbräuche&#8221; – um deren mögliche Details manch andere heidnische Religionsgemeinschaften unentwegt bis ausschließlich diskutieren. Was ihnen gegönnt sein soll. Wir von der Nornirs Ætt diskutieren eher um die gesellschaftlich-politische Arbeit).</p>
<p>Ich stelle fest, dass ich unmöglich von mir als Asatrú sprechen kann, ohne zehn Jahre Gruppenerfahrung mitzudenken, mitzufühlen. Die Entwicklung der Nornirs Ætt hat die meine seit 1995 entscheidend mitgeprägt; von den Anfängen eines eher losen Haufens verträumter Idealisten und mancher Mach-ich-mal-Mitmacherinnen, Dazustolperer – mit entsprechender Personenfluktuation – über die Jahre zu einer Art &#8220;Sozialexperiment&#8221; auf kleiner Flamme hochgewachsen&#8230; Auseinandersetzung, Zusammenfindung durch (letztlich anspruchsbedingte) Gesundschrumpfung: bis hin zu jener heutigen kleinen, aber feinen Gruppe, die ihren Mitgliedern, obgleich die z. T. weit voneinander entfernt wohnen, die Nestwärme einer Heilsgemeinschaft bietet.</p>
<p>Der Eingangsfrage gedenkend – hin- und hergerissen zwischen &#8220;eher Religiösem&#8221; und &#8220;eher Sozialem&#8221;, zwischen &#8220;auch von Kollegen ähnlich Gehaltenem&#8221; und &#8220;eher Selbstgestricktem&#8221; – schildere ich längst alles vermischt: zumal ich´s für meinen Teil auch nicht wirklich trennen mag noch kann. Für mich gehört all das zur &#8220;Siðr&#8221; – zur Sitte, zum Brauch. Mag der meine auch besonders nach Promenadenmischung riechen: Generell dürften die allermeisten Bräuche von der Welt, näher betrachtet, sowenig &#8220;reinrassig&#8221; ausfallen wie Menschen. Als asatrútypisch (für meinereiner) aber darf gelten, genau diesen Umstand als selbstverständlich zu betrachten.</p>
<p>Wo ich über die Götter selbst spreche, beschreibt mein Umgang mit ihnen ausschließlich Eigenerfahrung. Wie sie mir vorkommen, ich sie sehe, erlebe – wer mir wichtiger ist und wer weniger, samt warum: all das ist auf &#8220;meinem Mist gewachsen&#8221; und ebenjenem zugehörig. Inspirationen von außen, diverse Quellen und Einflüsse anderer versuche ich, soweit möglich, kenntlich zu machen.</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-2/" target="_blank">Teil 2</a></p>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><b>Gefragt nach meinen Göttern, komme ich ins Schwitzen: je mehr ich von ihnen erzähle, desto weniger erfährt man dabei über Asatrú. Fange ich aber damit an, muss ich soviel erklären, dass ich kaum mehr zum sog. Spirituellen komme. Ist Asatrú überhaupt spirituell?</b></p>
<p>Diese Frage ist leicht zu beantworten. Aber warum sollte ich das tun? Ich erkläre mich für befangen: da ich selbst Asatrú bin, halte ich unsere Riten natürlich für spirituell. Aber das kann anderen ja anders vorkommen. Macht euch selbst ein Bild.</p>
<p><b>Auf die Ahnen!</b><br />
Draußen, nachts, ein Feuer, drumrum Herumlungernde. (Das Szenario ist ebenso in ein beliebiges Wohnzimmer verlegbar, aber draußen finde ich es behaglicher.) Die Luft ist warm, die Atmosphäre gemütlich, man plaudert miteinander, unaufgeregt. Entspannte Runde, vielleicht ein Dutzend Leute, vielleicht ein paar mehr. Plötzlich steht einer auf, hebt sein Horn: &#8220;Auf die Ahnen!&#8221; Kurze Verdutzpause, dann stehen weitere auf und tun dasselbe, andere bleiben sitzen oder liegen, aber alle heben Horn, Flasche oder Becher und erwidern den Ruf im Chor: &#8220;Auf die Ahnen!&#8221; Und daraufhin trinkt jeder einen tüchtigen Schluck. Aus seinem Horn oder sonstigen Gefäß. Met, Wein, Bier – je nach persönlichem Geschmack, oder was halt grad da ist (alkoholisch sollte es sein: in diesem Ritus).</p>
<p>Und weiter? Nichts weiter. Die Runde dümpelt wieder vor sich hin, als wäre nichts gewesen. Aber bald erhebt sich die Nächste: &#8220;Auf die Asen!&#8221; Und alle trinken, teils sich erhebend, auf die Genannten, den Spruch wiederholend. Die nächsten, auf die dieserart getrunken wird, sind dann unweigerlich die Vanen. Ab da wird die Reihenfolge schon beliebig. Auf die Helden! &#8230; Auf die Heldinnen!&#8230; Auf die Disen, auf die Valkyries, auf die Einherjer&#8230; usw. usf. Die germanische Mythologie hat viele Figuren.</p>
<p>Allmählich wird es detaillierter, auf einzelne Gottheiten wird getrunken (was sich hinziehen kann, weil da jeder ein paar Lieblinge hat und anbringt), bald auf die versammelte Gemeinschaft, bald auf abwesende Freunde, oder verstorbene Verwandte (Ahnen). Spürbar steigt allmählich eine gewisse Spannung unter den Beteiligten. Noch ist keiner betrunken. Betrunkene Asatrú habe ich eigentlich kaum je gesehen – nicht in meiner Runde. Oder mir fiel es nicht auf. Wer als besoffen auffällt, ist in der Regel kein Asatrú. Zumindest nicht aus meinem Haufen. Manche Asatrú können ziemlich viel trinken, sie haben Übung. Andere, die weniger vertragen, nehmen halt kleinere Schlucke – darauf kommt es nicht an. Doch die Ruhepausen zwischen den Sprüchen werden kürzer. Es steigert sich.</p>
<p>So in etwa verläuft der zeremonielle erste Teil eines sogenannten &#8220;Ahnentrinkens&#8221;. Für Asatrú ein echter Gottesdienst. Der zweite Teil wird dann – für die Beteiligten – noch sehr lustig. Ich kann ihn allerdings nicht schildern. Weil: zu intim. Es wird nämlich geschworen. Nachdem die Ahnen, die Götter, die Gemeinschaft und alle, die man hochleben lassen will, durchgefeiert sind, kommt der magische Moment, den alle erwarten, vor dem manche sich fürchten&#8230; Wo eine oder einer aufsteht, diesmal aber nicht, um jemanden zu nennen. Der zweite Teil des Ahnentrinkens beginnt in dem Augenblick, wo einer aufsteht und sagt: &#8220;Ich schwöre&#8230;&#8221;</p>
<p>Und spätestens jetzt wird es ziemlich still. Alle wollen den Schwur hören, und der oder die, die jetzt schwört, vergewissert sich, ob alle auch zuhören.</p>
<p><b>&#8220;Gehört und bezeugt&#8221;</b><br />
Wir haben oft Gäste gehabt in solchen Runden, Freunde und Bekannte, die mit uns feierten, ohne selbst Asatrú zu sein. Wenn es ein Ahnentrinken gab, haben die natürlich auch mitgemacht. Allerdings hat es ihnen meist keiner extra erklärt – weil sich Ahnentrinken oft ungeplant ergaben, und eh man sich´s versah, fand schon eins statt.<br />
Es kam vor, dass im ersten Teil ein Gast aufstand und das Glas &#8220;auf Shiva&#8221; oder sonst eine Gottheit erhob, mit der sonst keiner der Anwesenden im Bunde war. Asatrú haben nichts gegen andere Götter, feiern aber lieber ausschließlich ihre eigenen, und das wurde dann kurz erklärt, damit es niemandem peinlich sein musste, und ist ja auch leicht zu kapieren. Aber nach dem zweiten, dritten oder vierten Schwur eines Asatrú konnte es schon auch passieren, dass eine mitfeiernde Studentin z. B. aufstand und der wartenden Runde tapfer verkündete: &#8220;Ich schöre, dass&#8230; ich meine Diplomarbeit, von der für mich viel abhängt, gut hinkriege!&#8221; Naja. Wir haben da schon auch drauf getrunken. Aber solche Schwüre sind keine gern gehörten auf Ahnentrinken. Sie erzeugen u. U. eine leichte Peinlichkeit, vergleichbar mit der, als würde jemand beim christlichen Kirchengottesdienst eifrig bekennen: &#8220;Den Jesus, den find ich soo geil, wenn ich den nackt seh, kann ich mich – slurp – gar nimmer halten!&#8221;</p>
<p>Schwüre auf Ahnentrinken sollen nämlich keine normalen Vorhaben zum Inhalt haben: nichts, was der/die Schwörende an und pfirsich sowieso erreichen kann. Im Idealfall sind die Inhalte völlig unausführbar. Den Mond herabholen, ihn in zwei Hälften schneiden um ein schmuckes Mieder damit zu schmücken – das wäre so was Unerreichbares. Natürlich schwört das keiner, nicht nur, weil ich noch kein Weib gesehen habe, ob Asatrú oder nicht, deren Brüste so groß gewesen wären, dass sie zwei Mondhälften hätte brauchen können als Push Ups. Aber so was würde vor allem deshalb nicht geschworen, weil es Blödsinn wäre. Der Inhalt des Schwurs, die Erfüllung seines Versprechens, sollte zwar unerreichbar sein – aber auch von etwas handeln, was sich der/die Schwörende wahrhaft wünscht. Und was die andern, im Idealfall, auch nachvollziehen können und gutheißen. Es müssen nicht immer gewaltige Großtaten sein. Es darf bizarr werden. Echt halt, authentisch, aus dem Bauch, tiefstem Herzen und Gemüt. Persönlich oder allgemein. Immer gebunden an den, der schwört, &#8220;gehört und bezeugt&#8221; von denen, die mit drauf trinken.</p>
<p>Warum wird Unmögliches geschworen, begossen und gemeinschaftlich bezeugt? Bei einem Ahnentrinken wird davon ausgegangen, dass die Götter die Erfüllung des Schwurs tatsächlich ermöglichen. Irgendwann. Und allen Ernstes. Deswegen auch der Alkohol: Er soll enthemmen, möglichst größenwahnsinnige Schwüre zu wagen. Wir erinnern uns: Bis der erste Teil des Rituals, wo auf diese und jene getrunken wird, vorüber ist, hat man gewöhnlich schon ganz schön was intus. Auch wenn man nur kleine Schlucke nimmt.<br />
Wir hatten Ahnentrinken, da wurde es echt peinlich: keiner wollte mehr was schwören, jeder druckste: mach du doch. Gekicher. Aber wer von den zwei vorigen Ahnentrinken noch Riesenschwüre offen hat, uneingelöste, der bindet sich dann nicht so leichtfertig einen dritten auf. Die Dinger sind ja noch im Gedächtmix, werden auch gern mal (augenzwinkernd) angesprochen. Auch ich habe, auf meinem allerersten Ahnentrinken, gleich einen Schwur getätigt, zu fortgeschrittener Stunde in heiterer Runde, der ebenso unerreichbar ist wie auch gleichzeitig sozusagen mein spirituelles Lebenswerk darstellte, gelänge es mir denn. Kleiner ging´s nich´, verstehste. Fragt mich nicht, wie weit ich damit bin. Ich verzweifle manchmal. Ein paar Jahre nach jenem Schwur machte ich ein <a href="http://www.singvoegel.com/index.php/sonnenrad-song/" target="_blank">Lied</a> darüber, eigentlich nur für Freunde, aber später nahm ich es auf, es machte die Runde (über meine Kreise hinaus), und inzwischen erklingt es an manchem Lagerfeuer, zuweilen gar gesungen von Leuten, die mich gar nicht kennen (und eigentlich auch nicht wissen können, was ich mit dem Text meine). Aber vielleicht gehört das zur Schwurerfüllung&#8230;</p>
<p><b>Ganz nüchtern: ernüchternd?</b><br />
Gesellschaftlich ist Asatrú ein umkämpftes Konfliktfeld. Rassistische oder sonstwie ideologisch gefärbte Deutungen des Begriffs klammere ich in diesem Artikel von vornherein aus (zumal ich Asatrú derlei nicht als Asatrú anerkennen kann. Das gehört zum Konfliktfeld). Aber auch auf der Seite der menschenrechtlich Orientierten sind, trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten, ab einer bestimmten Tiefe Gemeinsamkeiten nicht wirklich voraussetzbar.<br />
Zur &#8220;Kategorie Asatrú&#8221; gehört, dass Götter dort einen grundsätzlich anderen Stellenwert haben (können) als in andern mir bekannten neopaganen Richtungen. Dies meine ich wertfrei.<br />
&#8220;Kategorisch anders&#8221; meint hier auch: Um wirklich Wesentliches über Asatrú zu sagen, könnte ich meine (nur subjektiv hochwichtigen) Götter allesamt getrost weglassen, oder lediglich als &#8220;bei mir und für mich halt vorhanden&#8221; am Rande miterwähnen. Was Asatrú nämlich ausmacht, ist weniger eine Frage göttlicher Vorstellungen als vielmehr eine irdischen Verhaltens.</p>
<p>Die gesellschaftliche Positionierung, die sozialen Bezüge, persönliche Verbindlichkeiten und aus all dem resultierende Konsequenzen sind für mich als Asatrú wesentlich entscheidender als Fragen von Ausstattung, Kult oder Ritus.<br />
Und ich nehme mir die Freiheit heraus, auch andere eher nach Motivation, Tat und Selbstverantwortungsbereitschaft zu beurteilen (als etwa nach oberflächlichen Habitusmerkmalen).<br />
Nun mache ich mein Verhalten durchaus &#8220;an den Göttern fest&#8221;, fühle mich ihnen verantwortlich und stehe mit ihnen in einem ständigen Austausch, den ich als ebenso selbstverständlich wie geradezu &#8220;familiär&#8221; empfinde. Das ist meine Methode, mein &#8220;inneres Geländer&#8221; – ich kenne jedoch einige respektable Asatrú, die ihr &#8220;Geländer&#8221; eher umweglos in der Sozialgemeinschaft direkt finden; die Götter haben für jene eine dann andere Bedeutung. Spirituelle Inhalte wie daraus abgeleiteter Kultus als solcher sind sowieso individuell frei: Speziell in meiner Gemeinschaft wird der Umgang mit Göttern als persönliche Angelegenheit gesehen, gehört gewissermaßen zur Intimsphäre, und erfreut sich entsprechend rücksichtsvoller gegenseitiger Achtung (individuelle Unterschiede und Ansichten in spirituellen Fragen eher als normal voraussetzend als denn irgendwelche künstlichen Einigkeiten ersehnend: auf diesem speziellen Gebiet der &#8220;Religionsbräuche&#8221; – um deren mögliche Details manch andere heidnische Religionsgemeinschaften unentwegt bis ausschließlich diskutieren. Was ihnen gegönnt sein soll. Wir von der Nornirs Ætt diskutieren eher um die gesellschaftlich-politische Arbeit).</p>
<p>Ich stelle fest, dass ich unmöglich von mir als Asatrú sprechen kann, ohne zehn Jahre Gruppenerfahrung mitzudenken, mitzufühlen. Die Entwicklung der Nornirs Ætt hat die meine seit 1995 entscheidend mitgeprägt; von den Anfängen eines eher losen Haufens verträumter Idealisten und mancher Mach-ich-mal-Mitmacherinnen, Dazustolperer – mit entsprechender Personenfluktuation – über die Jahre zu einer Art &#8220;Sozialexperiment&#8221; auf kleiner Flamme hochgewachsen&#8230; Auseinandersetzung, Zusammenfindung durch (letztlich anspruchsbedingte) Gesundschrumpfung: bis hin zu jener heutigen kleinen, aber feinen Gruppe, die ihren Mitgliedern, obgleich die z. T. weit voneinander entfernt wohnen, die Nestwärme einer Heilsgemeinschaft bietet.</p>
