<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt&#187; Eibensang</title>
	<atom:link href="http://www.nornirsaett.de/author/eibensang/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.nornirsaett.de</link>
	<description></description>
	<lastBuildDate>Wed, 08 Feb 2012 18:07:35 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.2</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Als die Sau noch Göttin war</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 29 May 2011 22:58:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Odins Auge Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ætt Feature]]></category>
		<category><![CDATA[Ariosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[rechtsextrem]]></category>
		<category><![CDATA[Runen]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Theosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Yggdrasil]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=113</guid>
		<description><![CDATA[<p><b>Noch immer haben die meisten Zeitgenossen, wenn von Germanen die Rede ist, Bilder im Kopf, die aus dem Kuriositätenmuseum der Nationalromantik stammen. Vom &#8220;blonden Recken&#8221; bis zum &#8220;Arier&#8221; der Nazis ist es anscheinend nur ein kleiner Schritt. Befasst man sich jedoch eingehender mit germanischer Kultur, Geschichte und Mythologie, gewinnt man eher den Eindruck: Einen Hitler hätten historische Germanen nicht bejubelt, sondern umgebracht.</b><span id="more-113"></span></p>
<h3>Vorwort, oder: warum, wieso, weshalb</h3>
<blockquote><p>
“Die alten Germanen, sie lagen /<br />
zu beiden Ufern des Rheins /<br />
Sie lagen auf Bärenfellen /<br />
und tranken immer noch eins.”</p></blockquote>
<p>Dieser leicht dümmliche Spruch, gefunden auf dem Etikett einer im fränkischen Bayreuth erstandenen Flasche Met, spiegelt eins der wohl noch harmloseren Klischees über “die Germanen” wider.</p>
<div style="float:left;margin-right:5px"><a href="http://www.nornirsaett.de/wp-content/wildschwein.jpg" rel="lightbox[113]"><img class="alignleft size-full wp-image-4062" title="Wildschwein" src="http://www.nornirsaett.de/wp-content/wildschwein-300x244.jpg" alt="Wildschwein - nach einer antiken Bronzefibel" width="300" height="244" /></a></div>
<p>Auf wild wogenden Wellen heranwallende wotanwütige Wagner-Wikinger mit Hörnerhelmen, darüber wolkenreitende Walküren, die nach wie vor hurtig (hoyotoho!) durch die sog. Hochkultur von Oper und Operette herumgeistern, sind höchstens abschreckend lächerlich und schaden, möchte man meinen, doch eigentlich niemandem – auch wenn solche Figuren mit der vormittelalterlichen Wirklichkeit Europas ebensowenig zu tun haben wie z.B. (sagen wir mal) die Lebenswirklichkeit nordamerikanischer Ureinwohner mit der altdeutsch eingekitschten Indianerromantik eines Karl May.</p>
<p>Wenn jedoch ein Rechtsradikaler Amok läuft, auf Menschen schießt und anschließend behauptet, er habe Mord und Mordversuche “im Auftrag Odins” begangen, wird die Sache schon etwas ernster – besonders, wenn sich niemand über einen solchen Zusammenhang groß wundert oder ihm gar widerspricht. So geschehen 1996 im rheinischen Recklinghausen – aber nicht nur dort, und nicht nur dann. Anderes Beispiel, eines von vielen: Der berüchtigte Berliner Neonazi Arnulf Priem nennt seine paramilitärische Terrorgruppe “Wotans Volk”, und keiner widerspricht ihm. Auch zahlreiche andere Gruppen, vom rassistischen “Armanen-Orden” bis zur faschistischen “Wiking-Jugend”, berufen sich auf angeblich “germanisches” Erbe, benutzen willkürlich Runen und andere germanische Symbole, und keiner widerspricht ihnen. Warum auch? Es ist ja allgemein bekannt, dass sich die Nazis auf die “alten Germanen” beriefen, sich ihrer Symbolik und ihres Mythenschatzes bedienten. Und spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind Germanentum und Sieg-Heil-Gebrüll für die meisten zivilisierten Menschen dieselbe oder doch zumindest die gleiche braune Soße. Germanentum, jegliches: heutzutage (ist es) zutiefst diskreditiert, auch und gerade für die seriöse Wissenschaft. Der Holocaust erschreckte die zivilisierte Menschheit, doch was unterscheidet die deutschen Verbrechen wirklich von denen eines Pol Pot, eines Bokassa oder eines Stalin? Nicht die ungeheure Zahl der Opfer, auch nicht die Mordmethoden, die m.E. nur (den Schattenseiten) der jeweiligen Kultur entsprechen, nein: Es ist der ideologische Hintergrund – er allein macht die Verbrechen Hitlerdeutschlands so schwer vergleichbar mit den anderen und sonstigen Barbareien unserer Epoche.</p>
<p>Der Rassismus der Nazis – und die (heutzutage so auffällig schwer begründbare) Begeisterung des damals fast gesamten deutschen Volkes für Hitler – hatte letztlich auch und vor allem okkulte Wurzeln, die fern jedes zivilisatorischen Verständnisses lagen. Die Menschheit (inklusiv mancher Deutscher) erschrak nach der lückenlosen Aufdeckung der Naziverbrechen tatsächlich. Mit solch einem grauenhaften Sumpf wollte man nichts (mehr) zu tun haben. Und genau deshalb fand eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den pseudoreligiösen Inhalten der Nazis niemals statt, nicht in den Nürnberger Prozessen, und schon gar nicht danach. Der seitdem andauernde stillschweigende Großversuch, das Thema ausschließlich rational zu erklären, füllt Bände und Filmrollen ebenso tonnenweise wie vergeblich. Was ebenfalls nicht stattfand, war eine Rehabilitation der Germanen. Das lag wohl auch an der Scham einer internationalen Wissenschaft, die im 19. Jh. drauf und dran gewesen war, krudesten Rassismus salonfähig zu machen – dies im Gefolge einer (nach heutigen Maßstäben und Erkenntnissen gründlich unwissenschaftlichen, jedenfalls aber unreflektierten) Begeisterung für angeblich germanisch-keltische Wurzeln des Abendlandes, die absurd zu überhöhen und zu idealisieren um die Jahrhundertwende offensichtlich Mode war. Oder inhumane Konsequenz: denn schließlich musste weltweiter Kolonialismus gerechtfertigt werden – ausgerechnet von Nationen, deren Religion angeblich die Nächstenliebe war und ist.<br />
Dieser offensichtliche Widerspruch zwischen Sklavenhalterei und Ausbeutung einerseits und christlicher Bergpredigt anderseits ließ sich wohl nur mit der Lehre von “unterschiedlich wertvollen Rassen” übertünchen. Groteske Ergebnisse solcher Bemühungen waren u.a. die Theosophie im allgemeinen und deren Kind, die <a href="http://www.nornirsaett.de/ueberblick-uber-ariosophie/" target="_blank">Ariosophie</a>, im besonderen.</p>
<p>Kurze Erklärung: Die Anhänger der Ariosophie behaupten (damals wie heute), die Menschheit stamme angeblich vom fernen Stern Aldebaran. Auf der langen Reise zur Erde hätten sich die “fünf Wurzelrassen” der Menschheit illegal miteinander vermischt, das Ergebnis seien “niedere” und “minderwertige Rassen” auf der Erde, die dazu bestimmt seien, von den “höheren Rassen” beherrscht zu werden. Als “höher” gelten dabei die Hellhäutigen und (im Idealfall) Blondhaarigen, die sich vor weiterer Vermischung schützen müssten, um nicht unterzugehen. Eine einfache Sündenbock-Theorie: Denn was an den angeblich “höheren Rassen” im Einzelfall nicht astrein sein sollte, verschulden laut Ariosophie immer die anderen, die “dunklen”. Da natürlich niemand perfekt ist, geht diese Sündenbock-Rechnung immer auf: Die Feindbilder können wechseln, ein Feind – auf den das eigene Minderwertigkeitsgefühl projiziert wird – ist aber immer präsent.<br />
Der aus all dem letztlich resultierende fremden- und judenfeindliche Okkultismus der Nazis hat sich fast wahllos germanischer Symbolik bedient und diese gründlich missbraucht – seit Auschwitz haftet auch allem Germanischen der Ruch des Verbrechens an, zumindest für aufgeklärte und rationalistische Zeitgenossen. Die weniger rationalistischen indes, namentlich sogenannte Neuheiden, neigen heute dazu, in dieselben Fallen zu tappen wie ihre historischen Vorgänger vor über 100 Jahren. Theosophie und Ariosophie, die metaphysischen Grundlehren für rassistische Verschwörungstheorien aller Art, feiern unter zeitgenössischen esoterischen Sinnsuchern unerkannt giftige Urständ´.<br />
Doch bleiben wir einstweilen bei der Mehrheit. Die tiefe, ja beinahe instinktive Ablehnung all dessen, was irgendwie “germanisch” riecht, geht leider so weit, dass das Thema heute niemanden mehr interessiert.</p>
<p>Weiter: <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-nazis-und-germanen-–-der-unerkannte-gegensatz">Nazis und Germanen – der unerkannte Gegensatz</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/odins-auge-ariosophieprojekt/artikel/">Odins Auge Artikel</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><b>Noch immer haben die meisten Zeitgenossen, wenn von Germanen die Rede ist, Bilder im Kopf, die aus dem Kuriositätenmuseum der Nationalromantik stammen. Vom &#8220;blonden Recken&#8221; bis zum &#8220;Arier&#8221; der Nazis ist es anscheinend nur ein kleiner Schritt. Befasst man sich jedoch eingehender mit germanischer Kultur, Geschichte und Mythologie, gewinnt man eher den Eindruck: Einen Hitler hätten historische Germanen nicht bejubelt, sondern umgebracht.</b><span id="more-113"></span></p>
<h3>Vorwort, oder: warum, wieso, weshalb</h3>
<blockquote><p>
“Die alten Germanen, sie lagen /<br />
zu beiden Ufern des Rheins /<br />
Sie lagen auf Bärenfellen /<br />
und tranken immer noch eins.”</p></blockquote>
<p>Dieser leicht dümmliche Spruch, gefunden auf dem Etikett einer im fränkischen Bayreuth erstandenen Flasche Met, spiegelt eins der wohl noch harmloseren Klischees über “die Germanen” wider.</p>
<div style="float:left;margin-right:5px"><a href="http://www.nornirsaett.de/wp-content/wildschwein.jpg" rel="lightbox[113]"><img class="alignleft size-full wp-image-4062" title="Wildschwein" src="http://www.nornirsaett.de/wp-content/wildschwein-300x244.jpg" alt="Wildschwein - nach einer antiken Bronzefibel" width="300" height="244" /></a></div>
<p>Auf wild wogenden Wellen heranwallende wotanwütige Wagner-Wikinger mit Hörnerhelmen, darüber wolkenreitende Walküren, die nach wie vor hurtig (hoyotoho!) durch die sog. Hochkultur von Oper und Operette herumgeistern, sind höchstens abschreckend lächerlich und schaden, möchte man meinen, doch eigentlich niemandem – auch wenn solche Figuren mit der vormittelalterlichen Wirklichkeit Europas ebensowenig zu tun haben wie z.B. (sagen wir mal) die Lebenswirklichkeit nordamerikanischer Ureinwohner mit der altdeutsch eingekitschten Indianerromantik eines Karl May.</p>
<p>Wenn jedoch ein Rechtsradikaler Amok läuft, auf Menschen schießt und anschließend behauptet, er habe Mord und Mordversuche “im Auftrag Odins” begangen, wird die Sache schon etwas ernster – besonders, wenn sich niemand über einen solchen Zusammenhang groß wundert oder ihm gar widerspricht. So geschehen 1996 im rheinischen Recklinghausen – aber nicht nur dort, und nicht nur dann. Anderes Beispiel, eines von vielen: Der berüchtigte Berliner Neonazi Arnulf Priem nennt seine paramilitärische Terrorgruppe “Wotans Volk”, und keiner widerspricht ihm. Auch zahlreiche andere Gruppen, vom rassistischen “Armanen-Orden” bis zur faschistischen “Wiking-Jugend”, berufen sich auf angeblich “germanisches” Erbe, benutzen willkürlich Runen und andere germanische Symbole, und keiner widerspricht ihnen. Warum auch? Es ist ja allgemein bekannt, dass sich die Nazis auf die “alten Germanen” beriefen, sich ihrer Symbolik und ihres Mythenschatzes bedienten. Und spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind Germanentum und Sieg-Heil-Gebrüll für die meisten zivilisierten Menschen dieselbe oder doch zumindest die gleiche braune Soße. Germanentum, jegliches: heutzutage (ist es) zutiefst diskreditiert, auch und gerade für die seriöse Wissenschaft. Der Holocaust erschreckte die zivilisierte Menschheit, doch was unterscheidet die deutschen Verbrechen wirklich von denen eines Pol Pot, eines Bokassa oder eines Stalin? Nicht die ungeheure Zahl der Opfer, auch nicht die Mordmethoden, die m.E. nur (den Schattenseiten) der jeweiligen Kultur entsprechen, nein: Es ist der ideologische Hintergrund – er allein macht die Verbrechen Hitlerdeutschlands so schwer vergleichbar mit den anderen und sonstigen Barbareien unserer Epoche.</p>
<p>Der Rassismus der Nazis – und die (heutzutage so auffällig schwer begründbare) Begeisterung des damals fast gesamten deutschen Volkes für Hitler – hatte letztlich auch und vor allem okkulte Wurzeln, die fern jedes zivilisatorischen Verständnisses lagen. Die Menschheit (inklusiv mancher Deutscher) erschrak nach der lückenlosen Aufdeckung der Naziverbrechen tatsächlich. Mit solch einem grauenhaften Sumpf wollte man nichts (mehr) zu tun haben. Und genau deshalb fand eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den pseudoreligiösen Inhalten der Nazis niemals statt, nicht in den Nürnberger Prozessen, und schon gar nicht danach. Der seitdem andauernde stillschweigende Großversuch, das Thema ausschließlich rational zu erklären, füllt Bände und Filmrollen ebenso tonnenweise wie vergeblich. Was ebenfalls nicht stattfand, war eine Rehabilitation der Germanen. Das lag wohl auch an der Scham einer internationalen Wissenschaft, die im 19. Jh. drauf und dran gewesen war, krudesten Rassismus salonfähig zu machen – dies im Gefolge einer (nach heutigen Maßstäben und Erkenntnissen gründlich unwissenschaftlichen, jedenfalls aber unreflektierten) Begeisterung für angeblich germanisch-keltische Wurzeln des Abendlandes, die absurd zu überhöhen und zu idealisieren um die Jahrhundertwende offensichtlich Mode war. Oder inhumane Konsequenz: denn schließlich musste weltweiter Kolonialismus gerechtfertigt werden – ausgerechnet von Nationen, deren Religion angeblich die Nächstenliebe war und ist.<br />
Dieser offensichtliche Widerspruch zwischen Sklavenhalterei und Ausbeutung einerseits und christlicher Bergpredigt anderseits ließ sich wohl nur mit der Lehre von “unterschiedlich wertvollen Rassen” übertünchen. Groteske Ergebnisse solcher Bemühungen waren u.a. die Theosophie im allgemeinen und deren Kind, die <a href="http://www.nornirsaett.de/ueberblick-uber-ariosophie/" target="_blank">Ariosophie</a>, im besonderen.</p>
<p>Kurze Erklärung: Die Anhänger der Ariosophie behaupten (damals wie heute), die Menschheit stamme angeblich vom fernen Stern Aldebaran. Auf der langen Reise zur Erde hätten sich die “fünf Wurzelrassen” der Menschheit illegal miteinander vermischt, das Ergebnis seien “niedere” und “minderwertige Rassen” auf der Erde, die dazu bestimmt seien, von den “höheren Rassen” beherrscht zu werden. Als “höher” gelten dabei die Hellhäutigen und (im Idealfall) Blondhaarigen, die sich vor weiterer Vermischung schützen müssten, um nicht unterzugehen. Eine einfache Sündenbock-Theorie: Denn was an den angeblich “höheren Rassen” im Einzelfall nicht astrein sein sollte, verschulden laut Ariosophie immer die anderen, die “dunklen”. Da natürlich niemand perfekt ist, geht diese Sündenbock-Rechnung immer auf: Die Feindbilder können wechseln, ein Feind – auf den das eigene Minderwertigkeitsgefühl projiziert wird – ist aber immer präsent.<br />
Der aus all dem letztlich resultierende fremden- und judenfeindliche Okkultismus der Nazis hat sich fast wahllos germanischer Symbolik bedient und diese gründlich missbraucht – seit Auschwitz haftet auch allem Germanischen der Ruch des Verbrechens an, zumindest für aufgeklärte und rationalistische Zeitgenossen. Die weniger rationalistischen indes, namentlich sogenannte Neuheiden, neigen heute dazu, in dieselben Fallen zu tappen wie ihre historischen Vorgänger vor über 100 Jahren. Theosophie und Ariosophie, die metaphysischen Grundlehren für rassistische Verschwörungstheorien aller Art, feiern unter zeitgenössischen esoterischen Sinnsuchern unerkannt giftige Urständ´.<br />
Doch bleiben wir einstweilen bei der Mehrheit. Die tiefe, ja beinahe instinktive Ablehnung all dessen, was irgendwie “germanisch” riecht, geht leider so weit, dass das Thema heute niemanden mehr interessiert.</p>
<p>Weiter: <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-nazis-und-germanen-–-der-unerkannte-gegensatz">Nazis und Germanen – der unerkannte Gegensatz</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Als die Sau noch Göttin war: Nazis und Germanen – der unerkannte Gegensatz</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-nazis-und-germanen-%e2%80%93-der-unerkannte-gegensatz/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-nazis-und-germanen-%e2%80%93-der-unerkannte-gegensatz/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 29 May 2011 22:47:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Odins Auge Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ariosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Nazis]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[rechtsextrem]]></category>
		<category><![CDATA[Runen]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Theosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Yggdrasi]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=4238</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Nazis und Germanen – der unerkannte Gegensatz</h3>
<p>Germanen – dieses Thema ist kein Thema. Dadurch wird die Definition dessen, was germanisch war, und was germanisch ist, den ideologischen Nachfolgern der alten Nazis überlassen. Auf deutsch: Wir lassen uns wichtige Teile der Geschichte und Vorgeschichte von Völkermördern und deren Sympathisanten deuten. Ich will etwas anderes. Ich will die Spreu vom Weizen trennen. Ich will mir europäische Geschichte und Vorgeschichte nicht von Kulturverächtern, sozialdarwinistischen Mördern und Menschheitsverbrechern diktieren lassen. Ich will mir dieselbe Geschichte und Vorgeschichte auch nicht von bewusst frömmlerischen, unbewusst faschistoiden Esoterikern venebeln (und damit abermals verdrehen) lassen. Ich will ferner nicht mindestens sechs (bis maximal 15) Jahrhunderte weiterhin totgeschwiegen oder mit Nebensätzen übergangen wissen von gutmeinenden Geschichtsschreibern, die sich schämen für Schauergeschichten über Heidenbräuche, die altrömischer oder frühkirchlicher Propaganda – oder eben der Goebbels´ – entspringen. Ich will Tatsachen aufzeigen und belegen. Ich will ansatzweise erläutern, was Germanen von denen unterscheidet, die sich (gestern und heute) so gern auf sie berufen.</p>
<p>Mein Fazit: Hält man sich an historische Fakten, sind Germanentum und Nazitum unvereinbar. Ihre Werte und Weltbilder sind nicht nur verschieden, sondern diametral entgegengesetzt. Hätten die Deutschen wirklich germanisch empfunden, wäre Hitler Anstreicher geblieben und Himmler ausgelacht worden. Falls es solche Gestalten tatsächlich zu irgendeiner Führerschaft gebracht hätten, wären sie allerspätestens 1942 als Sakralopfer fällig gewesen (vermutlich aber schon 1939. Zugegeben: Zum Sakralopfer hätte es wohl doch nicht ganz gereicht, weil man Hitler eher schon 1933 abgesetzt hätte: dies ganz unsakral, aber herzhaft) – ganz davon abgesehen, dass die Ausgrenzung ganzer Volksteile (von deren Ermordung mal zu schweigen) germanischem Denken und Handeln total widerspricht. Soziale Ausgrenzung von Teilen der Gemeinschaft (im deutschen Falle damals vor allem der Juden) ist historisch belegbar das Ungermanischste, was man sich überhaupt vorstellen kann. Es gibt keinen einzigen nationalsozialistischen Kernsatz oder Wunsch, der irgendwie “germanisierbar” wäre – hält man sich an die historischen Fakten.<br />
Germanische Kulturen waren weder rassistisch noch nationalistisch; Stechschritt und Kadavergehorsam sind keine germanischen Werte, sondern preußische Erfindungen; germanische Stämme definierten sich nicht über reale Blutsverwandtschaften, sondern spirituelle Bindungen; germanische Führer hatten keine diktatorische Macht, sondern soziale Verantwortung, zu der sie ggf. sehr real gezogen wurden; kurz – eine germanische Nation hat es nie gegeben, denn: Mit Stammeskulturen ist kein Staat zu machen.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/36068/2969772"><img src="http://u1.ipernity.com/8/97/72/2969772.5b6b1336.500.jpg" width="500" height="375" alt="Straßentempel der Nemesis" border="0"/></a><br />
<i>Straßentempel der Nemesis in</i> <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carnuntum" target="_blank"><i>Carnuntum</i></a>. <i>Nicht &#8220;germanisch&#8221;, aber den Nazis und ihren Nachbetern angemessen! &#8211; Foto: Brigh</i></p>
<p>Das Böse will ich nicht beklagen, sondern bekämpfen. Dazu muss ich Gutes tun, muss sozusagen im Guten wurzeln – und der unpopuläre Aspekt meiner These ist, dass dieses Gute mit germanischer Kultur zu tun hat. Die kann und will ich keineswegs idealisieren – vielleicht, weil germanische Kultur selbst kaum Ideale in unserem Sinne kannte, sondern nur Rezepte, die sich als praktisch, als alltagstauglich erwiesen. Das bedingte deren ständige Veränderungsbereitschaft, sprich: Flexibilität. Die germanische Mythologie kennt kein Paradies, sondern nur ein geschicktes Balancieren zwischen kosmischen Spannungsverhältnissen. Dementsprechend rau, kantig und unrund klingen ihre Überlieferungen.<br />
Germanische Götter sind keine allmächtigen Schöpfer, sondern Vorbilder: übermenschlich zwar, aber mit erheblichen Macken. Auf deren Form und Sinn komme ich noch zu sprechen. Die Nazis jedenfalls hatten und haben von germanischen Göttern nicht die geringste Ahnung. Sie erschlugen Europa mit dem Knauf des germanischen Schwerts, doch sie umfassten es stets an der Schneide. Tatsächlich meine ich es so wie ich´s sage. Die Nazis stellten die germanische Kultur auf den Kopf. Sie konnten sich der sogenannten “Germanen” nur bedienen, indem sie germanische Werte in ihr Gegenteil verkehrten. Zum Teil sogar buchstäblich, wie das sogenannte Hakenkreuz zeigt: Die Swastika drehte sich bei Germanen und deren Vorfahren anders herum (spiegelverkehrt, müsste man heute sagen); als altes Sonnensymbol war sie weiß, nicht schwarz. Aus dem mindestens fünf Jahrtausende alten Zeichen göttlichen Lebens wurde in nur wenigen Jahren weltweit das des fanatischen Mordes. Doch ich will mich nicht mit Äußerlichkeiten begnügen. Mit “rassischer Reinheit” hätte das historische Völkergemisch der echten “Germanen” ebensowenig anzufangen gewusst wie mit dem asozialen “Herrenmenschen”-Ideal der deutschen Faschisten. Sogar noch der in der Edda postpagan überlieferte nordische Götterhimmel  präsentiert sich weniger als blauäugiges Heldenepos denn als burschikoses Behindertenballett – davon später mehr.</p>
<p>“Wer Wind sät, wird Sturm ernten,” sagt die Bibel. Ich ergänze hiermit: “Wer Sturm ruft, erntet Wotan” – und dessen archaischer Kraft (samt kultureller Implikation) sind Rassisten, wie die Geschichte schon einmal bewies, nicht gewachsen. Aus dem beschworenen “Endsieg” Deutschlands wurde dessen bedingungslose Kapitulation, aus “Ahnenerbe” Geschichtsvergessenheit, aus dem drittklassigen deutschen “Reich” eine erstrangige Katastrophe. Vielleicht hätten sich die Deutschen des 20. Jahrhunderts doch etwas besser informieren sollen, welche Geister sie da riefen – und welcher unbekannten, ja fremden Kultur die tatsächlich entstammten. Über diese unbekannte Kultur möchte ich sprechen.</p>
<p>Weiter: <a href="als-die-sau-noch-gottin-war-wer-waren-“die-germanen”">Wer waren die &#8220;Germanen?&#8221;</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/odins-auge-ariosophieprojekt/artikel/">Odins Auge Artikel</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-nazis-und-germanen-%e2%80%93-der-unerkannte-gegensatz/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Nazis und Germanen – der unerkannte Gegensatz</h3>
<p>Germanen – dieses Thema ist kein Thema. Dadurch wird die Definition dessen, was germanisch war, und was germanisch ist, den ideologischen Nachfolgern der alten Nazis überlassen. Auf deutsch: Wir lassen uns wichtige Teile der Geschichte und Vorgeschichte von Völkermördern und deren Sympathisanten deuten. Ich will etwas anderes. Ich will die Spreu vom Weizen trennen. Ich will mir europäische Geschichte und Vorgeschichte nicht von Kulturverächtern, sozialdarwinistischen Mördern und Menschheitsverbrechern diktieren lassen. Ich will mir dieselbe Geschichte und Vorgeschichte auch nicht von bewusst frömmlerischen, unbewusst faschistoiden Esoterikern venebeln (und damit abermals verdrehen) lassen. Ich will ferner nicht mindestens sechs (bis maximal 15) Jahrhunderte weiterhin totgeschwiegen oder mit Nebensätzen übergangen wissen von gutmeinenden Geschichtsschreibern, die sich schämen für Schauergeschichten über Heidenbräuche, die altrömischer oder frühkirchlicher Propaganda – oder eben der Goebbels´ – entspringen. Ich will Tatsachen aufzeigen und belegen. Ich will ansatzweise erläutern, was Germanen von denen unterscheidet, die sich (gestern und heute) so gern auf sie berufen.</p>
<p>Mein Fazit: Hält man sich an historische Fakten, sind Germanentum und Nazitum unvereinbar. Ihre Werte und Weltbilder sind nicht nur verschieden, sondern diametral entgegengesetzt. Hätten die Deutschen wirklich germanisch empfunden, wäre Hitler Anstreicher geblieben und Himmler ausgelacht worden. Falls es solche Gestalten tatsächlich zu irgendeiner Führerschaft gebracht hätten, wären sie allerspätestens 1942 als Sakralopfer fällig gewesen (vermutlich aber schon 1939. Zugegeben: Zum Sakralopfer hätte es wohl doch nicht ganz gereicht, weil man Hitler eher schon 1933 abgesetzt hätte: dies ganz unsakral, aber herzhaft) – ganz davon abgesehen, dass die Ausgrenzung ganzer Volksteile (von deren Ermordung mal zu schweigen) germanischem Denken und Handeln total widerspricht. Soziale Ausgrenzung von Teilen der Gemeinschaft (im deutschen Falle damals vor allem der Juden) ist historisch belegbar das Ungermanischste, was man sich überhaupt vorstellen kann. Es gibt keinen einzigen nationalsozialistischen Kernsatz oder Wunsch, der irgendwie “germanisierbar” wäre – hält man sich an die historischen Fakten.<br />
Germanische Kulturen waren weder rassistisch noch nationalistisch; Stechschritt und Kadavergehorsam sind keine germanischen Werte, sondern preußische Erfindungen; germanische Stämme definierten sich nicht über reale Blutsverwandtschaften, sondern spirituelle Bindungen; germanische Führer hatten keine diktatorische Macht, sondern soziale Verantwortung, zu der sie ggf. sehr real gezogen wurden; kurz – eine germanische Nation hat es nie gegeben, denn: Mit Stammeskulturen ist kein Staat zu machen.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/36068/2969772"><img src="http://u1.ipernity.com/8/97/72/2969772.5b6b1336.500.jpg" width="500" height="375" alt="Straßentempel der Nemesis" border="0"/></a><br />
<i>Straßentempel der Nemesis in</i> <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carnuntum" target="_blank"><i>Carnuntum</i></a>. <i>Nicht &#8220;germanisch&#8221;, aber den Nazis und ihren Nachbetern angemessen! &#8211; Foto: Brigh</i></p>
<p>Das Böse will ich nicht beklagen, sondern bekämpfen. Dazu muss ich Gutes tun, muss sozusagen im Guten wurzeln – und der unpopuläre Aspekt meiner These ist, dass dieses Gute mit germanischer Kultur zu tun hat. Die kann und will ich keineswegs idealisieren – vielleicht, weil germanische Kultur selbst kaum Ideale in unserem Sinne kannte, sondern nur Rezepte, die sich als praktisch, als alltagstauglich erwiesen. Das bedingte deren ständige Veränderungsbereitschaft, sprich: Flexibilität. Die germanische Mythologie kennt kein Paradies, sondern nur ein geschicktes Balancieren zwischen kosmischen Spannungsverhältnissen. Dementsprechend rau, kantig und unrund klingen ihre Überlieferungen.<br />
Germanische Götter sind keine allmächtigen Schöpfer, sondern Vorbilder: übermenschlich zwar, aber mit erheblichen Macken. Auf deren Form und Sinn komme ich noch zu sprechen. Die Nazis jedenfalls hatten und haben von germanischen Göttern nicht die geringste Ahnung. Sie erschlugen Europa mit dem Knauf des germanischen Schwerts, doch sie umfassten es stets an der Schneide. Tatsächlich meine ich es so wie ich´s sage. Die Nazis stellten die germanische Kultur auf den Kopf. Sie konnten sich der sogenannten “Germanen” nur bedienen, indem sie germanische Werte in ihr Gegenteil verkehrten. Zum Teil sogar buchstäblich, wie das sogenannte Hakenkreuz zeigt: Die Swastika drehte sich bei Germanen und deren Vorfahren anders herum (spiegelverkehrt, müsste man heute sagen); als altes Sonnensymbol war sie weiß, nicht schwarz. Aus dem mindestens fünf Jahrtausende alten Zeichen göttlichen Lebens wurde in nur wenigen Jahren weltweit das des fanatischen Mordes. Doch ich will mich nicht mit Äußerlichkeiten begnügen. Mit “rassischer Reinheit” hätte das historische Völkergemisch der echten “Germanen” ebensowenig anzufangen gewusst wie mit dem asozialen “Herrenmenschen”-Ideal der deutschen Faschisten. Sogar noch der in der Edda postpagan überlieferte nordische Götterhimmel  präsentiert sich weniger als blauäugiges Heldenepos denn als burschikoses Behindertenballett – davon später mehr.</p>
<p>“Wer Wind sät, wird Sturm ernten,” sagt die Bibel. Ich ergänze hiermit: “Wer Sturm ruft, erntet Wotan” – und dessen archaischer Kraft (samt kultureller Implikation) sind Rassisten, wie die Geschichte schon einmal bewies, nicht gewachsen. Aus dem beschworenen “Endsieg” Deutschlands wurde dessen bedingungslose Kapitulation, aus “Ahnenerbe” Geschichtsvergessenheit, aus dem drittklassigen deutschen “Reich” eine erstrangige Katastrophe. Vielleicht hätten sich die Deutschen des 20. Jahrhunderts doch etwas besser informieren sollen, welche Geister sie da riefen – und welcher unbekannten, ja fremden Kultur die tatsächlich entstammten. Über diese unbekannte Kultur möchte ich sprechen.</p>
<p>Weiter: <a href="als-die-sau-noch-gottin-war-wer-waren-“die-germanen”">Wer waren die &#8220;Germanen?&#8221;</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-nazis-und-germanen-%e2%80%93-der-unerkannte-gegensatz/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Als die Sau noch Göttin war: Wer waren “die Germanen”?</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-wer-waren-%e2%80%9cdie-germanen%e2%80%9d/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-wer-waren-%e2%80%9cdie-germanen%e2%80%9d/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 29 May 2011 22:44:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Odins Auge Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ariosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[rechtsextrem]]></category>
		<category><![CDATA[Runen]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Theosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Yggdrasil]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=4243</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Wer waren “die Germanen”?</h3>
<p>Sehr einfach: Es hat sie nie gegeben.</p>
<p>Das Wenige, was wirklich über germanische Kultur(en) bekannt ist und bekannt war, taugt seit je allen Außenstehenden zur beinahe beliebigen Projektion. Für den römischen Feldherrn Gaius Julius Caesar waren “die Germanen” einfach jene Barbarenstämme, die östlich des Rheins lebten. Die Stämme westlich des Rheins seien die Kelten – so einfach machten es sich die römischen Eroberer vor 2000 Jahren. Caesars Bestreben war es, mit <i>“de bello gallico”</i> einen Eroberungskrieg vor dem römischen Senat zu rechtfertigen.<br />
Der römische Geschichtsschreiber Tacitus wiederum benutzte mit seinem Wissen aus zweiter Hand (Gymnasiasten leidvoll bekannt als <i>“Germania”</i>) Erzählungen über germanische Kultur dazu, der von ihm als dekadent empfundenen römischen Stadtbevölkerung das Ideal der “edlen Wilden” vorzuhalten.<br />
Ein Polit-Stratege hie, ein antiker Karl May da – unbrauchbar sind beide Schriftzeugnisse dennoch nicht; man muss sich nur vergegenwärtigen, welcher Intention sie folgten. Ob antikes Rom oder jüngstes Deutschland: An einer realistischen Darstellung germanischer Verhältnisse war jedenfalls die längste Zeit der Geschichte niemand interessiert!</p>
<p>Wechselnde Bündnisse und Fehden sowie gegenseitige Kultureinflüsse unter den mittel- und nordeuropäischen Völkerschaften machten es den Römern sicher auch schwer,<br />
zwischen der bunten Vielfalt germanischer und keltischer Stämme zu unterscheiden – die entsprechenden Fehldeutungen pflanzen sich bis in unseren heutigen Sprachgebrauch fort. Wer hält z.B. die Teutonen nicht für Germanen? Tatsächlich neigt die Wissenschaft inzwischen eher dazu, die Teutonen zu den Kelten zu rechnen. Geht womöglich der Stammesname auf den Gott Teutates zurück? Die Asterix-Leser unter uns atmen auf, endlich mal wieder was Vertrautes … Tatsächlich: Teutates ist eindeutig ein gallischer, also keltischer Gott. Wer aber waren denn nun Kelten und Germanen, und wieso hat es zumindest letztere laut meiner Aussage nicht gegeben?</p>
<p>In der heutigen Wissenschaft werden Völker, neudeutsch “Ethnien”, und Volksgruppen nach ihrer Sprachzugehörigkeit definiert. Demnach kann man solche Kulturen germanisch nennen, in welchen germanische Sprachen gesprochen wurden. Macht man sich die Mühe, einen historischen Atlas aufzuschlagen, der mit heutigen Mitteln Europa vor 2000 Jahren zu gliedern versucht, wird man über die geographischen Gegebenheiten nördlich des Limes folgendermaßen informiert: “Vermutlich Wald”, “vermutlich Sumpf” lauten die lapidaren Angaben über den halben Kontinent nördlich des Römischen Imperiums.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/36068/8935156"><img src="http://u1.ipernity.com/16/51/56/8935156.6247c00b.500.jpg" width="500" height="334" alt="Elsarn" border="0"/></a><br />
<i>Germanisches Gehöft Elsarn &#8211; rekonstruiertes Haus &#8211; Foto: Brigh</i></p>
<p>Die sog. Indoeuropäer – Vorläufer der Kelten, Slawen, diverser Mittelmeerkulturen und auch der späteren Germanen – kamen aus dem vorderindischen bis kaukasischen Raum. Einwanderungswellen indoeuropäischer Hirtenvölker aus asiatischen Steppen gab es mehrere, und die anschließende Vermischung mit den bäuerlichen Urbevölkerungen Europas erstreckt sich über den Zeitraum von Jahrtausenden: Was davon erhalten blieb, sind spärliche Scherbenfunde, Keramikreste, ein paar Gräber, und vergleichbare Misch-Mythen quer durch die Kulturen.<br />
Der indoeuropäische Zug der späteren Germanen jedenfalls endete im Gebiet des heutigen Dänemark, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern sowie im ostrheinischen Teil der heutigen Niederlande (was archäologisch der Ausdehnung der sog. Harpstedt- und Jastorfkultur entspricht). Die urgermanische Sprache wird auf ca. 2000 v.Chr. datiert; erst 200 v.Chr. teilte sie sich auf in einen nord- und einen südgermanischen Dialekt. Bemerkenswert bleibt, dass ein gutes Drittel des urgermanischen Wortschatzes sich heute nicht mehr zuordnen lässt. Dieses Drittel ist nicht indoeuropäisch, es stammt auch definitiv nicht aus der Megalithkultur (den mutmaßlichen Erbauern von Stonehenge) 2000 v.Chr.; seine Herkunft verliert sich völlig im Dunkeln. Die unbekannten Worte müssen kurz vor 2000 v.Chr. übernommen worden sein: kein Mensch weiß, von wem.</p>
<p>Von “germanischer Kultur” lässt sich allerfrühestens ab 500 v.Chr. sprechen – je nachdem, wie man die archäologischen Funde deutet. Jenseits sprachlicher Zuordnungsmöglichkeit wird dies schnell spekulativ. Germanen sind ein Ergebnis zahlloser Wanderungen, Kämpfe und Vermischungen verschiedenster Volksstämme. Nicht Geschichte, nicht Politik, nicht Verwandtschaft, nein: Kultur war das einzige, was sie gemeinsam hatten. Und selbst das  ist ein relativer Begriff. Denn der Gesamtheit der germanischen Stämme – also derjenigen Stämme mit germanischen Dialekten und Sitten – fehlte jedes Gemeinschaftsbewusstsein über den eigenen Stamm hinaus.<br />
Fehlte? Tatsächlich ist diese Haltung üblich bei archaischen Stammeskulturen in aller Welt.</p>
<p>Die Germanen hat es also schon deshalb nie gegeben, weil sich zwischen 500 Jahren vor und 900 Jahren nach Christus niemand selbst so bezeichnet oder gesehen hat. Diejenigen Leute von damals, die wir heute Germanen nennen, hätten sich selbst Chatten, Sueben, Istwäonen, Ingwäonen, Langobarden, Burgunder, Goten, Vandalen, Alamannen, Markomannen, Quaden, Hermunduren, Cherusker, Semnonen, Bataver, Gepiden, Rugier, Ambronen, Hasdingen, Warnen, Kimbern, Thüringer, Saxen, Angeln, Bajowaren, Franken – oder sogar vollkommen anders genannt, denn viele Stammesnamen, die wir heute kennen, stammen nicht von diesen Stämmen selber.</p>
<p>Was diese aber über sich und ihre Gepflogenheiten im einzelnen hätten sagen können, hätte zwangsläufig nur für Chatten, oder für Langobarden, oder für Vandalen, oder eben jenen einen Stamm gegolten, dessen Angehörigen wir gerade angesprochen hätten – nicht aber für die sprachlich verwandten “Stämme nebenan”. Wenn ich sage, es hat keine Germanen gegeben, meine ich damit:<br />
Es hat – über die gemeingermanische Kultur und Mentalität hinaus – kein germanisches Selbstverständnis gegeben: kein politisches, und schon gar kein “rassisches”. Die germanischen Stämme waren Personenverbandsgesellschaften; sie definierten sich nicht nach Territorien wie Staaten, sondern nach Zugehörigkeit zu Personen – und zu Göttern. Der Gedanke eines pan-germanischen Selbstverständnisses im Sinne eines faktischen oder auch nur theoretischen germanischen Nationalstaates ist ein Widerspruch in sich: Mit Stammeskulturen ist kein Staat zu machen – schon gar kein militärischer.<br />
Berserker laufen nicht auf Befehl, und schon gar nicht im Gleichschritt: Grundlage ihrer Kampfmethode ist nicht soldatischer Gehorsam, sondern schamanische Ekstase. Berserker, Bärenfellkrieger – das waren nach germanischem Verständnis Kämpfer, die sich in wilde Tiere verwandelten. Wolf, Bär und Katze waren dabei nur die populärsten. Die Geschichte beweist, dass man damit zwar viel Ruhm gewinnen kann, aber keine Kriege. Den disziplinierten, bestens bewaffneten, hocheffizient organisierten und straff geführten Heeren des Römischen Reiches waren die schlechtausgerüsteten germanischen Horden militärisch ähnlich hoffnungslos unterlegen wie die amerikanischen Ureinwohner der U.S.-Kavallerie; Ausnahmesiege wie Teutoburger Wald hie oder Little Big Horn da bestätigen die traurige Regel. Als militärisches Vorbild taugen die hoch individualistischen Germanenkriegerinnen und -krieger nun wirklich nicht.<br />
Kriegerinnen? Schriftliche Quellen wollen nichts von ihnen gewusst haben, aber was sagen schon schriftliche Quellen über eine Kultur, die ihre literarische Hinterlassenschaft auf vereinzelte Glyphen (und auch noch viel später auf ledigliche Spruchband-Kritzeleien a la &#8220;Kilroy was here und versank mit Mann und Maus&#8221;) beschränkt? Von der Höhe ihrer urbanen Zivilisation sahen bereits die seit je geschichtsschreibenden Römer naserümpfend auf die schriftlosen Länder der Analphabeten herab, und sahen dort eigentlich nur Wald. Und deshalb zeigen auch unsere heutigen Atlanten nicht mehr als &#8220;&#8230;vermutlich Wald&#8230; vermutlich Sumpf&#8230;&#8221;, und selbst für die Völkerwanderung ein vages Wirrwarr quer durch Europa wuselnder Pfeile. Pikantes Detail am Rande: Hunderte von Jahren innergermanischer Kriegswirren sind überhaupt nicht dokumentiert, weil sich die Römer, da selbst nicht bedroht, dafür schlicht nicht interessierten. Über manche Moorleichenfunde wird noch gestritten; doch im frühmittelalterlichen Gräberfeld von Niederstotzingen z.B., (nicht groß, aber überdurchschnittlich reich an Waffen- und Panzerbeigaben), fand man auch eine schwerbewaffnete Frau.<br />
Eine Randentdeckung, die – rein historisch – nicht viel bedeuten braucht. Aber gerade solche Kleinigkeiten, die sich schwer ins Schema der Erwartungen fügen mögen, könnten – auch und weil sie mehr Fragen aufwerfen als beantworten – allzu festgefahrene Annahmen relativieren helfen: was uns selber, uns Heutige betrifft. Die Tragik an unseren Vorstellungen von germanischer Kultur erwächst nicht aus unserem tatsächlichen Mangel an Gewissheiten darüber, sondern aus dem stetig vorausgaloppierenden Irrtum, sie besser zu kennen als wir können. Woher denn? Gute Frage! Wichtige Frage! Sie kann nicht oft genug gestellt werden. Ihr gilt meine ganze Rede.</p>
