<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt&#187; Erforscht &amp; Entdeckt</title>
	<atom:link href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.nornirsaett.de</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Sat, 11 Feb 2012 09:46:41 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>20 populäre Irrtümer über Wikinger</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/20-populare-irrtumer-uber-wikinger/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/20-populare-irrtumer-uber-wikinger/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 15 Sep 2011 10:27:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[Ætt Feature]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelalter]]></category>
		<category><![CDATA[Nordgermanen]]></category>
		<category><![CDATA[Normannen]]></category>
		<category><![CDATA[Vorurteile]]></category>
		<category><![CDATA[Wikinger]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=4668</guid>
		<description><![CDATA[<p>Einer der populärsten Irrtümer über Ásatrú ist, dass es sich um eine Art „Wikinger-Kult“ handeln würde – so etwas wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Reenactment" target="_blank">Reenactment</a> mit spirituellem Über- bzw. Unterbau.<br />
Ums kurz zu machen: Ásatrú ist kein Versuch, den „Glauben der heidnischen Wikinger“ wiederzubeleben. Selbst wenn wir das wollten, gäben die Quellen dazu nicht genügend her. Und warum sollten wir es wollen? Die Zeiten sind andere, und schließlich ist auch das Christentum heute glücklicherweise nicht mehr dasselbe wie z. B. zur Zeiten der Kreuzzüge. (Zugegeben: es gibt Christen, die tief im Kreuzritter-Denken stecken. So, wie es auch Asatrúar geben soll, die am liebsten Morgen früh zu einem fröhlichen kleinen Raubzug aufbrechen würden. Zu denen wir nicht gehören: kein Kloster muss fürchten, von uns geplündert und gebrandschatzt zu werden.)</p>
<p>Allerdings kann niemand von uns leugnen, dass wir es mit den Göttern haben, mit denen es auch die ollen Wikinger hatten. Und dass wir an Traditionen anknüpfen, die aus einer Kultur stammen, die eben nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern auch die Wikinger hervorgebracht hatte. Dass uns Werte wichtig sind, die auch dem einen oder anderen, der einst sein Wogenross bestieg, um auf <i>viking</i> zu fahren, etwas bedeuteten.<br />
Dass es uns daher manchmal doch ein klein wenig ärgert, wenn über die Wikinger blühender Unsinn berichtet wird.<span id="more-4668"></span><br />
<a href="http://www.nornirsaett.de/wp-content/schiff01.jpg" rel="lightbox[4668]"><img src="http://www.nornirsaett.de/wp-content/schiff01-222x300.jpg" alt="Wikingerschiff" title="Wikingerschiff" width="222" height="300" class="aligncenter size-medium wp-image-4681" /></a></p>
<h3>1.&#8221;Die Wikinger waren ein Volk&#8221;</h3>
<p>Wikinger war nie eine Bezeichnung für ein Volk oder eine Volksgruppe, auch wenn der Sprachgebrauch, selbst der von Fachleuten, darauf hinzudeuten scheint.<br />
Es ist nun einmal einfacher zum Beispiel von „Wikingerschiffen“ statt historisch korrekt von „nordeuropäischen kombinierten Ruder-Segel-Kriegsschiffen des frühen Mittelalters bis frühen Hochmittelalters“ zu reden, auch wenn nicht alle diese Schiffe zur Viking verwendet wurden. Ähnlich ist es mit den „Wikingerkönigen“, der „Wikingerzeit“, den „Wikingersiedlungen“ und so weiter und so weiter.</p>
<p>Wikinger ist, salopp gesagt, eine Tätigkeitsbezeichnung. Das altnordische Wort <i>víking</i> (Femininum, also „die Viking“) bedeutet zunächst nur „weite Schiffsreise“. Ein „Wikinger“ wäre demnach jemand, der eine weite Schiffsreise unternimmt – egal, ob als Kaufmann, Siedler, Entdecker, Seeräuber oder Krieger. Das Wort <i>vikingr</i> bezeichnete jemanden, der die Viking zum „Beruf“ oder besser Lebensinhalt gemacht hatte. Vikingr erhielt im Laufe der Jahrhunderte eine zunehmend negative Konnotation, etwa im Sinne von „Pirat“. Es war zu dieser Zeit nicht ehrenwert, Vikingr zu sein, aber sogar im beginnenden Hochmittelalter galt es selbst für Könige als ehrenwert und das Ansehen fördernd, auf Viking gewesen zu sein, während Männer, die nie weit gereist waren, gering geschätzt wurden.</p>
<h3>2. &#8220;Die Wikingerzeit begann mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne&#8221;</h3>
<p>Der Überfall auf das Kloster Lindisfarne in Nordengland im Jahre 793 gilt deshalb als „Beginn der Wikingerzeit“, weil dieser erfolgreiche Angriff auf ein reiches und gut befestigtes Kloster auch aufgezeichnet wurde. Es ist anzunehmen, dass er nicht der erste Überfall war. Schon zur Zeit der Merowinger gab es ähnliche Überfälle auf fränkisches Gebiet, nur der Begriff „Wikinger“ oder „Nordmannen“ war noch nicht gebräuchlich, es war in der Regel von „Seeräubern“ die Rede.</p>
<h3>3. &#8220;Die Wikinger taten sich nur durch Kämpfen und Beutemachen hervor&#8221;</h3>
<p>Das ist nur dann halbwegs richtig, wenn man „Wikinger“ auf die Vikingr genannten Seeräuber beschränkt. Die Viking war ja, siehe oben, allgemein eine „weite Seereise“. Die weitgehend friedliche Besiedlung Islands, Südwestgrönlands und der kleineren nordatlantischen Inseln kann genau so unter „Wikingfahrt“ verzeichnet werden, wie die ebenfalls nicht gewaltsamen Handelsreise bis in die fernsten Länder der damals bekannten Welt.</p>
<h3>4. &#8220;Die Wikinger trugen Helme mit Hörnern&#8221;</h3>
<p>Ein offensichtlich unausrottbares Klischee. Es sind zwar nur wenige Helme aus der Wikingerzeit erhalten, aber keiner davon hat Hörner. Es gibt auch keine zeitgenössische bildliche Darstellung so einer Helmzier. Für einen Kämpfer wäre ein Helm mit seitlich angebrachten Hörnern auch äußerst ungünstig, da sie bei einem seitlichen Treffer einen Schwert- oder Axthieb zum Helmträger <i>hin</i> abgelenkt hätten. Bei einem Treffer von oben hätte die Gefahr bestanden, dass  dem Träger der Helm vom Kopf gerissen worden wäre – was noch der harmlosere Fall wäre, denn ein fest sitzender Hörnerhelm würde bei einem ungünstigen Horn-Treffer dem Träger das Genick brechen!<br />
Es gab zwar tatsächlich Hörnerhelme, jedoch stammten sie aus der Bronzezeit und dienten ausschließlich zeremoniellen Zwecken. Hörner gab es zuweilen auch als Helmzier an Helmen der Ritterzeit, allerdings nur bei Helmen, die ausschließlich im Turnier benutzt wurden, wo keine „unfairen“ Axt- oder Schwerthiebe drohten, außerdem war diese Zier nur aufgesteckt,<br />
Sinngemäß gilt das auch für Helmflügel á la „alte Wagner-Inszenierung“, „Hermanns-Denkmal“ oder „Asterix“.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/2871528"><img src="http://u1.ipernity.com/8/15/28/2871528.ee58698c.500.jpg" width="375" height="500" alt="Wikingerhelm/casque Viking/Viking helmet" border="0"/></a><br />
Foto: Londo42</p>
<h3>5. &#8220;Die Lieblingswaffe der Wikinger war die schwere, doppelseitige Streitaxt&#8221;</h3>
<p>Es stimmt zwar, dass die Wikinger Streitäxte verwendeten, deren Handhabung im Kampf zum Beispiel auf wikingerzeitlichen Bildsteinen eindringlich festgehalten wurde. Allerdings waren das eher leichte, meist einhändig geführte, immer einseitige Äxte. Es gibt keinen einzigen archäologischen Fund einer Doppelaxt aus dem frühmittelalterlichen Europa! Die am häufigsten gefundene und eingesetzte wikingerzeitliche Waffe war der Speer. „Lieblingswaffen“ im Sinne von besonders geschätzter, aber eher seltener Waffen waren die kostbaren Schwerter.<br />
Die Warägergarde des byzantinischen (oströmischen) Kaisers (Waräger war die in Osteuropa übliche Bezeichnung für Wikinger) war als „die Axtträger“ bekannt, weil Streitäxte in der Armee ansonsten ungebräuchlich waren – und vielleicht, weil eine Axt eher zum Barbarenklischee passte, als die Speere oder die Langschwerter der Waräger. Neuzeitliche „Barbarenklischees“ sind es, die das falsche Bild des eine wuchtige Doppelaxt schwingenden Wikingers mit Hörnern am Helm bestimmen.</p>
<h3>6. &#8220;Wikinger waren schmutzig und ungepflegt&#8221;</h3>
<p>Im frühmittelalterlichen England galten die Wikinger als übertrieben reinlich, weil sie jede Woche badeten. Ibn Rustah,ein persischer Reisender, erwähnte ausdrücklich die Reinlichkeit der Waräger (östlichen Wikinger), und auch wenn der arabische Reisende Ibn Fadlan sich über deren unappetitlichen Art, sich zu reinigen, mokierte, widerspricht sein Bericht dem nicht. Bei Ausgrabungen wikingerzeitlicher Stätten sind Kämme, Rasiermesser, Pinzetten und „Ohrlöffel“ zum Reinigen der Ohren häufige Fundstücke. Die Nordeuropäer des Frühmittelalters stellten auch Seife her, die sie sogar exportierten</p>
<h3>7. &#8220;Die Wikinger überquerten den Atlantik in offenen Booten&#8221;</h3>
<p>Vor allem die in Gräbern gut konservierten Schiffe von Gokstadt und Oseberg gaben schon Ende des 19. Jahrhunderts einen Eindruck davon, wie die Schiffe, mit denen die Wikinger ihre europäischen Raubzüge benutzten, aussahen. Da sich Nachbauten des Gokstad-Schiffes als sehr seetüchtig erwiesen – ein Nachbau überquerte schon 1892 den Atlantik – entstand beim breiten Publikum der Eindruck, die wikingerzeitlichen Entdecker, Kolonisten und Fernhändler hätten auch solche offenen Fahrzeugen benutzt. Tatsächlich benutzten sie besondere Handelsschiffe, die breiter und hochbordiger waren als die bekannten Langschiffe, und Knorr genannt wurden. Knorren waren reine Segelschiffe und teilweise gedeckt.</p>
<h3>8. &#8220;Wikinger waren unzivilisierte, analphabetische Barbaren&#8221;</h3>
<p>Während noch zur Römerzeit ein deutliches kulturelles Gefälle zwischen der „römischen Welt“ und Nordeuropa bestand, kann das im frühen Mittelalters nicht behauptet werden. Einerseits brach die römerzeitliche Infrastruktur nach der Völkerwanderungszeit zusammen, anderseits holte der Norden gerade in dieser Zeit (der &#8220;Vendelzeit&#8221;) in der Sachkultur, in Handwerk und Kunst, deutlich auf. Schon die Runeninschriften zeigen, dass die wikingerzeitliche Kultur Nordeuropas nicht völlig analphabetisch gewesen sein kann, und Runen-Kritzeleien an byzantinischen Bauten und Statuen beweisen, dass auch die Krieger der Waräger-Garden nicht durchweg analphabetisch gewesen sein können – auf wenn es sicherlich barbarisch ist, seinen Namen in Kunstwerke einzuritzen, zeigt das doch, dass nicht nur eine kleine Elite eingeweihter Runenmeister schreiben konnte.  Wikingerzeitliche Kleidung war, wenn es sich der Träger oder die Trägerin leisten konnte, farbenprächtig und aufwändig gearbeitet, weder primitiv noch „barbarisch protzig“.<br />
Der hohe Stand der hochmittelalterlichen altnordischen Dichtung ist ohne eine lange dichterische Tradition nicht erklärbar, und die „Thingdemokratie“ in Island und in den atlantischen Siedlungsgebieten, das Modell des Parlamentarismus, entstand sicher auch nicht ohne eine lange politische Tradition der Volksversammlung und des Schöffengerichts.</p>
<h3>9. &#8220;Die Wikinger waren außerordentlich grausam&#8221;</h3>
<p>Es stimmt, dass Wikinger manchmal sehr brutal vorgingen. Allerdings sind Kriegshandlungen und Raubüberfälle grundsätzlich gewalttätig, weshalb die von zeitgenössischen Chronisten auf der Opferseite so eindringlich geschilderten Grausamkeiten der heidnischen Wikinger mit der damaligen Kriegsführung christlicher Heere verglichen werden müssen.<br />
Zieht man die üblichen Übertreibungen und Gräuelgeschichten aus den Berichten der damals praktisch ein Schreibmonopol innehabenden Mönche ab, deuten selbst sie nicht darauf hin, dass die Beutezüge der Wikinger ungewöhnlich blutrünstig gewesen wären. Hingegen führte z. B. Karl „der Große“ regelrechte Vernichtungskriege, was man den Wikingern (und den wikingerzeitlichen nordeuropäischen Heerführern), bei aller Beutegier und Rücksichtslosigkeit, nicht nachsagen kann.</p>
<h3>10. &#8220;Die Armeen der Wikinger waren groß&#8221;</h3>
<p>Zuerst ist dazu zu sagen, dass nicht jedes nordeuropäische Heer der Wikingerzeit automatisch ein „Wikingerheer“ war. (Könige wie Sven Gabelbart oder Knut „der Große“ hätten es sich sicher verbeten, wenn ihre Heere so genannt worden wären.) Wikinger waren strenggenommen nur die eher kleinen Gruppen von Abenteurern / Räubern / Raubhändlern / Händlern, die sich aus eigenem Antrieb einem Anführer anschlossen. Aber selbst die in den Chroniken so genannten „großen Heere“ können so gewaltig groß nicht gewesen sein.<br />
Die Flotte des dänischen Heerkönigs Göttrick (auch als Gudrød oder Gudfred bekannt), deren Landung auf den friesischen Inseln Karl „dem Großen“ Sorgen machte, hatte nach dem Chronisten Einhard 200 Schiffe. Selbst wenn das nicht, wie so oft in mittelalterlichen Chroniken, übertrieben war, hätten diese höchstens 8000 Mann tragen können. Wobei Göttrick der mächtigste Herrscher im Norden Europas war, und erst Harald Blauzahn und sein Widersacher Sven Gabelbart wieder ähnlich große Streitkräfte mobil machen konnten.<br />
885 verfügte König Harald Harfargi (Schönhaar), dass jeder seiner Jarle 60 <i>hirdmen</i>, also Krieger in persönliches Gefolgschaft, haben sollte, sowie vier <i>hersir</i> als regionale Anführer mit einem <i>hird</i> von jeweils 20 Mann. Diese etwa 140 Mann eines Jarls galten schon als Heer!<br />
Zwar konnte im Kriegsfalls der <i>leidang</i>, eine Art Miliz, einberufen werden, die dann den Großteil des Heeres ausmachte, aber die Wikinger, die Europa im 9. und 10. Jahrhundert heimsuchten, waren so gut wie alle Hirdmen eines „niederen Adligen“ &#8211; wenn man einen Sohn eines Großbauern so nennen will.<br />
Ein typisches „Wikingerheer“ bestand also aus höchstens ein paar tausend Mann, und ein Wikingerüberfall  war eher ein „Kommandounternehmen“ eines kleinen Haufens Kämpfer als eine „Invasion“.</p>
<h3>11. &#8220;Die Wikinger waren harte Kämpfer, aber tapfer und aufrichtig&#8221;</h3>
<p>Die Sagas wie die Heldenlieder lassen keinen Zweifel daran, dass Listen – bis hin zu ausgesprochen schmutzigen Tricks – nicht nur regelmäßig angewendet wurden, sondern sogar als rühmenswert galten. Die typische Taktik war der Überraschungsangriff, und die Wikinger sahen zu, dass sie mit der Beute verschwanden, bevor der Gegner den Widerstand organisieren konnte. Das „Danegeld“ und andere Tributzahlungen waren bei Licht besehen Schutzgelderpressungen. Auch große Feldzüge mit politischen Zielen waren offensichtlich von einem harten Pragmatismus bestimmt. Der „Raubhandel“, spricht Hehlerei, und der Sklavenfang und Sklavenhandel zeigen, dass der Ehrbegriff auch der als Kaufleute tätigen Wikinger ziemlich einseitig gewesen sein muss.</p>
<h3>12. &#8220;Alle Wikinger waren Nordgermanen&#8221;</h3>
<p>Auch wenn die meisten Wikinger Skandinavier waren, und heute die frühmittelalterliche nordgermanische Kultur oft einfach als „Wikingerkultur“ bezeichnet wird, waren die Mannschaften auf den Wikingerschiffen, nach den Sagatexten zu urteilen, oft ethnisch bunt gemischt. Vor allem Balten, aber auch Ostseeslawen und Männer aus (Alt-)Sachsen und dem Rheinland (also „Südgermanen“, wenn man so will) gingen, zusammen mit „Nordmännern“, „auf Viking“. Nicht eingerechnet sind dabei Menschen, die unfreiwillig, als Knechte oder Sklaven mitgenommen wurden.</p>
<h3>13. &#8220;Die Wikinger achteten auf die Reinheit ihrer Art&#8221;</h3>
<p>Das ist eine fixe Idee neuzeitlicher Rassisten. Über die Hälfte der Vorfahren der heutigen Isländer, einer Volksgruppe, die zwischen dem späten Mittelalter und der Moderne sehr isoliert war, und deshalb ein beliebtes Objekt für genetische Untersuchung sind, stammten nicht aus Skandinavien, sondern aus Britannien, Irland, dem Baltikum und anderen Teilen Europas. Eine der im berühmten Königinnengrab von Oseberg bestatteten Frauen hatte Vorfahren, die vom Schwarzen  Meer stammten, ein Mann in einem spätantiken dänischen Grab stammte offensichtlich aus dem arabischen Raum, usw. . Heutigen Rassisten, die angesichts dieser Tatsachen behaupten, die „alten Nordgermanen“ hätten wenigstens darauf geachtet, nur „weiße“ Frauen zu nehmen (an „fremde“ Ehemänner denken sie bezeichnenderweise nicht), sei gesagt, dass einige Isländer eine Gensequenz haben, die unter Europäern sonst nicht vorkommt – aber bei Ostasiaten und bei nordamerikanischen Indianern.</p>
<h3>14. &#8220;Frauen hatten bei den Wikingern wenig zu sagen&#8221;</h3>
<p>Der heutige Wikingermythos sieht die Wikinger als Männer, als Krieger, Seefahrer oder tatkräftige Siedler. Es kann auch kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die wikingerzeitliche Gesellschaft „patriarchalisch“ war, also Männer privilegierte. Allerdings lag die Wirtschaft und Verwaltung der Höfe während der monatelangen Abwesenheit ihrer Männer in den Händen der Frauen – was nicht möglich gewesen wäre, wenn die soziale Stellung der Frauen sehr niedrig gewesen wäre. Aus Island ist sogar die einseitige Ehescheidung durch die Frau bekannt. Während Raubzüge und Krieg „Männersache“ waren, galt das nicht für die Kolonisation und auch nicht für den Handel: Die für die Gräber von Händlern typischen Waagen und Gewichte als Grabbeigabe fanden sich zu 20% in Frauengräbern.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/60357/8267893"><img src="http://u1.ipernity.com/15/78/93/8267893.2e45d83e.500.jpg" width="375" height="500" alt="" border="0"/></a><br />
Foto: Phoenix</p>
<h3>15. &#8220;Die Wikingerzüge wurden durch Überbevölkerung ausgelöst&#8221;</h3>
<p>Das Problem der Forschung über die Ursachen der Wikingerzüge liegt darin, dass zeitgenössische Texte darüber nur wenig Auskunft geben, und die wenige Quellen dann noch von Behauptungen über die sexuelle Zügellosigkeit der Heiden und die noch auf römische Autoren zurückgehende Behauptung, skandinavische Frauen seien ungeheuer fruchtbar, überlagert sind. Obwohl Hungersnöte oder Mangel an bebaubarem Land in einzelnen Fällen tatsächlich frühmittelalterliche Skandinavier zur Auswanderung veranlassten, und die Behauptung, dass vor allem jüngere Söhne, die beim Erbe leer ausgegangen waren, in die Ferne zogen, nicht völlig aus der Luft gegriffen ist – von einer Überbevölkerung Südskandinaviens und Dänemarks konnte keine Rede sein. Es gibt tatsächlich keine archäologischen Hinweise, die für eine Überbevölkerung dieser Gebiete im 8. und 9. Jahrhundert sprechen würden, und es fehlen auch Spuren, die auf eine erhöhte Sterblichkeit durch Unterernährung oder Seuchen hinweisen könnten. Adam von Bremen schrieb noch gegen Ende des 11. Jahrhunderts, dass Jütland und Norwegen über weite Strecken brach lagen. Landknappheit war also nicht die Hauptursache der wikingerzeitlichen Expansion.</p>
<h3>16. &#8220;Wikinger strebten den Heldentod an&#8221;</h3>
<p>Alles deutet darauf hin, dass die Wikinger ihre Beutezüge gern überlebten, allein schon, weil ein Toter nichts von der Beute hat, wie es im Hávamál ziemlich offen gesagt wird. Eben jenes Hávamál, deren Schlussvers den neuzeitlichen Germanentümlern oft missbraucht wurde, um den „Heldentod“ zu verherrlichen. In der Übersetzung von Felix Genzmer lautet er: „Besitzt stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie; eines weiß ich, das ewig lebt: des Toten Tatenruhm“. Er muss aber im Kontext gesehen werden. Der Vers: „Der Handlose hütet, der Hinkende reitet, tapfer der Taube kämpft; blind ist besser als verbrannt zu sein, nichts taugt mehr, wer tot“, ermutigt z. B. schwer verwundete Krieger ausdrücklich zum Weiterleben. Es gibt zwar wirklich Sagastellen, die von der Angst alter Recken berichten, den „Strohtod“, also den Tod im Bett, zu sterben, allerdings muss auch das im jeweiligen Kontext gesehen werden &#8211; und vor dem Hintergrund, dass die Sagas, wie die Heldenlieder, schon höfische Dichtung waren und nicht die Ansichten der Krieger auf dem Schlachtfeld wiedergeben.</p>
<h3>17. &#8220;Die Wikinger waren so verbissene Kämpfer, weil sie auf eine Belohnung im Jenseits hofften&#8221;</h3>
<p>Es gibt keine zeitgenössische Quelle, dass Wikinger tatsächlich darauf gehofft hätten, nach dem Tod in „Odins Kriegerparadies“ einzugehen. Es ist durchaus offen, wie weit die  Vorstellung, die „gefallenen Helden“ kämen nach Walhall, wirklich unter den einfachen Kriegern verbreitet war. Selbst wenn man die eddischen Mythen beim Wort nimmt, ist Walhall eher ein Trainingslager für den Endkampf mit den „Mächten des Chaos“ im Ragnarök als ein Paradies. Also eine Zwischenstation, kein ewige Glückseeligkeit. Übersehen wird auch gerne, dass nicht Odin, sondern Freyja die erste Wahl unter den Gefallenen hat.<br />
Was die Wikinger motivierte waren sehr diesseitige Gründe: Beute, Land, Macht, oder auch, in der Phase, als sich die nordischen „Großkönige“ durchsetzten, persönliche und politische Freiheit.</p>
<h3>18. &#8220;Die Wikingerfeldzüge waren gegen das Christentum gerichtet&#8221;</h3>
<p>Die naheliegendste Erklärung, wieso die frühen Wikingerüberfälle sich gegen Klöster und Kirchen wendeten, ist, dass dort am meisten zu holen war – bei relativ überschaubarem Risiko. Da der Übergang zur (feudalen) Staatlichkeit mit starker Zentralgewalt des Königs mit der Christianisierung Hand in Hand ging, sich Kirche und Fürsten gegenseitig stützten (und gegenseitig instrumentalisierten), war der Kampf gegen die bäuerliche Selbstregierung einerseits und gegen „Kleinkönige“ andererseits mit der „Bekämpfung des Heidentums“ eng verbunden. Allerdings kann man nicht sagen, dass „heidnisch“ automatisch für „bäuerlich-selbstbestimmt“ und „christlich“ für „feudal-zentralistisch“ standen. Die Christianisierung war, allerdings von einigen blutigen Ausnahmen abgesehen, ein eher friedlicher und eher unspektakulärer Vorgang. Allerdings dürfte die Darstellung vom freudig und freiwillig angenommenen neuen Glauben ebenfalls falsch sein; der „freiwilligen“ Annahme des Christentums durch das Althing in Island ging eine massive Erpressung des norwegischen Königs Olav zuvor.<br />
Für viele Nordländer kam es offensichtlich auf einen Gott mehr oder weniger nicht an, die  pragmatische Sicht zeigte sich in der Kunst und am deutlichsten in Gussformen, in denen sowohl Thorshämmer wie christliche Kreuze gegossen werden konnten. Erst im 12. Jahrhundert, in der Zeit der Kreuzzüge und der Kirchenreform, wurde der Synkretismus zwischen Heidentum und Christentum durch die „zweite Christanisierung“ weitgehend beendet.</p>
<h3>19. &#8220;Die Christianisierung bedeutete das Ende des Wikingertums&#8221;</h3>
<p>So sehr die frümittelalterlichen Chronisten in ihren Klöstern die Untaten der heidnischen Wikinger verdammten, gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Krieger aus dem Norden nach erfolgter Taufe weniger grausam gewesen wären. Die Häufigkeit, mit der der Begriff <i>vikingr</i> noch gut 200 Jahre nach der Christanisierung auftaucht, deutet darauf hin, dass Seeraub und Kleinkrieg noch weit verbreitetet gewesen sein müssen. Das Ende der Wikingerzeit kam mit dem Erstarken der staatlichen Zentralgewalt auch in Nordeuropa, als nicht einmal mehr ein Jarl, geschweige denn jemand geringeren Ranges, mit einer freiwilligen Gefolgschaft auf eigene Faust „auf Viking“ gehen konnte. Das Christentum trug zu dieser Entwicklung nur indirekt bei, indem die Herrscher die neue Religion und ihrer Strukturen nutzten, um ihre Autorität zu stärken. Die Kirche wurde zum Werkzeug des Staates. Auch der „rein kriminelle“ Seeraub hatte es mit dem Aufkommen großer stehender Heere und Flotten zunehmend schwer. Der Fernhandel, das andere kennzeichnende Element des Wikingerzeit, brach teils zusammen und nahm andernteils eine andere, straffer organisierte, Struktur an, nachdem der wikingerzeitliche Silberhandel im 11. Jahrhundert zusammengebrochen war und das vormalige Ostfrankenreich (das spätere Deutschland) an Macht gewonnen hatten.</p>
<h3>20. &#8220;Dass Wikinger je etwas anderes als Räuber gewesen wären, ist ein Produkt nationalromantischer Geschichtsschreibung&#8221;</h3>
<p>Diese Ansicht ist einerseits sozusagen das Gegenstück zu der romantischen Verklärung der Wikingerzeit, und sie ist, anders als die ebenfalls als Gegenstück zur Nationalromantik zu sehenden „Barbarentheorie“, sogar historisch fundiert. Beschränkt man „Wikinger“ nämlich auf die tatsächlich in mittelalterlichen Texten ausdrücklich <i>vikingr</i> genannten Menschen, dann waren das in der Tat durchweg Seeräuber oder blutige Privatfehden führende Freischärler, bestenfalls „Raubhändler“. Es ist einerseits sicher nicht historisch korrekt, alle mit der nordeuropäischen Expansion des frühen Mittelalters einhergehenden Aktivitäten, einschließlich der Kolonisation im Nordatlantik, unter dem Stichwort „Wikinger“ zusammenzufassen. Anderseits ist auch eine Engführung problematisch, weil die negative Konnotation von <i>vikingr</i> sich erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelte, und das Wort <i>viking</i> alle langen Seereisen umfasste.</p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/20-populare-irrtumer-uber-wikinger/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Einer der populärsten Irrtümer über Ásatrú ist, dass es sich um eine Art „Wikinger-Kult“ handeln würde – so etwas wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Reenactment" target="_blank">Reenactment</a> mit spirituellem Über- bzw. Unterbau.<br />
Ums kurz zu machen: Ásatrú ist kein Versuch, den „Glauben der heidnischen Wikinger“ wiederzubeleben. Selbst wenn wir das wollten, gäben die Quellen dazu nicht genügend her. Und warum sollten wir es wollen? Die Zeiten sind andere, und schließlich ist auch das Christentum heute glücklicherweise nicht mehr dasselbe wie z. B. zur Zeiten der Kreuzzüge. (Zugegeben: es gibt Christen, die tief im Kreuzritter-Denken stecken. So, wie es auch Asatrúar geben soll, die am liebsten Morgen früh zu einem fröhlichen kleinen Raubzug aufbrechen würden. Zu denen wir nicht gehören: kein Kloster muss fürchten, von uns geplündert und gebrandschatzt zu werden.)</p>
<p>Allerdings kann niemand von uns leugnen, dass wir es mit den Göttern haben, mit denen es auch die ollen Wikinger hatten. Und dass wir an Traditionen anknüpfen, die aus einer Kultur stammen, die eben nicht nur die parlamentarische Demokratie, sondern auch die Wikinger hervorgebracht hatte. Dass uns Werte wichtig sind, die auch dem einen oder anderen, der einst sein Wogenross bestieg, um auf <i>viking</i> zu fahren, etwas bedeuteten.<br />
Dass es uns daher manchmal doch ein klein wenig ärgert, wenn über die Wikinger blühender Unsinn berichtet wird.<span id="more-4668"></span><br />
<a href="http://www.nornirsaett.de/wp-content/schiff01.jpg" rel="lightbox[4668]"><img src="http://www.nornirsaett.de/wp-content/schiff01-222x300.jpg" alt="Wikingerschiff" title="Wikingerschiff" width="222" height="300" class="aligncenter size-medium wp-image-4681" /></a></p>
<h3>1.&#8221;Die Wikinger waren ein Volk&#8221;</h3>
<p>Wikinger war nie eine Bezeichnung für ein Volk oder eine Volksgruppe, auch wenn der Sprachgebrauch, selbst der von Fachleuten, darauf hinzudeuten scheint.<br />
Es ist nun einmal einfacher zum Beispiel von „Wikingerschiffen“ statt historisch korrekt von „nordeuropäischen kombinierten Ruder-Segel-Kriegsschiffen des frühen Mittelalters bis frühen Hochmittelalters“ zu reden, auch wenn nicht alle diese Schiffe zur Viking verwendet wurden. Ähnlich ist es mit den „Wikingerkönigen“, der „Wikingerzeit“, den „Wikingersiedlungen“ und so weiter und so weiter.</p>
<p>Wikinger ist, salopp gesagt, eine Tätigkeitsbezeichnung. Das altnordische Wort <i>víking</i> (Femininum, also „die Viking“) bedeutet zunächst nur „weite Schiffsreise“. Ein „Wikinger“ wäre demnach jemand, der eine weite Schiffsreise unternimmt – egal, ob als Kaufmann, Siedler, Entdecker, Seeräuber oder Krieger. Das Wort <i>vikingr</i> bezeichnete jemanden, der die Viking zum „Beruf“ oder besser Lebensinhalt gemacht hatte. Vikingr erhielt im Laufe der Jahrhunderte eine zunehmend negative Konnotation, etwa im Sinne von „Pirat“. Es war zu dieser Zeit nicht ehrenwert, Vikingr zu sein, aber sogar im beginnenden Hochmittelalter galt es selbst für Könige als ehrenwert und das Ansehen fördernd, auf Viking gewesen zu sein, während Männer, die nie weit gereist waren, gering geschätzt wurden.</p>
<h3>2. &#8220;Die Wikingerzeit begann mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne&#8221;</h3>
<p>Der Überfall auf das Kloster Lindisfarne in Nordengland im Jahre 793 gilt deshalb als „Beginn der Wikingerzeit“, weil dieser erfolgreiche Angriff auf ein reiches und gut befestigtes Kloster auch aufgezeichnet wurde. Es ist anzunehmen, dass er nicht der erste Überfall war. Schon zur Zeit der Merowinger gab es ähnliche Überfälle auf fränkisches Gebiet, nur der Begriff „Wikinger“ oder „Nordmannen“ war noch nicht gebräuchlich, es war in der Regel von „Seeräubern“ die Rede.</p>
<h3>3. &#8220;Die Wikinger taten sich nur durch Kämpfen und Beutemachen hervor&#8221;</h3>
<p>Das ist nur dann halbwegs richtig, wenn man „Wikinger“ auf die Vikingr genannten Seeräuber beschränkt. Die Viking war ja, siehe oben, allgemein eine „weite Seereise“. Die weitgehend friedliche Besiedlung Islands, Südwestgrönlands und der kleineren nordatlantischen Inseln kann genau so unter „Wikingfahrt“ verzeichnet werden, wie die ebenfalls nicht gewaltsamen Handelsreise bis in die fernsten Länder der damals bekannten Welt.</p>
<h3>4. &#8220;Die Wikinger trugen Helme mit Hörnern&#8221;</h3>
<p>Ein offensichtlich unausrottbares Klischee. Es sind zwar nur wenige Helme aus der Wikingerzeit erhalten, aber keiner davon hat Hörner. Es gibt auch keine zeitgenössische bildliche Darstellung so einer Helmzier. Für einen Kämpfer wäre ein Helm mit seitlich angebrachten Hörnern auch äußerst ungünstig, da sie bei einem seitlichen Treffer einen Schwert- oder Axthieb zum Helmträger <i>hin</i> abgelenkt hätten. Bei einem Treffer von oben hätte die Gefahr bestanden, dass  dem Träger der Helm vom Kopf gerissen worden wäre – was noch der harmlosere Fall wäre, denn ein fest sitzender Hörnerhelm würde bei einem ungünstigen Horn-Treffer dem Träger das Genick brechen!<br />
Es gab zwar tatsächlich Hörnerhelme, jedoch stammten sie aus der Bronzezeit und dienten ausschließlich zeremoniellen Zwecken. Hörner gab es zuweilen auch als Helmzier an Helmen der Ritterzeit, allerdings nur bei Helmen, die ausschließlich im Turnier benutzt wurden, wo keine „unfairen“ Axt- oder Schwerthiebe drohten, außerdem war diese Zier nur aufgesteckt,<br />
Sinngemäß gilt das auch für Helmflügel á la „alte Wagner-Inszenierung“, „Hermanns-Denkmal“ oder „Asterix“.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/2871528"><img src="http://u1.ipernity.com/8/15/28/2871528.ee58698c.500.jpg" width="375" height="500" alt="Wikingerhelm/casque Viking/Viking helmet" border="0"/></a><br />
Foto: Londo42</p>
<h3>5. &#8220;Die Lieblingswaffe der Wikinger war die schwere, doppelseitige Streitaxt&#8221;</h3>
<p>Es stimmt zwar, dass die Wikinger Streitäxte verwendeten, deren Handhabung im Kampf zum Beispiel auf wikingerzeitlichen Bildsteinen eindringlich festgehalten wurde. Allerdings waren das eher leichte, meist einhändig geführte, immer einseitige Äxte. Es gibt keinen einzigen archäologischen Fund einer Doppelaxt aus dem frühmittelalterlichen Europa! Die am häufigsten gefundene und eingesetzte wikingerzeitliche Waffe war der Speer. „Lieblingswaffen“ im Sinne von besonders geschätzter, aber eher seltener Waffen waren die kostbaren Schwerter.<br />
Die Warägergarde des byzantinischen (oströmischen) Kaisers (Waräger war die in Osteuropa übliche Bezeichnung für Wikinger) war als „die Axtträger“ bekannt, weil Streitäxte in der Armee ansonsten ungebräuchlich waren – und vielleicht, weil eine Axt eher zum Barbarenklischee passte, als die Speere oder die Langschwerter der Waräger. Neuzeitliche „Barbarenklischees“ sind es, die das falsche Bild des eine wuchtige Doppelaxt schwingenden Wikingers mit Hörnern am Helm bestimmen.</p>