<p>Der Eingangsfrage gedenkend – hin- und hergerissen zwischen &#8220;eher Religiösem&#8221; und &#8220;eher Sozialem&#8221;, zwischen &#8220;auch von Kollegen ähnlich Gehaltenem&#8221; und &#8220;eher Selbstgestricktem&#8221; – schildere ich längst alles vermischt: zumal ich´s für meinen Teil auch nicht wirklich trennen mag noch kann. Für mich gehört all das zur &#8220;Siðr&#8221; – zur Sitte, zum Brauch. Mag der meine auch besonders nach Promenadenmischung riechen: Generell dürften die allermeisten Bräuche von der Welt, näher betrachtet, sowenig &#8220;reinrassig&#8221; ausfallen wie Menschen. Als asatrútypisch (für meinereiner) aber darf gelten, genau diesen Umstand als selbstverständlich zu betrachten.</p>
<p>Wo ich über die Götter selbst spreche, beschreibt mein Umgang mit ihnen ausschließlich Eigenerfahrung. Wie sie mir vorkommen, ich sie sehe, erlebe – wer mir wichtiger ist und wer weniger, samt warum: all das ist auf &#8220;meinem Mist gewachsen&#8221; und ebenjenem zugehörig. Inspirationen von außen, diverse Quellen und Einflüsse anderer versuche ich, soweit möglich, kenntlich zu machen.</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-2/" target="_blank">Teil 2</a></p>
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		<pubDate>Sat, 11 Oct 2008 19:14:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p><b>Thors Fest</b><br />
Dies Fest ist ein für meinen persönlichen Stilmix ganz typisches Beispiel. Bei Thor: Ohne Rückfrage wüßt´ ich nicht mal zu sagen, ob dieser jahresfestliche Anlass überhaupt irgendwem bekannt ist (selbst im Kreis meiner Gruppe), geschweige denn irgendwo gefeiert wird. Termin und Inhalt übernahm ich vor ca. neun Jahren von einem damaligen Freund.<br />
Nebenbei: erscheint es mir als &#8220;germanentypisch&#8221;, Einflüsse, Ideen und Bräuche anderer, ggf. mittels einiger anpassender &#8220;Umbaumaßnahmen&#8221;, in den eigenen Kultus zu übernehmen und diesen damit zu bereichern und auszuformen. (Gerade in der Geschichte historischer Germanenkulturen gibt es dafür, soweit recherchierbar, etliche Beispiele.)<br />
Und selbstverständlich darf mir herzlich schnurz sein, ob &#8220;Thors Fest&#8221; nun irgendeine historische oder auch nur zeitgenössisch belegbare Wurzel hat oder nicht. Es hat keine nationalromantische oder schlimmere; Idee und Inhalt aber taugten mir, das reichte. Eine Lieblingsgeliebte von mir drückte dergleichen mal so aus: &#8220;Hier ist ein Asatrú-Kultplatz&#8221;, meinte sie – auf die Betonplatte zu ihren Füßen deutend&#8230; auf einem schmalen Weg durch einen Weinberg, den die Freundin morgens durchjoggte, um regelmäßig an jener Stelle anzuhalten und einen einfachen, persönlichen Ritus für Sonne und Tag durchzuführen. Ja: So machen das Leute, die ich gern verstehe.</p>
<p>Alljährlich, um Mitte Januar, feiere ich also Thors Fest – und zuweilen auch nicht. Es macht nämlich nur Sinn, wenn man dabei in Gesellschaft ist (was terminkalenderbedingt nicht immer der Fall sein muss). Mehr noch als bei oben erwähntem &#8220;Ahnentrinken&#8221; lässt &#8220;Thors Fest&#8221; auf Anhieb überhaupt keinen spirituellen Bezug erkennen: für ggf. Außenstehende. Der &#8220;Ritus&#8221; besteht im Wesentlichen aus einer möglichst reich, gut und lecker gedeckten Tafel nach persönlichem Gusto, sein Inhalt aus möglichst geselligem fröhlichen Spachteln. Na, selbstverständlich trinken wir dabei auf den Donnergott und den, eingedenk bald wieder rascher fließender Flüsse und allmählich zunehmenden Tageslichts, hoffentlich bald spürbaren Vorfrühling. Die dunkelste Hälfte des Winters heil überstanden: Das ist eigentlich die ganze Botschaft des Ganzen. Für einen wie mich, der sich winters – fern jeder Zentralheizung – aus Finanzgründen oft den Holz- und Kohlevorrat rationieren muss, ein sinnlich spürbarer Anlass zum Krafttanken, Mut schöpfen, und Danken. Thor, der Donnerer: der haut nicht nur Gewitter vom Himmel, sondern stärkt auch das Mark meiner Knochen, meine Muskeln und Gemüt. Hoch das Horn, und dir den Teller extra! Raus ins Grün damit.</p>
<p>Die Schlichtheit dieses Beispiels mag extrem sein. Aber Asatrú-Riten sind schlicht. Die Menschen, mit denen ich feiere, vermeiden auch bei größeren oder zeremonielleren Feierlichkeiten jeden überflüssigen Zierrat und Popanz. Wo immer &#8220;magische&#8221; oder sonstwie kultische Symbole auftauchen, sind sie – zumindest für unseresgleichen – alle lesbar. Etwa wie Verkehrszeichen. Okkulte Geheimnisse, nur für &#8220;Eingeweihte&#8221; zugängliches &#8220;höheres Wissen&#8221; oder dergleichen gibt es genauso wenig wie irgendwelche Sonderrechte für etwaige &#8220;Amtsinhaber&#8221;. Wer bei uns irgendeinen &#8220;Titel&#8221; trägt, weist sich damit nur als Spezialist/in für den entsprechenden Bereich aus: ansprechbar für alle, und dem Ansprechenden ggf. dienstbar in der Sache (auf deren Durchführung der &#8220;Spezialist&#8221; indes keinerlei Monopol hat: niemand von uns muss ausgewiesene &#8220;Seiðkona&#8221; oder ein &#8220;Seiðmaðr&#8221; sein, um ggf. schamanische Tätigkeiten auszuüben. Die so Betitelten geben damit lediglich ihre entsprechende Bereitschaft – bis hin zu einer gewissen &#8220;Verfügbarkeit&#8221; für andere – bekannt. Logisch, dass die Anerkennung entsprechender Fähigkeiten auf empirischen Grundlagen beruht – für speziell der ganzen Gemeinschaft angebotene Dienste wird der / die Betreffende sogar ein Jahr lang beobachtet, geprüft, und über die Anerkennung dann konsensdemokratisch entschieden.)</p>
<p><b>Thing</b><br />
Gestatten: unser Chef. Wer? Na, das Thing (ist unser Chef). Sein Schutzherr ist Tyr, der zur Eröffnung dieser Art Versammlung denn auch angerufen wird. Das übernimmt, wer das Thing moderierend leitet. Je nachdem, ob es ein regionalgruppenspezifisches &#8220;Fylkithing&#8221; oder das die ganze Gemeinschaft betreffende (alljährliche) &#8220;Allthing&#8221; ist, übernimmt diese Leitung ein Fylkir / eine Fylkire (sowas wie &#8220;Sekretär/in&#8221;, freilich ohne Schriftprotokoll), oder eine Løgkona / ein Løgmaðr (Rechtshüter/in). Wir haben keinerlei Hierarchien – weder offene noch versteckte, und die Versammlung auf dem Allthing ist unsere &#8220;gesetzgebende&#8221; Instanz: Chef ist nur die Gemeinschaft selbst.<br />
Things sind für uns Sakralhandlungen und haben Regeln. Zum Beispiel den &#8220;Thingfrieden&#8221;, der das &#8220;Waffentragen&#8221; auf solchen Versammlungen verbietet. Nun rennt bei uns eh keiner mit Schwert oder etwa Revolver durch die Botanik. Aber z.B. Mobiltelefone bleiben auf dem Thing außen vor: praktischerweise. Und auf dem Thing wird geredet. Alles besprochen, was ansteht. Solange, bis einstimmige Beschlüsse gefaßt werden können in jeder Angelegenheit (für bestimmte Beschlüsse sind konsensdemokratische Verfahren bei uns Bedingung, für halb so Wichtiges reicht gelegentlich Basisdemokratie). Das heißt nicht etwa, dass auf Einzelne solang eingequasselt würde, bis jene ermattet abnicken, was eine Mehrheit will. Eben nicht. Es wird solange verhandelt und erwogen, bis alle, wirklich alle hinter dem schließlich gemeinsamen gefassten Beschluss stehen können. Nicht selten gibt das Veto Einzelner erst Anstoß zu jenem – mitunter langwierigen, aber lohnenden – Prozess, an dessen Ende ein Beschluß steht, den die Gemeinschaft ebenso geschlossen tragen kann wie er sie.</p>
<p>Freilich: Wir haben jahrelang geübt dafür. Bis wir ein vernünftig geregeltes Prozedere erreicht hatten, das auch und gerade diejenigen berücksichtigt und ermuntert, deren Sache es nicht ist, sich in gewandten Worten auszudrücken. Aber inzwischen ist es unmöglich geworden, auf einem Thing irgendwas lediglich stumm &#8220;abzunicken&#8221;: etwa, weil man grad die rechten Widerworte nicht findet, oder womöglich insgeheim fürchtet, von den Eloquenteren in Grund und Boden argumentiert zu werden. Nein: Die Redegewandten müssen tunlichst warten, bis auch noch der/die Schüchternste oder Wortkärgste ihre/seine Bedenken, Eindrücke, Einwände oder Wünsche ausreichend zum Ausdruck gebracht hat. Und vorher geht es nicht weiter. Im Gegenteil: alle achten genau darauf, ob nicht noch etwa irgend wessen Bedenken oder Unbehagen vorliegen, bezüglich anstehenden Beschlusses. Denn dieser Beschluss ist dann &#8220;Gesetz&#8221;: bis zum nächsten Thing. Ja, unsere allgemeinen Regeln haben wir – aus Gedächtnisgründen sozusagen – auch aufgeschrieben, kodifiziert. Im Zweifelsfall aber gilt nicht der &#8220;Buchstabe des Gesetzes&#8221;, sondern sein Gedanke und Geist: das, was der Gemeinschaft bzw. ihren Beteiligten und Betroffenen nützt. (Und eine Regel, die nicht praktisch funzt, wird so lange bearbeitet, bis sie´s tut – oder, per Thingbeschluss natürlich, entfällt.)<br />
Gewisse wiederkehrende Vorgänge auf Things – z.B. Beitritt (probeweiser) Neulinge, oder deren verbindliche Aufnahme nach Probejahr (beides konsensdemokratisch beschlossen) – sind natürlich von bestimmten Ritualen begleitet, die sich mit der Zeit herausbildeten. Bei aller liebevollen Gestaltung bleiben die Zeremonien jedoch schlicht und unprätentiös. Gekichert und gelacht wird ggf. auch viel.</p>
<p>Bliebe noch zu sagen, daß Anwesenheit von Gästen – sowie deren Rederecht auf Things – auf dem Allthing Usus ist und auf den (regionalen) Fylkithings ebenfalls immer wieder mal vorkommt. (Bei krisengeschüttelten oder von besonderen Interna geprägten Allthings baten wir Gäste unserer Treffen auch schon mal um Abwesenheit vom Thing selbst, aber das war – tyrseidank – bisher seltene Ausnahme; auch in schwereren Zeiten war bisher das Gegenteil die Regel.)</p>
<p><b>Alle Jahre wieder</b><br />
Das Beispiel von &#8220;Thors Fest&#8221; mag schon angedeutet haben, daß meine rituellen Jahresstationen von den heidnisch allbekannten &#8220;acht Festen&#8221; abweichen. Hier im kurzen Überblick:</p>
<p>Mein wichtigstes Jahresfest ist Jul, die Wintersonnenwende (hier gehe ich konform mit allen Asatrú, die ich kenne: über meine Gruppe deutlich hinaus). Mit Jul endet mein Asatrú-Jahr, mit dem Julritual (meist geht dem ein Thing voran: denn Jul feiere ich nicht alleine) beginnen die zwölf Rauhnächte, die denn auch meine einzige wirklich arbeitsfreie Zeit darstellen. Während Odin sich mir dabei eher als &#8220;Wotan&#8221; zeigt (in &#8220;diesem Aspekt&#8221;, könnte man´s nennen), als sturmwütender Herr der &#8220;Wilden Jagd&#8221; (den ich aber zwischen den Jahren eher &#8220;Draugadróttinn&#8221; heiße: Herrn der Geister), lasse ich die vergangenen zwölf Monde Revue passieren – dies eher mit dem Bauch als analytisch – und vermeide: jede überflüssige bzw. ambitioniertere Arbeit (über den nötigsten Alltag hinaus, inklusive entsprechender &#8220;Geschäfte&#8221;), jeglichen Projekt-Start, jeden Streit (inklusive auf konkrete Folgen / Einigungen etc. abgerichtete schwerwiegende Diskussionen).<br />
Denn all dies fiele &#8220;zwischen die Jahre&#8221; und ginge sozusagen &#8220;in Ginnungagap hops&#8221; (G. bezeichnet den gähnenden All-Abgrund zwischen den Welten). Jeglicher Streit bräche zudem &#8220;Freyjas Frieden&#8221;: jenen auszurufen, ist Höhepunkt des – wie auch immer sonst gestaltbaren – Julrituals. Dieses aber endet nicht mit dem rein zeremoniellen Abschluss (der meist ein gemütliches Gelage einläutet), sondern erst mit den Raunächten selbst: beim Wiedereintritt in die &#8220;Welt der Zeit&#8221;, kalendarisch hat das neue Jahr dann meist schon begonnen. (In der Praxis dauern bei mir die Raunächte immer etwas länger – mal liegt der faktische Jultrefftermin wochenendbedingt vor oder hinter dem Sonnwenddatum, was die Ritualgestaltung und -inhalte allein beeinflusst. Immer aber beginnen sie spätestens mit jenem Ritual, gleichwohl mir inzwischen mein Bauch, mein Instinkt sagt – oft begleitet vom ein oder anderen leiseren Ereignis-Zeichen – wann und wie´s für mich jeweils in &#8220;Raunachtzeit&#8221; hineingeht, und, nach idealerweise wie in Halbtrance durchlebter Tiefe, denn auch wieder hinaus. Durch die Raunächte aber lasse ich mich gern treiben wie ein Blatt in Draugadróttinns Geistersturm oder -wind. Die Intensität liegt in seiner Hand.)</p>
<p>Nächste Jahresstation (bzw. erste des neuen) ist dann für mich besagtes &#8220;Thors Fest&#8221;, gefolgt von &#8220;Disirsblót&#8221; Mitte Februar. Jenes eher private &#8220;Opferfest für die Familiengeister&#8221; (in ungefährer Übertragung) begehe ich gewöhnlich allein (zumal ich niemanden kenne, der das außer mir feiert). Bevor ich Asatrú wurde, feierte ich Imbolc, und heute liegen dessen Zeitqualitäten für mich sozusagen zwischen den Wochen ab Thors Fest und bis Disirsblót: diese ganze Spanne über, die ja eh eine allmähliche ist. Das Opfer für die Disen fällt unterschiedlich aus, bei mir auch (ganz pragmatisch) vom Zeitpunkt her, und Ritual kann ich´s kaum nennen, da ich, mehr noch als sonst, da komplett situations- und stimmungsabhängig improvisiere: Wer mich dabei beobachtet, sieht mitunter nicht viel. (Diesjahr stand ich, vielleicht ein oder zwei Wochen davor – eher &#8220;zufällig&#8221; zum klassischen Imbolctag – mit meiner Liebsten am gefrorenen, langsam auftauenden Main, und wir schickten Wünsche unters Eis und an die stärker werdende Sonne und gossen einen Rest Met auf die Schollen.)</p>