<p>A propos Moorleichen: Sie liefern ein prächtiges Beispiel dafür, wie sehr die Deutung archäologischer Funde davon abhängt, was man zu finden erwartet. Das berühmte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Moorleiche_von_Windeby_I" target="_blank">&#8220;Mädchen von Windeby&#8221;</a> musste jahrzehntelang als &#8220;Beweis&#8221; herhalten für die angeblich rigiden germanischen Ehegesetze – auf die ja auch schon Tacitus angespielt hatte. Die &#8220;obszöne Geste&#8221; der Moorleiche (Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger gesteckt)<br />
schien dies zu untermauern; der Fachwelt wie dem Publikum war felsenfest klar: Das  Mädchen wurde als &#8220;Ehebrecherin&#8221; im Moor versenkt. So musste es sein! Klar wie Kloßbrühe? Klar wie Moorsumpf. Generationen aufgeklärter Menschen gruselten sich wohlig in finstersten Phantasien über grausame Heidensitten. Inzwischen stellte sich heraus: Die Geste existierte nur auf einem Foto (&#8220;entstand&#8221; lediglich perspektivisch durch ein solches), die Hände der Leiche selbst sind völlig normal verschrumpelt und verkrümmt (ohne besondere Kennzeichen) – und überhaupt ist das &#8220;Mädchen von Windeby&#8221; &#8230; ein Junge.</p>
<p>Wie macht die Seifenblase? Plopp. Ganz, ganz leise. Und ward nicht mehr gesehen.<br />
Es darf gelächelt werden. Aber ja: Es gibt noch so viele&#8230;</p>
<p>Weiter: <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-mythos-religion/">Mythos Religion</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/odins-auge-ariosophieprojekt/artikel/">Odins Auge Artikel</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-wer-waren-%e2%80%9cdie-germanen%e2%80%9d/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Wer waren “die Germanen”?</h3>
<p>Sehr einfach: Es hat sie nie gegeben.</p>
<p>Das Wenige, was wirklich über germanische Kultur(en) bekannt ist und bekannt war, taugt seit je allen Außenstehenden zur beinahe beliebigen Projektion. Für den römischen Feldherrn Gaius Julius Caesar waren “die Germanen” einfach jene Barbarenstämme, die östlich des Rheins lebten. Die Stämme westlich des Rheins seien die Kelten – so einfach machten es sich die römischen Eroberer vor 2000 Jahren. Caesars Bestreben war es, mit <i>“de bello gallico”</i> einen Eroberungskrieg vor dem römischen Senat zu rechtfertigen.<br />
Der römische Geschichtsschreiber Tacitus wiederum benutzte mit seinem Wissen aus zweiter Hand (Gymnasiasten leidvoll bekannt als <i>“Germania”</i>) Erzählungen über germanische Kultur dazu, der von ihm als dekadent empfundenen römischen Stadtbevölkerung das Ideal der “edlen Wilden” vorzuhalten.<br />
Ein Polit-Stratege hie, ein antiker Karl May da – unbrauchbar sind beide Schriftzeugnisse dennoch nicht; man muss sich nur vergegenwärtigen, welcher Intention sie folgten. Ob antikes Rom oder jüngstes Deutschland: An einer realistischen Darstellung germanischer Verhältnisse war jedenfalls die längste Zeit der Geschichte niemand interessiert!</p>
<p>Wechselnde Bündnisse und Fehden sowie gegenseitige Kultureinflüsse unter den mittel- und nordeuropäischen Völkerschaften machten es den Römern sicher auch schwer,<br />
zwischen der bunten Vielfalt germanischer und keltischer Stämme zu unterscheiden – die entsprechenden Fehldeutungen pflanzen sich bis in unseren heutigen Sprachgebrauch fort. Wer hält z.B. die Teutonen nicht für Germanen? Tatsächlich neigt die Wissenschaft inzwischen eher dazu, die Teutonen zu den Kelten zu rechnen. Geht womöglich der Stammesname auf den Gott Teutates zurück? Die Asterix-Leser unter uns atmen auf, endlich mal wieder was Vertrautes … Tatsächlich: Teutates ist eindeutig ein gallischer, also keltischer Gott. Wer aber waren denn nun Kelten und Germanen, und wieso hat es zumindest letztere laut meiner Aussage nicht gegeben?</p>
<p>In der heutigen Wissenschaft werden Völker, neudeutsch “Ethnien”, und Volksgruppen nach ihrer Sprachzugehörigkeit definiert. Demnach kann man solche Kulturen germanisch nennen, in welchen germanische Sprachen gesprochen wurden. Macht man sich die Mühe, einen historischen Atlas aufzuschlagen, der mit heutigen Mitteln Europa vor 2000 Jahren zu gliedern versucht, wird man über die geographischen Gegebenheiten nördlich des Limes folgendermaßen informiert: “Vermutlich Wald”, “vermutlich Sumpf” lauten die lapidaren Angaben über den halben Kontinent nördlich des Römischen Imperiums.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/36068/8935156"><img src="http://u1.ipernity.com/16/51/56/8935156.6247c00b.500.jpg" width="500" height="334" alt="Elsarn" border="0"/></a><br />
<i>Germanisches Gehöft Elsarn &#8211; rekonstruiertes Haus &#8211; Foto: Brigh</i></p>
<p>Die sog. Indoeuropäer – Vorläufer der Kelten, Slawen, diverser Mittelmeerkulturen und auch der späteren Germanen – kamen aus dem vorderindischen bis kaukasischen Raum. Einwanderungswellen indoeuropäischer Hirtenvölker aus asiatischen Steppen gab es mehrere, und die anschließende Vermischung mit den bäuerlichen Urbevölkerungen Europas erstreckt sich über den Zeitraum von Jahrtausenden: Was davon erhalten blieb, sind spärliche Scherbenfunde, Keramikreste, ein paar Gräber, und vergleichbare Misch-Mythen quer durch die Kulturen.<br />
Der indoeuropäische Zug der späteren Germanen jedenfalls endete im Gebiet des heutigen Dänemark, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern sowie im ostrheinischen Teil der heutigen Niederlande (was archäologisch der Ausdehnung der sog. Harpstedt- und Jastorfkultur entspricht). Die urgermanische Sprache wird auf ca. 2000 v.Chr. datiert; erst 200 v.Chr. teilte sie sich auf in einen nord- und einen südgermanischen Dialekt. Bemerkenswert bleibt, dass ein gutes Drittel des urgermanischen Wortschatzes sich heute nicht mehr zuordnen lässt. Dieses Drittel ist nicht indoeuropäisch, es stammt auch definitiv nicht aus der Megalithkultur (den mutmaßlichen Erbauern von Stonehenge) 2000 v.Chr.; seine Herkunft verliert sich völlig im Dunkeln. Die unbekannten Worte müssen kurz vor 2000 v.Chr. übernommen worden sein: kein Mensch weiß, von wem.</p>
<p>Von “germanischer Kultur” lässt sich allerfrühestens ab 500 v.Chr. sprechen – je nachdem, wie man die archäologischen Funde deutet. Jenseits sprachlicher Zuordnungsmöglichkeit wird dies schnell spekulativ. Germanen sind ein Ergebnis zahlloser Wanderungen, Kämpfe und Vermischungen verschiedenster Volksstämme. Nicht Geschichte, nicht Politik, nicht Verwandtschaft, nein: Kultur war das einzige, was sie gemeinsam hatten. Und selbst das  ist ein relativer Begriff. Denn der Gesamtheit der germanischen Stämme – also derjenigen Stämme mit germanischen Dialekten und Sitten – fehlte jedes Gemeinschaftsbewusstsein über den eigenen Stamm hinaus.<br />
Fehlte? Tatsächlich ist diese Haltung üblich bei archaischen Stammeskulturen in aller Welt.</p>
<p>Die Germanen hat es also schon deshalb nie gegeben, weil sich zwischen 500 Jahren vor und 900 Jahren nach Christus niemand selbst so bezeichnet oder gesehen hat. Diejenigen Leute von damals, die wir heute Germanen nennen, hätten sich selbst Chatten, Sueben, Istwäonen, Ingwäonen, Langobarden, Burgunder, Goten, Vandalen, Alamannen, Markomannen, Quaden, Hermunduren, Cherusker, Semnonen, Bataver, Gepiden, Rugier, Ambronen, Hasdingen, Warnen, Kimbern, Thüringer, Saxen, Angeln, Bajowaren, Franken – oder sogar vollkommen anders genannt, denn viele Stammesnamen, die wir heute kennen, stammen nicht von diesen Stämmen selber.</p>
<p>Was diese aber über sich und ihre Gepflogenheiten im einzelnen hätten sagen können, hätte zwangsläufig nur für Chatten, oder für Langobarden, oder für Vandalen, oder eben jenen einen Stamm gegolten, dessen Angehörigen wir gerade angesprochen hätten – nicht aber für die sprachlich verwandten “Stämme nebenan”. Wenn ich sage, es hat keine Germanen gegeben, meine ich damit:<br />
Es hat – über die gemeingermanische Kultur und Mentalität hinaus – kein germanisches Selbstverständnis gegeben: kein politisches, und schon gar kein “rassisches”. Die germanischen Stämme waren Personenverbandsgesellschaften; sie definierten sich nicht nach Territorien wie Staaten, sondern nach Zugehörigkeit zu Personen – und zu Göttern. Der Gedanke eines pan-germanischen Selbstverständnisses im Sinne eines faktischen oder auch nur theoretischen germanischen Nationalstaates ist ein Widerspruch in sich: Mit Stammeskulturen ist kein Staat zu machen – schon gar kein militärischer.<br />
Berserker laufen nicht auf Befehl, und schon gar nicht im Gleichschritt: Grundlage ihrer Kampfmethode ist nicht soldatischer Gehorsam, sondern schamanische Ekstase. Berserker, Bärenfellkrieger – das waren nach germanischem Verständnis Kämpfer, die sich in wilde Tiere verwandelten. Wolf, Bär und Katze waren dabei nur die populärsten. Die Geschichte beweist, dass man damit zwar viel Ruhm gewinnen kann, aber keine Kriege. Den disziplinierten, bestens bewaffneten, hocheffizient organisierten und straff geführten Heeren des Römischen Reiches waren die schlechtausgerüsteten germanischen Horden militärisch ähnlich hoffnungslos unterlegen wie die amerikanischen Ureinwohner der U.S.-Kavallerie; Ausnahmesiege wie Teutoburger Wald hie oder Little Big Horn da bestätigen die traurige Regel. Als militärisches Vorbild taugen die hoch individualistischen Germanenkriegerinnen und -krieger nun wirklich nicht.<br />
Kriegerinnen? Schriftliche Quellen wollen nichts von ihnen gewusst haben, aber was sagen schon schriftliche Quellen über eine Kultur, die ihre literarische Hinterlassenschaft auf vereinzelte Glyphen (und auch noch viel später auf ledigliche Spruchband-Kritzeleien a la &#8220;Kilroy was here und versank mit Mann und Maus&#8221;) beschränkt? Von der Höhe ihrer urbanen Zivilisation sahen bereits die seit je geschichtsschreibenden Römer naserümpfend auf die schriftlosen Länder der Analphabeten herab, und sahen dort eigentlich nur Wald. Und deshalb zeigen auch unsere heutigen Atlanten nicht mehr als &#8220;&#8230;vermutlich Wald&#8230; vermutlich Sumpf&#8230;&#8221;, und selbst für die Völkerwanderung ein vages Wirrwarr quer durch Europa wuselnder Pfeile. Pikantes Detail am Rande: Hunderte von Jahren innergermanischer Kriegswirren sind überhaupt nicht dokumentiert, weil sich die Römer, da selbst nicht bedroht, dafür schlicht nicht interessierten. Über manche Moorleichenfunde wird noch gestritten; doch im frühmittelalterlichen Gräberfeld von Niederstotzingen z.B., (nicht groß, aber überdurchschnittlich reich an Waffen- und Panzerbeigaben), fand man auch eine schwerbewaffnete Frau.<br />
Eine Randentdeckung, die – rein historisch – nicht viel bedeuten braucht. Aber gerade solche Kleinigkeiten, die sich schwer ins Schema der Erwartungen fügen mögen, könnten – auch und weil sie mehr Fragen aufwerfen als beantworten – allzu festgefahrene Annahmen relativieren helfen: was uns selber, uns Heutige betrifft. Die Tragik an unseren Vorstellungen von germanischer Kultur erwächst nicht aus unserem tatsächlichen Mangel an Gewissheiten darüber, sondern aus dem stetig vorausgaloppierenden Irrtum, sie besser zu kennen als wir können. Woher denn? Gute Frage! Wichtige Frage! Sie kann nicht oft genug gestellt werden. Ihr gilt meine ganze Rede.</p>
<p>A propos Moorleichen: Sie liefern ein prächtiges Beispiel dafür, wie sehr die Deutung archäologischer Funde davon abhängt, was man zu finden erwartet. Das berühmte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Moorleiche_von_Windeby_I" target="_blank">&#8220;Mädchen von Windeby&#8221;</a> musste jahrzehntelang als &#8220;Beweis&#8221; herhalten für die angeblich rigiden germanischen Ehegesetze – auf die ja auch schon Tacitus angespielt hatte. Die &#8220;obszöne Geste&#8221; der Moorleiche (Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger gesteckt)<br />
schien dies zu untermauern; der Fachwelt wie dem Publikum war felsenfest klar: Das  Mädchen wurde als &#8220;Ehebrecherin&#8221; im Moor versenkt. So musste es sein! Klar wie Kloßbrühe? Klar wie Moorsumpf. Generationen aufgeklärter Menschen gruselten sich wohlig in finstersten Phantasien über grausame Heidensitten. Inzwischen stellte sich heraus: Die Geste existierte nur auf einem Foto (&#8220;entstand&#8221; lediglich perspektivisch durch ein solches), die Hände der Leiche selbst sind völlig normal verschrumpelt und verkrümmt (ohne besondere Kennzeichen) – und überhaupt ist das &#8220;Mädchen von Windeby&#8221; &#8230; ein Junge.</p>
<p>Wie macht die Seifenblase? Plopp. Ganz, ganz leise. Und ward nicht mehr gesehen.<br />
Es darf gelächelt werden. Aber ja: Es gibt noch so viele&#8230;</p>
<p>Weiter: <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-mythos-religion/">Mythos Religion</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-wer-waren-%e2%80%9cdie-germanen%e2%80%9d/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Als die Sau noch Göttin war: Mythos Religion</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-mythos-religion/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-mythos-religion/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 29 May 2011 22:39:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Odins Auge Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ariosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[edda]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[rechtsextrem]]></category>
		<category><![CDATA[Runen]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Theosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Yggdrasil]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=4255</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Mythos Religion</h3>
<p>Noch in den späten (erst in längst christlicher Zeit niedergeschriebenen – und uns allein daher überlieferten) Mythen Islands finden sich die merkwürdigsten Hinweise auf Geschöpfe und Gebräuche, die ebenfalls zu dem, was einst ein Tacitus über &#8220;sittsame&#8221; Germaninnen (versus &#8220;verderbte&#8221; Römerinnen) zu fabulieren nötig hatte, auffallend wenig passen wollen.<br />
Ich denke an Mythen wie die der Rabengeist-Dämoninnen, der leichenfressenden Valkyries &#8230; Auch wenn sich allein daraus kaum erwägen lässt, inwiefern &#8220;weibliche Tugenden&#8221; damals auch und gerade auf Erden anders beinhaltet gewesen sein könnten als tausend Jahre später: Im Filter heutiger Moral werden nicht mal die postpagan überlieferten Edda-Mythen scharf. Die wir im Folgenden ein wenig beschnuppern wollen.</p>
<p>Selbst hinter Vielzitiertem verbergen sich oft die interessantesten Details – und stellen bei näherer Betrachtung scheinbar Altvertrautes in unerwartet neues Licht. Ein Beispiel: Von dem (in der späten Völkerwanderungszeit aufgekommenen) Mythos, dass in der Schlacht gefallene Krieger &#8220;zu Odin nach Walhall kommen&#8221;, hat so ziemlich jeder Depp schonmal was gehört. Und so mancher germanengläubige Neuheide von heute, der vor lauter Rollenspielbegeisterung sein Schwertgeklirr im Eifer des Freizeitgefechtes mit &#8220;Krieg&#8221; verwechselt und solchen &#8220;im Namen Odins&#8221; lauthals propagiert <i>(soll alles schon vorgekommen sein. Ich war  Zeuge, Anm.d. Verf.)</i>, vergisst dabei, dass er selbst als echter Schlagetot im Falle des Falles (seines niedergesäbelten sterblichen Rumpfes) für den großen Speerschüttler Odin nichts weiter gewesen wäre als – zweite Wahl. Die erste hat nämlich immer noch Freyja. Diese als &#8220;Liebesgöttin&#8221; nur äußerst unzureichend erahnbare Wildsau (jaja, ich weiß schon: Sie reitet nur auf einer, aber es gibt Situationen, da ähneln sich Ross und Reiter) sammelt auf demselben Schlachtfeld erstmal diejenigen Krieger ein, die ihr am besten gefallen. Ihre Auswahlkriterien sind dabei ebensowenig überliefert wie das, was diese Besten der Besten dann hinterher in Folkvang, wohin sie von Freyja verbracht werden, eigentlich so treiben. Hier schwieg des Christenmenschen Federkiel – der nur das auf Pergament kratzte, was die zweite Wahl der Erschlagenen, die Freyja für den ollen Schlachtenbummler Odin übrig lässt, in Walhall erwartet: Kämpfe, Met und Fressgelage, jeweils ohne Ende.<br />
Unbeantwortet bleibt die Frage, was derweil die Göttin Freyja mit ihren ganzen Erste-Wahl-Kriegern so anstellt. Ob sie ihnen das Stricken beibringt, das Sticken oder das Flicken – so als sittsame Germanin, ich meine ja nur – wir können uns diesen oder jenen Reim drauf machen, aber wir wissen es nicht. </p>
<p>Eindeutiger sind Hinweise darauf, dass der schon erwähnte Odin all seine <a href="http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen/">schamanischen Künste und Überlebenstricks von keiner Geringeren als ebenjener Freyja erlernte.</a> Auch ist der Mann Odin ein Wissenssucher, während sein weibliches Pendant, die Obergöttin Frigg, ebendieses Wissen in persona bereits verkörpert. Um hinter die Dinge schauen zu können, opfert Odin ein Auge – von Frigg selbst erfährt er nichts: Da ist er schon auf deren Zofe Saga angewiesen, die ihm ab und zu eine Info der Herrin steckt.</p>
<p>Die Quellen dieser Mythenbilder sind literarisch, womit sie als Echtheitsbeleg für tatsächliche altgermanische Glaubensvorstellungen ausscheiden. Klaubt man die Bruchstücke aus den Hinterlassenschaften der Völkerwanderungszeit zusammen, bleibt von &#8220;altgermanischer Religion&#8221; durchaus weniger übrig als die Edda suggeriert – die ja schließlich nur ein Lehrbuch für hochmittelalterliche Skaldendichtung war. Die damals schon &#8220;ollen heidnischen Mythen&#8221; waren für den Verfasser lediglich &#8220;Stoff&#8221; im Sinne von Übungs- und Anschauungsmaterial für eine hochartifizielle Methode des Verseschmiedens.<br />
Das diskreditiert die nordischen Schriftquellen zwar keineswegs: Ohne sie wüssten wir noch viel weniger über mögliche mythologische Vorstellungen vorchristlicher Zeit. Nur darf man die überlieferten Legenden und Dichtungen halt nicht für original &#8220;altgermanische Religion&#8221; halten.<br />
Es ist ohnedies die Frage, ob die altgermanische &#8220;Siðr&#8221;, die moralisches Wertesystem, Riten und Brauchtum, spirituelle Vorstellungen, empirische Weisheiten und alltägliche Gesellschaftsregeln gleichermaßen enthalten haben dürfte (und selbstverständlich ausschließlich mündlich überliefert wurde), nach heutigem Verständnis <a href="http://www.nornirsaett.de/die-alten-germanen-hatten-keine-religion/">überhaupt als &#8220;Religion&#8221; auffassbar wäre</a>.</p>
<p>Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es bei den heidnischen Germanen keinerlei allgemeinverpflichtenden Glaubensinhalte, stammesübergreifend schon gar nicht. Ansätze irgendeiner Indoktrination oder auch nur Organsation des Sakralen sind nirgends erkennbar. Stattdessen bekommt man – beim Betrachten des Neben-, Mit- und Durcheinanders sich dynamisch verändernder Entwicklungsstränge – den Eindruck eines insgesamten (aus sittenchristlicher Sicht eher gemütlich anmutenden) individuellen, vielleicht gerade noch sippenverbindlichen (?) Gustos. Einflüsse anderer Kulturen (Römer, Kelten usw.) wurden, wo und wann immer sie stattfanden, auffällig bereitwillig aufgenommen, umgewandelt, integriert – Mischmasch allenthalben. Zudem war die uns Heutigen so selbstverständlich dünkende Trennung von Spirituellem und Profanem mit einiger Sicherheit unbekannt: Brauchtum, Glaubenswelt und Verhaltensregeln waren ineinanderfließend verwoben, ohne deren Trennbarkeit überhaupt nur erwägen zu lassen. Von der Abwesenheit theoretisch definierter Glaubenskonstrukte darf bei all denjenigen Germanenstämmen, die noch nicht (pauschal via Häuptlingstaufe) &#8220;christianisiert&#8221; waren, ausgegangen werden.<br />
Als wesentliches Merkmal – und einziger gemeinsamer Nenner –  altgermanischer Glaubensvorstellungen ist die Bereitschaft auszumachen, ebendiese Vorstellungen bei nächstbester Gelegenheit zu modifizieren, zu verändern – oder ganz aufzugeben. Auffallend viele germanische Stämme kennen wir überhaupt nur als christlich, und noch die bekanntesten unter ihnen wurden es früh: die Vandalen zum Beispiel, oder die Goten.<br />
Gewaltsame Missionierung? Wie so vieles, mag es auch die gegeben haben: da und dort.<br />
Allein: Es fehlen die Spuren. (Die eine legendäre, das vielzitierte <a href="http://www.nornirsaett.de/die-sachsenkriege-teil-1/">Sachsenköpfen durch Karl den Großen</a>, geschah ein gerüttelt´ Halbjahrtausend später. Da waren die <a hre="http://www.nornirsaett.de/hausen-wie-die-vandalen-von-wegen/">Vandalen</a> – gute arianische Christen übrigens, die ihren sprichwörtlichen Ruf kurioserweise dem Umstand verdanken, dass sie bei der gründlichen Plünderung Roms keine einzige Kirche antasteten! – längst Legende, ihr Reich zerfallen.) </p>
<p>Und was geschah dem berühmten Bonifatius? Der Missionar wurde erschlagen, aber nicht weil er die heilige Donareiche bei Geismar fällte – das nahm heid hin – sondern viele Jahre später in Friesland.</p>
<p>Was beweist das? Nichts. Eben!<br />
Aber kehren wir getrost zurück zu den Mythen der Edda, die wir ja nunmal haben – als das was sie sind (auch wenn sie nicht sein können, was manche katechismus-ersatzwütigen Neuheiden gern hätten).<br />
Da reicht die Bandbreite der Weiblichkeit von der sanft-heilerischen Idun über die katzenartig aufbrausende Freyja bis hin zur Hel, der Herrin des Totenreichs. Ich kenne mehr nordische Göttinnen als Götter, und selbst die allen Gottheiten weit übergeordneten Schicksalsmächte, die drei Nornen, erscheinen personifiziert  weiblich.<br />
Hinweisen lässt sich auch, schon realer, auf die (mehrfach von Römern überlieferte) germanische Sitte, dass germanische Frauen ihre Männer vielfach in den Kampf begleiteten und bei wankendem Schlachtglück durchaus selbst mit eingriffen. Vielfach belegt ist auch die Tradition der germanischen Seherinnen, der Völvas. Die bekannteste heißt Walpurga, und eine interessante Nacht ist heute noch nach ihr benannt.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/eibensang/4149894"><img src="http://u1.ipernity.com/1/98/94/4149894.0f517e26.560.jpg" width="419" height="560" alt="Walpurgizz" border="0"/></a><br />
<i>Zeichnung: Eibensang</i></p>
<p>Es ist halt immer die Frage, wer Geschichte schreibt, wofür, und für wen. Tatsache ist, dass die Männer meist lauter schreien: nicht nur im Kampf, sondern per se. Wer auf die Macht der Frauen stoßen will, darf sich nicht vom männlich-angeberischen Lärm davor abschrecken lassen. Das echte Potential liegt in der Tiefe, und dahinter. Geschichts-Schreibung ist nicht die einzige Art, Geschichte zu überliefern.</p>
<p>Weiter: <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-geschichtliches-umfeld/">Geschichtliches Umfeld</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/odins-auge-ariosophieprojekt/artikel/">Odins Auge Artikel</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-mythos-religion/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Mythos Religion</h3>
<p>Noch in den späten (erst in längst christlicher Zeit niedergeschriebenen – und uns allein daher überlieferten) Mythen Islands finden sich die merkwürdigsten Hinweise auf Geschöpfe und Gebräuche, die ebenfalls zu dem, was einst ein Tacitus über &#8220;sittsame&#8221; Germaninnen (versus &#8220;verderbte&#8221; Römerinnen) zu fabulieren nötig hatte, auffallend wenig passen wollen.<br />
Ich denke an Mythen wie die der Rabengeist-Dämoninnen, der leichenfressenden Valkyries &#8230; Auch wenn sich allein daraus kaum erwägen lässt, inwiefern &#8220;weibliche Tugenden&#8221; damals auch und gerade auf Erden anders beinhaltet gewesen sein könnten als tausend Jahre später: Im Filter heutiger Moral werden nicht mal die postpagan überlieferten Edda-Mythen scharf. Die wir im Folgenden ein wenig beschnuppern wollen.</p>
<p>Selbst hinter Vielzitiertem verbergen sich oft die interessantesten Details – und stellen bei näherer Betrachtung scheinbar Altvertrautes in unerwartet neues Licht. Ein Beispiel: Von dem (in der späten Völkerwanderungszeit aufgekommenen) Mythos, dass in der Schlacht gefallene Krieger &#8220;zu Odin nach Walhall kommen&#8221;, hat so ziemlich jeder Depp schonmal was gehört. Und so mancher germanengläubige Neuheide von heute, der vor lauter Rollenspielbegeisterung sein Schwertgeklirr im Eifer des Freizeitgefechtes mit &#8220;Krieg&#8221; verwechselt und solchen &#8220;im Namen Odins&#8221; lauthals propagiert <i>(soll alles schon vorgekommen sein. Ich war  Zeuge, Anm.d. Verf.)</i>, vergisst dabei, dass er selbst als echter Schlagetot im Falle des Falles (seines niedergesäbelten sterblichen Rumpfes) für den großen Speerschüttler Odin nichts weiter gewesen wäre als – zweite Wahl. Die erste hat nämlich immer noch Freyja. Diese als &#8220;Liebesgöttin&#8221; nur äußerst unzureichend erahnbare Wildsau (jaja, ich weiß schon: Sie reitet nur auf einer, aber es gibt Situationen, da ähneln sich Ross und Reiter) sammelt auf demselben Schlachtfeld erstmal diejenigen Krieger ein, die ihr am besten gefallen. Ihre Auswahlkriterien sind dabei ebensowenig überliefert wie das, was diese Besten der Besten dann hinterher in Folkvang, wohin sie von Freyja verbracht werden, eigentlich so treiben. Hier schwieg des Christenmenschen Federkiel – der nur das auf Pergament kratzte, was die zweite Wahl der Erschlagenen, die Freyja für den ollen Schlachtenbummler Odin übrig lässt, in Walhall erwartet: Kämpfe, Met und Fressgelage, jeweils ohne Ende.<br />
Unbeantwortet bleibt die Frage, was derweil die Göttin Freyja mit ihren ganzen Erste-Wahl-Kriegern so anstellt. Ob sie ihnen das Stricken beibringt, das Sticken oder das Flicken – so als sittsame Germanin, ich meine ja nur – wir können uns diesen oder jenen Reim drauf machen, aber wir wissen es nicht. </p>
<p>Eindeutiger sind Hinweise darauf, dass der schon erwähnte Odin all seine <a href="http://www.nornirsaett.de/6-germanische-schamanen/">schamanischen Künste und Überlebenstricks von keiner Geringeren als ebenjener Freyja erlernte.</a> Auch ist der Mann Odin ein Wissenssucher, während sein weibliches Pendant, die Obergöttin Frigg, ebendieses Wissen in persona bereits verkörpert. Um hinter die Dinge schauen zu können, opfert Odin ein Auge – von Frigg selbst erfährt er nichts: Da ist er schon auf deren Zofe Saga angewiesen, die ihm ab und zu eine Info der Herrin steckt.</p>
<p>Die Quellen dieser Mythenbilder sind literarisch, womit sie als Echtheitsbeleg für tatsächliche altgermanische Glaubensvorstellungen ausscheiden. Klaubt man die Bruchstücke aus den Hinterlassenschaften der Völkerwanderungszeit zusammen, bleibt von &#8220;altgermanischer Religion&#8221; durchaus weniger übrig als die Edda suggeriert – die ja schließlich nur ein Lehrbuch für hochmittelalterliche Skaldendichtung war. Die damals schon &#8220;ollen heidnischen Mythen&#8221; waren für den Verfasser lediglich &#8220;Stoff&#8221; im Sinne von Übungs- und Anschauungsmaterial für eine hochartifizielle Methode des Verseschmiedens.<br />
Das diskreditiert die nordischen Schriftquellen zwar keineswegs: Ohne sie wüssten wir noch viel weniger über mögliche mythologische Vorstellungen vorchristlicher Zeit. Nur darf man die überlieferten Legenden und Dichtungen halt nicht für original &#8220;altgermanische Religion&#8221; halten.<br />
Es ist ohnedies die Frage, ob die altgermanische &#8220;Siðr&#8221;, die moralisches Wertesystem, Riten und Brauchtum, spirituelle Vorstellungen, empirische Weisheiten und alltägliche Gesellschaftsregeln gleichermaßen enthalten haben dürfte (und selbstverständlich ausschließlich mündlich überliefert wurde), nach heutigem Verständnis <a href="http://www.nornirsaett.de/die-alten-germanen-hatten-keine-religion/">überhaupt als &#8220;Religion&#8221; auffassbar wäre</a>.</p>
<p>Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es bei den heidnischen Germanen keinerlei allgemeinverpflichtenden Glaubensinhalte, stammesübergreifend schon gar nicht. Ansätze irgendeiner Indoktrination oder auch nur Organsation des Sakralen sind nirgends erkennbar. Stattdessen bekommt man – beim Betrachten des Neben-, Mit- und Durcheinanders sich dynamisch verändernder Entwicklungsstränge – den Eindruck eines insgesamten (aus sittenchristlicher Sicht eher gemütlich anmutenden) individuellen, vielleicht gerade noch sippenverbindlichen (?) Gustos. Einflüsse anderer Kulturen (Römer, Kelten usw.) wurden, wo und wann immer sie stattfanden, auffällig bereitwillig aufgenommen, umgewandelt, integriert – Mischmasch allenthalben. Zudem war die uns Heutigen so selbstverständlich dünkende Trennung von Spirituellem und Profanem mit einiger Sicherheit unbekannt: Brauchtum, Glaubenswelt und Verhaltensregeln waren ineinanderfließend verwoben, ohne deren Trennbarkeit überhaupt nur erwägen zu lassen. Von der Abwesenheit theoretisch definierter Glaubenskonstrukte darf bei all denjenigen Germanenstämmen, die noch nicht (pauschal via Häuptlingstaufe) &#8220;christianisiert&#8221; waren, ausgegangen werden.<br />
Als wesentliches Merkmal – und einziger gemeinsamer Nenner –  altgermanischer Glaubensvorstellungen ist die Bereitschaft auszumachen, ebendiese Vorstellungen bei nächstbester Gelegenheit zu modifizieren, zu verändern – oder ganz aufzugeben. Auffallend viele germanische Stämme kennen wir überhaupt nur als christlich, und noch die bekanntesten unter ihnen wurden es früh: die Vandalen zum Beispiel, oder die Goten.<br />
Gewaltsame Missionierung? Wie so vieles, mag es auch die gegeben haben: da und dort.<br />
Allein: Es fehlen die Spuren. (Die eine legendäre, das vielzitierte <a href="http://www.nornirsaett.de/die-sachsenkriege-teil-1/">Sachsenköpfen durch Karl den Großen</a>, geschah ein gerüttelt´ Halbjahrtausend später. Da waren die <a hre="http://www.nornirsaett.de/hausen-wie-die-vandalen-von-wegen/">Vandalen</a> – gute arianische Christen übrigens, die ihren sprichwörtlichen Ruf kurioserweise dem Umstand verdanken, dass sie bei der gründlichen Plünderung Roms keine einzige Kirche antasteten! – längst Legende, ihr Reich zerfallen.) </p>
<p>Und was geschah dem berühmten Bonifatius? Der Missionar wurde erschlagen, aber nicht weil er die heilige Donareiche bei Geismar fällte – das nahm heid hin – sondern viele Jahre später in Friesland.</p>
<p>Was beweist das? Nichts. Eben!<br />
Aber kehren wir getrost zurück zu den Mythen der Edda, die wir ja nunmal haben – als das was sie sind (auch wenn sie nicht sein können, was manche katechismus-ersatzwütigen Neuheiden gern hätten).<br />
Da reicht die Bandbreite der Weiblichkeit von der sanft-heilerischen Idun über die katzenartig aufbrausende Freyja bis hin zur Hel, der Herrin des Totenreichs. Ich kenne mehr nordische Göttinnen als Götter, und selbst die allen Gottheiten weit übergeordneten Schicksalsmächte, die drei Nornen, erscheinen personifiziert  weiblich.<br />
Hinweisen lässt sich auch, schon realer, auf die (mehrfach von Römern überlieferte) germanische Sitte, dass germanische Frauen ihre Männer vielfach in den Kampf begleiteten und bei wankendem Schlachtglück durchaus selbst mit eingriffen. Vielfach belegt ist auch die Tradition der germanischen Seherinnen, der Völvas. Die bekannteste heißt Walpurga, und eine interessante Nacht ist heute noch nach ihr benannt.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/eibensang/4149894"><img src="http://u1.ipernity.com/1/98/94/4149894.0f517e26.560.jpg" width="419" height="560" alt="Walpurgizz" border="0"/></a><br />
<i>Zeichnung: Eibensang</i></p>
<p>Es ist halt immer die Frage, wer Geschichte schreibt, wofür, und für wen. Tatsache ist, dass die Männer meist lauter schreien: nicht nur im Kampf, sondern per se. Wer auf die Macht der Frauen stoßen will, darf sich nicht vom männlich-angeberischen Lärm davor abschrecken lassen. Das echte Potential liegt in der Tiefe, und dahinter. Geschichts-Schreibung ist nicht die einzige Art, Geschichte zu überliefern.</p>
<p>Weiter: <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-geschichtliches-umfeld/">Geschichtliches Umfeld</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-mythos-religion/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Als die Sau noch Göttin war: Geschichtliches Umfeld</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-geschichtliches-umfeld/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-geschichtliches-umfeld/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 29 May 2011 22:34:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Odins Auge Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ariosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[rechtsextrem]]></category>
		<category><![CDATA[Runen]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Theosophie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=4261</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Geschichtliches Umfeld</h3>
<p>Germanische und keltische Stämme hatten, ebenso wie die Vorfahren der klassischen griechischen Völker, indoeuropäische Wurzeln, und die liegen in der asiatischen Steppe. Hirtenvölker in grauer Vorzeit wanderten in Abständen von mehreren tausend Jahren aus Asien nach Indien, Mittel- und Nordeuropa ein und vermischten sich mit der dort ansässigen ackerbauenden Urbevölkerung, über die uns heute fast nichts bekannt ist.<br />
Aus diesen Vermischungen gingen im Verlauf der Bronzezeit die späteren Kelten und Germanen hervor, die eine Reihe von Gemeinsamkeiten hatten. Beide hinterließen sie keinerlei schriftliche Aufzeichnungen, sondern nur rätselhafte Ritzzeichen: Ogham, das Zeichensystem der Kelten, symbolisierte verschiedene Bäume und gehört zu den wenigen Hinterlassenschaften der sagenumwobenen Druiden; die germanischen Runen dagegen sind, zumindest in ihrer Frühzeit, der mögliche Schlüssel zu einer ganzen Kosmologie. Die<br />
beiden Ritzzeichen-Systeme haben nichts miteinander gemein, außer dass ihre Herkünfte strittig sind. Man nimmt  an, dass sie beide für magische Zwecke gebraucht wurden (wobei das für die Runen des Jüngeren Futhark, das vornehmlich durch die Wikinger verbreitet wurde, schon überhaupt nicht mehr gilt).</p>
<p>Der vielleicht augenfälligste Unterschied zwischen germanischer und keltischer Kultur besteht in der Gesellschaftsstruktur. Sowohl Kelten als auch Germanen waren Polytheisten mit animistischem Weltbild, bekannten sich also zu einer ganzen Reihe verschiedenster Gottheiten, die im Wesentlichen personifizierte Naturkräfte darstellten.<br />
Was aber die keltischen Stämme, obgleich (stammestypisch) oft untereinander zerstritten und verfeindet, über den Glauben hinaus verband, war die Organisation ihrer Druiden – eine Priesterschaft, die von ihren Adepten eine Ausbildung verlangt, die mehrere Jahrzehnte gedauert und zu der das Auswendiglernen einiger zehntausend Verse gehört haben soll.<br />
Da die Druiden der verschiedenen Keltenstämme untereinander rege Verbindung hielten, gaben sich die antiken Römer alle Mühe, bei ihren Kriegen gegen die Kelten als erstes das Druidensystem zu zerschlagen. Einen vergleichbar stammesübergreifenden Aspekt wie die Druiden gab es bei germanischen Stämmen nicht. Vielerorts ist bei denen sogar hauptberufliche Priesterschaft ungewiss. Ob Trauung, Kindstaufe oder Grabrede: War kein Goði oder keine Gydhia vorhanden oder greifbar, übernahm die priesterlichen Aufgaben einfach der jeweilige Haus- oder Sippenvorstand. Und die jeweiligen Opferzeremonien, den Gottesdienst, vollzog der Einzelne wie auch die Gemeinschaft sowieso von selbst und nach persönlichem Gusto. (Details jener Gottesdienstformen sind nicht überliefert.)<br />
Während sich die Kelten mit ihren überlegenen Eisenwaffen über weite Teile Europas verbreiteten – von Portugal bis zum Ural –, bestellten die Germanen die kargen Böden ihres nördlichen Refugiums noch mit allerprimitivsten Holzpflügen und hielten Bronzeäxte für Hi Tech. Erst mit dem Rückgang des keltischen Einflusses, bedingt durch das expandierende Römerreich, wagten sich die germanischen Stämme weiter nach Süden, und erst ab da lässt sich, zumindest in Bruchstücken, von so etwas wie germanischer Geschichte sprechen. Uns Heutigen präsentiert sich diese Geschichte vor allem als das schwer durchschaubare – und vielleicht ja typisch germanische – Chaos der Völkerwanderung, denn mit der Übernahme des römischen Rechtssystems war es mit germanischer Kultur auch schon wieder vorbei. Der zunehmenden Christianisierung, die öfter politisch und weniger religiös motiviert war (wie das Beispiel Islands zeigt) haben wir mutmaßlich – als Spätfolge, sozusagen – die Erfindung von Glaubensstreit und<br />
Religionskrieg in Europa zu verdanken. Als letzte Nachzügler germanischer Völkerwanderungen machten die skandinavischen Wikinger Meere und Küsten unsicher (wenn auch ganz ohne Hörnerhelme) – kamen sogar bis nach Amerika, was damals freilich niemanden groß interessierte – und gingen schließlich in den Völkern, die sie überfielen, einfach und restlos auf.<br />
Auch die Geschichte der Wikinger ist vornehmlich von deren Feinden überliefert und liest sich entsprechend. Wesentliche Teile des heutigen Germanenbildes stammen aus dieser Spätzeit, und davon ist das meiste auch noch falsch (siehe Hörnerhelme: mit einem solchen auf der Birne kann man nämlich nicht kämpfen, und wenn, dann nur einmal).</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/8017290"><img src="http://u1.ipernity.com/15/72/90/8017290.6d3fce8b.500.jpg" width="375" height="500" alt="Bergstedt-Mai-2010-09" border="0"/></a><br />
<i>Replik eines Wikingerhelmes, künstlich gealtert, garantiert hornfrei. Foto: MartinM</i></p>
<p>Von den skandinavischen Felszeichnungen der Bronzezeit, die erstmals die Swastika (besser bekannt als “Hakenkreuz&#8221;) und andere (vor-)germanische Mythen und Symbole zeigten (wie z.B. eine hammertragende männliche Gottheit) bis hin zu den rheumageplagten jungen Seefahrern des 10. Jh. n.Chr., die den hammerschwingenden Thor anriefen und den wütenden Kriegsgott Odin, führt nicht eine lange Entwicklung, sondern ein ganzes Gewirr verschiedenster Entwicklungen. Ebenso wie es “die Germanen” nicht gegeben hat, gab es “die germanische Geschichte”, oder irgendeinen “typisch germanischen” Zustand – vielleicht ausgenommen den der kollektiven Unruhe. Aber bleiben wir beim Thema.</p>
<h3>Germanische Gesellschaftsstrukturen</h3>
<p>Die Forschung versuchte lange, die germanischen Stämme als Groß- oder Übersippe zu sehen, um das Sippenschema – als Kernelement germanischer Gesellschaft – auf den Stamm zu übertragen, diesen also als überdimensionale Großfamilie zu deuten. Zu dieser Erklärung trug auch die Mitte des 18. Jh. grassierende Stammesromantik bei, aus deren wohlmeinenden Irrtümern dann handfeste Perversionen wie Ariosophie und die “Blut-und-Boden”-Ideologie der Nazis erwuchsen. Allerdings vertrug sich die Sippentheorie nicht mit der Tatsache, dass sich die zahlreichen germanischen Kleinstämme und lockeren Kultgemeinschaften aus der Zeit des Tacitus (100 n.Chr.) zwischen dem 4. und 6. Jh. zunehmend zu Stammesverbänden und Großstämmen zusammenschlossen.<br />
So deutete die Forschung germanische Gesellschaften mal als Kult-, mal als Wirtschafts-, dann wieder als Heiratsgemeinschaften – nur um festzustellen, dass es all das bei einigen Stämmen gab, bei anderen wieder nicht. Es gab Arbeitsteilungen unter Stämmen, ohne dass diese zu einem zusammenwuchsen. Andere gingen plötzlich und ohne ersichtlichen Grund ineinander auf. Es half nichts, dass die Stämme offensichtlich behaupteten, Abstammungsgemeinschaften zu sein, es aber ebenso offensichtlich nicht waren.<br />
Typischstes Beispiel hierfür ist das Phänomen des sog. “Gotischen Rückstromhorizonts”: Dieses archäologische Begriffsungetüm bezeichnet eine Gotenwanderung, die von drei Auswandererschiffen ausging. Drei handgeruderte Schiffe – das bedeutet eine maximale Anzahl von 100 Personen, mit Gepäck und Tieren eher weniger. Diese kleine Schar wanderte zunächst durch das heutige Polen in den pontischen Steppenraum, von dort aus um das Schwarze Meer herum in den Karpatenraum und an den Unterlauf der Donau. Dann kamen sie über Italien bis nach Spanien. 100 Jahre nach dem Aufbruch der drei Schiffe zählte der Stamm dieser Wandergoten schon mehrere tausend Personen. Eine derartige Massenvermehrung ist auf biologischem Wege bestenfalls bei Karnickeln vorstellbar – unter Menschen konnte das nur erreicht werden, indem ganze Sippen anderer Stämme und Kulturen in den Stamm der Goten aufgenommen wurden. Obendrein riss der Kontakt zur alten Heimat nie ab. Neue Schmuck- und Waffenformen der Donaugoten wurden von den Daheimgebliebenen noch in derselben Generation kopiert.<br />