<h3>6. &#8220;Wikinger waren schmutzig und ungepflegt&#8221;</h3>
<p>Im frühmittelalterlichen England galten die Wikinger als übertrieben reinlich, weil sie jede Woche badeten. Ibn Rustah,ein persischer Reisender, erwähnte ausdrücklich die Reinlichkeit der Waräger (östlichen Wikinger), und auch wenn der arabische Reisende Ibn Fadlan sich über deren unappetitlichen Art, sich zu reinigen, mokierte, widerspricht sein Bericht dem nicht. Bei Ausgrabungen wikingerzeitlicher Stätten sind Kämme, Rasiermesser, Pinzetten und „Ohrlöffel“ zum Reinigen der Ohren häufige Fundstücke. Die Nordeuropäer des Frühmittelalters stellten auch Seife her, die sie sogar exportierten</p>
<h3>7. &#8220;Die Wikinger überquerten den Atlantik in offenen Booten&#8221;</h3>
<p>Vor allem die in Gräbern gut konservierten Schiffe von Gokstadt und Oseberg gaben schon Ende des 19. Jahrhunderts einen Eindruck davon, wie die Schiffe, mit denen die Wikinger ihre europäischen Raubzüge benutzten, aussahen. Da sich Nachbauten des Gokstad-Schiffes als sehr seetüchtig erwiesen – ein Nachbau überquerte schon 1892 den Atlantik – entstand beim breiten Publikum der Eindruck, die wikingerzeitlichen Entdecker, Kolonisten und Fernhändler hätten auch solche offenen Fahrzeugen benutzt. Tatsächlich benutzten sie besondere Handelsschiffe, die breiter und hochbordiger waren als die bekannten Langschiffe, und Knorr genannt wurden. Knorren waren reine Segelschiffe und teilweise gedeckt.</p>
<h3>8. &#8220;Wikinger waren unzivilisierte, analphabetische Barbaren&#8221;</h3>
<p>Während noch zur Römerzeit ein deutliches kulturelles Gefälle zwischen der „römischen Welt“ und Nordeuropa bestand, kann das im frühen Mittelalters nicht behauptet werden. Einerseits brach die römerzeitliche Infrastruktur nach der Völkerwanderungszeit zusammen, anderseits holte der Norden gerade in dieser Zeit (der &#8220;Vendelzeit&#8221;) in der Sachkultur, in Handwerk und Kunst, deutlich auf. Schon die Runeninschriften zeigen, dass die wikingerzeitliche Kultur Nordeuropas nicht völlig analphabetisch gewesen sein kann, und Runen-Kritzeleien an byzantinischen Bauten und Statuen beweisen, dass auch die Krieger der Waräger-Garden nicht durchweg analphabetisch gewesen sein können – auf wenn es sicherlich barbarisch ist, seinen Namen in Kunstwerke einzuritzen, zeigt das doch, dass nicht nur eine kleine Elite eingeweihter Runenmeister schreiben konnte.  Wikingerzeitliche Kleidung war, wenn es sich der Träger oder die Trägerin leisten konnte, farbenprächtig und aufwändig gearbeitet, weder primitiv noch „barbarisch protzig“.<br />
Der hohe Stand der hochmittelalterlichen altnordischen Dichtung ist ohne eine lange dichterische Tradition nicht erklärbar, und die „Thingdemokratie“ in Island und in den atlantischen Siedlungsgebieten, das Modell des Parlamentarismus, entstand sicher auch nicht ohne eine lange politische Tradition der Volksversammlung und des Schöffengerichts.</p>
<h3>9. &#8220;Die Wikinger waren außerordentlich grausam&#8221;</h3>
<p>Es stimmt, dass Wikinger manchmal sehr brutal vorgingen. Allerdings sind Kriegshandlungen und Raubüberfälle grundsätzlich gewalttätig, weshalb die von zeitgenössischen Chronisten auf der Opferseite so eindringlich geschilderten Grausamkeiten der heidnischen Wikinger mit der damaligen Kriegsführung christlicher Heere verglichen werden müssen.<br />
Zieht man die üblichen Übertreibungen und Gräuelgeschichten aus den Berichten der damals praktisch ein Schreibmonopol innehabenden Mönche ab, deuten selbst sie nicht darauf hin, dass die Beutezüge der Wikinger ungewöhnlich blutrünstig gewesen wären. Hingegen führte z. B. Karl „der Große“ regelrechte Vernichtungskriege, was man den Wikingern (und den wikingerzeitlichen nordeuropäischen Heerführern), bei aller Beutegier und Rücksichtslosigkeit, nicht nachsagen kann.</p>
<h3>10. &#8220;Die Armeen der Wikinger waren groß&#8221;</h3>
<p>Zuerst ist dazu zu sagen, dass nicht jedes nordeuropäische Heer der Wikingerzeit automatisch ein „Wikingerheer“ war. (Könige wie Sven Gabelbart oder Knut „der Große“ hätten es sich sicher verbeten, wenn ihre Heere so genannt worden wären.) Wikinger waren strenggenommen nur die eher kleinen Gruppen von Abenteurern / Räubern / Raubhändlern / Händlern, die sich aus eigenem Antrieb einem Anführer anschlossen. Aber selbst die in den Chroniken so genannten „großen Heere“ können so gewaltig groß nicht gewesen sein.<br />
Die Flotte des dänischen Heerkönigs Göttrick (auch als Gudrød oder Gudfred bekannt), deren Landung auf den friesischen Inseln Karl „dem Großen“ Sorgen machte, hatte nach dem Chronisten Einhard 200 Schiffe. Selbst wenn das nicht, wie so oft in mittelalterlichen Chroniken, übertrieben war, hätten diese höchstens 8000 Mann tragen können. Wobei Göttrick der mächtigste Herrscher im Norden Europas war, und erst Harald Blauzahn und sein Widersacher Sven Gabelbart wieder ähnlich große Streitkräfte mobil machen konnten.<br />
885 verfügte König Harald Harfargi (Schönhaar), dass jeder seiner Jarle 60 <i>hirdmen</i>, also Krieger in persönliches Gefolgschaft, haben sollte, sowie vier <i>hersir</i> als regionale Anführer mit einem <i>hird</i> von jeweils 20 Mann. Diese etwa 140 Mann eines Jarls galten schon als Heer!<br />
Zwar konnte im Kriegsfalls der <i>leidang</i>, eine Art Miliz, einberufen werden, die dann den Großteil des Heeres ausmachte, aber die Wikinger, die Europa im 9. und 10. Jahrhundert heimsuchten, waren so gut wie alle Hirdmen eines „niederen Adligen“ &#8211; wenn man einen Sohn eines Großbauern so nennen will.<br />
Ein typisches „Wikingerheer“ bestand also aus höchstens ein paar tausend Mann, und ein Wikingerüberfall  war eher ein „Kommandounternehmen“ eines kleinen Haufens Kämpfer als eine „Invasion“.</p>
<h3>11. &#8220;Die Wikinger waren harte Kämpfer, aber tapfer und aufrichtig&#8221;</h3>
<p>Die Sagas wie die Heldenlieder lassen keinen Zweifel daran, dass Listen – bis hin zu ausgesprochen schmutzigen Tricks – nicht nur regelmäßig angewendet wurden, sondern sogar als rühmenswert galten. Die typische Taktik war der Überraschungsangriff, und die Wikinger sahen zu, dass sie mit der Beute verschwanden, bevor der Gegner den Widerstand organisieren konnte. Das „Danegeld“ und andere Tributzahlungen waren bei Licht besehen Schutzgelderpressungen. Auch große Feldzüge mit politischen Zielen waren offensichtlich von einem harten Pragmatismus bestimmt. Der „Raubhandel“, spricht Hehlerei, und der Sklavenfang und Sklavenhandel zeigen, dass der Ehrbegriff auch der als Kaufleute tätigen Wikinger ziemlich einseitig gewesen sein muss.</p>
<h3>12. &#8220;Alle Wikinger waren Nordgermanen&#8221;</h3>
<p>Auch wenn die meisten Wikinger Skandinavier waren, und heute die frühmittelalterliche nordgermanische Kultur oft einfach als „Wikingerkultur“ bezeichnet wird, waren die Mannschaften auf den Wikingerschiffen, nach den Sagatexten zu urteilen, oft ethnisch bunt gemischt. Vor allem Balten, aber auch Ostseeslawen und Männer aus (Alt-)Sachsen und dem Rheinland (also „Südgermanen“, wenn man so will) gingen, zusammen mit „Nordmännern“, „auf Viking“. Nicht eingerechnet sind dabei Menschen, die unfreiwillig, als Knechte oder Sklaven mitgenommen wurden.</p>
<h3>13. &#8220;Die Wikinger achteten auf die Reinheit ihrer Art&#8221;</h3>
<p>Das ist eine fixe Idee neuzeitlicher Rassisten. Über die Hälfte der Vorfahren der heutigen Isländer, einer Volksgruppe, die zwischen dem späten Mittelalter und der Moderne sehr isoliert war, und deshalb ein beliebtes Objekt für genetische Untersuchung sind, stammten nicht aus Skandinavien, sondern aus Britannien, Irland, dem Baltikum und anderen Teilen Europas. Eine der im berühmten Königinnengrab von Oseberg bestatteten Frauen hatte Vorfahren, die vom Schwarzen  Meer stammten, ein Mann in einem spätantiken dänischen Grab stammte offensichtlich aus dem arabischen Raum, usw. . Heutigen Rassisten, die angesichts dieser Tatsachen behaupten, die „alten Nordgermanen“ hätten wenigstens darauf geachtet, nur „weiße“ Frauen zu nehmen (an „fremde“ Ehemänner denken sie bezeichnenderweise nicht), sei gesagt, dass einige Isländer eine Gensequenz haben, die unter Europäern sonst nicht vorkommt – aber bei Ostasiaten und bei nordamerikanischen Indianern.</p>
<h3>14. &#8220;Frauen hatten bei den Wikingern wenig zu sagen&#8221;</h3>
<p>Der heutige Wikingermythos sieht die Wikinger als Männer, als Krieger, Seefahrer oder tatkräftige Siedler. Es kann auch kaum ein Zweifel daran bestehen, dass die wikingerzeitliche Gesellschaft „patriarchalisch“ war, also Männer privilegierte. Allerdings lag die Wirtschaft und Verwaltung der Höfe während der monatelangen Abwesenheit ihrer Männer in den Händen der Frauen – was nicht möglich gewesen wäre, wenn die soziale Stellung der Frauen sehr niedrig gewesen wäre. Aus Island ist sogar die einseitige Ehescheidung durch die Frau bekannt. Während Raubzüge und Krieg „Männersache“ waren, galt das nicht für die Kolonisation und auch nicht für den Handel: Die für die Gräber von Händlern typischen Waagen und Gewichte als Grabbeigabe fanden sich zu 20% in Frauengräbern.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/60357/8267893"><img src="http://u1.ipernity.com/15/78/93/8267893.2e45d83e.500.jpg" width="375" height="500" alt="" border="0"/></a><br />
Foto: Phoenix</p>
<h3>15. &#8220;Die Wikingerzüge wurden durch Überbevölkerung ausgelöst&#8221;</h3>
<p>Das Problem der Forschung über die Ursachen der Wikingerzüge liegt darin, dass zeitgenössische Texte darüber nur wenig Auskunft geben, und die wenige Quellen dann noch von Behauptungen über die sexuelle Zügellosigkeit der Heiden und die noch auf römische Autoren zurückgehende Behauptung, skandinavische Frauen seien ungeheuer fruchtbar, überlagert sind. Obwohl Hungersnöte oder Mangel an bebaubarem Land in einzelnen Fällen tatsächlich frühmittelalterliche Skandinavier zur Auswanderung veranlassten, und die Behauptung, dass vor allem jüngere Söhne, die beim Erbe leer ausgegangen waren, in die Ferne zogen, nicht völlig aus der Luft gegriffen ist – von einer Überbevölkerung Südskandinaviens und Dänemarks konnte keine Rede sein. Es gibt tatsächlich keine archäologischen Hinweise, die für eine Überbevölkerung dieser Gebiete im 8. und 9. Jahrhundert sprechen würden, und es fehlen auch Spuren, die auf eine erhöhte Sterblichkeit durch Unterernährung oder Seuchen hinweisen könnten. Adam von Bremen schrieb noch gegen Ende des 11. Jahrhunderts, dass Jütland und Norwegen über weite Strecken brach lagen. Landknappheit war also nicht die Hauptursache der wikingerzeitlichen Expansion.</p>
<h3>16. &#8220;Wikinger strebten den Heldentod an&#8221;</h3>
<p>Alles deutet darauf hin, dass die Wikinger ihre Beutezüge gern überlebten, allein schon, weil ein Toter nichts von der Beute hat, wie es im Hávamál ziemlich offen gesagt wird. Eben jenes Hávamál, deren Schlussvers den neuzeitlichen Germanentümlern oft missbraucht wurde, um den „Heldentod“ zu verherrlichen. In der Übersetzung von Felix Genzmer lautet er: „Besitzt stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie; eines weiß ich, das ewig lebt: des Toten Tatenruhm“. Er muss aber im Kontext gesehen werden. Der Vers: „Der Handlose hütet, der Hinkende reitet, tapfer der Taube kämpft; blind ist besser als verbrannt zu sein, nichts taugt mehr, wer tot“, ermutigt z. B. schwer verwundete Krieger ausdrücklich zum Weiterleben. Es gibt zwar wirklich Sagastellen, die von der Angst alter Recken berichten, den „Strohtod“, also den Tod im Bett, zu sterben, allerdings muss auch das im jeweiligen Kontext gesehen werden &#8211; und vor dem Hintergrund, dass die Sagas, wie die Heldenlieder, schon höfische Dichtung waren und nicht die Ansichten der Krieger auf dem Schlachtfeld wiedergeben.</p>
<h3>17. &#8220;Die Wikinger waren so verbissene Kämpfer, weil sie auf eine Belohnung im Jenseits hofften&#8221;</h3>
<p>Es gibt keine zeitgenössische Quelle, dass Wikinger tatsächlich darauf gehofft hätten, nach dem Tod in „Odins Kriegerparadies“ einzugehen. Es ist durchaus offen, wie weit die  Vorstellung, die „gefallenen Helden“ kämen nach Walhall, wirklich unter den einfachen Kriegern verbreitet war. Selbst wenn man die eddischen Mythen beim Wort nimmt, ist Walhall eher ein Trainingslager für den Endkampf mit den „Mächten des Chaos“ im Ragnarök als ein Paradies. Also eine Zwischenstation, kein ewige Glückseeligkeit. Übersehen wird auch gerne, dass nicht Odin, sondern Freyja die erste Wahl unter den Gefallenen hat.<br />
Was die Wikinger motivierte waren sehr diesseitige Gründe: Beute, Land, Macht, oder auch, in der Phase, als sich die nordischen „Großkönige“ durchsetzten, persönliche und politische Freiheit.</p>
<h3>18. &#8220;Die Wikingerfeldzüge waren gegen das Christentum gerichtet&#8221;</h3>
<p>Die naheliegendste Erklärung, wieso die frühen Wikingerüberfälle sich gegen Klöster und Kirchen wendeten, ist, dass dort am meisten zu holen war – bei relativ überschaubarem Risiko. Da der Übergang zur (feudalen) Staatlichkeit mit starker Zentralgewalt des Königs mit der Christianisierung Hand in Hand ging, sich Kirche und Fürsten gegenseitig stützten (und gegenseitig instrumentalisierten), war der Kampf gegen die bäuerliche Selbstregierung einerseits und gegen „Kleinkönige“ andererseits mit der „Bekämpfung des Heidentums“ eng verbunden. Allerdings kann man nicht sagen, dass „heidnisch“ automatisch für „bäuerlich-selbstbestimmt“ und „christlich“ für „feudal-zentralistisch“ standen. Die Christianisierung war, allerdings von einigen blutigen Ausnahmen abgesehen, ein eher friedlicher und eher unspektakulärer Vorgang. Allerdings dürfte die Darstellung vom freudig und freiwillig angenommenen neuen Glauben ebenfalls falsch sein; der „freiwilligen“ Annahme des Christentums durch das Althing in Island ging eine massive Erpressung des norwegischen Königs Olav zuvor.<br />
Für viele Nordländer kam es offensichtlich auf einen Gott mehr oder weniger nicht an, die  pragmatische Sicht zeigte sich in der Kunst und am deutlichsten in Gussformen, in denen sowohl Thorshämmer wie christliche Kreuze gegossen werden konnten. Erst im 12. Jahrhundert, in der Zeit der Kreuzzüge und der Kirchenreform, wurde der Synkretismus zwischen Heidentum und Christentum durch die „zweite Christanisierung“ weitgehend beendet.</p>
<h3>19. &#8220;Die Christianisierung bedeutete das Ende des Wikingertums&#8221;</h3>
<p>So sehr die frümittelalterlichen Chronisten in ihren Klöstern die Untaten der heidnischen Wikinger verdammten, gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Krieger aus dem Norden nach erfolgter Taufe weniger grausam gewesen wären. Die Häufigkeit, mit der der Begriff <i>vikingr</i> noch gut 200 Jahre nach der Christanisierung auftaucht, deutet darauf hin, dass Seeraub und Kleinkrieg noch weit verbreitetet gewesen sein müssen. Das Ende der Wikingerzeit kam mit dem Erstarken der staatlichen Zentralgewalt auch in Nordeuropa, als nicht einmal mehr ein Jarl, geschweige denn jemand geringeren Ranges, mit einer freiwilligen Gefolgschaft auf eigene Faust „auf Viking“ gehen konnte. Das Christentum trug zu dieser Entwicklung nur indirekt bei, indem die Herrscher die neue Religion und ihrer Strukturen nutzten, um ihre Autorität zu stärken. Die Kirche wurde zum Werkzeug des Staates. Auch der „rein kriminelle“ Seeraub hatte es mit dem Aufkommen großer stehender Heere und Flotten zunehmend schwer. Der Fernhandel, das andere kennzeichnende Element des Wikingerzeit, brach teils zusammen und nahm andernteils eine andere, straffer organisierte, Struktur an, nachdem der wikingerzeitliche Silberhandel im 11. Jahrhundert zusammengebrochen war und das vormalige Ostfrankenreich (das spätere Deutschland) an Macht gewonnen hatten.</p>
<h3>20. &#8220;Dass Wikinger je etwas anderes als Räuber gewesen wären, ist ein Produkt nationalromantischer Geschichtsschreibung&#8221;</h3>
<p>Diese Ansicht ist einerseits sozusagen das Gegenstück zu der romantischen Verklärung der Wikingerzeit, und sie ist, anders als die ebenfalls als Gegenstück zur Nationalromantik zu sehenden „Barbarentheorie“, sogar historisch fundiert. Beschränkt man „Wikinger“ nämlich auf die tatsächlich in mittelalterlichen Texten ausdrücklich <i>vikingr</i> genannten Menschen, dann waren das in der Tat durchweg Seeräuber oder blutige Privatfehden führende Freischärler, bestenfalls „Raubhändler“. Es ist einerseits sicher nicht historisch korrekt, alle mit der nordeuropäischen Expansion des frühen Mittelalters einhergehenden Aktivitäten, einschließlich der Kolonisation im Nordatlantik, unter dem Stichwort „Wikinger“ zusammenzufassen. Anderseits ist auch eine Engführung problematisch, weil die negative Konnotation von <i>vikingr</i> sich erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelte, und das Wort <i>viking</i> alle langen Seereisen umfasste.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/20-populare-irrtumer-uber-wikinger/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Auf der Suche nach der europäischen Schamanentradition</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/auf-der-suche-nach-der-europaischen-schamanentradition/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/auf-der-suche-nach-der-europaischen-schamanentradition/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 15:48:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[Ætt Feature]]></category>
		<category><![CDATA[Esoterik]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[germanisch]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Neoschamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Neoschamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Plastikschamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbild]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1787</guid>
		<description><![CDATA[<p><b>Versuch einer Annäherung in sechs Fragen.</b><br />
Von Martin Marheinecke</p>
<p>Schamanisch oder genauer gesagt, neoschamanisch arbeitenden Europäern wird oft der Vorwurf gemacht, sie begingen kulturellen Diebstahl an traditionellen Stammeskulturen. Diesen Diebstahl würden manche neoschamanisch Arbeitende mittels der „historischen Fiktion“, es gäbe „eigene Wurzeln“ des Schamanismus in Europa, bemänteln.<br />
Ist also Neoschamanismus kultureller Diebstahl? Gibt es einen europäischen Schamanismus,  beziehungsweise gab es ihn?<span id="more-1787"></span><br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5789750"><img src="http://u1.ipernity.com/12/97/50/5789750.8e038a4b.jpg" width="300" height="300" alt="Shamans Drum" border="0"/></a><br />
Foto: <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/File:Shamans_Drum.jpg" target="_blank" rel="lightbox[1787]">Wikimedia commons, Erdaal</a></p>
<p>Für jemanden, der sich nur oberflächlich mit dem Thema befasst, sieht die Entwicklung des Neoschamanismus oft ganz einfach aus:</p>
<p><i>Irgendwann, so um 1980, wurde es unter Esoterikern, spirituellen Sinnsuchern und Späthippies modern, sich mit Schamanismus zu beschäftigen.<br />
Ein paar Jahre später fanden einige dieser meist indianisch inspirierten Neoschamanen es irgendwie blöde, fremde Kulturen nachzuahmen. Sie suchten nach eigenen Wurzeln, nach einem europäischen Schamanismus.</i></p>
<p>Nun gibt es zwei Versionen:<br />
<i>Die wohlwollende geht davon aus, dass die wackeren Neoschamanen tatsächlich irgendwo ein paar Überreste eines europäischen Schamanismus gefunden hätten, an die sie, mehr oder weniger gelungen, anknüpfen.<br />
Die Anhänger der weniger wohlwollenden Version wollen wissen, dass europäischer Schamanismus Mumpitz und pures Wunschdenken sei, und dass Neoschamanen, gern pauschal „Plastikschamanen“ genannt, lügen oder bestenfalls sich selbst etwas vormachen. Ihre ganze Brisanz entfaltet diese Version, wenn sie mit dem Vorwurf des kulturellen Diebstahls kombiniert wird.</i></p>
<p>Ganz böse wird es erfahrungsgemäß, wenn vom „germanischem Schamanismus“ die Rede ist. Wer davon redet, fängt sich schnell das Wort „Gewäsch“ ein: Wer von germanischen Schamanen faselt, sei entweder betrunken, nicht bei Trost &#8211; oder heimlicher Nazi.<br />
Eine durchaus nachvollziehbare Ablehnung, angesichts der kühnen und im doppelten Sinne blauäugigen Behauptungen über die „uralte“ (am besten Steinzeit oder noch ein paar Steine weiter) und „allumfassende“ „germanische Spiritualität“, wie sie sich auf rechtsextremen „Heimseiten“ und in den Büchern braunstichiger Esoteriker finden. Politisch und moralisch motivierte Ablehnung bringt uns aber in der Frage, ob es bei germanischen Völkern Schamanismus gab oder nicht, nicht weiter.</p>
<p>Für die neoschamanische Arbeit ist es grundsätzlich egal, ob es eine authentische alte europäische Schamanentradition gibt oder eben nicht. Sogar für die germanisch ausgerichtete Gemeinschaft Nornirs Ætt, in der auch schamanisch gearbeitet wird, ist das in der Praxis eher zweitrangig.<br />
Dennoch ist die Frage nach dem europäischen Schamanismus im Allgemeinen und dem germanischen Schamanismus im Besonderen für uns nicht nur von akademischem Interesse.</p>
<p>Die erste, und meine Ansicht wichtigere Frage ist:</p>
<ul>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/1-ist-neoschamanismus-kultureller-diebstahl">Ist Neoschamanismus kultureller Diebstahl?</a></li>
</ul>
<p>Die zweite Frage: &#8220;Gibt es einen europäischen Schamanismus,  beziehungsweise gab es ihn?&#8221;   unterteile ich in fünf Teilfragen, in denen ich mich schrittweise der Antwort annähere:
<ul>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/2-wer-ist-eigentlich-ein-schamane-und-wer-nicht">Wer ist eigentlich ein Schamane, und wer nicht?</a></li>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/3-ist-schamanimus-ein-weltweites-phanomen/" target="_blank">Ist Schamanimus ein weltweites Phänomen?</a></li>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/4-gibt-es-schamanische-einflusse-in-unserer-%E2%80%9Eabendlandischen%E2%80%9C-kultur/">Gibt es schamanische Einflüsse in unserer „abendländischen“ Kultur?</a></li>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/5-gibt-es-in-europa-%E2%80%9Eechten%E2%80%9C-schamanismus/">Gibt es in Europa „echten“ Schamanismus?</a></li>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen">Germanische Schamanen?</a></li>
</ul>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/1-ist-neoschamanismus-kultureller-diebstahl">Weiter: 1. Ist Neoschamanismus kultureller Diebstahl?</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/auf-der-suche-nach-der-europaischen-schamanentradition/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><b>Versuch einer Annäherung in sechs Fragen.</b><br />
Von Martin Marheinecke</p>
<p>Schamanisch oder genauer gesagt, neoschamanisch arbeitenden Europäern wird oft der Vorwurf gemacht, sie begingen kulturellen Diebstahl an traditionellen Stammeskulturen. Diesen Diebstahl würden manche neoschamanisch Arbeitende mittels der „historischen Fiktion“, es gäbe „eigene Wurzeln“ des Schamanismus in Europa, bemänteln.<br />
Ist also Neoschamanismus kultureller Diebstahl? Gibt es einen europäischen Schamanismus,  beziehungsweise gab es ihn?<span id="more-1787"></span><br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5789750"><img src="http://u1.ipernity.com/12/97/50/5789750.8e038a4b.jpg" width="300" height="300" alt="Shamans Drum" border="0"/></a><br />
Foto: <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/File:Shamans_Drum.jpg" target="_blank" rel="lightbox[1787]">Wikimedia commons, Erdaal</a></p>
<p>Für jemanden, der sich nur oberflächlich mit dem Thema befasst, sieht die Entwicklung des Neoschamanismus oft ganz einfach aus:</p>
<p><i>Irgendwann, so um 1980, wurde es unter Esoterikern, spirituellen Sinnsuchern und Späthippies modern, sich mit Schamanismus zu beschäftigen.<br />
Ein paar Jahre später fanden einige dieser meist indianisch inspirierten Neoschamanen es irgendwie blöde, fremde Kulturen nachzuahmen. Sie suchten nach eigenen Wurzeln, nach einem europäischen Schamanismus.</i></p>
<p>Nun gibt es zwei Versionen:<br />
<i>Die wohlwollende geht davon aus, dass die wackeren Neoschamanen tatsächlich irgendwo ein paar Überreste eines europäischen Schamanismus gefunden hätten, an die sie, mehr oder weniger gelungen, anknüpfen.<br />
Die Anhänger der weniger wohlwollenden Version wollen wissen, dass europäischer Schamanismus Mumpitz und pures Wunschdenken sei, und dass Neoschamanen, gern pauschal „Plastikschamanen“ genannt, lügen oder bestenfalls sich selbst etwas vormachen. Ihre ganze Brisanz entfaltet diese Version, wenn sie mit dem Vorwurf des kulturellen Diebstahls kombiniert wird.</i></p>
<p>Ganz böse wird es erfahrungsgemäß, wenn vom „germanischem Schamanismus“ die Rede ist. Wer davon redet, fängt sich schnell das Wort „Gewäsch“ ein: Wer von germanischen Schamanen faselt, sei entweder betrunken, nicht bei Trost &#8211; oder heimlicher Nazi.<br />
Eine durchaus nachvollziehbare Ablehnung, angesichts der kühnen und im doppelten Sinne blauäugigen Behauptungen über die „uralte“ (am besten Steinzeit oder noch ein paar Steine weiter) und „allumfassende“ „germanische Spiritualität“, wie sie sich auf rechtsextremen „Heimseiten“ und in den Büchern braunstichiger Esoteriker finden. Politisch und moralisch motivierte Ablehnung bringt uns aber in der Frage, ob es bei germanischen Völkern Schamanismus gab oder nicht, nicht weiter.</p>
<p>Für die neoschamanische Arbeit ist es grundsätzlich egal, ob es eine authentische alte europäische Schamanentradition gibt oder eben nicht. Sogar für die germanisch ausgerichtete Gemeinschaft Nornirs Ætt, in der auch schamanisch gearbeitet wird, ist das in der Praxis eher zweitrangig.<br />
Dennoch ist die Frage nach dem europäischen Schamanismus im Allgemeinen und dem germanischen Schamanismus im Besonderen für uns nicht nur von akademischem Interesse.</p>
<p>Die erste, und meine Ansicht wichtigere Frage ist:</p>
<ul>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/1-ist-neoschamanismus-kultureller-diebstahl">Ist Neoschamanismus kultureller Diebstahl?</a></li>
</ul>
<p>Die zweite Frage: &#8220;Gibt es einen europäischen Schamanismus,  beziehungsweise gab es ihn?&#8221;   unterteile ich in fünf Teilfragen, in denen ich mich schrittweise der Antwort annähere:
<ul>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/2-wer-ist-eigentlich-ein-schamane-und-wer-nicht">Wer ist eigentlich ein Schamane, und wer nicht?</a></li>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/3-ist-schamanimus-ein-weltweites-phanomen/" target="_blank">Ist Schamanimus ein weltweites Phänomen?</a></li>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/4-gibt-es-schamanische-einflusse-in-unserer-%E2%80%9Eabendlandischen%E2%80%9C-kultur/">Gibt es schamanische Einflüsse in unserer „abendländischen“ Kultur?</a></li>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/5-gibt-es-in-europa-%E2%80%9Eechten%E2%80%9C-schamanismus/">Gibt es in Europa „echten“ Schamanismus?</a></li>
<li>
<a href="http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen">Germanische Schamanen?</a></li>
</ul>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/1-ist-neoschamanismus-kultureller-diebstahl">Weiter: 1. Ist Neoschamanismus kultureller Diebstahl?</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/auf-der-suche-nach-der-europaischen-schamanentradition/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>7</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>1. Ist Neoschamanismus kultureller Diebstahl?</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/1-ist-neoschamanismus-kultureller-diebstahl/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/1-ist-neoschamanismus-kultureller-diebstahl/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 15:47:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[Esoterik]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Missionierung]]></category>
		<category><![CDATA[Neoschamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Neoschamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Plastikschamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Verantwortung]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbild]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1783</guid>
		<description><![CDATA[<p>Diese Frage ist für das Problem der „europäischen Schamanismustradition“ so wichtig, dass sie unbedingt am Anfang behandelt werden muss. Da es in Mitteleuropa offensichtlich keine ungebrochene schamanische Tradition gibt, ist der Neoschamanimus darauf angewiesen, von außereuropäischen Traditionen zu lernen. Ist dieses Lernen ohne kulturellen Diebstahl oder wenigstens ohne ein kulturelles Plagiat nicht möglich, ist die Frage nach dem „eigenen Schamanismus“ allenfalls von historischem Interesse.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/ryuu/4249615"><img src="http://u1.ipernity.com/6/96/15/4249615.8f5716da.500.jpg" width="500" height="400" alt="trommel" border="0"/></a><br />
<i>Stimmbare neoschamanische Schamanentrommel</i><br />
Foto: <a href="http://riesenheim.net" target="_blank">Thursa</a> </p>
<p>Hinter dem Vorwurf des „kulturellen Diebstahls“ beziehungsweise der „spirituellen Ausbeutung“ steht die Vorstellung, dass schamanische Techniken nur den Angehörigen bestimmter indigener Volksgruppen zukommen, verbunden mit Kritik an der „weißen Gesellschaft“, die neben der jahrhundertelangen kolonialistischen und post-kolonialistischen Ausbeutung nun auch eine spirituelle Ausbeutung indigener Völker begonnen habe. Bekanntestes Beispiel ist die <a href="http://www.kondor.de/special/kriegs.html" target="_blank">„Kriegserklärung gegen die Ausbeuter der Lakota-Spritualität“ (Declaration of War Against Exploiters of Lakota Spirituality)</a>, die sich gegen „Plastikschamanen“ wendet.</p>
<p>„Plastikschamanen“ sind umgangssprachlich Scharlatane, die mit Versatzstücken aus „exotischen“ Kulturen arbeiten. Genauer: Plastikschamanen sind Menschen, die unzutreffenderweise behaupten, in das schamanische Wissen einer Stammeskultur eingeweiht zu sein, und aus dieser Amtsanmaßung Kapital schlagen. Das bedeutet, dass neoschamanisch Arbeitende nicht automatisch Plastikschamanen sind. Es können aber Angehörige einer traditionellen schamanistischen Stammeskultur Plastikschamanen sein – also durchaus auch „echte Indianer mit richtiger Stammesangehörigkeit“. Überwiegend aber sind es jedoch „weiße“ „Forschungsreisende“ und „Eingeweihte“, die gegen gutes Geld echte oder selbsterfundene Rituale anbieten, oder Bücher über ihre Version von (beispielsweise) „indianischer Spiritualität“ schreiben.<br />
Im Falle solcher Hochstapler und Geschäftemacher ist die „Kriegserklärung“ fraglos berechtigt. Die „Kriegserklärung“ geht aber darüber hinaus. Spirituelle Praktiken wie Schamanimus stünden allein den schamanistischen Stammesgesellschaften zu, und niemandem sonst. Auch Formen des Neoschamanismus, die keine bestimmte Tradition nachahmen, wären Diebstahl am geistigen Erbe indigener Kulturen, so etwa der Core-Schamanismus des Ethnologen Michael Harner, dem Gründer der „Foundation for Shamanic Studies“.<br />
Angesicht der weltweiten Verbreitung schamanischer Praktiken, zu der ich weiter unten mehr schreibe, ist es jedoch albern, den Schamanismus für einige wenige Kulturkreise zu beanspruchen. Ein wenig erinnerte dieser Teil der „Kriegserklärung“ an die Mahnung eines Afro-Amerikaners an einen „weißen“ Jazz-Musiker, er solle endlich aufhören, die schwarze Musik zu beklauen.</p>
<p>Schamanisches Arbeiten – egal, ob in einer traditionellen schamanischen Kultur oder im Rahmen eines „westlichen“ Neoschamanismus, hat, wie andere Kulturtechniken auch, zwei gleichermaßen wichtige Komponenten.<br />