<p>&#8220;Ostara&#8221;, die Frühlings-Tagundnachtgleiche, richtet sich terminlich nach dieser. Ich rufe eine Göttin dieses Namens an, obgleich ich inzwischen weiß, daß die nämliche mythologische Gestalt eher und nur auf die Gebrüder Grimm zurückgeht (und ich fand bislang keinen Hinweis auf ältere Zurückreichungen bzw. Herkunft). Aber Götter sind für mich nicht in jeder Hinsicht derart klar definierbar oder trennbar wie Menschspersonen, obgleich ich auch erstere wohlweislich unterscheide. Ich rufe also &#8220;Ostara&#8221;: ist es Idun, die Apfelbringerin, deren Früchte den Göttern die Jugend erhält (so das mythologische Bild aus der Edda)? Ist es Freyja in einem jung-taufrischen, sozusagen &#8220;vor- oder frühpubertierenden Aspekt&#8221;? Gna, die Götterbotin? Egal: Überall zeigt sie sich mir rings, und eh. Frühlingskünderin heiße ich sie, und mein Opfer gestalte ich am liebsten wie oder als Begrüßung des jungen Jahres selbst. Einmal stand ich an einem Sumpf in einem kleinen Wald, ließ eine meiner Lieblingsschalen (aus der Küch´) langsam davondümpeln, gefüllt mit &#8220;Leckereien der Saison&#8221;, garniert mit frischen Blüten und gespickt mit düftelnden Räucherstäbchen. Und auf den Sumpfgrund wanderte dazu ein Ritualmesser. Natürlich im hellsten Tageslicht: So nächtlich die Julzeit, so taghell die Feste des aufsteigenden Jahres, und ihr Idealzeitpunkt.</p>
<p><b>Hoch im Jahr</b><br />
Beltane ist kein Asatrúfest. (Und wenn ich mir so anschaue, wie andere Heiden das so &#8220;feiern&#8221;, dann hab ich, will mir scheinen, zumeist nicht die Welt versäumt&#8230; Nicht, solange ich mich als ein &#8220;Diener der Ekstase&#8221; fühle, zumindest.)<br />
Na schön: Vor dem runden Maimond feiere ich seit sechs Jahren mit andern Freunden noch alljährlich in einer Waldhöhle; die mehrtägigen Riten und Übungen dort sind aber schamanisch-psychopraktischer Natur. Gleichwohl sie mir viel bedeuten, sind sie hier irrelevant (nur zwei der sechs bis zehn Beteiligten sind Asatrú, der Rest nichtmal alles Heiden).</p>
<p>Die Sommersonnenwende im Juni begehe ich meist unzeremoniell (mal wieder), dafür umso lieber: am allerliebsten in einem privaten Steinkreis (tatsächlich: sowat gibt´s) bei lieben Asatrú-Freunden und deren Bekanntschaft. Lagerfeuer, geselliges Beisammensein und so.<br />
Und du, lieber Gast, liebe Leserin, wunderst dich: schon wieder kein erkennbarer Gottesdienst?<br />
Ich lächle dir ins Auge, Menschin. Auf den Spiegeln der Wirklichkeit zerläuft unser Zerrbild von Zeit. Gieß dies Horn aus ins Gras, oder lass ein Tränchen tropfen in den Brunnen deiner Trauer. Ich könnte dir sagen, wer das Meer erleuchtet – doch nützte dir das? Nur wie wir fahren, und wohin, ist von Folgen: nicht nur zur hohen Jahreszeit. Wer hier mitrudert, kennt Sonne und Wind, ob gleißend, ob stürmisch, ob blass oder nasskalt. Schnapp dir eine Trommel, oder tauch ab zu meiner. Tanz dich schweißnass im sengenden Glanz der großen Mardøll, die mehr als den Tag regiert, und deren gleißenden Blick kein Mensch lange erträgt, ohne ob ihrer Schönheit zu weinen. In Sunnas sanfteren Strahlen aber, die dir Haut und Gemüt wärmen, grüßt dich der schöne Baldur. Wer immer heute &#8220;Runen auf der Zunge&#8221; trägt, hat sie (wette ich was) von Bragi, meinem Dichtergott. Öhh – ist das nicht Odin? Wieso – stürmt es etwa gerade? Wisse, der alte Wanderer verantwortet so manches, aber sich und die seinen dir hier auseinander zudividieren nach Menschenart, lehrte er mich noch nicht. Achte lieber auf den Trommeltakt, der dir pocht: schnurlosstracks und ekstatisch gehalten von mir, virtuos aufpoliert und herrlich variiert von jenen Freunden, die besser trommeln als ich. (Einer sagte mal scherzhaft, wo Leute beharrlich trommeln, die dies partout nicht vermögen, also jenseits von Takt, Beat und Rhythmik, &#8220;hält es kein Asatrú lang aus&#8230;&#8221;: keiner von unsereinen, korrekt!)</p>
<p>Tanz weiter, und vielleicht reiß´ ich dir, wenn ich mich trau´, den Kopf nach hinten und drück dir einen Kuss in die fliegende Seele (was ich zu Beltane versäumte). Träum´ ich nur wieder? Selbst dann wirst du´s spüren, haha! Nimm´s als Gruß von einer Asatrú-Göttin, deren Liebling ich bin. Fall nicht ins Feuer! Meins kommt von Freyr, der ist ihr Bruder, in mir pocht er nackt, prall und drängend. Ich opfere ihm gerne. Aber nicht dich. Menschenopfer sind Legende, aus Zeiten, die ich zu ersehnen ich keinerlei Grund sehe. Mir reicht die Gegenwart, samt ihrer Gefahren. Schön bist du. Tanz weiter. Ich geh nur mein Horn füllen – bei Fulla, bei Lofn – und streichel kurz die Katze, die mir begegnet. Der Takt läuft auch ohne mich. Lei´wande Fete!</p>
<p><b>Und wieder runter&#8230;</b><br />
Von Juli auf August findet das alljährliche (oben bereits erwähnte) Allthing der Nornirs Ætt statt. Auch jenen Termin nutze ich – über die Gruppenangelegenheiten hinaus – gern zum privaten Resümee der Vormonate, anders als zu Jul aber eher analytisch-bewusst: mit dem Denkekopf. Angesichts des hohen Jahres, das sich nun bald zu &#8220;überblühen&#8221; beginnt: noch ist voller Sommer, aber in die (unmerklich sich verkürzenden) Tage fließt keine neue Energie mehr hinein. Elfenzeit, für mich: manchmal täuschen sie mich derart, dass ich meine, welche zu sehen zwischen Zweig und Blüte. Barfuß-Tage, wo immer Asphalt nicht hinreicht! Liebe im Freien: mein Lieblings-Gottesdienst. Im beruflich eher terminarmen August (Urlaubszeit für die meisten), bereite ich mich auf arbeitsintensiven Herbst vor.</p>
<p>Den markiert mir das &#8220;Alfarblót&#8221; zum Jahresdämmer der Herbst-Tagundnachtgleiche. Den Alben und all jenen Kräften pack´ ich die Früchte des Jahres zusammen, die Stunde der Rune Dagaz zwischen Tag und Abend ist mir da Lieblingszeitpunkt; ich verabschiede mich vom kleinen Fluß in meiner Wohnnähe, von ein paar Bäumen, ein paar Ecken. Hocke im Gebüsch und spreche mit Göttern oder mit meinem (Kraft-)Tier. Es mag ein Asatrútermin sein (auch: &#8220;Mabon&#8221; nicht unähnlich), ich für meinen Teil fühle mich da aber meistens ziemlich steinzeitlich – auf Elementares reduziert auch meine persönlichen Bräuche. Selten leider Gelegenheit, sich zwischen Baum und Busch zu entkleiden (da ich nicht im Wald wohnend, sondern nur mitbewaldeten Wiesengrund zur Verfügung habend, dessen Wege Jogger und Radfahrer bevölkern). Dennoch ist mir da immer recht tierisch zumut´, und ich agiere es aus wie´s grad kommt und geht: auf allen Vieren, kriechend, kauernd, und tierhaft laufend-verharrend-schnuppernd- und weiterlaufen. Zuhaus pack ich gern die Trommel von der Wand: die alte, große. Lasse mich von ihrem Zittern in Trance tragen: lang und visionsoffen, ohne die Bilder, die mir da kommen, groß deuten zu wollen.</p>
<p>Wenn andere Heiden später Samhain feiern, habe ich mein Ahnengedenken (so´s der Alltag erlaubte) schon bis zu zwei Wochen als (zumeist absichtsvoll allein begangenes) &#8220;Vætnót&#8221; hinter mir. Den Ahnenbegriff fasse ich weit über die leiblichen Vorfahren hinaus.<br />
All jene Toten, die meinen Weg mitbeeinflussten oder mich sonst wie prägten, sind mit dabei. Auch wenn ich viele gar nicht kannte: Zum einen trifft das auf die Mehrzahl meiner leiblichen Vorfahren genauso zu, zum andern sind´s ja inzwischen eh &#8220;alles Geister&#8221;. Man lernt/e ja nicht nur von Oma und Opa. Da hat´s Größen oder Namen aus Kunst und Kultur, oder Geschichte (wes Teils der Welt, und welcher Ära auch immer), deren Werk oder Beispiel (ob &#8220;verbürgt&#8221; oder &#8220;Legende&#8221;) einem selbst mal Richtung gaben oder finden halfen. Nichtmal &#8220;real gelebt&#8221; haben müssten sie, m. E. nach. Ich würde mich nicht scheuen, Winnetou anzurufen, wenn der denn bei mir je Rolle gespielt hätte. (Bei mir war´s – aus jener Kultur – eher Tatanka Yotanka, besser bekannt als &#8220;Sitting Bull&#8221;: und der hat gelebt.) Einzig der Einfluß zählt: der persönlich empfundene. Nicht dadurch wirkungslos, daß er nur subjektiv existiert. Sowas gehört zu meinem Magie-, ja: meinem Heidenverständnis.<br />
Wenn ich &#8220;gut drauf&#8221; bin, erlaube ich mir (selten, aber kam schon vor) das Gedenken an tatsächlich gehabte, aber mittlerweile verstorbene Freunde (für mich zu den Ahnen wie selbstverständlich gezählt: obwohl´s Zeitgenossen waren. Aber sie sind ja tot! Und sie fehlen mir so!) als praktisches, klammheimliches Spiel zu inszenieren: Ich gehe dann &#8220;downtown&#8221; und unternehme irgendetwas im Sinne solch eines verstorbenen Freundes. Harmlos: inne Kneipe gehen und dessen Lieblingskram bestellen. Schon ausgefuchster: mich dabei benehmen, als wär ich der Freund. In seine Haut oder Schuhe schlüpfen. Was tun, was er/sie getan hätte. Ich komme nicht immer dazu, aber ich mag diesen Brauch. Woher? Eigenbau. Vielleicht gaben´s mir die Toten selbst ein. Die so schmerzlich Vermissten! Solcherlei Brauch: auch jenseits von Asatrú wärmstens empfehlbar. Hinterlässt heilend-tröstliche Gefühle. Für alle, die je eines Freundes Tod zu beklagen hatten.</p>
<p><b>Efeu der Erinnerungen</b><br />
Wann immer ich mal (Heidenboards querschmökernd z.B.) auf das olle Begehr stoße, wo irgendeine &#8220;hex&#8221; oder ein &#8220;heid&#8221; beklagt, zu irgendeinem Hochfest &#8220;nicht frei&#8221; zu kriegen vom Jobchef (und darob die überfällige &#8220;Anerkennung von Heidentum als Religion&#8221; fordert&#8230;), muss ich müd´ grinsen oder herzhaft lachen. Den möcht´ ich sehen, der mich überhaupt anstellte in einem Betrieb: mich, mit meinen (derzeit) vierundneunzig Feiertagen im Jahr – oben genannte &#8220;Hochfeste&#8221; nicht mitgerechnet.</p>
<p>Ich erspare euch die Aufzählung: von &#8220;Fenrirs Abend&#8221; bis zur &#8220;Nacht von Sökkvabekkr&#8221;, von der &#8220;Nacht des Totems&#8221; bis zum &#8220;Tag der Winterfee&#8221;. Jedes Jahr kommen ein oder mehrere solcher Denkmal-Terminchen dazu. Wild verschlungen reihen und ranken sie sich durchs Jahr als privatheidnischer Erinnerungs-Efeu, beständig wachsend: zuweilen treffen zwei oder drei auf dasselbe Datum (obzwar aus verschiedenen Jahren stammend). Es sind Gedenken an urpersönliche Ereignisse und Begebenheiten – und ihre blumigen Namen markieren mir die Stationen. Um mich – immer aufs Neue – zu erinnern (nicht mehr als das meist, aber nie weniger): wann was war, auf meinem Weg. Spirituelles verquickt sich mit Scheinprofanem (was ich aber entsprechend &#8220;festhalte&#8221;, bestimmen allein Bauch und Instinkt). Vom Beginn einer neuen Liebe – oder anders wichtigen Begegnung – bis zu einem Abschied von sanft bis bitter, quälend oder befreiend: alles dabei. Mal war mir eine bloße Traumvision wichtig genug, mal schien mir ein reales Ereignis relevant: als ich dem Tod eines Bussards beiwohnte. Als mir spät nachts der Schlüssel im Türschloß feststak – mit Folgen. Als ich den Amethyst verlor – doch drohender Trunksucht um Haaresbreite entkam. Als ich den einen Namen bekam, und wann und wie einen andern. Als ich eine Trommel baute – und die meinen ersten Tempel. Als ich floh. Als ich dem Schwan schwor: tanzend, weil heiser und aller Sprache beraubt. Als ich die Sonne anschrie, derweil mich drei Freunde rücklings aufs Gras drückten, daß ich nicht gar durchdrehte, als grad – nach entsprechender Seelenarbeit – alles in mir hochschoß. Als ich meinen Runenbeutel verlor, als ich ein Schwert bekam, als ich mich zwei Frauen beschmusten, als ich an der Felswand hing&#8230; und/oder als ich nackt und nachts im stockdusteren Wald den Hügel heruntertapste und weinend im Regen blindlings meinen zerbrochenen Stab zusammenklaubte, umtost von meinem Obergott selbst, und wieder zurückfand zum Feuer, das ich unversengt durchschritt, als hätt´ ich´s geübt oder mich sowas planvoll getraut, in den Flackerlichtschein der Grotte oben, wo Freunde für mich trommelten und sangen. Als ich naturreligiös wurde, als ich mit dir schlief, als du mich fortjagtest, als mich mein Krafttier fand, als mich die Asatrúgötter auflasen, als ich alles verlor, als ich Eibensang wurde. So Zeug halt! (Reihenfolge obiger Auswahl hier wilddurcheinander!)</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-3/" target="_blank">Teil 3</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-2/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><b>Thors Fest</b><br />
Dies Fest ist ein für meinen persönlichen Stilmix ganz typisches Beispiel. Bei Thor: Ohne Rückfrage wüßt´ ich nicht mal zu sagen, ob dieser jahresfestliche Anlass überhaupt irgendwem bekannt ist (selbst im Kreis meiner Gruppe), geschweige denn irgendwo gefeiert wird. Termin und Inhalt übernahm ich vor ca. neun Jahren von einem damaligen Freund.<br />
Nebenbei: erscheint es mir als &#8220;germanentypisch&#8221;, Einflüsse, Ideen und Bräuche anderer, ggf. mittels einiger anpassender &#8220;Umbaumaßnahmen&#8221;, in den eigenen Kultus zu übernehmen und diesen damit zu bereichern und auszuformen. (Gerade in der Geschichte historischer Germanenkulturen gibt es dafür, soweit recherchierbar, etliche Beispiele.)<br />