Das Rätselraten der Wissenschaft über dergleichen Phänomene hat einige einfache Ursachen. Zum einen wurde aufgrund nachträglich projizierter Stammesromantik und althergebrachter Primitivitäts-Klischees lange Zeit übersehen, dass es sich bei Germanenstämmen um sehr differenzierte Gesellschaften mit (wenn auch ungeschriebener) Verfassung handelte. Diese Stammesverfassungen erlaubten, ganze Völkerschaften in die Gemeinschaft aufzunehmen und zu integrieren.<br />
Zum andern stolpert rationelle Wissenschaft über ihre eigene Sichtweise: Denn die Vorstellungswelt der Germanen war keine rationale. (Darüber staunten bereits Römer, die mitansehen konnten, wie germanische Kriegergruppen ihre komplette Beute nach gelungenem Raubzug in den Fluss warfen, um die Schätze ihren Göttern zu opfern.)<br />
Die Stämme selbst behaupteten wie gesagt, Abstammungsgesellschaften zu sein. Die Forschung bewies eindeutig, dass die Stämme genau das nicht waren. Hier treffen unvereinbare Weltbilder aufeinander: Wissenschaft lebt vom Vergleich handfester atsachen, die zeitlich linear, also  chronologisch, datierbar sind oder datierbar sein müssen. Naturreligiöse Stammesgesellschaften dagegen haben ein zyklisches Weltverständnis: Für sie ist die Welt schon immer wie sie war, und die Mythen erklären in phantasiereichen Bildern höchstens, warum. Stammesgeschichte kennt (und braucht) keine Jahresdaten, sondern bildhafte und psychologisch stärkende Erklärungen über den ewigen Kreislauf des Lebens und Sterbens, sowie die eigene Rolle darin. Was über ein paar Generationen hinausgeht, ist graue Vorzeit. Gegenwärtige Realität und Sagenstoff vermengen sich ganz selbstverständlich. In naturreligiöser Vorstellungswelt bedingen sie einander. Zeitliche Linearität ist da wenig hilfreich und daher vollkommen uninteressant. Die innere Uhr des Stammes tickt nicht anders, sondern gar nicht <i>(vielleicht explodiert sie deshalb auch nicht so leicht wie der klassische Nationalstaat. Aber Ernstfall beiseite).</i> Konkret auf die Germanen bezogen heißt das: Alle Stammesmitglieder leiten sich von einem göttlichen Urahn her. Die Betonung dieser rein spirituellen Komponente (die der realen Korrektheit überhaupt nicht bedarf) gründet auf der germanischen Vorstellung, dass eine Gemeinschaft ein gemeinsames Schicksal hat. Dieses ist personifiziert im heils- und glücksbringenden Schutzwesen der Hamingja, die den Haufen so oder so zusammengewürfelter Individuen zu einer Gemeinschaft erst macht. Eine solche Auffassung ermöglicht die Integration nichtblutsverwandter Personen in germanische Gesellschaften – was während der Völkerwanderung zahlreich geschah. Ebenso war die Aufnahme von Kriegsgefangenen als vollwertige Mitglieder in den Stamm möglich – unter Wahrung der Integrität des Stammes. Mit der Zeit wurde auch die Aufnahme von Nichtangehörigen in die (germanentypischen) Kriegergefolgschaften üblich.<br />
Nicht nur das große Europa war von vornherein eine Mischkultur aus keltischen, römischen, hunnischen, slawischen, türkischen, semitischen und sonstwelchen Einflüssen; nicht nur die keltischen, griechischen, mediterranen und germanischen Völker waren von vornherein Ergebnisse der Vermischung alteingesessener Europäer mit asiatischen Einwanderern – auch den germanischen Stämmen selbst wäre der Gedanke an “rassische Reinheit” so absurd vorgekommen wie ein aufwärtsfließender Fluss oder die Umkehrung der Schwerkraft (mal davon abgesehen, dass konsequente &#8220;rassische Reinheit” auf pure Inzucht und damit generative Debilität, also auch biologischen Schwachsinn, hinausläuft).<br />
Die Abstammungsbehauptungen der Stämme sind ausschließlich in ihrem spirituellen Kontext begreifbar und nur in diesem logisch. Das hängt wiederum mit dem besonderen germanischen Begriff des <a href="http://www.nornirsaett.de/heil-1/" target="_blank">Heils</a><br />
zusammen.<br />
Das Heil einer Gemeinschaft erwies sich an ihrem Überleben, Erfolg und Glück. Metaphysisch war die Hamingja die Heilsträgerin des Stammes, auf der materiellen Ebene war es der Sakralkönig. Dieser unterlag ungemein strengen Lebensregeln. Dem Sakralkönig als Heilsträger war es weder politisch, noch physisch, noch ökonomisch möglich, Gewalt gegen Stammesmitglieder auszuüben. Sein Amt war repräsentativ, spirituell und charismatisch. Eine intensive Erläuterung des germanischen Heils- und Ehrbegriffs würde hier zu weit führen, zumal dafür die ganze Komplexität germanischer Religions- und Rechtsbegriffe in ihren (uns durchaus fremden) Einzelheiten erörtert werden müsste. Vereinfachend lässt sich, am Beispiel des Sakralkönigs, die Formel aufstellen: Erfolg der Gemeinschaft war der Verdienst des Heilträgers – Misserfolg seine<br />
Verantwortung. Diese Verantwortung war spirituell begründet und ging damit über heutiges Verständnis weit hinaus. So konnte es z.B. passieren, dass ein Stamm, der sich (bzw. seine “Abstammung”) über den Fruchtbarkeitsgott Freyr definierte, das Leben seines Sakralkönigs opferte, wenn die Ernte mal zu schlecht ausfiel oder ein Unwetter sie gründlich genug verhagelte.<br />
Man übertrage spaßeshalber dieses System auf heutige oder gestrige politische Verhältnisse – kaum ein deutscher Bundestags-Mandatsträger, geschweige denn ein Diktator, hätte es im germanischen Gesellschaftssystem sonderlich weit gebracht. Man stelle sich vor: je höher das Amt, desto unfreier der Amtsträger – soziale Kontrolle statt Abgeordneten-Immunität, im Erfolgsfall höhere Ehre statt höherer Diäten, im Misserfolgsfall persönlich haftende Verantwortung statt lebenslanger Rentenbezug auf Steuerzahlerkosten. Lang, lang ist´s her. Und natürlich lässt sich dieserart Ruhm gewinnen, aber kein Staat lenken.<br />
Ein historisches Beispiel dafür ist die Geschichte von Ariovist, einem König der Sueben. Bereits seit längerer Zeit hatten suebische Gefolgschaften einige sehr erfolgreiche Kriegszüge nach Gallien unternommen. Die Gefolgschaftsführer erlangten dadurch ungeheures Prestige. Die Folge: mehr Gefolgsleute strömten ihnen zu, die Beutezüge wurden noch erfolgreicher. Das Prestige der Sueben steigerte sich derart, dass sie andere Stämme zu assimilieren begannen, die am Erfolg und am Heil der Sueben teilhaben wollten. Dadurch wurden die Sueben immer mächtiger, mit der Folge, dass auch die Kriegszüge immer reichere Beute brachten. Nach diesem Prinzip schaukelte es sich hoch, die Dynamik wuchs über die Beteiligten hinaus.Das wiederum zog weitere Assimilierungen nach sich. Schließlich begab sich der Suebenkönig Ariovist persönlich nach Gallien, die Mehrzahl der Sueben folgte ihm. Nicht nur die Kriegergefolgschaften, der ganze Stamm kam in Bewegung, in Gallien breitete sich Panik aus. Indes genügte eine einzige Niederlage gegen die römischen Legionen, um den Spuk zu beenden: Das Heil hatte Ariovist verlassen, und damit den Stamm. Ariovist überlebte, tauchte aber als politischer Faktor nicht mehr auf.<br />
Dies zeigt nicht nur den Einfluß der Gefolgschaften auf die germanischen Stämme, sondern vor allem die wortwörtlich magische Anziehungskraft des Heils.</p>
<p>Dieses Heilsverständnis – und der Umgang damit – mag vielleicht ans irrational motivierte Auf und Ab moderner Börsenkurse erinnern. Von der nazideutschen Führerhörigkeit mit ihrem Gehorsamsfatalismus bis zum Untergang aber ist es so weit entfernt wie Hitler vom Blondsein und seinen sonstigen “arischen” Idealen.<br />
Die Befugnisse germanischer Befehlsgeber waren eng begrenzt, ihre Macht nur geliehen.<br />
Gegen die spirituell tradierten Sitten und Interessen der Gemeinschaft konnte keiner Führer werden: ganz schlechte Chancen für Revolutionäre und Despoten.<br />
Und die berüchtigte “Nibelungentreue”? In der Sage versprechen die Hunnen den (unterlegenen) Burgundern freien Abzug unter der Bedingung, ihren König und seine Brüder auszuliefern. Die Burgunder weigern sich, weil der Verlust der Heilsträger den Stamm die Identität gekostet (und die Überlebenden zu heillosen, unglücksverfolgten Niemanden gemacht) hätte. Sie zogen es vor, im Besitz des Heils zu sterben, anstatt ihre Heilsrepräsentanten zu verraten. Was burgundische Könige von deutschen Hitlers oder Himmlers unterscheidet, ist der Umstand, dass erstere tatsächlich (also im bereits beschriebenen Sinne) Heilsträger waren, sich dem Stamm als solche erwiesen hatten. Was man von den ehrlosen Braunhemden mit ihren von vornherein asozialen und gemeinschaftsfeindlichen Umtrieben nicht behaupten kann.<br />
Treue ist demnach ein äußerst zweischneidiger Begriff. Um kein Unheil auszulösen, erfordert er zwangsläufig eine zweifache, also gegenseitige Absicherung. Im germanischen Fall findet die einerseits weltlich, anderseits spirituell statt. Sowieso missverständlich ist der Begriff von Führerschaft, ob es nun um Dróttinns, Drichten, Truchsesse, Häuptlinge oder Könige geht: Oberste Instanz größerer germanischer Gemeinschaften war nicht eine Person, sondern das (oder der) Thing: eine demokratische Volksversammlung in spirituellem Kontext. Das letzte Wort hatte, im Namen der wachenden Götter, die abstimmende Gemeinschaft. In schriftlosen Kulturen ist ein Wortbruch schlimmer als bei sogenannten Zivilisierten die Nichterfüllung von Schriftverträgen, denn er macht ehrlos: nicht nur vor der Gemeinschaft, sondern auch vor deren Göttern.</p>
<p>Weiter: <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-germanisches-weltverstandnis/">Germanisches Weltverständnis</a></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/odins-auge-ariosophieprojekt/artikel/">Odins Auge Artikel</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-geschichtliches-umfeld/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Geschichtliches Umfeld</h3>
<p>Germanische und keltische Stämme hatten, ebenso wie die Vorfahren der klassischen griechischen Völker, indoeuropäische Wurzeln, und die liegen in der asiatischen Steppe. Hirtenvölker in grauer Vorzeit wanderten in Abständen von mehreren tausend Jahren aus Asien nach Indien, Mittel- und Nordeuropa ein und vermischten sich mit der dort ansässigen ackerbauenden Urbevölkerung, über die uns heute fast nichts bekannt ist.<br />
Aus diesen Vermischungen gingen im Verlauf der Bronzezeit die späteren Kelten und Germanen hervor, die eine Reihe von Gemeinsamkeiten hatten. Beide hinterließen sie keinerlei schriftliche Aufzeichnungen, sondern nur rätselhafte Ritzzeichen: Ogham, das Zeichensystem der Kelten, symbolisierte verschiedene Bäume und gehört zu den wenigen Hinterlassenschaften der sagenumwobenen Druiden; die germanischen Runen dagegen sind, zumindest in ihrer Frühzeit, der mögliche Schlüssel zu einer ganzen Kosmologie. Die<br />
beiden Ritzzeichen-Systeme haben nichts miteinander gemein, außer dass ihre Herkünfte strittig sind. Man nimmt  an, dass sie beide für magische Zwecke gebraucht wurden (wobei das für die Runen des Jüngeren Futhark, das vornehmlich durch die Wikinger verbreitet wurde, schon überhaupt nicht mehr gilt).</p>
<p>Der vielleicht augenfälligste Unterschied zwischen germanischer und keltischer Kultur besteht in der Gesellschaftsstruktur. Sowohl Kelten als auch Germanen waren Polytheisten mit animistischem Weltbild, bekannten sich also zu einer ganzen Reihe verschiedenster Gottheiten, die im Wesentlichen personifizierte Naturkräfte darstellten.<br />
Was aber die keltischen Stämme, obgleich (stammestypisch) oft untereinander zerstritten und verfeindet, über den Glauben hinaus verband, war die Organisation ihrer Druiden – eine Priesterschaft, die von ihren Adepten eine Ausbildung verlangt, die mehrere Jahrzehnte gedauert und zu der das Auswendiglernen einiger zehntausend Verse gehört haben soll.<br />
Da die Druiden der verschiedenen Keltenstämme untereinander rege Verbindung hielten, gaben sich die antiken Römer alle Mühe, bei ihren Kriegen gegen die Kelten als erstes das Druidensystem zu zerschlagen. Einen vergleichbar stammesübergreifenden Aspekt wie die Druiden gab es bei germanischen Stämmen nicht. Vielerorts ist bei denen sogar hauptberufliche Priesterschaft ungewiss. Ob Trauung, Kindstaufe oder Grabrede: War kein Goði oder keine Gydhia vorhanden oder greifbar, übernahm die priesterlichen Aufgaben einfach der jeweilige Haus- oder Sippenvorstand. Und die jeweiligen Opferzeremonien, den Gottesdienst, vollzog der Einzelne wie auch die Gemeinschaft sowieso von selbst und nach persönlichem Gusto. (Details jener Gottesdienstformen sind nicht überliefert.)<br />
Während sich die Kelten mit ihren überlegenen Eisenwaffen über weite Teile Europas verbreiteten – von Portugal bis zum Ural –, bestellten die Germanen die kargen Böden ihres nördlichen Refugiums noch mit allerprimitivsten Holzpflügen und hielten Bronzeäxte für Hi Tech. Erst mit dem Rückgang des keltischen Einflusses, bedingt durch das expandierende Römerreich, wagten sich die germanischen Stämme weiter nach Süden, und erst ab da lässt sich, zumindest in Bruchstücken, von so etwas wie germanischer Geschichte sprechen. Uns Heutigen präsentiert sich diese Geschichte vor allem als das schwer durchschaubare – und vielleicht ja typisch germanische – Chaos der Völkerwanderung, denn mit der Übernahme des römischen Rechtssystems war es mit germanischer Kultur auch schon wieder vorbei. Der zunehmenden Christianisierung, die öfter politisch und weniger religiös motiviert war (wie das Beispiel Islands zeigt) haben wir mutmaßlich – als Spätfolge, sozusagen – die Erfindung von Glaubensstreit und<br />
Religionskrieg in Europa zu verdanken. Als letzte Nachzügler germanischer Völkerwanderungen machten die skandinavischen Wikinger Meere und Küsten unsicher (wenn auch ganz ohne Hörnerhelme) – kamen sogar bis nach Amerika, was damals freilich niemanden groß interessierte – und gingen schließlich in den Völkern, die sie überfielen, einfach und restlos auf.<br />
Auch die Geschichte der Wikinger ist vornehmlich von deren Feinden überliefert und liest sich entsprechend. Wesentliche Teile des heutigen Germanenbildes stammen aus dieser Spätzeit, und davon ist das meiste auch noch falsch (siehe Hörnerhelme: mit einem solchen auf der Birne kann man nämlich nicht kämpfen, und wenn, dann nur einmal).</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/8017290"><img src="http://u1.ipernity.com/15/72/90/8017290.6d3fce8b.500.jpg" width="375" height="500" alt="Bergstedt-Mai-2010-09" border="0"/></a><br />
<i>Replik eines Wikingerhelmes, künstlich gealtert, garantiert hornfrei. Foto: MartinM</i></p>
<p>Von den skandinavischen Felszeichnungen der Bronzezeit, die erstmals die Swastika (besser bekannt als “Hakenkreuz&#8221;) und andere (vor-)germanische Mythen und Symbole zeigten (wie z.B. eine hammertragende männliche Gottheit) bis hin zu den rheumageplagten jungen Seefahrern des 10. Jh. n.Chr., die den hammerschwingenden Thor anriefen und den wütenden Kriegsgott Odin, führt nicht eine lange Entwicklung, sondern ein ganzes Gewirr verschiedenster Entwicklungen. Ebenso wie es “die Germanen” nicht gegeben hat, gab es “die germanische Geschichte”, oder irgendeinen “typisch germanischen” Zustand – vielleicht ausgenommen den der kollektiven Unruhe. Aber bleiben wir beim Thema.</p>
<h3>Germanische Gesellschaftsstrukturen</h3>
<p>Die Forschung versuchte lange, die germanischen Stämme als Groß- oder Übersippe zu sehen, um das Sippenschema – als Kernelement germanischer Gesellschaft – auf den Stamm zu übertragen, diesen also als überdimensionale Großfamilie zu deuten. Zu dieser Erklärung trug auch die Mitte des 18. Jh. grassierende Stammesromantik bei, aus deren wohlmeinenden Irrtümern dann handfeste Perversionen wie Ariosophie und die “Blut-und-Boden”-Ideologie der Nazis erwuchsen. Allerdings vertrug sich die Sippentheorie nicht mit der Tatsache, dass sich die zahlreichen germanischen Kleinstämme und lockeren Kultgemeinschaften aus der Zeit des Tacitus (100 n.Chr.) zwischen dem 4. und 6. Jh. zunehmend zu Stammesverbänden und Großstämmen zusammenschlossen.<br />
So deutete die Forschung germanische Gesellschaften mal als Kult-, mal als Wirtschafts-, dann wieder als Heiratsgemeinschaften – nur um festzustellen, dass es all das bei einigen Stämmen gab, bei anderen wieder nicht. Es gab Arbeitsteilungen unter Stämmen, ohne dass diese zu einem zusammenwuchsen. Andere gingen plötzlich und ohne ersichtlichen Grund ineinander auf. Es half nichts, dass die Stämme offensichtlich behaupteten, Abstammungsgemeinschaften zu sein, es aber ebenso offensichtlich nicht waren.<br />
Typischstes Beispiel hierfür ist das Phänomen des sog. “Gotischen Rückstromhorizonts”: Dieses archäologische Begriffsungetüm bezeichnet eine Gotenwanderung, die von drei Auswandererschiffen ausging. Drei handgeruderte Schiffe – das bedeutet eine maximale Anzahl von 100 Personen, mit Gepäck und Tieren eher weniger. Diese kleine Schar wanderte zunächst durch das heutige Polen in den pontischen Steppenraum, von dort aus um das Schwarze Meer herum in den Karpatenraum und an den Unterlauf der Donau. Dann kamen sie über Italien bis nach Spanien. 100 Jahre nach dem Aufbruch der drei Schiffe zählte der Stamm dieser Wandergoten schon mehrere tausend Personen. Eine derartige Massenvermehrung ist auf biologischem Wege bestenfalls bei Karnickeln vorstellbar – unter Menschen konnte das nur erreicht werden, indem ganze Sippen anderer Stämme und Kulturen in den Stamm der Goten aufgenommen wurden. Obendrein riss der Kontakt zur alten Heimat nie ab. Neue Schmuck- und Waffenformen der Donaugoten wurden von den Daheimgebliebenen noch in derselben Generation kopiert.<br />
Das Rätselraten der Wissenschaft über dergleichen Phänomene hat einige einfache Ursachen. Zum einen wurde aufgrund nachträglich projizierter Stammesromantik und althergebrachter Primitivitäts-Klischees lange Zeit übersehen, dass es sich bei Germanenstämmen um sehr differenzierte Gesellschaften mit (wenn auch ungeschriebener) Verfassung handelte. Diese Stammesverfassungen erlaubten, ganze Völkerschaften in die Gemeinschaft aufzunehmen und zu integrieren.<br />
Zum andern stolpert rationelle Wissenschaft über ihre eigene Sichtweise: Denn die Vorstellungswelt der Germanen war keine rationale. (Darüber staunten bereits Römer, die mitansehen konnten, wie germanische Kriegergruppen ihre komplette Beute nach gelungenem Raubzug in den Fluss warfen, um die Schätze ihren Göttern zu opfern.)<br />
Die Stämme selbst behaupteten wie gesagt, Abstammungsgesellschaften zu sein. Die Forschung bewies eindeutig, dass die Stämme genau das nicht waren. Hier treffen unvereinbare Weltbilder aufeinander: Wissenschaft lebt vom Vergleich handfester atsachen, die zeitlich linear, also  chronologisch, datierbar sind oder datierbar sein müssen. Naturreligiöse Stammesgesellschaften dagegen haben ein zyklisches Weltverständnis: Für sie ist die Welt schon immer wie sie war, und die Mythen erklären in phantasiereichen Bildern höchstens, warum. Stammesgeschichte kennt (und braucht) keine Jahresdaten, sondern bildhafte und psychologisch stärkende Erklärungen über den ewigen Kreislauf des Lebens und Sterbens, sowie die eigene Rolle darin. Was über ein paar Generationen hinausgeht, ist graue Vorzeit. Gegenwärtige Realität und Sagenstoff vermengen sich ganz selbstverständlich. In naturreligiöser Vorstellungswelt bedingen sie einander. Zeitliche Linearität ist da wenig hilfreich und daher vollkommen uninteressant. Die innere Uhr des Stammes tickt nicht anders, sondern gar nicht <i>(vielleicht explodiert sie deshalb auch nicht so leicht wie der klassische Nationalstaat. Aber Ernstfall beiseite).</i> Konkret auf die Germanen bezogen heißt das: Alle Stammesmitglieder leiten sich von einem göttlichen Urahn her. Die Betonung dieser rein spirituellen Komponente (die der realen Korrektheit überhaupt nicht bedarf) gründet auf der germanischen Vorstellung, dass eine Gemeinschaft ein gemeinsames Schicksal hat. Dieses ist personifiziert im heils- und glücksbringenden Schutzwesen der Hamingja, die den Haufen so oder so zusammengewürfelter Individuen zu einer Gemeinschaft erst macht. Eine solche Auffassung ermöglicht die Integration nichtblutsverwandter Personen in germanische Gesellschaften – was während der Völkerwanderung zahlreich geschah. Ebenso war die Aufnahme von Kriegsgefangenen als vollwertige Mitglieder in den Stamm möglich – unter Wahrung der Integrität des Stammes. Mit der Zeit wurde auch die Aufnahme von Nichtangehörigen in die (germanentypischen) Kriegergefolgschaften üblich.<br />
Nicht nur das große Europa war von vornherein eine Mischkultur aus keltischen, römischen, hunnischen, slawischen, türkischen, semitischen und sonstwelchen Einflüssen; nicht nur die keltischen, griechischen, mediterranen und germanischen Völker waren von vornherein Ergebnisse der Vermischung alteingesessener Europäer mit asiatischen Einwanderern – auch den germanischen Stämmen selbst wäre der Gedanke an “rassische Reinheit” so absurd vorgekommen wie ein aufwärtsfließender Fluss oder die Umkehrung der Schwerkraft (mal davon abgesehen, dass konsequente &#8220;rassische Reinheit” auf pure Inzucht und damit generative Debilität, also auch biologischen Schwachsinn, hinausläuft).<br />
Die Abstammungsbehauptungen der Stämme sind ausschließlich in ihrem spirituellen Kontext begreifbar und nur in diesem logisch. Das hängt wiederum mit dem besonderen germanischen Begriff des <a href="http://www.nornirsaett.de/heil-1/" target="_blank">Heils</a><br />
zusammen.<br />
Das Heil einer Gemeinschaft erwies sich an ihrem Überleben, Erfolg und Glück. Metaphysisch war die Hamingja die Heilsträgerin des Stammes, auf der materiellen Ebene war es der Sakralkönig. Dieser unterlag ungemein strengen Lebensregeln. Dem Sakralkönig als Heilsträger war es weder politisch, noch physisch, noch ökonomisch möglich, Gewalt gegen Stammesmitglieder auszuüben. Sein Amt war repräsentativ, spirituell und charismatisch. Eine intensive Erläuterung des germanischen Heils- und Ehrbegriffs würde hier zu weit führen, zumal dafür die ganze Komplexität germanischer Religions- und Rechtsbegriffe in ihren (uns durchaus fremden) Einzelheiten erörtert werden müsste. Vereinfachend lässt sich, am Beispiel des Sakralkönigs, die Formel aufstellen: Erfolg der Gemeinschaft war der Verdienst des Heilträgers – Misserfolg seine<br />
Verantwortung. Diese Verantwortung war spirituell begründet und ging damit über heutiges Verständnis weit hinaus. So konnte es z.B. passieren, dass ein Stamm, der sich (bzw. seine “Abstammung”) über den Fruchtbarkeitsgott Freyr definierte, das Leben seines Sakralkönigs opferte, wenn die Ernte mal zu schlecht ausfiel oder ein Unwetter sie gründlich genug verhagelte.<br />
Man übertrage spaßeshalber dieses System auf heutige oder gestrige politische Verhältnisse – kaum ein deutscher Bundestags-Mandatsträger, geschweige denn ein Diktator, hätte es im germanischen Gesellschaftssystem sonderlich weit gebracht. Man stelle sich vor: je höher das Amt, desto unfreier der Amtsträger – soziale Kontrolle statt Abgeordneten-Immunität, im Erfolgsfall höhere Ehre statt höherer Diäten, im Misserfolgsfall persönlich haftende Verantwortung statt lebenslanger Rentenbezug auf Steuerzahlerkosten. Lang, lang ist´s her. Und natürlich lässt sich dieserart Ruhm gewinnen, aber kein Staat lenken.<br />
Ein historisches Beispiel dafür ist die Geschichte von Ariovist, einem König der Sueben. Bereits seit längerer Zeit hatten suebische Gefolgschaften einige sehr erfolgreiche Kriegszüge nach Gallien unternommen. Die Gefolgschaftsführer erlangten dadurch ungeheures Prestige. Die Folge: mehr Gefolgsleute strömten ihnen zu, die Beutezüge wurden noch erfolgreicher. Das Prestige der Sueben steigerte sich derart, dass sie andere Stämme zu assimilieren begannen, die am Erfolg und am Heil der Sueben teilhaben wollten. Dadurch wurden die Sueben immer mächtiger, mit der Folge, dass auch die Kriegszüge immer reichere Beute brachten. Nach diesem Prinzip schaukelte es sich hoch, die Dynamik wuchs über die Beteiligten hinaus.Das wiederum zog weitere Assimilierungen nach sich. Schließlich begab sich der Suebenkönig Ariovist persönlich nach Gallien, die Mehrzahl der Sueben folgte ihm. Nicht nur die Kriegergefolgschaften, der ganze Stamm kam in Bewegung, in Gallien breitete sich Panik aus. Indes genügte eine einzige Niederlage gegen die römischen Legionen, um den Spuk zu beenden: Das Heil hatte Ariovist verlassen, und damit den Stamm. Ariovist überlebte, tauchte aber als politischer Faktor nicht mehr auf.<br />
Dies zeigt nicht nur den Einfluß der Gefolgschaften auf die germanischen Stämme, sondern vor allem die wortwörtlich magische Anziehungskraft des Heils.</p>
<p>Dieses Heilsverständnis – und der Umgang damit – mag vielleicht ans irrational motivierte Auf und Ab moderner Börsenkurse erinnern. Von der nazideutschen Führerhörigkeit mit ihrem Gehorsamsfatalismus bis zum Untergang aber ist es so weit entfernt wie Hitler vom Blondsein und seinen sonstigen “arischen” Idealen.<br />
Die Befugnisse germanischer Befehlsgeber waren eng begrenzt, ihre Macht nur geliehen.<br />
Gegen die spirituell tradierten Sitten und Interessen der Gemeinschaft konnte keiner Führer werden: ganz schlechte Chancen für Revolutionäre und Despoten.<br />
Und die berüchtigte “Nibelungentreue”? In der Sage versprechen die Hunnen den (unterlegenen) Burgundern freien Abzug unter der Bedingung, ihren König und seine Brüder auszuliefern. Die Burgunder weigern sich, weil der Verlust der Heilsträger den Stamm die Identität gekostet (und die Überlebenden zu heillosen, unglücksverfolgten Niemanden gemacht) hätte. Sie zogen es vor, im Besitz des Heils zu sterben, anstatt ihre Heilsrepräsentanten zu verraten. Was burgundische Könige von deutschen Hitlers oder Himmlers unterscheidet, ist der Umstand, dass erstere tatsächlich (also im bereits beschriebenen Sinne) Heilsträger waren, sich dem Stamm als solche erwiesen hatten. Was man von den ehrlosen Braunhemden mit ihren von vornherein asozialen und gemeinschaftsfeindlichen Umtrieben nicht behaupten kann.<br />
Treue ist demnach ein äußerst zweischneidiger Begriff. Um kein Unheil auszulösen, erfordert er zwangsläufig eine zweifache, also gegenseitige Absicherung. Im germanischen Fall findet die einerseits weltlich, anderseits spirituell statt. Sowieso missverständlich ist der Begriff von Führerschaft, ob es nun um Dróttinns, Drichten, Truchsesse, Häuptlinge oder Könige geht: Oberste Instanz größerer germanischer Gemeinschaften war nicht eine Person, sondern das (oder der) Thing: eine demokratische Volksversammlung in spirituellem Kontext. Das letzte Wort hatte, im Namen der wachenden Götter, die abstimmende Gemeinschaft. In schriftlosen Kulturen ist ein Wortbruch schlimmer als bei sogenannten Zivilisierten die Nichterfüllung von Schriftverträgen, denn er macht ehrlos: nicht nur vor der Gemeinschaft, sondern auch vor deren Göttern.</p>
<p>Weiter: <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-germanisches-weltverstandnis/">Germanisches Weltverständnis</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-geschichtliches-umfeld/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Als die Sau noch Göttin war: Germanisches Weltverständnis</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-germanisches-weltverstandnis/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-germanisches-weltverstandnis/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 29 May 2011 22:32:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Odins Auge Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Ariosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[germanen]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[rechtsextrem]]></category>
		<category><![CDATA[Runen]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>
		<category><![CDATA[Theosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Yggdrasil]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=4269</guid>
		<description><![CDATA[<h3>Germanisches Weltverständnis</h3>
<p>Als die Sau noch Göttin war, hatten´s die Schweine besser – sie wurden nicht mit unliebsamen Menschen verglichen, sondern galten als heilig. Dass Vieh und Volk sich die Schlafräume teilten, mag pragmatische Gründe gehabt haben – es ist halt wärmer im Kabuff, wenn´s draußen schneit und frostet. Parfümfans mögen die Nase rümpfen, doch für vorchristliche Germanen hatten Tiere und Gottheiten oft denselben Stallgeruch. Man fühlte sich umgeben von einer Unzahl benamter Gestalten mit unheimlichen Kräften; mit den einen musste man sich gut stellen, damit sie einem die anderen vom Leibe hielten; der Alltag war magisch und das Spirituelle alltäglich, die ganze Welt beseelt, voller Sinn und Bedeutung. Schenken wir den literarischen Quellen Glauben, galt das Getreide auf dem Feld als das goldene Haar der Göttin Sif, der Gattin des erdverbundenen Donnergottes Thor, der die Menschheit beschützt vor den Riesen.<br />
Schriftliche Überlieferungen über angeblich germanische Götter sind erst in christlicher Zeit entstanden und auch aus anderen Gründen nicht als Belege originär altgermanischer Spiritualität verwendbar. Auf die sich daraus ergebenden Zweifel bzw. unser faktisches Unwissen über definitive Inhalte vorchristlichen Heidentums germanischer Prägung ist an anderer Stelle eingegangen worden (siehe hierzu meinen Artikel <a href="http://www.nornirsaett.de/der-kleine-unterschied/" target="_blank">&#8220;Der kleine Unterschied&#8221;</a>, Anm.d.Verf.).<br />
Ich halte mich im Folgenden dennoch weiter an die aus der &#8220;Edda&#8221; bekannten Bilder – zum einen haben wir keine anderen, zum anderen taugen sie trotz ihrer Unbeweisbarkeit hinsichtlich altgermanischer Göttervorstellungen meines Erachtens durchaus als beispielhafte Platzhalter solcher: da sich die daraus resultierenden Welt- und Wertvorstellungen zumindest von unserer heutigen Natur- und Umweltauffassung derart tiefgreifend unterscheiden, dass wir erahnen können, wie untrennbar &#8220;spirituelle&#8221; und &#8220;materielle&#8221; Lebensaspekte verwoben waren für Kulturen, denen der Begriff einer definierbaren &#8220;Religion&#8221; (in heutigem Sinne) fremd war. Die bewusste Freistellung solcher Aspekte wie &#8220;spirituell&#8221; und &#8220;religiös&#8221;, ihre begriffliche Herauslösung aus dem &#8220;übrigen Leben&#8221; ist für uns freilich seit vielen Generationen derart normal, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, dass altvordere Heiden diese Begriffstrennung nichtmal denken konnten.<br />
Nebenbei sehe ich hierin einen wichtigen Grund für die rasche Verbreitung des Christentums unter germanischen Stämmen: Die historischen Heiden ahnten in gar keiner Weise, was da auf sie zukam. Warum hätten sie einen neuen Gott als störend oder unpassend empfinden sollen? Was uns heute an &#8220;Religion&#8221; so typisch erscheint – das (jegliche Alternativen kategorisch ausschließende) Monopol auf eine Wahrheit, an die alle glauben sollen – war der gesamten heidnischen Antike unbekannt. Und gerade Germanen nahmen neue spirituelle Angebote und Vorstellungen oft besonders begeistert auf – kein Mensch germanischer Provinienz wäre damals auf die Idee gekommen, ein &#8220;Heidentum&#8221; in Gefahr zu sehen und &#8220;es&#8221; daher etwa gegen &#8220;das Christentum&#8221; verteidigen zu wollen.</p>
<p>Was immer sich vorchristliche Germanen vorgestellt haben mögen spirituell – sie kannten kein &#8220;-tum&#8221;. Woraus wir folgern: Echte Germanen &#8220;tümeln&#8221; nicht. (Aaachtung Germanentümelnde! Stillgestanden! Wegtreten!) </p>
<p>Jetzt aber weiter eingetaucht in unsere imaginierte Welt vielleicht nicht allzu echter, nichtsdestotrotz beispielhafter Ansichten und Auffassungen ganz selbstverständlicher Naturbeseeltheit:<br />
Riesen, das waren der bösartige Gletscher weiter nördlich oder die Lawine vom vorigen Jahr, der gefürchtete Hagel vor dem Herbst oder die plötzliche Feuersbrunst – aber auch die liebreizende Gjerda, die immer im Frühling kommt, um als blühende Vegetation die Erde neu zu beleben. Man huldigte Mani, dem bleichen Nachtauge am Himmel, und wenn der nicht mehr zu sehen war, stand der Mond unter dem Einfluss von Bil, der Schwarzmondgöttin. Im tiefen Wald tanzten Elfen, in den Flüssen wohnten die Nymphen, das Haus bewachten Kobolde, denen geopfert wurde, und als Stützen des Himmelsgewölbes wusste man vier weit entfernte Zwerge mit den sinnigen Namen Austri, Sudri, Westri und Nordri. Ehrfürchtig gewahrte man den Regenbogen als Bifröst, die Brücke zu den Göttern des Bewusstseins, den Asen.<br />
Ausgefeilte Bestattungsriten sorgten dafür, dass keine toten Menschen umgingen in den Häusern der Lebenden (obschon man an ihre baldige Reinkarnation glaubte); dem alljährlichen Wedererwachen der Erdgöttin Nerthus aber widmete man ausgelassene Umzüge mit geschmückten Wagen quer durch die Dörfer.<br />
Ähnlichkeiten zum katholischen Fronleichnam oder Karneval u.ä. sind selbstverständlich rein zufällig, ebenso wie Weihnachten, Ostern, Lichtmess oder Allerseelen. Tatsächlich ist das einzige heidnische Fest, das (früherer oder späterer) christlicher Umdeutung entging, Beltane, besser bekannt als Walpurgisnacht. Das war kein germanisches, sondern ein keltisches Fest für den Feuergott Bel und die Fruchtbarkeit – möglicherweise tatsächlich inklusiv menschlicher Sinnenlust. Letztere wird den Germanen ja gern abgesprochen, was nicht zuletzt an Tacitus liegt, der dem Brot-und-Spiele-Zirkus seiner römischen Zeitgenossen unbedingt die moralischen Wilden entgegensetzen wollte, bei welchen eben “keine heimlichen Briefchen zwischen Unverheirateten kursieren” (wie auch: waren ja Analphabeten).<br />
Die Skandinavier jedoch bildeten den Fruchtbarkeitsgott Freyr ab mit einem Phallus, der das wirklich &#8220;herausragende&#8221; Merkmal der ganzen Götterfigur darstellt; und der Volksbrauch der Wölsi-Verehrung hat sich, wenn auch bereits christlich angeschmäht, bis in die Edda gerettet (ein Wölsi ist ein Gegenstand zu nicht mehr bekannten Kultzwecken. Es handelt sich dabei um das irgendwie ohne künstliche Konservierungsstoffe haltbar gemachte Geschlechtsteil eines ausgewachsenen Hengstes).</p>
<p>Der geheimnisvolle Kriegs- und Totengott Odin (im Süden in einfacherer und älterer Form als Sturmgott Wodan verehrt) war aufgrund seines äußerst zwiespältigen Charakters und seiner verschlungenen schamanischen Lehren wohl kaum eine Konkurrenz für das aufkommende Christentum mit seinen einfachen Heilsversprechen – von einem Kult um Freyja ist uns leider noch weniger überliefert: gar nichts. Kann also sein, dass es gar keinen solchen gegeben hat. Was aber, wenn doch? Und ganz unabhängig davon, was war oder vielleicht auch nicht: Spätestens heute sollte es einen geben: Freyja, die schillerndste weibliche Gestalt des germanischen Götterhimmels, verkörpert (doch spätestens für uns Heutige) die freie Frau in jeder möglichen Hinsicht. Freyja bedeutet einfach “Herrin”, doch Namen hatte sie viele. Moderne Forscher haben sich generationenlang die Köpfe zerbrochen über das Fehlen eines germanischen Sonnengottes. Baldur ließ sich dazu nicht machen – ein Lichtgott mochte er sein, aber sein Mythos rankt sich zu sehr um seine Ermordung, die das Götterschicksal einläutet, die Ragnarök – Analogien zur Sonne lassen sich da schwerlich (er-)finden. Man hat versucht, Freyja in ihrer Erscheinungsform als Mardøll – in einer Lesart “die Pferdefrohe”, in einer anderen “die das Meer Erleuchtende” – als eine Art nordische Meeresnixe zu deuten. Ich persönlich habe noch nie gehört oder gesehen, dass Nixen leuchten. Als Erleuchtung kam mir die Sonne.<br />
<a href="http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-1/" target="_blank">Wer sonst “erleuchtet” das Meer?</a> Ihre Mythen sind vielfältig. Für die einen umfährt sie das Erdenrund auf einem Wagen, der von Katzen gezogen wird; den anderen fällt ihre Geilheit auf: “…wie zwischen Böcken die Ziege rennt”, wird in der Edda Freyjas Neigung zu wechselnden Liebschaften beschrieben. Sicherlich ist ihr Charakter kätzisch: Liebe, Hexerei und Krieg sind die Hauptressorts der Vánadis, der Vanen-Dise,<br />
der berühmtesten der Vanen – jener (zwar wiederum nur von Snorri erwähnten, s.o.) Gottheiten der Instinkte, des Intuitiven und des sinnlichen Gedeihens (in symbiotischem Kontrast zu den Bewusstseinsgöttern, den Asen. Obwohl eine genaue Grenze zwischen den beiden germanischen Göttergeschlechtern nichtmal von deren mutmaßlichem Erfinder gezogen wird. Nicht als einzige wird Freyja sogar von Snorri mal den einen, mal den anderen zusortiert).<br />
Einer ihrer Namen leiht diesem Vortrag den Titel. Denn die Germanen riefen ihre große Herrin auch Syr, das heißt wortwörtlich Sau.<br />
Meine Deutung von Syr, Mardøll, Vanadis oder Freyja als germanische Sonnengöttin wird unterstützt vom Mythos des Brisingamen, Freyjas magischem Halsschmuck, dessen Sinn und Zweck darin besteht, unglaublich hell und strahlend zu leuchten; außerdem wird seine Trägerin als die “tränenschöne Göttin” besungen. Nicht im Sinne von Heulsuse: Vielmehr heißt es, man könne dieser Göttin nicht ins Angesicht schauen, ohne tränende Augen zu bekommen. Nachdem das Tränengas noch nicht erfunden war, bleibt als mögliche Erklärung eigentlich nur die große Sonne übrig. (Die Sonnengöttin-Theorie wird auch von anderen vertreten, aber das sind wie ich alles keine Wissenschaftler. Es mag also wahrscheinlich sein, bleibt jedoch spekulativ. Immerhin würde es dazu passen, dass Tacitus standhaft behauptete, die Germanen hätten “Sonne und Mond” angebetet.)<br />
Doch hinter der scheinbar primitiven Verehrung augenfälliger Naturerscheinungen verbirgt sich oft eine nicht zu unterschätzende Kosmologie – wir haben keinen Anlass anzunehmen, dass das bei germanischen Stämmen prinzipiell anders gewesen ist als überall sonst und bis heute auf unserer schönen, geplagten Planetin (wo jeweils die sogenannte &#8220;Zivilisation&#8221; noch nicht alles plattwalzte oder wenigstens so spät kam, um noch einen Blick auf archaische Gesellschaftsformen stammesartiger Gruppierungen zuzulassen).</p>
<p>In der Edda rankt sich die Kosmologie um einen Weltenbaum, der auch in seriösen Quellen meist als “Weltesche” bezeichnet wird. Meiner Auffassung nach handelt es sich dabei um einen Übersetzungsfehler: Der altnordische Begriff “barraskr” bedeutet wortwörtlich “Winteresche”, womit ein Baum gemeint ist, der auch im Winter grünt. Das ist bei einer Esche <i>(Fraxinus excelsior)</i> aber nicht der Fall, und die immergrüne Eigenschaft<br />
des Weltenbaums wird in den alten Quellen mehrfach betont. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei der mythischen Weltachse Yggdrasil (wörtlich: &#8220;Pferd des Schrecklichen&#8221; – eine Anspielung auf Odins schamanisches Selbstopfer) um einen Baum der Sorte <i>Taxus baccata</i> handelt, auf deutsch: Eibe.<br />
Von allen europäischen Baumsorten ist ihr Holz das härteste und wächst bei weitem am langsamsten. Nicht nur ihre Seltenheit machte die Eibe schon früh heilig (Buchenwälder verdrängten die Eibenwälder zu Zeiten, als die Menschen noch keine Bäume fällen konnten), sondern auch die Tatsache, dass dieser Baum in der Sommerzeit ein halluzinogenes Gas ausströmt, an welchem man sich regelrecht berauschen kann – oder unversehens berauscht wird, wenn man auf diesen Umstand nicht vorbereitet ist. Eiben lieferten das haltbarste und beste Holz für Pfeil und Bogen, und den Schnee- und Jagdgott Ullr wusste man zuhause in Ydalir, das heißt Eibental.<br />
Im ältesten germanischen Runensystem, das mindestens von 200 bis etwa 600 n.Chr. in Gebrauch war, dem sog. Älteren Futhark (benannt nach den ersten sechs Runen Fehu, Uruz, Thurisaz, Ansuz, Raidho und Kenaz), hat die Eibe eine auffällige Position: Als dreizehnte Rune liegt sie nicht nur in der Mitte des 24 Runen umfassenden Systems, das aus drei Achterreihen besteht, sondern ist auch der Dreh- und Angelpunkt der mittleren Reihe, der sog. Hels Ætt oder Zauberer-Acht, deren Runenabfolge als Anleitung für einen Initiationsweg gelesen werden kann: den sog. Helsweg. Die Eibenrune Eiwaz folgt der Jera, die das Jahresrad bzw. den Zeitenzyklus symbolisiert, und bringt diese(n) erst in Bewegung. Auf Eiwaz wiederum folgt die Wiedergeburts- und Weisheitsrune Perthro.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/eibensang/4151410"><img src="http://u1.ipernity.com/1/14/10/4151410.e0f22f54.jpg" width="300" height="400" alt="Eiwaz" border="0"/></a> <i>Eiwaz</i><br />