Die eine ist die Technik, das schamanische „Know How“: Wie induziere ich Trance? Wie gehe ich bei einer Seelenrückholung vor? Wie weit kann ich gehen? Welche Gefahren gibt es und wie erkenne ich sie rechtzeitig? Schamanimus ist kein harmloses Freizeitvergnügen, sondern eine anerkannt wirksame psychotherapeutische Methode – der (traditionelle) Schamanismus wurde von der WHO 2002 als psychotherapeutische Methode anerkannt.<br />
Für das schamanische Arbeiten gilt, wie für andere Methoden der Psychotherapie: Keine Wirkung ohne Gefahren!<br />
Die andere Komponente der rituelle und kulturelle Rahmen, in die die schamanische Arbeit eingebettet wird. Das geht weit über das „Set and Setting“ hinaus, also die richtige Einstellung und die richtige Umgebung. Ohne eine dem schamanisch Arbeitenden und seinen „Klienten“ vertraute mythologische Bildsprache lässt sich nicht schamanisieren.</p>
<p>Nun lässt sich die Technik bei schamanischen Kulturen, etwa den Tuva aus Zentralasien oder den Cherokee aus Nordamerika erlernen. Wobei die Betonung auf „Lernen“ liegt – all zu oft gingen Feldforscher wenig respektvoll mit den von ihnen besuchten bzw. heimgesuchten „primitiven Kulturen“ einschließlich ihrer Schamanen um.</p>
<p>Ein weiteres, leider immer noch aktuelles Problem, ist die angemaßte Deutungshoheit „westlicher“ Forscher über „eingeborene“ spirituelle Praktiken. Die Schamanen wüssten nicht wirklich, was sie da täten, da müsste erst ein westlich gebildeter Forscher kommen, und es mit seinem geschulten analytischen Blick durchschauen. Dieses Problem stellt sich sogar beim Core-Schamanismus, obwohl Harner an für sich respektvoll ist und nicht zur „weißen Arroganz“ neigt. Ein schamanisierender Europäer sollte nie aus den Augen verlieren, dass auch der Core-Schamanismus letzten Endes ein Konstrukt „westlichen“ Denkens ist.</p>
<p>Wer selbst zu einem Schamanen, welcher Kultur auch immer, geht und ihn bittet, von ihm lernen zu wollen, und der Schamane erkennt diese Bitte an und lehrt ihn, der begeht keinen kulturellen Diebstahl. Entscheidend ist dabei aber, außer der Freiwilligkeit, dass der „Schüler“ nicht sein „Copyright“ auf das, was er da gelernt hat, stempelt, oder nicht etwa unter „Urheber“ vermerkt: „Irgend so eine ganz brauchbare Tradition ansonsten rückständiger Wilder.“</p>
<p>Ein handgreifliches Beispiel für echten kulturellen Diebstahl ist es, wenn zum Beispiel pharmazeutische Unternehmen sich traditionelle Heilmittel indigener Völker patentieren lassen und damit gutes Geld verdienen &#8211; „natürlich“ ohne die „Primitiven“, von deren Wissen man profitiert, angemessen zu beteiligen. Das gilt im Prinzip auch für Heilverfahren wie den Schamanismus, aber auch für „Eingeborenen-Folklore“ &#8211; die eigentlichen Urheber gehen dabei meist leer aus.<br />
Es gibt für einen heutigen Europäer, der schamanisch Arbeiten möchte, keine ernsthafte Alternative dazu, aus der spirituellen und religiösen Tradition anderer Völker zu lernen. Was nicht heißt, dass wir uns ungeniert &#8211; und vielleicht sogar ungefragt &#8211; daraus bedienen können. Das ist nicht nur ein Gebot der Fairness und des Respektes gegenüber fremden Kulturen. Wie ich schon erwähnte, funktioniert schamanisches Reisen nicht ohne eine vertraute mythologische Bildsprache. Rituale und Methoden, die zum Beispiel für eine Jägerkultur angemessen sind, unterscheiden sich zwangsläufig von denen einer Hirtenkultur, und diese wiederum von denen bei Ackerbauern. Dass traditioneller Schamanismus auch in einer modernen Industriegesellschaft funktionieren kann, zeigen beispielsweise die koreanischen Schamaninnen, aber auch die heutigen sibirischen Schamanen, die sich den Bedingungen des postsowjetischen Russlands erfolgreich angepasst haben. Davon kann der „Stadtschamane“ viel lernen, aber bloße Nachahmung würde, wegen der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, einfach nicht funktionieren.</p>
<p>Es ist für eine erfolgreiche schamanische Arbeit hilfreich, uns auf unsere eigenen Kräfte und Traditionen zu besinnen. Aus dieser Perspektive ist die Frage nach dem „europäischen Schamanismus“ weniger akademisch, als es aus der pragmatischen Sicht eines neoschamanisch Arbeitenden vielleicht scheinen mag.<br />
Es stimmt, unzählige Kulturen wurden und werden durch Europäer und Amerikaner europäischer Abstammung ihrer spirituellen und kulturellen Identität beraubt. Aber dabei sind die paar „Westler“, die sich mit „eingeborener“ Spiritualität mehr oder weniger ernsthaft auseinandersetzen, eine eher geringe Gefahr.<br />
Ein Blick in die traurige und meist blutige Geschichte des Kolonialismus, einschließlich der Eroberung des amerikanischen Westens und des russischen Ostens und der neo-kolonialistischen Praktiken der Gegenwart zeigt, wie indigene Kulturen wirklich ihrer Identität beraubt wurden: Durch Landraub und Vertreibung aus den ursprünglichen Lebensräumen. Durch Missionierung – wozu außer der Christianisierung auch ideologische „Umerziehung“, wie in der ehemaligen Sowjetunion, aber auch beispielsweise die planmäßiges Entfremdung der Kinder von der Kultur ihrer Eltern durch Internatserziehung gehört. Dazu gehören auch Verbote der alten Zeremonien, durch Missionare oder per Gesetz. Nicht zu vergessen, dass nicht nur Bergbau und Rodungen, nicht nur Umweltverschmutzung und „Kulturimperialismus“ durch Massenmedien traditionelle Kulturen bedrohen, sondern auch der Tourismus, selbst wenn ein selbstbestimmter, „sanfter“ Tourismus andererseits viel zur Rettung des kulturellen Erbes der Bereisten beitragen kann.<br />
Die, sicher oft gut gemeinte, Idee, sozusagen „Menschenschutzgebiete“ für bedrohte Völker einrichten zu wollen, ist näher betrachtet kolonialistisches Denken und Rassismus pur! Auch wenn solche Ideen unter dem Deckmantel eines wohlmeinenden „Etnopluralismus“ oder unter der falschen Flagge des Bioregionalismus daherkommen, ist es Apartheitdenken. Diese Ideen sind nicht allzu weit entfernt vom früheren rassistischen Südafrika mit seinen „Homelands“ und „Bantustans“.</p>
<p><b>Neoschamanismus kann unter Umständen tatsächlich „kultureller Diebstahl“ sein. Daher stelle ich folgende Faustregel auf:
<ul>
<li>
Von „fremden Traditionen“ lernen: <i>Ja.</i></li>
<li>Sich inspirieren lassen: <i>Ja.</i></li>
<li>Sie einfach kopieren: <i>Nein!</i></li>
</ul>
<p>Erst recht nicht akzeptabel ist es, Praktiken fremder Kulturen nachzuahmen und diese meist jämmerlichen Plagiate als „authentisch“ ausgeben. Diese Art Schwindel ist eine Masche der berüchtigten „Plastikschamanen“.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/2-wer-ist-eigentlich-ein-schamane-und-wer-nicht">2. Wer ist eigentlich ein Schamane, und wer nicht?</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/1-ist-neoschamanismus-kultureller-diebstahl/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Diese Frage ist für das Problem der „europäischen Schamanismustradition“ so wichtig, dass sie unbedingt am Anfang behandelt werden muss. Da es in Mitteleuropa offensichtlich keine ungebrochene schamanische Tradition gibt, ist der Neoschamanimus darauf angewiesen, von außereuropäischen Traditionen zu lernen. Ist dieses Lernen ohne kulturellen Diebstahl oder wenigstens ohne ein kulturelles Plagiat nicht möglich, ist die Frage nach dem „eigenen Schamanismus“ allenfalls von historischem Interesse.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/ryuu/4249615"><img src="http://u1.ipernity.com/6/96/15/4249615.8f5716da.500.jpg" width="500" height="400" alt="trommel" border="0"/></a><br />
<i>Stimmbare neoschamanische Schamanentrommel</i><br />
Foto: <a href="http://riesenheim.net" target="_blank">Thursa</a> </p>
<p>Hinter dem Vorwurf des „kulturellen Diebstahls“ beziehungsweise der „spirituellen Ausbeutung“ steht die Vorstellung, dass schamanische Techniken nur den Angehörigen bestimmter indigener Volksgruppen zukommen, verbunden mit Kritik an der „weißen Gesellschaft“, die neben der jahrhundertelangen kolonialistischen und post-kolonialistischen Ausbeutung nun auch eine spirituelle Ausbeutung indigener Völker begonnen habe. Bekanntestes Beispiel ist die <a href="http://www.kondor.de/special/kriegs.html" target="_blank">„Kriegserklärung gegen die Ausbeuter der Lakota-Spritualität“ (Declaration of War Against Exploiters of Lakota Spirituality)</a>, die sich gegen „Plastikschamanen“ wendet.</p>
<p>„Plastikschamanen“ sind umgangssprachlich Scharlatane, die mit Versatzstücken aus „exotischen“ Kulturen arbeiten. Genauer: Plastikschamanen sind Menschen, die unzutreffenderweise behaupten, in das schamanische Wissen einer Stammeskultur eingeweiht zu sein, und aus dieser Amtsanmaßung Kapital schlagen. Das bedeutet, dass neoschamanisch Arbeitende nicht automatisch Plastikschamanen sind. Es können aber Angehörige einer traditionellen schamanistischen Stammeskultur Plastikschamanen sein – also durchaus auch „echte Indianer mit richtiger Stammesangehörigkeit“. Überwiegend aber sind es jedoch „weiße“ „Forschungsreisende“ und „Eingeweihte“, die gegen gutes Geld echte oder selbsterfundene Rituale anbieten, oder Bücher über ihre Version von (beispielsweise) „indianischer Spiritualität“ schreiben.<br />
Im Falle solcher Hochstapler und Geschäftemacher ist die „Kriegserklärung“ fraglos berechtigt. Die „Kriegserklärung“ geht aber darüber hinaus. Spirituelle Praktiken wie Schamanimus stünden allein den schamanistischen Stammesgesellschaften zu, und niemandem sonst. Auch Formen des Neoschamanismus, die keine bestimmte Tradition nachahmen, wären Diebstahl am geistigen Erbe indigener Kulturen, so etwa der Core-Schamanismus des Ethnologen Michael Harner, dem Gründer der „Foundation for Shamanic Studies“.<br />
Angesicht der weltweiten Verbreitung schamanischer Praktiken, zu der ich weiter unten mehr schreibe, ist es jedoch albern, den Schamanismus für einige wenige Kulturkreise zu beanspruchen. Ein wenig erinnerte dieser Teil der „Kriegserklärung“ an die Mahnung eines Afro-Amerikaners an einen „weißen“ Jazz-Musiker, er solle endlich aufhören, die schwarze Musik zu beklauen.</p>
<p>Schamanisches Arbeiten – egal, ob in einer traditionellen schamanischen Kultur oder im Rahmen eines „westlichen“ Neoschamanismus, hat, wie andere Kulturtechniken auch, zwei gleichermaßen wichtige Komponenten.<br />
Die eine ist die Technik, das schamanische „Know How“: Wie induziere ich Trance? Wie gehe ich bei einer Seelenrückholung vor? Wie weit kann ich gehen? Welche Gefahren gibt es und wie erkenne ich sie rechtzeitig? Schamanimus ist kein harmloses Freizeitvergnügen, sondern eine anerkannt wirksame psychotherapeutische Methode – der (traditionelle) Schamanismus wurde von der WHO 2002 als psychotherapeutische Methode anerkannt.<br />
Für das schamanische Arbeiten gilt, wie für andere Methoden der Psychotherapie: Keine Wirkung ohne Gefahren!<br />
Die andere Komponente der rituelle und kulturelle Rahmen, in die die schamanische Arbeit eingebettet wird. Das geht weit über das „Set and Setting“ hinaus, also die richtige Einstellung und die richtige Umgebung. Ohne eine dem schamanisch Arbeitenden und seinen „Klienten“ vertraute mythologische Bildsprache lässt sich nicht schamanisieren.</p>
<p>Nun lässt sich die Technik bei schamanischen Kulturen, etwa den Tuva aus Zentralasien oder den Cherokee aus Nordamerika erlernen. Wobei die Betonung auf „Lernen“ liegt – all zu oft gingen Feldforscher wenig respektvoll mit den von ihnen besuchten bzw. heimgesuchten „primitiven Kulturen“ einschließlich ihrer Schamanen um.</p>
<p>Ein weiteres, leider immer noch aktuelles Problem, ist die angemaßte Deutungshoheit „westlicher“ Forscher über „eingeborene“ spirituelle Praktiken. Die Schamanen wüssten nicht wirklich, was sie da täten, da müsste erst ein westlich gebildeter Forscher kommen, und es mit seinem geschulten analytischen Blick durchschauen. Dieses Problem stellt sich sogar beim Core-Schamanismus, obwohl Harner an für sich respektvoll ist und nicht zur „weißen Arroganz“ neigt. Ein schamanisierender Europäer sollte nie aus den Augen verlieren, dass auch der Core-Schamanismus letzten Endes ein Konstrukt „westlichen“ Denkens ist.</p>
<p>Wer selbst zu einem Schamanen, welcher Kultur auch immer, geht und ihn bittet, von ihm lernen zu wollen, und der Schamane erkennt diese Bitte an und lehrt ihn, der begeht keinen kulturellen Diebstahl. Entscheidend ist dabei aber, außer der Freiwilligkeit, dass der „Schüler“ nicht sein „Copyright“ auf das, was er da gelernt hat, stempelt, oder nicht etwa unter „Urheber“ vermerkt: „Irgend so eine ganz brauchbare Tradition ansonsten rückständiger Wilder.“</p>
<p>Ein handgreifliches Beispiel für echten kulturellen Diebstahl ist es, wenn zum Beispiel pharmazeutische Unternehmen sich traditionelle Heilmittel indigener Völker patentieren lassen und damit gutes Geld verdienen &#8211; „natürlich“ ohne die „Primitiven“, von deren Wissen man profitiert, angemessen zu beteiligen. Das gilt im Prinzip auch für Heilverfahren wie den Schamanismus, aber auch für „Eingeborenen-Folklore“ &#8211; die eigentlichen Urheber gehen dabei meist leer aus.<br />
Es gibt für einen heutigen Europäer, der schamanisch Arbeiten möchte, keine ernsthafte Alternative dazu, aus der spirituellen und religiösen Tradition anderer Völker zu lernen. Was nicht heißt, dass wir uns ungeniert &#8211; und vielleicht sogar ungefragt &#8211; daraus bedienen können. Das ist nicht nur ein Gebot der Fairness und des Respektes gegenüber fremden Kulturen. Wie ich schon erwähnte, funktioniert schamanisches Reisen nicht ohne eine vertraute mythologische Bildsprache. Rituale und Methoden, die zum Beispiel für eine Jägerkultur angemessen sind, unterscheiden sich zwangsläufig von denen einer Hirtenkultur, und diese wiederum von denen bei Ackerbauern. Dass traditioneller Schamanismus auch in einer modernen Industriegesellschaft funktionieren kann, zeigen beispielsweise die koreanischen Schamaninnen, aber auch die heutigen sibirischen Schamanen, die sich den Bedingungen des postsowjetischen Russlands erfolgreich angepasst haben. Davon kann der „Stadtschamane“ viel lernen, aber bloße Nachahmung würde, wegen der unterschiedlichen kulturellen Hintergründe, einfach nicht funktionieren.</p>
<p>Es ist für eine erfolgreiche schamanische Arbeit hilfreich, uns auf unsere eigenen Kräfte und Traditionen zu besinnen. Aus dieser Perspektive ist die Frage nach dem „europäischen Schamanismus“ weniger akademisch, als es aus der pragmatischen Sicht eines neoschamanisch Arbeitenden vielleicht scheinen mag.<br />
Es stimmt, unzählige Kulturen wurden und werden durch Europäer und Amerikaner europäischer Abstammung ihrer spirituellen und kulturellen Identität beraubt. Aber dabei sind die paar „Westler“, die sich mit „eingeborener“ Spiritualität mehr oder weniger ernsthaft auseinandersetzen, eine eher geringe Gefahr.<br />
Ein Blick in die traurige und meist blutige Geschichte des Kolonialismus, einschließlich der Eroberung des amerikanischen Westens und des russischen Ostens und der neo-kolonialistischen Praktiken der Gegenwart zeigt, wie indigene Kulturen wirklich ihrer Identität beraubt wurden: Durch Landraub und Vertreibung aus den ursprünglichen Lebensräumen. Durch Missionierung – wozu außer der Christianisierung auch ideologische „Umerziehung“, wie in der ehemaligen Sowjetunion, aber auch beispielsweise die planmäßiges Entfremdung der Kinder von der Kultur ihrer Eltern durch Internatserziehung gehört. Dazu gehören auch Verbote der alten Zeremonien, durch Missionare oder per Gesetz. Nicht zu vergessen, dass nicht nur Bergbau und Rodungen, nicht nur Umweltverschmutzung und „Kulturimperialismus“ durch Massenmedien traditionelle Kulturen bedrohen, sondern auch der Tourismus, selbst wenn ein selbstbestimmter, „sanfter“ Tourismus andererseits viel zur Rettung des kulturellen Erbes der Bereisten beitragen kann.<br />
Die, sicher oft gut gemeinte, Idee, sozusagen „Menschenschutzgebiete“ für bedrohte Völker einrichten zu wollen, ist näher betrachtet kolonialistisches Denken und Rassismus pur! Auch wenn solche Ideen unter dem Deckmantel eines wohlmeinenden „Etnopluralismus“ oder unter der falschen Flagge des Bioregionalismus daherkommen, ist es Apartheitdenken. Diese Ideen sind nicht allzu weit entfernt vom früheren rassistischen Südafrika mit seinen „Homelands“ und „Bantustans“.</p>
<p><b>Neoschamanismus kann unter Umständen tatsächlich „kultureller Diebstahl“ sein. Daher stelle ich folgende Faustregel auf:
<ul>
<li>
Von „fremden Traditionen“ lernen: <i>Ja.</i></li>
<li>Sich inspirieren lassen: <i>Ja.</i></li>
<li>Sie einfach kopieren: <i>Nein!</i></li>
</ul>
<p>Erst recht nicht akzeptabel ist es, Praktiken fremder Kulturen nachzuahmen und diese meist jämmerlichen Plagiate als „authentisch“ ausgeben. Diese Art Schwindel ist eine Masche der berüchtigten „Plastikschamanen“.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/2-wer-ist-eigentlich-ein-schamane-und-wer-nicht">2. Wer ist eigentlich ein Schamane, und wer nicht?</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/1-ist-neoschamanismus-kultureller-diebstahl/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>2. Wer ist eigentlich ein Schamane, und wer nicht?</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/2-wer-ist-eigentlich-ein-schamane-und-wer-nicht/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/2-wer-ist-eigentlich-ein-schamane-und-wer-nicht/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 15:46:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[altsteinzeit]]></category>
		<category><![CDATA[Esoterik]]></category>
		<category><![CDATA[Ethnologie]]></category>
		<category><![CDATA[Ewenken]]></category>
		<category><![CDATA[Geistreise]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Hexen]]></category>
		<category><![CDATA[Hexerei]]></category>
		<category><![CDATA[Hirtennomanden]]></category>
		<category><![CDATA[magie]]></category>
		<category><![CDATA[magisch]]></category>
		<category><![CDATA[magisches Weltbild]]></category>
		<category><![CDATA[ritual]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sibirien]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Tungusen]]></category>
		<category><![CDATA[Turkvölker]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbild]]></category>
		<category><![CDATA[Zauberei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1779</guid>
		<description><![CDATA[<p>Früher einmal war diese Frage nur für ethnologisch Interessierte von Belang. Seit der „Schamanen-Welle“ der 1980er Jahre wird sie sogar von Menschen, für die ein Mittagessen im China-Restaurant schon der Gipfel ihres Interesses an anderen Kulturen ist, gestellt.<br />
Dabei wird spätestens seit der „Schamanen-Welle“ der Begriff „Schamane“ im nicht-fachlichen Sprachgebrauch geradezu inflationär verwendet. Jeder „Medizinmann“, jede „weise Frau“, jeder „Zauberer“, jede „Heilerin“ usw. wird, alle vorhandenen Unterschiede ignorierend, „Schamane“genannt &#8211; Hauptsache, der jeweilige Mensch gehört einer „exotischen“ oder „primitiven“ Kultur an. Das Etikett, zu dem der Begriff „Schamanismus“ wurde, betont einseitig die magischen, spirituellen Aspekte einer fremden Kultur, vertieft die Kluft zwischen „uns“ und „den Anderen“, und ist eng mit dem Klischee des „Edlen Wilden“ verbunden.<br />
Die Kehrseite der Schamanenschwärmerei und des Schamanenexotismus ist daher, dass Schamanismus geradezu ein Synonym für Primitivität und für abergläubischen Hokuspokus wurde.  Unter Medizinern ist zum Beispiel „Schamane“ ein gängiger Spottname für Quacksalber, die unseriöse „Naturheilverfahren“ praktizieren. Noch unschärfer ist der Sprachgebrauch in der Esoterik-Szene, wo so ziemlich alles, was mit Trommeln oder Trance zu tun hat und „irgendwie exotisch“ ist, „schamanisch“ genannt wird.</p>
<p>Aber auch im seriöserem Umfeld, etwa dem der Ethnologie oder der Religionswissenschaft, ist  keineswegs unstrittig, wer ein Schamane ist und wer nicht. Es gibt Wissenschaftler, die den Begriff Schamanismus für ganz bestimmte Praktiken einiger sibirischer Stammeskulturen reservieren. Es gibt aber auch andere Ansätze, in denen der Schamanismus ein geradezu universelles Phänomen erscheint, wie etwa der Mircea Eliades. Die Antwort, ob es zum Beispiel in der jüngeren Altsteinzeit Mitteleuropas Schamanismus gab, oder ob es eine Verbindung zwischen Hexenglauben und Schamanismus gibt, hängt also auch von der jeweiligen Definition für „schamanistisch“ ab.<br />
In der ethnologischen Praxis hat es sich bewährt, zwischen <i>Schamanismus im engere Sinne</i>, wie es ihn im nördlichen Asien gibt, vom <i>Schamanismus im weiteren Sinne</i>, und von <i>schamanischen Praktiken</i>, die im unterschiedlichen Maße fast überall auf der Erde zu finden sind, zu unterscheiden.<br />
Klar vom traditionellen Schamanismus zu trennen ist der <i>Neoschamanismus</i>. Hier gilt die Faustregel: <i>Wer neoschamanisch arbeitet und sich selbst Schamane nennt, ist wahrscheinlich ein Hochstapler.</i><br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5031330"><img src="http://u1.ipernity.com/11/13/30/5031330.8f3229f1.500.jpg" width="334" height="500" alt="Altai Schamanin" border="0"/></a><br />
<i>Schamanin aus dem Altai-Gebirge, wahrscheinlich vom Volke der Khakas (oder Khakasen). Russische Postkarte (coloriertes Foto) aus dem Jahr 1908.</i></p>
<p>Das Wort „Schamane“ stammt aus der Sprache der Ewenken, einer kleinen, tungusisch sprechenden Gruppe von Jägern und Rentierhirten in Sibirien. Auf tungisisch bedeutet šaman, von „ša“ &#8211; „wissen“, „denken“ &#8211; soviel wie „der Wissende“ oder „der Weise“.<br />
Schamanen sind, kurz gesagt, spirituelle Spezialisten mit sozialer Funktion. Schamanen schützen die Mitglieder ihrer Gemeinschaft vor Krankheit, Hunger und geistigen Angriffen, wobei sie sich hauptsächlich um die Probleme der einzelner zur Gemeinschaft gehörenden Menschen kümmern. Schamanen arbeiten in der Regel an nichtöffentlichen Orten und bedienen sich veränderter Bewusstseinszustände, um sich mit der nichtalltäglichen Wirklichkeit zu verbinden. Priester haben hingegen stärker formalisierte Rollen, sie arbeiten meist für die gesamte Gemeinschaft gleichzeitig und an öffentlich zugänglichen Orten.<br />
Schamanen sind sozusagen „spirituelle Handwerker“. Sie werden oft, anders als z. B. Priester, von ihren Klienten bezahlt – in Stammesgesellschaften üblicherweise in Naturalien. Typischerweise arbeitet ein Schamane in Teilzeit und ist nebenher, je nach Kultur, z. B. Hirte, Jäger, Bauer, Schmied oder Heilpraktiker. „Er“ ist nicht ganz richtig, denn obwohl Schamanen in Sibirien meistens männlich sind, kennen andere Kulturen, vor allem in Ostasien, überwiegend Schamaninnen.</p>
<p>Die wichtigste traditionelle Aufgabe eines Schamanen in einer Hirten- oder Jägerkultur ist der Kontakt mit den Tiergeistern. In diesen Kulturen gehen die Menschen davon aus, dass alle Dinge – oder zumindest alle Tiere – beseelt sind. Ein nomadischer Hirte ist weitaus stärker als ein Bauer, der sein Vieh im Stall und auf der umzäunten Weide hält, auf das Wohlwollen seiner Tiere angewiesen – die er andererseits schlachtet oder schlachten lässt. Noch schärfer ist das Dilemma des Jägers. Er muss beseelten Wesen gewaltsam und oft heimtückisch das Leben nehmen, um das eigene Leben und das Leben des Stammes zu erhalten. Daraus ergibt sich die Vorstellung, dass man für die Seelen der erlegten Tiere einen Ausgleich leisten muss. Sind die Geister der Tiere verärgert, ist es Aufgabe des Schamanen, für Abhilfe zu sorgen. Je nach Situation durch Kampf, durch kluge Diskussion oder durch inständiges Bitten überzeugt ein fähiger Schamane die Tiergeister. Manchmal erhält er von den Geistwesen auch einen guten Rat, wie das gestörte Gleichgewicht zwischen Menschen und Tieren auf der Ebene der alltäglichen Wirklichkeit in Ordnung gebracht werden kann. Es gibt allerdings auch gefährlich Geistwesen, die den Schamanen bedrohen, schlagen oder foltern. Eine realweltliche Gefahr für Schamanen, die sich überschätzen, kann andauernder Wahnsinn sein.<br />
Praktiken wie Wettermachen und Abwehr magischer Angriffe sind weitere wichtige Aufgaben im schamanischen Berufsfeld. Eine der wichtigsten schamanischen Arbeiten im Grenzbereich zwischen Magie und psychotherapeutischem Handwerk ist die Rückführung verlorener Seelen oder Seelenteile.</p>
<p>Für die Ewenken ist der Schamane bis heute so etwas wie Heilpraktiker, Psychotherapeut, Sozialarbeiter und Orakel in einer Person. In anderen Kulturen steht eher die Funktion des spirituellen Heilers und Wegweisers im Vordergrund, in wieder anderen die Aufgaben des Exorzisten, die des Begleiters der Seelen Verstorbener ins Totenreich oder die des Zeremonienmeisters bei Ritualen – wobei sich die Aufgaben von Schamane und Priester überschneiden können. Die Realität des Schamanismus ist meistens ziemlich nüchtern, es geht dabei fast immer um Lebenshilfe in Alltagsfragen. Europäische oder nordamerikanische Gäste, die romantisch verklärten Trance-Exotismus erwarten, sind von „echten“ Schamanen regelmäßig enttäuscht.</p>
<p>Ein wesentliches Merkmal des Schamanismus ist die Trancereise, wobei die Seele (oder der „Geistkörper“, der „Schattenleib“, der „Astralkörper“ usw.) des Schamanen den Körper und unsere „Konsensrealität“, die <i>Alltägliche Wirklichkeit</i>, verlässt und zu „anderen Welten“, in die <i>Nicht-alltägliche Wirklichkeit</i> reist. Es gibt aber auch Schamanen, die innerhalb „unserer Welt“ reisen, manchmal über tausende Kilometer. Ein Zwischending zwischen Andersweltreise und astraler Reise in der Konsensrealität sind schamanische Reisen zum Mond oder zu anderen Himmelskörpern. Es gibt sogar Schamanen, die behaupten, die „nicht alltägliche Wirklichkeit“ auch körperliche bereisen zu können.<br />
Ein entscheidendes Merkmal der Schamanen ist die soziale Funktion – ein als Einsiedler lebender Mystiker ist zum Beispiel selbst dann kein Schamane, wenn er „schamanische“ Fähigkeiten hat und ausübt.<br />
Damit ist klar, dass nicht jede Person, die in irgendeiner Weise Kontakt zu Geistern hat oder in Trance in einen anderen Seinszustand tritt, ein Schamane ist. Andere sozusagen konkurrierende, Formen der Kontaktaufnahme mit Wesenheiten &#8211; Geistern, Dämonen und Göttern, aber auch die Geister/Seelen von Menschen, Tieren, Pflanzen und Landschaften &#8211; sind die <i>Evokation</i> (eine Wesenheit wird herbeigerufen), die <i>Invokation</i> (die Wesenheit ergreift Besitz vom Körper des Mediums) und die <i>Durchsage</i> (im Esoterik-Jargon meist „Channeling“ genannt). Nicht alle Trancemedien haben etwas mit Schamanismus zu tun!</p>
<p>Um die Trance zu erreichen, setzt ein Schamane verschiedenster Mittel ein, vor allem rhythmisches Trommeln, rituelle Gesänge, Tanz, halluzinogene Drogen (z. B. Peyote), Fasten, meditative Versenkung. Oft werden diese Methoden kombiniert, beispielsweise Gesang mit Trommeln, Tanz und berauschendem Räucherwerk. Durch seine Trancereisen und seine Kommunikation mit den Wesenheiten der nichtalltäglichen Realität erlangt ein Schamane Fähigkeiten der Heilung und Weissagung sowie verschiedenste magische Kräfte.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5789750"><img src="http://u1.ipernity.com/12/97/50/5789750.8e038a4b.jpg" width="300" height="300" alt="Shamans Drum" border="0"/></a><br />
<i>Darstellung der tengristischen Drei-Welten-Kosmologie. Der senkrechte Pfeil symbolisiert den Weltenbaum, der in der Mitte der Welt steht. Er verbindet Unterwelt, irdische Welt und Himmel miteinander. Diese Darstellung findet man auf Schamanentrommeln der Türken, Mongolen und Tungusen in Zentralasien und Sibirien. Graphik: Wikimedia Commons, Erdaal</i> </p>
<p>Das schamanische Weltbild ist in „Schichten“ &#8211; Existenzebenen, Paralleluniversen oder schlicht Welten &#8211; gegliedert; neben dem besonders häufig nachgewiesenen dreischichtigen Modell (Himmel, Erde, Unterwelt) kommen auch sieben oder neunschichtige Modelle vor. Eine Achse, der Weltenbaum, verbindet die Welten des schamanischen Universums. Wenn Schamanen von anderen Welten sprechen, meinen sie nicht, dass diese von der Alltagswelt getrennt sind. Vielmehr repräsentieren jene anderen Welten die wahre Natur der Dinge und die tieferen Ursachen der Ereignisse in dieser Welt. Auf ihren geistigen Reisen werden Schamanen von ihrem tiergestaltigen Helfer, dem Krafttier, manchmal sogar von mehreren, begleitet. Neben den Krafttieren gibt es Hilfsgeister, die Schamanen bei ihren schweren Aufgaben unterstützen.<br />
Um Schamane zu werden, bedarf es eines Berufungserlebnisses – meistens einer Vision – einer regelrechten Lehrzeit bei einem erfahrenen Schamanen und einer Initiation. Oft muss ein angehender Schamane eine schwere „schamanischen Krankheit“ überleben. Die Initiation wird von Schamanen oft so erlebt, dass er zerstückelt oder gefressen wird, jedenfalls einen drastischen symbolischen Tod erleidet, auf den eine Neugeburt als Schamane folgt. Schamane sein ist nicht einfach. Außerdem tragen Schamanen viel Verantwortung, unter Umständen hängt die Fortexistenz des Stammes von ihnen ab. Deshalb ist es kein Wunder, dass selbst in intakten schamanischen Kulturen Tricks und Täuschungen an der Tagesordnung sind. Das braucht kein Betrug zu sein, denn eine meditative Trance gibt für die Zuschauer nun einmal wenig her. Die „Show“ gehört deshalb bei vielen Schamanen dazu.<br />
In einigen Fällen haben diese Tricks durchaus ihren therapeutischen Wert, wenn z. B. ein vorgeblich aus dem Körper des Patienten „ausgesaugtes“ Greifvogelgewölle als Krankheitsgeist ausgegeben wird. Das Gewölle erleichtert dem Patienten, sich den Heilungsvorgang vorzustellen, was auf psychosomatischen Weg die Heilung fördert.. Schamanisches Heilen hat viel mit mit geschickt eingesetzten Placeboeffekten zu tun.</p>
<p>Dass Schamane „der Wissende“ oder „der Weise“ bedeutet, ist kein Zufall. Dieser Beruf erfordert überlegene Intelligenz und ein weitreichendes Wissen. Ethnologen und sogar Missionare rühmten immer wieder die Selbstdisziplin, Konzentrationskraft und Klugheit der Schamanen. Außerdem braucht ein Schamane schauspielerische, rhetorische und musikalische Fähigkeiten.<br />
Der Schamanismus ist für sich genommen keine Religion, und er „funktioniert“ mit verschiedenen religiösen Weltbildern. Es gibt durchaus buddhistische, hinduistische und sogar islamische und christliche Schamanen – wenn auch monotheistische Religionen sich mit dem schamanischen Weltbild schwerer tun als polytheistische.</p>
<p><b>Schamanen sind „sprituelle Handwerker“ mit einer für die Mitglieder ihrer Gemeinschaft wichtigen sozialen Funktion. Sie sind Mittler zwischen der Alltagsrealität und den hinter und neben der alltäglichen Wirklichkeit liegenden Anderswelt. Nicht jede Art spiritueller Heiler ist ein Schamane, und nicht alle Schamanen heilen.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/3-ist-schamanimus-ein-weltweites-phanomen/">3. Ist Schamanimus ein weltweites Phänomen?</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/2-wer-ist-eigentlich-ein-schamane-und-wer-nicht/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Früher einmal war diese Frage nur für ethnologisch Interessierte von Belang. Seit der „Schamanen-Welle“ der 1980er Jahre wird sie sogar von Menschen, für die ein Mittagessen im China-Restaurant schon der Gipfel ihres Interesses an anderen Kulturen ist, gestellt.<br />
Dabei wird spätestens seit der „Schamanen-Welle“ der Begriff „Schamane“ im nicht-fachlichen Sprachgebrauch geradezu inflationär verwendet. Jeder „Medizinmann“, jede „weise Frau“, jeder „Zauberer“, jede „Heilerin“ usw. wird, alle vorhandenen Unterschiede ignorierend, „Schamane“genannt &#8211; Hauptsache, der jeweilige Mensch gehört einer „exotischen“ oder „primitiven“ Kultur an. Das Etikett, zu dem der Begriff „Schamanismus“ wurde, betont einseitig die magischen, spirituellen Aspekte einer fremden Kultur, vertieft die Kluft zwischen „uns“ und „den Anderen“, und ist eng mit dem Klischee des „Edlen Wilden“ verbunden.<br />