Und selbstverständlich darf mir herzlich schnurz sein, ob &#8220;Thors Fest&#8221; nun irgendeine historische oder auch nur zeitgenössisch belegbare Wurzel hat oder nicht. Es hat keine nationalromantische oder schlimmere; Idee und Inhalt aber taugten mir, das reichte. Eine Lieblingsgeliebte von mir drückte dergleichen mal so aus: &#8220;Hier ist ein Asatrú-Kultplatz&#8221;, meinte sie – auf die Betonplatte zu ihren Füßen deutend&#8230; auf einem schmalen Weg durch einen Weinberg, den die Freundin morgens durchjoggte, um regelmäßig an jener Stelle anzuhalten und einen einfachen, persönlichen Ritus für Sonne und Tag durchzuführen. Ja: So machen das Leute, die ich gern verstehe.</p>
<p>Alljährlich, um Mitte Januar, feiere ich also Thors Fest – und zuweilen auch nicht. Es macht nämlich nur Sinn, wenn man dabei in Gesellschaft ist (was terminkalenderbedingt nicht immer der Fall sein muss). Mehr noch als bei oben erwähntem &#8220;Ahnentrinken&#8221; lässt &#8220;Thors Fest&#8221; auf Anhieb überhaupt keinen spirituellen Bezug erkennen: für ggf. Außenstehende. Der &#8220;Ritus&#8221; besteht im Wesentlichen aus einer möglichst reich, gut und lecker gedeckten Tafel nach persönlichem Gusto, sein Inhalt aus möglichst geselligem fröhlichen Spachteln. Na, selbstverständlich trinken wir dabei auf den Donnergott und den, eingedenk bald wieder rascher fließender Flüsse und allmählich zunehmenden Tageslichts, hoffentlich bald spürbaren Vorfrühling. Die dunkelste Hälfte des Winters heil überstanden: Das ist eigentlich die ganze Botschaft des Ganzen. Für einen wie mich, der sich winters – fern jeder Zentralheizung – aus Finanzgründen oft den Holz- und Kohlevorrat rationieren muss, ein sinnlich spürbarer Anlass zum Krafttanken, Mut schöpfen, und Danken. Thor, der Donnerer: der haut nicht nur Gewitter vom Himmel, sondern stärkt auch das Mark meiner Knochen, meine Muskeln und Gemüt. Hoch das Horn, und dir den Teller extra! Raus ins Grün damit.</p>
<p>Die Schlichtheit dieses Beispiels mag extrem sein. Aber Asatrú-Riten sind schlicht. Die Menschen, mit denen ich feiere, vermeiden auch bei größeren oder zeremonielleren Feierlichkeiten jeden überflüssigen Zierrat und Popanz. Wo immer &#8220;magische&#8221; oder sonstwie kultische Symbole auftauchen, sind sie – zumindest für unseresgleichen – alle lesbar. Etwa wie Verkehrszeichen. Okkulte Geheimnisse, nur für &#8220;Eingeweihte&#8221; zugängliches &#8220;höheres Wissen&#8221; oder dergleichen gibt es genauso wenig wie irgendwelche Sonderrechte für etwaige &#8220;Amtsinhaber&#8221;. Wer bei uns irgendeinen &#8220;Titel&#8221; trägt, weist sich damit nur als Spezialist/in für den entsprechenden Bereich aus: ansprechbar für alle, und dem Ansprechenden ggf. dienstbar in der Sache (auf deren Durchführung der &#8220;Spezialist&#8221; indes keinerlei Monopol hat: niemand von uns muss ausgewiesene &#8220;Seiðkona&#8221; oder ein &#8220;Seiðmaðr&#8221; sein, um ggf. schamanische Tätigkeiten auszuüben. Die so Betitelten geben damit lediglich ihre entsprechende Bereitschaft – bis hin zu einer gewissen &#8220;Verfügbarkeit&#8221; für andere – bekannt. Logisch, dass die Anerkennung entsprechender Fähigkeiten auf empirischen Grundlagen beruht – für speziell der ganzen Gemeinschaft angebotene Dienste wird der / die Betreffende sogar ein Jahr lang beobachtet, geprüft, und über die Anerkennung dann konsensdemokratisch entschieden.)</p>
<p><b>Thing</b><br />
Gestatten: unser Chef. Wer? Na, das Thing (ist unser Chef). Sein Schutzherr ist Tyr, der zur Eröffnung dieser Art Versammlung denn auch angerufen wird. Das übernimmt, wer das Thing moderierend leitet. Je nachdem, ob es ein regionalgruppenspezifisches &#8220;Fylkithing&#8221; oder das die ganze Gemeinschaft betreffende (alljährliche) &#8220;Allthing&#8221; ist, übernimmt diese Leitung ein Fylkir / eine Fylkire (sowas wie &#8220;Sekretär/in&#8221;, freilich ohne Schriftprotokoll), oder eine Løgkona / ein Løgmaðr (Rechtshüter/in). Wir haben keinerlei Hierarchien – weder offene noch versteckte, und die Versammlung auf dem Allthing ist unsere &#8220;gesetzgebende&#8221; Instanz: Chef ist nur die Gemeinschaft selbst.<br />
Things sind für uns Sakralhandlungen und haben Regeln. Zum Beispiel den &#8220;Thingfrieden&#8221;, der das &#8220;Waffentragen&#8221; auf solchen Versammlungen verbietet. Nun rennt bei uns eh keiner mit Schwert oder etwa Revolver durch die Botanik. Aber z.B. Mobiltelefone bleiben auf dem Thing außen vor: praktischerweise. Und auf dem Thing wird geredet. Alles besprochen, was ansteht. Solange, bis einstimmige Beschlüsse gefaßt werden können in jeder Angelegenheit (für bestimmte Beschlüsse sind konsensdemokratische Verfahren bei uns Bedingung, für halb so Wichtiges reicht gelegentlich Basisdemokratie). Das heißt nicht etwa, dass auf Einzelne solang eingequasselt würde, bis jene ermattet abnicken, was eine Mehrheit will. Eben nicht. Es wird solange verhandelt und erwogen, bis alle, wirklich alle hinter dem schließlich gemeinsamen gefassten Beschluss stehen können. Nicht selten gibt das Veto Einzelner erst Anstoß zu jenem – mitunter langwierigen, aber lohnenden – Prozess, an dessen Ende ein Beschluß steht, den die Gemeinschaft ebenso geschlossen tragen kann wie er sie.</p>
<p>Freilich: Wir haben jahrelang geübt dafür. Bis wir ein vernünftig geregeltes Prozedere erreicht hatten, das auch und gerade diejenigen berücksichtigt und ermuntert, deren Sache es nicht ist, sich in gewandten Worten auszudrücken. Aber inzwischen ist es unmöglich geworden, auf einem Thing irgendwas lediglich stumm &#8220;abzunicken&#8221;: etwa, weil man grad die rechten Widerworte nicht findet, oder womöglich insgeheim fürchtet, von den Eloquenteren in Grund und Boden argumentiert zu werden. Nein: Die Redegewandten müssen tunlichst warten, bis auch noch der/die Schüchternste oder Wortkärgste ihre/seine Bedenken, Eindrücke, Einwände oder Wünsche ausreichend zum Ausdruck gebracht hat. Und vorher geht es nicht weiter. Im Gegenteil: alle achten genau darauf, ob nicht noch etwa irgend wessen Bedenken oder Unbehagen vorliegen, bezüglich anstehenden Beschlusses. Denn dieser Beschluss ist dann &#8220;Gesetz&#8221;: bis zum nächsten Thing. Ja, unsere allgemeinen Regeln haben wir – aus Gedächtnisgründen sozusagen – auch aufgeschrieben, kodifiziert. Im Zweifelsfall aber gilt nicht der &#8220;Buchstabe des Gesetzes&#8221;, sondern sein Gedanke und Geist: das, was der Gemeinschaft bzw. ihren Beteiligten und Betroffenen nützt. (Und eine Regel, die nicht praktisch funzt, wird so lange bearbeitet, bis sie´s tut – oder, per Thingbeschluss natürlich, entfällt.)<br />
Gewisse wiederkehrende Vorgänge auf Things – z.B. Beitritt (probeweiser) Neulinge, oder deren verbindliche Aufnahme nach Probejahr (beides konsensdemokratisch beschlossen) – sind natürlich von bestimmten Ritualen begleitet, die sich mit der Zeit herausbildeten. Bei aller liebevollen Gestaltung bleiben die Zeremonien jedoch schlicht und unprätentiös. Gekichert und gelacht wird ggf. auch viel.</p>
<p>Bliebe noch zu sagen, daß Anwesenheit von Gästen – sowie deren Rederecht auf Things – auf dem Allthing Usus ist und auf den (regionalen) Fylkithings ebenfalls immer wieder mal vorkommt. (Bei krisengeschüttelten oder von besonderen Interna geprägten Allthings baten wir Gäste unserer Treffen auch schon mal um Abwesenheit vom Thing selbst, aber das war – tyrseidank – bisher seltene Ausnahme; auch in schwereren Zeiten war bisher das Gegenteil die Regel.)</p>
<p><b>Alle Jahre wieder</b><br />
Das Beispiel von &#8220;Thors Fest&#8221; mag schon angedeutet haben, daß meine rituellen Jahresstationen von den heidnisch allbekannten &#8220;acht Festen&#8221; abweichen. Hier im kurzen Überblick:</p>
<p>Mein wichtigstes Jahresfest ist Jul, die Wintersonnenwende (hier gehe ich konform mit allen Asatrú, die ich kenne: über meine Gruppe deutlich hinaus). Mit Jul endet mein Asatrú-Jahr, mit dem Julritual (meist geht dem ein Thing voran: denn Jul feiere ich nicht alleine) beginnen die zwölf Rauhnächte, die denn auch meine einzige wirklich arbeitsfreie Zeit darstellen. Während Odin sich mir dabei eher als &#8220;Wotan&#8221; zeigt (in &#8220;diesem Aspekt&#8221;, könnte man´s nennen), als sturmwütender Herr der &#8220;Wilden Jagd&#8221; (den ich aber zwischen den Jahren eher &#8220;Draugadróttinn&#8221; heiße: Herrn der Geister), lasse ich die vergangenen zwölf Monde Revue passieren – dies eher mit dem Bauch als analytisch – und vermeide: jede überflüssige bzw. ambitioniertere Arbeit (über den nötigsten Alltag hinaus, inklusive entsprechender &#8220;Geschäfte&#8221;), jeglichen Projekt-Start, jeden Streit (inklusive auf konkrete Folgen / Einigungen etc. abgerichtete schwerwiegende Diskussionen).<br />
Denn all dies fiele &#8220;zwischen die Jahre&#8221; und ginge sozusagen &#8220;in Ginnungagap hops&#8221; (G. bezeichnet den gähnenden All-Abgrund zwischen den Welten). Jeglicher Streit bräche zudem &#8220;Freyjas Frieden&#8221;: jenen auszurufen, ist Höhepunkt des – wie auch immer sonst gestaltbaren – Julrituals. Dieses aber endet nicht mit dem rein zeremoniellen Abschluss (der meist ein gemütliches Gelage einläutet), sondern erst mit den Raunächten selbst: beim Wiedereintritt in die &#8220;Welt der Zeit&#8221;, kalendarisch hat das neue Jahr dann meist schon begonnen. (In der Praxis dauern bei mir die Raunächte immer etwas länger – mal liegt der faktische Jultrefftermin wochenendbedingt vor oder hinter dem Sonnwenddatum, was die Ritualgestaltung und -inhalte allein beeinflusst. Immer aber beginnen sie spätestens mit jenem Ritual, gleichwohl mir inzwischen mein Bauch, mein Instinkt sagt – oft begleitet vom ein oder anderen leiseren Ereignis-Zeichen – wann und wie´s für mich jeweils in &#8220;Raunachtzeit&#8221; hineingeht, und, nach idealerweise wie in Halbtrance durchlebter Tiefe, denn auch wieder hinaus. Durch die Raunächte aber lasse ich mich gern treiben wie ein Blatt in Draugadróttinns Geistersturm oder -wind. Die Intensität liegt in seiner Hand.)</p>
<p>Nächste Jahresstation (bzw. erste des neuen) ist dann für mich besagtes &#8220;Thors Fest&#8221;, gefolgt von &#8220;Disirsblót&#8221; Mitte Februar. Jenes eher private &#8220;Opferfest für die Familiengeister&#8221; (in ungefährer Übertragung) begehe ich gewöhnlich allein (zumal ich niemanden kenne, der das außer mir feiert). Bevor ich Asatrú wurde, feierte ich Imbolc, und heute liegen dessen Zeitqualitäten für mich sozusagen zwischen den Wochen ab Thors Fest und bis Disirsblót: diese ganze Spanne über, die ja eh eine allmähliche ist. Das Opfer für die Disen fällt unterschiedlich aus, bei mir auch (ganz pragmatisch) vom Zeitpunkt her, und Ritual kann ich´s kaum nennen, da ich, mehr noch als sonst, da komplett situations- und stimmungsabhängig improvisiere: Wer mich dabei beobachtet, sieht mitunter nicht viel. (Diesjahr stand ich, vielleicht ein oder zwei Wochen davor – eher &#8220;zufällig&#8221; zum klassischen Imbolctag – mit meiner Liebsten am gefrorenen, langsam auftauenden Main, und wir schickten Wünsche unters Eis und an die stärker werdende Sonne und gossen einen Rest Met auf die Schollen.)</p>
<p>&#8220;Ostara&#8221;, die Frühlings-Tagundnachtgleiche, richtet sich terminlich nach dieser. Ich rufe eine Göttin dieses Namens an, obgleich ich inzwischen weiß, daß die nämliche mythologische Gestalt eher und nur auf die Gebrüder Grimm zurückgeht (und ich fand bislang keinen Hinweis auf ältere Zurückreichungen bzw. Herkunft). Aber Götter sind für mich nicht in jeder Hinsicht derart klar definierbar oder trennbar wie Menschspersonen, obgleich ich auch erstere wohlweislich unterscheide. Ich rufe also &#8220;Ostara&#8221;: ist es Idun, die Apfelbringerin, deren Früchte den Göttern die Jugend erhält (so das mythologische Bild aus der Edda)? Ist es Freyja in einem jung-taufrischen, sozusagen &#8220;vor- oder frühpubertierenden Aspekt&#8221;? Gna, die Götterbotin? Egal: Überall zeigt sie sich mir rings, und eh. Frühlingskünderin heiße ich sie, und mein Opfer gestalte ich am liebsten wie oder als Begrüßung des jungen Jahres selbst. Einmal stand ich an einem Sumpf in einem kleinen Wald, ließ eine meiner Lieblingsschalen (aus der Küch´) langsam davondümpeln, gefüllt mit &#8220;Leckereien der Saison&#8221;, garniert mit frischen Blüten und gespickt mit düftelnden Räucherstäbchen. Und auf den Sumpfgrund wanderte dazu ein Ritualmesser. Natürlich im hellsten Tageslicht: So nächtlich die Julzeit, so taghell die Feste des aufsteigenden Jahres, und ihr Idealzeitpunkt.</p>
<p><b>Hoch im Jahr</b><br />
Beltane ist kein Asatrúfest. (Und wenn ich mir so anschaue, wie andere Heiden das so &#8220;feiern&#8221;, dann hab ich, will mir scheinen, zumeist nicht die Welt versäumt&#8230; Nicht, solange ich mich als ein &#8220;Diener der Ekstase&#8221; fühle, zumindest.)<br />
Na schön: Vor dem runden Maimond feiere ich seit sechs Jahren mit andern Freunden noch alljährlich in einer Waldhöhle; die mehrtägigen Riten und Übungen dort sind aber schamanisch-psychopraktischer Natur. Gleichwohl sie mir viel bedeuten, sind sie hier irrelevant (nur zwei der sechs bis zehn Beteiligten sind Asatrú, der Rest nichtmal alles Heiden).</p>
<p>Die Sommersonnenwende im Juni begehe ich meist unzeremoniell (mal wieder), dafür umso lieber: am allerliebsten in einem privaten Steinkreis (tatsächlich: sowat gibt´s) bei lieben Asatrú-Freunden und deren Bekanntschaft. Lagerfeuer, geselliges Beisammensein und so.<br />