Außer der Eibe ist im Älteren Futhark nur eine einzige weitere Rune einem Baum gewidmet, und zwar die 18. Rune Berkana, die als Birke u.a. für Mütterlichkeit, Fürsorge und Nestwärme steht. Diese Sinndeutungen sind zwar nur meine <a href="http://www.eibensang.de/index.php/category/schweinepriester/runen/" target="_blank">eigenen, persönlichen.</a><br />
Unumstritten ist jedoch die Tatsache, dass es im Älteren Futhark eine Rune für die Eibe und eine für die Birke gibt – aber keine, die &#8220;Esche&#8221; bedeutet oder diesem Baum  zugeordnet wäre.<br />
Über solches Kniefieseln hinaus dürfen wir insgesamt davon ausgehen, dass historisches Heidentum germanischer Prägung ohne Paradiesvorstellungen und Heilsversprechen auskam. Der Mythos von Walhall, wo die gefallenen Krieger Odins bewirtet werden, scheint erst gegen Ende der Völkerwanderungszeit aufgekommen zu sein – massive Ableitung christlichen Jenseitsvorstellungsvermögens darf hierfür angenommen werden, immerhin huldigte die überwiegende Mehrzahl der germanischen Stämme längst Christus – auch wenn im damals populären <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arianismus" target="_blank">Arianismu</a> der Gottessohn selbst eher als Mensch denn als Gott gesehen wurde (was wiederum noch recht germanisch dünkt).<br />
Den in der Edda als germanisch apostrophierten Göttern übergeordnet waren (ebenda) die Nornir oder Nornen, die das Schicksalsgefüge verkörpern. Bei näherer Betrachtung ihrer Eigenschaften lässt sich spekulieren, dass <a href="http://www.nornirsaett.de/no-future-warum-das-germanische-keine-zukunft-hat/" target="_blank">germanisches Denken keines Zukunftbegriffes bedurfte:</a> im Sinne der uns heute so logisch und alternativlos erscheinenden linearen Zeitachse Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft (die für meinen Geschmack auffällig zu linearen Schöpfungsmythen wie dem der Bibel passt. Wer mir jetzt aber die Völuspa vorhalten mag – als eine &#8220;germanische Schöpfungsgeschichte inklusiv Untergangs-Showdown&#8221; etwa –, sei daran erinnert, dass diese Verse irgendwann in der Wikingerzeit entstanden – die überwältigende Mehrheit der germanischen Welt dachte da längst schon in christlichen Mustern). Interessanterweise (und auch ganz ohne Nornengeraune mit zu bemühen) kannte die gemeingermanische Sprache kein Futur: Noch in ihren heutigen Ablegern ist ein solches nur mittels Hilfsverben grammatikalisch korrekt konstruierbar &#8230;<br />
Ein zyklisches Weltbild braucht weder abstrakte Zukunftsbegriffe noch Offenbarungen: sein Wesen erfüllt sich in Kreisläufen, in Wiederholungen, von denen Varianten denk- und erfahrbar sind, die sich aber selbst nicht ändern brauchen. Erst das Annehmen göttlicher &#8220;Offenbarungen&#8221; als religiösen Kern und Impuls zwingt Spiritualität auf die lineare Zeitachse: Propheten, Prophezeihungen, Missionierung, Weltuntergangs-Szenarien für den Glaubens-Verweigerungsfall etc. pp. sind anders nicht sinnvoll sortierbar.<br />
Erst die Abwesenheit eines zentralen Offenbarungsmythos erlaubt eine – dann fast selbstverständlich aufblühende – Vielfalt in Bräuchen, Auslegungen, Handhabungen: weshalb sich für altgermanische Kultgepflogenheiten, ohne diese selbst kennen zu können, Entsprechendes – samt mehr oder minder individueller, zumindest aber sippen- und stammesbezogener Freiheiten – annehmen lässt. Das Einhämmern religiöser Dogmen in ganze Bevölkerungen bedarf gewaltiger Anstrengungen (sowie die Errichtung möglichst dauerhafter Kontrollinstanzen, damit sich der beinharte Schmarren nicht wieder alsbalden in unzählige esoterische Beliebigkeitsvarianten verflüchtigt, sondern &#8220;auf Linie&#8221; gehalten werden kann) – es gibt nicht nur keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass heidnische Germanen etwas Vergleichbares veranstaltet hätten, es spricht vielmehr alles dagegen.</p>
<p>Das Heil hing mit den Göttern zusammen, wurde von diesen jedoch nicht gespendet, sondern auf der Erde durch menschliches Geschick und Ehre erworben. &#8220;Mattr ok megin&#8221;, Macht und Vermögen – das bezog sich auf die Fähigkeit des Einzelnen, in der rauen Wirklichkeit zurechtzukommen, als deren Angelpunkt man / frau sich begriff. Kein Glaube für Esoteriker.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/918873"><img src="http://u1.ipernity.com/1/88/73/918873.24e17d59.500.jpg" width="500" height="375" alt="Lögberg" border="0"/></a><br />
<i>Lögberg im Thingvellir in Island. An dieser Stelle stand früher der Sprecher beim Althing. Foto: Londo</i></p>
<p>Edda-Poet Snorri schwadroniert außer von der Menschenwelt noch von weiteren acht. Die &#8220;neun Welten&#8221; sind nirgendwoanders belegt als nur bei ihm – wir dürfen oder müssen daher annehmen, dass dieser christliche Skaldenlehrer sich alle Neune aus der Fantasie gesaugt hat. Auf der andern Seite darf man durchaus fragen: woher? Welche damals schon alten Mythen, wie viele unterschiedliche Erzählungen mag er gefleddert haben, um seinen Schülern das Verseschmieden beizubringen – und was hat er selbst noch mit dazugedichtet – viel oder wenig, alles oder nichts? Kurz (und dichterisch gefragt): Welche Germanen haben das Garn gesponnen, wann wurde es zu Tuch verwoben, aus welchen Stücken schrieb uns Sturluson den Stoff?<br />
Poetisch bleibt, für alle Zeit (so hofft man ja), zumindest das Ergebnis. Alle neun Welten hängen am bereits erwähnten großen Baum, den ich mal, in meiner eigenen Ausdeutung, ganz frech &#8220;Welteibe&#8221; nenne: in der Mitte die Welt der Menschen, Midgard genannt – die einzige Welt von allen, die, wie es so schön heißt, &#8220;der Zeit unterworfen&#8221; ist &#8230; und außerdem so eine Art Bahnhof (oder sollte man es heute eher &#8220;Schnittstelle&#8221; nennen, &#8220;Interface&#8221;?) zu den anderen Welten darstellt. Acht weitere Welten aus Feuer und Eis, für Riesen, Elfen und  Zwerge, für Fruchtbarkeits- und für Bewusstseinsgötter, nebst einer Wiedergeburts-Wartestation male sich aus wer mag – oder lese die Edda, die ich hier nicht nacherzählen mag. Mir gefällt an diesen Mythen, dass sie – anstatt eine Aufteilung in &#8220;gute&#8221; und &#8220;böse&#8221; Mächte vornehmen – vielmehr ein Ausbalancieren von Spannungsverhältnissen beschreiben: ein Weltverständnis, das mir in seiner pittoresken Differenziertheit alles andere als &#8220;barbarisch&#8221;, geschweige denn als &#8220;primitiv&#8221; erscheint.</p>
<p><a hre="http://www.eibensang.de/index.php/category/schweinepriester/welten/" target="_blank">Sehen wir uns das mal an:</a> An der Wurzel des Großen Baumes nagt der eher unsympathische Drache Nidhöggr, auf der Krone hockt ein seltsamerweise namenloser Adler, und die beiden können sich nicht riechen. Ein unermüdlich am Weltenbaumstamm rauf- und runterrasendes Eichhörnchen namens Ratatösk ist so freundlich, den Kontrahenten die gegenseitigen Schmähworte auszurichten –  vermutlich war das der erste Postbetrieb der Welt. An den Knospen des Baumes nagen vier gewaltige Hirsche &#8230; Ökokenner/innen unter uns wissen, was das heißt: Es kann nicht mehr lang dauern mit dem Baum, der auch Yggdrasill, Pferd des Schrecklichen, genannt wird, weil sich der schreckliche Odin mal zu Selbstfindungszwecken dran aufgehängt hat.<br />
Und es dauert doch. Nichts klappt wie es soll: Odin hat nicht sich selbst, sondern die Runen gefunden, doch musste für höhere Erkenntnisse ein Auge lassen. Überhaupt ist sein Charakter eher zwie- bis vielspältig – aber was soll man schon halten von einem intellektuellen Workaholic, der gleichzeitig Gott der Dichter und der Krieger ist und obendrein schamanisch tätig sein muss, wenn er nicht gerade im Aufsichtsrat der Asen hockt &#8230; wobei er sein Gedächtnis und seine Gedanken in Form von zwei Raben auslagert, um die er regelmäßig bangt, dass sie mal nicht zurückkommen und vielleicht abstürzen wie uns heutzutage der Rechner. Kein Wunder, dass Odin niemals isst, sondern sich ausschließlich von Wein und Met ernährt. Und dafür hat er zu Tacitus&#8217; Zeiten den alten Himmelsgott Tyr, Teiwaz, Tiu oder Saxnot (je nach Stamm) abgelöst &#8230; Aber für einen, der als einfacher Sturmgott angefangen hat, doch keine schlechte Karriere, oder?</p>
<p>Und was ist aus Tyr geworden? Der Gott der Gerechtigkeit. Bevor er das wurde – und anders hätte er&#8217;s nicht werden können – büßte er erstmal seine rechte Hand ein, weil er einen Schwur einhielt, der genau genommen ein handfester Betrug war &#8230; wenn auch nur an einem Untier wie dem Wolfsmonster Fenrir. Selbst der Kraftprotz Thor ist nicht ohne Tadel: nicht nur wird er ohne seinen Hammer hilflos, dass er sich verkleiden muss, er hat auch von irgendeinem Abenteuer noch einen Splitter in der Stirn, der ihm immer wieder mal Kopfschmerzen bereitet. Wächtergott Heimdall hat von vornherein sehr seltsam angefangen: als Sohn von neun Müttern – die wiederum sind die Töchter der dunklen Meeresgöttin Ran. Auch heute kann man sie noch sehen, wie sie sich winden, heranwallen, im Wind tanzen und toben, und manchmal tragen sie weiße  Krönchen auf den nassen Häuptern. Manche sind riesengroß, andere klein, zuweilen kommen sie in Scharen, dann wieder räkeln sie sich sanft entlang und lachen. Im Meer sieht man meist welche – sie bilden sozusagen dessen oberen Rand. Wir nennen sie Wellen.</p>
<p>Die einzige Gestalt im nordischen Mythos, die einer Idealfigur nahekommt, ist der Lichtgott Baldur. Seine Behinderung besteht darin, dass er tot ist – versehentlich erschossen von einem Gott namens Hödur, der an Blindheit leidet. Angestiftet wurde die Tat vom listigen Loki, auf den dann alle anderen Götter auch entsprechend sauer waren. Bei Loki weiß man nie, ob man ihm die Füße küssen oder ihn hochkant rausschmeißen soll – er ist nämlich für die größten Katastrophen und Ungeheuer ebenso verantwortlich wie für das Entstehen der wichtigsten Waffen und Helfer der Götter. Verlassen kann man sich bei ihm darauf, dass man sich nicht auf ihn verlassen kann. Du hast ein Problem? Ruf ihn an – er löst es dir: rasant und auf höchst originelle Weise. Und wenn er wieder geht, hast du dann ein anderes – das mit einiger Wahrscheinlichkeit größer ist als das von ihm gelöste. Ein ziemlich modern anmutender Gott, könnte man sagen – und seltsamerweise gerade unter vielen Neuheiden beliebt (seltsam finde ich das deswegen, weil Neuheiden sonst eher allem Altbekannten zugeneigt – und für Änderungen, besonders rasante, sonst nicht so schnell zu begeistern sind. Vermutlich mögen sie Loki deswegen, weil seine Beschreibung die der andern Götter an widersprüchlichen Facetten um ein Vielfaches übertrifft. Er hat einfach den schillerndsten Charakter.)<br />
Die binär (hie schwarz, da weiß) kolorierte Totengöttin Hel ist ebenso seine Tochter wie die erdumspannende Midgardschlange Jörmungandr; Loki ist der Vater Fenrirs, aber auch die Mutter des achtbeinigen Götterrosses Sleipnir. Loki hatte sich nämlich in eine Stute verwandelt, um den Arbeitshengst eines Riesen von der Arbeit abzuhalten – auf diese Art gewannen die Asen eine ziemlich hinterlistige Wette, die ihnen die Götterburg Asgard einbrachte. Und hätte Loki als Stute nicht den Hengst gevögelt, hätten die Götter ihre geliebte Vánadis, die Vanengöttin Freyja an die ungeschlachten Riesen ausliefern müssen. Alles klar?<br />
Loki ließ den zauberkräftigen Thorshammer Mjöllnir schmieden – stach aber dem das Werk ausführenden Zwerg Brock als Fliege so lange in die Augen, bis der sich das Blut rauswischen musste: wodurch die Arbeit unterbrochen und der Stiel des Hammers ungewöhnlich kurz wurde. (Es ist aber ein Gerücht, dass Loki auch &#8220;Windows Vista&#8221; mitprogrammiert habe – das hat nichtmal Snorri so behauptet.) Zusammenfassend kann man sagen: Loki ist Murphy&#8217;s Gesetz auf germanisch und der Ausweg daraus in einem – unberechenbar ist nur die jeweilige Reihenfolge. Und woher kommt diese/r Loki?<br />
Genetisch ist er &#8220;reinrassiger&#8221; Riese – durch Blutsbrüderschaft mit Odin wird er jedoch zum vollwertigen Asen.<br />
Dies nur als weiterer Hinweis dafür, dass germanische Lebensart vor keiner machbaren Vermischung zurückschreckt. Nicht nur die Mythen – angefangen bei der Vermischung der Asen und Vanen – auch die historische Entstehung und Entwicklung der Germanen ist eine einzige Geschichte der Völkervermischung.<br />
Fazit: Angst vor Fremden ist dem Germanen fremd!<br />
Der Lustgott Freyr ist nicht nur ein sinnenfroher Lover seiner leiblichen Schwester Freyja – sowie der schönen Riesin Gjerda, de er dann unter Androhung eher übler Zaubereien heiratet (er droht ihr, nicht umgekehrt) – sondern auch ein richtiger Kämpfer. Typisch germanisch, möchte man meinen. Nur: Zu Ragnarök, dem entscheidenden Schicksalskampf der Götter, ist Freyr leider waffenlos – sein magisches Schwert hat er nämlich gerade an einen Kumpel verliehen, weshalb der Kampf auch des Happy Ends entbehrt. Dafür war Freyr vorher ein ziemlicher Zampano: besaß er doch ein Hosentaschen-Faltboot, in das die ganze Götterwelt hineinpasste, oder ein Schwert, das ebenso einen Felsen zerhacken konnte wie stehend im Wasser eine herandümpelnde Flaumfeder spalten – haarscharf.<br />
Der Traum vom perfekten Equipment war demnach auch ein germanischer. Kein Wunder – man braucht sich nur vorstellen, welche Mühe es macht, mit einem wackeligen Ochsenkarren zwischen Wald und Sumpf einherzuzuckeln, und nirgends eine Vertragswerkstatt. Ob es wenigstens Wege gab? Wie man&#8217;s nimmt! Echte Völkerwanderer finden wohl immer welche. Inzwischen hat Freyr wahrscheinlich ein rasend schnelles yGod – besser als jedes iPad – das keinen Akku braucht und nie abstürzt &#8230; außer, wenn man mal ganz schnell im World Wide Wyrd was &#8220;mimirn&#8221; (altnordisch für googeln) muss.<br />
Womit nur gesagt sein soll: Die Geschichten hören nicht auf. Fängt man erst einmal an, sie zu verfolgen, verästeln sie sich geradezu labyrinthisch: Hinter Gängen und Räumen warten weitere Türen; man findet auf Anhieb fast alles, nur keine Wegweiser. Annehmen darf man, dass die überbordende Vielfalt ihrer Götterwelt durchaus germanische Lebensauffassung wiederspiegelt. Die Götter entstammen den Riesen, und am Schluss unterliegen sie diesen. Das Bewusstsein (symbolisiert durch die Götter) entstammt dem Unbewussten (symbolisiert durch die Riesen) – und droht ständig wieder ins Unbewusste, Vorbewusste zurückzufallen: die Geschichte der Welt – nur eine platzende Seifenblase im All. In den dazwischen liegenden Abenteuern sind die Götter ebensowenig perfekt wie die Menschen, denen sie als Vorbilder dienen – das macht ihren praktischen Wert aus.<br />
Nicht unerreichbare Ideale oder ewige Paradiese werden angestrebt, sondern die Fähigkeit, mit den vorhandenen eigenen Macken zurechtzukommen. Immer wieder gefeiert und besungen: die Möglichkeit, trotz eklatanter Schwächen und mancher Chancenlosigkeit durchzukommen, bisweilen zu siegen. Die Altvorderen gaben sich Mühe, diese Mythen spannend und farbig zu gestalten. Spannende Geschichten erzählen – für schriftlose Kulturen das einzige Mittel, praktisches Wissen, Lebensweisheit und (in gewissem Sinne) geschichtliche Entwicklungen und aktuelle Gegebenheiten zu vermitteln.<br />
Sieht man sich die Kultur dieser Geschichtenerzähler an und verfolgt ihre Werdegänge in heutigem historischem Kontext, findet sich eine Erklärung für die Vielfalt: Sie ist ein Ergebnis von nicht nur äußerer, sondern auch und gerade innerer Beweglichkeit: Flexibilität. Germanische Stämme kannten kein “Volks-” oder Nationalgefühl – aber sie schotteten sich nie ab, sondern nahmen alle Einflüsse von außen auf, die ihnen buchstäblich “in den Kram passten” – unter Wahrung ihrer kulturellen Integrität. Die verloren sie erst allmählich unter dem Zeichen des Kreuzes, seines hierarchisch und zentralistisch gesteuerten Kultes und seiner fixen Feindbilder. Den schließlichen Untergang germanischen Stammestums jedoch hat das Christentum als solches viel weniger zu verantworten, als dies (zumindest in weiten Kreisen der Neuheidenszene) angenommen wird. Viele ostgermanische Stämme christianisierten sich auffallend früh und rasch, und mit dem Arianismus kamen auch spätere germanische Stämme jahrhundertelang wunderbar zurecht. Was die Stammeskulturen viel tiefgreifender und nachhaltiger umformte, bis sie schließlich Bestandteile staatsähnlicher Gebilde wurden (was man als definitives Ende historischer Germanenkultur betrachten darf), war vielmehr die Übernahme römischen Rechtssystems und der damit einhergehenden Verfassungskonsequenzen inklusiv deutlich steiler angelegter Hierarchien. Der katholischen Kirche nützte diese Regierbarkeit zunehmend zentral verwalteter definierter Territorialreiche enorm, alleinige Impulsgeberin dieser Entwicklung war sie nicht.</p>
<p>Apropos Hierarchien. In der Edda findet sich ein umstrittenes Gedicht – umstritten deswegen, weil die Forscher sich uneins sind über dessen Entstehungszeit (die wiederum entscheidend dafür sein könnte, ob das Stück überhaupt zum Kanon gezählt werden darf).<br />
Vieles deutet auf &#8220;späten&#8221; bis &#8220;spätesten&#8221; Einschub (14. Jh.!) hin. Es heißt &#8220;Rigsthula&#8221; und kommt scheinbar harmlos – und ohne die sonst üblichen Rätselverse – daher. Aber gerade diese Harmlosigkeit macht es in meinen (etwas misstrauischen) Augen geradezu selbstverräterisch.<br />
Worum geht’s? Beschrieben wird, wie der Gott Heimdall über die Erde wandert und nacheinander in mehreren Menschenhäusern einkehrt und nächtigt, um den dortigen Männern die Frauen auszuspannen, und das auch noch ohne Gummi. Er schwängert sie alle absichtlich. Ich schildere das so flapsig aus moderner Sicht, um klarzumachen, wie uns Heutigen ein- und derselbe Umstand vorkäme und anmutete. Pathetische Ergriffenheit ist hier nämlich ganz und gar unangebracht: vernebelt nur die Sicht auf tatsächliche Inhalte – und deren mögliche Intentionen. Was die Rigsthula erzählen will, ist die sakrale (Be-)Gründung dreier Gesellschaftsschichten: &#8220;Heimdall&#8221; zeugt nämlich den Stand der Knechte, den der freien Bauern und den der &#8220;Edlinge&#8221;. Was diese Geschichte so verdächtig macht, ist nicht nur der Umstand, wie sie erzählt wird, sondern dass. Wenn eine Klassengesellschaft bereits selbstverständlich war seit Generationen (im Sinne eines stammestypischen &#8220;schon immer &#8230;&#8221;-Verständnisses)– warum musste es dem Volk dann nochmal so klar und entschieden eingehämmert werden? Nirgends sonst in der Edda findet Vergleichbares statt. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier versucht wurde, eine soziale Umwälzung nachträglich zu mystifizieren (und damit auch zu rechtfertigen). Stil und Duktus der Rigsthula unterscheiden sich von allen anderen Eddagedichten und -erzählungen erkennbar. Könnte es sein, dass diese gesellschaftliche Standesdünkelei dem Volk ursprünglich fremd war – dass sie ihm sozusagen erst beigebracht, in heutigen Worten: &#8220;verkauft&#8221; werden musste?<br />
Wie rechtfertigt man das Einrichten hierarchisch steilerer Verhältnisse – besonders jenen gegenüber, die davon eher weniger profitieren? Und was lag dann näher, als einen Gott dafür zu missbrauchen? Eine sakrale Begründung sozialer Zustände findet sich an keiner anderen Stelle der Edda. Viele der sonstigen Verse sind krude, lückenhaft und verrätselt bis zur Schwerstverständlichkeit, zuweilen verlieren sie den Faden oder sich selbst halb im Nichts – selbst bei der (relativ jungen) Völuspa noch ist zumindest die Reihenfolge der Strophen strittig. Aus all dem schimmert die Rigsthula hervor wie ein Paar Lackschuhe zwischen Bundlatschen und abgerissenen Sandalen. Sie ist viel zu rund, um wirklich dazu zu passen. Vielleicht ist sie so klar und deutlich, weil sie nicht zu &#8220;altem Überlieferungsgut&#8221; gehörte, sondern dem nachträglich angehängt wurde. Vielleicht diente sie den sich ins Staatlichere wandelnden Verhältnissen zur Rechtfertigung: sozusagen als Propagandapoesie.</p>
<p>Spekulation? Vielleicht. Als erklärter Gegner jeglicher Verschwörungstheorien will ich aber hier nicht selber eine lostreten. Nur zum kritischen Nachdenken anregen: Germanische Mythen von der Entstehung dreier Stämme (z.B.) hatte ja schon weiland Tacitus aufgeschnappt und verewigt. Bloß hatten jene nix mit &#8220;Ständen&#8221;, mit Einteilungen in Gesellschaftsschichten zu tun. So halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass auf Grundlage solcher vertrauter Mythen am Ende Um- und Ausdeutungen vorgenommen wurden.<br />
Aber wie auch immer! So oder so ging mit und bei der Herausbildung der frühmittelalterlichen europäischen Reiche die Ära der Stammesgesellschaften zu Ende.<br />
Und trotzdem. Germanische Geschichte und Moral ist immer ein einziges, hintersinnig-trotziges “trotzdem”. Die germanischen Götter haben ihren eigenen Untergang, die Römer, die Christen, und die Nazis überlebt, und sie funktionieren noch immer – heute vielleicht besser denn je.</p>
<h3>Schlusswort</h3>
<p>In Zeiten des Wertewandels findet auch Werteverfall statt, und zur schon länger empfundenen Entfremdung von Instinkt und Natur gesellt sich heutzutage spirituelle Orientierungslosigkeit. Wer heute (z.B. im Internet, aber auch im richtigen Leben) auf Anhänger Wotans stößt, bekommt es sehr häufig immer noch mit (mehr oder weniger verkappten, zuweilen auch nur unbewussten) Rassisten zu tun, die ihre verzerrten Germanenbilder aus denselben Quellen beziehen wie die alten Nazis, und diese braune Soße eifrig weiterreichen. Das ist kein spezifisch deutsches Phänomen, aber in Deutschland ist es am gefährlichsten: denn die Deutschen haben (nach Hitler und wegen ihm) ihre eigene Geschichte verdrängt wie kein anderes Volk.<br />
Wenn die alten Sagen und Mythen, die in vielfältiger Form bis in unsere Märchen hineinreichen, den neuen Nazis überlassen bleiben, ist die Gefahr eine doppelte. Zum einen verliert ein Volk, das sich den eigenen Mythen verweigert, seine Identität. Wer keine Identität spürt, vermisst eine – und lässt sich womöglich eine diktieren. Das war eine der Grundvoraussetzungen für Hitlers Popularität. Zum anderen wird den neuen Rassisten mit den alten Mythen ein Werkzeug in die Hand gegeben, das sie nicht gebrauchen können, ohne es von oben bis unten zu besudeln. Ich hoffe, dazu beitragen zu können, dass es ihnen die Finger verbrennt.</p>
<p>Zum Abschluss möchte ich hier die evangelische Journalistin und Politologin <a href="http://www.antjeschrupp.de/" target="_blank">Antje Schrupp</a> zitieren, die (bereits Ende des 20. Jh.) einen vorbildlichen 5-Punkte-Katalog aufstellte, anhand dessen sich sehr gut die Spreu vom Weizen trennen lässt:</p>
<blockquote><p>Nicht alle Gruppen, die sich auf keltische oder germanische Kultur berufen, sind  rechtsradikal. Wenn man hier pauschale Urteile ausspricht, befördert man letztlich den Versuch rechtsradikaler Gruppen, sich als Märtyrer zu stilisieren. Wie aber kann man feststellen, ob eine Gruppe rassistische Ideologie vertritt? Denn wichtig ist diese Beurteilung ja nicht bei denen, die offen ausländerfeindlich, auftreten, sondern gerade bei solchen, die ihren Rassismus in ein spirituelles Gewand kleiden. Dazu hier einige Kriterien:</p>
<ol>
<li>Vorsicht, wenn Gruppen, die man nach ihrer Verbindung zu Neonazis fragt, mit einer Kritik an Hitler und der NSDAP antworten. In einem solchen Fall nach Himmler und der SS fragen.<br />
(Nach dem Ende des Nationalsozialismus entstand im rechtsradikalen Milieu die Auffassung, die Hitler-Göring Gruppe und insbesondere die SA sei an dieser Niederlage schuld. Bis heute wird in entsprechenden rechtsradikalen Publikationen die SS als ordensähnlich organisierte Eliteeinheit als Gegenpol zur bürokratisierten NSDAP dargestellt. Nur die NSDAP sei untergegangen, die SS aber bestehe immer noch im Geheimen weiter, etwa indem sie durch Ufos ins Weltall geflogen sei oder in geheimer Mission in die Antarktis ausgewandert, wo sie bis heute den &#8220;arischen Genpool reinhalten und pflegen&#8221;. Dies zu wissen ist wichtig, wenn sich rechtsextreme Gruppen von Hitler und von der NSDAP distanzieren – sie distanzieren sich nicht vom Nationalsozialismus, sondern beziehen Position in einer nazi-internen Auseinandersetzung.)</li>
<li>Vorsicht, wenn sie viel von Europa reden. Fragen, ob auch Griechenland, Sizilien und Rumänien zu ihrem Europa gehören.</li>
<li>Fragen, was sie von “gemischtrassigen” Ehen halten und in welcher spirituellen Tradition Kinder aus solchen Ehen stehen. Wenn die Antwort darauf schwammig bleibt, fragen, ob euer senegalesischer Verlobter auch Mitglied in der Gruppe werden kann.</li>
<li>Vorsicht, wenn die Gruppe sich zwar als nichtrassistisch verstehen will, aber immer betont, dass sie unpolitisch sei. Wirklich nichtrassistische Heiden und Heidinnen haben ihr Verhältnis zum rechtsextremen Heidentum reflektiert und verstehen sich insofern durchaus als politisch.</li>
<li>Vorsicht, wenn auf geheime Traditionen Bezug genommen wird, wenn behauptet wird, die &#8220;Wahrheit&#8221; über keltische oder germanische Religiosität zu kennen. Heiden, die wirklich an dieser Tradition interessiert sind, wissen, dass man darüber nichts weiß, und geben zu, dass sie ihre Rituale zu einem großen Teil neu erfunden haben.</li>
</ol>
</blockquote>
<p>(Antje Schrupp)</p>
<p>Dem möchte ich nur noch meine persönliche Abwandlung jenes Met-Blödelverses hinzufügen, mit dem mein Artikel begann:<br />
<blockquote>
Die neuen Nazis krakeelen<br />
Diesseits und jenseits des Rheins<br />
Sie bauen auf Trümmern<br />
Ihr Reich aus Irrtümern<br />
Von Odin kriegen sie keins.</p></blockquote>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/10705025"><img src="http://u1.ipernity.com/18/50/25/10705025.8ab7d28c.500.jpg" width="384" height="500" alt="Dukes Sau ;)" border="0"/></a><br />
<i>Zeichnung: Babs</i><br />
© Duke Meyer 2000, überarbeitet 2009-2011</p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/odins-auge-ariosophieprojekt/artikel/">Odins Auge Artikel</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-germanisches-weltverstandnis/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h3>Germanisches Weltverständnis</h3>
<p>Als die Sau noch Göttin war, hatten´s die Schweine besser – sie wurden nicht mit unliebsamen Menschen verglichen, sondern galten als heilig. Dass Vieh und Volk sich die Schlafräume teilten, mag pragmatische Gründe gehabt haben – es ist halt wärmer im Kabuff, wenn´s draußen schneit und frostet. Parfümfans mögen die Nase rümpfen, doch für vorchristliche Germanen hatten Tiere und Gottheiten oft denselben Stallgeruch. Man fühlte sich umgeben von einer Unzahl benamter Gestalten mit unheimlichen Kräften; mit den einen musste man sich gut stellen, damit sie einem die anderen vom Leibe hielten; der Alltag war magisch und das Spirituelle alltäglich, die ganze Welt beseelt, voller Sinn und Bedeutung. Schenken wir den literarischen Quellen Glauben, galt das Getreide auf dem Feld als das goldene Haar der Göttin Sif, der Gattin des erdverbundenen Donnergottes Thor, der die Menschheit beschützt vor den Riesen.<br />
Schriftliche Überlieferungen über angeblich germanische Götter sind erst in christlicher Zeit entstanden und auch aus anderen Gründen nicht als Belege originär altgermanischer Spiritualität verwendbar. Auf die sich daraus ergebenden Zweifel bzw. unser faktisches Unwissen über definitive Inhalte vorchristlichen Heidentums germanischer Prägung ist an anderer Stelle eingegangen worden (siehe hierzu meinen Artikel <a href="http://www.nornirsaett.de/der-kleine-unterschied/" target="_blank">&#8220;Der kleine Unterschied&#8221;</a>, Anm.d.Verf.).<br />
Ich halte mich im Folgenden dennoch weiter an die aus der &#8220;Edda&#8221; bekannten Bilder – zum einen haben wir keine anderen, zum anderen taugen sie trotz ihrer Unbeweisbarkeit hinsichtlich altgermanischer Göttervorstellungen meines Erachtens durchaus als beispielhafte Platzhalter solcher: da sich die daraus resultierenden Welt- und Wertvorstellungen zumindest von unserer heutigen Natur- und Umweltauffassung derart tiefgreifend unterscheiden, dass wir erahnen können, wie untrennbar &#8220;spirituelle&#8221; und &#8220;materielle&#8221; Lebensaspekte verwoben waren für Kulturen, denen der Begriff einer definierbaren &#8220;Religion&#8221; (in heutigem Sinne) fremd war. Die bewusste Freistellung solcher Aspekte wie &#8220;spirituell&#8221; und &#8220;religiös&#8221;, ihre begriffliche Herauslösung aus dem &#8220;übrigen Leben&#8221; ist für uns freilich seit vielen Generationen derart normal, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, dass altvordere Heiden diese Begriffstrennung nichtmal denken konnten.<br />
Nebenbei sehe ich hierin einen wichtigen Grund für die rasche Verbreitung des Christentums unter germanischen Stämmen: Die historischen Heiden ahnten in gar keiner Weise, was da auf sie zukam. Warum hätten sie einen neuen Gott als störend oder unpassend empfinden sollen? Was uns heute an &#8220;Religion&#8221; so typisch erscheint – das (jegliche Alternativen kategorisch ausschließende) Monopol auf eine Wahrheit, an die alle glauben sollen – war der gesamten heidnischen Antike unbekannt. Und gerade Germanen nahmen neue spirituelle Angebote und Vorstellungen oft besonders begeistert auf – kein Mensch germanischer Provinienz wäre damals auf die Idee gekommen, ein &#8220;Heidentum&#8221; in Gefahr zu sehen und &#8220;es&#8221; daher etwa gegen &#8220;das Christentum&#8221; verteidigen zu wollen.</p>
<p>Was immer sich vorchristliche Germanen vorgestellt haben mögen spirituell – sie kannten kein &#8220;-tum&#8221;. Woraus wir folgern: Echte Germanen &#8220;tümeln&#8221; nicht. (Aaachtung Germanentümelnde! Stillgestanden! Wegtreten!) </p>
<p>Jetzt aber weiter eingetaucht in unsere imaginierte Welt vielleicht nicht allzu echter, nichtsdestotrotz beispielhafter Ansichten und Auffassungen ganz selbstverständlicher Naturbeseeltheit:<br />
Riesen, das waren der bösartige Gletscher weiter nördlich oder die Lawine vom vorigen Jahr, der gefürchtete Hagel vor dem Herbst oder die plötzliche Feuersbrunst – aber auch die liebreizende Gjerda, die immer im Frühling kommt, um als blühende Vegetation die Erde neu zu beleben. Man huldigte Mani, dem bleichen Nachtauge am Himmel, und wenn der nicht mehr zu sehen war, stand der Mond unter dem Einfluss von Bil, der Schwarzmondgöttin. Im tiefen Wald tanzten Elfen, in den Flüssen wohnten die Nymphen, das Haus bewachten Kobolde, denen geopfert wurde, und als Stützen des Himmelsgewölbes wusste man vier weit entfernte Zwerge mit den sinnigen Namen Austri, Sudri, Westri und Nordri. Ehrfürchtig gewahrte man den Regenbogen als Bifröst, die Brücke zu den Göttern des Bewusstseins, den Asen.<br />
Ausgefeilte Bestattungsriten sorgten dafür, dass keine toten Menschen umgingen in den Häusern der Lebenden (obschon man an ihre baldige Reinkarnation glaubte); dem alljährlichen Wedererwachen der Erdgöttin Nerthus aber widmete man ausgelassene Umzüge mit geschmückten Wagen quer durch die Dörfer.<br />
Ähnlichkeiten zum katholischen Fronleichnam oder Karneval u.ä. sind selbstverständlich rein zufällig, ebenso wie Weihnachten, Ostern, Lichtmess oder Allerseelen. Tatsächlich ist das einzige heidnische Fest, das (früherer oder späterer) christlicher Umdeutung entging, Beltane, besser bekannt als Walpurgisnacht. Das war kein germanisches, sondern ein keltisches Fest für den Feuergott Bel und die Fruchtbarkeit – möglicherweise tatsächlich inklusiv menschlicher Sinnenlust. Letztere wird den Germanen ja gern abgesprochen, was nicht zuletzt an Tacitus liegt, der dem Brot-und-Spiele-Zirkus seiner römischen Zeitgenossen unbedingt die moralischen Wilden entgegensetzen wollte, bei welchen eben “keine heimlichen Briefchen zwischen Unverheirateten kursieren” (wie auch: waren ja Analphabeten).<br />
Die Skandinavier jedoch bildeten den Fruchtbarkeitsgott Freyr ab mit einem Phallus, der das wirklich &#8220;herausragende&#8221; Merkmal der ganzen Götterfigur darstellt; und der Volksbrauch der Wölsi-Verehrung hat sich, wenn auch bereits christlich angeschmäht, bis in die Edda gerettet (ein Wölsi ist ein Gegenstand zu nicht mehr bekannten Kultzwecken. Es handelt sich dabei um das irgendwie ohne künstliche Konservierungsstoffe haltbar gemachte Geschlechtsteil eines ausgewachsenen Hengstes).</p>
<p>Der geheimnisvolle Kriegs- und Totengott Odin (im Süden in einfacherer und älterer Form als Sturmgott Wodan verehrt) war aufgrund seines äußerst zwiespältigen Charakters und seiner verschlungenen schamanischen Lehren wohl kaum eine Konkurrenz für das aufkommende Christentum mit seinen einfachen Heilsversprechen – von einem Kult um Freyja ist uns leider noch weniger überliefert: gar nichts. Kann also sein, dass es gar keinen solchen gegeben hat. Was aber, wenn doch? Und ganz unabhängig davon, was war oder vielleicht auch nicht: Spätestens heute sollte es einen geben: Freyja, die schillerndste weibliche Gestalt des germanischen Götterhimmels, verkörpert (doch spätestens für uns Heutige) die freie Frau in jeder möglichen Hinsicht. Freyja bedeutet einfach “Herrin”, doch Namen hatte sie viele. Moderne Forscher haben sich generationenlang die Köpfe zerbrochen über das Fehlen eines germanischen Sonnengottes. Baldur ließ sich dazu nicht machen – ein Lichtgott mochte er sein, aber sein Mythos rankt sich zu sehr um seine Ermordung, die das Götterschicksal einläutet, die Ragnarök – Analogien zur Sonne lassen sich da schwerlich (er-)finden. Man hat versucht, Freyja in ihrer Erscheinungsform als Mardøll – in einer Lesart “die Pferdefrohe”, in einer anderen “die das Meer Erleuchtende” – als eine Art nordische Meeresnixe zu deuten. Ich persönlich habe noch nie gehört oder gesehen, dass Nixen leuchten. Als Erleuchtung kam mir die Sonne.<br />
<a href="http://www.nornirsaett.de/wer-erleuchtet-das-meer-teil-1/" target="_blank">Wer sonst “erleuchtet” das Meer?</a> Ihre Mythen sind vielfältig. Für die einen umfährt sie das Erdenrund auf einem Wagen, der von Katzen gezogen wird; den anderen fällt ihre Geilheit auf: “…wie zwischen Böcken die Ziege rennt”, wird in der Edda Freyjas Neigung zu wechselnden Liebschaften beschrieben. Sicherlich ist ihr Charakter kätzisch: Liebe, Hexerei und Krieg sind die Hauptressorts der Vánadis, der Vanen-Dise,<br />
der berühmtesten der Vanen – jener (zwar wiederum nur von Snorri erwähnten, s.o.) Gottheiten der Instinkte, des Intuitiven und des sinnlichen Gedeihens (in symbiotischem Kontrast zu den Bewusstseinsgöttern, den Asen. Obwohl eine genaue Grenze zwischen den beiden germanischen Göttergeschlechtern nichtmal von deren mutmaßlichem Erfinder gezogen wird. Nicht als einzige wird Freyja sogar von Snorri mal den einen, mal den anderen zusortiert).<br />
Einer ihrer Namen leiht diesem Vortrag den Titel. Denn die Germanen riefen ihre große Herrin auch Syr, das heißt wortwörtlich Sau.<br />
Meine Deutung von Syr, Mardøll, Vanadis oder Freyja als germanische Sonnengöttin wird unterstützt vom Mythos des Brisingamen, Freyjas magischem Halsschmuck, dessen Sinn und Zweck darin besteht, unglaublich hell und strahlend zu leuchten; außerdem wird seine Trägerin als die “tränenschöne Göttin” besungen. Nicht im Sinne von Heulsuse: Vielmehr heißt es, man könne dieser Göttin nicht ins Angesicht schauen, ohne tränende Augen zu bekommen. Nachdem das Tränengas noch nicht erfunden war, bleibt als mögliche Erklärung eigentlich nur die große Sonne übrig. (Die Sonnengöttin-Theorie wird auch von anderen vertreten, aber das sind wie ich alles keine Wissenschaftler. Es mag also wahrscheinlich sein, bleibt jedoch spekulativ. Immerhin würde es dazu passen, dass Tacitus standhaft behauptete, die Germanen hätten “Sonne und Mond” angebetet.)<br />
Doch hinter der scheinbar primitiven Verehrung augenfälliger Naturerscheinungen verbirgt sich oft eine nicht zu unterschätzende Kosmologie – wir haben keinen Anlass anzunehmen, dass das bei germanischen Stämmen prinzipiell anders gewesen ist als überall sonst und bis heute auf unserer schönen, geplagten Planetin (wo jeweils die sogenannte &#8220;Zivilisation&#8221; noch nicht alles plattwalzte oder wenigstens so spät kam, um noch einen Blick auf archaische Gesellschaftsformen stammesartiger Gruppierungen zuzulassen).</p>
<p>In der Edda rankt sich die Kosmologie um einen Weltenbaum, der auch in seriösen Quellen meist als “Weltesche” bezeichnet wird. Meiner Auffassung nach handelt es sich dabei um einen Übersetzungsfehler: Der altnordische Begriff “barraskr” bedeutet wortwörtlich “Winteresche”, womit ein Baum gemeint ist, der auch im Winter grünt. Das ist bei einer Esche <i>(Fraxinus excelsior)</i> aber nicht der Fall, und die immergrüne Eigenschaft<br />
des Weltenbaums wird in den alten Quellen mehrfach betont. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei der mythischen Weltachse Yggdrasil (wörtlich: &#8220;Pferd des Schrecklichen&#8221; – eine Anspielung auf Odins schamanisches Selbstopfer) um einen Baum der Sorte <i>Taxus baccata</i> handelt, auf deutsch: Eibe.<br />
Von allen europäischen Baumsorten ist ihr Holz das härteste und wächst bei weitem am langsamsten. Nicht nur ihre Seltenheit machte die Eibe schon früh heilig (Buchenwälder verdrängten die Eibenwälder zu Zeiten, als die Menschen noch keine Bäume fällen konnten), sondern auch die Tatsache, dass dieser Baum in der Sommerzeit ein halluzinogenes Gas ausströmt, an welchem man sich regelrecht berauschen kann – oder unversehens berauscht wird, wenn man auf diesen Umstand nicht vorbereitet ist. Eiben lieferten das haltbarste und beste Holz für Pfeil und Bogen, und den Schnee- und Jagdgott Ullr wusste man zuhause in Ydalir, das heißt Eibental.<br />
Im ältesten germanischen Runensystem, das mindestens von 200 bis etwa 600 n.Chr. in Gebrauch war, dem sog. Älteren Futhark (benannt nach den ersten sechs Runen Fehu, Uruz, Thurisaz, Ansuz, Raidho und Kenaz), hat die Eibe eine auffällige Position: Als dreizehnte Rune liegt sie nicht nur in der Mitte des 24 Runen umfassenden Systems, das aus drei Achterreihen besteht, sondern ist auch der Dreh- und Angelpunkt der mittleren Reihe, der sog. Hels Ætt oder Zauberer-Acht, deren Runenabfolge als Anleitung für einen Initiationsweg gelesen werden kann: den sog. Helsweg. Die Eibenrune Eiwaz folgt der Jera, die das Jahresrad bzw. den Zeitenzyklus symbolisiert, und bringt diese(n) erst in Bewegung. Auf Eiwaz wiederum folgt die Wiedergeburts- und Weisheitsrune Perthro.<br />
<a href="http://www.ipernity.com/doc/eibensang/4151410"><img src="http://u1.ipernity.com/1/14/10/4151410.e0f22f54.jpg" width="300" height="400" alt="Eiwaz" border="0"/></a> <i>Eiwaz</i><br />
Außer der Eibe ist im Älteren Futhark nur eine einzige weitere Rune einem Baum gewidmet, und zwar die 18. Rune Berkana, die als Birke u.a. für Mütterlichkeit, Fürsorge und Nestwärme steht. Diese Sinndeutungen sind zwar nur meine <a href="http://www.eibensang.de/index.php/category/schweinepriester/runen/" target="_blank">eigenen, persönlichen.</a><br />
Unumstritten ist jedoch die Tatsache, dass es im Älteren Futhark eine Rune für die Eibe und eine für die Birke gibt – aber keine, die &#8220;Esche&#8221; bedeutet oder diesem Baum  zugeordnet wäre.<br />
Über solches Kniefieseln hinaus dürfen wir insgesamt davon ausgehen, dass historisches Heidentum germanischer Prägung ohne Paradiesvorstellungen und Heilsversprechen auskam. Der Mythos von Walhall, wo die gefallenen Krieger Odins bewirtet werden, scheint erst gegen Ende der Völkerwanderungszeit aufgekommen zu sein – massive Ableitung christlichen Jenseitsvorstellungsvermögens darf hierfür angenommen werden, immerhin huldigte die überwiegende Mehrzahl der germanischen Stämme längst Christus – auch wenn im damals populären <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arianismus" target="_blank">Arianismu</a> der Gottessohn selbst eher als Mensch denn als Gott gesehen wurde (was wiederum noch recht germanisch dünkt).<br />