Die Kehrseite der Schamanenschwärmerei und des Schamanenexotismus ist daher, dass Schamanismus geradezu ein Synonym für Primitivität und für abergläubischen Hokuspokus wurde.  Unter Medizinern ist zum Beispiel „Schamane“ ein gängiger Spottname für Quacksalber, die unseriöse „Naturheilverfahren“ praktizieren. Noch unschärfer ist der Sprachgebrauch in der Esoterik-Szene, wo so ziemlich alles, was mit Trommeln oder Trance zu tun hat und „irgendwie exotisch“ ist, „schamanisch“ genannt wird.</p>
<p>Aber auch im seriöserem Umfeld, etwa dem der Ethnologie oder der Religionswissenschaft, ist  keineswegs unstrittig, wer ein Schamane ist und wer nicht. Es gibt Wissenschaftler, die den Begriff Schamanismus für ganz bestimmte Praktiken einiger sibirischer Stammeskulturen reservieren. Es gibt aber auch andere Ansätze, in denen der Schamanismus ein geradezu universelles Phänomen erscheint, wie etwa der Mircea Eliades. Die Antwort, ob es zum Beispiel in der jüngeren Altsteinzeit Mitteleuropas Schamanismus gab, oder ob es eine Verbindung zwischen Hexenglauben und Schamanismus gibt, hängt also auch von der jeweiligen Definition für „schamanistisch“ ab.<br />
In der ethnologischen Praxis hat es sich bewährt, zwischen <i>Schamanismus im engere Sinne</i>, wie es ihn im nördlichen Asien gibt, vom <i>Schamanismus im weiteren Sinne</i>, und von <i>schamanischen Praktiken</i>, die im unterschiedlichen Maße fast überall auf der Erde zu finden sind, zu unterscheiden.<br />
Klar vom traditionellen Schamanismus zu trennen ist der <i>Neoschamanismus</i>. Hier gilt die Faustregel: <i>Wer neoschamanisch arbeitet und sich selbst Schamane nennt, ist wahrscheinlich ein Hochstapler.</i><br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5031330"><img src="http://u1.ipernity.com/11/13/30/5031330.8f3229f1.500.jpg" width="334" height="500" alt="Altai Schamanin" border="0"/></a><br />
<i>Schamanin aus dem Altai-Gebirge, wahrscheinlich vom Volke der Khakas (oder Khakasen). Russische Postkarte (coloriertes Foto) aus dem Jahr 1908.</i></p>
<p>Das Wort „Schamane“ stammt aus der Sprache der Ewenken, einer kleinen, tungusisch sprechenden Gruppe von Jägern und Rentierhirten in Sibirien. Auf tungisisch bedeutet šaman, von „ša“ &#8211; „wissen“, „denken“ &#8211; soviel wie „der Wissende“ oder „der Weise“.<br />
Schamanen sind, kurz gesagt, spirituelle Spezialisten mit sozialer Funktion. Schamanen schützen die Mitglieder ihrer Gemeinschaft vor Krankheit, Hunger und geistigen Angriffen, wobei sie sich hauptsächlich um die Probleme der einzelner zur Gemeinschaft gehörenden Menschen kümmern. Schamanen arbeiten in der Regel an nichtöffentlichen Orten und bedienen sich veränderter Bewusstseinszustände, um sich mit der nichtalltäglichen Wirklichkeit zu verbinden. Priester haben hingegen stärker formalisierte Rollen, sie arbeiten meist für die gesamte Gemeinschaft gleichzeitig und an öffentlich zugänglichen Orten.<br />
Schamanen sind sozusagen „spirituelle Handwerker“. Sie werden oft, anders als z. B. Priester, von ihren Klienten bezahlt – in Stammesgesellschaften üblicherweise in Naturalien. Typischerweise arbeitet ein Schamane in Teilzeit und ist nebenher, je nach Kultur, z. B. Hirte, Jäger, Bauer, Schmied oder Heilpraktiker. „Er“ ist nicht ganz richtig, denn obwohl Schamanen in Sibirien meistens männlich sind, kennen andere Kulturen, vor allem in Ostasien, überwiegend Schamaninnen.</p>
<p>Die wichtigste traditionelle Aufgabe eines Schamanen in einer Hirten- oder Jägerkultur ist der Kontakt mit den Tiergeistern. In diesen Kulturen gehen die Menschen davon aus, dass alle Dinge – oder zumindest alle Tiere – beseelt sind. Ein nomadischer Hirte ist weitaus stärker als ein Bauer, der sein Vieh im Stall und auf der umzäunten Weide hält, auf das Wohlwollen seiner Tiere angewiesen – die er andererseits schlachtet oder schlachten lässt. Noch schärfer ist das Dilemma des Jägers. Er muss beseelten Wesen gewaltsam und oft heimtückisch das Leben nehmen, um das eigene Leben und das Leben des Stammes zu erhalten. Daraus ergibt sich die Vorstellung, dass man für die Seelen der erlegten Tiere einen Ausgleich leisten muss. Sind die Geister der Tiere verärgert, ist es Aufgabe des Schamanen, für Abhilfe zu sorgen. Je nach Situation durch Kampf, durch kluge Diskussion oder durch inständiges Bitten überzeugt ein fähiger Schamane die Tiergeister. Manchmal erhält er von den Geistwesen auch einen guten Rat, wie das gestörte Gleichgewicht zwischen Menschen und Tieren auf der Ebene der alltäglichen Wirklichkeit in Ordnung gebracht werden kann. Es gibt allerdings auch gefährlich Geistwesen, die den Schamanen bedrohen, schlagen oder foltern. Eine realweltliche Gefahr für Schamanen, die sich überschätzen, kann andauernder Wahnsinn sein.<br />
Praktiken wie Wettermachen und Abwehr magischer Angriffe sind weitere wichtige Aufgaben im schamanischen Berufsfeld. Eine der wichtigsten schamanischen Arbeiten im Grenzbereich zwischen Magie und psychotherapeutischem Handwerk ist die Rückführung verlorener Seelen oder Seelenteile.</p>
<p>Für die Ewenken ist der Schamane bis heute so etwas wie Heilpraktiker, Psychotherapeut, Sozialarbeiter und Orakel in einer Person. In anderen Kulturen steht eher die Funktion des spirituellen Heilers und Wegweisers im Vordergrund, in wieder anderen die Aufgaben des Exorzisten, die des Begleiters der Seelen Verstorbener ins Totenreich oder die des Zeremonienmeisters bei Ritualen – wobei sich die Aufgaben von Schamane und Priester überschneiden können. Die Realität des Schamanismus ist meistens ziemlich nüchtern, es geht dabei fast immer um Lebenshilfe in Alltagsfragen. Europäische oder nordamerikanische Gäste, die romantisch verklärten Trance-Exotismus erwarten, sind von „echten“ Schamanen regelmäßig enttäuscht.</p>
<p>Ein wesentliches Merkmal des Schamanismus ist die Trancereise, wobei die Seele (oder der „Geistkörper“, der „Schattenleib“, der „Astralkörper“ usw.) des Schamanen den Körper und unsere „Konsensrealität“, die <i>Alltägliche Wirklichkeit</i>, verlässt und zu „anderen Welten“, in die <i>Nicht-alltägliche Wirklichkeit</i> reist. Es gibt aber auch Schamanen, die innerhalb „unserer Welt“ reisen, manchmal über tausende Kilometer. Ein Zwischending zwischen Andersweltreise und astraler Reise in der Konsensrealität sind schamanische Reisen zum Mond oder zu anderen Himmelskörpern. Es gibt sogar Schamanen, die behaupten, die „nicht alltägliche Wirklichkeit“ auch körperliche bereisen zu können.<br />
Ein entscheidendes Merkmal der Schamanen ist die soziale Funktion – ein als Einsiedler lebender Mystiker ist zum Beispiel selbst dann kein Schamane, wenn er „schamanische“ Fähigkeiten hat und ausübt.<br />
Damit ist klar, dass nicht jede Person, die in irgendeiner Weise Kontakt zu Geistern hat oder in Trance in einen anderen Seinszustand tritt, ein Schamane ist. Andere sozusagen konkurrierende, Formen der Kontaktaufnahme mit Wesenheiten &#8211; Geistern, Dämonen und Göttern, aber auch die Geister/Seelen von Menschen, Tieren, Pflanzen und Landschaften &#8211; sind die <i>Evokation</i> (eine Wesenheit wird herbeigerufen), die <i>Invokation</i> (die Wesenheit ergreift Besitz vom Körper des Mediums) und die <i>Durchsage</i> (im Esoterik-Jargon meist „Channeling“ genannt). Nicht alle Trancemedien haben etwas mit Schamanismus zu tun!</p>
<p>Um die Trance zu erreichen, setzt ein Schamane verschiedenster Mittel ein, vor allem rhythmisches Trommeln, rituelle Gesänge, Tanz, halluzinogene Drogen (z. B. Peyote), Fasten, meditative Versenkung. Oft werden diese Methoden kombiniert, beispielsweise Gesang mit Trommeln, Tanz und berauschendem Räucherwerk. Durch seine Trancereisen und seine Kommunikation mit den Wesenheiten der nichtalltäglichen Realität erlangt ein Schamane Fähigkeiten der Heilung und Weissagung sowie verschiedenste magische Kräfte.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5789750"><img src="http://u1.ipernity.com/12/97/50/5789750.8e038a4b.jpg" width="300" height="300" alt="Shamans Drum" border="0"/></a><br />
<i>Darstellung der tengristischen Drei-Welten-Kosmologie. Der senkrechte Pfeil symbolisiert den Weltenbaum, der in der Mitte der Welt steht. Er verbindet Unterwelt, irdische Welt und Himmel miteinander. Diese Darstellung findet man auf Schamanentrommeln der Türken, Mongolen und Tungusen in Zentralasien und Sibirien. Graphik: Wikimedia Commons, Erdaal</i> </p>
<p>Das schamanische Weltbild ist in „Schichten“ &#8211; Existenzebenen, Paralleluniversen oder schlicht Welten &#8211; gegliedert; neben dem besonders häufig nachgewiesenen dreischichtigen Modell (Himmel, Erde, Unterwelt) kommen auch sieben oder neunschichtige Modelle vor. Eine Achse, der Weltenbaum, verbindet die Welten des schamanischen Universums. Wenn Schamanen von anderen Welten sprechen, meinen sie nicht, dass diese von der Alltagswelt getrennt sind. Vielmehr repräsentieren jene anderen Welten die wahre Natur der Dinge und die tieferen Ursachen der Ereignisse in dieser Welt. Auf ihren geistigen Reisen werden Schamanen von ihrem tiergestaltigen Helfer, dem Krafttier, manchmal sogar von mehreren, begleitet. Neben den Krafttieren gibt es Hilfsgeister, die Schamanen bei ihren schweren Aufgaben unterstützen.<br />
Um Schamane zu werden, bedarf es eines Berufungserlebnisses – meistens einer Vision – einer regelrechten Lehrzeit bei einem erfahrenen Schamanen und einer Initiation. Oft muss ein angehender Schamane eine schwere „schamanischen Krankheit“ überleben. Die Initiation wird von Schamanen oft so erlebt, dass er zerstückelt oder gefressen wird, jedenfalls einen drastischen symbolischen Tod erleidet, auf den eine Neugeburt als Schamane folgt. Schamane sein ist nicht einfach. Außerdem tragen Schamanen viel Verantwortung, unter Umständen hängt die Fortexistenz des Stammes von ihnen ab. Deshalb ist es kein Wunder, dass selbst in intakten schamanischen Kulturen Tricks und Täuschungen an der Tagesordnung sind. Das braucht kein Betrug zu sein, denn eine meditative Trance gibt für die Zuschauer nun einmal wenig her. Die „Show“ gehört deshalb bei vielen Schamanen dazu.<br />
In einigen Fällen haben diese Tricks durchaus ihren therapeutischen Wert, wenn z. B. ein vorgeblich aus dem Körper des Patienten „ausgesaugtes“ Greifvogelgewölle als Krankheitsgeist ausgegeben wird. Das Gewölle erleichtert dem Patienten, sich den Heilungsvorgang vorzustellen, was auf psychosomatischen Weg die Heilung fördert.. Schamanisches Heilen hat viel mit mit geschickt eingesetzten Placeboeffekten zu tun.</p>
<p>Dass Schamane „der Wissende“ oder „der Weise“ bedeutet, ist kein Zufall. Dieser Beruf erfordert überlegene Intelligenz und ein weitreichendes Wissen. Ethnologen und sogar Missionare rühmten immer wieder die Selbstdisziplin, Konzentrationskraft und Klugheit der Schamanen. Außerdem braucht ein Schamane schauspielerische, rhetorische und musikalische Fähigkeiten.<br />
Der Schamanismus ist für sich genommen keine Religion, und er „funktioniert“ mit verschiedenen religiösen Weltbildern. Es gibt durchaus buddhistische, hinduistische und sogar islamische und christliche Schamanen – wenn auch monotheistische Religionen sich mit dem schamanischen Weltbild schwerer tun als polytheistische.</p>
<p><b>Schamanen sind „sprituelle Handwerker“ mit einer für die Mitglieder ihrer Gemeinschaft wichtigen sozialen Funktion. Sie sind Mittler zwischen der Alltagsrealität und den hinter und neben der alltäglichen Wirklichkeit liegenden Anderswelt. Nicht jede Art spiritueller Heiler ist ein Schamane, und nicht alle Schamanen heilen.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/3-ist-schamanimus-ein-weltweites-phanomen/">3. Ist Schamanimus ein weltweites Phänomen?</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/2-wer-ist-eigentlich-ein-schamane-und-wer-nicht/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>3.Ist Schamanimus ein weltweites Phänomen?</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/3-ist-schamanimus-ein-weltweites-phanomen/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/3-ist-schamanimus-ein-weltweites-phanomen/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 15:46:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[Animismus]]></category>
		<category><![CDATA[asien]]></category>
		<category><![CDATA[Bronzezeit]]></category>
		<category><![CDATA[Diffusionismus]]></category>
		<category><![CDATA[Ethnologie]]></category>
		<category><![CDATA[Frühgeschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Generalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Hirtennomaden]]></category>
		<category><![CDATA[Indianer]]></category>
		<category><![CDATA[Neoschamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Pflanzendrogen]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanen]]></category>
		<category><![CDATA[schamanischer Komplex]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sibirien]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbild]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1773</guid>
		<description><![CDATA[<p>Nicht nur der Begriff Schamane stammt von den Ewenken bzw. Tungusen. Dieses sibirische Volk  stellt sozusagen den „ethnologische Prototyp“ des Schamanismus dar.</p>
<p>Bereits im 18. Jahrhundert erkannten europäische Forschungsreisende, wie der in russischen Diensten stehende deutsche Geograph Georg Wilhelm Steller, dass es auch bei Völkern außerhalb Zentralsibiriens spirituelle Spezialisten gab, die ähnliche Aufgaben übernahmen, ähnliche Methoden verwendeten und ein vergleichbares Weltbild wie die sibirischen Schamanen hatten.<br />
Im 19. Jahrhundert wurde es üblich, den Begriff „Schamanismus“ auf die den Praktiken der sibirischen Schamanen ähnliche Erscheinungen überall auf der Erde anzuwenden.<br />
Weil sich einige schamanische Vorstellungen und Praktiken fast überall auf der Erde finden, sehen nicht nur Anhänger Mircea Eliades den Schamanismus als universelles Phänomen an.<br />
Eine schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gängige Vorstellung ist, dass jede Kultur eine „schamanische Phase“ durchlaufen würde. Nach einem damals weit verbreiten evolutionistischen Geschichtsmodell wurden zeitgenössische „primitive“ Kulturen mit den steinzeitlichen Kulturen der europäischen Vorgeschichte gleichgesetzt. Auf der Annahme, dass etwa die australischen Ureinwohner sozusagen den Urmenschen konserviert hätten, bauten sogar solche Größen wie Freud, Malinowski oder Durkheim ihre Hypothesen auf. In den Völkern des nördlichen Sibiriens sah man ein Modell für die europäischen Jägervölker der letzten Eiszeit.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/5077024"><img src="http://u1.ipernity.com/11/70/24/5077024.18851e60.500.jpg" width="375" height="500" alt="Schamanentrommel und Ritualgewand der Jakuten" border="0"/></a><br />
<i>Schamanentrommeln und Ritualgewand der Jakuten</i> Foto: <a href="http://www.eoraptor.de/logfile.html" target="_blank">Volkmar Kuhnle</a></p>
<p>Weil es bei diesen nordsibirischen Völker Schamanen gibt, spekulierten die Gelehrten des späten 19. Jahrhunderts, dass der Schamanismus bereits in frühester Vergangenheit verbreitet gewesen sein müsste.<br />
Obwohl die eurozentrische Idee, „primitive“ Völker seien einfach in ihrer Entwicklung den „Kulturvölkern“ um mehrere zehntausend Jahre „zurückgeblieben“ in der Ethnologie genau so passé ist, wie der naive Evolutionismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, konnte sich die Hypothese des prähistorischen Schamanismus halten. Die Spekulationen der damaligen Wissenschaft werden, obwohl sie von falschen Annahmen ausgingen, anscheinend durch archäologische Erkenntnisse bestätigt.<br />
Ein profilierter Vertreter der These, dass schon die steinzeitliche Jäger im Aurignacien (um 13.000 v. u. Z.) schamanisch gearbeitet hätten, ist der Archäologe Horst Kirchner. Als Indiz deutetet er zum Beispiel eine bekannte Zeichnung aus der Höhle von Lascaux: Sie zeigt einen Vogelkopf auf einer Stange, einen Bison und einen Mann mit offensichtlichem Ithyphallus in Schräglage. Kirchner zufolge handelt es sich um die Darstellung einer schamanistischen Geisterbeschwörung mit Hilfsgeist (Stangenvogel), Schamane (Mann) und Opfertier (Bisonstier). Der berühmte „tanzende Zauberer“ aus der Höhle von Les Trois Frères, ein Mann mit Geweih, Pferdeschweif, Bärenpranken und eindeutig menschlichen Beinen, wird auch von anderen Forschern als Schamane gedeutet.<br />
Es gibt ähnliche Felszeichnungen unterschiedlichen Alters – vom Eiszeitalter bis in die Neuzeit &#8211; in anderen Teilen der Erde, beispielsweise in Südafrika oder in Nordaustralien. Sie sind aber allenfalls ein Beleg dafür, dass es dem Schamanismus ähnliche Praktiken gab.<br />
Es gibt aber auch handfestere Hinweise auf Schamanismus in der jüngeren Altsteinzeit. 2008 fanden Archäologen in einer 12.000 Jahre alten Grabstätte in Israel Artefakte, die schamanistisch sein könnten. Das Grab enthielt nicht nur das Skelett einer zierlichen, etwa 45 jährigen, wahrscheinlich gehbehinderten Frau, sondern auch 50 Schildkrötenpanzer und ausgewählte Körperteile eines Wildschweins, eines Adlers, einer Kuh, eines Leoparden, einer Gazelle und von zwei Mardern. Sogar ein vollständiger menschlicher Fuß gehörte dazu. Die Beerdigungsrituale und die Art, wie das Grab gebaut und versiegelt wurde, deuten nach Ansicht der Forschergruppe der Universität von Jerusalem um den Archäologen Leore Grosman auf ein Schamanengrab hin.</p>
<p>Während die Frage, ob es schon vor über zehntausend Jahren Schamanen gab, vorsichtig mit „wahrscheinlich ja“ beantwortet werden kann, sind andere Frage noch offen.<br />
Warum ähneln sich die schamanische Praktiken in verschieden Teilen der Erde so sehr? Tatsächlich ähneln sich die Arbeitsmethoden der sprituellen Handwerker in so weit voneinander entfernten Regionen wie Grönland, dem Amazonasbecken, der Mongolei oder Borneo in verblüffenden Weise.<br />
Für diese Übereinstimmungen gibt es zwei Erklärungsmodelle. Während <i>Diffusionisten</i> davon ausgehen, dass der <i>Schamanismus</i> als religiöses Phänomen in einer einzelnen Kultur zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden sei und sich anschließend auf zahlreiche andere Kulturen ausgedehnt habe, behaupten Generalisten jeder Mensch besäße schamanische Anlagen. Der Schamanismus wird so zu einer anthropologischen Konstante.<br />
Das es einer Berufung bedarf, um Schamane zu sein, spricht gegen die Hypothese, dass jeder „Durchschnittsmensch“ das Schamanisieren erlernen könnte, so wie etwa beinahe jeder in der Lage ist, Lesen und Schreiben zu lernen. Wenn manche Neoschamanen von schamanistische Techniken im Sinne von erlernten Fertigkeiten sprechen, unterschlagen sie regelmäßig Phänomene wie die Berufung oder die „Schamanenkrankheit“, und würden sich in schamanischen Stammeskulturen nur lächerlich machen.<br />
Fast überall auf der Erde gibt es Animismus, die Vorstellung, dass alles im Universum belebt oder von Geistern bewohnt sei – Pflanzen, Tiere, Naturerscheinungen, aber auch Felsen, Häuser, Geräte, Waffen. Ohne einen mehr oder minder ausgeprägter Animismus funktioniert das schamanische Denken nicht. Man hüte sich vor dem weit verbreiteten Vorurteil, nur „primitive“ Kulturen seien animistisch. Kenner japanischer Filme, Romane oder Comics („Mangas“) wissen, wie stark selbst das moderne Japan von animistischen Vorstellungen durchdrungen ist. Alltagsanimismus, der sich etwa in der viel bespöttelten Angewohnheit von Computerbenutzern oder Autofahrern, ihrer jeweiligen „Kiste“ gut zuzureden, zeigt, findet sich sogar im animismusfeindlichen „christlichen Abendland“.<br />
Eng mit dem Schamanismus verbunden, und den meisten Kulturen zu finden, sind Ahnenkult und Geisterglaube. Der Totemismus ist nicht ganz so universell, aber immerhin gibt es ihn in allen Erdteilen. Es gibt auch fast überall auf der Erde die Vorstellung von „Anderswelten“. In den meisten Kulturen kennt man Trance induzierende Methoden und halluzinogene Drogen.<br />
Was die Grundvoraussetzungen für Schamanismus angeht, haben die Generalisten also offensichtlich recht: Menschen aus allen Kulturen können schamanische Fähigkeiten haben.<br />
Es lässt sich zwar nicht genau berechnen, aber in Stammesgesellschaften mit intaktem traditionellen Schamanismus empfängt etwa jedes dreißigste bis fünfundzwanzigste Stammesmitglied eine schamanische Berufung. Das bedeutet, vorausgesetzt, dass schamanische Fähigkeiten tatsächlich eine „anthropologische Konstante“ wären, dass allein in Deutschland über 2,7 Millionen Menschen leben müssten, die potenziell eine schamanische Funktion übernehmen könnten.</p>
<p>Die Generalisten haben aber insofern Unrecht, da das oben skizzierte „Berufsbild“ des Schamanen oder ein <i>schamanischer Komplex</i> in den meisten Kulturen nicht zu finden ist.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/5076935"><img src="http://u1.ipernity.com/11/69/35/5076935.f28664b8.500.jpg" width="500" height="375" alt="Bemalter Walross-Stoßzahn" border="0"/></a><br />
<i>Walross-Stoßzähne, bemalt mit schamanischen Motiven</i> Foto: <a href="http://www.eoraptor.de/logfile.html" target="_blank">Volkmar Kuhnle</a></p>
<p>Voll entwickelte schamanische Techniken und ein schamanisches Weltbild – die zusammen den schamanischen Komplex bilden &#8211; findet man nur bei relativ wenigen Kulturen, meistens bei Stammeskulturen, die teilweise oder ganz von der Jagd leben oder die Hirtennomaden sind. In diesen Fällen kann man von schamanischen Kulturen im engeren Sinne sprechen. Neben diesen schamanischen Kulturen gibt es schamanische Kulturen im weiteren Sinne, in denen einzelne Merkmale des Schamanismus fehlen – z. B. unternehmen die koreanischen Schamaninnen keine Seelenreisen.</p>
<p>Wie schon erwähnt, gibt es schamanische Kulturen im engeren Sinne in Sibirien und in der Mongolei. Die arktischen und subarktischen Kultur der Inuit (Eskimos) ist eindeutig schamanisch und dem sibirischen Schamanismus sehr ähnlich. Im südlichen Innerasien und in Tibet gibt es ebenfalls Schamanismus, der aber durch andere Kulturen „überformt“ ist und damit Schamanismus im weiteren Sinn ist. Auf dem indischen Subkontinent und in Ostasien finden sich abgewandelte Formen der schamanischen Praktiken, die sich in mancher Hinsicht vom nordasiatischen Muster unterscheiden. Ob das noch Schamanismus genannt werden kann, ist umstritten.</p>
<p>Bei den Indianern der nordamerikanischen Nordwestküste kommen Trance und Geistreise manchmal, aber nicht überall vor. Noch weiter südlich sind tiefe Trance und Seelenreisen seltener. Dafür tritt in den Präriegebieten die Praxis der „Visionssuche“ in den Vordergrund. Nicht alle nordamerikanische Ureinwohner praktizierten Schamanismus, auch wenn gemäß der ethnographischen Datenbank „Human Relations Area Files“ bei 97 % aller nordamerikanischen indigenen Kulturen Rituale zur Bewusstseinsveränderung bekannt sind.</p>
<p>In Zentral- und Südamerikas ist der „Drogen-Schamanismus“ besonders entwickelt. Während sibirische Schamanen allenfalls Fliegenpilze (und Wodka) als „sprituellen Treibstoff“ verwenden, sind im tropischen Amerika über 100 Pflanzen mit psychotropen oder halluzinogenen Eigenschaften im Gebrauch. Noch Eilade sah im Drogengebrauch durch Schamanen eine Degenerationserscheinung, heute wissen wir, dass es sowohl drogengebrauchende wie drogenabstinente Traditionen des Schamanismus gibt.<br />
Einige halluzinogene Pflanzen, wie Dantura (Stechapfel), der Peyote-Kaktus, die Mescal-Bohne oder Pilze der Gattung Psylocibe werden auch im südliche Nordamerika verwendet, aber die erstaunlichsten Kenntnisse in der Anwendung halluzinogener Pflanzen als Treibstoff schamanischer Reisen haben südamerikanische Schamanen. Etwa 80% aller heute bekannten psychoaktiven Drogen stammen aus dem Arzneischatz süd- und mittelamerikanischer <i>Vegetalistas</i>. Die „Mehr-Komponenten-Droge“ Ayahuasca ist das bekannteste Beispiel höchst raffinierter Dschungelpharmakologie.<br />
Die in Sibirien und Nordamerika übliche Schamanentrommel ist in Südamerika meistens durch die Rassel ersetzt. Es ist eindeutig Schamanimus, denn ein „schamanischer Komplex“ ist vorhanden, der sich aber vom sibirischen Prototyp deutlich unterscheidet.</p>
<p>In Vorderasien, Afrika, Ozeanien und Australien ist die Situation anders. Zwar gibt es auch hier Kulturen mit vielen schamanische Elemente jedoch keinen kompletten, wenn auch vielleicht abgewandelten, schamanische Komplex. Einige dieser Kulturen, z. B. die Aranda oder die Walbiri Zentralaustraliens, könnte man dennoch als schamanische Kulturen im weiteren Sinne bezeichnen.<br />
Der Kulturvergleich legt eine diffusionistische Deutung nahe: je weiter eine schamanische Kultur vom nördlichen Sibirien entfernt lebt, desto deutlicher weichen Teile der schamanischen Praktiken vom „Original“ ab – wobei diese Diffusion allerdings kulturelle und sprachliche Unterschiede überwinden musste.</p>
<p>Auch wenn es Anhängern der romantischen Vorstellung, es gäbe einen einzig wahren, monolithischen „Schamanismus“ und daneben allenfalls „Degenerationsformen“, sicher nicht gerne hören, spiegeln sich in schamanischen Praktiken immer auch die Grundwerte und die Weltsicht einer Kultur wieder. Vielleicht sollte man besser von „Schamanismen“ als von „dem Schamanismus“ reden, denn trotz eines „harten Kerns“ an Gemeinsamkeiten ist der Schamanismus verschiedener Völker genau so vielfältig wie ihre übrige Kultur.</p>
<p><b>Einzelne schamanische Praktiken und Anschauungen gibt es in allen Teilen der Welt, aber selbst Schamanismus im weiteren Sinne ist kein universelles Phänomen. Schamanismus im engeren Sinne gibt es nur bei einigen Jäger- und Hirtennomadenvölkern Nordasiens und Amerikas.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/4-gibt-es-schamanische-einflusse-in-unserer-%E2%80%9Eabendlandischen%E2%80%9C-kultur/">4. Gibt es schamanische Einflüsse in unserer „abendländischen“ Kultur?</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/3-ist-schamanimus-ein-weltweites-phanomen/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nicht nur der Begriff Schamane stammt von den Ewenken bzw. Tungusen. Dieses sibirische Volk  stellt sozusagen den „ethnologische Prototyp“ des Schamanismus dar.</p>
<p>Bereits im 18. Jahrhundert erkannten europäische Forschungsreisende, wie der in russischen Diensten stehende deutsche Geograph Georg Wilhelm Steller, dass es auch bei Völkern außerhalb Zentralsibiriens spirituelle Spezialisten gab, die ähnliche Aufgaben übernahmen, ähnliche Methoden verwendeten und ein vergleichbares Weltbild wie die sibirischen Schamanen hatten.<br />
Im 19. Jahrhundert wurde es üblich, den Begriff „Schamanismus“ auf die den Praktiken der sibirischen Schamanen ähnliche Erscheinungen überall auf der Erde anzuwenden.<br />
Weil sich einige schamanische Vorstellungen und Praktiken fast überall auf der Erde finden, sehen nicht nur Anhänger Mircea Eliades den Schamanismus als universelles Phänomen an.<br />
Eine schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gängige Vorstellung ist, dass jede Kultur eine „schamanische Phase“ durchlaufen würde. Nach einem damals weit verbreiten evolutionistischen Geschichtsmodell wurden zeitgenössische „primitive“ Kulturen mit den steinzeitlichen Kulturen der europäischen Vorgeschichte gleichgesetzt. Auf der Annahme, dass etwa die australischen Ureinwohner sozusagen den Urmenschen konserviert hätten, bauten sogar solche Größen wie Freud, Malinowski oder Durkheim ihre Hypothesen auf. In den Völkern des nördlichen Sibiriens sah man ein Modell für die europäischen Jägervölker der letzten Eiszeit.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/5077024"><img src="http://u1.ipernity.com/11/70/24/5077024.18851e60.500.jpg" width="375" height="500" alt="Schamanentrommel und Ritualgewand der Jakuten" border="0"/></a><br />
<i>Schamanentrommeln und Ritualgewand der Jakuten</i> Foto: <a href="http://www.eoraptor.de/logfile.html" target="_blank">Volkmar Kuhnle</a></p>
<p>Weil es bei diesen nordsibirischen Völker Schamanen gibt, spekulierten die Gelehrten des späten 19. Jahrhunderts, dass der Schamanismus bereits in frühester Vergangenheit verbreitet gewesen sein müsste.<br />
Obwohl die eurozentrische Idee, „primitive“ Völker seien einfach in ihrer Entwicklung den „Kulturvölkern“ um mehrere zehntausend Jahre „zurückgeblieben“ in der Ethnologie genau so passé ist, wie der naive Evolutionismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, konnte sich die Hypothese des prähistorischen Schamanismus halten. Die Spekulationen der damaligen Wissenschaft werden, obwohl sie von falschen Annahmen ausgingen, anscheinend durch archäologische Erkenntnisse bestätigt.<br />
Ein profilierter Vertreter der These, dass schon die steinzeitliche Jäger im Aurignacien (um 13.000 v. u. Z.) schamanisch gearbeitet hätten, ist der Archäologe Horst Kirchner. Als Indiz deutetet er zum Beispiel eine bekannte Zeichnung aus der Höhle von Lascaux: Sie zeigt einen Vogelkopf auf einer Stange, einen Bison und einen Mann mit offensichtlichem Ithyphallus in Schräglage. Kirchner zufolge handelt es sich um die Darstellung einer schamanistischen Geisterbeschwörung mit Hilfsgeist (Stangenvogel), Schamane (Mann) und Opfertier (Bisonstier). Der berühmte „tanzende Zauberer“ aus der Höhle von Les Trois Frères, ein Mann mit Geweih, Pferdeschweif, Bärenpranken und eindeutig menschlichen Beinen, wird auch von anderen Forschern als Schamane gedeutet.<br />
Es gibt ähnliche Felszeichnungen unterschiedlichen Alters – vom Eiszeitalter bis in die Neuzeit &#8211; in anderen Teilen der Erde, beispielsweise in Südafrika oder in Nordaustralien. Sie sind aber allenfalls ein Beleg dafür, dass es dem Schamanismus ähnliche Praktiken gab.<br />
Es gibt aber auch handfestere Hinweise auf Schamanismus in der jüngeren Altsteinzeit. 2008 fanden Archäologen in einer 12.000 Jahre alten Grabstätte in Israel Artefakte, die schamanistisch sein könnten. Das Grab enthielt nicht nur das Skelett einer zierlichen, etwa 45 jährigen, wahrscheinlich gehbehinderten Frau, sondern auch 50 Schildkrötenpanzer und ausgewählte Körperteile eines Wildschweins, eines Adlers, einer Kuh, eines Leoparden, einer Gazelle und von zwei Mardern. Sogar ein vollständiger menschlicher Fuß gehörte dazu. Die Beerdigungsrituale und die Art, wie das Grab gebaut und versiegelt wurde, deuten nach Ansicht der Forschergruppe der Universität von Jerusalem um den Archäologen Leore Grosman auf ein Schamanengrab hin.</p>
<p>Während die Frage, ob es schon vor über zehntausend Jahren Schamanen gab, vorsichtig mit „wahrscheinlich ja“ beantwortet werden kann, sind andere Frage noch offen.<br />
Warum ähneln sich die schamanische Praktiken in verschieden Teilen der Erde so sehr? Tatsächlich ähneln sich die Arbeitsmethoden der sprituellen Handwerker in so weit voneinander entfernten Regionen wie Grönland, dem Amazonasbecken, der Mongolei oder Borneo in verblüffenden Weise.<br />
Für diese Übereinstimmungen gibt es zwei Erklärungsmodelle. Während <i>Diffusionisten</i> davon ausgehen, dass der <i>Schamanismus</i> als religiöses Phänomen in einer einzelnen Kultur zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden sei und sich anschließend auf zahlreiche andere Kulturen ausgedehnt habe, behaupten Generalisten jeder Mensch besäße schamanische Anlagen. Der Schamanismus wird so zu einer anthropologischen Konstante.<br />