Und du, lieber Gast, liebe Leserin, wunderst dich: schon wieder kein erkennbarer Gottesdienst?<br />
Ich lächle dir ins Auge, Menschin. Auf den Spiegeln der Wirklichkeit zerläuft unser Zerrbild von Zeit. Gieß dies Horn aus ins Gras, oder lass ein Tränchen tropfen in den Brunnen deiner Trauer. Ich könnte dir sagen, wer das Meer erleuchtet – doch nützte dir das? Nur wie wir fahren, und wohin, ist von Folgen: nicht nur zur hohen Jahreszeit. Wer hier mitrudert, kennt Sonne und Wind, ob gleißend, ob stürmisch, ob blass oder nasskalt. Schnapp dir eine Trommel, oder tauch ab zu meiner. Tanz dich schweißnass im sengenden Glanz der großen Mardøll, die mehr als den Tag regiert, und deren gleißenden Blick kein Mensch lange erträgt, ohne ob ihrer Schönheit zu weinen. In Sunnas sanfteren Strahlen aber, die dir Haut und Gemüt wärmen, grüßt dich der schöne Baldur. Wer immer heute &#8220;Runen auf der Zunge&#8221; trägt, hat sie (wette ich was) von Bragi, meinem Dichtergott. Öhh – ist das nicht Odin? Wieso – stürmt es etwa gerade? Wisse, der alte Wanderer verantwortet so manches, aber sich und die seinen dir hier auseinander zudividieren nach Menschenart, lehrte er mich noch nicht. Achte lieber auf den Trommeltakt, der dir pocht: schnurlosstracks und ekstatisch gehalten von mir, virtuos aufpoliert und herrlich variiert von jenen Freunden, die besser trommeln als ich. (Einer sagte mal scherzhaft, wo Leute beharrlich trommeln, die dies partout nicht vermögen, also jenseits von Takt, Beat und Rhythmik, &#8220;hält es kein Asatrú lang aus&#8230;&#8221;: keiner von unsereinen, korrekt!)</p>
<p>Tanz weiter, und vielleicht reiß´ ich dir, wenn ich mich trau´, den Kopf nach hinten und drück dir einen Kuss in die fliegende Seele (was ich zu Beltane versäumte). Träum´ ich nur wieder? Selbst dann wirst du´s spüren, haha! Nimm´s als Gruß von einer Asatrú-Göttin, deren Liebling ich bin. Fall nicht ins Feuer! Meins kommt von Freyr, der ist ihr Bruder, in mir pocht er nackt, prall und drängend. Ich opfere ihm gerne. Aber nicht dich. Menschenopfer sind Legende, aus Zeiten, die ich zu ersehnen ich keinerlei Grund sehe. Mir reicht die Gegenwart, samt ihrer Gefahren. Schön bist du. Tanz weiter. Ich geh nur mein Horn füllen – bei Fulla, bei Lofn – und streichel kurz die Katze, die mir begegnet. Der Takt läuft auch ohne mich. Lei´wande Fete!</p>
<p><b>Und wieder runter&#8230;</b><br />
Von Juli auf August findet das alljährliche (oben bereits erwähnte) Allthing der Nornirs Ætt statt. Auch jenen Termin nutze ich – über die Gruppenangelegenheiten hinaus – gern zum privaten Resümee der Vormonate, anders als zu Jul aber eher analytisch-bewusst: mit dem Denkekopf. Angesichts des hohen Jahres, das sich nun bald zu &#8220;überblühen&#8221; beginnt: noch ist voller Sommer, aber in die (unmerklich sich verkürzenden) Tage fließt keine neue Energie mehr hinein. Elfenzeit, für mich: manchmal täuschen sie mich derart, dass ich meine, welche zu sehen zwischen Zweig und Blüte. Barfuß-Tage, wo immer Asphalt nicht hinreicht! Liebe im Freien: mein Lieblings-Gottesdienst. Im beruflich eher terminarmen August (Urlaubszeit für die meisten), bereite ich mich auf arbeitsintensiven Herbst vor.</p>
<p>Den markiert mir das &#8220;Alfarblót&#8221; zum Jahresdämmer der Herbst-Tagundnachtgleiche. Den Alben und all jenen Kräften pack´ ich die Früchte des Jahres zusammen, die Stunde der Rune Dagaz zwischen Tag und Abend ist mir da Lieblingszeitpunkt; ich verabschiede mich vom kleinen Fluß in meiner Wohnnähe, von ein paar Bäumen, ein paar Ecken. Hocke im Gebüsch und spreche mit Göttern oder mit meinem (Kraft-)Tier. Es mag ein Asatrútermin sein (auch: &#8220;Mabon&#8221; nicht unähnlich), ich für meinen Teil fühle mich da aber meistens ziemlich steinzeitlich – auf Elementares reduziert auch meine persönlichen Bräuche. Selten leider Gelegenheit, sich zwischen Baum und Busch zu entkleiden (da ich nicht im Wald wohnend, sondern nur mitbewaldeten Wiesengrund zur Verfügung habend, dessen Wege Jogger und Radfahrer bevölkern). Dennoch ist mir da immer recht tierisch zumut´, und ich agiere es aus wie´s grad kommt und geht: auf allen Vieren, kriechend, kauernd, und tierhaft laufend-verharrend-schnuppernd- und weiterlaufen. Zuhaus pack ich gern die Trommel von der Wand: die alte, große. Lasse mich von ihrem Zittern in Trance tragen: lang und visionsoffen, ohne die Bilder, die mir da kommen, groß deuten zu wollen.</p>
<p>Wenn andere Heiden später Samhain feiern, habe ich mein Ahnengedenken (so´s der Alltag erlaubte) schon bis zu zwei Wochen als (zumeist absichtsvoll allein begangenes) &#8220;Vætnót&#8221; hinter mir. Den Ahnenbegriff fasse ich weit über die leiblichen Vorfahren hinaus.<br />
All jene Toten, die meinen Weg mitbeeinflussten oder mich sonst wie prägten, sind mit dabei. Auch wenn ich viele gar nicht kannte: Zum einen trifft das auf die Mehrzahl meiner leiblichen Vorfahren genauso zu, zum andern sind´s ja inzwischen eh &#8220;alles Geister&#8221;. Man lernt/e ja nicht nur von Oma und Opa. Da hat´s Größen oder Namen aus Kunst und Kultur, oder Geschichte (wes Teils der Welt, und welcher Ära auch immer), deren Werk oder Beispiel (ob &#8220;verbürgt&#8221; oder &#8220;Legende&#8221;) einem selbst mal Richtung gaben oder finden halfen. Nichtmal &#8220;real gelebt&#8221; haben müssten sie, m. E. nach. Ich würde mich nicht scheuen, Winnetou anzurufen, wenn der denn bei mir je Rolle gespielt hätte. (Bei mir war´s – aus jener Kultur – eher Tatanka Yotanka, besser bekannt als &#8220;Sitting Bull&#8221;: und der hat gelebt.) Einzig der Einfluß zählt: der persönlich empfundene. Nicht dadurch wirkungslos, daß er nur subjektiv existiert. Sowas gehört zu meinem Magie-, ja: meinem Heidenverständnis.<br />
Wenn ich &#8220;gut drauf&#8221; bin, erlaube ich mir (selten, aber kam schon vor) das Gedenken an tatsächlich gehabte, aber mittlerweile verstorbene Freunde (für mich zu den Ahnen wie selbstverständlich gezählt: obwohl´s Zeitgenossen waren. Aber sie sind ja tot! Und sie fehlen mir so!) als praktisches, klammheimliches Spiel zu inszenieren: Ich gehe dann &#8220;downtown&#8221; und unternehme irgendetwas im Sinne solch eines verstorbenen Freundes. Harmlos: inne Kneipe gehen und dessen Lieblingskram bestellen. Schon ausgefuchster: mich dabei benehmen, als wär ich der Freund. In seine Haut oder Schuhe schlüpfen. Was tun, was er/sie getan hätte. Ich komme nicht immer dazu, aber ich mag diesen Brauch. Woher? Eigenbau. Vielleicht gaben´s mir die Toten selbst ein. Die so schmerzlich Vermissten! Solcherlei Brauch: auch jenseits von Asatrú wärmstens empfehlbar. Hinterlässt heilend-tröstliche Gefühle. Für alle, die je eines Freundes Tod zu beklagen hatten.</p>
<p><b>Efeu der Erinnerungen</b><br />
Wann immer ich mal (Heidenboards querschmökernd z.B.) auf das olle Begehr stoße, wo irgendeine &#8220;hex&#8221; oder ein &#8220;heid&#8221; beklagt, zu irgendeinem Hochfest &#8220;nicht frei&#8221; zu kriegen vom Jobchef (und darob die überfällige &#8220;Anerkennung von Heidentum als Religion&#8221; fordert&#8230;), muss ich müd´ grinsen oder herzhaft lachen. Den möcht´ ich sehen, der mich überhaupt anstellte in einem Betrieb: mich, mit meinen (derzeit) vierundneunzig Feiertagen im Jahr – oben genannte &#8220;Hochfeste&#8221; nicht mitgerechnet.</p>
<p>Ich erspare euch die Aufzählung: von &#8220;Fenrirs Abend&#8221; bis zur &#8220;Nacht von Sökkvabekkr&#8221;, von der &#8220;Nacht des Totems&#8221; bis zum &#8220;Tag der Winterfee&#8221;. Jedes Jahr kommen ein oder mehrere solcher Denkmal-Terminchen dazu. Wild verschlungen reihen und ranken sie sich durchs Jahr als privatheidnischer Erinnerungs-Efeu, beständig wachsend: zuweilen treffen zwei oder drei auf dasselbe Datum (obzwar aus verschiedenen Jahren stammend). Es sind Gedenken an urpersönliche Ereignisse und Begebenheiten – und ihre blumigen Namen markieren mir die Stationen. Um mich – immer aufs Neue – zu erinnern (nicht mehr als das meist, aber nie weniger): wann was war, auf meinem Weg. Spirituelles verquickt sich mit Scheinprofanem (was ich aber entsprechend &#8220;festhalte&#8221;, bestimmen allein Bauch und Instinkt). Vom Beginn einer neuen Liebe – oder anders wichtigen Begegnung – bis zu einem Abschied von sanft bis bitter, quälend oder befreiend: alles dabei. Mal war mir eine bloße Traumvision wichtig genug, mal schien mir ein reales Ereignis relevant: als ich dem Tod eines Bussards beiwohnte. Als mir spät nachts der Schlüssel im Türschloß feststak – mit Folgen. Als ich den Amethyst verlor – doch drohender Trunksucht um Haaresbreite entkam. Als ich den einen Namen bekam, und wann und wie einen andern. Als ich eine Trommel baute – und die meinen ersten Tempel. Als ich floh. Als ich dem Schwan schwor: tanzend, weil heiser und aller Sprache beraubt. Als ich die Sonne anschrie, derweil mich drei Freunde rücklings aufs Gras drückten, daß ich nicht gar durchdrehte, als grad – nach entsprechender Seelenarbeit – alles in mir hochschoß. Als ich meinen Runenbeutel verlor, als ich ein Schwert bekam, als ich mich zwei Frauen beschmusten, als ich an der Felswand hing&#8230; und/oder als ich nackt und nachts im stockdusteren Wald den Hügel heruntertapste und weinend im Regen blindlings meinen zerbrochenen Stab zusammenklaubte, umtost von meinem Obergott selbst, und wieder zurückfand zum Feuer, das ich unversengt durchschritt, als hätt´ ich´s geübt oder mich sowas planvoll getraut, in den Flackerlichtschein der Grotte oben, wo Freunde für mich trommelten und sangen. Als ich naturreligiös wurde, als ich mit dir schlief, als du mich fortjagtest, als mich mein Krafttier fand, als mich die Asatrúgötter auflasen, als ich alles verlor, als ich Eibensang wurde. So Zeug halt! (Reihenfolge obiger Auswahl hier wilddurcheinander!)</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-3/" target="_blank">Teil 3</a></p>
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		<title>Wer erleuchtet das Meer? (Teil 3)</title>
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		<pubDate>Sat, 11 Oct 2008 19:11:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p><b>Schrei um dein Leben</b><br />
Manch religiösem Nichtheiden gegenüber hab ich ja bereits Mühe zu erklären, dass und wieso ich meine Hohen nicht &#8220;anbete&#8221; – genauer: welchen elementaren Unterschied ich empfinde zwischen Anbetung und Anrufung. Ich neige nicht das Haupt wie ein Missetäter (selbst wenn ich grad einer wäre oder bin), erhebe es auch nicht andächtig zu einem Himmel, der mir hierbei wenig mehr sein kann als situative Wolken- oder Zimmerdecke. Ich bitte nicht. Ich stell mich hin und schreie. Aus Leibeskräften. Ich kann das auch stumm tun. Aber immer konkret: wes ich bedarf, was ich brauche, wen ich meine, und warum. So klar, kurz und schnörkellos wie irgend möglich. (Es muss von innen kommen, von &#8220;ganz unten&#8221;, möglichst tief aus dem Bauch, möglichst ungefiltert vom Denkekürbis: dessen Neigung, alles auseinander zuklabüsern und zur Kenntlichkeit fürs Bewusstsein zu aufzuspreizen, hier u.U. die nötige Bündelung der Energie vereiteln würde.)</p>
<p>Es ist eine Aufforderung. Solches kann als &#8220;respektlos&#8221; nur titulieren, wer ohne äußerliche Demutsbezeugungen Gefahr läuft, Götter versehentlich mit seinesgleichen zu verwechseln (in meinen Augen sind das entweder Menschen mit komplett anders gewichteten Religionsinhalten – oder aber Zeitgenossen mit geringem Vorstellungsvermögen. Beides nit bös gemeint!). Oder wer sich nie nach einem großen starken Bruder sehnen brauchte, der einem in jäher Not aus akuter Patsche hilft. Spätestens da aber flüstert man doch nicht: &#8220;Bittebitte, liebes Bruderherz, bitte mach – wenn du mich hörst&#8230; und du siehst mich doch, oder??? – dass ich aus dieser Scheiiißklemme heil herauskomme.&#8221; Nö, gottverdammt mal nein. Man schreit. Brüllt seinen Namen und den Kern des Begehrs heraus. In aller Dringlichkeit. Die muß nicht immer aus Not kommen, direkter. Aber ganz ohne Dringlichkeit rufe ich keine Gottheit nicht. Denn: die sind ja eh alle da. Ständig um mich herum, in mir drin, in andauernder, selbstverständlich gewordener Präsenz: wie Luft, Wasser, Feuer, Erde, usw.</p>
<p>Nochmal: Es ist Aufforderung. Anrufung: mittenmang schnurstracks. Jenes Ding zwischen Bitte, die mich zum Almosenbettler machte, der sich selber nicht als &#8220;verdient&#8221; eingestehen kann oder darf, was er erfleht, und Befehl, der eine Weisungsbefugnis voraussetzte, die zumindest ich niemandem gegenüber habe und verantworten brauche: den Göttern gegenüber aber am allerwenigsten. Beides, Bitte wie Befehl, widerspricht im allgemeinen meiner persönlichen Religionsauffassung. Die adäquate Belohnung einer erfüllten Bitte ist der Dank. Danken tu ich den Göttern für alles mögliche jederzeit gern: beschenken sie mich doch immer wieder auch ungefragt und ungerufen. Dafür möcht´ ich manchmal geradezu in den Staub kriechen und mich wälzen und winden – weniger demütig freilich als in tierischer Freude: unverhohlen, ungeschminkt, schamlos&#8230;</p>