Den in der Edda als germanisch apostrophierten Göttern übergeordnet waren (ebenda) die Nornir oder Nornen, die das Schicksalsgefüge verkörpern. Bei näherer Betrachtung ihrer Eigenschaften lässt sich spekulieren, dass <a href="http://www.nornirsaett.de/no-future-warum-das-germanische-keine-zukunft-hat/" target="_blank">germanisches Denken keines Zukunftbegriffes bedurfte:</a> im Sinne der uns heute so logisch und alternativlos erscheinenden linearen Zeitachse Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft (die für meinen Geschmack auffällig zu linearen Schöpfungsmythen wie dem der Bibel passt. Wer mir jetzt aber die Völuspa vorhalten mag – als eine &#8220;germanische Schöpfungsgeschichte inklusiv Untergangs-Showdown&#8221; etwa –, sei daran erinnert, dass diese Verse irgendwann in der Wikingerzeit entstanden – die überwältigende Mehrheit der germanischen Welt dachte da längst schon in christlichen Mustern). Interessanterweise (und auch ganz ohne Nornengeraune mit zu bemühen) kannte die gemeingermanische Sprache kein Futur: Noch in ihren heutigen Ablegern ist ein solches nur mittels Hilfsverben grammatikalisch korrekt konstruierbar &#8230;<br />
Ein zyklisches Weltbild braucht weder abstrakte Zukunftsbegriffe noch Offenbarungen: sein Wesen erfüllt sich in Kreisläufen, in Wiederholungen, von denen Varianten denk- und erfahrbar sind, die sich aber selbst nicht ändern brauchen. Erst das Annehmen göttlicher &#8220;Offenbarungen&#8221; als religiösen Kern und Impuls zwingt Spiritualität auf die lineare Zeitachse: Propheten, Prophezeihungen, Missionierung, Weltuntergangs-Szenarien für den Glaubens-Verweigerungsfall etc. pp. sind anders nicht sinnvoll sortierbar.<br />
Erst die Abwesenheit eines zentralen Offenbarungsmythos erlaubt eine – dann fast selbstverständlich aufblühende – Vielfalt in Bräuchen, Auslegungen, Handhabungen: weshalb sich für altgermanische Kultgepflogenheiten, ohne diese selbst kennen zu können, Entsprechendes – samt mehr oder minder individueller, zumindest aber sippen- und stammesbezogener Freiheiten – annehmen lässt. Das Einhämmern religiöser Dogmen in ganze Bevölkerungen bedarf gewaltiger Anstrengungen (sowie die Errichtung möglichst dauerhafter Kontrollinstanzen, damit sich der beinharte Schmarren nicht wieder alsbalden in unzählige esoterische Beliebigkeitsvarianten verflüchtigt, sondern &#8220;auf Linie&#8221; gehalten werden kann) – es gibt nicht nur keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass heidnische Germanen etwas Vergleichbares veranstaltet hätten, es spricht vielmehr alles dagegen.</p>
<p>Das Heil hing mit den Göttern zusammen, wurde von diesen jedoch nicht gespendet, sondern auf der Erde durch menschliches Geschick und Ehre erworben. &#8220;Mattr ok megin&#8221;, Macht und Vermögen – das bezog sich auf die Fähigkeit des Einzelnen, in der rauen Wirklichkeit zurechtzukommen, als deren Angelpunkt man / frau sich begriff. Kein Glaube für Esoteriker.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/918873"><img src="http://u1.ipernity.com/1/88/73/918873.24e17d59.500.jpg" width="500" height="375" alt="Lögberg" border="0"/></a><br />
<i>Lögberg im Thingvellir in Island. An dieser Stelle stand früher der Sprecher beim Althing. Foto: Londo</i></p>
<p>Edda-Poet Snorri schwadroniert außer von der Menschenwelt noch von weiteren acht. Die &#8220;neun Welten&#8221; sind nirgendwoanders belegt als nur bei ihm – wir dürfen oder müssen daher annehmen, dass dieser christliche Skaldenlehrer sich alle Neune aus der Fantasie gesaugt hat. Auf der andern Seite darf man durchaus fragen: woher? Welche damals schon alten Mythen, wie viele unterschiedliche Erzählungen mag er gefleddert haben, um seinen Schülern das Verseschmieden beizubringen – und was hat er selbst noch mit dazugedichtet – viel oder wenig, alles oder nichts? Kurz (und dichterisch gefragt): Welche Germanen haben das Garn gesponnen, wann wurde es zu Tuch verwoben, aus welchen Stücken schrieb uns Sturluson den Stoff?<br />
Poetisch bleibt, für alle Zeit (so hofft man ja), zumindest das Ergebnis. Alle neun Welten hängen am bereits erwähnten großen Baum, den ich mal, in meiner eigenen Ausdeutung, ganz frech &#8220;Welteibe&#8221; nenne: in der Mitte die Welt der Menschen, Midgard genannt – die einzige Welt von allen, die, wie es so schön heißt, &#8220;der Zeit unterworfen&#8221; ist &#8230; und außerdem so eine Art Bahnhof (oder sollte man es heute eher &#8220;Schnittstelle&#8221; nennen, &#8220;Interface&#8221;?) zu den anderen Welten darstellt. Acht weitere Welten aus Feuer und Eis, für Riesen, Elfen und  Zwerge, für Fruchtbarkeits- und für Bewusstseinsgötter, nebst einer Wiedergeburts-Wartestation male sich aus wer mag – oder lese die Edda, die ich hier nicht nacherzählen mag. Mir gefällt an diesen Mythen, dass sie – anstatt eine Aufteilung in &#8220;gute&#8221; und &#8220;böse&#8221; Mächte vornehmen – vielmehr ein Ausbalancieren von Spannungsverhältnissen beschreiben: ein Weltverständnis, das mir in seiner pittoresken Differenziertheit alles andere als &#8220;barbarisch&#8221;, geschweige denn als &#8220;primitiv&#8221; erscheint.</p>
<p><a hre="http://www.eibensang.de/index.php/category/schweinepriester/welten/" target="_blank">Sehen wir uns das mal an:</a> An der Wurzel des Großen Baumes nagt der eher unsympathische Drache Nidhöggr, auf der Krone hockt ein seltsamerweise namenloser Adler, und die beiden können sich nicht riechen. Ein unermüdlich am Weltenbaumstamm rauf- und runterrasendes Eichhörnchen namens Ratatösk ist so freundlich, den Kontrahenten die gegenseitigen Schmähworte auszurichten –  vermutlich war das der erste Postbetrieb der Welt. An den Knospen des Baumes nagen vier gewaltige Hirsche &#8230; Ökokenner/innen unter uns wissen, was das heißt: Es kann nicht mehr lang dauern mit dem Baum, der auch Yggdrasill, Pferd des Schrecklichen, genannt wird, weil sich der schreckliche Odin mal zu Selbstfindungszwecken dran aufgehängt hat.<br />
Und es dauert doch. Nichts klappt wie es soll: Odin hat nicht sich selbst, sondern die Runen gefunden, doch musste für höhere Erkenntnisse ein Auge lassen. Überhaupt ist sein Charakter eher zwie- bis vielspältig – aber was soll man schon halten von einem intellektuellen Workaholic, der gleichzeitig Gott der Dichter und der Krieger ist und obendrein schamanisch tätig sein muss, wenn er nicht gerade im Aufsichtsrat der Asen hockt &#8230; wobei er sein Gedächtnis und seine Gedanken in Form von zwei Raben auslagert, um die er regelmäßig bangt, dass sie mal nicht zurückkommen und vielleicht abstürzen wie uns heutzutage der Rechner. Kein Wunder, dass Odin niemals isst, sondern sich ausschließlich von Wein und Met ernährt. Und dafür hat er zu Tacitus&#8217; Zeiten den alten Himmelsgott Tyr, Teiwaz, Tiu oder Saxnot (je nach Stamm) abgelöst &#8230; Aber für einen, der als einfacher Sturmgott angefangen hat, doch keine schlechte Karriere, oder?</p>
<p>Und was ist aus Tyr geworden? Der Gott der Gerechtigkeit. Bevor er das wurde – und anders hätte er&#8217;s nicht werden können – büßte er erstmal seine rechte Hand ein, weil er einen Schwur einhielt, der genau genommen ein handfester Betrug war &#8230; wenn auch nur an einem Untier wie dem Wolfsmonster Fenrir. Selbst der Kraftprotz Thor ist nicht ohne Tadel: nicht nur wird er ohne seinen Hammer hilflos, dass er sich verkleiden muss, er hat auch von irgendeinem Abenteuer noch einen Splitter in der Stirn, der ihm immer wieder mal Kopfschmerzen bereitet. Wächtergott Heimdall hat von vornherein sehr seltsam angefangen: als Sohn von neun Müttern – die wiederum sind die Töchter der dunklen Meeresgöttin Ran. Auch heute kann man sie noch sehen, wie sie sich winden, heranwallen, im Wind tanzen und toben, und manchmal tragen sie weiße  Krönchen auf den nassen Häuptern. Manche sind riesengroß, andere klein, zuweilen kommen sie in Scharen, dann wieder räkeln sie sich sanft entlang und lachen. Im Meer sieht man meist welche – sie bilden sozusagen dessen oberen Rand. Wir nennen sie Wellen.</p>
<p>Die einzige Gestalt im nordischen Mythos, die einer Idealfigur nahekommt, ist der Lichtgott Baldur. Seine Behinderung besteht darin, dass er tot ist – versehentlich erschossen von einem Gott namens Hödur, der an Blindheit leidet. Angestiftet wurde die Tat vom listigen Loki, auf den dann alle anderen Götter auch entsprechend sauer waren. Bei Loki weiß man nie, ob man ihm die Füße küssen oder ihn hochkant rausschmeißen soll – er ist nämlich für die größten Katastrophen und Ungeheuer ebenso verantwortlich wie für das Entstehen der wichtigsten Waffen und Helfer der Götter. Verlassen kann man sich bei ihm darauf, dass man sich nicht auf ihn verlassen kann. Du hast ein Problem? Ruf ihn an – er löst es dir: rasant und auf höchst originelle Weise. Und wenn er wieder geht, hast du dann ein anderes – das mit einiger Wahrscheinlichkeit größer ist als das von ihm gelöste. Ein ziemlich modern anmutender Gott, könnte man sagen – und seltsamerweise gerade unter vielen Neuheiden beliebt (seltsam finde ich das deswegen, weil Neuheiden sonst eher allem Altbekannten zugeneigt – und für Änderungen, besonders rasante, sonst nicht so schnell zu begeistern sind. Vermutlich mögen sie Loki deswegen, weil seine Beschreibung die der andern Götter an widersprüchlichen Facetten um ein Vielfaches übertrifft. Er hat einfach den schillerndsten Charakter.)<br />
Die binär (hie schwarz, da weiß) kolorierte Totengöttin Hel ist ebenso seine Tochter wie die erdumspannende Midgardschlange Jörmungandr; Loki ist der Vater Fenrirs, aber auch die Mutter des achtbeinigen Götterrosses Sleipnir. Loki hatte sich nämlich in eine Stute verwandelt, um den Arbeitshengst eines Riesen von der Arbeit abzuhalten – auf diese Art gewannen die Asen eine ziemlich hinterlistige Wette, die ihnen die Götterburg Asgard einbrachte. Und hätte Loki als Stute nicht den Hengst gevögelt, hätten die Götter ihre geliebte Vánadis, die Vanengöttin Freyja an die ungeschlachten Riesen ausliefern müssen. Alles klar?<br />
Loki ließ den zauberkräftigen Thorshammer Mjöllnir schmieden – stach aber dem das Werk ausführenden Zwerg Brock als Fliege so lange in die Augen, bis der sich das Blut rauswischen musste: wodurch die Arbeit unterbrochen und der Stiel des Hammers ungewöhnlich kurz wurde. (Es ist aber ein Gerücht, dass Loki auch &#8220;Windows Vista&#8221; mitprogrammiert habe – das hat nichtmal Snorri so behauptet.) Zusammenfassend kann man sagen: Loki ist Murphy&#8217;s Gesetz auf germanisch und der Ausweg daraus in einem – unberechenbar ist nur die jeweilige Reihenfolge. Und woher kommt diese/r Loki?<br />
Genetisch ist er &#8220;reinrassiger&#8221; Riese – durch Blutsbrüderschaft mit Odin wird er jedoch zum vollwertigen Asen.<br />
Dies nur als weiterer Hinweis dafür, dass germanische Lebensart vor keiner machbaren Vermischung zurückschreckt. Nicht nur die Mythen – angefangen bei der Vermischung der Asen und Vanen – auch die historische Entstehung und Entwicklung der Germanen ist eine einzige Geschichte der Völkervermischung.<br />
Fazit: Angst vor Fremden ist dem Germanen fremd!<br />
Der Lustgott Freyr ist nicht nur ein sinnenfroher Lover seiner leiblichen Schwester Freyja – sowie der schönen Riesin Gjerda, de er dann unter Androhung eher übler Zaubereien heiratet (er droht ihr, nicht umgekehrt) – sondern auch ein richtiger Kämpfer. Typisch germanisch, möchte man meinen. Nur: Zu Ragnarök, dem entscheidenden Schicksalskampf der Götter, ist Freyr leider waffenlos – sein magisches Schwert hat er nämlich gerade an einen Kumpel verliehen, weshalb der Kampf auch des Happy Ends entbehrt. Dafür war Freyr vorher ein ziemlicher Zampano: besaß er doch ein Hosentaschen-Faltboot, in das die ganze Götterwelt hineinpasste, oder ein Schwert, das ebenso einen Felsen zerhacken konnte wie stehend im Wasser eine herandümpelnde Flaumfeder spalten – haarscharf.<br />
Der Traum vom perfekten Equipment war demnach auch ein germanischer. Kein Wunder – man braucht sich nur vorstellen, welche Mühe es macht, mit einem wackeligen Ochsenkarren zwischen Wald und Sumpf einherzuzuckeln, und nirgends eine Vertragswerkstatt. Ob es wenigstens Wege gab? Wie man&#8217;s nimmt! Echte Völkerwanderer finden wohl immer welche. Inzwischen hat Freyr wahrscheinlich ein rasend schnelles yGod – besser als jedes iPad – das keinen Akku braucht und nie abstürzt &#8230; außer, wenn man mal ganz schnell im World Wide Wyrd was &#8220;mimirn&#8221; (altnordisch für googeln) muss.<br />
Womit nur gesagt sein soll: Die Geschichten hören nicht auf. Fängt man erst einmal an, sie zu verfolgen, verästeln sie sich geradezu labyrinthisch: Hinter Gängen und Räumen warten weitere Türen; man findet auf Anhieb fast alles, nur keine Wegweiser. Annehmen darf man, dass die überbordende Vielfalt ihrer Götterwelt durchaus germanische Lebensauffassung wiederspiegelt. Die Götter entstammen den Riesen, und am Schluss unterliegen sie diesen. Das Bewusstsein (symbolisiert durch die Götter) entstammt dem Unbewussten (symbolisiert durch die Riesen) – und droht ständig wieder ins Unbewusste, Vorbewusste zurückzufallen: die Geschichte der Welt – nur eine platzende Seifenblase im All. In den dazwischen liegenden Abenteuern sind die Götter ebensowenig perfekt wie die Menschen, denen sie als Vorbilder dienen – das macht ihren praktischen Wert aus.<br />
Nicht unerreichbare Ideale oder ewige Paradiese werden angestrebt, sondern die Fähigkeit, mit den vorhandenen eigenen Macken zurechtzukommen. Immer wieder gefeiert und besungen: die Möglichkeit, trotz eklatanter Schwächen und mancher Chancenlosigkeit durchzukommen, bisweilen zu siegen. Die Altvorderen gaben sich Mühe, diese Mythen spannend und farbig zu gestalten. Spannende Geschichten erzählen – für schriftlose Kulturen das einzige Mittel, praktisches Wissen, Lebensweisheit und (in gewissem Sinne) geschichtliche Entwicklungen und aktuelle Gegebenheiten zu vermitteln.<br />
Sieht man sich die Kultur dieser Geschichtenerzähler an und verfolgt ihre Werdegänge in heutigem historischem Kontext, findet sich eine Erklärung für die Vielfalt: Sie ist ein Ergebnis von nicht nur äußerer, sondern auch und gerade innerer Beweglichkeit: Flexibilität. Germanische Stämme kannten kein “Volks-” oder Nationalgefühl – aber sie schotteten sich nie ab, sondern nahmen alle Einflüsse von außen auf, die ihnen buchstäblich “in den Kram passten” – unter Wahrung ihrer kulturellen Integrität. Die verloren sie erst allmählich unter dem Zeichen des Kreuzes, seines hierarchisch und zentralistisch gesteuerten Kultes und seiner fixen Feindbilder. Den schließlichen Untergang germanischen Stammestums jedoch hat das Christentum als solches viel weniger zu verantworten, als dies (zumindest in weiten Kreisen der Neuheidenszene) angenommen wird. Viele ostgermanische Stämme christianisierten sich auffallend früh und rasch, und mit dem Arianismus kamen auch spätere germanische Stämme jahrhundertelang wunderbar zurecht. Was die Stammeskulturen viel tiefgreifender und nachhaltiger umformte, bis sie schließlich Bestandteile staatsähnlicher Gebilde wurden (was man als definitives Ende historischer Germanenkultur betrachten darf), war vielmehr die Übernahme römischen Rechtssystems und der damit einhergehenden Verfassungskonsequenzen inklusiv deutlich steiler angelegter Hierarchien. Der katholischen Kirche nützte diese Regierbarkeit zunehmend zentral verwalteter definierter Territorialreiche enorm, alleinige Impulsgeberin dieser Entwicklung war sie nicht.</p>
<p>Apropos Hierarchien. In der Edda findet sich ein umstrittenes Gedicht – umstritten deswegen, weil die Forscher sich uneins sind über dessen Entstehungszeit (die wiederum entscheidend dafür sein könnte, ob das Stück überhaupt zum Kanon gezählt werden darf).<br />
Vieles deutet auf &#8220;späten&#8221; bis &#8220;spätesten&#8221; Einschub (14. Jh.!) hin. Es heißt &#8220;Rigsthula&#8221; und kommt scheinbar harmlos – und ohne die sonst üblichen Rätselverse – daher. Aber gerade diese Harmlosigkeit macht es in meinen (etwas misstrauischen) Augen geradezu selbstverräterisch.<br />
Worum geht’s? Beschrieben wird, wie der Gott Heimdall über die Erde wandert und nacheinander in mehreren Menschenhäusern einkehrt und nächtigt, um den dortigen Männern die Frauen auszuspannen, und das auch noch ohne Gummi. Er schwängert sie alle absichtlich. Ich schildere das so flapsig aus moderner Sicht, um klarzumachen, wie uns Heutigen ein- und derselbe Umstand vorkäme und anmutete. Pathetische Ergriffenheit ist hier nämlich ganz und gar unangebracht: vernebelt nur die Sicht auf tatsächliche Inhalte – und deren mögliche Intentionen. Was die Rigsthula erzählen will, ist die sakrale (Be-)Gründung dreier Gesellschaftsschichten: &#8220;Heimdall&#8221; zeugt nämlich den Stand der Knechte, den der freien Bauern und den der &#8220;Edlinge&#8221;. Was diese Geschichte so verdächtig macht, ist nicht nur der Umstand, wie sie erzählt wird, sondern dass. Wenn eine Klassengesellschaft bereits selbstverständlich war seit Generationen (im Sinne eines stammestypischen &#8220;schon immer &#8230;&#8221;-Verständnisses)– warum musste es dem Volk dann nochmal so klar und entschieden eingehämmert werden? Nirgends sonst in der Edda findet Vergleichbares statt. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier versucht wurde, eine soziale Umwälzung nachträglich zu mystifizieren (und damit auch zu rechtfertigen). Stil und Duktus der Rigsthula unterscheiden sich von allen anderen Eddagedichten und -erzählungen erkennbar. Könnte es sein, dass diese gesellschaftliche Standesdünkelei dem Volk ursprünglich fremd war – dass sie ihm sozusagen erst beigebracht, in heutigen Worten: &#8220;verkauft&#8221; werden musste?<br />
Wie rechtfertigt man das Einrichten hierarchisch steilerer Verhältnisse – besonders jenen gegenüber, die davon eher weniger profitieren? Und was lag dann näher, als einen Gott dafür zu missbrauchen? Eine sakrale Begründung sozialer Zustände findet sich an keiner anderen Stelle der Edda. Viele der sonstigen Verse sind krude, lückenhaft und verrätselt bis zur Schwerstverständlichkeit, zuweilen verlieren sie den Faden oder sich selbst halb im Nichts – selbst bei der (relativ jungen) Völuspa noch ist zumindest die Reihenfolge der Strophen strittig. Aus all dem schimmert die Rigsthula hervor wie ein Paar Lackschuhe zwischen Bundlatschen und abgerissenen Sandalen. Sie ist viel zu rund, um wirklich dazu zu passen. Vielleicht ist sie so klar und deutlich, weil sie nicht zu &#8220;altem Überlieferungsgut&#8221; gehörte, sondern dem nachträglich angehängt wurde. Vielleicht diente sie den sich ins Staatlichere wandelnden Verhältnissen zur Rechtfertigung: sozusagen als Propagandapoesie.</p>
<p>Spekulation? Vielleicht. Als erklärter Gegner jeglicher Verschwörungstheorien will ich aber hier nicht selber eine lostreten. Nur zum kritischen Nachdenken anregen: Germanische Mythen von der Entstehung dreier Stämme (z.B.) hatte ja schon weiland Tacitus aufgeschnappt und verewigt. Bloß hatten jene nix mit &#8220;Ständen&#8221;, mit Einteilungen in Gesellschaftsschichten zu tun. So halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass auf Grundlage solcher vertrauter Mythen am Ende Um- und Ausdeutungen vorgenommen wurden.<br />
Aber wie auch immer! So oder so ging mit und bei der Herausbildung der frühmittelalterlichen europäischen Reiche die Ära der Stammesgesellschaften zu Ende.<br />
Und trotzdem. Germanische Geschichte und Moral ist immer ein einziges, hintersinnig-trotziges “trotzdem”. Die germanischen Götter haben ihren eigenen Untergang, die Römer, die Christen, und die Nazis überlebt, und sie funktionieren noch immer – heute vielleicht besser denn je.</p>
<h3>Schlusswort</h3>
<p>In Zeiten des Wertewandels findet auch Werteverfall statt, und zur schon länger empfundenen Entfremdung von Instinkt und Natur gesellt sich heutzutage spirituelle Orientierungslosigkeit. Wer heute (z.B. im Internet, aber auch im richtigen Leben) auf Anhänger Wotans stößt, bekommt es sehr häufig immer noch mit (mehr oder weniger verkappten, zuweilen auch nur unbewussten) Rassisten zu tun, die ihre verzerrten Germanenbilder aus denselben Quellen beziehen wie die alten Nazis, und diese braune Soße eifrig weiterreichen. Das ist kein spezifisch deutsches Phänomen, aber in Deutschland ist es am gefährlichsten: denn die Deutschen haben (nach Hitler und wegen ihm) ihre eigene Geschichte verdrängt wie kein anderes Volk.<br />
Wenn die alten Sagen und Mythen, die in vielfältiger Form bis in unsere Märchen hineinreichen, den neuen Nazis überlassen bleiben, ist die Gefahr eine doppelte. Zum einen verliert ein Volk, das sich den eigenen Mythen verweigert, seine Identität. Wer keine Identität spürt, vermisst eine – und lässt sich womöglich eine diktieren. Das war eine der Grundvoraussetzungen für Hitlers Popularität. Zum anderen wird den neuen Rassisten mit den alten Mythen ein Werkzeug in die Hand gegeben, das sie nicht gebrauchen können, ohne es von oben bis unten zu besudeln. Ich hoffe, dazu beitragen zu können, dass es ihnen die Finger verbrennt.</p>
<p>Zum Abschluss möchte ich hier die evangelische Journalistin und Politologin <a href="http://www.antjeschrupp.de/" target="_blank">Antje Schrupp</a> zitieren, die (bereits Ende des 20. Jh.) einen vorbildlichen 5-Punkte-Katalog aufstellte, anhand dessen sich sehr gut die Spreu vom Weizen trennen lässt:</p>
<blockquote><p>Nicht alle Gruppen, die sich auf keltische oder germanische Kultur berufen, sind  rechtsradikal. Wenn man hier pauschale Urteile ausspricht, befördert man letztlich den Versuch rechtsradikaler Gruppen, sich als Märtyrer zu stilisieren. Wie aber kann man feststellen, ob eine Gruppe rassistische Ideologie vertritt? Denn wichtig ist diese Beurteilung ja nicht bei denen, die offen ausländerfeindlich, auftreten, sondern gerade bei solchen, die ihren Rassismus in ein spirituelles Gewand kleiden. Dazu hier einige Kriterien:</p>
<ol>
<li>Vorsicht, wenn Gruppen, die man nach ihrer Verbindung zu Neonazis fragt, mit einer Kritik an Hitler und der NSDAP antworten. In einem solchen Fall nach Himmler und der SS fragen.<br />
(Nach dem Ende des Nationalsozialismus entstand im rechtsradikalen Milieu die Auffassung, die Hitler-Göring Gruppe und insbesondere die SA sei an dieser Niederlage schuld. Bis heute wird in entsprechenden rechtsradikalen Publikationen die SS als ordensähnlich organisierte Eliteeinheit als Gegenpol zur bürokratisierten NSDAP dargestellt. Nur die NSDAP sei untergegangen, die SS aber bestehe immer noch im Geheimen weiter, etwa indem sie durch Ufos ins Weltall geflogen sei oder in geheimer Mission in die Antarktis ausgewandert, wo sie bis heute den &#8220;arischen Genpool reinhalten und pflegen&#8221;. Dies zu wissen ist wichtig, wenn sich rechtsextreme Gruppen von Hitler und von der NSDAP distanzieren – sie distanzieren sich nicht vom Nationalsozialismus, sondern beziehen Position in einer nazi-internen Auseinandersetzung.)</li>
<li>Vorsicht, wenn sie viel von Europa reden. Fragen, ob auch Griechenland, Sizilien und Rumänien zu ihrem Europa gehören.</li>
<li>Fragen, was sie von “gemischtrassigen” Ehen halten und in welcher spirituellen Tradition Kinder aus solchen Ehen stehen. Wenn die Antwort darauf schwammig bleibt, fragen, ob euer senegalesischer Verlobter auch Mitglied in der Gruppe werden kann.</li>
<li>Vorsicht, wenn die Gruppe sich zwar als nichtrassistisch verstehen will, aber immer betont, dass sie unpolitisch sei. Wirklich nichtrassistische Heiden und Heidinnen haben ihr Verhältnis zum rechtsextremen Heidentum reflektiert und verstehen sich insofern durchaus als politisch.</li>
<li>Vorsicht, wenn auf geheime Traditionen Bezug genommen wird, wenn behauptet wird, die &#8220;Wahrheit&#8221; über keltische oder germanische Religiosität zu kennen. Heiden, die wirklich an dieser Tradition interessiert sind, wissen, dass man darüber nichts weiß, und geben zu, dass sie ihre Rituale zu einem großen Teil neu erfunden haben.</li>
</ol>
</blockquote>
<p>(Antje Schrupp)</p>
<p>Dem möchte ich nur noch meine persönliche Abwandlung jenes Met-Blödelverses hinzufügen, mit dem mein Artikel begann:<br />
<blockquote>
Die neuen Nazis krakeelen<br />
Diesseits und jenseits des Rheins<br />
Sie bauen auf Trümmern<br />
Ihr Reich aus Irrtümern<br />
Von Odin kriegen sie keins.</p></blockquote>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/10705025"><img src="http://u1.ipernity.com/18/50/25/10705025.8ab7d28c.500.jpg" width="384" height="500" alt="Dukes Sau ;)" border="0"/></a><br />
<i>Zeichnung: Babs</i><br />
© Duke Meyer 2000, überarbeitet 2009-2011</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/als-die-sau-noch-gottin-war-germanisches-weltverstandnis/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Weihnachtsmärchen</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/weihnachtsmarchen/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/weihnachtsmarchen/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 03 Nov 2008 16:24:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Odins Auge Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[ahnen]]></category>
		<category><![CDATA[antike]]></category>
		<category><![CDATA[feste]]></category>
		<category><![CDATA[germanisch]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[götter]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[jul]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Nazi]]></category>
		<category><![CDATA[Nazis]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[ritual]]></category>
		<category><![CDATA[Sagas]]></category>
		<category><![CDATA[Symbolik]]></category>
		<category><![CDATA[Thing]]></category>
		<category><![CDATA[weihnachten]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=656</guid>
		<description><![CDATA[<p><strong>&#8230;gibt es viele. Weshalb ich gar keinen zwingenden Bedarf sehe dafür, hier noch ein weiteres aufzutischen. Eher scheint mir – angesichts des nahenden Winters – angebracht, mit einem ganz bestimmten &#8220;Wintermärchen&#8221; aufzuräumen. Die Wahrheit ist mal wieder – vielschichtiger, vielleicht erstmal unbequemer&#8230; Aber letztlich: besser in der Wirklichkeit verwurzelt.</strong></p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/3354457" target="_blank"><img style="margin-right:5px;" src="http://u1.ipernity.com/9/44/57/3354457.4b6dd90b.500.jpg" border="0" alt="tannentroll" width="284" height="500" align="left" /></a><strong>Es war einmal&#8230; – was denn?</strong><br />
Das Märchen, das ich meine, ist das vom Julfest. Das scheint ja doch viel mit Weihnachten zu tun zu haben. Stichwort: Baum! Und liegt das Weihnachtsfest (ob nun als Offenbarung einer &#8220;stillen Nacht&#8221; begangen oder eher als sinnentleerter Kehrreim den Verkaufslärm durchleiernd, braucht uns Naturreligiöse hier nicht weiter zu tangieren) nicht erkennbar nah an der Wintersonnenwende?<br />
So manche Hex´ raunte mir schon zu, dass gar der &#8220;Adventskranz&#8221; ganz schön &#8220;heidnische Wurzeln&#8221; habe – man sehe ja schon an der Anzahl der Stumpen, dass das irgendwie auf die &#8220;Elemente&#8221; hinweise: alle viere! Und, natürlich: der Baum. Waren &#8220;unseren Vorfahren&#8221; die Bäume nicht sowieso heilig? So heilig, dass es z.B. leicht nachvollziehbar sei, dass die Altvorderen auch und gerade zum Julfest einen Baum &#8220;aufstellten&#8221;?</p>
<p>Im Vertrauen: Ich weiß es nicht. Als gesichert darf gelten, dass es zu den Lebzeiten germanischer Stammesgesellschaften deutlich mehr, größere und viel dichtere Wälder gab als heute und ergo auch mehr Bäume. Warum zum Loki sollten historische Germanen aber nun ausgerechnet zur Wintersonnenwende jeweils einen davon umgehackt – und das Teil in ihre (mutmaßlich wohl eher niedrige, eh schon verqualmte) Bude gezwängt haben?</p>
<p>Tatsächlich ist über die Herkunft von Bräuchen rund um den Weihnachtskult viel – von den Wintersonnenwend-Bräuchen historischer Germanen aber fast nichts bekannt. Sucht man gezielt nach Letzterem, stößt man zuerst mal wieder auf das typischerweise &#8220;Allerletzte&#8221; (inhaltlich gesehen): nämlich allerlei frei erfundene &#8220;Julbrauch&#8221;-Behauptungen aus der Nationalromantik; man könnte sie vielleicht als &#8220;germanenfrömmelnd&#8221; titulieren – aber ernstzunehmende Hinweise auf tatsächlich germanische Bräuche, im Sinne einer historisch einigermaßen verifizierbaren Recherche, sind sie nicht. Alles andere als das: durch die Nazis fand der unreflektierte Schmodder im 20. Jh. dann Aufnahme in Bücher (z.B. Lexika), die auch noch lange nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Diktatur weiterverwendet wurden – und von denen wieder abgeschrieben wurde usw. usf. (schließlich ist die mögliche hintergründige Verquickung von sowas Beschaulichem wie &#8220;Weihnacht&#8221; und menschenverachtendem &#8220;Rassen&#8221;-Gefasel nicht unbedingt zwingend – zumindest nicht vergleichsweise, bzw. auf den ersten Blick).</p>
<p>Das meiste, was über angeblich germanische &#8220;Jul-Bräuche&#8221; irgendwo zu lesen ist, geht also auf nationalromantische Schwärmereien, freischwebende, zurück (auch die ebenso fatale wie falsche Gleichsetzung von &#8220;germanisch&#8221; und &#8220;deutsch&#8221; stammt aus jener Zeit), und ist schlimmstenfalls noch durch den Propagandaquirl der späteren Nazis gedreht.</p>
<p>Schieben wir also den Schmodder beiseite, und graben wir tiefer. Da hätten wir die Edda, sowie einige Sagas, die sich u.a. auch mal hie und da zu Midwinterbräuchen äußern; außerdem kann man noch den einen oder andern Volksbrauch abklopfen&#8230; Gemeinsam haben diese Quellen jedoch alle ihre Herkunft aus bereits deutlich christlicher Zeit – zumindest, was ihre Niederschrift betrifft. Und bei den Volksbräuchen – na, da destilliere mir mal wieder die &#8220;Milch aus der Melange&#8221;, wer mag: es mag interessant sein, was da so an Überliefertem auftaucht – nur als irgendwie &#8220;germanisch&#8221; kennzeichnen lässt sich da logischerweise nichts (konkret). Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wie chattische, herulische, langobardische, vandalische, gotische, suebische – oder sonstwelche Weberinnen / Holzpflugschieber / Bronzeaxtträger / Hirsemampferinnen – Angehörige germanischer Kulturen halt – ihre Wintersonnenwende feierten, begingen, oder was sie damit für konkrete Vorstellungen verbanden&#8230; das alles erfahren wir nicht.</p>
<p><strong>Der sterbende Baum im Ständer</strong><br />
&#8230;gebräuchlicherweise als &#8220;Weihnachtsbaum&#8221; bezeichnet, hat seine wirklichen Wurzeln in der Erde – gehabt: als Fichte oder Tanne, und zum Kultobjekt wird er gemeinhin dadurch, dass er umgesägt wird, mit Draht umwickelt für den leichtgängigen Transport im PKW, in Papas und Mamas Mietwohnung oder Eigenheim mit Lametta, Süßkram, Kerzen oder sonstwelchem kultischen Zierrat versehen, von einer Eisenfessel zum künstlichen Stehen auf dem Wohnzimmerteppich gebracht – Kinder- oder sonstwessen Augen zu erfreuen.</p>
<p>Schwer vorstellbar für mich, dass an solchem Prozedere irgendwas &#8220;Heidnisches&#8221; oder gar &#8220;Germanisches&#8221; dran sein soll, von der Herkunft her. Und tatsächlich: Der älteste Nachweis fürs Aufstellen von Weihnachtsbäumen reicht gerade mal in die Renaissancezeit zurück – und vom öffentlichen Raum (der Handwerkszünfte, die den Brauch als solchen einführten) in die Privatgemächer gebracht wurde der Baum durch den deutsch-englischen Adel. Im ländlichen Raum wurde genau dies dann erst im 19. Jh. übernommen. Das ist ein deutlicher Hinweis dafür, dass keinerlei Beziehung zu irgendwas &#8220;Altüberliefertem&#8221; (und sei es als unbewusst gewordenem &#8220;Aberglauben&#8221;: scherbenhafte Überlieferung aus heidnischer Zeit) in dieser Sache bestand: halten sich auf dem Land uralte Bräuche – trotz mancher Verformung bis hin zu vollständiger Umdeutung von Inhalten – doch immer länger als im Urbanen, wo durch die Vereinzelung dem Einzelnen bereits die äußeren Formen viel rascher verlorengehen. (Und was man nicht mehr hat, kann man auch nicht weitervermitteln an die Kinder oder sonstwen&#8230;)</p>
<p>Nach dem Wenigen, was man über &#8220;die Germanen&#8221; als solche weiß, haben die ihre – wie auch immer gearteten – Kulthandlung eher in freier Natur abgehalten: dort, wo die Götter halt zuhause sind. (Ich halte das &#8220;Fehlen&#8221; von &#8220;Tempeln&#8221; oder dergleichen nicht für ein Zeichen &#8220;niedriger&#8221; Zivilisation: Irgendein keltischer Feldherr – ich weiß nicht mehr wer – soll sich kaputtgelacht haben, als er das erste Mal griechische Götterstatuen sah: die bloße Idee, Götter als figürliche, menschenähnliche &#8220;Personen&#8221; abzubilden, erheiterte ihn so. Schaut man sich die phantasiereich abstrahierenden spirituellen Hinterlassenschaften z.B. ebenjener Kelten an, wundert man sich zumindest nicht, warum ihnen derlei &#8220;Vermenschlichungen&#8221; absurd erscheinen mussten. Nebenbei: nichts gegen die phantastischen Hinterlassenschaften der Antike! Sie sind bewundernswert. Will nur sagen: inhaltlich habe ich, als heutiger Ásatrú, wie jener olle Kelte, halt einen etwas anderen Ansatz&#8230;)</p>
<p><strong>Tradition – real existierende</strong><br />
Meine nächsten Ahnen waren Christen, oder sowas Ähnliches, und deren Ahnen auch. Zu jenen unbekannten Altvorderen, die wirklich noch &#8220;Heiden&#8221; waren (und in naturreligiösen Stammesgesellschaften lebten), führt ein Pfad des Herzens – aber keiner des Verstandes. Letzteren lasse ich mir ungern für dumm verkaufen: insbesondere von Leuten, die das vermeintlich Germanische nur (wieder) instrumentalisieren für ganz ungermanische Ambitionen wie &#8220;Nationalstolz&#8221;, &#8220;Artglaube&#8221; oder &#8220;Rassereinheit&#8221;. Eins darf man als ziemlich sicher annehmen von den historischen &#8220;Germanen&#8221;: Sie selber haben sich ebensowenig als &#8220;heidnisch&#8221; verstanden wie überhaupt als &#8220;germanisch&#8221;. Das sind Begriffe von außen, und im Grunde so grob und pauschalierend wie deren erster Blick. Die Altvorderen lebten halt &#8220;ihren Brauch&#8221;&#8230; in einer mutmaßlichen und schlichten Selbstverständlichkeit, von der wir vielschichtiger und viel widersprüchlicher Beeinflussten – und ein Lebtag nahezu nonstop mit Schlaglichtbildern aus aller Welt Bombardierten – uns kaum eine sinnliche Vorstellung machen können. (Und genauso schlicht und pragmatisch, wie sie &#8220;den Brauch&#8221; lebten – in beständiger Anpassung an jeweilige Gegebenheiten – wurden jene alten Heiden eben nach und nach Christen – über Jahrzehnte, oder Jahrhunderte. Der Paradigmenwechsel vollzog sich sehr allmählich – was hätten die Damaligen eigentlich tun sollen? Oder überhaupt &#8220;erkennen&#8221;? Heute nehmen wir ja nichtmal den viel sichtbareren und rascheren Abbau der paar demokratischen Strukturen wahr, die wir noch haben – gucken lieber weg, und aufm Mittelaltermarkt isses sowieso gemütlicher&#8230; Dass man &#8220;eh nichts machen&#8221; könne, dachten vor Zeiten sicher auch schonmal viele deutsche Juden – die Folgen sind bekannt. Sorry für Abschweif im Zorn!)</p>
<p>Daher stehe ich heute – als bewusst bekennender Naturreligiöser – zwangsläufig neben jeder echten Tradition. Die wirkliche Tradition, die natürlich gewachsene bzw. im Laufe von Generationen entwickelte – die lebt eher mein christlicher Nachbar. Oder, in jüngerer und säkularisierterer Form, sein materialistisch eingestellter Versicherungsvertreter. Oder dessen Bäckerin, die &#8220;irgendwie schon an Gott&#8221; oder halt eine schöpferische Kraft glaubt, und sich von ihrer Freundin durchaus auch mal ein Tarot legen lässt, dies aber eher &#8220;zum Spaß&#8221; – so, wie unser angenommener &#8220;esoterisch immuner&#8221; Versicherungsvertreter z.B. zwischenrein ein (genaugenommen astrologiefrei erfundenes) Illustriertenhoroskop liest – oder seine neue Geliebte nach deren &#8220;Sternzeichen&#8221; fragt: obwohl er &#8220;natürlich nicht an sowas&#8221; glaubt. (Was er sicher selber glaubt&#8230;)</p>
<p>Diese (Beispielsklischeefiguren) alle sind &#8220;Traditionalisten&#8221;: insofern, als dass sie Strömungen und Haltungen unserer Gesellschaft verkörpern und mittragen, die dieser viel eher entsprechen als alles, was ich als meine persönliche Religion zelebriere. Sozial bin ich ein Teil dieser Gesellschaft, von der spirituellen Orientierung her aber keiner ihrer typischen Vertreter. Statt mich am Glauben und den Wert- und Weltbildern meiner direkten Vorfahren und deren Ahnen zu orientieren und dieses Erbe auf meine Art für meine Zeit weiterzuentwickeln, trainiere ich mir die entsprechenden Einflüsse gezielt und systematisch ab. So gesehen ist das, was ich als meine eigene heidnische &#8220;Tradition&#8221; zum Teil erforsche, zum größeren Teil erfinde und neuschaffe, die künstlichste Sache seit der Erfindung des sample-basierten Drumcomputers. Man kann auch mit einer elektronischen Rhythmusmaschine ziemlich heiße Musik machen – nur zu behaupten, oder selbst glauben zu wollen, das wäre eine handgespielte Djembe, ist halt albern.</p>
<p><strong>Odin statt Nikolaus?</strong><br />
Wäre es wirklich so schön? Was für eine fragwürdige Befriedigung brächte uns heute denn die depperte Vorstellung, dass schon der alte Verwandtenmörder Chlodwig gelegentlich ein paar Kerzen an eine Tanne geklemmt und &#8220;Oh du Blutige&#8221; gejodelt hätte?</p>
<p>Wieso um alles in der Welt den Adventskranz für ein &#8220;uraltes Jahreskreis-Symbol&#8221; halten (was er definitiv nie war und nicht ist: diese Legende entstammt den Versuchen der Nazis, allgemeinchristliches Brauchtum als &#8220;germanisch&#8221; zu mystifizieren – und propagandistisch zu &#8220;verurdeutschen&#8221;: für nationalistische Ziele zu vereinnahmen, was schwärmerisch-unkritische Nationalromantiker bereits ohnedies vorgekaut hatten)?</p>
<p>Sucht man mit einiger Gewalt nach historisch-heidnischen Wurzeln für Weihnachten, stößt man am ehesten noch auf den altrömischen &#8220;Sol Invictus&#8221;, der im 4. bis 5. Jh. seine Hochkultur hatte: als eine (tatsächlich zur Wintersonnenwende rituell gefeierte) Verehrung des Sonnengottes Sol, vermischt mit Elementen des (vor allem unter Legionären lange Zeit populären) Kult des Mithras. Das heutige &#8220;bürgerliche&#8221; Weihnachten fand seine typischen Formen aber nicht vor dem 19. Jahrhundert (zumal sich die frühe spirituelle Christenheit ursprünglich eher an ihrem &#8220;Auferstehungsfest&#8221; Ostern orientierte). Auch der &#8220;Weihnachtsmann&#8221; ging erst im Biedermeier um – ist also weder eine heimlich durch die Generationen getragene Erinnerung an einen &#8220;keltischen Druiden&#8221; noch ein entsprechend überliefertes Abbild des germanischen Odin.</p>
<p>Der höchst subjektive Umstand, dass mich &#8220;der Alte&#8221; durchaus auch und gerade aus den Schokoladeregalen weihnachtlich dekorierter Kaufhäuser heraus anzwinkert, ist mein Privatvergnügen, das keiner scheinhistorischen Rechtfertigung – oder sonstwelcher verallgemeinerungssüchtiger B.-Deutungshuberei – bedarf&#8230; Irgendwas Witziges muss man dem alljährlichen Rührungsterror ja auch abgewinnen dürfen, zumal als Heide, dem dieser ganze Zirkus ja weißdiegöttin nicht gilt&#8230;</p>
<p>Im Gegenteil: Gerade zur Weihnachtszeit freue ich mich daran, mit eher unpopulären Gottheiten im Bunde zu sein – deren industrialisierte Vermarktung sich einfach nicht lohnt (zumindest noch nicht&#8230;). Ich wüsste beim Arsch Fullas (meiner Göttin des Wohlstandes) auch nicht, was ich z.B. mit masseweise präsentierten, aluverpackten Schokofiguren in Form von Mjöllnir (Thors Hammer) anfangen sollte&#8230; Oder ob sich etwa Kondome schöner anfühlten, wenn das historische Statuetten-Bild Freyrs (meines Lustgottes) ihr Latex zierte, ist ebenfalls eher zweifelhaft. Die Vereinnahmung heidnischer Symbolik und Mystik durch alte und neue Nazis reicht mir vollkommen – Werbeterror der Industrie, anders motiviert Ähnliches betreibend – am besten noch für jedes heidnische Hochfest extra – fehlte da grad noch. Von dem allermeisten, was mir die ganze hysterische Werbemaschinerie heutzutage andrehen will, brauche ich mich wenigstens nicht wirklich gemeint fühlen: in meinen Obsessionen, Neigungen, Begehrlichkeiten – bzw. deren ästhetisch-inhaltlicher Ausformung. Oder fühlten sich hex und heid wirklich geschmeichelt durch z.B. Wicca-Chants (statt &#8220;Stille Nacht&#8221;) aus zahllosen Leierkästen? Mögen die Götter verhüten (with a little help from their fans), dass die Industrie mal die Vermarktungsmöglichkeiten von acht Jahresfesten entdeckt – statt dem traditionellen einen bzw. den zweien (Osterhasen gibt´s ja auch alle Jahre wieder. Die sind schon heidnischer&#8230; als der Niko!)</p>
<p><strong>Old School Basics</strong><br />