Das es einer Berufung bedarf, um Schamane zu sein, spricht gegen die Hypothese, dass jeder „Durchschnittsmensch“ das Schamanisieren erlernen könnte, so wie etwa beinahe jeder in der Lage ist, Lesen und Schreiben zu lernen. Wenn manche Neoschamanen von schamanistische Techniken im Sinne von erlernten Fertigkeiten sprechen, unterschlagen sie regelmäßig Phänomene wie die Berufung oder die „Schamanenkrankheit“, und würden sich in schamanischen Stammeskulturen nur lächerlich machen.<br />
Fast überall auf der Erde gibt es Animismus, die Vorstellung, dass alles im Universum belebt oder von Geistern bewohnt sei – Pflanzen, Tiere, Naturerscheinungen, aber auch Felsen, Häuser, Geräte, Waffen. Ohne einen mehr oder minder ausgeprägter Animismus funktioniert das schamanische Denken nicht. Man hüte sich vor dem weit verbreiteten Vorurteil, nur „primitive“ Kulturen seien animistisch. Kenner japanischer Filme, Romane oder Comics („Mangas“) wissen, wie stark selbst das moderne Japan von animistischen Vorstellungen durchdrungen ist. Alltagsanimismus, der sich etwa in der viel bespöttelten Angewohnheit von Computerbenutzern oder Autofahrern, ihrer jeweiligen „Kiste“ gut zuzureden, zeigt, findet sich sogar im animismusfeindlichen „christlichen Abendland“.<br />
Eng mit dem Schamanismus verbunden, und den meisten Kulturen zu finden, sind Ahnenkult und Geisterglaube. Der Totemismus ist nicht ganz so universell, aber immerhin gibt es ihn in allen Erdteilen. Es gibt auch fast überall auf der Erde die Vorstellung von „Anderswelten“. In den meisten Kulturen kennt man Trance induzierende Methoden und halluzinogene Drogen.<br />
Was die Grundvoraussetzungen für Schamanismus angeht, haben die Generalisten also offensichtlich recht: Menschen aus allen Kulturen können schamanische Fähigkeiten haben.<br />
Es lässt sich zwar nicht genau berechnen, aber in Stammesgesellschaften mit intaktem traditionellen Schamanismus empfängt etwa jedes dreißigste bis fünfundzwanzigste Stammesmitglied eine schamanische Berufung. Das bedeutet, vorausgesetzt, dass schamanische Fähigkeiten tatsächlich eine „anthropologische Konstante“ wären, dass allein in Deutschland über 2,7 Millionen Menschen leben müssten, die potenziell eine schamanische Funktion übernehmen könnten.</p>
<p>Die Generalisten haben aber insofern Unrecht, da das oben skizzierte „Berufsbild“ des Schamanen oder ein <i>schamanischer Komplex</i> in den meisten Kulturen nicht zu finden ist.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/5076935"><img src="http://u1.ipernity.com/11/69/35/5076935.f28664b8.500.jpg" width="500" height="375" alt="Bemalter Walross-Stoßzahn" border="0"/></a><br />
<i>Walross-Stoßzähne, bemalt mit schamanischen Motiven</i> Foto: <a href="http://www.eoraptor.de/logfile.html" target="_blank">Volkmar Kuhnle</a></p>
<p>Voll entwickelte schamanische Techniken und ein schamanisches Weltbild – die zusammen den schamanischen Komplex bilden &#8211; findet man nur bei relativ wenigen Kulturen, meistens bei Stammeskulturen, die teilweise oder ganz von der Jagd leben oder die Hirtennomaden sind. In diesen Fällen kann man von schamanischen Kulturen im engeren Sinne sprechen. Neben diesen schamanischen Kulturen gibt es schamanische Kulturen im weiteren Sinne, in denen einzelne Merkmale des Schamanismus fehlen – z. B. unternehmen die koreanischen Schamaninnen keine Seelenreisen.</p>
<p>Wie schon erwähnt, gibt es schamanische Kulturen im engeren Sinne in Sibirien und in der Mongolei. Die arktischen und subarktischen Kultur der Inuit (Eskimos) ist eindeutig schamanisch und dem sibirischen Schamanismus sehr ähnlich. Im südlichen Innerasien und in Tibet gibt es ebenfalls Schamanismus, der aber durch andere Kulturen „überformt“ ist und damit Schamanismus im weiteren Sinn ist. Auf dem indischen Subkontinent und in Ostasien finden sich abgewandelte Formen der schamanischen Praktiken, die sich in mancher Hinsicht vom nordasiatischen Muster unterscheiden. Ob das noch Schamanismus genannt werden kann, ist umstritten.</p>
<p>Bei den Indianern der nordamerikanischen Nordwestküste kommen Trance und Geistreise manchmal, aber nicht überall vor. Noch weiter südlich sind tiefe Trance und Seelenreisen seltener. Dafür tritt in den Präriegebieten die Praxis der „Visionssuche“ in den Vordergrund. Nicht alle nordamerikanische Ureinwohner praktizierten Schamanismus, auch wenn gemäß der ethnographischen Datenbank „Human Relations Area Files“ bei 97 % aller nordamerikanischen indigenen Kulturen Rituale zur Bewusstseinsveränderung bekannt sind.</p>
<p>In Zentral- und Südamerikas ist der „Drogen-Schamanismus“ besonders entwickelt. Während sibirische Schamanen allenfalls Fliegenpilze (und Wodka) als „sprituellen Treibstoff“ verwenden, sind im tropischen Amerika über 100 Pflanzen mit psychotropen oder halluzinogenen Eigenschaften im Gebrauch. Noch Eilade sah im Drogengebrauch durch Schamanen eine Degenerationserscheinung, heute wissen wir, dass es sowohl drogengebrauchende wie drogenabstinente Traditionen des Schamanismus gibt.<br />
Einige halluzinogene Pflanzen, wie Dantura (Stechapfel), der Peyote-Kaktus, die Mescal-Bohne oder Pilze der Gattung Psylocibe werden auch im südliche Nordamerika verwendet, aber die erstaunlichsten Kenntnisse in der Anwendung halluzinogener Pflanzen als Treibstoff schamanischer Reisen haben südamerikanische Schamanen. Etwa 80% aller heute bekannten psychoaktiven Drogen stammen aus dem Arzneischatz süd- und mittelamerikanischer <i>Vegetalistas</i>. Die „Mehr-Komponenten-Droge“ Ayahuasca ist das bekannteste Beispiel höchst raffinierter Dschungelpharmakologie.<br />
Die in Sibirien und Nordamerika übliche Schamanentrommel ist in Südamerika meistens durch die Rassel ersetzt. Es ist eindeutig Schamanimus, denn ein „schamanischer Komplex“ ist vorhanden, der sich aber vom sibirischen Prototyp deutlich unterscheidet.</p>
<p>In Vorderasien, Afrika, Ozeanien und Australien ist die Situation anders. Zwar gibt es auch hier Kulturen mit vielen schamanische Elemente jedoch keinen kompletten, wenn auch vielleicht abgewandelten, schamanische Komplex. Einige dieser Kulturen, z. B. die Aranda oder die Walbiri Zentralaustraliens, könnte man dennoch als schamanische Kulturen im weiteren Sinne bezeichnen.<br />
Der Kulturvergleich legt eine diffusionistische Deutung nahe: je weiter eine schamanische Kultur vom nördlichen Sibirien entfernt lebt, desto deutlicher weichen Teile der schamanischen Praktiken vom „Original“ ab – wobei diese Diffusion allerdings kulturelle und sprachliche Unterschiede überwinden musste.</p>
<p>Auch wenn es Anhängern der romantischen Vorstellung, es gäbe einen einzig wahren, monolithischen „Schamanismus“ und daneben allenfalls „Degenerationsformen“, sicher nicht gerne hören, spiegeln sich in schamanischen Praktiken immer auch die Grundwerte und die Weltsicht einer Kultur wieder. Vielleicht sollte man besser von „Schamanismen“ als von „dem Schamanismus“ reden, denn trotz eines „harten Kerns“ an Gemeinsamkeiten ist der Schamanismus verschiedener Völker genau so vielfältig wie ihre übrige Kultur.</p>
<p><b>Einzelne schamanische Praktiken und Anschauungen gibt es in allen Teilen der Welt, aber selbst Schamanismus im weiteren Sinne ist kein universelles Phänomen. Schamanismus im engeren Sinne gibt es nur bei einigen Jäger- und Hirtennomadenvölkern Nordasiens und Amerikas.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/4-gibt-es-schamanische-einflusse-in-unserer-%E2%80%9Eabendlandischen%E2%80%9C-kultur/">4. Gibt es schamanische Einflüsse in unserer „abendländischen“ Kultur?</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/3-ist-schamanimus-ein-weltweites-phanomen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>4. Gibt es schamanische Einflüsse in unserer „abendländischen“ Kultur?</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/4-gibt-es-schamanische-einflusse-in-unserer-%e2%80%9eabendlandischen%e2%80%9c-kultur/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/4-gibt-es-schamanische-einflusse-in-unserer-%e2%80%9eabendlandischen%e2%80%9c-kultur/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 15:45:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[altertum]]></category>
		<category><![CDATA[Anderswelt]]></category>
		<category><![CDATA[Ethnologie]]></category>
		<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Griechen]]></category>
		<category><![CDATA[griechisch]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Kelten]]></category>
		<category><![CDATA[keltisch]]></category>
		<category><![CDATA[Märchen]]></category>
		<category><![CDATA[Mythen]]></category>
		<category><![CDATA[Neoschamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Neoschamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbild]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1770</guid>
		<description><![CDATA[<p>Der Vorwurf, Neoschamanismus sei „kultureller Diebstahl“ an traditionellen Stammeskulturen geht oft einher mit dem, dass jedes Gerede über „Europas schamanische Wurzeln“ Unsinn sei.<br />
Tatsächlich sind viele, wenn nicht die meisten, Behauptungen, die man auf vielen Neoschamanen-Websites und in manchen Schamanisimus-Büchern findet, Anlässe äußerst skeptisch zu sein. Dass viele „neue Hexen“ und keltisch oder germanisch orientierte Neuheiden dazu neigen, Spekulationen und Fiktionen über die Wurzeln der jeweilige Tradition für bare Münze zu nehmen, verschärft das Problem noch. Viele pseudowissenschaftliche „Theorien“ entstanden nach dem Prinzip: <i>Verlege die Fundamente deiner „Theorie“ in Nischen der Geschichte und Geographie, in denen sich kaum jemand auskennt.</i> Wobei es nicht einmal erforderlich zu sein scheint, dass der Pseudogelehrte selbst in den betreffenden Nischen Bescheid weiß. Notfalls kann man als Pseudo-Experte für Vor- und Frühgeschichte immer noch nach Atlantis oder Hyperborea ausweichen … </p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5789551"><img src="http://u1.ipernity.com/12/95/51/5789551.e11403a0.500.jpg" width="500" height="468" alt="Orpheus" border="0"/></a><br />
<i>Orpheus, römisches Mosaik aus Area Flaviae (heute Rottweil).</i></p>
<p>Das Problem, nach verschütteten oder vergessenen Wurzel suchen zu müssen, stellt sich für angehende Schamanen und Schamaninnen in traditionellen schamanischen Gesellschaften normalerweise nicht. Sie erlernen von ihren Lehrern einen Schamanismus, dessen Symbolik, Kosmologie, Ritualtechnik usw. als ein mehr oder minder einheitliches und von Stammesangehörigen anerkanntes System funktioniert. Selbst dort, wo Missionare, Kolonialherren oder staatliche Umerziehung die jeweilige Tradition gestört haben, weiß ein schamanisch Berufener wenigstens, wo und wonach er oder sie zu suchen hat.</p>
<p>Anders sieht es für die Angehöriger einer europäisch geprägten Kultur aus. Europa ist, was Schamanen angeht, ein Sonderfall. Das „christliche Abendland“ ist im Großen und Ganze eine deutlich nicht-schamanische, vielleicht sogar anti-schamanische, Kultur.<br />
Vor allem in protestantisch geprägten Ländern und Regionen ist das Misstrauen gegen Ekstase und mystisches Erleben traditionell groß. Die protestantische Konfession ist traditionell vom Wortgottesdienst und vom Pflichtethos geprägt – für ekstatische Formen der Spiritualität ist da wenig Platz. Für einen traditionellen Protestanten ist der Verlust von Kontrolle grundsätzlich schlecht. Entsprechend verhält sich ein Schamane aus traditionell-protestantischer Perspektive moralisch falsch, Schamanen sind also Lügner und Betrüger, und  Schamanismus kann nichts nichts als primitiver Aberglauben sein. Aus evangelikal-fundamentalistischer Sicht ist er sogar  Teufelsanbetung.<br />
Etwas anders ist die Situation bei den Katholiken. Ein traditioneller Katholik akzeptiert sehr wohl , dass es Ekstase und Mystik gibt. Er unterscheidet aber streng zwischen heiliger, sündiger oder dämonisch besessenen Formen des „Außer-Sich-Seiens“. Schamanismus erscheinen in dieser Weltsicht mitunter ebenfalls als Teufelszeug. In Lateinamerika gibt es jedoch zahlreiche Beispiele einer gelungenen Symbiose zwischen schamanischem und katholischem Glaubensvorstellungen, während ich auch nach längere Recherche kein Beispiel einer Symbiose zwischen traditionellem Protestantismus und Schamanismus nennen könnte. Im Rahmen des „New Age“ und des „spirituellen Supermarktes“ vor allem in den USA gab und gibt es auch protestantische Schamanen, aber das sind Randerscheinungen, die von den großen evangelischen Kirchen allenfalls geduldet werden. Ähnlich wie im Katholizismus sieht es für das orthodoxe Christentum aus. Es gibt in Sibirien sowohl Beispiele für eine Verteufelung des Schamanismus wie für gelungene Symbiosen zwischen Schamanismus und Christentum.</p>
<p>Seit dem 19. Jahrhundert prägt neben dem Christentum auch der Materialismus in seinen unterschiedlichen Spielarten die „westliche“ Kultur. Die Weltsicht eines Materialisten kann aufgeklärt sein, muss es aber nicht. Vor allem aus der Perspektive wenig aufgeklärter und wenig reflektierender Materialisten erscheint der Glaube an Geistreisen entweder Symptom einer Geisteskrankheit („Schamanen sind Schizophrene“) oder als finsterster Aberglaube und Dummenfang.</p>
<p>Wer sich ein wenig mit dem Umgang der jeweiligen Eroberernationen mit „eingeborenen“ Schamanen beschäftigt, wird diese unterschiedlichen weltanschaulich bestimmten Sichtweisen wiedererkennen.<br />
Daneben gab es auch immer wieder eine romantisiert-verklärt erhöhende Sichtweise auf den Schamanismus „exotischer Völker“, der die armen „sprituellen Handwerker“ dieser Völker schwerlich gerecht werden können.</p>
<p>Europa und die von Europa aus besiedelten Gebiete anderer Kontinente sind also die Hochburgen des Anti-Schamanismus. Anderseits gibt es Indizien dafür, dass das vorchristliche Europa, ähnlich wie das benachbarte Asien, deutlich schamanisch geprägt gewesen sein könnte. Im Norden und Osten, in den Regionen, die unmittelbar an das „nordasiatische Schamanengebiet“ angrenzen, ist Schmanismus nachgewiesen – dazu weiter unten mehr. Für den großen „Rest“ Europas lässt sich nur sagen, dass es „in grauer Vorzeit“ Schamanismus gegeben haben könnte, Sehr wahrscheinlich ist Schamanismus in der jüngeren Altsteinzeit. Bei jüngeren Epochen gibt es das Problem, dass scheinbar typisch schamanische Praktiken nicht unbedingt schamanisch sein müssen.<br />
Ein Beispiel für eine Praxis aus dem „schamanischen Umfeld“ ist Schwitzhütte. Sie ist, so wie sie heute von europäischen Neoschamanen praktiziert wird, eine Übernahme – manche sagen: ein Plagiat – der Schwitzhütten nordamerikanischer Indianer, zum Beispiel der Mandanen. Allerdings stammte die heutige Sauna ebenso wie das römische oder türkische Schwitzbad von den Schwitzhütten nord- und osteuropäischer und vorderasiatischer Völker ab. Aber ob diese Schwitzhütten über die Körperpflege und das Wohlbefinden hinaus eine rituelle oder spirituelle Bedeutung hatten, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Der altgriechische Historiker Herodot schrieb über die Schwitzhütten der Skythen, dass sie mit dicken Decken abgedeckt wurden, und dass in ihnen berauschender Hanfsamen verwendet wurden. Das könnte auf schamanische Schwitzhütten-Rituale hinweisen, diese Schlussfolgerung ist aber nicht zwingend.</p>
<p>Oft wird die Ausbreitung des Christentums für das „Verschwinden des heidnischen Schamanismus“ in Europa verantwortlich gemacht. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Völlig falsch ist die daraus abgeleitete fixe Idee, die in einer feindlichen natürlichen Umwelt entstandenen „Wüstenreligionen“ Judentum, Islam und Christentum stünden den „alten Naturreligionen“ Europas und deren schamanischen Praktiken „natürlicherweise“ unversöhnlich gegenüber. Im Gegenteil, es gibt sogar in der Bibel Beschreibungen von ekstatische Techniken und Seelenreisen, man denke nur an die Himmelsleiter, von der Jakob träumte. Später grenzten sich die Israeliten stärker von ihrer heidnischen Umgebung ab – während Jakob z. B. noch Träume deutete, galt Traumdeutung später als ein Gräuel. Völlig ausgestorben ist die mystisch-ekstatische Praxis jedoch nie. Sowohl im Judentum wie im Christentum und vor allem im Islam – man denke nur an die <i>Sufis</i> – gibt es ekstatische Formen der Gottesverehrung. Mit Schamanismus haben sie aber nur am Rande zu tun.<br />
Ob in Europa, abgesehen vom äußersten Osten und Norden, nach der mittleren Steinzeit noch schamanisiert wurde, ist umstritten. Für die Jungsteinzeit und die Bronzezeit ist Schamanismus nicht bewiesen. Es gibt viele Hinweise auf eine „Priesterastronomie“ und auf magischen Praktiken, aber eindeutig lässt sich Schamanismus nicht aus den Artefakten ablesen. Da schriftliche Überlieferungen aus dieser Zeit fehlen, kann die Bedeutung mancher magischer Gegenstände nur geraten werden.</p>
<p>Die älteste und am wenigsten lückenhafte schriftliche Überlieferung innerhalb Europas findet sich in der griechischen Kultur. In der griechischen Mythologie gibt es tatsächlich an schamanische Reisen erinnernde Motive. Heroen wie Herakles und Odysseus reisen in die Unterwelt, wobei sie sich Trancetechniken bedienen. Allerdings ist die griechische Mythologie, wie sie sich z. B. aus der Werken Homers und Hesidods erschließen lässt, relativ arm an schamanischen Elementen.<br />
Sehr viel deutlicher sind die schamanischen Elemente in der <i>Orphik</i>, einer spirituellen Strömung, die ab ca. 600 v. u. Z. die griechische Kultur beeinflusst. Nach traditioneller Ansicht stammt sie aus den Bergen Thrakiens, es wird aber auch versucht, die Orphik auf die östlichen Wurzeln der skytischen Stämme der russischen Steppe zurückzuführen. Ihr zentraler Mythos ist die Unterweltreise des thrakischen Sänger und Musikers Orpheus. Er stieg in die Unterwelt herab, um seine Geliebte Eurydike zurück zu holen, die an einem Schlangenbiss gestorben war. Mit seiner Musik betörte er den Fährmann Charon, den Wachhund Cerberus und die drei Richter des Todes. Er entzückte Hades, den Herrn der Unterwelt so sehr, dass er Eurydike frei gab – unter der Bedingung, dass Orpheus sich nicht nach ihr umdrehen dürfte, bis er die Welt der Lebenden erreicht hätte. Eurydike folgte dem Spiel seiner Kythara. Kurz vor dem Verlassen der Unterwelt konnte Orpheus der Versuchung nicht widerstehen, drehte sich kurz um, und Eurydike verschwand für immer.<br />
Dieser Mythos entspricht verblüffend genau den Schilderungen, die Schamanen von ihren Unterweltreise geben. Typische schamanische Themen sind die Überwindung der Wächter und die Verhandlungen mit dem Herrn der Unterwelt.<br />
Die Orphiker verehrten besonders Dionysos, Gott der Ekstase, des Lebens, der zeugenden Natur. Da die Orphik bald mit der älteren hellenischen Religion und Mythologie verschmolz, wurde Dionysos trotz seiner „halbbarbarischen“ Herkunft schon recht früh unter die olympischen Götter aufgenommen. Dionysos (oder Baccus) wurde in der Baccanialien in enthusiastischer Erdnähe verehrt.<br />
Die Saturnalien, das ekstatische Fest der Römer, enthält ebenfalls schamanisch anmutende Elemente, die vielleicht auf die Etrusker zurückgehen. Leider ist die Überlieferung der etruskischen spirituellen Welt so lückenhaft, dass auch hier wenigen Fakten viel Spekulation gegenübersteht. Immerhin weist die etruskische Kunst auf eine intensive Beschäftigung mit dem Thema „Unterwelt“ und „Anderswelt“ hin.</p>
<p>Einen auf den ersten Blick überraschenden möglichen Hinweis auf kulturelle Verbindungen zwischen Europa, hier dem antiken Griechenland, und den schamanische Kulturen Nordasiens und Amerikas bieten die Tierfabel, die zum Beispiel dem Dichter Aesop zugeschrieben werden. Es gibt Tiermythen der Eskimos und der Indianer der Pazifikküste, die bis zum Wortlaut mit „aesopischen“ Fabeln übereinstimmen. Der skeptische französische Polarforscher Jean Malaurie hatte sogar den Verdacht, dass der Polarforscher und Ethnologe Knud Rasmussen den Eskimos einfach „europäische“ Fabeln in den Mund gelegt haben könnte. Da von solchen Fabeln aber auch aus der Zeit vor Rasmussen und aus Regionen, die er nie bereiste, berichtet wurde, ist Malauries Verdacht allerdings unberechtigt.</p>
<p>Neben Fabeln und Mythen geben auch Volksmärchen Hinweise auf eine mögliche „vergessene“ schamanische Schicht der europäischen Kulturen. In erstaunlich vielen Zaubermärchen taucht das Motiv der aus dem Schamanismus bekannten drei, sieben oder neun „Weltebenen“ auf, wobei diese Ebenen mit einer Weltenachse verbunden, die zum Reisen durch die „Anderswelten“ dienen. Auch die Helfertiere und die hilfreichen Ahnengeistern des Schamanen lassen sich in Zaubermärchen wiedererkennen. Die Weltenachse erscheint im Märchen als himmelhoher Baum, als bis in den Himmel reichende Ranke, aber auch als Turm, als Weltberg (Glasberg), als Himmelsseil bzw. Kette, als Regenbogen oder Schlange &#8211; und manchmal auch als endlos tiefer Brunnen („Frau Holle“). Die von sibirischen Schamanen bekannte Vorstellung von der Seelenverwahrung in einer Art „andersweltlichem Schließfach“ liegt auch dem grimmschen Märchen „Der gläserne Sarg“ zugrunde.<br />
Für die keltische Mythologie ist eine ausgeprägte Anderswelt-Thematik typisch. Die bekannteste diese parallelen Welten – denn es gibt mehr als eine – ist die Welt der Sidhe, oft als „Feen“ oder „Elfen“ übersetzt. Zwischen der Menschenwelt und den Anderswelten bestehen enge Beziehungen. In keltischen Sagen sehr häufig ist das Motiv, dass jemand in Trance oder einen traumreichen Schlaf fällt und dann in einer anderen Welt aufwacht. Inwieweit solche Motive wirklich auf verschüttete schamanische Traditionen zurückgehen, oder ob die Druiden schamanische Techniken verwendeten, worauf etwa die Sagen um Merlin hindeuten könnten, ist – wieder einmal – reine Spekulation. Die Druiden gaben ihr Wissen nur mündlich weiter, ihr Wissen starb mit ihnen.</p>
<p><b>Für den „Hauptstrom“ der europäischen Kultur lassen sich allenfalls, vor allem anhand von Sagen und Mythen, schamanische Elemente im weitere Sinne vermuten. Aber selbst der manchmal beim Thema Schamanismus überschwängliche Kulturwissenschaftler Eliade räumte ein, dass diese mythologischen Bruchstücke nicht zum Gesamtbild einer schamanischen Kultur im vorchristlichen Europa führen.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/5-gibt-es-in-europa-%E2%80%9Eechten%E2%80%9C-schamanismus/">5.Gibt es  in Europa „echten“ Schamanismus?</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/4-gibt-es-schamanische-einflusse-in-unserer-%e2%80%9eabendlandischen%e2%80%9c-kultur/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Vorwurf, Neoschamanismus sei „kultureller Diebstahl“ an traditionellen Stammeskulturen geht oft einher mit dem, dass jedes Gerede über „Europas schamanische Wurzeln“ Unsinn sei.<br />
Tatsächlich sind viele, wenn nicht die meisten, Behauptungen, die man auf vielen Neoschamanen-Websites und in manchen Schamanisimus-Büchern findet, Anlässe äußerst skeptisch zu sein. Dass viele „neue Hexen“ und keltisch oder germanisch orientierte Neuheiden dazu neigen, Spekulationen und Fiktionen über die Wurzeln der jeweilige Tradition für bare Münze zu nehmen, verschärft das Problem noch. Viele pseudowissenschaftliche „Theorien“ entstanden nach dem Prinzip: <i>Verlege die Fundamente deiner „Theorie“ in Nischen der Geschichte und Geographie, in denen sich kaum jemand auskennt.</i> Wobei es nicht einmal erforderlich zu sein scheint, dass der Pseudogelehrte selbst in den betreffenden Nischen Bescheid weiß. Notfalls kann man als Pseudo-Experte für Vor- und Frühgeschichte immer noch nach Atlantis oder Hyperborea ausweichen … </p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5789551"><img src="http://u1.ipernity.com/12/95/51/5789551.e11403a0.500.jpg" width="500" height="468" alt="Orpheus" border="0"/></a><br />
<i>Orpheus, römisches Mosaik aus Area Flaviae (heute Rottweil).</i></p>
<p>Das Problem, nach verschütteten oder vergessenen Wurzel suchen zu müssen, stellt sich für angehende Schamanen und Schamaninnen in traditionellen schamanischen Gesellschaften normalerweise nicht. Sie erlernen von ihren Lehrern einen Schamanismus, dessen Symbolik, Kosmologie, Ritualtechnik usw. als ein mehr oder minder einheitliches und von Stammesangehörigen anerkanntes System funktioniert. Selbst dort, wo Missionare, Kolonialherren oder staatliche Umerziehung die jeweilige Tradition gestört haben, weiß ein schamanisch Berufener wenigstens, wo und wonach er oder sie zu suchen hat.</p>
<p>Anders sieht es für die Angehöriger einer europäisch geprägten Kultur aus. Europa ist, was Schamanen angeht, ein Sonderfall. Das „christliche Abendland“ ist im Großen und Ganze eine deutlich nicht-schamanische, vielleicht sogar anti-schamanische, Kultur.<br />
Vor allem in protestantisch geprägten Ländern und Regionen ist das Misstrauen gegen Ekstase und mystisches Erleben traditionell groß. Die protestantische Konfession ist traditionell vom Wortgottesdienst und vom Pflichtethos geprägt – für ekstatische Formen der Spiritualität ist da wenig Platz. Für einen traditionellen Protestanten ist der Verlust von Kontrolle grundsätzlich schlecht. Entsprechend verhält sich ein Schamane aus traditionell-protestantischer Perspektive moralisch falsch, Schamanen sind also Lügner und Betrüger, und  Schamanismus kann nichts nichts als primitiver Aberglauben sein. Aus evangelikal-fundamentalistischer Sicht ist er sogar  Teufelsanbetung.<br />
Etwas anders ist die Situation bei den Katholiken. Ein traditioneller Katholik akzeptiert sehr wohl , dass es Ekstase und Mystik gibt. Er unterscheidet aber streng zwischen heiliger, sündiger oder dämonisch besessenen Formen des „Außer-Sich-Seiens“. Schamanismus erscheinen in dieser Weltsicht mitunter ebenfalls als Teufelszeug. In Lateinamerika gibt es jedoch zahlreiche Beispiele einer gelungenen Symbiose zwischen schamanischem und katholischem Glaubensvorstellungen, während ich auch nach längere Recherche kein Beispiel einer Symbiose zwischen traditionellem Protestantismus und Schamanismus nennen könnte. Im Rahmen des „New Age“ und des „spirituellen Supermarktes“ vor allem in den USA gab und gibt es auch protestantische Schamanen, aber das sind Randerscheinungen, die von den großen evangelischen Kirchen allenfalls geduldet werden. Ähnlich wie im Katholizismus sieht es für das orthodoxe Christentum aus. Es gibt in Sibirien sowohl Beispiele für eine Verteufelung des Schamanismus wie für gelungene Symbiosen zwischen Schamanismus und Christentum.</p>
<p>Seit dem 19. Jahrhundert prägt neben dem Christentum auch der Materialismus in seinen unterschiedlichen Spielarten die „westliche“ Kultur. Die Weltsicht eines Materialisten kann aufgeklärt sein, muss es aber nicht. Vor allem aus der Perspektive wenig aufgeklärter und wenig reflektierender Materialisten erscheint der Glaube an Geistreisen entweder Symptom einer Geisteskrankheit („Schamanen sind Schizophrene“) oder als finsterster Aberglaube und Dummenfang.</p>
<p>Wer sich ein wenig mit dem Umgang der jeweiligen Eroberernationen mit „eingeborenen“ Schamanen beschäftigt, wird diese unterschiedlichen weltanschaulich bestimmten Sichtweisen wiedererkennen.<br />
Daneben gab es auch immer wieder eine romantisiert-verklärt erhöhende Sichtweise auf den Schamanismus „exotischer Völker“, der die armen „sprituellen Handwerker“ dieser Völker schwerlich gerecht werden können.</p>
<p>Europa und die von Europa aus besiedelten Gebiete anderer Kontinente sind also die Hochburgen des Anti-Schamanismus. Anderseits gibt es Indizien dafür, dass das vorchristliche Europa, ähnlich wie das benachbarte Asien, deutlich schamanisch geprägt gewesen sein könnte. Im Norden und Osten, in den Regionen, die unmittelbar an das „nordasiatische Schamanengebiet“ angrenzen, ist Schmanismus nachgewiesen – dazu weiter unten mehr. Für den großen „Rest“ Europas lässt sich nur sagen, dass es „in grauer Vorzeit“ Schamanismus gegeben haben könnte, Sehr wahrscheinlich ist Schamanismus in der jüngeren Altsteinzeit. Bei jüngeren Epochen gibt es das Problem, dass scheinbar typisch schamanische Praktiken nicht unbedingt schamanisch sein müssen.<br />
Ein Beispiel für eine Praxis aus dem „schamanischen Umfeld“ ist Schwitzhütte. Sie ist, so wie sie heute von europäischen Neoschamanen praktiziert wird, eine Übernahme – manche sagen: ein Plagiat – der Schwitzhütten nordamerikanischer Indianer, zum Beispiel der Mandanen. Allerdings stammte die heutige Sauna ebenso wie das römische oder türkische Schwitzbad von den Schwitzhütten nord- und osteuropäischer und vorderasiatischer Völker ab. Aber ob diese Schwitzhütten über die Körperpflege und das Wohlbefinden hinaus eine rituelle oder spirituelle Bedeutung hatten, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Der altgriechische Historiker Herodot schrieb über die Schwitzhütten der Skythen, dass sie mit dicken Decken abgedeckt wurden, und dass in ihnen berauschender Hanfsamen verwendet wurden. Das könnte auf schamanische Schwitzhütten-Rituale hinweisen, diese Schlussfolgerung ist aber nicht zwingend.</p>
<p>Oft wird die Ausbreitung des Christentums für das „Verschwinden des heidnischen Schamanismus“ in Europa verantwortlich gemacht. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Völlig falsch ist die daraus abgeleitete fixe Idee, die in einer feindlichen natürlichen Umwelt entstandenen „Wüstenreligionen“ Judentum, Islam und Christentum stünden den „alten Naturreligionen“ Europas und deren schamanischen Praktiken „natürlicherweise“ unversöhnlich gegenüber. Im Gegenteil, es gibt sogar in der Bibel Beschreibungen von ekstatische Techniken und Seelenreisen, man denke nur an die Himmelsleiter, von der Jakob träumte. Später grenzten sich die Israeliten stärker von ihrer heidnischen Umgebung ab – während Jakob z. B. noch Träume deutete, galt Traumdeutung später als ein Gräuel. Völlig ausgestorben ist die mystisch-ekstatische Praxis jedoch nie. Sowohl im Judentum wie im Christentum und vor allem im Islam – man denke nur an die <i>Sufis</i> – gibt es ekstatische Formen der Gottesverehrung. Mit Schamanismus haben sie aber nur am Rande zu tun.<br />
Ob in Europa, abgesehen vom äußersten Osten und Norden, nach der mittleren Steinzeit noch schamanisiert wurde, ist umstritten. Für die Jungsteinzeit und die Bronzezeit ist Schamanismus nicht bewiesen. Es gibt viele Hinweise auf eine „Priesterastronomie“ und auf magischen Praktiken, aber eindeutig lässt sich Schamanismus nicht aus den Artefakten ablesen. Da schriftliche Überlieferungen aus dieser Zeit fehlen, kann die Bedeutung mancher magischer Gegenstände nur geraten werden.</p>
<p>Die älteste und am wenigsten lückenhafte schriftliche Überlieferung innerhalb Europas findet sich in der griechischen Kultur. In der griechischen Mythologie gibt es tatsächlich an schamanische Reisen erinnernde Motive. Heroen wie Herakles und Odysseus reisen in die Unterwelt, wobei sie sich Trancetechniken bedienen. Allerdings ist die griechische Mythologie, wie sie sich z. B. aus der Werken Homers und Hesidods erschließen lässt, relativ arm an schamanischen Elementen.<br />
Sehr viel deutlicher sind die schamanischen Elemente in der <i>Orphik</i>, einer spirituellen Strömung, die ab ca. 600 v. u. Z. die griechische Kultur beeinflusst. Nach traditioneller Ansicht stammt sie aus den Bergen Thrakiens, es wird aber auch versucht, die Orphik auf die östlichen Wurzeln der skytischen Stämme der russischen Steppe zurückzuführen. Ihr zentraler Mythos ist die Unterweltreise des thrakischen Sänger und Musikers Orpheus. Er stieg in die Unterwelt herab, um seine Geliebte Eurydike zurück zu holen, die an einem Schlangenbiss gestorben war. Mit seiner Musik betörte er den Fährmann Charon, den Wachhund Cerberus und die drei Richter des Todes. Er entzückte Hades, den Herrn der Unterwelt so sehr, dass er Eurydike frei gab – unter der Bedingung, dass Orpheus sich nicht nach ihr umdrehen dürfte, bis er die Welt der Lebenden erreicht hätte. Eurydike folgte dem Spiel seiner Kythara. Kurz vor dem Verlassen der Unterwelt konnte Orpheus der Versuchung nicht widerstehen, drehte sich kurz um, und Eurydike verschwand für immer.<br />