<p>Einer erhörten Aufforderung aber folgt, als die mir adäquat erscheinende Dankantwort, ein (zumindest symbolisches) Opfer: Ich gebe etwas hin, was ich selber gut und gern noch &#8220;für mich&#8221; gebrauchen hätte können oder mögen. Wäre das alles nicht so emotional beladen wie geheiligt: ich dürfte von &#8220;Kuhhandel&#8221; sprechen. Meine Aufforderung spricht ein bestehendes Bündnis an. Seiner situativen Erfüllung folgt der Preis: die Gegengabe desjenigen Partners, dem geholfen ward vom andern (wie gewissermaßen pauschal vereinbart). Beides, Gabe wie Gegengabe, erfolgt als Austausch in gegenseitig recht freiem Ermessen. (Ich habe keine &#8220;Preislisten&#8221; zwischen mir und den Göttern. Sie auch nicht! Ich stünde denn dumm da, würden´s die Hohen mit der Waagschale messen wie Kaufleute.)</p>
<p>Ich rufe (die Götter) eher deshalb, weil es ja auch so viele sind. So, wie sich auch in eine Menschenmenge hineinrufen lässt. Wenn ich nur &#8220;hey du da&#8221; rufe, gucken vielleicht ein paar her, und bald wieder weg. Erst wenn ich &#8220;Susanne!&#8221; rufe, schält sich vielleicht die Gemeinte aus dem Haufen, gewahrt mich. Oder auch nicht. Vielleicht ist sie ja gerade anderweitig beschäftigt, oder sieht nicht ein, warum sie kommen soll, bloß weil ich jetzt auf einmal daherkrakeele. Daher folgt, in meinen Anrufungen, dem (im &#8220;Idealfall&#8221;) laut herausposaunten Namen auf dem Fuße mein Bedarf, sei´s Not oder Wunsch. Mein Vergleich mit der Menschenmenge hinkt insofern, als dass mir Höflichkeit und Umgang Gleicher unter Gleichen es gebieten, die beispielhafte (wie fiktive) &#8220;Susanne&#8221; in aller Regel nicht etwa herzukrakeelen, sondern gemäßigter anzuquatschen: z.B., in dem ich mich in besagte Menge selber hineinbegebe, die Betreffende ruhig und unauffällig anzutippen: &#8220;Du, könntest du mal&#8230;&#8221;</p>
<p>Göttern gegenüber kann ich das aber so nicht, da ich selber keiner bin, solche sich mir auch nicht als Personenversammlung darstellen, in welche ich mich etwa hineinmischen könnte. Dies ist eben keine Kommunikation Gleicher unter Gleichen. Obwohl ich es als Bestandteil meiner persönlichen Entwicklung, meines Auftrages oder meiner Bindung betrachte, meinem Lieblingsgott möglichst ähnlich zu sein oder zu werden: der Lehrbub tut es dem Meister nach, nach bestem Vermögen – und grad, wenn (oder weil) jener für den externen Besucher der Werkstatt außer Haus oder außer Sicht bleibt, repräsentiert der Lehrbub da zwangsläufig die &#8220;ganze Firma&#8221;. (Gut: im real existierenden Menschenbetrieb wird der Azubi nicht den Chef mimen. Und ich gebe mich ja ooch nicht als wer anderes aus, als ich bin und sein kann. Aber einer beliebigen Bekannten, die mich vielleicht um einen Runenwurf anhaut, kann ich schlecht sagen: frag doch Frigg selber, bzw. die Saga.)</p>
<p>Eine Gottheit anrufen, das erfordert für mich als Menschen maximal möglichen Einsatz bei minimal nötiger Zeit (die Stärke der Impulsbündelung misst sich aus den äußeren Extremwerten dieser beiden Komponenten). In Situationen, wo sich Schreien nicht schickt oder unnötig Aufruhr erzeugen würde, kann ich die Kraft meiner Dringlichkeit in abrupter Geste ausdrücken, und sogar die notfalls in äußerlicher Fast-Bewegungslosigkeit bündeln (&#8220;fire &#038; freeze&#8221;, könnte man´s nennen). Die Intensität und ihre konzentrierte Richtung sind das Entscheidende. Das geht bei mir niemals rein mental, sondern immer mittels maximaler physischer Präsenz (und sei es deren &#8220;implodierende&#8221; Kraft). Natürlich schreie ich lieber, oder tanze dabei herum (Tanzen ist indes auch ein praktisches Mittel, wo sich Menschen, die man nicht mit dem eigenen Gottesdienst belästigen wie auch selber von ihnen ungestört bleiben will, in lediglicher Hörweite befinden. Für solche Gelegenheiten hatte ich, eingangs meines Heidenwegs überhaupt, einst einen regelrechten rituellen &#8220;Bewegungs-Code&#8221; entwickelt, meine damals wichtigsten und häufigsten Anrufungen samt kombinierbarer &#8220;Phrasierungsbausteine&#8221; beinhaltend). Und noch heute – inzwischen seltener des Rufens bedürfend, dies aber öfter lauthals mir erlauben könnend – ist mir selbstverständlich, dass ich für eine Aktion, die ich von den Göttern erwarte, weil ich sie selber nicht auszuführen vermag, innerhalb meines Rufes wenigstens in diesen alles hineinlege, was ich (an der Tat statt) irgend zu geben vermag.</p>
<p>Wäre ich, als Mensch, z.B. die &#8220;Gottheit einer Ameise&#8221;, so müsste sich besagtes Tierchen ziemlich anstrengen, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst wenn sie diese insofern haben könnte, nehmen wir Mensch mal als Betreuer einer Ameisenfarm an&#8230; (Gottseidank bin ich, als Mensch gegenüber seinen Göttern, mit mehr Ausdrucksmöglichkeiten gesegnet als jedwede Ameise gegenüber einem Menschen wäre. Jener bliebe weißgott nur banges &#8220;Beten&#8221;&#8230; Aber es ging hier um eine Art Größenvergleich – der freilich kein physischer sein soll.) Götter stehen, so wie sie in Gänze sind, an und für sich außerhalb der von mir wahrnehmbaren physischen Welt. Aber sie drücken sich in deren Erscheinungsformen aus.</p>
<p><b>Fernsehen vs. Nahsein</b><br />
Wollte ich tatsächlich meine Verhältnisse zu allen Göttern, mit denen ich´s de facto &#8220;habe&#8221;, schildern wollen &#8211; ich müsste mit reichlich dicken Schwarten aufwarten, von deren Erbauung für andere ich nicht überzeugbar bin (weshalb ich mir das Verfassen erspare). Vor Jahren habe ich sie mal &#8220;durchgezählt&#8221;, die Gottheiten, die meinigen. Ich habe kein Zahlengedächtnis, aber kam, glaub´ ich, auf so in etwa vierzig&#8230;</p>
<p>Sinnvoller scheint mir, Andeutung zu geben, worin sich meine Gottheiten von Menschen unterscheiden. Denn die gängigen Mythenbilder bleiben ja präsent: ohne von allein die Religiösität, die tiefe innere Bindung eines heutigen Menschen an sie zu erklären. Genauer: an das, was sie tragen, wofür sie stehen. Was den Altvorderen gereicht haben mag an Beschreibung, mir reicht es nicht. Ich mag die meisten der Mythen aus &#8220;meiner&#8221; Germanenkultur. So, wie ich King Kong mögen kann, oder dergleichen. Entsprechend gern mach ich so meine Witzchen drüber, spiele mit den Bildern (was etwas anderes ist, als etwa mit den Mythen – oder gar den Göttern selbst – spielen zu wollen&#8230;) Was aber unterscheidet nun eine zeitgenössische Geschichte wie die eines tragischen Riesenaffen von viel älteren Stories wie denen eines germanischen Donnergottes?</p>
<p>Dem beliebigen aufgeklärten Atheisten fiele es schließlich sowenig ein, einen Thor oder Donar anzurufen, dessen Wirkmächtigkeit für bare Münze zu nehmen – wie uns (doch wohl kaum weniger aufgeklärten) Neopaganen, dem großen King Kong eine Jungfrau zu opfern (oder auch nur eine Devotionalie aus Peter Jacksons Remake-Merchandising-Nachlaß auf unsern Altar zu stellen).</p>
<p>(Nebenbei: die lustige Geschichte, wie Thor sich seiner Verkleidung als Weib schämt, anders er aber nicht seinen Hammer von den Riesen zurückholen kann, ist – jedenfalls angesichts dessen, dass und wie die Edda dabei eine hochmittelalterlich gewandete Frowe beschreibt – nicht viel &#8220;germanischer&#8221;, als wie das Ausgangsszenario der King-Kong-Erstverfilmung etwa &#8220;afrikanische Stammesriten&#8221; wiedergibt. Also derart verzerrt, dass beides bestenfalls zur augenzwinkernden Unterhaltung taugt. Der olle &#8220;King Kong&#8221; spiegelt vielmehr US-amerikanische Befindlichkeiten, so wie die noch ollere Edda vornehmlich christlich-mittelalterliche. Auch wenn beide jeweils was anderes zu beabsichtigen vorgaben: there´s no business like show business. Auch und gerade die Edda-Stories waren, ungeachtet ihres heidnischen Urstamms, zu nichts weiter verewigt als schließlicher Erbauung: Amüsement für Nachgeborene. Die sich sicher &#8220;entwickelter&#8221; oder &#8220;fortschrittlicher&#8221; gedünkt haben als ihre &#8220;abergläubischen&#8221; Vorfahren, die die Ursprungsformen jener Mythen einst ersannen, von ihnen umtrieben waren in tieferem Ernst.)</p>
<p>Natürlich spielt auch für meine Götterbindung eine tragende Rolle, dass Gestalten wie King Kong niemals zu Zwecken spiritueller Verehrung erdacht wurden, sondern von vornherein &#8220;just for fun&#8221; (und Showbusiness) – während ein Wettergott Thor für germanische Bauern ein sicherer Fakt war. Die Berufung auf &#8220;Ahnenreligion&#8221; birgt (trotz der neopaganischen Not, dabei gut eintausendfünfhundert Jahre Religionstradition zwischen ganz früher und heute durchschiffen zu müssen) mehr inhärente Energie als jedes Sichneuausdenken irgendwelcher Kraftfiguren (inklusive bereits präsenter Hollywoodfabeln) – auch wenn die Notwendigkeit, sich auch und gerade zur Belebung neuheidnischer Spiritualität ureigener Ausformung, Bildhaftigkeit und Deutung zu bemühen (ansonsten die Bilder altersschwächer blieben, als die damit gemeinten Götter sein brauchen), genau solche Grenzen manchmal verschwimmen lässt: an der Oberfläche.</p>
<p>Meine Grenzen als Mensch freilich sind klar: Ich lebe im Zeitstrom (oder -zyklus), und bin selbstverständlich nur hier, und nicht etwa woanders. Will ich woanders hin, muss ich mich gänzlich dorthin begeben, und schon auf dem Weg bin ich dann nimmer, wo ich vorher noch war: Gleichzeitigkeit an verschiedenen Orten is´ nich´, für Sterbliche. Auch ist klar, dass ich immer ich bin – physisch zumindest. Selbst in innigstem Liebesspiel ist und bleibt doch immer unterscheidbar, wer nach wie vor wer ist – auch wenn´s da für unbeteiligte Augen vielleicht nicht so leicht auszumachen wäre. Ich bin hier und heute manifest durch meinen Leib (nicht allein über diesen definierbar, aber), mitsamt dessen Grenzen, Schwächen, Kurzlebigkeit. Ohne den aber wäre ich bestenfalls ein Gespenst.</p>
<p>In all diesen Aspekten erscheinen mir die Götter ganz anders. Sie können gleichzeitig hier wie dort auftreten. Und je näher ich &#8220;hinschaue&#8221;, desto mehr verschwimmt (in meiner Vorstellung) ihre Unterschiedlichkeit: so etwa, wie ich angesichts eines fernen Gebirges jeden einzelnen Berg vielleicht klar benennen kann, weil das auch deutlich so sichtbar ist – aber je näher ich hinkomme, womöglich daran herumkraxele, desto weniger ist definierbar, wo nun der eine Berg beginnt und der andere Hügel oder Landschaftsteil aufhört. Und das ist auch gar nicht mehr wichtig. Für die Verständigung aber kann es eminent wichtig sein, dass ich grad auf dem Mount Himmelhoch herumwandere – und nicht etwa in der sog. &#8220;Teufelsgrotte&#8221; mich aufhalte, die sich auf dem &#8220;Fraunhügel&#8221; daneben befinden mag. Nicht erst, wenn ich mir ein Bein breche. Reicht ja schon, dass die Freunde mich gesund von der Wandertour abholen mögen, und die Kilometer zwischen Himmelhoch und Fraunhügel von beider Fuß an beträchtlich sein können, wenn man sich in Sachen Abholort irrt.<br />
Aus vergleichbaren Gründen bin ich kein Freund irgendwelcher &#8220;Alle-sind-eins&#8221;-Deutungen. Ich empfinde derlei im spirituellen Bereich ebenso unpraktisch und überflüssig wie im physischen. Natürlich hängen die Gebirge irgendwo (ziemlich weit unten) zusammen, natürlich sind die Götter auch als &#8220;eins&#8221; betrachtbar – na und, was soll´s? So, wie ich meine Religion lebe, hab ich mit meinen Göttern allezeit genug zu schaffen, dass ihre namentliche Unterscheidung (die wirkende andeutungshalber markierend) so konkurrenzlos sinnvoll ist wie das jeweilige Bewusstsein um den eigenen physischen Aufenthaltsort. Im Werkzeugkastenvergleich wird´s vollends deutlich: &#8220;Reich mir mal den 18er Schlüssel&#8221; heißt nicht etwa &#8220;Schlagbohrer her&#8221; oder &#8220;haste ´ne Fuchsschwanzsäge&#8221; – die dann dargereicht etwa mit der säuselnden Bemerkung, daß &#8220;alles ja doch nur Werkzeug&#8221; sei. Götter sind freilich nicht meine Werkzeuge – viel eher bin ich eines der ihren.</p>
<p><b>Die Bürde der Bilder</b><br />
Die (mal wieder nicht hinters Mittelalter zurückreichende) Archetypausformung Odins als eines gruftigen Wandersmannes, der mit Schlapphut, Mantel und Augenklappe durch die Botanik stapft (noch bis in den &#8220;Herrn der Ringe&#8221; späte Schattenechos werfend) ist mir also ebenso vergnüglich und unernst wie die Vorstellung, dass sein feuerbärtiger Sohn mit einem Ziegenbock-Karren in der Stratosphäre lautstark herumkarriolt. Aus unheilssichererem nationalromantischen Erbe hartnäckig ins Heute über(ge)holte Abbildungen blondbraver Kornfeldmadönnchen (die mich eh unangenehm an Paradeis-Illustrationen in &#8220;Wachtturm&#8221;-Postillen von Jehovaszeugen erinnern) entsprechen zumindest nicht meinem Frauenbild: Freyja zeigen sie mir sowenig wie Idun, Gefion, Sif, Syn, Gna, Sunna, Fulla oder Lofn – nur mal, abseits von Hel, Hlin, Bil oder Ran – ein paar der &#8220;lichteren&#8221; genannt zu haben (Auflistung weißdiegöttin unvollständig).</p>
<p>Spätestens von den Göttinnen muss ich mir also eigene Vorstellungen machen. Von ihren männlichen Kollegen aber letztlich – schaut man genauer hin – nicht minder.</p>