Die neuheidnische Sehnsucht, wirklich &#8220;uralte&#8221; Riten zu vollziehen, befriedige ich für meinen Teil eher in unspektakulären Tätigkeiten (die ihre scheinbare Selbstverständlichkeit oder Banalität – mit etwas Phantasie oder zumindest Bewusstsein – rasch verlieren): Essen, Trinken – ein kurzer Segen über speziell Fleisch und Alkohol erinnert mich daran, dass für mein Wurstbrot ein Tier starb (Opfer!) und der Geist im Wein, der mein Gemüt beflügelt, auch leicht zum Dämon werden könnte (Suchtgefahr!)&#8230; Meine speziellen Motivationen mögen eher modern sein – das Segnen von Zeug aber, das man zu sich nimmt, ist älter als jede Kirche. Sex ist auch ein &#8220;uralter Ritus&#8221; – den man ja ebenfalls ganz anders zelebrieren kann als es irgendein Idiot mal gefilmt hat, bzw. unzählige Idioten es immer wieder auf ein- und dieselbe Weise fotografieren und filmen (bis der Film in unser aller Hinterkopp die Regie führt über das real zu Erlebende&#8230; Abbild und Wirklichkeit mithin ihre Rollen vertauschen&#8230; bis hin zur Auflösung von Wirklichkeit selbst&#8230; – anderes Thema: vielleicht durchaus brisanter als Jul, da wohl, am Beispiel Sex zumindest, doch öfter praktiziert&#8230;?).</p>
<p>Die Rituale für unsere Jul- oder sonstwelchen Feste müssen (und dürfen) wir sowieso neu erfinden, immer wieder neu schaffen. Und mit Ochsenkarren zuckeln wir ja sowieso nicht zu unseren Treffen. (Obwohl genau dieser urgermanische Brauch als historisch gesichert gelten darf&#8230; Wieso bloß macht das kein Neuheide nach, hä?) Nur zum Beispiel! Will sagen: Wüssten wir ganz &#8220;filmgenau&#8221;, wie die historischen Germanen ihre jeweiligen Feste begingen (was sich von Stamm zu Stamm, von Region zu Region sowieso mehr oder weniger unterschieden haben dürfte – von dem ziemlich langen Entwicklungszeitraum mehrerer Jahrhunderte mal ganz zu schweigen), müssten wir sowieso ganz erheblich aussortieren, was wir davon – für uns – sinnvoll übernehmen könnten oder wollten – ob man jetzt den Menschenopfergeschichten eines Adam von Bremen, der (schön gruselig&#8230; als christlicher Chronist) ein nordgermanisches &#8220;Midwinterblót&#8221; in Alt-Uppsala beschrieb, Glauben schenken mag oder nicht. Auf wesentliche typische Anforderungen unserer heutigen Zeit aber hätten viele &#8220;uralte Riten&#8221; sicher keine auf Anhieb passende Antwort parat. Anstatt eine Diskussionsrunde vorzuschlagen &#8230;</p>
<p>&#8230;mit möglichen, aber müssigen Themen wie: &#8220;Bei welchen Stämmen zu welcher Zeit wären Mobiltelefone unters Waffenverbot beim Thing gefallen – und was hätte welche germanische Gesellschaft gemacht, wenn trotzdem bei einem mittendrin das Ding gepiepst hätte? Ins Moor versenkt? Das Handy oder den Inhaber? Oder dem Anrufer den Krieg erklärt?&#8221;&#8230;</p>
<p>&#8230;verabschiede ich mich lieber gleich ganz von überflüssigen Wintermärchen: wie z.B. dem der &#8220;heidnischen Wurzeln&#8221; bürgerlicher Weihnachtskultformen.</p>
<p>Und ich bleibe dabei: Was wann welche Germanen für Gewänder, Waffen oder Schmuck trugen, mag für Archäologen, Historiker, sicherlich auch für Reenactment-Fans von besonderem Interesse sein – und sicherlich auch allgemein wissenswert. Ich für meinen Teil habe von den Germanen aber etwas ganz anderes zu lernen, als wie sie ihre Hemden nähten.</p>
<p>Duke Meyer</p>
<p>(Mehr zum Thema: <a href="http://www.nornirsaett.de/das-jul-problem-wie-heidnisch-ist-weihnachten/" target="_blank">Das Jul-Problem: Wie heidnisch ist Weihnachten?</a>)</p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/odins-auge-ariosophieprojekt/artikel/">Odins Auge Artikel</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/weihnachtsmarchen/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>&#8230;gibt es viele. Weshalb ich gar keinen zwingenden Bedarf sehe dafür, hier noch ein weiteres aufzutischen. Eher scheint mir – angesichts des nahenden Winters – angebracht, mit einem ganz bestimmten &#8220;Wintermärchen&#8221; aufzuräumen. Die Wahrheit ist mal wieder – vielschichtiger, vielleicht erstmal unbequemer&#8230; Aber letztlich: besser in der Wirklichkeit verwurzelt.</strong></p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/mmssenf/3354457" target="_blank"><img style="margin-right:5px;" src="http://u1.ipernity.com/9/44/57/3354457.4b6dd90b.500.jpg" border="0" alt="tannentroll" width="284" height="500" align="left" /></a><strong>Es war einmal&#8230; – was denn?</strong><br />
Das Märchen, das ich meine, ist das vom Julfest. Das scheint ja doch viel mit Weihnachten zu tun zu haben. Stichwort: Baum! Und liegt das Weihnachtsfest (ob nun als Offenbarung einer &#8220;stillen Nacht&#8221; begangen oder eher als sinnentleerter Kehrreim den Verkaufslärm durchleiernd, braucht uns Naturreligiöse hier nicht weiter zu tangieren) nicht erkennbar nah an der Wintersonnenwende?<br />
So manche Hex´ raunte mir schon zu, dass gar der &#8220;Adventskranz&#8221; ganz schön &#8220;heidnische Wurzeln&#8221; habe – man sehe ja schon an der Anzahl der Stumpen, dass das irgendwie auf die &#8220;Elemente&#8221; hinweise: alle viere! Und, natürlich: der Baum. Waren &#8220;unseren Vorfahren&#8221; die Bäume nicht sowieso heilig? So heilig, dass es z.B. leicht nachvollziehbar sei, dass die Altvorderen auch und gerade zum Julfest einen Baum &#8220;aufstellten&#8221;?</p>
<p>Im Vertrauen: Ich weiß es nicht. Als gesichert darf gelten, dass es zu den Lebzeiten germanischer Stammesgesellschaften deutlich mehr, größere und viel dichtere Wälder gab als heute und ergo auch mehr Bäume. Warum zum Loki sollten historische Germanen aber nun ausgerechnet zur Wintersonnenwende jeweils einen davon umgehackt – und das Teil in ihre (mutmaßlich wohl eher niedrige, eh schon verqualmte) Bude gezwängt haben?</p>
<p>Tatsächlich ist über die Herkunft von Bräuchen rund um den Weihnachtskult viel – von den Wintersonnenwend-Bräuchen historischer Germanen aber fast nichts bekannt. Sucht man gezielt nach Letzterem, stößt man zuerst mal wieder auf das typischerweise &#8220;Allerletzte&#8221; (inhaltlich gesehen): nämlich allerlei frei erfundene &#8220;Julbrauch&#8221;-Behauptungen aus der Nationalromantik; man könnte sie vielleicht als &#8220;germanenfrömmelnd&#8221; titulieren – aber ernstzunehmende Hinweise auf tatsächlich germanische Bräuche, im Sinne einer historisch einigermaßen verifizierbaren Recherche, sind sie nicht. Alles andere als das: durch die Nazis fand der unreflektierte Schmodder im 20. Jh. dann Aufnahme in Bücher (z.B. Lexika), die auch noch lange nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Diktatur weiterverwendet wurden – und von denen wieder abgeschrieben wurde usw. usf. (schließlich ist die mögliche hintergründige Verquickung von sowas Beschaulichem wie &#8220;Weihnacht&#8221; und menschenverachtendem &#8220;Rassen&#8221;-Gefasel nicht unbedingt zwingend – zumindest nicht vergleichsweise, bzw. auf den ersten Blick).</p>
<p>Das meiste, was über angeblich germanische &#8220;Jul-Bräuche&#8221; irgendwo zu lesen ist, geht also auf nationalromantische Schwärmereien, freischwebende, zurück (auch die ebenso fatale wie falsche Gleichsetzung von &#8220;germanisch&#8221; und &#8220;deutsch&#8221; stammt aus jener Zeit), und ist schlimmstenfalls noch durch den Propagandaquirl der späteren Nazis gedreht.</p>
<p>Schieben wir also den Schmodder beiseite, und graben wir tiefer. Da hätten wir die Edda, sowie einige Sagas, die sich u.a. auch mal hie und da zu Midwinterbräuchen äußern; außerdem kann man noch den einen oder andern Volksbrauch abklopfen&#8230; Gemeinsam haben diese Quellen jedoch alle ihre Herkunft aus bereits deutlich christlicher Zeit – zumindest, was ihre Niederschrift betrifft. Und bei den Volksbräuchen – na, da destilliere mir mal wieder die &#8220;Milch aus der Melange&#8221;, wer mag: es mag interessant sein, was da so an Überliefertem auftaucht – nur als irgendwie &#8220;germanisch&#8221; kennzeichnen lässt sich da logischerweise nichts (konkret). Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wie chattische, herulische, langobardische, vandalische, gotische, suebische – oder sonstwelche Weberinnen / Holzpflugschieber / Bronzeaxtträger / Hirsemampferinnen – Angehörige germanischer Kulturen halt – ihre Wintersonnenwende feierten, begingen, oder was sie damit für konkrete Vorstellungen verbanden&#8230; das alles erfahren wir nicht.</p>
<p><strong>Der sterbende Baum im Ständer</strong><br />
&#8230;gebräuchlicherweise als &#8220;Weihnachtsbaum&#8221; bezeichnet, hat seine wirklichen Wurzeln in der Erde – gehabt: als Fichte oder Tanne, und zum Kultobjekt wird er gemeinhin dadurch, dass er umgesägt wird, mit Draht umwickelt für den leichtgängigen Transport im PKW, in Papas und Mamas Mietwohnung oder Eigenheim mit Lametta, Süßkram, Kerzen oder sonstwelchem kultischen Zierrat versehen, von einer Eisenfessel zum künstlichen Stehen auf dem Wohnzimmerteppich gebracht – Kinder- oder sonstwessen Augen zu erfreuen.</p>
<p>Schwer vorstellbar für mich, dass an solchem Prozedere irgendwas &#8220;Heidnisches&#8221; oder gar &#8220;Germanisches&#8221; dran sein soll, von der Herkunft her. Und tatsächlich: Der älteste Nachweis fürs Aufstellen von Weihnachtsbäumen reicht gerade mal in die Renaissancezeit zurück – und vom öffentlichen Raum (der Handwerkszünfte, die den Brauch als solchen einführten) in die Privatgemächer gebracht wurde der Baum durch den deutsch-englischen Adel. Im ländlichen Raum wurde genau dies dann erst im 19. Jh. übernommen. Das ist ein deutlicher Hinweis dafür, dass keinerlei Beziehung zu irgendwas &#8220;Altüberliefertem&#8221; (und sei es als unbewusst gewordenem &#8220;Aberglauben&#8221;: scherbenhafte Überlieferung aus heidnischer Zeit) in dieser Sache bestand: halten sich auf dem Land uralte Bräuche – trotz mancher Verformung bis hin zu vollständiger Umdeutung von Inhalten – doch immer länger als im Urbanen, wo durch die Vereinzelung dem Einzelnen bereits die äußeren Formen viel rascher verlorengehen. (Und was man nicht mehr hat, kann man auch nicht weitervermitteln an die Kinder oder sonstwen&#8230;)</p>
<p>Nach dem Wenigen, was man über &#8220;die Germanen&#8221; als solche weiß, haben die ihre – wie auch immer gearteten – Kulthandlung eher in freier Natur abgehalten: dort, wo die Götter halt zuhause sind. (Ich halte das &#8220;Fehlen&#8221; von &#8220;Tempeln&#8221; oder dergleichen nicht für ein Zeichen &#8220;niedriger&#8221; Zivilisation: Irgendein keltischer Feldherr – ich weiß nicht mehr wer – soll sich kaputtgelacht haben, als er das erste Mal griechische Götterstatuen sah: die bloße Idee, Götter als figürliche, menschenähnliche &#8220;Personen&#8221; abzubilden, erheiterte ihn so. Schaut man sich die phantasiereich abstrahierenden spirituellen Hinterlassenschaften z.B. ebenjener Kelten an, wundert man sich zumindest nicht, warum ihnen derlei &#8220;Vermenschlichungen&#8221; absurd erscheinen mussten. Nebenbei: nichts gegen die phantastischen Hinterlassenschaften der Antike! Sie sind bewundernswert. Will nur sagen: inhaltlich habe ich, als heutiger Ásatrú, wie jener olle Kelte, halt einen etwas anderen Ansatz&#8230;)</p>
<p><strong>Tradition – real existierende</strong><br />
Meine nächsten Ahnen waren Christen, oder sowas Ähnliches, und deren Ahnen auch. Zu jenen unbekannten Altvorderen, die wirklich noch &#8220;Heiden&#8221; waren (und in naturreligiösen Stammesgesellschaften lebten), führt ein Pfad des Herzens – aber keiner des Verstandes. Letzteren lasse ich mir ungern für dumm verkaufen: insbesondere von Leuten, die das vermeintlich Germanische nur (wieder) instrumentalisieren für ganz ungermanische Ambitionen wie &#8220;Nationalstolz&#8221;, &#8220;Artglaube&#8221; oder &#8220;Rassereinheit&#8221;. Eins darf man als ziemlich sicher annehmen von den historischen &#8220;Germanen&#8221;: Sie selber haben sich ebensowenig als &#8220;heidnisch&#8221; verstanden wie überhaupt als &#8220;germanisch&#8221;. Das sind Begriffe von außen, und im Grunde so grob und pauschalierend wie deren erster Blick. Die Altvorderen lebten halt &#8220;ihren Brauch&#8221;&#8230; in einer mutmaßlichen und schlichten Selbstverständlichkeit, von der wir vielschichtiger und viel widersprüchlicher Beeinflussten – und ein Lebtag nahezu nonstop mit Schlaglichtbildern aus aller Welt Bombardierten – uns kaum eine sinnliche Vorstellung machen können. (Und genauso schlicht und pragmatisch, wie sie &#8220;den Brauch&#8221; lebten – in beständiger Anpassung an jeweilige Gegebenheiten – wurden jene alten Heiden eben nach und nach Christen – über Jahrzehnte, oder Jahrhunderte. Der Paradigmenwechsel vollzog sich sehr allmählich – was hätten die Damaligen eigentlich tun sollen? Oder überhaupt &#8220;erkennen&#8221;? Heute nehmen wir ja nichtmal den viel sichtbareren und rascheren Abbau der paar demokratischen Strukturen wahr, die wir noch haben – gucken lieber weg, und aufm Mittelaltermarkt isses sowieso gemütlicher&#8230; Dass man &#8220;eh nichts machen&#8221; könne, dachten vor Zeiten sicher auch schonmal viele deutsche Juden – die Folgen sind bekannt. Sorry für Abschweif im Zorn!)</p>
<p>Daher stehe ich heute – als bewusst bekennender Naturreligiöser – zwangsläufig neben jeder echten Tradition. Die wirkliche Tradition, die natürlich gewachsene bzw. im Laufe von Generationen entwickelte – die lebt eher mein christlicher Nachbar. Oder, in jüngerer und säkularisierterer Form, sein materialistisch eingestellter Versicherungsvertreter. Oder dessen Bäckerin, die &#8220;irgendwie schon an Gott&#8221; oder halt eine schöpferische Kraft glaubt, und sich von ihrer Freundin durchaus auch mal ein Tarot legen lässt, dies aber eher &#8220;zum Spaß&#8221; – so, wie unser angenommener &#8220;esoterisch immuner&#8221; Versicherungsvertreter z.B. zwischenrein ein (genaugenommen astrologiefrei erfundenes) Illustriertenhoroskop liest – oder seine neue Geliebte nach deren &#8220;Sternzeichen&#8221; fragt: obwohl er &#8220;natürlich nicht an sowas&#8221; glaubt. (Was er sicher selber glaubt&#8230;)</p>
<p>Diese (Beispielsklischeefiguren) alle sind &#8220;Traditionalisten&#8221;: insofern, als dass sie Strömungen und Haltungen unserer Gesellschaft verkörpern und mittragen, die dieser viel eher entsprechen als alles, was ich als meine persönliche Religion zelebriere. Sozial bin ich ein Teil dieser Gesellschaft, von der spirituellen Orientierung her aber keiner ihrer typischen Vertreter. Statt mich am Glauben und den Wert- und Weltbildern meiner direkten Vorfahren und deren Ahnen zu orientieren und dieses Erbe auf meine Art für meine Zeit weiterzuentwickeln, trainiere ich mir die entsprechenden Einflüsse gezielt und systematisch ab. So gesehen ist das, was ich als meine eigene heidnische &#8220;Tradition&#8221; zum Teil erforsche, zum größeren Teil erfinde und neuschaffe, die künstlichste Sache seit der Erfindung des sample-basierten Drumcomputers. Man kann auch mit einer elektronischen Rhythmusmaschine ziemlich heiße Musik machen – nur zu behaupten, oder selbst glauben zu wollen, das wäre eine handgespielte Djembe, ist halt albern.</p>
<p><strong>Odin statt Nikolaus?</strong><br />
Wäre es wirklich so schön? Was für eine fragwürdige Befriedigung brächte uns heute denn die depperte Vorstellung, dass schon der alte Verwandtenmörder Chlodwig gelegentlich ein paar Kerzen an eine Tanne geklemmt und &#8220;Oh du Blutige&#8221; gejodelt hätte?</p>
<p>Wieso um alles in der Welt den Adventskranz für ein &#8220;uraltes Jahreskreis-Symbol&#8221; halten (was er definitiv nie war und nicht ist: diese Legende entstammt den Versuchen der Nazis, allgemeinchristliches Brauchtum als &#8220;germanisch&#8221; zu mystifizieren – und propagandistisch zu &#8220;verurdeutschen&#8221;: für nationalistische Ziele zu vereinnahmen, was schwärmerisch-unkritische Nationalromantiker bereits ohnedies vorgekaut hatten)?</p>
<p>Sucht man mit einiger Gewalt nach historisch-heidnischen Wurzeln für Weihnachten, stößt man am ehesten noch auf den altrömischen &#8220;Sol Invictus&#8221;, der im 4. bis 5. Jh. seine Hochkultur hatte: als eine (tatsächlich zur Wintersonnenwende rituell gefeierte) Verehrung des Sonnengottes Sol, vermischt mit Elementen des (vor allem unter Legionären lange Zeit populären) Kult des Mithras. Das heutige &#8220;bürgerliche&#8221; Weihnachten fand seine typischen Formen aber nicht vor dem 19. Jahrhundert (zumal sich die frühe spirituelle Christenheit ursprünglich eher an ihrem &#8220;Auferstehungsfest&#8221; Ostern orientierte). Auch der &#8220;Weihnachtsmann&#8221; ging erst im Biedermeier um – ist also weder eine heimlich durch die Generationen getragene Erinnerung an einen &#8220;keltischen Druiden&#8221; noch ein entsprechend überliefertes Abbild des germanischen Odin.</p>
<p>Der höchst subjektive Umstand, dass mich &#8220;der Alte&#8221; durchaus auch und gerade aus den Schokoladeregalen weihnachtlich dekorierter Kaufhäuser heraus anzwinkert, ist mein Privatvergnügen, das keiner scheinhistorischen Rechtfertigung – oder sonstwelcher verallgemeinerungssüchtiger B.-Deutungshuberei – bedarf&#8230; Irgendwas Witziges muss man dem alljährlichen Rührungsterror ja auch abgewinnen dürfen, zumal als Heide, dem dieser ganze Zirkus ja weißdiegöttin nicht gilt&#8230;</p>
<p>Im Gegenteil: Gerade zur Weihnachtszeit freue ich mich daran, mit eher unpopulären Gottheiten im Bunde zu sein – deren industrialisierte Vermarktung sich einfach nicht lohnt (zumindest noch nicht&#8230;). Ich wüsste beim Arsch Fullas (meiner Göttin des Wohlstandes) auch nicht, was ich z.B. mit masseweise präsentierten, aluverpackten Schokofiguren in Form von Mjöllnir (Thors Hammer) anfangen sollte&#8230; Oder ob sich etwa Kondome schöner anfühlten, wenn das historische Statuetten-Bild Freyrs (meines Lustgottes) ihr Latex zierte, ist ebenfalls eher zweifelhaft. Die Vereinnahmung heidnischer Symbolik und Mystik durch alte und neue Nazis reicht mir vollkommen – Werbeterror der Industrie, anders motiviert Ähnliches betreibend – am besten noch für jedes heidnische Hochfest extra – fehlte da grad noch. Von dem allermeisten, was mir die ganze hysterische Werbemaschinerie heutzutage andrehen will, brauche ich mich wenigstens nicht wirklich gemeint fühlen: in meinen Obsessionen, Neigungen, Begehrlichkeiten – bzw. deren ästhetisch-inhaltlicher Ausformung. Oder fühlten sich hex und heid wirklich geschmeichelt durch z.B. Wicca-Chants (statt &#8220;Stille Nacht&#8221;) aus zahllosen Leierkästen? Mögen die Götter verhüten (with a little help from their fans), dass die Industrie mal die Vermarktungsmöglichkeiten von acht Jahresfesten entdeckt – statt dem traditionellen einen bzw. den zweien (Osterhasen gibt´s ja auch alle Jahre wieder. Die sind schon heidnischer&#8230; als der Niko!)</p>
<p><strong>Old School Basics</strong><br />
Die neuheidnische Sehnsucht, wirklich &#8220;uralte&#8221; Riten zu vollziehen, befriedige ich für meinen Teil eher in unspektakulären Tätigkeiten (die ihre scheinbare Selbstverständlichkeit oder Banalität – mit etwas Phantasie oder zumindest Bewusstsein – rasch verlieren): Essen, Trinken – ein kurzer Segen über speziell Fleisch und Alkohol erinnert mich daran, dass für mein Wurstbrot ein Tier starb (Opfer!) und der Geist im Wein, der mein Gemüt beflügelt, auch leicht zum Dämon werden könnte (Suchtgefahr!)&#8230; Meine speziellen Motivationen mögen eher modern sein – das Segnen von Zeug aber, das man zu sich nimmt, ist älter als jede Kirche. Sex ist auch ein &#8220;uralter Ritus&#8221; – den man ja ebenfalls ganz anders zelebrieren kann als es irgendein Idiot mal gefilmt hat, bzw. unzählige Idioten es immer wieder auf ein- und dieselbe Weise fotografieren und filmen (bis der Film in unser aller Hinterkopp die Regie führt über das real zu Erlebende&#8230; Abbild und Wirklichkeit mithin ihre Rollen vertauschen&#8230; bis hin zur Auflösung von Wirklichkeit selbst&#8230; – anderes Thema: vielleicht durchaus brisanter als Jul, da wohl, am Beispiel Sex zumindest, doch öfter praktiziert&#8230;?).</p>
<p>Die Rituale für unsere Jul- oder sonstwelchen Feste müssen (und dürfen) wir sowieso neu erfinden, immer wieder neu schaffen. Und mit Ochsenkarren zuckeln wir ja sowieso nicht zu unseren Treffen. (Obwohl genau dieser urgermanische Brauch als historisch gesichert gelten darf&#8230; Wieso bloß macht das kein Neuheide nach, hä?) Nur zum Beispiel! Will sagen: Wüssten wir ganz &#8220;filmgenau&#8221;, wie die historischen Germanen ihre jeweiligen Feste begingen (was sich von Stamm zu Stamm, von Region zu Region sowieso mehr oder weniger unterschieden haben dürfte – von dem ziemlich langen Entwicklungszeitraum mehrerer Jahrhunderte mal ganz zu schweigen), müssten wir sowieso ganz erheblich aussortieren, was wir davon – für uns – sinnvoll übernehmen könnten oder wollten – ob man jetzt den Menschenopfergeschichten eines Adam von Bremen, der (schön gruselig&#8230; als christlicher Chronist) ein nordgermanisches &#8220;Midwinterblót&#8221; in Alt-Uppsala beschrieb, Glauben schenken mag oder nicht. Auf wesentliche typische Anforderungen unserer heutigen Zeit aber hätten viele &#8220;uralte Riten&#8221; sicher keine auf Anhieb passende Antwort parat. Anstatt eine Diskussionsrunde vorzuschlagen &#8230;</p>
<p>&#8230;mit möglichen, aber müssigen Themen wie: &#8220;Bei welchen Stämmen zu welcher Zeit wären Mobiltelefone unters Waffenverbot beim Thing gefallen – und was hätte welche germanische Gesellschaft gemacht, wenn trotzdem bei einem mittendrin das Ding gepiepst hätte? Ins Moor versenkt? Das Handy oder den Inhaber? Oder dem Anrufer den Krieg erklärt?&#8221;&#8230;</p>
<p>&#8230;verabschiede ich mich lieber gleich ganz von überflüssigen Wintermärchen: wie z.B. dem der &#8220;heidnischen Wurzeln&#8221; bürgerlicher Weihnachtskultformen.</p>
<p>Und ich bleibe dabei: Was wann welche Germanen für Gewänder, Waffen oder Schmuck trugen, mag für Archäologen, Historiker, sicherlich auch für Reenactment-Fans von besonderem Interesse sein – und sicherlich auch allgemein wissenswert. Ich für meinen Teil habe von den Germanen aber etwas ganz anderes zu lernen, als wie sie ihre Hemden nähten.</p>
<p>Duke Meyer</p>
<p>(Mehr zum Thema: <a href="http://www.nornirsaett.de/das-jul-problem-wie-heidnisch-ist-weihnachten/" target="_blank">Das Jul-Problem: Wie heidnisch ist Weihnachten?</a>)</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/weihnachtsmarchen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der kleine Unterschied</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/der-kleine-unterschied/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/der-kleine-unterschied/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 25 Oct 2008 23:19:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur & Weltbild]]></category>
		<category><![CDATA[Altnordisch]]></category>
		<category><![CDATA[asatru]]></category>
		<category><![CDATA[Christentum]]></category>
		<category><![CDATA[christianisierung]]></category>
		<category><![CDATA[germanisch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[götter]]></category>
		<category><![CDATA[Heidentum]]></category>
		<category><![CDATA[heidnisch]]></category>
		<category><![CDATA[Island]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[rechts]]></category>
		<category><![CDATA[rechtsextrem]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[ritual]]></category>
		<category><![CDATA[Römer]]></category>
		<category><![CDATA[Sagas]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksal]]></category>
		<category><![CDATA[Singvøgel]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=548</guid>
		<description><![CDATA[<p><strong>Freyja die Schöne und Odin der Schreckliche, der starke Thor und die Schicksal webenden Nornen&#8230; Das sind sie doch: die typischen Gestalten aus dem germanischen Götterhimmel? Nicht wahr? Nun jein: als typisch mögen sie gelten. Aber ob wir sie germanisch nennen dürfen – das steht in offener Frage. </strong></p>
<p><strong><em>Im Voraus: me too</em></strong><br />
Da auf einer Plattform wie dieser (vielleicht ja im Medium Internet überhaupt) häufig erstmal wüst geblökt wird, und erst dann gelesen – nachgedacht aber so gut wie überhaupt nie, stelle ich meiner Überlegung einen&#8230; nennen wir´s&#8230; <em>Conclaimer voraus:</em> mein Bekenntnis, dass ich eigenen kritischen Gedankengangs allererstes Opfer selber bin.</p>
<p>Und auch bestes Beispiel, mit Verlaub: denn ich bin nicht weniger Ásatrú dadurch, dass ich vermeintliche Selbstverständlichkeiten meines mythologischen Überbaus in Frage stelle. Ganz im Gegenteil. Ich stelle sie in Frage, <em>weil</em> ich Ásatrú bin. Genügsames Nachtrotten (wem oder was eigentlich hinterher, und weswegen?) ist was für Schafsgemüter,  Vorgekautes Wiederkäuen aber ein Merkmal von Rindviechern. Mein Donnergott wirft nicht mit Wattebäuschchen. Warum sollte ich verhehlen, wo der Hammer hängt?</p>
<p>Also Honig auf mein Haupt (oder -wein in meine Kehle: Asche ist mir zu christlich für den Zweck) – ich gebe zu und bekenne:<br />
Ja, auch ich bin im Bann der schrecklichen Freyja, stärke mich an Odins Beispiel, finde Thor wunderschön und mein Schicksal im Netz der Nornen gut verwoben. Ich höre auf Heimdalls Rat und lasse mir meine Sehnsüchte von Lofn auf Erlaubnis freischalten. Ich vertraue Tyr – und wenn auf geradem Weg gar nix mehr geht, hilft mir sogar Loki aus der Patsche (in eine manchmal größere, aber es ging ja sonst nix). Ich opfere sogar einer Frühlingsgöttin Óstara – obwohl die gar nicht &#8220;in der Edda steht&#8221;.<br />
Und – schon mal was von Támfana gehört? Aber ich will nicht vorgreifen&#8230;</p>
<p>Ich gehe davon aus, dass ich niemals nach Valhall komme. Zum einen, weil da nur diejenigen Krieger hinkommen, die in der Schlacht fallen. Es ist ungeklärt, ob das auch für Krieger der Waffengattung Zunge gilt&#8230; vielleicht wären Fragensteller zu gefährlich für die Hausordnung Valhalls (die aus der späteren Völkerwanderungszeit stammt: und was bitt´schön hab ich mit vormittelalterlichem Hauen und Stechen am Helm?)? </p>
<p>Sollte ich dennoch &#8220;fallen&#8221;, vulgo eines unnatürlichen Todes sterben, habe ich schreckliche Hoffnung, dass ich eher im Gefolge der Großen Sau lande: wie auf Erden, so in Folkvang (auch wenn es von diesem &#8220;Jenseits&#8221;, im Gegensatz zu Valhall, keine Beschreibung gibt. Das lässt mehr Raum für eigene Phantasie&#8230;). Schließlich hat die Göttin der nassen Schenkel die erste Wahl vor dem Rabengott und Speerschüttler. Auch wenn der mein Chef ist und bleibt. Er mag mir den Speer brechen dereinst – aber Freyja wäre keine Frau, wenn sie nicht auch in diesem Phall das letzte Wort behielte. Küß die Hand, gnä´ Sau. Es mag Schlimmeres geben, als erste Wahl zu sein. Unten wie oben.</p>
<p>Sollte aber zum andern nix weiter oder anderes passieren – was als wahrscheinlich gelten darf –, lande ich (laut Edda zumindest) bei Hel. Was mich dünkt wie eine Art Reset, da ich eh den Eindruck habe, dort herzukommen. Aber das nächste Mal schau ich mir das Kleingedruckte genauer an&#8230; (Lassen Sie sich ins späte 20. Jh. gebären, hieß es. Da gibt´s Parties und Telefon und später sogar E-Mails, da könnense schwadronieren, bis den Mädels der Saft tropft, hieß es. Da haste freie Berufswahl, Waschmaschinen und mehr als eine Hose, die Musik brauchste nimmer selber machen und sogar den Wein gibt´s fertig im Supermarkt, ohne dass du ihn erst mühsam und risikoreich – Valhall! – den blöderweise viel besser bewaffneten und obendrein unsäglich arroganten Amis, äh, Römern klauen musst. Angeblich könne man sogar Könige und Fürsten einfach abwählen, ohne sie selber köpfen zu müssen. Hieß es. Aber das keineswegs – oder höchstens sehr bedingt auch – Party gewesene 20. Jh. ist vorbei, und einer wie Ackermann steht immer noch der Deutschen Bank vor, ohne auf irgendeinem Wahlzettel aufzutauchen – um hernach unterhalb fünfprozentigen Bevölkerungsapplauses in wohlverdienter Vergessenheit zu vergurgeln&#8230;). Hel verhehlt den ihren halt so manches.</p>
<p><em>Conclaimer Ende.</em> Ich habe hier also hoffentlich ausreichend dargelegt, dass ich ein ganz gewöhnlicher Anhänger ásatrútypischer Mythen, Gott- und Frechheiten bin – und es liegt mir weißtyr fern, auch nur eine einzige meiner Gottheiten als solche anzuzweifeln: wer wäre ich denn? Ich erlaube mir nur einen Blick auf die Grundlage, auf der ihre Mythen beruhen – mit der aber bricht leider ein Großteil dessen ein, was wir über sie wissen&#8230; was man uns überlieferte&#8230; und woraus der/die Ásatrú gewöhnlich wesentliche Teile ihrer/seiner Identidings schnitzt.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/2871503"><img src="http://u1.ipernity.com/8/15/03/2871503.a4e6001e.500.jpg" border="0" alt="JD603285" width="375" height="500" target="_blank" /></a><br />
<em>Runenstein aus der Wikingerzeit (Kopie) &#8211; Wikingermuseum Foteviken, Schweden (Foto: Volkmar Kuhnle)</em></p>
<p><strong>Es steht geschrieben</strong><br />
Was steht alles fest? Die historischen Kulturen, die wir heute als germanische bezeichnen, waren weitgehend schriftlos. Im Gegensatz zu Römern und Griechen machten sich Germanen nicht die geringste Mühe, ihre möglichen Gedanken späteren Generationen einigermaßen nachvollziehbar mitzuteilen. Auf Runensteinen stehen eher knappere bis knappste Botschaften&#8230; über z.B. Schiffsunglücke, zudem in häufig vielschichtiger Deutungsunsicherheit – wobei das halbe Quantum der Nachricht noch aus dem umständlichen Copyright-Sermon des beauftragten Érilar, des Runenritzmeisters bestehen mag. </p>
<p>Wo aber doch mal mehr Worte zusammenhängend in Stein gehauen wurden, war die Motivation der dann so titulierbaren Textinhalte nicht selten schon christlich. Nahezu alles frühere Geritze – auf Waffen, Brakteaten oder Knochen – gibt deutlich mehr Rätsel auf, als es erklärt. Noch auf dem nächstbeliebigen einzelnen römischen Popel-, äh, Patriziergrab finden wir mehr Inschriften vulgo ausdeutbare Info über die Kultur, die den Betreffenden unter die Erde brachte, als in den Hinterlassenschaften ganzer germanischer Stämme zusammen. Der germanische O-Ton, soweit überhaupt als solcher verifizierbar, hinterlässt uns, Inschriften betreffend, also eher unbefriedigt.</p>
<p>Was haben wir noch? Längliche – und womöglich aufschlussreiche – Aufzeichnungen von Plinius dem Älteren, welcher ein Römer war, aber sich doch nicht zu schade, Zusammenstöße seiner zivilisierten Zeitgenossen mit den (auch germanischen) Barbaren aus dem Norden wortreich zu schildern, hätten wir beinah überliefert gekriegt. Leider musste sich der antike Gelehrte mit dem fortschrittlichsten Medium seiner Zeit begnügen, welches Papyrus war. Dieses Speichermedium ist zwar haltbarer als die CD – aber im Laufe der unerbittlichen Zeit doch nicht haltbar genug: was bereits die römischen Zeitgenossen bemerkten. Die, als sie gewahrten, dass der Schmodder noch zu ihren Lebzeiten verrottet, das Zeugs flugs abschrieben. </p>
<p>Natürlich nicht die ganzen öden Details, die eh niemanden interessierten. Sondern nur knuffige Zusammenfassungen. Und so weiter und so fort: immer etwas weniger. Am Ende blieb eigentlich vor allem der Umstand überliefert, dass Plinius der Ältere unheimlich viel aufgeschrieben hatte: nicht weniger als 20 Bücher sollen es gewesen sein, der er über die &#8220;germanischen Kriege&#8221; verfasste. Das wissen wir heute noch: Sein Neffe Plinius der Jüngere war so freundlich gewesen, das in seinem Nachruf auf den Onkel mitzuerwähnen. Nur was jener da zu schildern wusste, das wissen wir leider nicht mehr. Das ist verrottet. Pech aber auch –  umso mehr, als dass es Berichte aus erster Hand gewesen wären: denn Plinius der Ältere war fünf Jahre lang als römischer Offizier in niedergermanischen Gefilden stationiert gewesen. Zwar darf man nicht davon ausgehen, daß er Interesse an der germanischenn Kultur gehabt hat: kein antiker Autor hatte das. Aber als Augenzeugenberichte hätten diese Aufzeichnungen Seltenheitswert gehabt.</p>
<p>Später. Ein Römer namens Tacitus. Redner, Politiker, Gelehrter. Nahm sich die zivi´sierten Hauptstadtbewohner seiner Zeit vor. Um 100 nach Christus war das. Hört mal, guckt mal, schrieb er. Ihr verlotterten Saubären. Meinte er. Seine Landsleut´ meinend – die urbanen vor allem: Ihr solltet euch schämen, einander heimliche Liebesbriefchen zuzustecken, wenn ihr nichtmal verheiratet seid miteinander, insistierte er (den Umstand ignorierend, dass Ehen in aller Regel der Menschheitsgeschichte alles Mögliche provozieren: wozu eheinterne Liebesbriefe erkennbar nicht gehören. Denn Liebesbriefe scheinen eine Ausdrucksart Verliebter zu sein: schon immer&#8230;). Nehmt euch ein Beispiel, sagte der sittenstrenge Tacitus, an Winnetou, dem edlen blonden Häuptling der Germanen. (Die ganz bestimmt keine Liebesbriefchen schreiben konnten, schon weil sie der Schriftkunst als solcher unkundig waren, Anm. d. Verf.)</p>
<p>Tacitus weiter, in einer überzeugenden Mischung aus Schwärmerei und Befremden, über die (von ihm an den Haaren herbeizitierten) Germanen: Das sind wetterharte Recken jenseits der Alpen, wisst ihr. Die laufen den ganzen Tag oben ohne herum (die Männer zumindest), obwohl´s da oben schneit, und bevor sie nicht mindestens 20 Jahre alt sind, kommen diese edlen Wilden überhaupt nicht auf Ideen von wegen Blümchen und Bienchen und so&#8230; Tacitus schrieb eine Menge. Nicht das meiste davon, sondern schlichtweg alles hatte er von andern gehört: von Leuten, die dort oben gewesen waren, im Norden. Im Gegensatz zu ihm selber. Zudem lässt sich heute schwerlich bestimmen, welche germanischen Götter irgendein Römer meinte, wenn er im Zuge der so genannten &#8220;Pax Romana&#8221; ganz selbstverständlich römische Götternamen benutzte, um die Gottheiten ihm fremder Kulturen zu beschreiben&#8230; Tacitus ist ein typisches Beispiel für diese großzügige Laxheit.</p>
<p>Zu seiner Zeit wurde abgeschnittenes Blondhaar aus dem dust´ren Norden als teure Exotik auf Roms Märkten verkauft. Zivilisierte träumen gern von etwas Unwissbarem, das sie für &#8220;ursprünglich&#8221; halten mögen. Worin ihre zumeist frustrierten Phantasien orgiastisch (und folgenlos) kulminieren können. Das gilt damals wie heute. Typische Beispiele: die angebliche &#8220;Naturnähe&#8221; (wenn nicht gar unterstellte Naturliebe) archaischer Naturreligiöser, einfachere Lebens-Organisationsformen, Freie Liebe, Matriarchat&#8230; bis hin zur emotionsberuhigend anschaulichen Es-war-einmal-Show des romantisch-verrußten Freizeit-Schmiedes aufm pest-, aber nicht abgas- oder feinstaubfreien Mittelaltermarkt. Spätestens sein Beispiel lässt vergessen, für Momente des Staunens, Schauderns oder scheinüberlegenen Gähnens zumindest: den zickenden Ticketautomaten, der deinen sauer erworbenen und gerade noch aus der Manteltasche gekramten Knittergeldschein beharrlich wieder ausspuckt, während der heute ausnahmsweise pünktliche Zug zehn Gleise fern von dir abzufahren droht.</p>
<p><strong>Heilige Schriften?</strong><br />
Soweit, so fraglich. Aber wir haben ja noch was. Die Edda! Die nordischste aller Überlieferungen über die nordeuropäischen Kulturen! Tatsächlich wird gerade diese zusammenhängendste aller literarischen Quellen von manchem gerngläubigen Neuheiden als eine Art &#8220;nordische Bibel&#8221; gesehen – oder zumindest so behandelt. </p>
<p>Ich beobachtete auf einem Vortrag über Core-Schamanismus, der auf einer Neuheiden-Veranstaltung gehalten wurde von einem Gastredner, wie sich hernach ganze Trauben von Germanengläubigen um ihre Wortführer (oder die Belesensten halt) scharten, um zu erfragen, was denn nun von dem – inhaltlich kompetenten und hochinteressanten – Stoff für sie anwendbar sei: ob da irgendwas durch die Edda &#8220;abgedeckt&#8221; sei oder darin stünde. Man gewann den Eindruck, dass vom Vortragsthema nur solche Aspekte brauchbar oder relevant sein könnten, von denen die Filterung durch die Edda irgendetwas übrig ließ – für jene Germanengläubigen halt. Nur ein besonders krasses Beispiel. Aber die persönliche kulturelle Identität von den Wortwörtlichkeiten bestimmter literarischer Quellen abhängig zu machen, scheint ein typisch neogermanisches Syndrom (wenn nicht gar Symptom) zu sein: so häufig, wie es auftritt!</p>
<p>Das Problem ist dabei, wie ich meine, noch weniger die recht unterschiedliche Qualität und inhaltliche Ausdeutung der verschiedenen Übertragungen aus der Originalsprache. Das Problem ist ebenfalls nicht, dass sich, wer auch nur ein paar Brocken Altnordisch parat hat, unter germanengläubigen Neuheiden recht leicht und billig zur Scheinautorität mit entsprechender Deutungshoheit angeblichen &#8220;alten Wissens&#8221; aufschwingen kann. Wer sich solchen Pfeifen als Gefolge andient, sich ergo als Mensch benimmt wie ein Lamm, erklärt zumindest mir vergeblich, was daran bitteschön &#8220;Ásatrú&#8221; sein soll. Aber vielleicht ist das mit ein Grund, warum Lämmer Hirten brauchen (die das dann für sie erklären): hier nicht unser Thema.</p>
<p>Dem Problem schon etwas näher kommen wir bei der Untersuchung der Quellen selbst. Spätestens ihre zahllosen Widersprüchlichkeiten, Ungereimtheiten und Lücken müssten bei jedem halbwegs intelligenten Primaten Fragen aufwerfen: Woher &#8220;quellen&#8221; die denn? Und wieso quillt da überhaupt was? Bei der Edda ist das ziemlich klar: Es gibt die Ältere Edda und die Jüngere, wobei die jüngere historisch älter ist als die ältere. Bongi? Nein, das ist keine germanische Version von Dialektik – diese kleine Begriffsverwirrnis hat sich nur im Laufe der Zeit ganz banal ergeben. Schließlich kam der Kram im Original nicht als Hardcover oder Taschenbuch heraus. </p>
<p>Die handschriftlichen Urfassungen sind von einem isländischen Gelehrten namens Snorri Sturluson. Er schrieb auf einzelne Blätter. Die Vollständigkeit der Hinterlassenschaft darf angezweifelt werden, die Reihenfolge der verbliebenen Teile, oft sogar einzelner Verse, ist umstritten. Ebenso die Frage von Snorris Quellen. Besonders interessant an der Edda sind aber zwei Aspekte: der Zeitpunkt ihrer Entstehung, und die Motivation dahinter. Als Snorri das niederkratzte, was wir heute fast ausschließlich über altgermanische Mythologie wissen (bzw. für solche halten), war Island schon seit über zwei Jahrhunderten christlich. Die Absicht des Gelehrten war zudem keineswegs, irgendeinen alten Glauben zu bewahren, sondern seinen Schülern eine bestimmte Form der damaligen Dichtkunst beizubringen, die so genannte Skaldik.</p>
<p>Selbstverständlich darf davon ausgegangen werden, dass der Lehrer tief in die heidnische Mottenkiste griff: und so manche Sagen, Mären und Lieder vor dem endgültigen Vergessen bewahrte. Wofür wir ihm auch unendlich dankbar sind. Nur muss man sich darüber klar sein, dass schon jener allererste nordische Mythenaufschreiber und -nachdichter verfuhr wie ein heutiger Theater- oder Filmregisseur mit Autorentexten: Da werden weite Passagen gestrichen, Kapitel umgebaut, Personen und Handlungsstränge neu gruppiert – und wo was fehlt, wird flugs was eingefügt, dazuerfunden: von einzelnen Figuren bis ganzen Aktionssequenzen. &#8220;Based on the novel of&#8230;&#8221; steht dann im Nachspann. Das ist ein ganz normaler, konsequenter Vorgang: Filme bedienen das Auge, Bücher die Phantasie, Theater bemüht sich um beides. (Dies ist keine Aussage über etwaige Qualitäten oder Mängel, sondern ergibt sich geradezu zwingend aus der unterschiedlichen Natur der Vermittlungsformen und deren spezifischen Anforderungen.)</p>
<p>Warum aber soll Snorri – der ja kein Theater machte – vergleichbar verfahren sein mit dem von ihm überlieferten Mythenstoff? Sehr einfach: weil nach irgendeiner Authentizität der Inhalte damals kein Hahn mehr krähte, und der Verwender des Stoffes schon gar nicht. Um Dichtkunst ging´s. Ein Manual hat er verfasst, wie ein ordentlicher Skalde ordentliche Skaldenverse zu schmieden hat. Für die Veranschaulichung seines schriftlichen Workshops nahm er alte Sagen und Erzählungen heran: oder schöpfte nur aus ihnen, ließ sich von Altem inspirieren&#8230; wobei ihn nichts gebremst haben braucht, da beliebig hineinzukreieren, herumzumixen oder wegzulassen. Ein Interesse an diesem Stoff will ich ihm bestimmt nicht absprechen: ist doch schon fast herzig, wie er die Asen auf eine knuffige Anzahl von Zwölfen zu trimmen versucht, sich aber schon dabei in Widersprüche verstrickt. </p>