Dieser Mythos entspricht verblüffend genau den Schilderungen, die Schamanen von ihren Unterweltreise geben. Typische schamanische Themen sind die Überwindung der Wächter und die Verhandlungen mit dem Herrn der Unterwelt.<br />
Die Orphiker verehrten besonders Dionysos, Gott der Ekstase, des Lebens, der zeugenden Natur. Da die Orphik bald mit der älteren hellenischen Religion und Mythologie verschmolz, wurde Dionysos trotz seiner „halbbarbarischen“ Herkunft schon recht früh unter die olympischen Götter aufgenommen. Dionysos (oder Baccus) wurde in der Baccanialien in enthusiastischer Erdnähe verehrt.<br />
Die Saturnalien, das ekstatische Fest der Römer, enthält ebenfalls schamanisch anmutende Elemente, die vielleicht auf die Etrusker zurückgehen. Leider ist die Überlieferung der etruskischen spirituellen Welt so lückenhaft, dass auch hier wenigen Fakten viel Spekulation gegenübersteht. Immerhin weist die etruskische Kunst auf eine intensive Beschäftigung mit dem Thema „Unterwelt“ und „Anderswelt“ hin.</p>
<p>Einen auf den ersten Blick überraschenden möglichen Hinweis auf kulturelle Verbindungen zwischen Europa, hier dem antiken Griechenland, und den schamanische Kulturen Nordasiens und Amerikas bieten die Tierfabel, die zum Beispiel dem Dichter Aesop zugeschrieben werden. Es gibt Tiermythen der Eskimos und der Indianer der Pazifikküste, die bis zum Wortlaut mit „aesopischen“ Fabeln übereinstimmen. Der skeptische französische Polarforscher Jean Malaurie hatte sogar den Verdacht, dass der Polarforscher und Ethnologe Knud Rasmussen den Eskimos einfach „europäische“ Fabeln in den Mund gelegt haben könnte. Da von solchen Fabeln aber auch aus der Zeit vor Rasmussen und aus Regionen, die er nie bereiste, berichtet wurde, ist Malauries Verdacht allerdings unberechtigt.</p>
<p>Neben Fabeln und Mythen geben auch Volksmärchen Hinweise auf eine mögliche „vergessene“ schamanische Schicht der europäischen Kulturen. In erstaunlich vielen Zaubermärchen taucht das Motiv der aus dem Schamanismus bekannten drei, sieben oder neun „Weltebenen“ auf, wobei diese Ebenen mit einer Weltenachse verbunden, die zum Reisen durch die „Anderswelten“ dienen. Auch die Helfertiere und die hilfreichen Ahnengeistern des Schamanen lassen sich in Zaubermärchen wiedererkennen. Die Weltenachse erscheint im Märchen als himmelhoher Baum, als bis in den Himmel reichende Ranke, aber auch als Turm, als Weltberg (Glasberg), als Himmelsseil bzw. Kette, als Regenbogen oder Schlange &#8211; und manchmal auch als endlos tiefer Brunnen („Frau Holle“). Die von sibirischen Schamanen bekannte Vorstellung von der Seelenverwahrung in einer Art „andersweltlichem Schließfach“ liegt auch dem grimmschen Märchen „Der gläserne Sarg“ zugrunde.<br />
Für die keltische Mythologie ist eine ausgeprägte Anderswelt-Thematik typisch. Die bekannteste diese parallelen Welten – denn es gibt mehr als eine – ist die Welt der Sidhe, oft als „Feen“ oder „Elfen“ übersetzt. Zwischen der Menschenwelt und den Anderswelten bestehen enge Beziehungen. In keltischen Sagen sehr häufig ist das Motiv, dass jemand in Trance oder einen traumreichen Schlaf fällt und dann in einer anderen Welt aufwacht. Inwieweit solche Motive wirklich auf verschüttete schamanische Traditionen zurückgehen, oder ob die Druiden schamanische Techniken verwendeten, worauf etwa die Sagen um Merlin hindeuten könnten, ist – wieder einmal – reine Spekulation. Die Druiden gaben ihr Wissen nur mündlich weiter, ihr Wissen starb mit ihnen.</p>
<p><b>Für den „Hauptstrom“ der europäischen Kultur lassen sich allenfalls, vor allem anhand von Sagen und Mythen, schamanische Elemente im weitere Sinne vermuten. Aber selbst der manchmal beim Thema Schamanismus überschwängliche Kulturwissenschaftler Eliade räumte ein, dass diese mythologischen Bruchstücke nicht zum Gesamtbild einer schamanischen Kultur im vorchristlichen Europa führen.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/5-gibt-es-in-europa-%E2%80%9Eechten%E2%80%9C-schamanismus/">5.Gibt es  in Europa „echten“ Schamanismus?</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/4-gibt-es-schamanische-einflusse-in-unserer-%e2%80%9eabendlandischen%e2%80%9c-kultur/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>5.Gibt es  in Europa „echten“ Schamanismus?</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/5-gibt-es-in-europa-%e2%80%9eechten%e2%80%9c-schamanismus/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/5-gibt-es-in-europa-%e2%80%9eechten%e2%80%9c-schamanismus/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 15:43:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[ahnen]]></category>
		<category><![CDATA[Ethnologie]]></category>
		<category><![CDATA[Finnen]]></category>
		<category><![CDATA[finnisch]]></category>
		<category><![CDATA[finno-ugrisch]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[germanisch]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Lappen]]></category>
		<category><![CDATA[Nordeuropa]]></category>
		<category><![CDATA[Sami]]></category>
		<category><![CDATA[samisch]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbild]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1763</guid>
		<description><![CDATA[<p>Der kulturelle Hauptstrom Europas ist also nicht schamanistisch. Dennoch gibt es auch in Europa Kulturen, in der sich bis in die Neuzeit hinein Schamanismus, sogar solcher im „engeren Sinn“, hielt.<br />
Die bekannteste dieser Kulturen ist die der Sami, auch als „Lappen“ bekannt.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5031391"><img src="http://u1.ipernity.com/11/13/91/5031391.b36a8300.500.jpg" width="359" height="500" alt="Sami Schamane" border="0"/></a><br />
<i>Schamane der Sami mit seine großen &#8220;Zaubertrommel&#8221; (meavrresgárri). Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert</i></p>
<p>Die Sami sprechen eine Sprache, die zur finno-ugrischen Sprachfamilie gehört. Ihr Schamanismus gilt als „Vorzeigebeleg“ für die diffusionistische Theorie der schamanische Kulturen. Die in Westsibiren lebenden „Urfinnen“ &#8211; Vorfahren sowohl der Sami, wie der Finnen und auch der Esten – hätten dem schamanischen Komplex demnach von den weiter östlich lebenden Jakuten übernommen. Danach konnte das spirituelle System sich über die Sprach-, Kultur- und „Rassen“-Grenzen hinweg verbreiten.<br />
Es gibt aber auch die ältere Hypothese, dass der Schamanismus der Sami ein „Überbleibsel“ des in vor der Jungsteinzeit auch im übrigen europäischen Raum praktizierten Schamanismus sei. Weil die Sami auf der Kulturstufe des Hirtennomaden „stehenblieben“ wären, die „neolitische Revolution“ bei ihnen also nicht stattgefunden hätte, hätten sie auch die vor-ackerbaulichen Traditionen behalten. Ungeachtet dessen, dass diese Hypothese nicht frei von kultureller Arroganz ist, spricht wegen der Schamanismusspuren im „indoeuropäischen Teil“ Europas doch Einiges für sie. Die beiden Hypothesen schließen sich, näher betrachtet, keineswegs aus: Einerseits sind schamanische Kulturen im engeren Sinne durchweg Stammesgesellschaften, die auf das Wohlverhalten der Tiere angewiesen sind, und die in einer „gefährlichen Natur“ leben. Anderseits kann man die Sami mit Fug und Recht die westlichsten eurasischen Tundrabewohner nennen – oder überspitzt: die westlichsten Sibiriaken. Die ohnehin konstruierte Grenze zwischen „Europa“ und „Asien“ ist nirgendwo so willkürlich wie in Tundra und Taiga. Das Uralgebirge hat größtenteils Mittelgebirgscharakter und ist für Hirtennomaden kein Hindernis. Nur das Denken in „rassischen“ Kategorien – die Finno-Ugrier sind „weiß“, die Völker Ostsibiriens „mongolisch“ &#8211; verschleiert den offensichtlichen Zusammenhang.</p>
<p>Die sibirischen Finno-Ugriern, wie zum Beispiel die Komi, praktizieren bis in die Gegenwart hinein einen Schamanismus, der, wie ihre übrige Kultur, im Großen und Ganzen dem „ostsibirischen“ Muster entspricht.<br />
Es gibt aber auch ein nicht-hirtennomadisches, nicht im „rauen Norden“ lebendes, eine finno-ugrische Sprache sprechendes Volk, in dem sich schamanisches Denken und heidnische Spiritualität bis in die Gegenwart sogar besser als bei der Sami gehalten haben: die „Wolgafinnisch“ sprechenden Mari, deren autonome Republik im Südosten des europäischen Teils Russlands liegt. Unter den Mari dürften die letzten „ursprünglichen Heiden“ Europas zu finden sein. Während andere von den Russen unterworfene Völker vergleichsweise schnell missioniert wurden, haben sich die Mari bis ins 19. Jahrhundert der Christianisierung widersetzt. Einige Angehörige der Mari, insbesondere viele Ost-Mari (Tschi-Mari, „Reine Mari“), pflegen bis heute eine traditionelle heidnische, naturbezogene Religion, die Mehrheit ist inzwischen allerdings russisch-orthodox, lutheranisch oder atheistisch.<br />
Bei anderen finno-ugrischen Völkern Ost- und Mitteleuropas gibt es zwar Brauchtum mit schamanischen Elemente und zahlreiche Mythen und Märchen mit schamanischen Motiven, aber zumindest in historischer Zeit, ist kein Schamanismus nachweisbar. In Falle der Ungarn ließe sich auch nicht sagen, welche Traditionen „finno-ugrisch“ wären, und welche auf Turkvölker wie die Hunnen oder vielleicht auf Roma-Einflüsse zurückzuführen sind.</p>
<p>Es fällt auf, dass „europäische Völker“ mit in historischer Zeit nachweisbarem Schamanismus im engeren und weiteren Sinne fast durchweg nicht-indoeuropäische Sprachen sprechen. Neben den Finno-Ugriern finden sich schmanische Tradtionen vor allem bei Turkvölkern. Schamanische Elemente im weiteren Sinne findet man, wie erwähnt, auch bei den Roma.</p>
<p>Nach diesem kleine Exkurs zurück zum Norden Europas. Der heutige Lebensraum der Sami ist, so ausgedehnt er gemessen an mitteleuropäischen Verhältnissen auch erscheint, nur ein Rest des einstigen Siedlungsgebietes. Bis weit ins Hochmittelalter lebten selbst in Mittelschweden noch Sami, bis unmittelbar nördlich von Dalarna, auch das Landesinnere Norwegens war Sami-Gebiet. Später wurden die Sami von den germanischen Skandinaviern vermutlich eher assimiliert als verdrängt – dass die „Lappen“ eine „eigene Rasse“ seien, im Klischee eher klein, schwarzhaarig und kummbeinig, war eine fixe Idee einiger Rassefanatiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Übrigens waren niemals alle Sami die „typischen“ Rentierhirten, schon da die meisten Sami in historischer Zeit „Waldlappen“ waren.</p>
<p>Der erste Bericht über die religiösen oder spirituellen Praktiken der Sami stammen aus einer norwegischen Chronik um 1100, in der schamanische Trommeln und Trance beschrieben sind. Allerdings dürften einige noch ältere Sagatexte über „finnische“ Zauberer auf samischen Schamanen zurückgehen, denn zwischen Sami und Finnen wurde in ihnen nicht unterschieden.<br />
Ausführliche Berichte stammen von Missionaren der frühen Neuzeit, die die schamanischen Praktiken buchstäblich verteufelten.<br />
Während in vorreformatorischer Zeit die „Lappenmision“ eher in einer pro-forma Christianisierung bestand, wurde sie ab dem17. Jahrhundert deutlich energischer betrieben. Das wird oft dem Glaubenseifer der schwedischen Lutheraner zugesprochen, aber auch die orthodoxe Kirche in Ostfinnland zog zu dieser Zeit bei ihrer „Lappenmission“ die Zügel an. Der Hauptgrund dürfte in der Machtpolitik zu suchen sein; beim sich durch das ganze 17. Jahrhundert ziehenden Konflikt zwischen Russland und Schweden, unter anderem um die Herrschaft über Finnland, wurde auch das bisher „vergessene Hinterland“ im Norden wichtiger.<br />
Die teilweise brutale Missionierung hielt bis weit ins 18. Jahrhundert an. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich zumindest in Schweden ein aufgeklärterer Missionsstil durch. Zum Beispiel versuchte der Erweckungsprediger Lars Levi Laestadius um 1840, die ekstatische Tradition der Schamanen in seinen ohnehin charismatischen Gottesdienst zu integrieren. Damit machte er das Christentum für die Sami akzeptabler. Die kulturelle Überfremdung und Bevormundung hielt aber bis weit ins 20. Jahrhundert an.<br />
Der Schamane oder Noaidi hatte bei den Sami dieselben Aufgaben wie sein sibirischer oder nordamerikanischer Berufskollege und reiste wie sie in Trance in andere Welten. Noaiden waren männlich, Frauen nach den Wechseljahren konnten aber ebenfalls schamanisch arbeiten.<br />
Wie in Sibirien gibt es in der samischen Mythologie ein Drei-Ebenen-Weltbild, drei durch eine Weltensäule verbundene Welten, wobei die mittlere Ebene von den lebenden Menschen bewohnt wird. Zumindest von der Unterwelt ist bekannt, dass sie wiederum in drei Bereiche getrennt ist, von der eines, Jabaimo, von den verstorbenen Menschen bewohnt wird.<br />
Wichtige samische Götter sind Tiermes, ein Donnergott, von den Missionaren als Sohn des Teufels dargestellt, Jabmaekka, die Herrscherin der Unterwelt, und der Fruchtbarkeitsgott Vearalden Olmai.<br />
Wie in schamanischen Kulturen üblich hat ein Mensch drei Seelen oder Geistkörper: Eine geistige Seele, eine „Körperseele“ und die Namenseele bzw. Ahnenseele, die das Kind mit der Namensgebung erhält. Das Kind erhält einen Namen eines Ahnen, der seine Fähigkeiten aus der Unterwelt auf das Kind übertragen soll. Auch die Tiere haben mehrere Seelen.<br />
Typisch für die samische Kultur ist der Joik, ein oft lautmalerischer Gesang, der auch magische Funktionen hat – die Magie der Sami ist, wie auch in anderen schamanischen Kulturen sehr stark musikalisch geprägt. Manche der Joiks erzählen von Personen, andere von von Tieren, vor allem Rentiere und Wölfe. Auch heilige Plätze in der Natur, Gefühle und Hoffnungen sind bekannte Themen des Joiks.<br />
Heute ist die schamanische Tradition der Sami so gut wie ausgestorben.</p>
<p>Die südöstlichen Nachbarn der Sami sind die Finnen. Trotz kultureller und sprachlicher Verwandtschaft war das Verhältnis zwischen diesen Völkern nicht immer ungetrübt. In finnischen Sagen sind die im Norden lebenden Sami, die Bewohner der Nordlandes (Pohjola) oft unheimlich und gefährlich.<br />
Vor der Christianisierung ab dem 12. Jahrhundert war auch die finnische Kultur schamanisch geprägt, die ältesten überlieferten finnischen Dichtungen sind Beschwörungen. Wie bei ihren nördlichen Nachbarn gibt es Gesänge mit magischer Funktion, wie überhaupt das mythologische Weltbild der heidnischen Finnen stark dem der Sami ähnelt. Es gibt, wie üblich, Oberwelt, Mittelwelt und Menschenwelt, verbunden durch eine Säule.<br />
Typisch ist die große Bedeutung, die die Vögel in der finnischen Mythologie haben: Sie bringen dem Menschen bei seiner Geburt seine Seele und tragen sie beim Tod wieder weg. Um seine Seele im Schlaf zu schützen, musste man eine hölzerne Vogelfigur in seiner Nähe haben. Dieser Seelenvogel, Sielulintu genannt, verhindert, dass die Seele in den Träumen verloren geht. Die Seele ist also „mobil“, eine Voraussetzung für schamanische Reisen.<br />
Der wichtigste Protagonist der dichterisch von Elias Lönnrot in der Kalevala zusammengefassten Sagen und Mythen ist der alte und weise Sänger Väinämöinen, der deutlich die Züge eines Schamanen hat.<br />
Bekannte und wichtige finnische Götter sind: Ilmatar (auch Luonnotar) die Göttin der Lüfte, Erschafferin der Welt und Mutter von Väinämöinen. Der Himmelsgott ist Jumala (der Christengott wurde später ebenfalls so genannt), wobei es auch einen älteren Himmelsgott namens Kave gibt und auch Ukko, der Donnergott, oft als Hochgott und Himmelgott gilt. Kalma ist die Göttin des Todes, Lemminkäinen (auch Kauko) ist ein göttlicher Magier. Vellamo ist eine Meeres- und Sturmgöttin, Vedenemo die Göttin des Wassers. Wie bei den Sami sind die finnischen Götter ausgesprochene Naturgottheiten; einen „Götteradel“ wie etwa die olympischen Götter, gibt es allenfalls in Ansätzen.</p>
<p><b>Vor allem in der samischen, aber auch in anderen finno-ugrischen Kulturen, gab in historischer Zeit, vereinzelt sogar bis in die Gegenwart, echten Schamanismus. Da die Finno-Ugrier nach üblicher Einschätzung zum europäischen Kulturkreis gehören, kann die Frage, ob es „europäischen Schamanismus“ gibt, mit „ja“ beantwortet werden. Da „europäisch“ oft jedoch mit „indo-europäisch“ bzw. „indo-germanisch“ gleichgesetzt wird, und es, wie weiter oben geschildert, umstritten ist, ob es in diesen Kulturen überhaupt schamanische Elemente gibt, haben auch jene nicht völlig unrecht, die verneinen, dass es einen „Euroschamanismus“ gäbe.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen/" >6. Germanische Schamanen?</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/5-gibt-es-in-europa-%e2%80%9eechten%e2%80%9c-schamanismus/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der kulturelle Hauptstrom Europas ist also nicht schamanistisch. Dennoch gibt es auch in Europa Kulturen, in der sich bis in die Neuzeit hinein Schamanismus, sogar solcher im „engeren Sinn“, hielt.<br />
Die bekannteste dieser Kulturen ist die der Sami, auch als „Lappen“ bekannt.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5031391"><img src="http://u1.ipernity.com/11/13/91/5031391.b36a8300.500.jpg" width="359" height="500" alt="Sami Schamane" border="0"/></a><br />
<i>Schamane der Sami mit seine großen &#8220;Zaubertrommel&#8221; (meavrresgárri). Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert</i></p>
<p>Die Sami sprechen eine Sprache, die zur finno-ugrischen Sprachfamilie gehört. Ihr Schamanismus gilt als „Vorzeigebeleg“ für die diffusionistische Theorie der schamanische Kulturen. Die in Westsibiren lebenden „Urfinnen“ &#8211; Vorfahren sowohl der Sami, wie der Finnen und auch der Esten – hätten dem schamanischen Komplex demnach von den weiter östlich lebenden Jakuten übernommen. Danach konnte das spirituelle System sich über die Sprach-, Kultur- und „Rassen“-Grenzen hinweg verbreiten.<br />
Es gibt aber auch die ältere Hypothese, dass der Schamanismus der Sami ein „Überbleibsel“ des in vor der Jungsteinzeit auch im übrigen europäischen Raum praktizierten Schamanismus sei. Weil die Sami auf der Kulturstufe des Hirtennomaden „stehenblieben“ wären, die „neolitische Revolution“ bei ihnen also nicht stattgefunden hätte, hätten sie auch die vor-ackerbaulichen Traditionen behalten. Ungeachtet dessen, dass diese Hypothese nicht frei von kultureller Arroganz ist, spricht wegen der Schamanismusspuren im „indoeuropäischen Teil“ Europas doch Einiges für sie. Die beiden Hypothesen schließen sich, näher betrachtet, keineswegs aus: Einerseits sind schamanische Kulturen im engeren Sinne durchweg Stammesgesellschaften, die auf das Wohlverhalten der Tiere angewiesen sind, und die in einer „gefährlichen Natur“ leben. Anderseits kann man die Sami mit Fug und Recht die westlichsten eurasischen Tundrabewohner nennen – oder überspitzt: die westlichsten Sibiriaken. Die ohnehin konstruierte Grenze zwischen „Europa“ und „Asien“ ist nirgendwo so willkürlich wie in Tundra und Taiga. Das Uralgebirge hat größtenteils Mittelgebirgscharakter und ist für Hirtennomaden kein Hindernis. Nur das Denken in „rassischen“ Kategorien – die Finno-Ugrier sind „weiß“, die Völker Ostsibiriens „mongolisch“ &#8211; verschleiert den offensichtlichen Zusammenhang.</p>
<p>Die sibirischen Finno-Ugriern, wie zum Beispiel die Komi, praktizieren bis in die Gegenwart hinein einen Schamanismus, der, wie ihre übrige Kultur, im Großen und Ganzen dem „ostsibirischen“ Muster entspricht.<br />
Es gibt aber auch ein nicht-hirtennomadisches, nicht im „rauen Norden“ lebendes, eine finno-ugrische Sprache sprechendes Volk, in dem sich schamanisches Denken und heidnische Spiritualität bis in die Gegenwart sogar besser als bei der Sami gehalten haben: die „Wolgafinnisch“ sprechenden Mari, deren autonome Republik im Südosten des europäischen Teils Russlands liegt. Unter den Mari dürften die letzten „ursprünglichen Heiden“ Europas zu finden sein. Während andere von den Russen unterworfene Völker vergleichsweise schnell missioniert wurden, haben sich die Mari bis ins 19. Jahrhundert der Christianisierung widersetzt. Einige Angehörige der Mari, insbesondere viele Ost-Mari (Tschi-Mari, „Reine Mari“), pflegen bis heute eine traditionelle heidnische, naturbezogene Religion, die Mehrheit ist inzwischen allerdings russisch-orthodox, lutheranisch oder atheistisch.<br />
Bei anderen finno-ugrischen Völkern Ost- und Mitteleuropas gibt es zwar Brauchtum mit schamanischen Elemente und zahlreiche Mythen und Märchen mit schamanischen Motiven, aber zumindest in historischer Zeit, ist kein Schamanismus nachweisbar. In Falle der Ungarn ließe sich auch nicht sagen, welche Traditionen „finno-ugrisch“ wären, und welche auf Turkvölker wie die Hunnen oder vielleicht auf Roma-Einflüsse zurückzuführen sind.</p>
<p>Es fällt auf, dass „europäische Völker“ mit in historischer Zeit nachweisbarem Schamanismus im engeren und weiteren Sinne fast durchweg nicht-indoeuropäische Sprachen sprechen. Neben den Finno-Ugriern finden sich schmanische Tradtionen vor allem bei Turkvölkern. Schamanische Elemente im weiteren Sinne findet man, wie erwähnt, auch bei den Roma.</p>
<p>Nach diesem kleine Exkurs zurück zum Norden Europas. Der heutige Lebensraum der Sami ist, so ausgedehnt er gemessen an mitteleuropäischen Verhältnissen auch erscheint, nur ein Rest des einstigen Siedlungsgebietes. Bis weit ins Hochmittelalter lebten selbst in Mittelschweden noch Sami, bis unmittelbar nördlich von Dalarna, auch das Landesinnere Norwegens war Sami-Gebiet. Später wurden die Sami von den germanischen Skandinaviern vermutlich eher assimiliert als verdrängt – dass die „Lappen“ eine „eigene Rasse“ seien, im Klischee eher klein, schwarzhaarig und kummbeinig, war eine fixe Idee einiger Rassefanatiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Übrigens waren niemals alle Sami die „typischen“ Rentierhirten, schon da die meisten Sami in historischer Zeit „Waldlappen“ waren.</p>
<p>Der erste Bericht über die religiösen oder spirituellen Praktiken der Sami stammen aus einer norwegischen Chronik um 1100, in der schamanische Trommeln und Trance beschrieben sind. Allerdings dürften einige noch ältere Sagatexte über „finnische“ Zauberer auf samischen Schamanen zurückgehen, denn zwischen Sami und Finnen wurde in ihnen nicht unterschieden.<br />
Ausführliche Berichte stammen von Missionaren der frühen Neuzeit, die die schamanischen Praktiken buchstäblich verteufelten.<br />
Während in vorreformatorischer Zeit die „Lappenmision“ eher in einer pro-forma Christianisierung bestand, wurde sie ab dem17. Jahrhundert deutlich energischer betrieben. Das wird oft dem Glaubenseifer der schwedischen Lutheraner zugesprochen, aber auch die orthodoxe Kirche in Ostfinnland zog zu dieser Zeit bei ihrer „Lappenmission“ die Zügel an. Der Hauptgrund dürfte in der Machtpolitik zu suchen sein; beim sich durch das ganze 17. Jahrhundert ziehenden Konflikt zwischen Russland und Schweden, unter anderem um die Herrschaft über Finnland, wurde auch das bisher „vergessene Hinterland“ im Norden wichtiger.<br />
Die teilweise brutale Missionierung hielt bis weit ins 18. Jahrhundert an. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich zumindest in Schweden ein aufgeklärterer Missionsstil durch. Zum Beispiel versuchte der Erweckungsprediger Lars Levi Laestadius um 1840, die ekstatische Tradition der Schamanen in seinen ohnehin charismatischen Gottesdienst zu integrieren. Damit machte er das Christentum für die Sami akzeptabler. Die kulturelle Überfremdung und Bevormundung hielt aber bis weit ins 20. Jahrhundert an.<br />
Der Schamane oder Noaidi hatte bei den Sami dieselben Aufgaben wie sein sibirischer oder nordamerikanischer Berufskollege und reiste wie sie in Trance in andere Welten. Noaiden waren männlich, Frauen nach den Wechseljahren konnten aber ebenfalls schamanisch arbeiten.<br />
Wie in Sibirien gibt es in der samischen Mythologie ein Drei-Ebenen-Weltbild, drei durch eine Weltensäule verbundene Welten, wobei die mittlere Ebene von den lebenden Menschen bewohnt wird. Zumindest von der Unterwelt ist bekannt, dass sie wiederum in drei Bereiche getrennt ist, von der eines, Jabaimo, von den verstorbenen Menschen bewohnt wird.<br />
Wichtige samische Götter sind Tiermes, ein Donnergott, von den Missionaren als Sohn des Teufels dargestellt, Jabmaekka, die Herrscherin der Unterwelt, und der Fruchtbarkeitsgott Vearalden Olmai.<br />
Wie in schamanischen Kulturen üblich hat ein Mensch drei Seelen oder Geistkörper: Eine geistige Seele, eine „Körperseele“ und die Namenseele bzw. Ahnenseele, die das Kind mit der Namensgebung erhält. Das Kind erhält einen Namen eines Ahnen, der seine Fähigkeiten aus der Unterwelt auf das Kind übertragen soll. Auch die Tiere haben mehrere Seelen.<br />
Typisch für die samische Kultur ist der Joik, ein oft lautmalerischer Gesang, der auch magische Funktionen hat – die Magie der Sami ist, wie auch in anderen schamanischen Kulturen sehr stark musikalisch geprägt. Manche der Joiks erzählen von Personen, andere von von Tieren, vor allem Rentiere und Wölfe. Auch heilige Plätze in der Natur, Gefühle und Hoffnungen sind bekannte Themen des Joiks.<br />
Heute ist die schamanische Tradition der Sami so gut wie ausgestorben.</p>
<p>Die südöstlichen Nachbarn der Sami sind die Finnen. Trotz kultureller und sprachlicher Verwandtschaft war das Verhältnis zwischen diesen Völkern nicht immer ungetrübt. In finnischen Sagen sind die im Norden lebenden Sami, die Bewohner der Nordlandes (Pohjola) oft unheimlich und gefährlich.<br />
Vor der Christianisierung ab dem 12. Jahrhundert war auch die finnische Kultur schamanisch geprägt, die ältesten überlieferten finnischen Dichtungen sind Beschwörungen. Wie bei ihren nördlichen Nachbarn gibt es Gesänge mit magischer Funktion, wie überhaupt das mythologische Weltbild der heidnischen Finnen stark dem der Sami ähnelt. Es gibt, wie üblich, Oberwelt, Mittelwelt und Menschenwelt, verbunden durch eine Säule.<br />
Typisch ist die große Bedeutung, die die Vögel in der finnischen Mythologie haben: Sie bringen dem Menschen bei seiner Geburt seine Seele und tragen sie beim Tod wieder weg. Um seine Seele im Schlaf zu schützen, musste man eine hölzerne Vogelfigur in seiner Nähe haben. Dieser Seelenvogel, Sielulintu genannt, verhindert, dass die Seele in den Träumen verloren geht. Die Seele ist also „mobil“, eine Voraussetzung für schamanische Reisen.<br />
Der wichtigste Protagonist der dichterisch von Elias Lönnrot in der Kalevala zusammengefassten Sagen und Mythen ist der alte und weise Sänger Väinämöinen, der deutlich die Züge eines Schamanen hat.<br />
Bekannte und wichtige finnische Götter sind: Ilmatar (auch Luonnotar) die Göttin der Lüfte, Erschafferin der Welt und Mutter von Väinämöinen. Der Himmelsgott ist Jumala (der Christengott wurde später ebenfalls so genannt), wobei es auch einen älteren Himmelsgott namens Kave gibt und auch Ukko, der Donnergott, oft als Hochgott und Himmelgott gilt. Kalma ist die Göttin des Todes, Lemminkäinen (auch Kauko) ist ein göttlicher Magier. Vellamo ist eine Meeres- und Sturmgöttin, Vedenemo die Göttin des Wassers. Wie bei den Sami sind die finnischen Götter ausgesprochene Naturgottheiten; einen „Götteradel“ wie etwa die olympischen Götter, gibt es allenfalls in Ansätzen.</p>
<p><b>Vor allem in der samischen, aber auch in anderen finno-ugrischen Kulturen, gab in historischer Zeit, vereinzelt sogar bis in die Gegenwart, echten Schamanismus. Da die Finno-Ugrier nach üblicher Einschätzung zum europäischen Kulturkreis gehören, kann die Frage, ob es „europäischen Schamanismus“ gibt, mit „ja“ beantwortet werden. Da „europäisch“ oft jedoch mit „indo-europäisch“ bzw. „indo-germanisch“ gleichgesetzt wird, und es, wie weiter oben geschildert, umstritten ist, ob es in diesen Kulturen überhaupt schamanische Elemente gibt, haben auch jene nicht völlig unrecht, die verneinen, dass es einen „Euroschamanismus“ gäbe.</b></p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen/" >6. Germanische Schamanen?</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/5-gibt-es-in-europa-%e2%80%9eechten%e2%80%9c-schamanismus/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>6. Germanische Schamanen?</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 15:43:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[Altnordisch]]></category>
		<category><![CDATA[asatru]]></category>
		<category><![CDATA[Asen]]></category>
		<category><![CDATA[galdr]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[germanisch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Hexen]]></category>
		<category><![CDATA[Hexerei]]></category>
		<category><![CDATA[magie]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelalter]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[seidh]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Wanen]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbild]]></category>
		<category><![CDATA[Zauberei]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1758</guid>
		<description><![CDATA[<p>Es gibt Historiker und Religionswissenschaftler – und zwar nicht die schlechtesten &#8211; die unumwunden die Vorstellung, es gäbe einen „germanischen Schamanismus“ als „Gewäsch“ bezeichnen. Was nicht nur eine Reaktion angesichts der wild wuchernden Behauptungen der „Germanen-Esoterik“, vor allem ariosophischer Spielart, ist, denn es gibt tatsächlich keine Beweise dafür, dass es Schamanismus im engeren Sinne bei germanischen Völkern gegeben hätte.</p>
<p>Innerhalb der indoeuropäischen bzw. indogermanischen Sprach- und Völkerfamilie nehmen die germanischen Völker eine Sonderrolle ein. Die germanischen Sprachen haben den höchsten Anteil nicht-indogermanischer Wörter in dieser Sprachfamilie. <i>(Damit sind die Germanen, im Sprachgebrauch des 19. Jahrhundert, die am wenigsten „arischen“ Indogermanen. Wobei auch der Ausdruck „indogermanisch“ statt des außerhalb des deutschen Sprachraum üblichen „indoeuropäisch“ dem „Germanenkomplex“ geschuldet sein mag: eine „verspätete Nation“ sehnt sich nach den ganz alten, ganz großen, ganz edlen und ganz reinen Urahnen.)</i></p>
<p>Eine ähnliche Besonderheit wie in der Sprache gibt es in der Religion und Mythologie der Germanen: Wie in den Mythen anderen indoeuropäischen Völkern gibt es ein sozusagen „adliges“, patriarchalisches Göttergeschlecht, die Asen (altnordisch Æsir „die Pfähle“, urgerm. *ansuz) und ein eher „bodenständiges“ Göttergeschlecht, die Wanen (altnordisch: Vanir), die anfangs verfeindet waren. Während aber in z. B. im Pantheon der Griechen das ältere Göttergeschlecht, die Titanen, von ihren Nachkommen und Nachfolgern, den Olympiern, besiegt wurden, endete der Götterkrieg zwischen den Asen und den „älteren“ Wanen mit einem Friedensschluss und dem Austausch von Geiseln. Wanen und Asen werden gleichermaßen verehrt, einige Götter gelten, wie die Göttin Freyja und ihr Gattenbruder Freyr, zugleich als Asen und Wanen. Als drittes Göttergeschlecht kann man die Riesen, die Thursen, sehen, die in der germanischen Mythologie übrigens nicht zwangsläufig groß sein müssen – sie gelten, unter anderem, als die Verkörperung der Naturkräfte. Einige Thursen sind Feinde der Götter, andere ihnen wohlgesonnen. Es gibt Ehen und Blutsbrüderschaften zwischen Göttern und Riesen.<br />