<p>Ich bin der Auffassung, dass Vorstellungen über Götter menschliche Gesellschaftsverhältnisse spiegeln: nicht nur, aber auch. Natürlich kann ich derlei gut und gern zum Anlass nehmen, schon allein (als reichte archäologisch Kombinierbares nicht) anhand der obskuren bis widersprüchlichen Art- und Verwandtschaftszuordnungen germanischer Götter untereinander (Asen und Vanen; Freyja als ursprüngliche Vanin ist gleichzeitig astreinste Asin; der &#8220;genetische Riese&#8221; Loki als Odinsblutsbruder ebenso &#8220;vollwertiger&#8221; Ase – von Abstammereien ganz zu schweigen: Heimdall hat der Mütter gleich neun&#8230;) die alten Germanen von jenem Rassismusruch freizusprechen, der ihnen heute dank nationalsozialistischer Vergewaltigung anhaftet im allgemeinen Bewusstsein&#8230; (das mit diesem scheppsen, aber bequemen Bild ungestört bleiben will, zumal neue Nazis es unentwegt befeuern&#8230;) &#8230;anderes Thema. Bleiben wir hier, jenseits historischer wie aktueller Niederungen, in den abstrakteren Sphären des Spirituell-Geistigen – zumindest aber im persönlichen Wie und Jetzt. Dennoch: das eine läuft ins andere, wie ich´s dreh und wende.</p>
<p><b>Welten im Gleichgewicht</b></p>
<blockquote><p>&#8221; &#8230; Fährt ein Boot, steht ein Baum, heult ein Sturm, ächzt ein Traum&#8230; Und drei Frauen schauen stumm&#8230; und sie weben weiter – unendliche Pfade – und sie weben weiter&#8230; unendliche Pfade&#8230; und&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Die Singvøgel: <a href="http://www.singvoegel.com/index.php/kommt-ein-boot/" target="blank">&#8220;Kommt ein Boot&#8221;</a>)</p>
<p>Sich selbst als Mittelpunkt der Welt zu empfinden, halte ich für eine naturgegebene Selbstverständlichkeit menschlicher Wahrnehmung. Asatrú macht daraus ein System, das eine jedwede solche subjektiv &#8220;gewaltige&#8221; Individualität einzubinden vermag in ein hie soziales, dort kosmisches Ganzes – ohne dabei kollidierende Widersprüche (oder einander ausschließende Reibungen in der Weltsicht) zu erzeugen. Unaufgeregter Pragmatismus steht dabei allzeit über oberflächlich-moralischer Wertung: Die Gluthitze einer Herdplatte ist &#8220;gut&#8221; zum Suppebrutzeln und &#8220;schlecht&#8221; zum Handauflegen. Mehr kann ich nicht sagen über &#8220;Gut &#038; Böse&#8221;.<br />
Eher als von &#8220;guten&#8221; oder &#8220;bösen&#8221; Menschen (oder sonstigen Wesen) spreche ich ggf. von Interessenkonflikten. Konsequenzen daraus befeuern u.U. mein Selbstverständnis – im Sinne oben genannter Eingebundenheit: Auf der &#8220;richtigen&#8221; Seite zu sein und zu verbleiben, kann womöglich wichtiger sein (für die eigene Identität), als zu &#8220;gewinnen&#8221;.</p>
<p>Schaut man sich allein die (uns ja nur nacherzählten! Soweit uns überhaupt verbliebenen!) Edda-Mythen an, kommt der wache Geist nicht umhin, sich an allerlei Widersprüchen zu stoßen. Eine Figur wie der listige Loki z.B.: verantwortlich für die raffiniertesten Erfindungen und Lösungen – wie letztlich für aller Verderben. Das Heil der Götter: fußend auf Verräterei an ihren Vorfahren, den Riesen (die unbewussten Naturgewalten verkörpernd). Ja: Die (Bewusstsein verkörpernden) Götter entstammen den (unbewussten Gewalten der) Riesen, und am Schluss erliegen sie diesen. Selbst in den kärglich überlieferten Scherben: ist es eine Kosmologie – eher als eine dahermenschelnde &#8220;Moral&#8221; –, was dort insgesamt erzählt wird.<br />
Jene &#8220;drei Frauen&#8221;, Nornen, Schicksalskräfte: Sie stehen über den Göttern. Sie sind das personifizierte Werde, Sei und Gestalte (siehe hierzu mein Essay <a href="http://www.nornirsaett.de/no-future-warum-das-germanische-keine-zukunft-hat/" target="_blank">&#8220;No future&#8230;&#8221;</a> in dieser Rubrik). Ich bin der Mittelpunkt meiner Welt: wichtig als Grashalm einer Wiese. Ohne meinereiner ist keine solche attestierbar: Ich bin nicht allein. Je prächtiger und voller ich blühe, desto mehr mag die Wiese grünen. Wer mich aber ausreißt, frisst oder zerstampft nur Gras. Selbst dann hinterlasse ich Samen, oder Spur: die Idee dessen, was ich war.<br />
Andern zum Beispiel. Und sie wachsen – ggf. sogar: nach. (Asphalt ist kein Hindernis.)</p>
<p>Für alles, was ich mir nehme, gebe ich etwas: freiwillig oder unfreiwillig, bewusst oder unbewusst. Je klarer ich aber die jeweiligen Zusammenhänge sehe, desto klarer kann ich mitbestimmen, was ich gebe: für jedwedes nötige Nehmen. Schenken wiederum birgt die zusätzliche Überraschungsfreude, sich nicht scheren zu brauchen, was man dereinst dafür bekommt. Kalkulieren lässt es sich eh nicht. Die Götter sind keine Kaufleute. Sie sorgen nicht nur für Gleichgewicht, sie sind Bestandteil desselben, selbst darin eingebunden auf Wohl und Wehe.<br />
Vielleicht sind sie ja auch nur Geschichten: altvorderer Menschen, die damals noch keine besseren hatten. Und vielleicht haben wir Heutigen ja bessere: Beispiele, Helden, Vorbilder. Ich probierte manche der neuen aus, in meiner Jugend. Um doch die älteren zu entdecken, irgendwann. Dass diese die besseren sind – zumindest für mich – glaube ich heute. Lang habe ich gebraucht, sie zu finden: mein halbes Leben. Sie gaben mir ein neues, und ich opfere ihnen, weil ich immer noch lebe.</p>
<blockquote><p>&#8220;Wem gehört die Welt? Dem, der sich an sie verschenkt: Diener der Ekstase. Wer gehört sich selbst? Sagt, wer kennt sich wirklich selbst? Nur wer die eigenen Schatten schaut: Diener der Ekstase&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-3/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><b>Schrei um dein Leben</b><br />
Manch religiösem Nichtheiden gegenüber hab ich ja bereits Mühe zu erklären, dass und wieso ich meine Hohen nicht &#8220;anbete&#8221; – genauer: welchen elementaren Unterschied ich empfinde zwischen Anbetung und Anrufung. Ich neige nicht das Haupt wie ein Missetäter (selbst wenn ich grad einer wäre oder bin), erhebe es auch nicht andächtig zu einem Himmel, der mir hierbei wenig mehr sein kann als situative Wolken- oder Zimmerdecke. Ich bitte nicht. Ich stell mich hin und schreie. Aus Leibeskräften. Ich kann das auch stumm tun. Aber immer konkret: wes ich bedarf, was ich brauche, wen ich meine, und warum. So klar, kurz und schnörkellos wie irgend möglich. (Es muss von innen kommen, von &#8220;ganz unten&#8221;, möglichst tief aus dem Bauch, möglichst ungefiltert vom Denkekürbis: dessen Neigung, alles auseinander zuklabüsern und zur Kenntlichkeit fürs Bewusstsein zu aufzuspreizen, hier u.U. die nötige Bündelung der Energie vereiteln würde.)</p>
<p>Es ist eine Aufforderung. Solches kann als &#8220;respektlos&#8221; nur titulieren, wer ohne äußerliche Demutsbezeugungen Gefahr läuft, Götter versehentlich mit seinesgleichen zu verwechseln (in meinen Augen sind das entweder Menschen mit komplett anders gewichteten Religionsinhalten – oder aber Zeitgenossen mit geringem Vorstellungsvermögen. Beides nit bös gemeint!). Oder wer sich nie nach einem großen starken Bruder sehnen brauchte, der einem in jäher Not aus akuter Patsche hilft. Spätestens da aber flüstert man doch nicht: &#8220;Bittebitte, liebes Bruderherz, bitte mach – wenn du mich hörst&#8230; und du siehst mich doch, oder??? – dass ich aus dieser Scheiiißklemme heil herauskomme.&#8221; Nö, gottverdammt mal nein. Man schreit. Brüllt seinen Namen und den Kern des Begehrs heraus. In aller Dringlichkeit. Die muß nicht immer aus Not kommen, direkter. Aber ganz ohne Dringlichkeit rufe ich keine Gottheit nicht. Denn: die sind ja eh alle da. Ständig um mich herum, in mir drin, in andauernder, selbstverständlich gewordener Präsenz: wie Luft, Wasser, Feuer, Erde, usw.</p>
<p>Nochmal: Es ist Aufforderung. Anrufung: mittenmang schnurstracks. Jenes Ding zwischen Bitte, die mich zum Almosenbettler machte, der sich selber nicht als &#8220;verdient&#8221; eingestehen kann oder darf, was er erfleht, und Befehl, der eine Weisungsbefugnis voraussetzte, die zumindest ich niemandem gegenüber habe und verantworten brauche: den Göttern gegenüber aber am allerwenigsten. Beides, Bitte wie Befehl, widerspricht im allgemeinen meiner persönlichen Religionsauffassung. Die adäquate Belohnung einer erfüllten Bitte ist der Dank. Danken tu ich den Göttern für alles mögliche jederzeit gern: beschenken sie mich doch immer wieder auch ungefragt und ungerufen. Dafür möcht´ ich manchmal geradezu in den Staub kriechen und mich wälzen und winden – weniger demütig freilich als in tierischer Freude: unverhohlen, ungeschminkt, schamlos&#8230;</p>
<p>Einer erhörten Aufforderung aber folgt, als die mir adäquat erscheinende Dankantwort, ein (zumindest symbolisches) Opfer: Ich gebe etwas hin, was ich selber gut und gern noch &#8220;für mich&#8221; gebrauchen hätte können oder mögen. Wäre das alles nicht so emotional beladen wie geheiligt: ich dürfte von &#8220;Kuhhandel&#8221; sprechen. Meine Aufforderung spricht ein bestehendes Bündnis an. Seiner situativen Erfüllung folgt der Preis: die Gegengabe desjenigen Partners, dem geholfen ward vom andern (wie gewissermaßen pauschal vereinbart). Beides, Gabe wie Gegengabe, erfolgt als Austausch in gegenseitig recht freiem Ermessen. (Ich habe keine &#8220;Preislisten&#8221; zwischen mir und den Göttern. Sie auch nicht! Ich stünde denn dumm da, würden´s die Hohen mit der Waagschale messen wie Kaufleute.)</p>
<p>Ich rufe (die Götter) eher deshalb, weil es ja auch so viele sind. So, wie sich auch in eine Menschenmenge hineinrufen lässt. Wenn ich nur &#8220;hey du da&#8221; rufe, gucken vielleicht ein paar her, und bald wieder weg. Erst wenn ich &#8220;Susanne!&#8221; rufe, schält sich vielleicht die Gemeinte aus dem Haufen, gewahrt mich. Oder auch nicht. Vielleicht ist sie ja gerade anderweitig beschäftigt, oder sieht nicht ein, warum sie kommen soll, bloß weil ich jetzt auf einmal daherkrakeele. Daher folgt, in meinen Anrufungen, dem (im &#8220;Idealfall&#8221;) laut herausposaunten Namen auf dem Fuße mein Bedarf, sei´s Not oder Wunsch. Mein Vergleich mit der Menschenmenge hinkt insofern, als dass mir Höflichkeit und Umgang Gleicher unter Gleichen es gebieten, die beispielhafte (wie fiktive) &#8220;Susanne&#8221; in aller Regel nicht etwa herzukrakeelen, sondern gemäßigter anzuquatschen: z.B., in dem ich mich in besagte Menge selber hineinbegebe, die Betreffende ruhig und unauffällig anzutippen: &#8220;Du, könntest du mal&#8230;&#8221;</p>
<p>Göttern gegenüber kann ich das aber so nicht, da ich selber keiner bin, solche sich mir auch nicht als Personenversammlung darstellen, in welche ich mich etwa hineinmischen könnte. Dies ist eben keine Kommunikation Gleicher unter Gleichen. Obwohl ich es als Bestandteil meiner persönlichen Entwicklung, meines Auftrages oder meiner Bindung betrachte, meinem Lieblingsgott möglichst ähnlich zu sein oder zu werden: der Lehrbub tut es dem Meister nach, nach bestem Vermögen – und grad, wenn (oder weil) jener für den externen Besucher der Werkstatt außer Haus oder außer Sicht bleibt, repräsentiert der Lehrbub da zwangsläufig die &#8220;ganze Firma&#8221;. (Gut: im real existierenden Menschenbetrieb wird der Azubi nicht den Chef mimen. Und ich gebe mich ja ooch nicht als wer anderes aus, als ich bin und sein kann. Aber einer beliebigen Bekannten, die mich vielleicht um einen Runenwurf anhaut, kann ich schlecht sagen: frag doch Frigg selber, bzw. die Saga.)</p>
<p>Eine Gottheit anrufen, das erfordert für mich als Menschen maximal möglichen Einsatz bei minimal nötiger Zeit (die Stärke der Impulsbündelung misst sich aus den äußeren Extremwerten dieser beiden Komponenten). In Situationen, wo sich Schreien nicht schickt oder unnötig Aufruhr erzeugen würde, kann ich die Kraft meiner Dringlichkeit in abrupter Geste ausdrücken, und sogar die notfalls in äußerlicher Fast-Bewegungslosigkeit bündeln (&#8220;fire &#038; freeze&#8221;, könnte man´s nennen). Die Intensität und ihre konzentrierte Richtung sind das Entscheidende. Das geht bei mir niemals rein mental, sondern immer mittels maximaler physischer Präsenz (und sei es deren &#8220;implodierende&#8221; Kraft). Natürlich schreie ich lieber, oder tanze dabei herum (Tanzen ist indes auch ein praktisches Mittel, wo sich Menschen, die man nicht mit dem eigenen Gottesdienst belästigen wie auch selber von ihnen ungestört bleiben will, in lediglicher Hörweite befinden. Für solche Gelegenheiten hatte ich, eingangs meines Heidenwegs überhaupt, einst einen regelrechten rituellen &#8220;Bewegungs-Code&#8221; entwickelt, meine damals wichtigsten und häufigsten Anrufungen samt kombinierbarer &#8220;Phrasierungsbausteine&#8221; beinhaltend). Und noch heute – inzwischen seltener des Rufens bedürfend, dies aber öfter lauthals mir erlauben könnend – ist mir selbstverständlich, dass ich für eine Aktion, die ich von den Göttern erwarte, weil ich sie selber nicht auszuführen vermag, innerhalb meines Rufes wenigstens in diesen alles hineinlege, was ich (an der Tat statt) irgend zu geben vermag.</p>
<p>Wäre ich, als Mensch, z.B. die &#8220;Gottheit einer Ameise&#8221;, so müsste sich besagtes Tierchen ziemlich anstrengen, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst wenn sie diese insofern haben könnte, nehmen wir Mensch mal als Betreuer einer Ameisenfarm an&#8230; (Gottseidank bin ich, als Mensch gegenüber seinen Göttern, mit mehr Ausdrucksmöglichkeiten gesegnet als jedwede Ameise gegenüber einem Menschen wäre. Jener bliebe weißgott nur banges &#8220;Beten&#8221;&#8230; Aber es ging hier um eine Art Größenvergleich – der freilich kein physischer sein soll.) Götter stehen, so wie sie in Gänze sind, an und für sich außerhalb der von mir wahrnehmbaren physischen Welt. Aber sie drücken sich in deren Erscheinungsformen aus.</p>
<p><b>Fernsehen vs. Nahsein</b><br />