<p>Egal! Der Stoff war public domain, frei verfügbarer Fundus, seine Niederschrift aber Mittel zu einem ganz anderen Zweck. Inhaltlich brauchten die Nacherzählungen keinen genaueren Ansprüchen genügen als etwa Disneys Zeichentrick-Verwurstung des Herkules-Mythos. Hie wie dort griff man auf &#8220;noch irgendwie Bekanntes&#8221;, auf &#8220;mal Gehörtes&#8221; zurück: Hollywood zur kommerziellen Unterhaltung, Snorri zur fachlichen Nachwuchsdichter-Belehrung.</p>
<p>Nun kennen wir Heutigen die älteren und originaleren Fassungen des antiken Herkules-Mythos ziemlich genau – die bis dato ausschließlich mündlich überlieferte Mythenschatzkiste aber, aus der Snorri die Edda schöpfte, leider überhaupt nicht. Weshalb sich auch nicht mehr feststellen lässt, was vielleicht des Dichters ureigener Anteil war. Überall dort, wo seine Figuren, Handlungen oder Erwähnungen keine anderweitigen Entsprechungen anderswo haben, wo es keine analogen Funde oder hinweisende weitere Quellen gibt: besteht genau der Verdacht.</p>
<p><strong>Die im Dunkeln sieht man nicht&#8230;</strong><br />
Zahlreiche mythologische Liedern und Skaldengedichte kennen wir ausschließlich durch Snorris Zitate – und auch die Sagas anderer Autoren stammen allesamt aus christlicher Zeit. Heidnische Bräuche waren da längst auf dem Rückzug. Ihre zunehmende Durchsetzung mit christlich beeinflussten Werten mochte beim &#8220;einfachen Volk&#8221; zwar erst allmählich vonstatten gegangen sein – was aber nichts ändert an der grundsätzlichen geistigen Dominanz organisierter Christianisierung: der das eher &#8220;unbewusst&#8221; betriebene Heidentum, das ja weniger als &#8220;Religion&#8221; in heutigem Sinne aufgefasst werden darf denn vielmehr als &#8220;alter Brauch&#8221;, nichts entgegenzusetzen hatte. Wer damals noch an heidnischen Bräuchen festhielt, galt mit Sicherheit nicht als vorbildlich oder irgend nachahmenswert. </p>
<p>Das Heidentum mochte noch Anhänger gehabt haben, aber konnte keine Fürsprecher mehr hervorbringen. Heute aus den Überlieferungen der damals Gebildeteren – der Schreibkundigen – allen Ernstes altgermanische Religionsinhalte ableiten zu wollen, ist ein ähnlich abenteuerliches Unterfangen, als wolle man die Kultur der Apachen nach Karl-May-Erzählungen rekonstruieren. Ähnlichkeiten mit historischer Wirklichkeit könnten vorkommen, sind aber rein zufällig – und sind schwerer auszumachen als Nadeln im Heuhaufen (da sich Nadeln von Heu wenigstens dann unterscheiden lassen unterscheiden lassen, wenn man mal welche findet). In christlicher Kulturdominanz erhaltene heidnische Reste mögen auffindbar sein – aber nur in Form negativer Absetzung: ungenügenden Christentums, sozusagen&#8230; als Abweichungen von christlichen Werten oder Gesetzen. Was von heidnischen Brauch-Überbleibseln aber einmal tatsächliche spirituelle Relevanz gehabt haben mag, kann bestenfalls strittig bleiben. Eine Überlieferung &#8220;heidnischer Werte&#8221; als solcher existiert nicht. Aus der langen Phase des ungleichen Paradigmenwechsels aber bringt kein Mensch mehr die Milch aus der Melange.</p>
<blockquote><p>&#8220;Sank das Boot, brach das Schwert / Kamen andere daher / Und der Sang sank ins Grab&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(<a href="http://www.singvoegel.com/index.php/kommt-ein-boot/" target="_blank">Kommt ein Boot</a>, die Singvøgel)</p>
<p><strong>Sank das Boot&#8230;</strong><br />
Der erhaltene &#8220;Codex Regius der Liederedda&#8221; wurde etwa 50 Jahre nach Snorris &#8220;Original&#8221; niedergeschrieben – und weicht von diesem bereits (z.B. in der dichterisch vergleichsweise starken &#8220;Vøluspa&#8221;, die den Bogen von der Welterschaffung bis zum Untergang der Götter spannt) beträchtlich ab. Dazu kommt, dass schon Snorris Zeitgenossen etliche der älteren &#8220;Kenningar&#8221; nicht mehr verstanden haben dürften: da die Mythen, auf die solche Begriffsrätsel anspielten, schon über 200 Jahre lang keine spirituelle Relevanz mehr hatten.</p>
<p>Kenningar sind skaldentypische Umschreibungen, die z.B. von einem &#8220;Wogenhengst&#8221; sprechen, wenn ein Boot gemeint ist. Während sich ein simples und profanes Beispiel wie dieses noch durch bloßes Kombinieren entschlüsseln lässt (da uns sowohl Wogen als auch Hengste bekannt sind), muss man mit dem stofflichen Who is Who schon etwas vertrauter sein, um z.B. &#8220;Friggs einzige Freude&#8221; als deren Gemahl Odin zu identifizieren. So richtig knuffig wird´s dann aber mit Versen wie diesem:</p>
<blockquote><p>&#8220;Da wurde Völkermord in der Welt zuerst / da sie mit Geren Gullweig (die Goldkraft) stießen / In des Hohen Halle die helle brannten. / Dreimal verbrannt, ist sie dreimal geboren / Oft, unselten, doch ist sie am Leben&#8221;</p></blockquote>
<p>So lautet Vøluspa-Vers 25 in der Übertragung von Karl Simrock.</p>
<p>&#8230;Was Edda-Übersetzer Felix Genzmer so überträgt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Da kam zuerst / Krieg in die Welt / als Götter Gullweig / mit Geren stießen / und in Heervaters Halle brannten / dreimal brannten / die dreimal geborne&#8221;</p></blockquote>
<p>Genzmer beziffert diese Passage als Vers 15&#8230;</p>
<p>Das altnordische Original lässt jedem dieser Sprache Kundigen offensichtlich recht weitgehende Interpretationen zu. Wobei der Gullweig-Vers nicht das krasseste Beispiel dafür ist: Ich wählte es eher aufgrund seiner inhaltlichen Schwergängigkeit. Um zu veranschaulichen, dass zumindest komplexere Kenningar – wie auch sonstige Anspielungen – der Kenntnis dessen bedürfen, worauf da überhaupt angespielt wird. </p>
<p>Da Kenningar in Eddastrophen ähnlich oft vorkommen wie röhrende Gitarren im Heavy Metal, liest sich das Ganze für Einsteiger eher ungemütlich – die Kenner aber streiten sich über zahllose Deutungsvarianten: spätestens überall dort, wo Kenningar auf Hintergrundstories verweisen, die schon früh in Vergessenheit gerieten, und die niemand überlieferte. Ob es zu Snorris Lebzeiten – 1179 bis 1241 – noch eine ungebrochene mündliche Überlieferungstradition gab, die heidnisch genannt werden darf, ist höchst umstritten. </p>
<p>Tatsache ist, dass von einer solchen Tradition heute nichts mehr übrig ist. Kein Mensch weiß, ob z.B. der Gott Heimdall in historischer Zeit je irgendeine heidnische Verehrung erfuhr – genauer gesagt: ob das überhaupt ein Gott war; ob es einen altgermanischen Gott dieses Namens gab. Wir kennen ihn ausschließlich von Snorri. Er könnte ihn sich ausgedacht haben. Oder die Eigenschaften von anderen heidnischen Göttern zu dem zusammengemixt, was uns heute als goldzähniger Sohn von neun Müttern entgegenstrahlt, dessen Schwert &#8220;Haupt&#8221; heißt, und der beim drohenden Weltuntergang ins &#8220;Gjallarhorn&#8221; Alarm bläst. Vielleicht ist der (bereits innerhalb dieser literarischen Erwähnungen nach allen Seiten hin offen bleibende, schon in der Edda selbst nirgends weiter- oder annähernd rund gesponnene – geschweige denn woanders belegte) Heimdall-Mythos trotzdem altgermanisch, also irgendwie wenigstens teil- oder ansatzweise heidnischer Herkunft. Vielleicht aber überhaupt nicht. Beweisen lässt sich das eine sowenig wie das andere.</p>
<p>Einen Tick deutlicher lässt sich Baduhenna belegen – mehr oder minder indirekt: In einem &#8220;Hain der Baduhenna&#8221;, so überliefern antike Quellen, sollen 900 Römer von wilden Friesen niedergemacht worden sein. Auch die etymologische Aufschlüsselung des Namens Baduhenna lässt die Vermutung zu, dass es sich um eine Schlacht- oder Kriegsgöttin handelte. Das ist allerdings auch schon alles, was wir darüber in Erfahrung bringen können: Denn in der Edda kommt eine Göttin Baduhenna nicht vor.</p>
<p>Weshalb die meisten Neuheiden – Germanengläubige eingeschlossen, behaupte ich mal – diesen Namen noch nie gehört haben dürften. Im Gegensatz zu dem Heimdalls.</p>
<p><strong>Kamen andere daher&#8230;</strong><br />
Genau deshalb spreche ich übrigens von &#8220;Germanengläubigen&#8221;: jene Neuheiden meinend, die ihre germanische Orientierung ausschließlich aus literarischen Quellen wie der Edda und den Sagas herleiten. Diese Leute glauben, dass alte Germanen an Heimdall, Eir, Idun und Gefjon geglaubt haben, dazu an mystische Orte wie Vanaheim, Muspellheim, Ljossalf- und Svartalfheimr usw. (Dass christlicher Glauben, z.B. der Arianismus, unter zahlreichen germanischen Stämmen während der Völkerwanderungszeit schon längst auf dem Vormarsch war und diese zunehmend dominierte, sei hier nur am Rande erwähnt. Die Bereitschaft, neue spirituelle Einflüsse aufzunehmen bzw. sich solchen zu öffnen, kann in gewisser Hinsicht sogar als ein Hauptmerkmal altgermanischer Religiösität ausgemacht werden&#8230;)</p>
<p>Wohlgemerkt, und noch mal: Es liegt mir fern, hier irgendjemandem seinen heiligen Glauben an diese oder jene Gottheit, diese oder jene spirituelle Wahrheit abzusprechen. Der einzige Glauben, dem ich widerspreche, ist der, dass es sich dabei auch und zwangsläufig um einen altgermanischen gehandelt haben soll: um Götter, die bereits in vorchristlicher Zeit welche waren und als solche verehrt wurden. Von einer großen Zahl in der Edda erwähnter oder beschriebener Namen und Begriffe lässt sich das – über Snorris Werk hinaus – nirgends belegen. </p>
<p>Und hier sind wir am springenden Punkt des &#8220;kleinen Unterschieds&#8221;, den ich meine. Literarische Quellen sind nunmal keine archäologischen und in diesem Sinne keine historischen. Aus archäologischen aber lässt sich schwerlich eine altgemeinte Religion bauen. Verbeulte Helme mit kryptischen Krakelinschriften, verbogene Fibeln, verrottete Klingen,  Scherben von Pötten und nicht mal mehr von Läusen bewohnte Knochenkämme sind für Vitrinen eine Zier – ein Heidentum wird nicht aus ihr. Literarische Hinterlassenschaften über das Heidentum alter Germanen gibt es – aber nicht von ihnen. Der kleine Unterschied hat Konsequenzen. Theoretisch tun (die meisten) germanisch orientierten Neuheiden so, als gäbe es die nicht. Das wiederum hat Konsequenzen für neuheidnische Praktiken: sie werden zum &#8220;so tun als ob&#8221;. Erst aber dieses allgegenwärtige Beharren darauf, dass sie echt sei, altgermanische Tradition, &#8220;Religion unserer Vorfahren&#8221;, macht sie zu einer Peinlichkeit: die ambitioniert gelebte Fantasy.</p>
<p>Denn logischerweise lässt sich auch aus einer nur indirekt nachweisbaren historischen Verehrung z.B. einer Támfana nicht gerade viel Taugliches schnitzen, womit sich neuheidnische Rituale – oder Identitäten – bereichern ließen: Támfana ist nur dadurch bekannt, dass die Römer die erfolgreiche Zerstörung ihres Tempels vermeldeten. Und nur durch ziemlich kniffelige Recherchen über den (in der römischen Geschichtsschreibung nur nebulös angedeuteten) Zeitpunkt jener Schlacht – dem Herbstäquinoktium – lässt sich, im Zusammenhang mit fundierter Etymologie, einigermaßen stichhaltig vermuten, dass es sich bei Támfana um eine &#8220;Göttin des Zeitmaßes&#8221; gehandelt haben könnte&#8230;</p>
<p>Derlei Widerborstigkeiten hinterherzuforschen und das Für und Wider einer Annahme oder auch nur Fragestellung kritisch zu untersuchen, ist natürlich wesentlich unbequemer und emotional unergiebiger, als in irgendeiner Edda-Übertragung gemütlich nachzulesen, dass Odin gern mal in Sökkvabekkr mit Friggs &#8220;Zofe&#8221; Saga Met aus goldenen Schalen schlürft (um bei solchen Gelegenheiten das eine oder andere Wissenswerte zu erfahren, das seine verschwiegene Göttergattin ihm, dem Sucher, vorzuenthalten pflegt&#8230;). Ich finde diese Geschichte auch schön – nur muss sie genauso wenig aus urheidnischem Fundus stammen wie der amüsante Schwank, wo sich Thor in Brautkleider hüllen muss: genau genug beschrieben, um den Donnergott nicht etwa in germanischer, sondern eindeutig hochmittelalterlicher Tracht bestaunen zu können.</p>
<p><strong>Mut zur Wahrheit?</strong><br />
Der Bilderreichtum der Edda ist zweifellos ein einzigartiges Leuchtfeuer in einer sonst vorwiegend aus Scherben und drögen Bruchstücken bestehenden Hinterlassenschaft – allzu oft wird aber übersehen, dass es sich bei dem Schein, den das Dichtkunst-Lehrwerk eines Christen auf die versunkene germanische Mythologie wirft, bereits um ein Grablicht handelt. </p>
<p>Natürlich hat gerade Snorri diese Mythologie mit mehr Hingabe geschildert (und wer weiß wo und wie ausgeschmückt, oder verdünnt&#8230; die christlichen Einflüsse sind bereits in der Vøluspa erkennbar, höchst ungermanischer Feudalismus wird später in der – ohnedies umstrittenen – Rigsthula beworben: möglicherweise zu Legitimationszwecken solcher Sozialveränderungen) als die den Germanen meist eher feindlich gesinnten Römer: denen es um etwas anderes ging, als ausgerechnet irgendwelche Barbaren kulturell ernst zu nehmen und entsprechend akribisch zu dokumentieren. </p>
<p>Aber O-Ton altgermanischer Kultur ist auch Snorri keiner. Er wird nur so behandelt: heute, von Menschen, die ein sozusagen bitteres Interesse daran haben, aus christlichen Aufzeichnungen neuheidnische Identitäten destillieren zu müssen – und oft fließt das Destillat ins rein Fabulöse. Notgedrungen: mangels germanischer Originaltöne. Mangels germanisch-heidnisch motivierter Überlieferung – die es nirgends gibt.</p>
<p>Allerdings: den Mumm, diesen Umstand und seine Konsequenzen wenigstens offen zuzugeben, hätte ich bekennenden Ásatrú schon gern zugetraut. Ich hätte mich wohler gefühlt in deren Gesellschaft. Es hätte mich auch stolzer gemacht, im gesellschaftlichen Echo meiner Ásatrú-Identität, wenn das Ásatrú der meisten, die sich zu seinen (hochumstrittenen möglichen) Inhalten bekennen, wenigstens im Punkt historischer Wahrheitsliebe über die Legendenmacherei anderer neuheidnischer Richtungen herausragend verhielte. </p>
<p>Wenn es da auch einen kleinen Unterschied gäbe: zu all den anderen neuheidnischen Strömungen, deren jeweilige Anhänger erbittert um die Anzahl ihrer rituellen Knopflöcher zu streiten vermögen, ohne zu erkennen, dass zuweilen ihr ganzes mythologisches oder spirituelles Gewand überhaupt nur aus Löchern besteht, vulgo des Kaisers neuen Kleidern ähnlicher ist als wenn sie wirklich skyclad herumliefen. Ja, ich weiß: &#8220;skyclad&#8221; ist kein Ásatrú-Begriff. Eine Wikingergewandung macht aber noch lange keinen Ásatrú. Begriffen? Nein. Spätestens, wenn die meisten das Maul aufreißen, entblößen sie ihre spirituelle Nacktheit. Man muss noch froh sein, wenn ihnen keine Hakenkreuze in die Seele graviert sind – unter dem nostalgischen Stroh. Oder vielleicht sollte man sie schon loben, wenn sie überhaupt andere Gewandung tragen als &#8220;Odin statt Jesus&#8221;-Leiberl.</p>
<p><strong>Vorhang auf – Geist auch</strong><br />
Offen darf – neben den hier zuvörderst aufgeworfenen (kritischen KennerInnen der Materie freilich schon Bekanntes nur in Erinnerung bringenden) – Fragen aber auch diejenige bleiben, was denn eigentlich so schrecklich daran wäre, dem Bekenntnis zu großen Gottheiten jenes kleine, aber ehrliche hinzuzufügen, dass wir uns ebendiese Großen im Grunde selber schnitzen: müssen, will ich sogar sagen. Denn selbst nach Abzug sämtlicher unsicherer Mythen und Legenden (die man ja deshalb nicht in die Tonne treten muss: Es reichte ja das Bewusstsein darüber, worum es sich womöglich handelt) bleibt doch von germanischer Kultur durchaus genug Erforschbares und Recherchierbares übrig, um sich davon ganz ungewohnte Denkweisen in den Charakter einzuarbeiten, so peu á peu. </p>
<p>Klar: eine Heidenarbeit. Die aber kann freilich erst gar nicht beginnen, so lange man (bewusst oder unbewusst) im beharrlichen Leim der sittenchristlichen Tradition kleben bleibt, &#8220;das Spirituelle&#8221; vom restlichen Leben abtrennen zu können. Und erst diese moderne Reduktion aufs vermeintlich Religiöse zwingt, so will mir scheinen, die Bekennenden zu Rechtfertigungen oder haltlosen Behauptungen, die sich irgendwann im Kreis drehen – während der Matsch des Alltags unbeachtet bleibt (einschließlich möglichen Versinkens in eher bräunlichen Sümpfen), da ja dann fürs thematisch fokussierbarere und aus jeglicher sozialer Mitverantwortlichkeit herausamputierte Religionsverständnis irrelevant. Ja, vielleicht taugt dieses ja überhaupt vorrangig dazu, der komplizierten Welt und ihren zumeist unromantischen Anforderungen wenigstens wochenendweise und freizeitlich zu entfliehen. </p>
<p>Spätestens das aber verkaufe mir bitte keiner mehr als germanisch!</p>
<p><em>Duke Meyer</em></p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/der-kleine-unterschied/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Freyja die Schöne und Odin der Schreckliche, der starke Thor und die Schicksal webenden Nornen&#8230; Das sind sie doch: die typischen Gestalten aus dem germanischen Götterhimmel? Nicht wahr? Nun jein: als typisch mögen sie gelten. Aber ob wir sie germanisch nennen dürfen – das steht in offener Frage. </strong></p>
<p><strong><em>Im Voraus: me too</em></strong><br />
Da auf einer Plattform wie dieser (vielleicht ja im Medium Internet überhaupt) häufig erstmal wüst geblökt wird, und erst dann gelesen – nachgedacht aber so gut wie überhaupt nie, stelle ich meiner Überlegung einen&#8230; nennen wir´s&#8230; <em>Conclaimer voraus:</em> mein Bekenntnis, dass ich eigenen kritischen Gedankengangs allererstes Opfer selber bin.</p>
<p>Und auch bestes Beispiel, mit Verlaub: denn ich bin nicht weniger Ásatrú dadurch, dass ich vermeintliche Selbstverständlichkeiten meines mythologischen Überbaus in Frage stelle. Ganz im Gegenteil. Ich stelle sie in Frage, <em>weil</em> ich Ásatrú bin. Genügsames Nachtrotten (wem oder was eigentlich hinterher, und weswegen?) ist was für Schafsgemüter,  Vorgekautes Wiederkäuen aber ein Merkmal von Rindviechern. Mein Donnergott wirft nicht mit Wattebäuschchen. Warum sollte ich verhehlen, wo der Hammer hängt?</p>
<p>Also Honig auf mein Haupt (oder -wein in meine Kehle: Asche ist mir zu christlich für den Zweck) – ich gebe zu und bekenne:<br />
Ja, auch ich bin im Bann der schrecklichen Freyja, stärke mich an Odins Beispiel, finde Thor wunderschön und mein Schicksal im Netz der Nornen gut verwoben. Ich höre auf Heimdalls Rat und lasse mir meine Sehnsüchte von Lofn auf Erlaubnis freischalten. Ich vertraue Tyr – und wenn auf geradem Weg gar nix mehr geht, hilft mir sogar Loki aus der Patsche (in eine manchmal größere, aber es ging ja sonst nix). Ich opfere sogar einer Frühlingsgöttin Óstara – obwohl die gar nicht &#8220;in der Edda steht&#8221;.<br />
Und – schon mal was von Támfana gehört? Aber ich will nicht vorgreifen&#8230;</p>
<p>Ich gehe davon aus, dass ich niemals nach Valhall komme. Zum einen, weil da nur diejenigen Krieger hinkommen, die in der Schlacht fallen. Es ist ungeklärt, ob das auch für Krieger der Waffengattung Zunge gilt&#8230; vielleicht wären Fragensteller zu gefährlich für die Hausordnung Valhalls (die aus der späteren Völkerwanderungszeit stammt: und was bitt´schön hab ich mit vormittelalterlichem Hauen und Stechen am Helm?)? </p>
<p>Sollte ich dennoch &#8220;fallen&#8221;, vulgo eines unnatürlichen Todes sterben, habe ich schreckliche Hoffnung, dass ich eher im Gefolge der Großen Sau lande: wie auf Erden, so in Folkvang (auch wenn es von diesem &#8220;Jenseits&#8221;, im Gegensatz zu Valhall, keine Beschreibung gibt. Das lässt mehr Raum für eigene Phantasie&#8230;). Schließlich hat die Göttin der nassen Schenkel die erste Wahl vor dem Rabengott und Speerschüttler. Auch wenn der mein Chef ist und bleibt. Er mag mir den Speer brechen dereinst – aber Freyja wäre keine Frau, wenn sie nicht auch in diesem Phall das letzte Wort behielte. Küß die Hand, gnä´ Sau. Es mag Schlimmeres geben, als erste Wahl zu sein. Unten wie oben.</p>
<p>Sollte aber zum andern nix weiter oder anderes passieren – was als wahrscheinlich gelten darf –, lande ich (laut Edda zumindest) bei Hel. Was mich dünkt wie eine Art Reset, da ich eh den Eindruck habe, dort herzukommen. Aber das nächste Mal schau ich mir das Kleingedruckte genauer an&#8230; (Lassen Sie sich ins späte 20. Jh. gebären, hieß es. Da gibt´s Parties und Telefon und später sogar E-Mails, da könnense schwadronieren, bis den Mädels der Saft tropft, hieß es. Da haste freie Berufswahl, Waschmaschinen und mehr als eine Hose, die Musik brauchste nimmer selber machen und sogar den Wein gibt´s fertig im Supermarkt, ohne dass du ihn erst mühsam und risikoreich – Valhall! – den blöderweise viel besser bewaffneten und obendrein unsäglich arroganten Amis, äh, Römern klauen musst. Angeblich könne man sogar Könige und Fürsten einfach abwählen, ohne sie selber köpfen zu müssen. Hieß es. Aber das keineswegs – oder höchstens sehr bedingt auch – Party gewesene 20. Jh. ist vorbei, und einer wie Ackermann steht immer noch der Deutschen Bank vor, ohne auf irgendeinem Wahlzettel aufzutauchen – um hernach unterhalb fünfprozentigen Bevölkerungsapplauses in wohlverdienter Vergessenheit zu vergurgeln&#8230;). Hel verhehlt den ihren halt so manches.</p>
<p><em>Conclaimer Ende.</em> Ich habe hier also hoffentlich ausreichend dargelegt, dass ich ein ganz gewöhnlicher Anhänger ásatrútypischer Mythen, Gott- und Frechheiten bin – und es liegt mir weißtyr fern, auch nur eine einzige meiner Gottheiten als solche anzuzweifeln: wer wäre ich denn? Ich erlaube mir nur einen Blick auf die Grundlage, auf der ihre Mythen beruhen – mit der aber bricht leider ein Großteil dessen ein, was wir über sie wissen&#8230; was man uns überlieferte&#8230; und woraus der/die Ásatrú gewöhnlich wesentliche Teile ihrer/seiner Identidings schnitzt.</p>
<p><a href="http://www.ipernity.com/doc/londo42/2871503"><img src="http://u1.ipernity.com/8/15/03/2871503.a4e6001e.500.jpg" border="0" alt="JD603285" width="375" height="500" target="_blank" /></a><br />
<em>Runenstein aus der Wikingerzeit (Kopie) &#8211; Wikingermuseum Foteviken, Schweden (Foto: Volkmar Kuhnle)</em></p>
<p><strong>Es steht geschrieben</strong><br />
Was steht alles fest? Die historischen Kulturen, die wir heute als germanische bezeichnen, waren weitgehend schriftlos. Im Gegensatz zu Römern und Griechen machten sich Germanen nicht die geringste Mühe, ihre möglichen Gedanken späteren Generationen einigermaßen nachvollziehbar mitzuteilen. Auf Runensteinen stehen eher knappere bis knappste Botschaften&#8230; über z.B. Schiffsunglücke, zudem in häufig vielschichtiger Deutungsunsicherheit – wobei das halbe Quantum der Nachricht noch aus dem umständlichen Copyright-Sermon des beauftragten Érilar, des Runenritzmeisters bestehen mag. </p>
<p>Wo aber doch mal mehr Worte zusammenhängend in Stein gehauen wurden, war die Motivation der dann so titulierbaren Textinhalte nicht selten schon christlich. Nahezu alles frühere Geritze – auf Waffen, Brakteaten oder Knochen – gibt deutlich mehr Rätsel auf, als es erklärt. Noch auf dem nächstbeliebigen einzelnen römischen Popel-, äh, Patriziergrab finden wir mehr Inschriften vulgo ausdeutbare Info über die Kultur, die den Betreffenden unter die Erde brachte, als in den Hinterlassenschaften ganzer germanischer Stämme zusammen. Der germanische O-Ton, soweit überhaupt als solcher verifizierbar, hinterlässt uns, Inschriften betreffend, also eher unbefriedigt.</p>
<p>Was haben wir noch? Längliche – und womöglich aufschlussreiche – Aufzeichnungen von Plinius dem Älteren, welcher ein Römer war, aber sich doch nicht zu schade, Zusammenstöße seiner zivilisierten Zeitgenossen mit den (auch germanischen) Barbaren aus dem Norden wortreich zu schildern, hätten wir beinah überliefert gekriegt. Leider musste sich der antike Gelehrte mit dem fortschrittlichsten Medium seiner Zeit begnügen, welches Papyrus war. Dieses Speichermedium ist zwar haltbarer als die CD – aber im Laufe der unerbittlichen Zeit doch nicht haltbar genug: was bereits die römischen Zeitgenossen bemerkten. Die, als sie gewahrten, dass der Schmodder noch zu ihren Lebzeiten verrottet, das Zeugs flugs abschrieben. </p>
<p>Natürlich nicht die ganzen öden Details, die eh niemanden interessierten. Sondern nur knuffige Zusammenfassungen. Und so weiter und so fort: immer etwas weniger. Am Ende blieb eigentlich vor allem der Umstand überliefert, dass Plinius der Ältere unheimlich viel aufgeschrieben hatte: nicht weniger als 20 Bücher sollen es gewesen sein, der er über die &#8220;germanischen Kriege&#8221; verfasste. Das wissen wir heute noch: Sein Neffe Plinius der Jüngere war so freundlich gewesen, das in seinem Nachruf auf den Onkel mitzuerwähnen. Nur was jener da zu schildern wusste, das wissen wir leider nicht mehr. Das ist verrottet. Pech aber auch –  umso mehr, als dass es Berichte aus erster Hand gewesen wären: denn Plinius der Ältere war fünf Jahre lang als römischer Offizier in niedergermanischen Gefilden stationiert gewesen. Zwar darf man nicht davon ausgehen, daß er Interesse an der germanischenn Kultur gehabt hat: kein antiker Autor hatte das. Aber als Augenzeugenberichte hätten diese Aufzeichnungen Seltenheitswert gehabt.</p>
<p>Später. Ein Römer namens Tacitus. Redner, Politiker, Gelehrter. Nahm sich die zivi´sierten Hauptstadtbewohner seiner Zeit vor. Um 100 nach Christus war das. Hört mal, guckt mal, schrieb er. Ihr verlotterten Saubären. Meinte er. Seine Landsleut´ meinend – die urbanen vor allem: Ihr solltet euch schämen, einander heimliche Liebesbriefchen zuzustecken, wenn ihr nichtmal verheiratet seid miteinander, insistierte er (den Umstand ignorierend, dass Ehen in aller Regel der Menschheitsgeschichte alles Mögliche provozieren: wozu eheinterne Liebesbriefe erkennbar nicht gehören. Denn Liebesbriefe scheinen eine Ausdrucksart Verliebter zu sein: schon immer&#8230;). Nehmt euch ein Beispiel, sagte der sittenstrenge Tacitus, an Winnetou, dem edlen blonden Häuptling der Germanen. (Die ganz bestimmt keine Liebesbriefchen schreiben konnten, schon weil sie der Schriftkunst als solcher unkundig waren, Anm. d. Verf.)</p>
<p>Tacitus weiter, in einer überzeugenden Mischung aus Schwärmerei und Befremden, über die (von ihm an den Haaren herbeizitierten) Germanen: Das sind wetterharte Recken jenseits der Alpen, wisst ihr. Die laufen den ganzen Tag oben ohne herum (die Männer zumindest), obwohl´s da oben schneit, und bevor sie nicht mindestens 20 Jahre alt sind, kommen diese edlen Wilden überhaupt nicht auf Ideen von wegen Blümchen und Bienchen und so&#8230; Tacitus schrieb eine Menge. Nicht das meiste davon, sondern schlichtweg alles hatte er von andern gehört: von Leuten, die dort oben gewesen waren, im Norden. Im Gegensatz zu ihm selber. Zudem lässt sich heute schwerlich bestimmen, welche germanischen Götter irgendein Römer meinte, wenn er im Zuge der so genannten &#8220;Pax Romana&#8221; ganz selbstverständlich römische Götternamen benutzte, um die Gottheiten ihm fremder Kulturen zu beschreiben&#8230; Tacitus ist ein typisches Beispiel für diese großzügige Laxheit.</p>
<p>Zu seiner Zeit wurde abgeschnittenes Blondhaar aus dem dust´ren Norden als teure Exotik auf Roms Märkten verkauft. Zivilisierte träumen gern von etwas Unwissbarem, das sie für &#8220;ursprünglich&#8221; halten mögen. Worin ihre zumeist frustrierten Phantasien orgiastisch (und folgenlos) kulminieren können. Das gilt damals wie heute. Typische Beispiele: die angebliche &#8220;Naturnähe&#8221; (wenn nicht gar unterstellte Naturliebe) archaischer Naturreligiöser, einfachere Lebens-Organisationsformen, Freie Liebe, Matriarchat&#8230; bis hin zur emotionsberuhigend anschaulichen Es-war-einmal-Show des romantisch-verrußten Freizeit-Schmiedes aufm pest-, aber nicht abgas- oder feinstaubfreien Mittelaltermarkt. Spätestens sein Beispiel lässt vergessen, für Momente des Staunens, Schauderns oder scheinüberlegenen Gähnens zumindest: den zickenden Ticketautomaten, der deinen sauer erworbenen und gerade noch aus der Manteltasche gekramten Knittergeldschein beharrlich wieder ausspuckt, während der heute ausnahmsweise pünktliche Zug zehn Gleise fern von dir abzufahren droht.</p>
<p><strong>Heilige Schriften?</strong><br />
Soweit, so fraglich. Aber wir haben ja noch was. Die Edda! Die nordischste aller Überlieferungen über die nordeuropäischen Kulturen! Tatsächlich wird gerade diese zusammenhängendste aller literarischen Quellen von manchem gerngläubigen Neuheiden als eine Art &#8220;nordische Bibel&#8221; gesehen – oder zumindest so behandelt. </p>
<p>Ich beobachtete auf einem Vortrag über Core-Schamanismus, der auf einer Neuheiden-Veranstaltung gehalten wurde von einem Gastredner, wie sich hernach ganze Trauben von Germanengläubigen um ihre Wortführer (oder die Belesensten halt) scharten, um zu erfragen, was denn nun von dem – inhaltlich kompetenten und hochinteressanten – Stoff für sie anwendbar sei: ob da irgendwas durch die Edda &#8220;abgedeckt&#8221; sei oder darin stünde. Man gewann den Eindruck, dass vom Vortragsthema nur solche Aspekte brauchbar oder relevant sein könnten, von denen die Filterung durch die Edda irgendetwas übrig ließ – für jene Germanengläubigen halt. Nur ein besonders krasses Beispiel. Aber die persönliche kulturelle Identität von den Wortwörtlichkeiten bestimmter literarischer Quellen abhängig zu machen, scheint ein typisch neogermanisches Syndrom (wenn nicht gar Symptom) zu sein: so häufig, wie es auftritt!</p>
<p>Das Problem ist dabei, wie ich meine, noch weniger die recht unterschiedliche Qualität und inhaltliche Ausdeutung der verschiedenen Übertragungen aus der Originalsprache. Das Problem ist ebenfalls nicht, dass sich, wer auch nur ein paar Brocken Altnordisch parat hat, unter germanengläubigen Neuheiden recht leicht und billig zur Scheinautorität mit entsprechender Deutungshoheit angeblichen &#8220;alten Wissens&#8221; aufschwingen kann. Wer sich solchen Pfeifen als Gefolge andient, sich ergo als Mensch benimmt wie ein Lamm, erklärt zumindest mir vergeblich, was daran bitteschön &#8220;Ásatrú&#8221; sein soll. Aber vielleicht ist das mit ein Grund, warum Lämmer Hirten brauchen (die das dann für sie erklären): hier nicht unser Thema.</p>
<p>Dem Problem schon etwas näher kommen wir bei der Untersuchung der Quellen selbst. Spätestens ihre zahllosen Widersprüchlichkeiten, Ungereimtheiten und Lücken müssten bei jedem halbwegs intelligenten Primaten Fragen aufwerfen: Woher &#8220;quellen&#8221; die denn? Und wieso quillt da überhaupt was? Bei der Edda ist das ziemlich klar: Es gibt die Ältere Edda und die Jüngere, wobei die jüngere historisch älter ist als die ältere. Bongi? Nein, das ist keine germanische Version von Dialektik – diese kleine Begriffsverwirrnis hat sich nur im Laufe der Zeit ganz banal ergeben. Schließlich kam der Kram im Original nicht als Hardcover oder Taschenbuch heraus. </p>
<p>Die handschriftlichen Urfassungen sind von einem isländischen Gelehrten namens Snorri Sturluson. Er schrieb auf einzelne Blätter. Die Vollständigkeit der Hinterlassenschaft darf angezweifelt werden, die Reihenfolge der verbliebenen Teile, oft sogar einzelner Verse, ist umstritten. Ebenso die Frage von Snorris Quellen. Besonders interessant an der Edda sind aber zwei Aspekte: der Zeitpunkt ihrer Entstehung, und die Motivation dahinter. Als Snorri das niederkratzte, was wir heute fast ausschließlich über altgermanische Mythologie wissen (bzw. für solche halten), war Island schon seit über zwei Jahrhunderten christlich. Die Absicht des Gelehrten war zudem keineswegs, irgendeinen alten Glauben zu bewahren, sondern seinen Schülern eine bestimmte Form der damaligen Dichtkunst beizubringen, die so genannte Skaldik.</p>
<p>Selbstverständlich darf davon ausgegangen werden, dass der Lehrer tief in die heidnische Mottenkiste griff: und so manche Sagen, Mären und Lieder vor dem endgültigen Vergessen bewahrte. Wofür wir ihm auch unendlich dankbar sind. Nur muss man sich darüber klar sein, dass schon jener allererste nordische Mythenaufschreiber und -nachdichter verfuhr wie ein heutiger Theater- oder Filmregisseur mit Autorentexten: Da werden weite Passagen gestrichen, Kapitel umgebaut, Personen und Handlungsstränge neu gruppiert – und wo was fehlt, wird flugs was eingefügt, dazuerfunden: von einzelnen Figuren bis ganzen Aktionssequenzen. &#8220;Based on the novel of&#8230;&#8221; steht dann im Nachspann. Das ist ein ganz normaler, konsequenter Vorgang: Filme bedienen das Auge, Bücher die Phantasie, Theater bemüht sich um beides. (Dies ist keine Aussage über etwaige Qualitäten oder Mängel, sondern ergibt sich geradezu zwingend aus der unterschiedlichen Natur der Vermittlungsformen und deren spezifischen Anforderungen.)</p>
<p>Warum aber soll Snorri – der ja kein Theater machte – vergleichbar verfahren sein mit dem von ihm überlieferten Mythenstoff? Sehr einfach: weil nach irgendeiner Authentizität der Inhalte damals kein Hahn mehr krähte, und der Verwender des Stoffes schon gar nicht. Um Dichtkunst ging´s. Ein Manual hat er verfasst, wie ein ordentlicher Skalde ordentliche Skaldenverse zu schmieden hat. Für die Veranschaulichung seines schriftlichen Workshops nahm er alte Sagen und Erzählungen heran: oder schöpfte nur aus ihnen, ließ sich von Altem inspirieren&#8230; wobei ihn nichts gebremst haben braucht, da beliebig hineinzukreieren, herumzumixen oder wegzulassen. Ein Interesse an diesem Stoff will ich ihm bestimmt nicht absprechen: ist doch schon fast herzig, wie er die Asen auf eine knuffige Anzahl von Zwölfen zu trimmen versucht, sich aber schon dabei in Widersprüche verstrickt. </p>
<p>Egal! Der Stoff war public domain, frei verfügbarer Fundus, seine Niederschrift aber Mittel zu einem ganz anderen Zweck. Inhaltlich brauchten die Nacherzählungen keinen genaueren Ansprüchen genügen als etwa Disneys Zeichentrick-Verwurstung des Herkules-Mythos. Hie wie dort griff man auf &#8220;noch irgendwie Bekanntes&#8221;, auf &#8220;mal Gehörtes&#8221; zurück: Hollywood zur kommerziellen Unterhaltung, Snorri zur fachlichen Nachwuchsdichter-Belehrung.</p>
<p>Nun kennen wir Heutigen die älteren und originaleren Fassungen des antiken Herkules-Mythos ziemlich genau – die bis dato ausschließlich mündlich überlieferte Mythenschatzkiste aber, aus der Snorri die Edda schöpfte, leider überhaupt nicht. Weshalb sich auch nicht mehr feststellen lässt, was vielleicht des Dichters ureigener Anteil war. Überall dort, wo seine Figuren, Handlungen oder Erwähnungen keine anderweitigen Entsprechungen anderswo haben, wo es keine analogen Funde oder hinweisende weitere Quellen gibt: besteht genau der Verdacht.</p>
<p><strong>Die im Dunkeln sieht man nicht&#8230;</strong><br />
Zahlreiche mythologische Liedern und Skaldengedichte kennen wir ausschließlich durch Snorris Zitate – und auch die Sagas anderer Autoren stammen allesamt aus christlicher Zeit. Heidnische Bräuche waren da längst auf dem Rückzug. Ihre zunehmende Durchsetzung mit christlich beeinflussten Werten mochte beim &#8220;einfachen Volk&#8221; zwar erst allmählich vonstatten gegangen sein – was aber nichts ändert an der grundsätzlichen geistigen Dominanz organisierter Christianisierung: der das eher &#8220;unbewusst&#8221; betriebene Heidentum, das ja weniger als &#8220;Religion&#8221; in heutigem Sinne aufgefasst werden darf denn vielmehr als &#8220;alter Brauch&#8221;, nichts entgegenzusetzen hatte. Wer damals noch an heidnischen Bräuchen festhielt, galt mit Sicherheit nicht als vorbildlich oder irgend nachahmenswert. </p>
<p>Das Heidentum mochte noch Anhänger gehabt haben, aber konnte keine Fürsprecher mehr hervorbringen. Heute aus den Überlieferungen der damals Gebildeteren – der Schreibkundigen – allen Ernstes altgermanische Religionsinhalte ableiten zu wollen, ist ein ähnlich abenteuerliches Unterfangen, als wolle man die Kultur der Apachen nach Karl-May-Erzählungen rekonstruieren. Ähnlichkeiten mit historischer Wirklichkeit könnten vorkommen, sind aber rein zufällig – und sind schwerer auszumachen als Nadeln im Heuhaufen (da sich Nadeln von Heu wenigstens dann unterscheiden lassen unterscheiden lassen, wenn man mal welche findet). In christlicher Kulturdominanz erhaltene heidnische Reste mögen auffindbar sein – aber nur in Form negativer Absetzung: ungenügenden Christentums, sozusagen&#8230; als Abweichungen von christlichen Werten oder Gesetzen. Was von heidnischen Brauch-Überbleibseln aber einmal tatsächliche spirituelle Relevanz gehabt haben mag, kann bestenfalls strittig bleiben. Eine Überlieferung &#8220;heidnischer Werte&#8221; als solcher existiert nicht. Aus der langen Phase des ungleichen Paradigmenwechsels aber bringt kein Mensch mehr die Milch aus der Melange.</p>
<blockquote><p>&#8220;Sank das Boot, brach das Schwert / Kamen andere daher / Und der Sang sank ins Grab&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(<a href="http://www.singvoegel.com/index.php/kommt-ein-boot/" target="_blank">Kommt ein Boot</a>, die Singvøgel)</p>
<p><strong>Sank das Boot&#8230;</strong><br />
Der erhaltene &#8220;Codex Regius der Liederedda&#8221; wurde etwa 50 Jahre nach Snorris &#8220;Original&#8221; niedergeschrieben – und weicht von diesem bereits (z.B. in der dichterisch vergleichsweise starken &#8220;Vøluspa&#8221;, die den Bogen von der Welterschaffung bis zum Untergang der Götter spannt) beträchtlich ab. Dazu kommt, dass schon Snorris Zeitgenossen etliche der älteren &#8220;Kenningar&#8221; nicht mehr verstanden haben dürften: da die Mythen, auf die solche Begriffsrätsel anspielten, schon über 200 Jahre lang keine spirituelle Relevanz mehr hatten.</p>
<p>Kenningar sind skaldentypische Umschreibungen, die z.B. von einem &#8220;Wogenhengst&#8221; sprechen, wenn ein Boot gemeint ist. Während sich ein simples und profanes Beispiel wie dieses noch durch bloßes Kombinieren entschlüsseln lässt (da uns sowohl Wogen als auch Hengste bekannt sind), muss man mit dem stofflichen Who is Who schon etwas vertrauter sein, um z.B. &#8220;Friggs einzige Freude&#8221; als deren Gemahl Odin zu identifizieren. So richtig knuffig wird´s dann aber mit Versen wie diesem:</p>
<blockquote><p>&#8220;Da wurde Völkermord in der Welt zuerst / da sie mit Geren Gullweig (die Goldkraft) stießen / In des Hohen Halle die helle brannten. / Dreimal verbrannt, ist sie dreimal geboren / Oft, unselten, doch ist sie am Leben&#8221;</p></blockquote>
<p>So lautet Vøluspa-Vers 25 in der Übertragung von Karl Simrock.</p>
<p>&#8230;Was Edda-Übersetzer Felix Genzmer so überträgt:</p>
<blockquote><p>&#8220;Da kam zuerst / Krieg in die Welt / als Götter Gullweig / mit Geren stießen / und in Heervaters Halle brannten / dreimal brannten / die dreimal geborne&#8221;</p></blockquote>
<p>Genzmer beziffert diese Passage als Vers 15&#8230;</p>
<p>Das altnordische Original lässt jedem dieser Sprache Kundigen offensichtlich recht weitgehende Interpretationen zu. Wobei der Gullweig-Vers nicht das krasseste Beispiel dafür ist: Ich wählte es eher aufgrund seiner inhaltlichen Schwergängigkeit. Um zu veranschaulichen, dass zumindest komplexere Kenningar – wie auch sonstige Anspielungen – der Kenntnis dessen bedürfen, worauf da überhaupt angespielt wird. </p>
<p>Da Kenningar in Eddastrophen ähnlich oft vorkommen wie röhrende Gitarren im Heavy Metal, liest sich das Ganze für Einsteiger eher ungemütlich – die Kenner aber streiten sich über zahllose Deutungsvarianten: spätestens überall dort, wo Kenningar auf Hintergrundstories verweisen, die schon früh in Vergessenheit gerieten, und die niemand überlieferte. Ob es zu Snorris Lebzeiten – 1179 bis 1241 – noch eine ungebrochene mündliche Überlieferungstradition gab, die heidnisch genannt werden darf, ist höchst umstritten. </p>
<p>Tatsache ist, dass von einer solchen Tradition heute nichts mehr übrig ist. Kein Mensch weiß, ob z.B. der Gott Heimdall in historischer Zeit je irgendeine heidnische Verehrung erfuhr – genauer gesagt: ob das überhaupt ein Gott war; ob es einen altgermanischen Gott dieses Namens gab. Wir kennen ihn ausschließlich von Snorri. Er könnte ihn sich ausgedacht haben. Oder die Eigenschaften von anderen heidnischen Göttern zu dem zusammengemixt, was uns heute als goldzähniger Sohn von neun Müttern entgegenstrahlt, dessen Schwert &#8220;Haupt&#8221; heißt, und der beim drohenden Weltuntergang ins &#8220;Gjallarhorn&#8221; Alarm bläst. Vielleicht ist der (bereits innerhalb dieser literarischen Erwähnungen nach allen Seiten hin offen bleibende, schon in der Edda selbst nirgends weiter- oder annähernd rund gesponnene – geschweige denn woanders belegte) Heimdall-Mythos trotzdem altgermanisch, also irgendwie wenigstens teil- oder ansatzweise heidnischer Herkunft. Vielleicht aber überhaupt nicht. Beweisen lässt sich das eine sowenig wie das andere.</p>