Dass sich in der Mythologie die Vermischung indoeuropäischer Einwanderer mit der alteingessenen Bevölkerung widerspiegelt, ist plausibel, aber nicht nachgewiesen. Es gibt jedenfalls nicht nur Parallelen zwischen germanischen und anderen indoeuropäischen Göttern, z. B. denen der Griechen, sondern auch solche zwischen germanischen und finnischen bzw. samischen Göttern: Hora-galles bzw. Tiermes und der finnische Donnergott Ukko entsprichen dem nordgermanischen Thor, Väralde-olmai  Frey, Biegga-galles als Windgott, Njörd. Schon das Beispiel Thor zeigt, dass man sich vor der Vorstellung, alle Asen seien „Indogermanen“, während die Wanen „Einheimische“ gewesen sein, hüten sollte. Unklar ist auch, wer von wem welche Götter „übernommen“ hat – wenn überhaupt.</p>
<p>Im Süden des germanischen Sprachraums ist wegen der relativ frühen und drastischen Christianisierung die Quellenlage extrem dürftig. Skandinavien und vor allem Island ist mit schriftlichen Quellen reicher gesegnet. Dennoch kann von einer guten Quellenlage keine Rede sein – die isländischen Sagas sind beispielsweise eher romanhaft nacherzählte Überlieferungen als Chroniken. Hinzu kommt, dass die <i>Lieder-Edda</i>, die <i>Prosa-Edda</i>, aber auch andere Skalden- und Prosatexte erst nach der Christianisierung aufgeschrieben wurden. Die Berichte von Missionaren und Gelehrten des Mittelalters über Mythen, Sagen und spirituelle Praktiken der „heidnischen Nordländer“ sind durchweg sehr stark durch die „christliche Brille“ gesehen. Heute ist es nicht mehr möglich, eine „rein heidnische“ Mythologie aus der kulturellen Melange zu destillieren.<br />
Unterweltreisen, wie sie z. B. aus der griechischen Mythologie bekannt sind, und Anderswelt-Erlebnisse, wie bei den Kelten, finden sich in der germanischen Mythologie, wobei selbstverständlich davon auszugehen ist, dass es neben dem nachgewiesenen kulturellen auch einen mythologischen Austausch gab. Mit aller Vorsicht lässt sich dennoch sagen, dass der Kosmologie der Germanen ein schamanisches Weltbild zugrunde liegt, das sich so bei ihren westlichen und südlichen Nachbarn nicht finden lässt. Typisch schamanisch ist beispielsweise der Weltenbaum Yggdrasil, eine Esche oder Eibe, die neun Welten miteinander verbindet.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5789751"><img src="http://u1.ipernity.com/12/97/51/5789751.3d5802e2.500.jpg" width="162" height="500" alt="Yggdrasill" border="0"/></a><br />
<i>Der Weltenbaum Yggdrasil. Aus einer isländischen Handschrift des 17. Jahrhunderts</i></p>
<p>Der Gott Odin hat unübersehbar Züge, die schamanisch anmuten. Er hängte sich selbst am Weltenbaum Yggdrasil auf, um die Kenntnis der Runen zu erlangen, was stark an eine Schamaneninitiation erinnert. Ein Hinweis auf die schamanische Natur Odins könnte sein achtbeiniger Hengst Sleipnir sein. Achtbeinige Pferde findet man auch in Sibirien und bei den in Zentralindien lebenden Muria, und zwar immer in Beziehung zum ekstatischen Erleben, was Mircea Eliade dazu brachte, das achtbeinige Pferd für das Schamanenpferd par excellence zu halten. Dass Odin auf Sleipnir durch alle Welten reiten kann, spricht für diese Annahme. Wie ein Schamane hat Odin auch seine Helfertiere, die beiden Raben Hugin und Munin, und die beiden Wölfe Geri und Freki. Nicht zuletzt beherrscht Odin Seiðr – was man mit „Hexerei“, „Magie“ oder schlicht „Zauberei“ übersetzen kann.<br />
Ein recht seltsamer Gott – jedenfalls für ein indoeuropäisches Pantheon – ist Loki (oder Loptr). Als Blutsbruder Odins hat er einiges mit diesem Gemeinsam, z. B. die Fähigkeit zum Gestaltwandel und zur Zauberei, und trägt, zufällig oder nicht, eine germanische Form des Namens des keltischen Gottes Lugus (Lug, Lugh), der in mancher Hinsicht Odin sehr ähnlich ist. Anderseits ist Loki ein Trickster-Gott, wie es ihn in dieser Form vor allem bei schamanischen Kulturen gibt: Loki ist ambivalent, er kann Schlechtes wie auch Gutes bewirken, letzteres manchmal gegen seine ursprüngliche Absicht. Diese Ambivalenz ist ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass die Loki-Erzählungen in der eddischen Dichtung tatsächlich heidnischen Ursprungs sind – in den ansonsten ähnlichen Teufelssagen ist der Teufel eindeutig böse und immer glaubensstarken Christen, die seine Schwächen kennen, unterlegen. Vermutlich wurden die negativen Züge Lokis nach der Christianisierung betont, so dass der in den Edden eher sinistere Loki ursprünglich weder „gut“ noch „böse“ ist. Loki wird wegen seiner List und seines Einfallsreichtums von anderen Göttern herangezogen, um aussichtslose Probleme zu bewältigen, aber nicht selten ist <i>er</i> das Problem. Er kann sich in alle erdenklichen Lebensformen verwandeln. Da er ausgesprochen lüstern ist, und auch sein Geschlecht umwandeln kann, ist ihm (ihr) keine sexuelle Erfahrung fremd. Außerdem ist der erfinderische Loki in gewisser Hinsicht Kulturheros. Damit erinnert Loki nicht nur sehr an Trickster-Götter wie Kojote (amerikanischer Nordwesten), Rabe (in Ostsibirien, Alaska, Nord-Kanada, Grönland), Itomi bei den Lakota oder Kokopele bei den Hopi, sondern zeigt auch viele typisch schamanische Züge.</p>
<p>Seiðr (auch Seidh genannt) ist in mancher Hinsicht der heikelste Teil der ohnehin heiklen Frage nach dem germanischen Schamanismus.<br />
Vor allen in Ásatrú-Kreisen, aber auch unter Neoschamanen, hat sich die aus den Quellen heraus nicht haltbare Annahme festgesetzt, Seiðr bzw. Seidh sei eine spezielle „weibliche“ Form der Zauberei, die stark schamanische Züge hätte, und die eng mit der Praxis der Seherinnen (Völvas) zusammenhänge. Seidh wird von den „männlichen“ Formen der Zauberei abgegrenzt, etwa dem Runenzauber oder dem Galdr (Zaubergesang).<br />
Diese weit verbreitet Ansicht ist falsch! Seiðr ist im Altnordischen der Oberbegriff für <i>jede Form</i> der Magie bzw. der Zauberei, also einschließlich auch des Runenzaubers.</p>
<p>Schamanismus wäre sehr wohl eine Form von Seiðr, aber Seiðr ist auf keinen Fall gleichbedeutend mit schamanischen Praktiken.<br />
Wie sich, entgegen des altnordischen Sprachgebrauchs, dieses Missverständnis einschleichen könnte, legt Kurt Oertel in seinem Aufsatz <i>„Seidhr und Völventum“</i> dar. Oertel zufolge beruht es auf der von Snorri überlieferten Fassung der Ynglinga-Saga. In ihr wird erwähnt, dass Freyja Seiðr zu den Asen brachte, und dass Odin durch diese Zauberkunst in die Zukunft schauen könne.<br />
Das Missverständnis, Seiðr sei eine spezielle „weibliche“ und deshalb unter Männer verpönte Form der Zauberei gewesen, und diese hinge mit der Wahrsagegabe der Völvas zusammen, beruht auf einer nicht gerade zwingenden Interpretation folgenden Absatzes aus dem siebten Kapitel der Yngelinga-Saga (zitiert nach Kurt Oertel):<br />
<blockquote>„Odin praktizierte und beherrschte die Kunst, die am mächtigsten ist, und Magie (&#8220;seiðr&#8221;) genannt wird, und dadurch kannte er das Schicksal der Menschen und die Gefahren der Zukunft und ebenso, wie man einem Menschen den Tod oder Unglück oder eine Krankheit bringt und wie man die Menschen um Kraft und Verstand bringt und sie jemand anderem gibt. Aber mit dieser Weisheit war so große Schande verbunden, dass die Männer meinten, sie könnten sie nicht ohne Schande ausüben und darum brachte man diese Kunst den Priesterinnen bei.“</p></blockquote>
<p>Dieses Zitat ist laut Oertel der einzige(!) Beleg dafür, dass Seiðr mit Wahrsagekunst verbunden ist und von „Priesterinnen“ ausgeübt würde. Hingegen werden in Rudolf Simeks an sich zuverlässigen <i>„Lexikon der germanischen Mythologie“</i> die Praktiken der Seherinnen als Seiðr bezeichnet, der sich nur unwesentlich vom andernorts erwähnten Schadenzauber unterscheide. <i>(Ich teile Kurt Oertels Misstrauen hinsichtlich der Zuverlässigkeit Snorris, dessen Ansichten über Magie Simek direkt übernimmt.)</i><br />
Damit sind auch alle zum Teil wild wuchernden Spekulationen hinfällig, die Seiðr etwa mit Homosexualität und Geschlechterwechsel, und dies wiederum mit entsprechenden Praktiken einiger schamanischer Kulturen in Zusammenhang bringen. „Seiðmaðr“ (Zauberer) kommt in den Texten jedenfalls so oft vor wie &#8220;seiðkona&#8221; (Zauberin).</p>
<p>Wenn auch Seiðr nicht gleichbedeutend mit „weiblicher Magie“ ist, und es unklar ist ob dazu auch schamanische Praktiken gehörten, lässt sich mit gutem Grund vermuten, dass „germanische Zauberei“ eher den entsprechenden Praktiken heutiger schamanischer Stammesgesellschaften entsprach, als etwas denen der „hermetischen Magie“. Hermetische Magie entstand in der Spätantike und entwickelte sich in der Renaissancezeit zu dem, was man sich in unserer Kultur gemeinhin unter „Magie“ vorstellt: Komplizierte, genau einzuhaltende Rituale, die Geister, Engel, Dämonen oder sonstigen übernatürliche Wesenheiten beschwören und dem Willen des Magiers unterwerfen sollen.<br />
In den beiden Merseburger Zaubersprüchen werden die Götter zwar um Beistand gebeten, aber der eigentliche Kern des Zaubers besteht daran, eindringlich zu beschreiben, was geschehen soll. Man könnte sagen: sie helfen, die Vorstellungskraft des Zaubernden zu fokussieren, zu visualisieren. Wahrscheinlich bestand Zauberei bei den Germanen aus quasi handwerklichen, pragmatisch-ergebnisorientierten Praktiken.<br />
Ein (konstruiertes) Beispiel: ein hermetischer Ritualmagier würde, um einen Schutzkreis zu ziehen, z. B. die Wächter der vier Elemente genau in den den korrespondierenden Himmelrichtungen anrufen und den Kreis mittels komplizierten und genau beachteter geometrischer Verfahren konstruieren, während ein „Naturzauberer“ oder ein Schamane sich einfach den schützenden Kreis intensiv vorstellt, während er ihn abschreitet. Eventuelles Brimborium ist Beiwerk fürs Publikum, denn jemandem beim Visualisieren zuzusehen ist eher langweilig.</p>
<p>In den klassischen schamanischen Gesellschaften hat der Schamane oder die Schamanin eine geachtete, manchmal auch gefürchtete, aber immer respektierte Stellung inne. Damit lässt sich immerhin sagen, dass die altisländische Gesellschaft in der Übergangszeit zum Christentum keine schamanische Gesellschaft gewesen sein kann: Wer Seiðr praktizierte, war zumindest in den (allerdings erst nach der Christianisierung aufgeschriebenen) Sagas, regelmäßig ein des Schadenzaubers verdächtigter Außenseiter. Die Angst vor den Zauberkräften der schamanischen „Finnen“ (meist wohl Sami) deutet nicht darauf hin, dass die Skalden des Mittelalters schamanischen Praktiken als etwas normales ansahen, was bei einer lebendigen  nordischen Schamanentradion der Fall gewesen sein müsste. Ob das allein auf christliche Einflüsse zurückging oder schon lange vorher so war, ist mangels Quellen offen.<br />
Die Völva (wörtlich: Stabträgerin) oder spákona (Seherin, wörtlich: Spähfrau), die normalerweise wohl keine Zauberin war, wurde hingegen hoch geachtet. Und zwar schon, gemäß römischen Quellen, bei den rechtsrheinischen Germanen ihrer Zeit genau so wie weitaus später und weiter nördlich in der Wikingerzeit. Wie sah es bei diesen Frauen mit den schamanischen Praktiken aus?<br />
Über die Praktiken einer Völva gibt es nur sehr wenige Quellen. Die aufschlussreichste und ob ihres nüchternen, detailreichen Stils glaubwürdigste Schilderung stammt aus der in Grönland handelnden Saga von Erich dem Roten (Eiríks saga rauða). Eine Völva namens Thorbjörg wird während einer Hungersnot um Rat gebeten. Thorbjörg trägt einen reich verzierte, bodenlangen blauen Mantel und eine mit weißem Katzenfell gefütterte schwarze Lammfellmütze. Außerdem hält sie einen bronzebeschlagenen Stab, wie er auch in Gräbern gefunden wurde, und trägt einen ebenfalls archäologisch belegbaren Gürtel mit Zunderbüchse und einem Lederbeutel mit „Zaubermitteln“. Archäologisch belegt sind Lederbeutel, deren Inhalt durchaus dem der bekannten „Medizinbeuteln“ einiger indianischer Kulturen entspricht: Federn, Steine, Lederstücke, Knochen, Muscheln usw. .<br />
Als Vorbereitung auf ihre Aufgabe isst sie mit ihrem Messinglöffel und ihrem Messer ohne Spitze die Herzen aller (Opfer-)Tiere, die vorhanden waren. Tags darauf lässt sie Frauen suchen, die ein Zauberlied mit Namen Vardiokur singen können – ein möglicher Hinweis darauf, dass die Völva nicht zugleich die Rolle einer Zauberin übernehmen konnte. Doch es wird nur eine Frau gefunden die das Lied kennt, die es von Ihrer Pflegemutter auf Island lernte. Da die Frau aber Christin ist, will sie zunächst das Lied nicht singen, kann aber vom Bauer überredet werden. Frauen bilden nun einen Kreis um die Völva, die auf dem Hochsitz, der normalerweise dem Hausherren vorbehalten ist, sitzt, und die Christin singt das Lied. Die Völva lobt den Gesang und sagt, die Geister hätten großen Gefallen an dem Lied gefunden. Sie sagt das Ende der Hungerzeit im kommenden Frühling voraus, und das die Christin Stammmutter eines angesehenen Geschlechts werden wird. Auch andere Fragen beantwortet sie &#8211; und alles trifft ein wie vorhergesagt.</p>
<p>Parallelen zu schamanischen Praktiken sind zwar vorhanden, aber ein entscheidendes Element des Schamanismus, nämlich die geistige Reise, fehlt in der Beschreibung. Ob die Völvas Trommel einsetzten, wie Schamanen der Sami, ist möglich, aber nicht bewiesen. In einigen Gräbern, in denen den Grabbeigaben nach zu urteilen Seherinnen bestattet waren, fand man Überreste von halluzinogenen Pflanzen, wie bittersüßer Nachtschatten oder Bilsenkraut.</p>
<p><b>Aus all dem ergibt sich das Fazit, dass es einzelnen schamanische Praktiken bei heidnischen Germanen gab, und ein Weltbild, das zumindest teilweise mit dem schamanischen Weltbild, wie es etwa aus Sibirien bekannt ist. übereinstimmte. Hingegen gab es unter den Germanen mit einiger Sicherheit keine schamanischen Kulturen im engeren Sinne.</b></p>
<p>Martin Marheinecke, August 2009</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/7-literatur/">7. Literatur und Weblinks</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt Historiker und Religionswissenschaftler – und zwar nicht die schlechtesten &#8211; die unumwunden die Vorstellung, es gäbe einen „germanischen Schamanismus“ als „Gewäsch“ bezeichnen. Was nicht nur eine Reaktion angesichts der wild wuchernden Behauptungen der „Germanen-Esoterik“, vor allem ariosophischer Spielart, ist, denn es gibt tatsächlich keine Beweise dafür, dass es Schamanismus im engeren Sinne bei germanischen Völkern gegeben hätte.</p>
<p>Innerhalb der indoeuropäischen bzw. indogermanischen Sprach- und Völkerfamilie nehmen die germanischen Völker eine Sonderrolle ein. Die germanischen Sprachen haben den höchsten Anteil nicht-indogermanischer Wörter in dieser Sprachfamilie. <i>(Damit sind die Germanen, im Sprachgebrauch des 19. Jahrhundert, die am wenigsten „arischen“ Indogermanen. Wobei auch der Ausdruck „indogermanisch“ statt des außerhalb des deutschen Sprachraum üblichen „indoeuropäisch“ dem „Germanenkomplex“ geschuldet sein mag: eine „verspätete Nation“ sehnt sich nach den ganz alten, ganz großen, ganz edlen und ganz reinen Urahnen.)</i></p>
<p>Eine ähnliche Besonderheit wie in der Sprache gibt es in der Religion und Mythologie der Germanen: Wie in den Mythen anderen indoeuropäischen Völkern gibt es ein sozusagen „adliges“, patriarchalisches Göttergeschlecht, die Asen (altnordisch Æsir „die Pfähle“, urgerm. *ansuz) und ein eher „bodenständiges“ Göttergeschlecht, die Wanen (altnordisch: Vanir), die anfangs verfeindet waren. Während aber in z. B. im Pantheon der Griechen das ältere Göttergeschlecht, die Titanen, von ihren Nachkommen und Nachfolgern, den Olympiern, besiegt wurden, endete der Götterkrieg zwischen den Asen und den „älteren“ Wanen mit einem Friedensschluss und dem Austausch von Geiseln. Wanen und Asen werden gleichermaßen verehrt, einige Götter gelten, wie die Göttin Freyja und ihr Gattenbruder Freyr, zugleich als Asen und Wanen. Als drittes Göttergeschlecht kann man die Riesen, die Thursen, sehen, die in der germanischen Mythologie übrigens nicht zwangsläufig groß sein müssen – sie gelten, unter anderem, als die Verkörperung der Naturkräfte. Einige Thursen sind Feinde der Götter, andere ihnen wohlgesonnen. Es gibt Ehen und Blutsbrüderschaften zwischen Göttern und Riesen.<br />
Dass sich in der Mythologie die Vermischung indoeuropäischer Einwanderer mit der alteingessenen Bevölkerung widerspiegelt, ist plausibel, aber nicht nachgewiesen. Es gibt jedenfalls nicht nur Parallelen zwischen germanischen und anderen indoeuropäischen Göttern, z. B. denen der Griechen, sondern auch solche zwischen germanischen und finnischen bzw. samischen Göttern: Hora-galles bzw. Tiermes und der finnische Donnergott Ukko entsprichen dem nordgermanischen Thor, Väralde-olmai  Frey, Biegga-galles als Windgott, Njörd. Schon das Beispiel Thor zeigt, dass man sich vor der Vorstellung, alle Asen seien „Indogermanen“, während die Wanen „Einheimische“ gewesen sein, hüten sollte. Unklar ist auch, wer von wem welche Götter „übernommen“ hat – wenn überhaupt.</p>
<p>Im Süden des germanischen Sprachraums ist wegen der relativ frühen und drastischen Christianisierung die Quellenlage extrem dürftig. Skandinavien und vor allem Island ist mit schriftlichen Quellen reicher gesegnet. Dennoch kann von einer guten Quellenlage keine Rede sein – die isländischen Sagas sind beispielsweise eher romanhaft nacherzählte Überlieferungen als Chroniken. Hinzu kommt, dass die <i>Lieder-Edda</i>, die <i>Prosa-Edda</i>, aber auch andere Skalden- und Prosatexte erst nach der Christianisierung aufgeschrieben wurden. Die Berichte von Missionaren und Gelehrten des Mittelalters über Mythen, Sagen und spirituelle Praktiken der „heidnischen Nordländer“ sind durchweg sehr stark durch die „christliche Brille“ gesehen. Heute ist es nicht mehr möglich, eine „rein heidnische“ Mythologie aus der kulturellen Melange zu destillieren.<br />
Unterweltreisen, wie sie z. B. aus der griechischen Mythologie bekannt sind, und Anderswelt-Erlebnisse, wie bei den Kelten, finden sich in der germanischen Mythologie, wobei selbstverständlich davon auszugehen ist, dass es neben dem nachgewiesenen kulturellen auch einen mythologischen Austausch gab. Mit aller Vorsicht lässt sich dennoch sagen, dass der Kosmologie der Germanen ein schamanisches Weltbild zugrunde liegt, das sich so bei ihren westlichen und südlichen Nachbarn nicht finden lässt. Typisch schamanisch ist beispielsweise der Weltenbaum Yggdrasil, eine Esche oder Eibe, die neun Welten miteinander verbindet.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/5789751"><img src="http://u1.ipernity.com/12/97/51/5789751.3d5802e2.500.jpg" width="162" height="500" alt="Yggdrasill" border="0"/></a><br />
<i>Der Weltenbaum Yggdrasil. Aus einer isländischen Handschrift des 17. Jahrhunderts</i></p>
<p>Der Gott Odin hat unübersehbar Züge, die schamanisch anmuten. Er hängte sich selbst am Weltenbaum Yggdrasil auf, um die Kenntnis der Runen zu erlangen, was stark an eine Schamaneninitiation erinnert. Ein Hinweis auf die schamanische Natur Odins könnte sein achtbeiniger Hengst Sleipnir sein. Achtbeinige Pferde findet man auch in Sibirien und bei den in Zentralindien lebenden Muria, und zwar immer in Beziehung zum ekstatischen Erleben, was Mircea Eliade dazu brachte, das achtbeinige Pferd für das Schamanenpferd par excellence zu halten. Dass Odin auf Sleipnir durch alle Welten reiten kann, spricht für diese Annahme. Wie ein Schamane hat Odin auch seine Helfertiere, die beiden Raben Hugin und Munin, und die beiden Wölfe Geri und Freki. Nicht zuletzt beherrscht Odin Seiðr – was man mit „Hexerei“, „Magie“ oder schlicht „Zauberei“ übersetzen kann.<br />
Ein recht seltsamer Gott – jedenfalls für ein indoeuropäisches Pantheon – ist Loki (oder Loptr). Als Blutsbruder Odins hat er einiges mit diesem Gemeinsam, z. B. die Fähigkeit zum Gestaltwandel und zur Zauberei, und trägt, zufällig oder nicht, eine germanische Form des Namens des keltischen Gottes Lugus (Lug, Lugh), der in mancher Hinsicht Odin sehr ähnlich ist. Anderseits ist Loki ein Trickster-Gott, wie es ihn in dieser Form vor allem bei schamanischen Kulturen gibt: Loki ist ambivalent, er kann Schlechtes wie auch Gutes bewirken, letzteres manchmal gegen seine ursprüngliche Absicht. Diese Ambivalenz ist ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, dass die Loki-Erzählungen in der eddischen Dichtung tatsächlich heidnischen Ursprungs sind – in den ansonsten ähnlichen Teufelssagen ist der Teufel eindeutig böse und immer glaubensstarken Christen, die seine Schwächen kennen, unterlegen. Vermutlich wurden die negativen Züge Lokis nach der Christianisierung betont, so dass der in den Edden eher sinistere Loki ursprünglich weder „gut“ noch „böse“ ist. Loki wird wegen seiner List und seines Einfallsreichtums von anderen Göttern herangezogen, um aussichtslose Probleme zu bewältigen, aber nicht selten ist <i>er</i> das Problem. Er kann sich in alle erdenklichen Lebensformen verwandeln. Da er ausgesprochen lüstern ist, und auch sein Geschlecht umwandeln kann, ist ihm (ihr) keine sexuelle Erfahrung fremd. Außerdem ist der erfinderische Loki in gewisser Hinsicht Kulturheros. Damit erinnert Loki nicht nur sehr an Trickster-Götter wie Kojote (amerikanischer Nordwesten), Rabe (in Ostsibirien, Alaska, Nord-Kanada, Grönland), Itomi bei den Lakota oder Kokopele bei den Hopi, sondern zeigt auch viele typisch schamanische Züge.</p>
<p>Seiðr (auch Seidh genannt) ist in mancher Hinsicht der heikelste Teil der ohnehin heiklen Frage nach dem germanischen Schamanismus.<br />
Vor allen in Ásatrú-Kreisen, aber auch unter Neoschamanen, hat sich die aus den Quellen heraus nicht haltbare Annahme festgesetzt, Seiðr bzw. Seidh sei eine spezielle „weibliche“ Form der Zauberei, die stark schamanische Züge hätte, und die eng mit der Praxis der Seherinnen (Völvas) zusammenhänge. Seidh wird von den „männlichen“ Formen der Zauberei abgegrenzt, etwa dem Runenzauber oder dem Galdr (Zaubergesang).<br />
Diese weit verbreitet Ansicht ist falsch! Seiðr ist im Altnordischen der Oberbegriff für <i>jede Form</i> der Magie bzw. der Zauberei, also einschließlich auch des Runenzaubers.</p>
<p>Schamanismus wäre sehr wohl eine Form von Seiðr, aber Seiðr ist auf keinen Fall gleichbedeutend mit schamanischen Praktiken.<br />
Wie sich, entgegen des altnordischen Sprachgebrauchs, dieses Missverständnis einschleichen könnte, legt Kurt Oertel in seinem Aufsatz <i>„Seidhr und Völventum“</i> dar. Oertel zufolge beruht es auf der von Snorri überlieferten Fassung der Ynglinga-Saga. In ihr wird erwähnt, dass Freyja Seiðr zu den Asen brachte, und dass Odin durch diese Zauberkunst in die Zukunft schauen könne.<br />
Das Missverständnis, Seiðr sei eine spezielle „weibliche“ und deshalb unter Männer verpönte Form der Zauberei gewesen, und diese hinge mit der Wahrsagegabe der Völvas zusammen, beruht auf einer nicht gerade zwingenden Interpretation folgenden Absatzes aus dem siebten Kapitel der Yngelinga-Saga (zitiert nach Kurt Oertel):<br />
<blockquote>„Odin praktizierte und beherrschte die Kunst, die am mächtigsten ist, und Magie (&#8220;seiðr&#8221;) genannt wird, und dadurch kannte er das Schicksal der Menschen und die Gefahren der Zukunft und ebenso, wie man einem Menschen den Tod oder Unglück oder eine Krankheit bringt und wie man die Menschen um Kraft und Verstand bringt und sie jemand anderem gibt. Aber mit dieser Weisheit war so große Schande verbunden, dass die Männer meinten, sie könnten sie nicht ohne Schande ausüben und darum brachte man diese Kunst den Priesterinnen bei.“</p></blockquote>
<p>Dieses Zitat ist laut Oertel der einzige(!) Beleg dafür, dass Seiðr mit Wahrsagekunst verbunden ist und von „Priesterinnen“ ausgeübt würde. Hingegen werden in Rudolf Simeks an sich zuverlässigen <i>„Lexikon der germanischen Mythologie“</i> die Praktiken der Seherinnen als Seiðr bezeichnet, der sich nur unwesentlich vom andernorts erwähnten Schadenzauber unterscheide. <i>(Ich teile Kurt Oertels Misstrauen hinsichtlich der Zuverlässigkeit Snorris, dessen Ansichten über Magie Simek direkt übernimmt.)</i><br />
Damit sind auch alle zum Teil wild wuchernden Spekulationen hinfällig, die Seiðr etwa mit Homosexualität und Geschlechterwechsel, und dies wiederum mit entsprechenden Praktiken einiger schamanischer Kulturen in Zusammenhang bringen. „Seiðmaðr“ (Zauberer) kommt in den Texten jedenfalls so oft vor wie &#8220;seiðkona&#8221; (Zauberin).</p>
<p>Wenn auch Seiðr nicht gleichbedeutend mit „weiblicher Magie“ ist, und es unklar ist ob dazu auch schamanische Praktiken gehörten, lässt sich mit gutem Grund vermuten, dass „germanische Zauberei“ eher den entsprechenden Praktiken heutiger schamanischer Stammesgesellschaften entsprach, als etwas denen der „hermetischen Magie“. Hermetische Magie entstand in der Spätantike und entwickelte sich in der Renaissancezeit zu dem, was man sich in unserer Kultur gemeinhin unter „Magie“ vorstellt: Komplizierte, genau einzuhaltende Rituale, die Geister, Engel, Dämonen oder sonstigen übernatürliche Wesenheiten beschwören und dem Willen des Magiers unterwerfen sollen.<br />
In den beiden Merseburger Zaubersprüchen werden die Götter zwar um Beistand gebeten, aber der eigentliche Kern des Zaubers besteht daran, eindringlich zu beschreiben, was geschehen soll. Man könnte sagen: sie helfen, die Vorstellungskraft des Zaubernden zu fokussieren, zu visualisieren. Wahrscheinlich bestand Zauberei bei den Germanen aus quasi handwerklichen, pragmatisch-ergebnisorientierten Praktiken.<br />
Ein (konstruiertes) Beispiel: ein hermetischer Ritualmagier würde, um einen Schutzkreis zu ziehen, z. B. die Wächter der vier Elemente genau in den den korrespondierenden Himmelrichtungen anrufen und den Kreis mittels komplizierten und genau beachteter geometrischer Verfahren konstruieren, während ein „Naturzauberer“ oder ein Schamane sich einfach den schützenden Kreis intensiv vorstellt, während er ihn abschreitet. Eventuelles Brimborium ist Beiwerk fürs Publikum, denn jemandem beim Visualisieren zuzusehen ist eher langweilig.</p>
<p>In den klassischen schamanischen Gesellschaften hat der Schamane oder die Schamanin eine geachtete, manchmal auch gefürchtete, aber immer respektierte Stellung inne. Damit lässt sich immerhin sagen, dass die altisländische Gesellschaft in der Übergangszeit zum Christentum keine schamanische Gesellschaft gewesen sein kann: Wer Seiðr praktizierte, war zumindest in den (allerdings erst nach der Christianisierung aufgeschriebenen) Sagas, regelmäßig ein des Schadenzaubers verdächtigter Außenseiter. Die Angst vor den Zauberkräften der schamanischen „Finnen“ (meist wohl Sami) deutet nicht darauf hin, dass die Skalden des Mittelalters schamanischen Praktiken als etwas normales ansahen, was bei einer lebendigen  nordischen Schamanentradion der Fall gewesen sein müsste. Ob das allein auf christliche Einflüsse zurückging oder schon lange vorher so war, ist mangels Quellen offen.<br />
Die Völva (wörtlich: Stabträgerin) oder spákona (Seherin, wörtlich: Spähfrau), die normalerweise wohl keine Zauberin war, wurde hingegen hoch geachtet. Und zwar schon, gemäß römischen Quellen, bei den rechtsrheinischen Germanen ihrer Zeit genau so wie weitaus später und weiter nördlich in der Wikingerzeit. Wie sah es bei diesen Frauen mit den schamanischen Praktiken aus?<br />
Über die Praktiken einer Völva gibt es nur sehr wenige Quellen. Die aufschlussreichste und ob ihres nüchternen, detailreichen Stils glaubwürdigste Schilderung stammt aus der in Grönland handelnden Saga von Erich dem Roten (Eiríks saga rauða). Eine Völva namens Thorbjörg wird während einer Hungersnot um Rat gebeten. Thorbjörg trägt einen reich verzierte, bodenlangen blauen Mantel und eine mit weißem Katzenfell gefütterte schwarze Lammfellmütze. Außerdem hält sie einen bronzebeschlagenen Stab, wie er auch in Gräbern gefunden wurde, und trägt einen ebenfalls archäologisch belegbaren Gürtel mit Zunderbüchse und einem Lederbeutel mit „Zaubermitteln“. Archäologisch belegt sind Lederbeutel, deren Inhalt durchaus dem der bekannten „Medizinbeuteln“ einiger indianischer Kulturen entspricht: Federn, Steine, Lederstücke, Knochen, Muscheln usw. .<br />
Als Vorbereitung auf ihre Aufgabe isst sie mit ihrem Messinglöffel und ihrem Messer ohne Spitze die Herzen aller (Opfer-)Tiere, die vorhanden waren. Tags darauf lässt sie Frauen suchen, die ein Zauberlied mit Namen Vardiokur singen können – ein möglicher Hinweis darauf, dass die Völva nicht zugleich die Rolle einer Zauberin übernehmen konnte. Doch es wird nur eine Frau gefunden die das Lied kennt, die es von Ihrer Pflegemutter auf Island lernte. Da die Frau aber Christin ist, will sie zunächst das Lied nicht singen, kann aber vom Bauer überredet werden. Frauen bilden nun einen Kreis um die Völva, die auf dem Hochsitz, der normalerweise dem Hausherren vorbehalten ist, sitzt, und die Christin singt das Lied. Die Völva lobt den Gesang und sagt, die Geister hätten großen Gefallen an dem Lied gefunden. Sie sagt das Ende der Hungerzeit im kommenden Frühling voraus, und das die Christin Stammmutter eines angesehenen Geschlechts werden wird. Auch andere Fragen beantwortet sie &#8211; und alles trifft ein wie vorhergesagt.</p>
<p>Parallelen zu schamanischen Praktiken sind zwar vorhanden, aber ein entscheidendes Element des Schamanismus, nämlich die geistige Reise, fehlt in der Beschreibung. Ob die Völvas Trommel einsetzten, wie Schamanen der Sami, ist möglich, aber nicht bewiesen. In einigen Gräbern, in denen den Grabbeigaben nach zu urteilen Seherinnen bestattet waren, fand man Überreste von halluzinogenen Pflanzen, wie bittersüßer Nachtschatten oder Bilsenkraut.</p>
<p><b>Aus all dem ergibt sich das Fazit, dass es einzelnen schamanische Praktiken bei heidnischen Germanen gab, und ein Weltbild, das zumindest teilweise mit dem schamanischen Weltbild, wie es etwa aus Sibirien bekannt ist. übereinstimmte. Hingegen gab es unter den Germanen mit einiger Sicherheit keine schamanischen Kulturen im engeren Sinne.</b></p>
<p>Martin Marheinecke, August 2009</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/7-literatur/">7. Literatur und Weblinks</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>3</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>7. Literatur</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/7-literatur/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/7-literatur/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 27 Aug 2009 15:42:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[Ethnologie]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanen]]></category>
		<category><![CDATA[Schamanismus]]></category>
		<category><![CDATA[Spiritualität]]></category>
		<category><![CDATA[Weltbild]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1754</guid>
		<description><![CDATA[<p><b>Weblinks:</b></p>
<p><a href="http://www.schamanismus-information.de/" target="_blank">http://www.schamanismus-information.de/</a><br />
(Informative Website über traditionellen Schamanismus Neo-Schamanismus und Verwandtes.)</p>
<p><a href="http://www.shamanism.org/" target="_blank>http://www.shamanism.org/</a><br />
(The Foundation for Shamanic Studies – Core-Schamanismus nach Michael Harner)</p>
<p><a hraf="http://www.fss.at/" target="_blank">http://www.fss.at/</a><br />
(Schamanismus in Europa &#8211; The Foundation for Shamanic Studies Europe – Core-Schamanismus nach Michael Harner)</p>
<p><a href="http://journal-ethnologie.de/Deutsch/" target="_blank">http://journal-ethnologie.de/Deutsch/</a><br />
(Ethnologische Website, auch für schamanisch Interessierte lesenswert)</p>
<p><a href="http://anthropologie.suite101.de/article.cfm/schamanismus" target="_blank">http://anthropologie.suite101.de/article.cfm/schamanismus</a><br />
(Kurz, aber aufschlussreich)</p>
<p><a href="http://www.aufdemhoevel.de/raetsch.html" target="_blank">http://www.aufdemhoevel.de/raetsch.html</a><br />
(Interview mit dem Ethnobotaniker und umstrittenen Schamanismusforscher Christian Rätsch aus dem Jahr 1999)</p>