Wollte ich tatsächlich meine Verhältnisse zu allen Göttern, mit denen ich´s de facto &#8220;habe&#8221;, schildern wollen &#8211; ich müsste mit reichlich dicken Schwarten aufwarten, von deren Erbauung für andere ich nicht überzeugbar bin (weshalb ich mir das Verfassen erspare). Vor Jahren habe ich sie mal &#8220;durchgezählt&#8221;, die Gottheiten, die meinigen. Ich habe kein Zahlengedächtnis, aber kam, glaub´ ich, auf so in etwa vierzig&#8230;</p>
<p>Sinnvoller scheint mir, Andeutung zu geben, worin sich meine Gottheiten von Menschen unterscheiden. Denn die gängigen Mythenbilder bleiben ja präsent: ohne von allein die Religiösität, die tiefe innere Bindung eines heutigen Menschen an sie zu erklären. Genauer: an das, was sie tragen, wofür sie stehen. Was den Altvorderen gereicht haben mag an Beschreibung, mir reicht es nicht. Ich mag die meisten der Mythen aus &#8220;meiner&#8221; Germanenkultur. So, wie ich King Kong mögen kann, oder dergleichen. Entsprechend gern mach ich so meine Witzchen drüber, spiele mit den Bildern (was etwas anderes ist, als etwa mit den Mythen – oder gar den Göttern selbst – spielen zu wollen&#8230;) Was aber unterscheidet nun eine zeitgenössische Geschichte wie die eines tragischen Riesenaffen von viel älteren Stories wie denen eines germanischen Donnergottes?</p>
<p>Dem beliebigen aufgeklärten Atheisten fiele es schließlich sowenig ein, einen Thor oder Donar anzurufen, dessen Wirkmächtigkeit für bare Münze zu nehmen – wie uns (doch wohl kaum weniger aufgeklärten) Neopaganen, dem großen King Kong eine Jungfrau zu opfern (oder auch nur eine Devotionalie aus Peter Jacksons Remake-Merchandising-Nachlaß auf unsern Altar zu stellen).</p>
<p>(Nebenbei: die lustige Geschichte, wie Thor sich seiner Verkleidung als Weib schämt, anders er aber nicht seinen Hammer von den Riesen zurückholen kann, ist – jedenfalls angesichts dessen, dass und wie die Edda dabei eine hochmittelalterlich gewandete Frowe beschreibt – nicht viel &#8220;germanischer&#8221;, als wie das Ausgangsszenario der King-Kong-Erstverfilmung etwa &#8220;afrikanische Stammesriten&#8221; wiedergibt. Also derart verzerrt, dass beides bestenfalls zur augenzwinkernden Unterhaltung taugt. Der olle &#8220;King Kong&#8221; spiegelt vielmehr US-amerikanische Befindlichkeiten, so wie die noch ollere Edda vornehmlich christlich-mittelalterliche. Auch wenn beide jeweils was anderes zu beabsichtigen vorgaben: there´s no business like show business. Auch und gerade die Edda-Stories waren, ungeachtet ihres heidnischen Urstamms, zu nichts weiter verewigt als schließlicher Erbauung: Amüsement für Nachgeborene. Die sich sicher &#8220;entwickelter&#8221; oder &#8220;fortschrittlicher&#8221; gedünkt haben als ihre &#8220;abergläubischen&#8221; Vorfahren, die die Ursprungsformen jener Mythen einst ersannen, von ihnen umtrieben waren in tieferem Ernst.)</p>
<p>Natürlich spielt auch für meine Götterbindung eine tragende Rolle, dass Gestalten wie King Kong niemals zu Zwecken spiritueller Verehrung erdacht wurden, sondern von vornherein &#8220;just for fun&#8221; (und Showbusiness) – während ein Wettergott Thor für germanische Bauern ein sicherer Fakt war. Die Berufung auf &#8220;Ahnenreligion&#8221; birgt (trotz der neopaganischen Not, dabei gut eintausendfünfhundert Jahre Religionstradition zwischen ganz früher und heute durchschiffen zu müssen) mehr inhärente Energie als jedes Sichneuausdenken irgendwelcher Kraftfiguren (inklusive bereits präsenter Hollywoodfabeln) – auch wenn die Notwendigkeit, sich auch und gerade zur Belebung neuheidnischer Spiritualität ureigener Ausformung, Bildhaftigkeit und Deutung zu bemühen (ansonsten die Bilder altersschwächer blieben, als die damit gemeinten Götter sein brauchen), genau solche Grenzen manchmal verschwimmen lässt: an der Oberfläche.</p>
<p>Meine Grenzen als Mensch freilich sind klar: Ich lebe im Zeitstrom (oder -zyklus), und bin selbstverständlich nur hier, und nicht etwa woanders. Will ich woanders hin, muss ich mich gänzlich dorthin begeben, und schon auf dem Weg bin ich dann nimmer, wo ich vorher noch war: Gleichzeitigkeit an verschiedenen Orten is´ nich´, für Sterbliche. Auch ist klar, dass ich immer ich bin – physisch zumindest. Selbst in innigstem Liebesspiel ist und bleibt doch immer unterscheidbar, wer nach wie vor wer ist – auch wenn´s da für unbeteiligte Augen vielleicht nicht so leicht auszumachen wäre. Ich bin hier und heute manifest durch meinen Leib (nicht allein über diesen definierbar, aber), mitsamt dessen Grenzen, Schwächen, Kurzlebigkeit. Ohne den aber wäre ich bestenfalls ein Gespenst.</p>
<p>In all diesen Aspekten erscheinen mir die Götter ganz anders. Sie können gleichzeitig hier wie dort auftreten. Und je näher ich &#8220;hinschaue&#8221;, desto mehr verschwimmt (in meiner Vorstellung) ihre Unterschiedlichkeit: so etwa, wie ich angesichts eines fernen Gebirges jeden einzelnen Berg vielleicht klar benennen kann, weil das auch deutlich so sichtbar ist – aber je näher ich hinkomme, womöglich daran herumkraxele, desto weniger ist definierbar, wo nun der eine Berg beginnt und der andere Hügel oder Landschaftsteil aufhört. Und das ist auch gar nicht mehr wichtig. Für die Verständigung aber kann es eminent wichtig sein, dass ich grad auf dem Mount Himmelhoch herumwandere – und nicht etwa in der sog. &#8220;Teufelsgrotte&#8221; mich aufhalte, die sich auf dem &#8220;Fraunhügel&#8221; daneben befinden mag. Nicht erst, wenn ich mir ein Bein breche. Reicht ja schon, dass die Freunde mich gesund von der Wandertour abholen mögen, und die Kilometer zwischen Himmelhoch und Fraunhügel von beider Fuß an beträchtlich sein können, wenn man sich in Sachen Abholort irrt.<br />
Aus vergleichbaren Gründen bin ich kein Freund irgendwelcher &#8220;Alle-sind-eins&#8221;-Deutungen. Ich empfinde derlei im spirituellen Bereich ebenso unpraktisch und überflüssig wie im physischen. Natürlich hängen die Gebirge irgendwo (ziemlich weit unten) zusammen, natürlich sind die Götter auch als &#8220;eins&#8221; betrachtbar – na und, was soll´s? So, wie ich meine Religion lebe, hab ich mit meinen Göttern allezeit genug zu schaffen, dass ihre namentliche Unterscheidung (die wirkende andeutungshalber markierend) so konkurrenzlos sinnvoll ist wie das jeweilige Bewusstsein um den eigenen physischen Aufenthaltsort. Im Werkzeugkastenvergleich wird´s vollends deutlich: &#8220;Reich mir mal den 18er Schlüssel&#8221; heißt nicht etwa &#8220;Schlagbohrer her&#8221; oder &#8220;haste ´ne Fuchsschwanzsäge&#8221; – die dann dargereicht etwa mit der säuselnden Bemerkung, daß &#8220;alles ja doch nur Werkzeug&#8221; sei. Götter sind freilich nicht meine Werkzeuge – viel eher bin ich eines der ihren.</p>
<p><b>Die Bürde der Bilder</b><br />
Die (mal wieder nicht hinters Mittelalter zurückreichende) Archetypausformung Odins als eines gruftigen Wandersmannes, der mit Schlapphut, Mantel und Augenklappe durch die Botanik stapft (noch bis in den &#8220;Herrn der Ringe&#8221; späte Schattenechos werfend) ist mir also ebenso vergnüglich und unernst wie die Vorstellung, dass sein feuerbärtiger Sohn mit einem Ziegenbock-Karren in der Stratosphäre lautstark herumkarriolt. Aus unheilssichererem nationalromantischen Erbe hartnäckig ins Heute über(ge)holte Abbildungen blondbraver Kornfeldmadönnchen (die mich eh unangenehm an Paradeis-Illustrationen in &#8220;Wachtturm&#8221;-Postillen von Jehovaszeugen erinnern) entsprechen zumindest nicht meinem Frauenbild: Freyja zeigen sie mir sowenig wie Idun, Gefion, Sif, Syn, Gna, Sunna, Fulla oder Lofn – nur mal, abseits von Hel, Hlin, Bil oder Ran – ein paar der &#8220;lichteren&#8221; genannt zu haben (Auflistung weißdiegöttin unvollständig).</p>
<p>Spätestens von den Göttinnen muss ich mir also eigene Vorstellungen machen. Von ihren männlichen Kollegen aber letztlich – schaut man genauer hin – nicht minder.</p>
<p>Ich bin der Auffassung, dass Vorstellungen über Götter menschliche Gesellschaftsverhältnisse spiegeln: nicht nur, aber auch. Natürlich kann ich derlei gut und gern zum Anlass nehmen, schon allein (als reichte archäologisch Kombinierbares nicht) anhand der obskuren bis widersprüchlichen Art- und Verwandtschaftszuordnungen germanischer Götter untereinander (Asen und Vanen; Freyja als ursprüngliche Vanin ist gleichzeitig astreinste Asin; der &#8220;genetische Riese&#8221; Loki als Odinsblutsbruder ebenso &#8220;vollwertiger&#8221; Ase – von Abstammereien ganz zu schweigen: Heimdall hat der Mütter gleich neun&#8230;) die alten Germanen von jenem Rassismusruch freizusprechen, der ihnen heute dank nationalsozialistischer Vergewaltigung anhaftet im allgemeinen Bewusstsein&#8230; (das mit diesem scheppsen, aber bequemen Bild ungestört bleiben will, zumal neue Nazis es unentwegt befeuern&#8230;) &#8230;anderes Thema. Bleiben wir hier, jenseits historischer wie aktueller Niederungen, in den abstrakteren Sphären des Spirituell-Geistigen – zumindest aber im persönlichen Wie und Jetzt. Dennoch: das eine läuft ins andere, wie ich´s dreh und wende.</p>
<p><b>Welten im Gleichgewicht</b></p>
<blockquote><p>&#8221; &#8230; Fährt ein Boot, steht ein Baum, heult ein Sturm, ächzt ein Traum&#8230; Und drei Frauen schauen stumm&#8230; und sie weben weiter – unendliche Pfade – und sie weben weiter&#8230; unendliche Pfade&#8230; und&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Die Singvøgel: <a href="http://www.singvoegel.com/index.php/kommt-ein-boot/" target="blank">&#8220;Kommt ein Boot&#8221;</a>)</p>
<p>Sich selbst als Mittelpunkt der Welt zu empfinden, halte ich für eine naturgegebene Selbstverständlichkeit menschlicher Wahrnehmung. Asatrú macht daraus ein System, das eine jedwede solche subjektiv &#8220;gewaltige&#8221; Individualität einzubinden vermag in ein hie soziales, dort kosmisches Ganzes – ohne dabei kollidierende Widersprüche (oder einander ausschließende Reibungen in der Weltsicht) zu erzeugen. Unaufgeregter Pragmatismus steht dabei allzeit über oberflächlich-moralischer Wertung: Die Gluthitze einer Herdplatte ist &#8220;gut&#8221; zum Suppebrutzeln und &#8220;schlecht&#8221; zum Handauflegen. Mehr kann ich nicht sagen über &#8220;Gut &#038; Böse&#8221;.<br />
Eher als von &#8220;guten&#8221; oder &#8220;bösen&#8221; Menschen (oder sonstigen Wesen) spreche ich ggf. von Interessenkonflikten. Konsequenzen daraus befeuern u.U. mein Selbstverständnis – im Sinne oben genannter Eingebundenheit: Auf der &#8220;richtigen&#8221; Seite zu sein und zu verbleiben, kann womöglich wichtiger sein (für die eigene Identität), als zu &#8220;gewinnen&#8221;.</p>
<p>Schaut man sich allein die (uns ja nur nacherzählten! Soweit uns überhaupt verbliebenen!) Edda-Mythen an, kommt der wache Geist nicht umhin, sich an allerlei Widersprüchen zu stoßen. Eine Figur wie der listige Loki z.B.: verantwortlich für die raffiniertesten Erfindungen und Lösungen – wie letztlich für aller Verderben. Das Heil der Götter: fußend auf Verräterei an ihren Vorfahren, den Riesen (die unbewussten Naturgewalten verkörpernd). Ja: Die (Bewusstsein verkörpernden) Götter entstammen den (unbewussten Gewalten der) Riesen, und am Schluss erliegen sie diesen. Selbst in den kärglich überlieferten Scherben: ist es eine Kosmologie – eher als eine dahermenschelnde &#8220;Moral&#8221; –, was dort insgesamt erzählt wird.<br />
Jene &#8220;drei Frauen&#8221;, Nornen, Schicksalskräfte: Sie stehen über den Göttern. Sie sind das personifizierte Werde, Sei und Gestalte (siehe hierzu mein Essay <a href="http://www.nornirsaett.de/no-future-warum-das-germanische-keine-zukunft-hat/" target="_blank">&#8220;No future&#8230;&#8221;</a> in dieser Rubrik). Ich bin der Mittelpunkt meiner Welt: wichtig als Grashalm einer Wiese. Ohne meinereiner ist keine solche attestierbar: Ich bin nicht allein. Je prächtiger und voller ich blühe, desto mehr mag die Wiese grünen. Wer mich aber ausreißt, frisst oder zerstampft nur Gras. Selbst dann hinterlasse ich Samen, oder Spur: die Idee dessen, was ich war.<br />
Andern zum Beispiel. Und sie wachsen – ggf. sogar: nach. (Asphalt ist kein Hindernis.)</p>
<p>Für alles, was ich mir nehme, gebe ich etwas: freiwillig oder unfreiwillig, bewusst oder unbewusst. Je klarer ich aber die jeweiligen Zusammenhänge sehe, desto klarer kann ich mitbestimmen, was ich gebe: für jedwedes nötige Nehmen. Schenken wiederum birgt die zusätzliche Überraschungsfreude, sich nicht scheren zu brauchen, was man dereinst dafür bekommt. Kalkulieren lässt es sich eh nicht. Die Götter sind keine Kaufleute. Sie sorgen nicht nur für Gleichgewicht, sie sind Bestandteil desselben, selbst darin eingebunden auf Wohl und Wehe.<br />
Vielleicht sind sie ja auch nur Geschichten: altvorderer Menschen, die damals noch keine besseren hatten. Und vielleicht haben wir Heutigen ja bessere: Beispiele, Helden, Vorbilder. Ich probierte manche der neuen aus, in meiner Jugend. Um doch die älteren zu entdecken, irgendwann. Dass diese die besseren sind – zumindest für mich – glaube ich heute. Lang habe ich gebraucht, sie zu finden: mein halbes Leben. Sie gaben mir ein neues, und ich opfere ihnen, weil ich immer noch lebe.</p>
<blockquote><p>&#8220;Wem gehört die Welt? Dem, der sich an sie verschenkt: Diener der Ekstase. Wer gehört sich selbst? Sagt, wer kennt sich wirklich selbst? Nur wer die eigenen Schatten schaut: Diener der Ekstase&#8230;&#8221;</p></blockquote>
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