<p><a href="http://www.kondor.de/" target="_blank">http://www.kondor.de/</a><br />
(„Der Flug des Kondors“ &#8211; Eine gute neo-schamanistische Website.)</p>
<p><a href="http://www.eldaring.de/readarticle.php?article_id=9" target="_blank">http://www.eldaring.de/readarticle.php?article_id=9</a><br />
(„Seidhr und Völventum &#8211; Die Quellenlage“ &#8211; Kritischer Artikel von Kurt Oertel.</p>
<p><a href="http://www.schamanismus.ws/portal.php" target="_blank">http://www.schamanismus.ws/portal.php</a><br />
(Portal Schamanismus mit Foren – überwiegend neoschamanistisch)</p>
<p><a href="http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/65-religion-glaube/782-schamanismus-in-traditionellen-kulturen" target="_blank">http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/65-religion-glaube/782-schamanismus-in-traditionellen-kulturen</a><br />
(Schamanismus in traditionelle Kulturen. Informativer Artikel aus dem „Skeptiker“.)</p>
<p>Wikipedia (de) Artikel: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schamanen" target="_blank">Schamanen, Schamanismus</a></p>
<p>Wikipedia (eng) Artikel: <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Shamanism" target="_blank">Shamanism</a> <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Finnish_mythology" target="_blank">Finnish mythology</a>, <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Sami_shamanism" target="_blank">Sami shamanism</a>, <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Trickster" target="_blank">Trickster</a></p>
<p><b>Bücher:</b><br />
<i>Eliade, Mircea</i><br />
Schamanismus und archaische Ekstasetechnik.<br />
Frankfurt/M.: Suhrkamp 1975, ISBN 3-5128-07726-X</p>
<p><i>Harner, Michael</i><br />
Der Weg des Schamanen. Ein praktischer Führer zu innerer Heilkraft.<br />
Reinbek: Rowohlt 1996. ISBN 3-499-17989-X</p>
<p><i>Lommel, Andreas</i><br />
Schamanen und Medizinmänner. Magie und Mystik früher Kulturen.<br />
München: Callwey, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage 1980, ISBN 3-7667-0507-5</p>
<p><i>Müller, Klaus E.</i><br />
Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale<br />
München: C. H. Beck, 3. Auflage 2006, ISBN 978-3-406-41872-3</p>
<p><i>Pinchbeck, Daniel</i><br />
Den Kopf aufbrechen. Eine psychedelische Reise ins Herz des Schamanismus.<br />
München: Goldmann, 2003, ISBN 3-442-21653-2</p>
<p><i>Schultes, Richard E./Albert Hofmann/Christian Rätsch</i><br />
Pflanzen der Götter. Die magischen Kräfte der bewußtseinserweiternden Gewächse.<br />
Aarau: AT Verlag 3. überarbeitete Auflage 1998, ISBN 3-85502-645-9</p>
<p><i>Seger, Imogen</i><br />
Wenn die Geister wiederkehren. Weltdeutung und religiöses Bewußtsein in primitiven Kulturen.<br />
Frankfurt/M, Berlin, Wien: Ullstein (ungekürzte T.B. Ausg.), 1984, ISBN 3-548-34228-0</p>
<p><i>Seeler, Carola</i><br />
Von Hexen, Schamanen und PriesterInnen oder Der blinde Fleck.<br />
Leipzig, Bohmeier-Verlag, voraussichtlich 2010. (Im Manuskript.)</p>
<p><i>Simek, Rudolf</i><br />
Lexikon der germanischen Mythologie.<br />
Stuttgart: Kröner (3. Aufl.) 2006. ISBN 978-3-520-36803-4. </p>
<p><i>Vitebsley, Piers</i><br />
Schamanismus. Reisen der Seele, Magische Kräfte, Ekstase und Heilung.<br />
München: Knaur 1998, ISBN 3-426-66408-9</p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/7-literatur/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><b>Weblinks:</b></p>
<p><a href="http://www.schamanismus-information.de/" target="_blank">http://www.schamanismus-information.de/</a><br />
(Informative Website über traditionellen Schamanismus Neo-Schamanismus und Verwandtes.)</p>
<p><a href="http://www.shamanism.org/" target="_blank>http://www.shamanism.org/</a><br />
(The Foundation for Shamanic Studies – Core-Schamanismus nach Michael Harner)</p>
<p><a hraf="http://www.fss.at/" target="_blank">http://www.fss.at/</a><br />
(Schamanismus in Europa &#8211; The Foundation for Shamanic Studies Europe – Core-Schamanismus nach Michael Harner)</p>
<p><a href="http://journal-ethnologie.de/Deutsch/" target="_blank">http://journal-ethnologie.de/Deutsch/</a><br />
(Ethnologische Website, auch für schamanisch Interessierte lesenswert)</p>
<p><a href="http://anthropologie.suite101.de/article.cfm/schamanismus" target="_blank">http://anthropologie.suite101.de/article.cfm/schamanismus</a><br />
(Kurz, aber aufschlussreich)</p>
<p><a href="http://www.aufdemhoevel.de/raetsch.html" target="_blank">http://www.aufdemhoevel.de/raetsch.html</a><br />
(Interview mit dem Ethnobotaniker und umstrittenen Schamanismusforscher Christian Rätsch aus dem Jahr 1999)</p>
<p><a href="http://www.kondor.de/" target="_blank">http://www.kondor.de/</a><br />
(„Der Flug des Kondors“ &#8211; Eine gute neo-schamanistische Website.)</p>
<p><a href="http://www.eldaring.de/readarticle.php?article_id=9" target="_blank">http://www.eldaring.de/readarticle.php?article_id=9</a><br />
(„Seidhr und Völventum &#8211; Die Quellenlage“ &#8211; Kritischer Artikel von Kurt Oertel.</p>
<p><a href="http://www.schamanismus.ws/portal.php" target="_blank">http://www.schamanismus.ws/portal.php</a><br />
(Portal Schamanismus mit Foren – überwiegend neoschamanistisch)</p>
<p><a href="http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/65-religion-glaube/782-schamanismus-in-traditionellen-kulturen" target="_blank">http://www.gwup.org/infos/themen-nach-gebiet/65-religion-glaube/782-schamanismus-in-traditionellen-kulturen</a><br />
(Schamanismus in traditionelle Kulturen. Informativer Artikel aus dem „Skeptiker“.)</p>
<p>Wikipedia (de) Artikel: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schamanen" target="_blank">Schamanen, Schamanismus</a></p>
<p>Wikipedia (eng) Artikel: <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Shamanism" target="_blank">Shamanism</a> <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Finnish_mythology" target="_blank">Finnish mythology</a>, <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Sami_shamanism" target="_blank">Sami shamanism</a>, <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Trickster" target="_blank">Trickster</a></p>
<p><b>Bücher:</b><br />
<i>Eliade, Mircea</i><br />
Schamanismus und archaische Ekstasetechnik.<br />
Frankfurt/M.: Suhrkamp 1975, ISBN 3-5128-07726-X</p>
<p><i>Harner, Michael</i><br />
Der Weg des Schamanen. Ein praktischer Führer zu innerer Heilkraft.<br />
Reinbek: Rowohlt 1996. ISBN 3-499-17989-X</p>
<p><i>Lommel, Andreas</i><br />
Schamanen und Medizinmänner. Magie und Mystik früher Kulturen.<br />
München: Callwey, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage 1980, ISBN 3-7667-0507-5</p>
<p><i>Müller, Klaus E.</i><br />
Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale<br />
München: C. H. Beck, 3. Auflage 2006, ISBN 978-3-406-41872-3</p>
<p><i>Pinchbeck, Daniel</i><br />
Den Kopf aufbrechen. Eine psychedelische Reise ins Herz des Schamanismus.<br />
München: Goldmann, 2003, ISBN 3-442-21653-2</p>
<p><i>Schultes, Richard E./Albert Hofmann/Christian Rätsch</i><br />
Pflanzen der Götter. Die magischen Kräfte der bewußtseinserweiternden Gewächse.<br />
Aarau: AT Verlag 3. überarbeitete Auflage 1998, ISBN 3-85502-645-9</p>
<p><i>Seger, Imogen</i><br />
Wenn die Geister wiederkehren. Weltdeutung und religiöses Bewußtsein in primitiven Kulturen.<br />
Frankfurt/M, Berlin, Wien: Ullstein (ungekürzte T.B. Ausg.), 1984, ISBN 3-548-34228-0</p>
<p><i>Seeler, Carola</i><br />
Von Hexen, Schamanen und PriesterInnen oder Der blinde Fleck.<br />
Leipzig, Bohmeier-Verlag, voraussichtlich 2010. (Im Manuskript.)</p>
<p><i>Simek, Rudolf</i><br />
Lexikon der germanischen Mythologie.<br />
Stuttgart: Kröner (3. Aufl.) 2006. ISBN 978-3-520-36803-4. </p>
<p><i>Vitebsley, Piers</i><br />
Schamanismus. Reisen der Seele, Magische Kräfte, Ekstase und Heilung.<br />
München: Knaur 1998, ISBN 3-426-66408-9</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/7-literatur/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Arminius ist nicht „Hermann“</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/arminius-ist-nicht-%e2%80%9ehermann%e2%80%9c/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/arminius-ist-nicht-%e2%80%9ehermann%e2%80%9c/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 26 Feb 2009 12:51:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>MartinM</dc:creator>
				<category><![CDATA[Erforscht & Entdeckt]]></category>
		<category><![CDATA[Ætt Feature]]></category>
		<category><![CDATA[altertum]]></category>
		<category><![CDATA[arminius]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[germanisch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Kelten]]></category>
		<category><![CDATA[niedersachsen]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Thing]]></category>
		<category><![CDATA[Varus]]></category>
		<category><![CDATA[Varusschlacht]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=1128</guid>
		<description><![CDATA[<p>Ein wenig sieht er aus als sei er einem „Asterix“-Heft entsprungen, mit seinem Flügelhelm: der „Hermann“ auf der Grotenburg, bei Detmold im Teutoburger Wald. <i>Hermann</i>, nicht </i>Arminius</i>.<br />
Denn Hermann ist eine Kunstfigur der Neuzeit, die nur lose auf dem historischen Cheruskerfürsten, dessen germanischer Name nicht bekannt ist, beruht.</p>
<p>Hermann – das ist die Hauptfigur in einem problematischen Gründungsmythos. Seit gut 500 Jahren ist die Varussschlacht Anlass für die Abgrenzung gegenüber vermeintlichen äußeren Feinden und die Konstruktion einer „deutschen Identität“ – obwohl „die Germanen“ keineswegs mit „den Deutschen“ gleichgesetzt werden können – da lagen Jahrhunderte dazwischen. Die Ethnogenese, die „Volkwerdung“ der Deutschen, die etwa ab dem 10. Jahrhundert einsetzt, knüpfte an keine germanische Einheit an. (Anders etwa als z. B. die Dänen, die tatsächlich an einen germanischen Stammesverband anknüpfen können.) Wenn sich aber die „tiudisk“, also die Volkssprache, sprechenden Menschen sich vor dieser Zeit nicht als Deutsche begriffen, dann gab es eben noch keine Deutschen.</p>
<p>Arminius hat, als Freiheitskämpfer, der er ja auch war, wohl schon einen Denkmalsplatz verdient. Ob er auch die Romanisierung Germaniens verhindert hat, ist, auch wenn der  <a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,596976,00.html" target="_blank">Historiker Alexander Demandt diese Ansicht im &#8220;Spiegel&#8221; vertritt</a>, hingegen strittig. (Noch strittiger ist die Frage, ob es welthistorisch besser gewesen wäre, wenn <a href="http://che2001.blogger.de/stories/1343938/" target="_blank"><i>Magna Germania</i> römisch geblieben wäre</a>.)<span id="more-1128"></span></p>
<p>Mit dem 2000. Jahrestag der verheerenden Niederlage der drei Legionen unter Varus gegen germanische Rebellen unter Arminius im Jahre 9 unserer Zeitrechnung sind sowohl Arminius wie Hermann wieder medial präsent.<br />
Wieder präsent, denn im heutigen Deutschland hat man im allgemeinen Angst davor, Geschichtshelden zu glorifizieren. Wenn Arminius wirklich der „Hermann“ der deutschnationalen Legende gewesen wäre, wäre diese Vorsicht sogar berechtigt.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/4169014"><img src="http://u1.ipernity.com/7/90/14/4169014.51aaca22.jpg" width="300" height="450" alt="Hermannsdenkmal" border="0"/></a></p>
<p>Über das Leben Arminius vor der legendären Schlacht sind nur wenige biografische Details überliefert. Selbst über seinen germanischen Namen gibt es zahlreiche geistreiche und noch mehr geistlose, jedenfalls fruchtlose, Spekulationen. Sicher ist nur, dass er der Sohn eines Cheruskers namens Segimer <i>(Segimerus)</i> war, der eine führende Stellung in seinem Stamm hatte. Arminius war schon als Kind, vermutlich als Geisel, nach Rom gekommen. Er erhielt hier eine römische Erziehung und eine militärische Ausbildung; er machte als Militär Karriere, erhielt das römische Bürgerrecht und wurde in den Stand eines Ritters <i>(eques)</i> erhoben. Er bewährt sich als Offizier der Hilfstruppen und war wahrscheinlich an der Niederschlagung des pannonischen Aufstandes in Dalmatien beteiligt.</p>
<p>Es spricht sehr viel für die Annahme des Historikers Dieter Timpe, dass Arminius zum Zeitpunkt der Varusschlacht als Befehlshaber seiner cheruskischen Hilfstruppen unter römischem Eid und Befehl stand. Damit wäre geklärt, warum Varus dem Cherusker offenbar blind vertraute. Es würde auch erklären, wieso auf dem Schlachtfeld bei Kalkriese, dem wahrscheinlichsten Ort der Varusschlacht, ausschließlich römische Waffen und römische Ausrüstungsgegenstände gefunden wurden.<br />
Selbst wenn Arminius damals nicht mehr aktiver römischer Offizier gewesen sein sollte – eines ist sicher: Seinen Sieg verdankte er nicht zuletzt dem Überraschungseffekt und der genauen Kenntnis der Schwächen der römischen Armee. Auch wenn die Quellen sich in mancher Hinsicht widersprechen, so stimmen sie darin überein, dass die von Varus kommandierten Legionen in unwegsames Gelände gelockt und aus dem Hinterhalt niedergemetzelt wurden. Im Sumpf und Wald kam die größte Stärke der Römer, ihre disziplinierte Ordnung, nicht zum Tragen.</p>
<p>Folgt man Tacitus, hat Arminius seinen Aufstand mit der Habgier, der Grausamkeit und dem Hochmut der Römer begründet. Dabei muss man aber im Auge behalten, dass Tacitus Kritiker einer aggressiven Eroberungspolitik war. Es liegt jedenfalls nahe, dass der Ärger über bislang ungewohnte Formen von Rechtsprechung und Steuererhebung unter den Ureinwohnern der neuen Provinz <i>Magna Germania</i> groß gewesen sein wird.<br />
Das erklärt aber noch nicht, warum Statthalter und Feldherr Varus, anders als zuvor seine Kollegen in Gallien, mit der „Romanisierungs“-Politik scheiterte. Eine gängige Erklärung ist, dass die Germanen im Vergleich mit den Kelten zivilisatorisch im Rückstand waren &#8211; ihnen dürfte es wesentlich schwerer gefallen sein, den Kulturwandel als positiv zu akzeptieren. Weniger positiv formuliert: die Kelten waren nicht nur an Städte, sondern auch an Steuereintreiber gewohnt.<br />
Vermutlich lag ein nicht unwesentlicher Grund für das Scheitern in der Struktur der germanischen Stammesgesellschaft, die offenbar keine starke politische Zentralgewalt akzeptierte. Tacitus bezeichnet Arminus als <i>princeps</i> (Fürst), was im römischen Sprachgebrauch auf eine republikanische Herrschaft hindeutet, im Gegensatz zum <i>rex</i> (König), mit dem eine diktatorische, Herrschaft beschrieben würde. Für spätere germanischen Stämmesgesellschaften ist bekannt, dass die „Zentralgewalt“ beim Thing, der „Volksversammlung“, lag, selbst bei Stämmen, die einen König kannten, hatte dieser nur das Vorschlagsrecht. Für einen ehrgeizigen Feldherrn wie Arminius war das ärgerlich: Nicht er hatte den „unbeschränkten Oberbefehl“, sondern jeder einzelne Stammesfürst konnte seine Anhänger zu den Waffen rufen und nach eigenem Gutdünken kämpfen.<br />
Die Kriegskoalition des Arminius strebte nicht etwa ein &#8220;germanisches Reich“ an, sondern vielmehr warfen die Stammesfürsten Arminius vor, die Königsherrschaft – also die Diktatur – anzustreben. Daher ist es nicht wirklich überraschend, dass Arminius im Jahre 21 von Verwandten ermordet wurde.</p>
<p>Selbst wenn Kaiser Augustus wegen des Verlustes dreier Legionen panisch reagierte – er befürchtete wohl ein Übergreifen des Aufstandes auf Gallien – hatte Rom nur eine Schlacht, nicht aber den Krieg verloren.<br />
Schon ein Jahr später brachen acht Legionen unter Tiberius zur Strafexpedition auf. </p>
<p>Was folgte, war ein typischer „Kolonialkrieg“: die Römer brannten germanische Dörfer nieder, versklavten und verschleppten zahlreiche Germanen, während die mit Arminius verbündeten Germanen erfolgreich eine Guerilla-Taktik praktizierten. Die „Politik der verbrannten Erde“ – abzulesen z. B. daran, dass die römische Siedlung bei Waldgirmes beim Abzug der Römer systematisch zerstört wurde – dürfte auch ursprünglich romfreundliche Germanen verprellt haben.<br />
Tiberius, inzwischen als Nachfolger des Augustus Kaiser, gab im Jahr 17 u. Z. den germanischen Krieg auf.<br />
Der wahrscheinliche Grund lag wohl darin, dass die militärisch durchaus mögliche Unterwerfung der <i>Magna Germania</i> für Rom einen unverhältnismäßig großen Aufwand an Mann und Material bedeutet hätte. Zwar gab es auch in Germanien einiges zu holen – die römischen Berichte über ein armes, unwirkliches Land voller Sümpfe und undurchdringlicher Wälder dürfte dem „saure Trauben“-Prinzip geschuldet sein – aber die notwendige Infrastruktur, um etwas aus der neuen Provinz holen zu können, musste erst entwickelt werden. Ein einfaches Beispiel: in Gallien gab es bereits Städte, die neben einigen römischen Neugründungen als Verwaltungs- und Wirtschaftszentren genutzt werden konnten, in Germanien musste die Römer alle ihre Städte selbst errichten.<br />
Tiberius, als Veteran der Germanenkriege, schätzte das militärische Bedrohungspotenzial der notorisch zerstrittenen Germanen als ziemlich gering ein. Der Aufwand einer Eroberung stand nicht in einem sinnvollen Verhältnis zum zu erwartenden Gewinn an Steuereinkünften oder Sicherheit. Stattdessen dürfte es hier die wesentlich sinnvollere und vernünftigere Politik gewesen sein, sich die lokal gegebenen Gefolgschaftsstrukturen in Klientelkönigreichen nutzbar zu machen.<br />
Dass spätere römische Chronisten das Bild eines unwirtlichen Landes voller Sümpfe, undurchdringlicher Wälder und griesgrämiger zivilisationsunfähiger Barbaren zeichneten, dürfte dem „saure Trauben“-Prinzip geschuldet sein &#8211; so wie Varus als Sündenbock für die Niederlage herhalten musste.</p>
<p>Obwohl das zivilisatorische Gefälle zwischen den römischen Provinzen am Rhein und dem armen, infrastrukturell „unentwickelten“ „freien Germanien“ beachtlich war, darf man sich die Verhältnisse etwa bei den Chatten und Cheruskern nicht allzu primitiv vorstellen. Auch dank intensiver Kontakte zu den Kelten gab es weit reichenden Handelsbeziehungen und ein stark differenziertes Handwerk. Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass die ökonomischen Verhältnisse in Germanien während der Römerzeit ärmlicher und primitiver waren, als in der Zeit, bevor die Römer kamen. Der Limes war keine militärische Sperranlage, sondern diente zur Kontrolle der Wirtschaftsbeziehungen: keine Ausfuhr römischer Waffen und römischer Technologie nach Germanen, aber auch keine Masseneinwanderung von Germanen.</p>
<p>Entgegen eine weit verbreiteten Legende gab Rom Germanien nie ganz auf. Große Teile des heutigen Süddeutschlands und der Rhein blieben römisch, unter Domitian wurden große Gebiete im heutigen Hessen und zwischen Rhein und Donau unterworfen. Im übrigen behielt Tiberius lange Zeit recht, das Vorfeld am Rhein muss damals recht ruhig gewesen sein, von den Germanen ging lange Zeit keine Bedrohung mehr aus.<br />
Als ab Ende des 2. Jahrhunderts der Druck durch die germanischen Stämme zunahm, drangen römische Expeditionskorps immer wieder tief ins germanische Hinterland vor. Das kürzlich (2008) im Landkreis Northeim im südlichen Niedersachsen entdeckte Schlachtfeld aus dem 3. Jahrhundert, Schauplatz eines Gefechts zwischen Germanen und Römern, zeugt von dieser Phase der römisch-germanischen Auseinandersetzung.<br />
Dass später die Wanderung germanischer Stämme den Untergang des westlichen Teils des <i>Imperium Romanum</i> nach sich ziehen würde, war aber auch zu dieser Zeit noch nicht abzusehen.</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/warum-scheiterten-die-romer-in-germanien/" target="_blank">Warum scheiterten die Römer in Germanien?</a><br />
<a href="http://www.nornirsaett.de/muss-die-geschichte-nach-dem-fund-eines-romischen-schlachtfeldes-in-niedersachen-wirklich-umgeschrieben-werden/" target="_blank">Muss die Geschichte nach dem Fund eines römischen Schlachtfeldes in Niedersachen umgeschrieben werden?</a></p>
<p>Wikipedia: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arminius" target="_blank">Arminius</a><br />
Wikipedia: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Varusschlacht" target="_blank">Varusschlacht</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/asatru-wissenschaft-forschung/">Erforscht &amp; Entdeckt</a> by MartinM <a href="http://www.nornirsaett.de/arminius-ist-nicht-%e2%80%9ehermann%e2%80%9c/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein wenig sieht er aus als sei er einem „Asterix“-Heft entsprungen, mit seinem Flügelhelm: der „Hermann“ auf der Grotenburg, bei Detmold im Teutoburger Wald. <i>Hermann</i>, nicht </i>Arminius</i>.<br />
Denn Hermann ist eine Kunstfigur der Neuzeit, die nur lose auf dem historischen Cheruskerfürsten, dessen germanischer Name nicht bekannt ist, beruht.</p>
<p>Hermann – das ist die Hauptfigur in einem problematischen Gründungsmythos. Seit gut 500 Jahren ist die Varussschlacht Anlass für die Abgrenzung gegenüber vermeintlichen äußeren Feinden und die Konstruktion einer „deutschen Identität“ – obwohl „die Germanen“ keineswegs mit „den Deutschen“ gleichgesetzt werden können – da lagen Jahrhunderte dazwischen. Die Ethnogenese, die „Volkwerdung“ der Deutschen, die etwa ab dem 10. Jahrhundert einsetzt, knüpfte an keine germanische Einheit an. (Anders etwa als z. B. die Dänen, die tatsächlich an einen germanischen Stammesverband anknüpfen können.) Wenn sich aber die „tiudisk“, also die Volkssprache, sprechenden Menschen sich vor dieser Zeit nicht als Deutsche begriffen, dann gab es eben noch keine Deutschen.</p>
<p>Arminius hat, als Freiheitskämpfer, der er ja auch war, wohl schon einen Denkmalsplatz verdient. Ob er auch die Romanisierung Germaniens verhindert hat, ist, auch wenn der  <a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,596976,00.html" target="_blank">Historiker Alexander Demandt diese Ansicht im &#8220;Spiegel&#8221; vertritt</a>, hingegen strittig. (Noch strittiger ist die Frage, ob es welthistorisch besser gewesen wäre, wenn <a href="http://che2001.blogger.de/stories/1343938/" target="_blank"><i>Magna Germania</i> römisch geblieben wäre</a>.)<span id="more-1128"></span></p>
<p>Mit dem 2000. Jahrestag der verheerenden Niederlage der drei Legionen unter Varus gegen germanische Rebellen unter Arminius im Jahre 9 unserer Zeitrechnung sind sowohl Arminius wie Hermann wieder medial präsent.<br />
Wieder präsent, denn im heutigen Deutschland hat man im allgemeinen Angst davor, Geschichtshelden zu glorifizieren. Wenn Arminius wirklich der „Hermann“ der deutschnationalen Legende gewesen wäre, wäre diese Vorsicht sogar berechtigt.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/4169014"><img src="http://u1.ipernity.com/7/90/14/4169014.51aaca22.jpg" width="300" height="450" alt="Hermannsdenkmal" border="0"/></a></p>
<p>Über das Leben Arminius vor der legendären Schlacht sind nur wenige biografische Details überliefert. Selbst über seinen germanischen Namen gibt es zahlreiche geistreiche und noch mehr geistlose, jedenfalls fruchtlose, Spekulationen. Sicher ist nur, dass er der Sohn eines Cheruskers namens Segimer <i>(Segimerus)</i> war, der eine führende Stellung in seinem Stamm hatte. Arminius war schon als Kind, vermutlich als Geisel, nach Rom gekommen. Er erhielt hier eine römische Erziehung und eine militärische Ausbildung; er machte als Militär Karriere, erhielt das römische Bürgerrecht und wurde in den Stand eines Ritters <i>(eques)</i> erhoben. Er bewährt sich als Offizier der Hilfstruppen und war wahrscheinlich an der Niederschlagung des pannonischen Aufstandes in Dalmatien beteiligt.</p>
<p>Es spricht sehr viel für die Annahme des Historikers Dieter Timpe, dass Arminius zum Zeitpunkt der Varusschlacht als Befehlshaber seiner cheruskischen Hilfstruppen unter römischem Eid und Befehl stand. Damit wäre geklärt, warum Varus dem Cherusker offenbar blind vertraute. Es würde auch erklären, wieso auf dem Schlachtfeld bei Kalkriese, dem wahrscheinlichsten Ort der Varusschlacht, ausschließlich römische Waffen und römische Ausrüstungsgegenstände gefunden wurden.<br />
Selbst wenn Arminius damals nicht mehr aktiver römischer Offizier gewesen sein sollte – eines ist sicher: Seinen Sieg verdankte er nicht zuletzt dem Überraschungseffekt und der genauen Kenntnis der Schwächen der römischen Armee. Auch wenn die Quellen sich in mancher Hinsicht widersprechen, so stimmen sie darin überein, dass die von Varus kommandierten Legionen in unwegsames Gelände gelockt und aus dem Hinterhalt niedergemetzelt wurden. Im Sumpf und Wald kam die größte Stärke der Römer, ihre disziplinierte Ordnung, nicht zum Tragen.</p>
<p>Folgt man Tacitus, hat Arminius seinen Aufstand mit der Habgier, der Grausamkeit und dem Hochmut der Römer begründet. Dabei muss man aber im Auge behalten, dass Tacitus Kritiker einer aggressiven Eroberungspolitik war. Es liegt jedenfalls nahe, dass der Ärger über bislang ungewohnte Formen von Rechtsprechung und Steuererhebung unter den Ureinwohnern der neuen Provinz <i>Magna Germania</i> groß gewesen sein wird.<br />
Das erklärt aber noch nicht, warum Statthalter und Feldherr Varus, anders als zuvor seine Kollegen in Gallien, mit der „Romanisierungs“-Politik scheiterte. Eine gängige Erklärung ist, dass die Germanen im Vergleich mit den Kelten zivilisatorisch im Rückstand waren &#8211; ihnen dürfte es wesentlich schwerer gefallen sein, den Kulturwandel als positiv zu akzeptieren. Weniger positiv formuliert: die Kelten waren nicht nur an Städte, sondern auch an Steuereintreiber gewohnt.<br />
Vermutlich lag ein nicht unwesentlicher Grund für das Scheitern in der Struktur der germanischen Stammesgesellschaft, die offenbar keine starke politische Zentralgewalt akzeptierte. Tacitus bezeichnet Arminus als <i>princeps</i> (Fürst), was im römischen Sprachgebrauch auf eine republikanische Herrschaft hindeutet, im Gegensatz zum <i>rex</i> (König), mit dem eine diktatorische, Herrschaft beschrieben würde. Für spätere germanischen Stämmesgesellschaften ist bekannt, dass die „Zentralgewalt“ beim Thing, der „Volksversammlung“, lag, selbst bei Stämmen, die einen König kannten, hatte dieser nur das Vorschlagsrecht. Für einen ehrgeizigen Feldherrn wie Arminius war das ärgerlich: Nicht er hatte den „unbeschränkten Oberbefehl“, sondern jeder einzelne Stammesfürst konnte seine Anhänger zu den Waffen rufen und nach eigenem Gutdünken kämpfen.<br />
Die Kriegskoalition des Arminius strebte nicht etwa ein &#8220;germanisches Reich“ an, sondern vielmehr warfen die Stammesfürsten Arminius vor, die Königsherrschaft – also die Diktatur – anzustreben. Daher ist es nicht wirklich überraschend, dass Arminius im Jahre 21 von Verwandten ermordet wurde.</p>
<p>Selbst wenn Kaiser Augustus wegen des Verlustes dreier Legionen panisch reagierte – er befürchtete wohl ein Übergreifen des Aufstandes auf Gallien – hatte Rom nur eine Schlacht, nicht aber den Krieg verloren.<br />
Schon ein Jahr später brachen acht Legionen unter Tiberius zur Strafexpedition auf. </p>
<p>Was folgte, war ein typischer „Kolonialkrieg“: die Römer brannten germanische Dörfer nieder, versklavten und verschleppten zahlreiche Germanen, während die mit Arminius verbündeten Germanen erfolgreich eine Guerilla-Taktik praktizierten. Die „Politik der verbrannten Erde“ – abzulesen z. B. daran, dass die römische Siedlung bei Waldgirmes beim Abzug der Römer systematisch zerstört wurde – dürfte auch ursprünglich romfreundliche Germanen verprellt haben.<br />
Tiberius, inzwischen als Nachfolger des Augustus Kaiser, gab im Jahr 17 u. Z. den germanischen Krieg auf.<br />
Der wahrscheinliche Grund lag wohl darin, dass die militärisch durchaus mögliche Unterwerfung der <i>Magna Germania</i> für Rom einen unverhältnismäßig großen Aufwand an Mann und Material bedeutet hätte. Zwar gab es auch in Germanien einiges zu holen – die römischen Berichte über ein armes, unwirkliches Land voller Sümpfe und undurchdringlicher Wälder dürfte dem „saure Trauben“-Prinzip geschuldet sein – aber die notwendige Infrastruktur, um etwas aus der neuen Provinz holen zu können, musste erst entwickelt werden. Ein einfaches Beispiel: in Gallien gab es bereits Städte, die neben einigen römischen Neugründungen als Verwaltungs- und Wirtschaftszentren genutzt werden konnten, in Germanien musste die Römer alle ihre Städte selbst errichten.<br />
Tiberius, als Veteran der Germanenkriege, schätzte das militärische Bedrohungspotenzial der notorisch zerstrittenen Germanen als ziemlich gering ein. Der Aufwand einer Eroberung stand nicht in einem sinnvollen Verhältnis zum zu erwartenden Gewinn an Steuereinkünften oder Sicherheit. Stattdessen dürfte es hier die wesentlich sinnvollere und vernünftigere Politik gewesen sein, sich die lokal gegebenen Gefolgschaftsstrukturen in Klientelkönigreichen nutzbar zu machen.<br />
Dass spätere römische Chronisten das Bild eines unwirtlichen Landes voller Sümpfe, undurchdringlicher Wälder und griesgrämiger zivilisationsunfähiger Barbaren zeichneten, dürfte dem „saure Trauben“-Prinzip geschuldet sein &#8211; so wie Varus als Sündenbock für die Niederlage herhalten musste.</p>
<p>Obwohl das zivilisatorische Gefälle zwischen den römischen Provinzen am Rhein und dem armen, infrastrukturell „unentwickelten“ „freien Germanien“ beachtlich war, darf man sich die Verhältnisse etwa bei den Chatten und Cheruskern nicht allzu primitiv vorstellen. Auch dank intensiver Kontakte zu den Kelten gab es weit reichenden Handelsbeziehungen und ein stark differenziertes Handwerk. Tatsächlich deutet einiges darauf hin, dass die ökonomischen Verhältnisse in Germanien während der Römerzeit ärmlicher und primitiver waren, als in der Zeit, bevor die Römer kamen. Der Limes war keine militärische Sperranlage, sondern diente zur Kontrolle der Wirtschaftsbeziehungen: keine Ausfuhr römischer Waffen und römischer Technologie nach Germanen, aber auch keine Masseneinwanderung von Germanen.</p>
<p>Entgegen eine weit verbreiteten Legende gab Rom Germanien nie ganz auf. Große Teile des heutigen Süddeutschlands und der Rhein blieben römisch, unter Domitian wurden große Gebiete im heutigen Hessen und zwischen Rhein und Donau unterworfen. Im übrigen behielt Tiberius lange Zeit recht, das Vorfeld am Rhein muss damals recht ruhig gewesen sein, von den Germanen ging lange Zeit keine Bedrohung mehr aus.<br />
Als ab Ende des 2. Jahrhunderts der Druck durch die germanischen Stämme zunahm, drangen römische Expeditionskorps immer wieder tief ins germanische Hinterland vor. Das kürzlich (2008) im Landkreis Northeim im südlichen Niedersachsen entdeckte Schlachtfeld aus dem 3. Jahrhundert, Schauplatz eines Gefechts zwischen Germanen und Römern, zeugt von dieser Phase der römisch-germanischen Auseinandersetzung.<br />
Dass später die Wanderung germanischer Stämme den Untergang des westlichen Teils des <i>Imperium Romanum</i> nach sich ziehen würde, war aber auch zu dieser Zeit noch nicht abzusehen.</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/warum-scheiterten-die-romer-in-germanien/" target="_blank">Warum scheiterten die Römer in Germanien?</a><br />
<a href="http://www.nornirsaett.de/muss-die-geschichte-nach-dem-fund-eines-romischen-schlachtfeldes-in-niedersachen-wirklich-umgeschrieben-werden/" target="_blank">Muss die Geschichte nach dem Fund eines römischen Schlachtfeldes in Niedersachen umgeschrieben werden?</a></p>
<p>Wikipedia: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arminius" target="_blank">Arminius</a><br />
Wikipedia: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Varusschlacht" target="_blank">Varusschlacht</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/arminius-ist-nicht-%e2%80%9ehermann%e2%80%9c/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>8</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