<p>Einen Tick deutlicher lässt sich Baduhenna belegen – mehr oder minder indirekt: In einem &#8220;Hain der Baduhenna&#8221;, so überliefern antike Quellen, sollen 900 Römer von wilden Friesen niedergemacht worden sein. Auch die etymologische Aufschlüsselung des Namens Baduhenna lässt die Vermutung zu, dass es sich um eine Schlacht- oder Kriegsgöttin handelte. Das ist allerdings auch schon alles, was wir darüber in Erfahrung bringen können: Denn in der Edda kommt eine Göttin Baduhenna nicht vor.</p>
<p>Weshalb die meisten Neuheiden – Germanengläubige eingeschlossen, behaupte ich mal – diesen Namen noch nie gehört haben dürften. Im Gegensatz zu dem Heimdalls.</p>
<p><strong>Kamen andere daher&#8230;</strong><br />
Genau deshalb spreche ich übrigens von &#8220;Germanengläubigen&#8221;: jene Neuheiden meinend, die ihre germanische Orientierung ausschließlich aus literarischen Quellen wie der Edda und den Sagas herleiten. Diese Leute glauben, dass alte Germanen an Heimdall, Eir, Idun und Gefjon geglaubt haben, dazu an mystische Orte wie Vanaheim, Muspellheim, Ljossalf- und Svartalfheimr usw. (Dass christlicher Glauben, z.B. der Arianismus, unter zahlreichen germanischen Stämmen während der Völkerwanderungszeit schon längst auf dem Vormarsch war und diese zunehmend dominierte, sei hier nur am Rande erwähnt. Die Bereitschaft, neue spirituelle Einflüsse aufzunehmen bzw. sich solchen zu öffnen, kann in gewisser Hinsicht sogar als ein Hauptmerkmal altgermanischer Religiösität ausgemacht werden&#8230;)</p>
<p>Wohlgemerkt, und noch mal: Es liegt mir fern, hier irgendjemandem seinen heiligen Glauben an diese oder jene Gottheit, diese oder jene spirituelle Wahrheit abzusprechen. Der einzige Glauben, dem ich widerspreche, ist der, dass es sich dabei auch und zwangsläufig um einen altgermanischen gehandelt haben soll: um Götter, die bereits in vorchristlicher Zeit welche waren und als solche verehrt wurden. Von einer großen Zahl in der Edda erwähnter oder beschriebener Namen und Begriffe lässt sich das – über Snorris Werk hinaus – nirgends belegen. </p>
<p>Und hier sind wir am springenden Punkt des &#8220;kleinen Unterschieds&#8221;, den ich meine. Literarische Quellen sind nunmal keine archäologischen und in diesem Sinne keine historischen. Aus archäologischen aber lässt sich schwerlich eine altgemeinte Religion bauen. Verbeulte Helme mit kryptischen Krakelinschriften, verbogene Fibeln, verrottete Klingen,  Scherben von Pötten und nicht mal mehr von Läusen bewohnte Knochenkämme sind für Vitrinen eine Zier – ein Heidentum wird nicht aus ihr. Literarische Hinterlassenschaften über das Heidentum alter Germanen gibt es – aber nicht von ihnen. Der kleine Unterschied hat Konsequenzen. Theoretisch tun (die meisten) germanisch orientierten Neuheiden so, als gäbe es die nicht. Das wiederum hat Konsequenzen für neuheidnische Praktiken: sie werden zum &#8220;so tun als ob&#8221;. Erst aber dieses allgegenwärtige Beharren darauf, dass sie echt sei, altgermanische Tradition, &#8220;Religion unserer Vorfahren&#8221;, macht sie zu einer Peinlichkeit: die ambitioniert gelebte Fantasy.</p>
<p>Denn logischerweise lässt sich auch aus einer nur indirekt nachweisbaren historischen Verehrung z.B. einer Támfana nicht gerade viel Taugliches schnitzen, womit sich neuheidnische Rituale – oder Identitäten – bereichern ließen: Támfana ist nur dadurch bekannt, dass die Römer die erfolgreiche Zerstörung ihres Tempels vermeldeten. Und nur durch ziemlich kniffelige Recherchen über den (in der römischen Geschichtsschreibung nur nebulös angedeuteten) Zeitpunkt jener Schlacht – dem Herbstäquinoktium – lässt sich, im Zusammenhang mit fundierter Etymologie, einigermaßen stichhaltig vermuten, dass es sich bei Támfana um eine &#8220;Göttin des Zeitmaßes&#8221; gehandelt haben könnte&#8230;</p>
<p>Derlei Widerborstigkeiten hinterherzuforschen und das Für und Wider einer Annahme oder auch nur Fragestellung kritisch zu untersuchen, ist natürlich wesentlich unbequemer und emotional unergiebiger, als in irgendeiner Edda-Übertragung gemütlich nachzulesen, dass Odin gern mal in Sökkvabekkr mit Friggs &#8220;Zofe&#8221; Saga Met aus goldenen Schalen schlürft (um bei solchen Gelegenheiten das eine oder andere Wissenswerte zu erfahren, das seine verschwiegene Göttergattin ihm, dem Sucher, vorzuenthalten pflegt&#8230;). Ich finde diese Geschichte auch schön – nur muss sie genauso wenig aus urheidnischem Fundus stammen wie der amüsante Schwank, wo sich Thor in Brautkleider hüllen muss: genau genug beschrieben, um den Donnergott nicht etwa in germanischer, sondern eindeutig hochmittelalterlicher Tracht bestaunen zu können.</p>
<p><strong>Mut zur Wahrheit?</strong><br />
Der Bilderreichtum der Edda ist zweifellos ein einzigartiges Leuchtfeuer in einer sonst vorwiegend aus Scherben und drögen Bruchstücken bestehenden Hinterlassenschaft – allzu oft wird aber übersehen, dass es sich bei dem Schein, den das Dichtkunst-Lehrwerk eines Christen auf die versunkene germanische Mythologie wirft, bereits um ein Grablicht handelt. </p>
<p>Natürlich hat gerade Snorri diese Mythologie mit mehr Hingabe geschildert (und wer weiß wo und wie ausgeschmückt, oder verdünnt&#8230; die christlichen Einflüsse sind bereits in der Vøluspa erkennbar, höchst ungermanischer Feudalismus wird später in der – ohnedies umstrittenen – Rigsthula beworben: möglicherweise zu Legitimationszwecken solcher Sozialveränderungen) als die den Germanen meist eher feindlich gesinnten Römer: denen es um etwas anderes ging, als ausgerechnet irgendwelche Barbaren kulturell ernst zu nehmen und entsprechend akribisch zu dokumentieren. </p>
<p>Aber O-Ton altgermanischer Kultur ist auch Snorri keiner. Er wird nur so behandelt: heute, von Menschen, die ein sozusagen bitteres Interesse daran haben, aus christlichen Aufzeichnungen neuheidnische Identitäten destillieren zu müssen – und oft fließt das Destillat ins rein Fabulöse. Notgedrungen: mangels germanischer Originaltöne. Mangels germanisch-heidnisch motivierter Überlieferung – die es nirgends gibt.</p>
<p>Allerdings: den Mumm, diesen Umstand und seine Konsequenzen wenigstens offen zuzugeben, hätte ich bekennenden Ásatrú schon gern zugetraut. Ich hätte mich wohler gefühlt in deren Gesellschaft. Es hätte mich auch stolzer gemacht, im gesellschaftlichen Echo meiner Ásatrú-Identität, wenn das Ásatrú der meisten, die sich zu seinen (hochumstrittenen möglichen) Inhalten bekennen, wenigstens im Punkt historischer Wahrheitsliebe über die Legendenmacherei anderer neuheidnischer Richtungen herausragend verhielte. </p>
<p>Wenn es da auch einen kleinen Unterschied gäbe: zu all den anderen neuheidnischen Strömungen, deren jeweilige Anhänger erbittert um die Anzahl ihrer rituellen Knopflöcher zu streiten vermögen, ohne zu erkennen, dass zuweilen ihr ganzes mythologisches oder spirituelles Gewand überhaupt nur aus Löchern besteht, vulgo des Kaisers neuen Kleidern ähnlicher ist als wenn sie wirklich skyclad herumliefen. Ja, ich weiß: &#8220;skyclad&#8221; ist kein Ásatrú-Begriff. Eine Wikingergewandung macht aber noch lange keinen Ásatrú. Begriffen? Nein. Spätestens, wenn die meisten das Maul aufreißen, entblößen sie ihre spirituelle Nacktheit. Man muss noch froh sein, wenn ihnen keine Hakenkreuze in die Seele graviert sind – unter dem nostalgischen Stroh. Oder vielleicht sollte man sie schon loben, wenn sie überhaupt andere Gewandung tragen als &#8220;Odin statt Jesus&#8221;-Leiberl.</p>
<p><strong>Vorhang auf – Geist auch</strong><br />
Offen darf – neben den hier zuvörderst aufgeworfenen (kritischen KennerInnen der Materie freilich schon Bekanntes nur in Erinnerung bringenden) – Fragen aber auch diejenige bleiben, was denn eigentlich so schrecklich daran wäre, dem Bekenntnis zu großen Gottheiten jenes kleine, aber ehrliche hinzuzufügen, dass wir uns ebendiese Großen im Grunde selber schnitzen: müssen, will ich sogar sagen. Denn selbst nach Abzug sämtlicher unsicherer Mythen und Legenden (die man ja deshalb nicht in die Tonne treten muss: Es reichte ja das Bewusstsein darüber, worum es sich womöglich handelt) bleibt doch von germanischer Kultur durchaus genug Erforschbares und Recherchierbares übrig, um sich davon ganz ungewohnte Denkweisen in den Charakter einzuarbeiten, so peu á peu. </p>
<p>Klar: eine Heidenarbeit. Die aber kann freilich erst gar nicht beginnen, so lange man (bewusst oder unbewusst) im beharrlichen Leim der sittenchristlichen Tradition kleben bleibt, &#8220;das Spirituelle&#8221; vom restlichen Leben abtrennen zu können. Und erst diese moderne Reduktion aufs vermeintlich Religiöse zwingt, so will mir scheinen, die Bekennenden zu Rechtfertigungen oder haltlosen Behauptungen, die sich irgendwann im Kreis drehen – während der Matsch des Alltags unbeachtet bleibt (einschließlich möglichen Versinkens in eher bräunlichen Sümpfen), da ja dann fürs thematisch fokussierbarere und aus jeglicher sozialer Mitverantwortlichkeit herausamputierte Religionsverständnis irrelevant. Ja, vielleicht taugt dieses ja überhaupt vorrangig dazu, der komplizierten Welt und ihren zumeist unromantischen Anforderungen wenigstens wochenendweise und freizeitlich zu entfliehen. </p>
<p>Spätestens das aber verkaufe mir bitte keiner mehr als germanisch!</p>
<p><em>Duke Meyer</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/der-kleine-unterschied/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>5</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Heil (1)</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/heil-1/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/heil-1/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Oct 2008 10:33:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur & Weltbild]]></category>
		<category><![CDATA[ahnen]]></category>
		<category><![CDATA[ahnenverehrung]]></category>
		<category><![CDATA[Demokratie]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[Fundamentalismus]]></category>
		<category><![CDATA[germanisch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[götter]]></category>
		<category><![CDATA[Heiden]]></category>
		<category><![CDATA[heil]]></category>
		<category><![CDATA[Inquisition]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Kontrolle]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Mittelalter]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[rechts]]></category>
		<category><![CDATA[Schuld]]></category>
		<category><![CDATA[Singvøgel]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=472</guid>
		<description><![CDATA[<p><img src="http://u1.ipernity.com/4/71/59/1437159.bb42fea5.240.jpg" alt="Galiote" /><strong><br />
Wenige Begriffe unserer Sprache wurden derart vergewaltigt – von seiner jahrhundertlangen Instrumentalisierung durch die kirchlichen Theokraten bis zur schließlichen Besudelung durch die NS-Deutschen. Man nehme diese Überschrift daher um großer Götter (vor allem aber aller Menschlichkeit) Willen nicht als markerschütternden Ruf, sondern stelle sich das Wort vielmehr geflüstert vor. Behutsam mit seinem tatsächlichen Sinn refilled, gibt es keinen deutlicheren Begriff für das, was es mich zu sagen drängt.</strong></p>
<p><em><strong>Totale (Weitwinkel-Aufnahme / Panorama)</strong></em><br />
Wir leben in unruhigen Zeiten, Tendenz verstörend. Das international durchgesetzte Dogma weltweit &#8220;ungehinderten&#8221; Warenflusses entwertet Arbeitskraft auf selbstmörderisch niedrige Niveaus; die und der Einzelne hierzulande erleben das als persönliche Perspektivlosigkeit, Ohnmacht und Druck. Der Staat versucht sich in (zuweilen bizarren Hilflosigkeitsmaßnahmen) hauptsächlicher Armutsverwaltung; die dies dem Volk händeringend bis hanebüchen verkaufenden Politiker entwerten damit ihrerseits die Demokratie (denn die lebt vom Vertrauen). In deren Windschatten wiederum gehen Ideologen des Hasses Jünger fischen und schöpfen reichlich Volksfrust ab. Die Angstmaschine brummt.</p>
<p>Was immer als fixer Wert gegolten haben mag bis vor kurzem: er bröckelt. Sie bröckeln alle. Das ganze System erodiert. Und damit auch das Selbst-Bewusstsein seiner Träger: wie außen, so innen. Und an dem, was noch steht, meint man zu spüren, wie sich die Schrauben lockern (auch zuvieler Gemüter&#8230;). Sicher ist nur noch, daß als sicher geglaubte Gewissheiten schwinden. In diesem Strudel – ja: Mahlstrom – rangeln Menschen nach Halt.</p>
<p>Die Identitätsfindung im Land jener Beliebigkeit, die hier gern mit Freiheit verwechselt wird, nimmt neurotische Züge an: Als &#8220;westliche Werte&#8221; werden nach Gusto hervorgekramt, was blutige Geschichte oder ihre dümmlichsten Legenden hergeben – die Menschenrechte hingegen sind historisch offenbar noch zu jung, um bereits als einforderbarer Wert auch persönlich Sinn und Stolz zu stiften&#8230; (von Gemeinsinn ganz zu schweigen: Entsolidarisiert sind wir bis tief ins geplünderte Portemonnaie hinein. Auch ich überlege, ob ich mir meine Trinkhörner nicht demnächst an die Ellbogen schnalle&#8230; Only the lonely survive?). Und dem Big Brother USA wie ehedem gewohnt jeden Trend abzugucken, will auch nicht mehr recht funzen, seit der Ölscheich und Gotteskrieger Bush bei seinem &#8220;Krieg gegen den Terror&#8221; erkennbar ein wichtiges Land vergessen hat: Texas.</p>
<p>Texas erfüllt seit längerem die Kriterien für militärische Interventionen im Namen von Freiheit und Demokratie: Dort werden seit je die Menschenrechte mit Füßen getreten (Todesstrafe!), unlängst kam ein Präsident ohne glaubwürdige demokratische Verfahren an die Macht (Bush, 1. Amtszeit), dort lagern Massenvernichtungswaffen in hoher Zahl, breite Bevölkerungsschichten huldigen dem Fundamentalismus, religiöse Fanatiker sitzen in Regimekreisen. Von diesen gehen zudem weltweite Drohgebärden aus, und nicht nur rhetorische!</p>
<p>Aber Ernst beiseite.</p>
<p><em><strong>Nahaufnahme (Schwenk auf die Protagonisten / Portraits)</strong></em><br />
Die Spaßgesellschaft funktioniert ja noch. Treffen wir uns auf dem Mittelaltermarkt, und vergessen, &#8220;gewandet&#8221; wandelnd zwischen Drehleier, Blasebalg und fetter Bratwurst für drei &#8220;Taler&#8221;, dass jede beliebige Ära vor ein paar hundert Jahren für 99 % damaliger Bevölkerung frei von jeglicher persönlichen Freiheit war.</p>
<p>Gerade Neuheiden begeistern sich gern an der nostalgischen Wiedergängerey jener Jahrhunderte Kirchendiktatur (die deren noch blutigerer &#8220;Neuzeit&#8221; vorausgingen, in der die Inquisition zu ihren größten Exzessen erst so richtig auflief): damals, im Mittelalter, gab´s halt noch öffentliche Badezuber, oder so ähnlich (glucks). Und überhaupt soll man ja alles nicht so eng sehen – heute geht es schließlich ums Vergnügen.</p>
<p>Dieses aber kann sich krampfhafter Züge nicht entledigen, betrachtet man, wie ernst ebendiese &#8220;Heiden&#8221; anderseits in ihrer persönlichen &#8220;Religiösität&#8221; genommen werden möchten. Allmählich möchte sogar ich beinahe an &#8220;Karma&#8221; glauben: angesichts all dieser Profilkasper, Titelhuber, Verschwörungstechniker, freifabulierenden Geschichtsorakler, Unsinnabnicker und Wirklichkeitsverdränger, die da Asyl beantragen als vom Alltagsmief Verfolgte im Traumland freier Wühltisch-Phantasien. Wie viele Geheimräte, kaiserliche Beamte, Gendarmen, Zwangsmütter, Landbüttel, Kardinäle, Ablaßverkäufer, Äbtissinnen, Dorfpfaffen, Quacksalber, Marienerscheinungsgeplagte, Wundmal-Voodooisten, Selbstgeißlerinnen, Beutelschneider, dummgeprügelte Mägde, Kreuzfahrer und Kleinstdespoten mögen sich hier aus den letzten 1500 Jahren &#8220;inkarniert&#8221; haben in den heutigen Zeitgenossen! Denn anders kann ich mir deren jederzeit auf Stich- und Reizwort herauskrakeelbare Emp- und B.- Findlichkeiten kaum mehr erklären&#8230; (die Titel haben gewechselt. Wir sind Alsherjapsgode – und überhaupt hochgradig initiiert! Was man aber alles nicht verwechseln darf – schon der Wichtigkeit wegen.)</p>
<p>Den Vorfahren freilich ist kein Vorwurf zu machen. Was hätten sie anderes tun sollen, als nach ihrem Ableben in ausgerechnet sovielen heutigen Neuheiden zu &#8220;inkarnieren&#8221;? Schließlich werden sie von diesen geflissentlich übergangen bei der Ahnenverehrung: beruft sich neuheid doch lieber auf die beliebig aufblasbaren Ganzaltvorderen, die originalen (!) &#8220;Germanen&#8221;, unverfälschten (!) &#8220;Kelten&#8221; – oder wenigstens all die vieltausendjährig (in klammheimlichen, von Oma zu Enkelin vermutlich zwischen Kirchgang und Wäscheberg weitergeraunten) &#8220;ungebrochenen Hexentraditionen&#8221;&#8230;!? Zumindest die Linie der Dummheit ist eine nachweislich schwer durchbrechbare. Ganz hartnäckig haltbar, diese Tradition. Und wahrhaft religionsübergreifend.</p>
<p>Christen – waren das nicht irgendwelche fernen Bösen, die irgendwie aus der orientalischen (!) &#8220;Wüste&#8221; in unsere (!) schönen Wälder kamen (?) und mit viel Gezeter und Höllgeheul den armen heidnischen Landsleuts auf einmal das Spökenkieken verboten haben? Zu den eigenen Ahnen zählt neuheid die Christen anscheinend nicht (auch wenn deren Missionare keineswegs aus morgenländischen Fernen, sondern ganz nachbarschaftlich aus Irland und Italien herbeigetrippelt waren, das damalige New Age verkündend). Wie aber die vergammelten Wertvorstellungen all jener bekennenden Christen aus letztlich über anderthalb Jahrtausenden Abendland klammheimlich in den scheinheidnischen Köpfen der Heutigen spuken (auch ganz ohne Inkarnierungsschmäh, sondern so richtig de facto): Das passt auf keine Kuhhaut, und das bannt auch kein Pentagramm.</p>
<p>Also sprach der Moderator: Selig sind die besonders Bescheuerten, denn ihnen gehört das Medienreich. Und heute die ganze Welt.</p>
<p><em><strong>Außenaufnahme (hinter den Kulissen: fürs &#8220;Making of&#8221;)</strong></em><br />
Die ganze Welt &#8230; unsere (jeweils) ganze Welt&#8230; ist Wahrnehmung. Eine subjektive, immer, und nur. So ist das mit der &#8220;ganzen Welt&#8221;. Außerhalb menschlicher Wahrnehmung gibt es keine &#8220;Medien&#8221;, keine Fernseher, Filme oder Bildschirme (sieht man mal von ein paar größeren Halden Elektronikschrott ab, über die Mama Globus aber bald ihr gnädiges Gras wachsen lassen würde, ließe man ihr nur ungestörte Zeit). Unser aller Internet, das sind ein paar Millionen fragile Datenplatten, überdreht rotierend allesamt, miteinander verbunden über etliche Zigkilometer dickzäher Kabel auf Ozeangrund und sonstwo – und da z.B. die NASA (immerhin ja kein Kellerclübchen pickeliger Bastelbuben) schon heute die Dokus ihres kompletten Apollo-Raumfahrtprogramms aus den 60er Jahren nicht mehr abzuspielen vermag, weil niemand mehr die schrottreife Hardware reparieren kann (was aber eh egal ist, da die Originalaufnahmen inzwischen &#8220;verlegt&#8221; wurden: vulgo verloren sind&#8230;), <a href="#Fussnote">(1)</a> darf man getrost davon ausgehen, dass auch und gerade von unserer aller zeitgenössischen Daten-Geschwätzigkeit nicht viel mehr übrigbleiben wird als einige Tonnen unappetitlicher Plastik- und Siliziumschrott (von dem aber unklar sein wird, wozu er überhaupt diente). Die Archäologinnen künftiger Zeiten werden sich die Köpfe zerbrechen, was wir den ganzen Tag eigentlich gemacht haben – aber das müssen wir ungetröstet ihrer Phantasie überlassen. Von unseren Gedanken wird nichts künden!</p>
<p>Nun, wir wissen ja, was wir tun. Im Sinne unserer Making-Of-Aufnahme sieht das so aus: Ich sitze gerade seit ein paar Stunden auf einem Plastikdrehsesselchen, vor einem Holztisch, auf dem u.a. ein Kasten steht, in welchen ich unablässig hineingucke. Von der Vorderfront des Kastens geht ein fahles Leuchten aus, von der Deckenlampe ein helleres.<br />
Meine unruhigen Finger lassen flache Knopfreihen leise klappern. Aus zwei kleineren Kästen links und rechts auf dem Tisch röhrt rhythmisch-melodiöser Klang. Am Körper trage ich dünne Textilien und im Haar hoffentlich keine Läuse (obwohl die halbwüchsigen Kinder meiner Schwester ständig welche mit heimbringen von der Dorfschule). Mein Magen verdaut gerade &#8220;Spaghetti aglio e olio e peperoncino&#8221;: typisches Alltagsfutter für mich, auch wenn das nicht allzu germanisch sein dürfte – aber es machte mich nicht germanischer, bevorzugte ich Hirsebrei. Pasta, Knobi und Chillies sind billig – und so, wie ich sie mische, schmackhaft (na schön: der frisch zu raspelnde Parmegiano Reggiano drauf, der kostet a bisserl. Aber Stil darf sein, zumal´s der Käs´ wert ist) – außerdem sagen die wenigen Mädels, die mir die Freude machen, gelegentlich mein Lager zu teilen, daß ich &#8220;abgenommen&#8221; hätte: seit mir die Spaghetti die fette Hartwurst ersetzen morgens&#8230;</p>
<p>Off topic? Von wegen. Wir sind schon ganz haarscharf am Thema. Heil&#8230; Ich bestehe nochmals auf die kategorische Abwesenheit jeglichen Rufzeichens hinter diesem Four-Letter-Word, das mir so wichtig wurde in den jüngsten Jahren. Daß es mir überhaupt wichtig und relevant werden durfte (oder sagen wir pragmatischer: konnte), verdanke ich freilich anderen. Denn Heil, soviel sei vorausgeraunt, ist alles andere als eine individuelle Leistung. Obwohl es solche erfordert&#8230;</p>
<p>Und hier wären wir schon beim ersten Gegensatz zur &#8220;Gesellschaft&#8221; des &#8220;anything goes&#8221;: die eigentlich nur beständig verspricht, du könntest es allein schaffen. (Gerade mir als Musiker wird industriemäßig der &#8220;virtual drummer&#8221;, der &#8220;virtual guitarist&#8221;, der &#8220;virtual bassist&#8221; – &#8230; demnächst womöglich sogar noch das &#8220;virtual groupie&#8221;? – für &#8220;wenige&#8221; hundert Eurotaler angepriesen &#8230; alles wohlfeile Software fürs private Rechenkistchen. Stehende Botschaft all solcher postmodernen Errungenschaften: Mach dein Ding – für dich alleine! Was die Werbeprospekte nicht miterwähnen: Alleine, ganz alleine &#8230; bleibst du dann damit auch. Voilá: So verwandeln sich zahllose ambitionierte Künstler freiwillig in einsame Auto-Autisten. Ob wer dazu noch zuckt, spielt eigentlich nimmer die Rolle &#8230; Zuhörer werden zur bedrohten Art – die aber auch keinen mehr interessiert. Ich plage mich daher aber am Arsch lieber mit der lebendigen Zickengitarrera, ihrem und meinem Lieblingsdrummer, und der dann dreifach sich überschlagenden Ekstase herum&#8230;: bevor ich mir in fatalster Verblendung einbilde, &#8220;totale Kontrolle&#8221; über den künstlerischen Schaffensprozess ermögliche – oder garantiere gar – überhaupt einen solchen. Verdammt, ich bin Mensch – geborenes Herdentier! Mit allem Wenn und Wehe!)</p>
<p><em><strong>Innenaufnahme (Oberstübchen / Dachgeschoss)</strong></em><br />
Ich muss gestehen: Ich kann die Welt nicht retten. Der Globus brennt, und was mach ich? Schlangestehen im Supermarkt, oder vor dem einsam restgeöffneten Bank-, Amts- oder Bahnschalter, und mich noch dumm anrüffeln lassen von unterbezahlten und komplett desinteressierten Lakaien, die ihren bräsigen Dienst nach Vorschrift schieben, als gelte es, dem Kunden, der alles andere als ein &#8220;König&#8221; ist, durch ihre Ignoranz eine Art Rache des real überlebten Sozialismus spüren zu lassen.</p>
<p>Als kürzlich mein Mobiltelefon gesperrt wurde, da meine Rechnungsüberweisung zu spät erfolgt war, erwies es sich als unmöglich, einen lebenden Menschen im Dienste des Providers an die Strippe zu bekommen. Ich tippte mir die Finger wund, mich durch automatisierte Menüs hangelnd (&#8220;&#8230;dann drücken Sie die Drei&#8230;&#8221;), bloß um letztlich zu erfahren, dass &#8220;alle Mitarbeiter derzeit beschäftigt&#8221; seien – und Mozarts Kleine Nachtmusik tröstete zumindest in Form digitalisierten Gepiepses da wenig. &#8220;Du kannst es allein schaffen. Mach dein Ding.&#8221; Totale Kontrolle. Über dein Leben und Schaffen. Erstreben andere: habe ich den Eindruck. Aber diese Kontrolleure haben kein Gesicht. Der Zorn findet kein Ziel mehr: zumindest, wenn man nicht getriebenen Idioten wie &#8220;Jan von Helsing&#8221; (bürgerlich: Udo Bohley) – dem populären Sampler wiederaufbereiteter Verschwörungstheorien – auf den billigen Leim geht: der allen Ernstes suggeriert, an all der modernen Unbill seien (mal wieder, und wer sonst?) &#8220;die Juden&#8221; schuld.</p>
<p>Die Mauer muss weg! Gilt irgendwie noch immer. Da ich die außen nicht mehr sehe, gehe ich die in meinem Kopf an. Und siehe: da ist mehr als eine.</p>
<p><em><strong>Kamera aus (Drehpause)</strong></em><br />
Heil findet nicht im luftleeren Raum statt. Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Es geht um mehr. Es geht um Menschen: immer um mehrere. Wie nah oder weit weg die auch sein mögen.</p>
<blockquote><p>&#8220;Sie trafen sich auf einer Lichtung. Es waren nur noch wenige. Die Zeit hatte ihre Spuren in die Gesichter gegraben, wie in die Erinnerungen. Aber ihre Augen leuchteten ungebrochen. Sie wußten, wozu sie da standen. Jetzt galt es, weiterzumachen. Und als der erste Scheit loderte, sangen sie. Für den Wind, für das Gras, für die Berge&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Die Singvøgel: <a href="http://www.singvoegel.com/index.php/feuersang/" target="_blank">Feuersang</a>)</p>
<p>Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss.</p>
<blockquote><p>&#8220;Es war eine harte Zeit gewesen &#8230; Sie hatten vieles verloren. Und manch einer von früher war nicht mehr dabei&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(dto.)</p>
<p>Als ich letzten Winter jäh stark erkrankte, rief mich meine Schwester an: Sie komme mich jetzt holen – zu ihr raus aufs Land (wo ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wohnte. In meiner City-Bude war natürlich der Ofen kalt: ich konnte mich nimmer groß rühren). Sie ist nicht meine &#8220;richtige&#8221; Schwester. (Die &#8220;richtige&#8221; residiert als eine hochbürgerliche Institutsleiterin in Wien und hält nix von mir.) Loki, was sag ich! Natürlich ist die meine richtige Schwester, mit der ich lache und weine, mit der ich durch Dick und Dünn gehe oder strauchle, mit der ich jetzt wohne, und die mir kalte Wickel machte, bis das Fieber runter ging, und die auch anderseits jederzeit eine Fünf gerade sein lässt, und die auch manchmal nervt wie ich sie, aber die halt meine Schwester ist: meine liebe Schwester, obwohl ich die erst seit acht Jahren kenne, und die vor sechsen eben meine liebe, meine wichtige und richtige und wahre Schwester werden durfte. Mein Band mit ihr ist dicker als das des Blutes. Von den Göttern her sind sie und ich von einem Blut – obwohl wir nichtmal genau die gleichen Götter haben (brauchen). Home is where the heart is, und wir sind füreinander da. Das ganz normale, verrückte Leben brachte uns zusammen (so, wie mich dasselbe von meiner leiblichen Schwester leider entfremdete).</p>
<p>Kommenden Winter holen wir meine alte Mutter über Weihnachten auf Besuch, und als die das letzte Mal bei uns war, tanzte Schwesterherz mit der über 80jährigen spontan Walzer in der Küche. Zum Begriff &#8220;Heil&#8221; passt gerade und auch Kästners Erich alter Spruch:</p>
<blockquote><p>&#8220;Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Das Feuer loderte hoch. Hände fanden sich, faßten ineinander &#8230; Menschen maßen, was sie miteinander geteilt hatten – wieder und wieder&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Feuersang)</p>
<p>Susanne E. (Name vom Verfasser geändert), ein junges begabtes Mädel aus Norddeutschland, stieg nach einiger Zeit aus unserer Heilsgemeinschaft, der Nornirs Ætt, wieder aus: Sie mochte sich nicht so &#8220;festlegen&#8221;, und überhaupt: diese &#8220;Verpflichtungen&#8221; bei solchen Zugehörigkeiten – das alles sei nicht ihr Ding. Mal abgesehen davon, dass sich &#8220;Verpflichtungen&#8221; von Mitgliedern unserer kleinen überregionalen Gruppe auf (individuell wie spirituell zudem recht freizügig auslegbare) Zugehörigkeitsgefühle zu germanischer Kultur beschränken: die Anforderungen sind schon hoch. Wir erwarten – neben aktivem Einsatz für die Menschenrechte (was wir dem Erbe der Geschichte wie auch unseren Germanengöttern schuldig sind) – persönliche Verbindlichkeit der Gemeinschaft gegenüber. Dazu aber gehört wenig mehr als das Einhalten gegebenen Wortes, und das Interesse am Austausch mit den anderen in der Gruppe.</p>
<p>Die gibt es seit 1995. Die von Anbeginn angestrebte Heilsgemeinschaft tatsächlich zu sein, gelingt uns seit 2003. Unsere Kopfzahl ist überschaubar: etliche kamen, manche verließen uns. Woran wir aber unablässig arbeiten, ist die Struktur: unsere Konsensdemokratie funktioniert. Verdeckte Machtstrukturen aufzustöbern (besonders unbewusst oder unbeabsichtigt etablierte) und auszumerzen war ein ähnliches Sisyphus-Unterfangen, wie einen Garten von Unkraut freizuhalten. Aber wir schafften es. Seitdem fließen Energien ungehindert, von denen wir vorher gar nicht so recht ahnten, dass es sie überhaupt gibt. Obwohl wir weit auseinander wohnen: Hamburg – Leipzig – Bocholt – Rothenburg <em>(mittlerweile: Hamburg &#8211; Aachen &#8211; Wien)</em> sind unsere derzeitigen Grenzen bzw. Entfernungen. Aber wenn´s im Norden brennt, dann blinkt´s auf im Süden. Es geht tief, inzwischen: bis in die normalerweisen Tabus der zwischenmenschlichen Beziehungen hinein. Alles ist Privatsache – aber von der des einen bleibt auch die der anderen Hunderte Kilometer entfernt nicht unbetroffen. Wir trauen uns, zu reden: miteinander. Und zu handeln!</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/heil-2/" target="_blank">Heil (Teil 2)</a></p>
<p><em><a name="Fussnote">(1)</a> Das ist ein moderner Mythos &#8211; in doppelter Wortbedeutung. Im Sinne der Alltagssprache, weil nicht &#8220;die Dokus der NASA aus den 60ern&#8221; nicht mehr lesbar wären, sondern weil nur einige Behälter mit  Original-Magnetbändern, die Daten der Apolloflüge enthalten, nicht mehr auffindbar waren. Inzwischen (Juli 2009) sind sie wiedergefunden.<br />
Allerdings illustriert dieser Mythos &#8211; nun die andere, ursprüngliche Wortbedeutung &#8211; symbolisch verdichtet den &#8220;schleichenden Datenverfall&#8221;, die &#8220;Demenz der Archive&#8221;, den &#8220;elektronischen Alzheimer&#8221;. Wegen der geringen Haltbarkeit vieler Datenträger, aber auch, weil die Geräte, mit denen diese Datenträger gelesen werden, schnell veralten, droht in der Tat eine Zukunft, in der über unseren Alltag, unsere Kultur oder unser politisches Zeitgeschehen nur das bekannt sein wird, was in &#8220;offiziellen&#8221; Archiven mit großem Aufwand für aufbewahrenswert gehalten wird. Also eine vergleichbare Situation wie die die des Mittelalters, in der die klösterlichen Schreibstuben das &#8220;Chronistenmonopol&#8221; hatten.</em> MartinM</p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/heil-1/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://u1.ipernity.com/4/71/59/1437159.bb42fea5.240.jpg" alt="Galiote" /><strong><br />
Wenige Begriffe unserer Sprache wurden derart vergewaltigt – von seiner jahrhundertlangen Instrumentalisierung durch die kirchlichen Theokraten bis zur schließlichen Besudelung durch die NS-Deutschen. Man nehme diese Überschrift daher um großer Götter (vor allem aber aller Menschlichkeit) Willen nicht als markerschütternden Ruf, sondern stelle sich das Wort vielmehr geflüstert vor. Behutsam mit seinem tatsächlichen Sinn refilled, gibt es keinen deutlicheren Begriff für das, was es mich zu sagen drängt.</strong></p>
<p><em><strong>Totale (Weitwinkel-Aufnahme / Panorama)</strong></em><br />
Wir leben in unruhigen Zeiten, Tendenz verstörend. Das international durchgesetzte Dogma weltweit &#8220;ungehinderten&#8221; Warenflusses entwertet Arbeitskraft auf selbstmörderisch niedrige Niveaus; die und der Einzelne hierzulande erleben das als persönliche Perspektivlosigkeit, Ohnmacht und Druck. Der Staat versucht sich in (zuweilen bizarren Hilflosigkeitsmaßnahmen) hauptsächlicher Armutsverwaltung; die dies dem Volk händeringend bis hanebüchen verkaufenden Politiker entwerten damit ihrerseits die Demokratie (denn die lebt vom Vertrauen). In deren Windschatten wiederum gehen Ideologen des Hasses Jünger fischen und schöpfen reichlich Volksfrust ab. Die Angstmaschine brummt.</p>
<p>Was immer als fixer Wert gegolten haben mag bis vor kurzem: er bröckelt. Sie bröckeln alle. Das ganze System erodiert. Und damit auch das Selbst-Bewusstsein seiner Träger: wie außen, so innen. Und an dem, was noch steht, meint man zu spüren, wie sich die Schrauben lockern (auch zuvieler Gemüter&#8230;). Sicher ist nur noch, daß als sicher geglaubte Gewissheiten schwinden. In diesem Strudel – ja: Mahlstrom – rangeln Menschen nach Halt.</p>
<p>Die Identitätsfindung im Land jener Beliebigkeit, die hier gern mit Freiheit verwechselt wird, nimmt neurotische Züge an: Als &#8220;westliche Werte&#8221; werden nach Gusto hervorgekramt, was blutige Geschichte oder ihre dümmlichsten Legenden hergeben – die Menschenrechte hingegen sind historisch offenbar noch zu jung, um bereits als einforderbarer Wert auch persönlich Sinn und Stolz zu stiften&#8230; (von Gemeinsinn ganz zu schweigen: Entsolidarisiert sind wir bis tief ins geplünderte Portemonnaie hinein. Auch ich überlege, ob ich mir meine Trinkhörner nicht demnächst an die Ellbogen schnalle&#8230; Only the lonely survive?). Und dem Big Brother USA wie ehedem gewohnt jeden Trend abzugucken, will auch nicht mehr recht funzen, seit der Ölscheich und Gotteskrieger Bush bei seinem &#8220;Krieg gegen den Terror&#8221; erkennbar ein wichtiges Land vergessen hat: Texas.</p>
<p>Texas erfüllt seit längerem die Kriterien für militärische Interventionen im Namen von Freiheit und Demokratie: Dort werden seit je die Menschenrechte mit Füßen getreten (Todesstrafe!), unlängst kam ein Präsident ohne glaubwürdige demokratische Verfahren an die Macht (Bush, 1. Amtszeit), dort lagern Massenvernichtungswaffen in hoher Zahl, breite Bevölkerungsschichten huldigen dem Fundamentalismus, religiöse Fanatiker sitzen in Regimekreisen. Von diesen gehen zudem weltweite Drohgebärden aus, und nicht nur rhetorische!</p>
<p>Aber Ernst beiseite.</p>
<p><em><strong>Nahaufnahme (Schwenk auf die Protagonisten / Portraits)</strong></em><br />
Die Spaßgesellschaft funktioniert ja noch. Treffen wir uns auf dem Mittelaltermarkt, und vergessen, &#8220;gewandet&#8221; wandelnd zwischen Drehleier, Blasebalg und fetter Bratwurst für drei &#8220;Taler&#8221;, dass jede beliebige Ära vor ein paar hundert Jahren für 99 % damaliger Bevölkerung frei von jeglicher persönlichen Freiheit war.</p>
<p>Gerade Neuheiden begeistern sich gern an der nostalgischen Wiedergängerey jener Jahrhunderte Kirchendiktatur (die deren noch blutigerer &#8220;Neuzeit&#8221; vorausgingen, in der die Inquisition zu ihren größten Exzessen erst so richtig auflief): damals, im Mittelalter, gab´s halt noch öffentliche Badezuber, oder so ähnlich (glucks). Und überhaupt soll man ja alles nicht so eng sehen – heute geht es schließlich ums Vergnügen.</p>
<p>Dieses aber kann sich krampfhafter Züge nicht entledigen, betrachtet man, wie ernst ebendiese &#8220;Heiden&#8221; anderseits in ihrer persönlichen &#8220;Religiösität&#8221; genommen werden möchten. Allmählich möchte sogar ich beinahe an &#8220;Karma&#8221; glauben: angesichts all dieser Profilkasper, Titelhuber, Verschwörungstechniker, freifabulierenden Geschichtsorakler, Unsinnabnicker und Wirklichkeitsverdränger, die da Asyl beantragen als vom Alltagsmief Verfolgte im Traumland freier Wühltisch-Phantasien. Wie viele Geheimräte, kaiserliche Beamte, Gendarmen, Zwangsmütter, Landbüttel, Kardinäle, Ablaßverkäufer, Äbtissinnen, Dorfpfaffen, Quacksalber, Marienerscheinungsgeplagte, Wundmal-Voodooisten, Selbstgeißlerinnen, Beutelschneider, dummgeprügelte Mägde, Kreuzfahrer und Kleinstdespoten mögen sich hier aus den letzten 1500 Jahren &#8220;inkarniert&#8221; haben in den heutigen Zeitgenossen! Denn anders kann ich mir deren jederzeit auf Stich- und Reizwort herauskrakeelbare Emp- und B.- Findlichkeiten kaum mehr erklären&#8230; (die Titel haben gewechselt. Wir sind Alsherjapsgode – und überhaupt hochgradig initiiert! Was man aber alles nicht verwechseln darf – schon der Wichtigkeit wegen.)</p>
<p>Den Vorfahren freilich ist kein Vorwurf zu machen. Was hätten sie anderes tun sollen, als nach ihrem Ableben in ausgerechnet sovielen heutigen Neuheiden zu &#8220;inkarnieren&#8221;? Schließlich werden sie von diesen geflissentlich übergangen bei der Ahnenverehrung: beruft sich neuheid doch lieber auf die beliebig aufblasbaren Ganzaltvorderen, die originalen (!) &#8220;Germanen&#8221;, unverfälschten (!) &#8220;Kelten&#8221; – oder wenigstens all die vieltausendjährig (in klammheimlichen, von Oma zu Enkelin vermutlich zwischen Kirchgang und Wäscheberg weitergeraunten) &#8220;ungebrochenen Hexentraditionen&#8221;&#8230;!? Zumindest die Linie der Dummheit ist eine nachweislich schwer durchbrechbare. Ganz hartnäckig haltbar, diese Tradition. Und wahrhaft religionsübergreifend.</p>
<p>Christen – waren das nicht irgendwelche fernen Bösen, die irgendwie aus der orientalischen (!) &#8220;Wüste&#8221; in unsere (!) schönen Wälder kamen (?) und mit viel Gezeter und Höllgeheul den armen heidnischen Landsleuts auf einmal das Spökenkieken verboten haben? Zu den eigenen Ahnen zählt neuheid die Christen anscheinend nicht (auch wenn deren Missionare keineswegs aus morgenländischen Fernen, sondern ganz nachbarschaftlich aus Irland und Italien herbeigetrippelt waren, das damalige New Age verkündend). Wie aber die vergammelten Wertvorstellungen all jener bekennenden Christen aus letztlich über anderthalb Jahrtausenden Abendland klammheimlich in den scheinheidnischen Köpfen der Heutigen spuken (auch ganz ohne Inkarnierungsschmäh, sondern so richtig de facto): Das passt auf keine Kuhhaut, und das bannt auch kein Pentagramm.</p>
<p>Also sprach der Moderator: Selig sind die besonders Bescheuerten, denn ihnen gehört das Medienreich. Und heute die ganze Welt.</p>
<p><em><strong>Außenaufnahme (hinter den Kulissen: fürs &#8220;Making of&#8221;)</strong></em><br />
Die ganze Welt &#8230; unsere (jeweils) ganze Welt&#8230; ist Wahrnehmung. Eine subjektive, immer, und nur. So ist das mit der &#8220;ganzen Welt&#8221;. Außerhalb menschlicher Wahrnehmung gibt es keine &#8220;Medien&#8221;, keine Fernseher, Filme oder Bildschirme (sieht man mal von ein paar größeren Halden Elektronikschrott ab, über die Mama Globus aber bald ihr gnädiges Gras wachsen lassen würde, ließe man ihr nur ungestörte Zeit). Unser aller Internet, das sind ein paar Millionen fragile Datenplatten, überdreht rotierend allesamt, miteinander verbunden über etliche Zigkilometer dickzäher Kabel auf Ozeangrund und sonstwo – und da z.B. die NASA (immerhin ja kein Kellerclübchen pickeliger Bastelbuben) schon heute die Dokus ihres kompletten Apollo-Raumfahrtprogramms aus den 60er Jahren nicht mehr abzuspielen vermag, weil niemand mehr die schrottreife Hardware reparieren kann (was aber eh egal ist, da die Originalaufnahmen inzwischen &#8220;verlegt&#8221; wurden: vulgo verloren sind&#8230;), <a href="#Fussnote">(1)</a> darf man getrost davon ausgehen, dass auch und gerade von unserer aller zeitgenössischen Daten-Geschwätzigkeit nicht viel mehr übrigbleiben wird als einige Tonnen unappetitlicher Plastik- und Siliziumschrott (von dem aber unklar sein wird, wozu er überhaupt diente). Die Archäologinnen künftiger Zeiten werden sich die Köpfe zerbrechen, was wir den ganzen Tag eigentlich gemacht haben – aber das müssen wir ungetröstet ihrer Phantasie überlassen. Von unseren Gedanken wird nichts künden!</p>
<p>Nun, wir wissen ja, was wir tun. Im Sinne unserer Making-Of-Aufnahme sieht das so aus: Ich sitze gerade seit ein paar Stunden auf einem Plastikdrehsesselchen, vor einem Holztisch, auf dem u.a. ein Kasten steht, in welchen ich unablässig hineingucke. Von der Vorderfront des Kastens geht ein fahles Leuchten aus, von der Deckenlampe ein helleres.<br />
Meine unruhigen Finger lassen flache Knopfreihen leise klappern. Aus zwei kleineren Kästen links und rechts auf dem Tisch röhrt rhythmisch-melodiöser Klang. Am Körper trage ich dünne Textilien und im Haar hoffentlich keine Läuse (obwohl die halbwüchsigen Kinder meiner Schwester ständig welche mit heimbringen von der Dorfschule). Mein Magen verdaut gerade &#8220;Spaghetti aglio e olio e peperoncino&#8221;: typisches Alltagsfutter für mich, auch wenn das nicht allzu germanisch sein dürfte – aber es machte mich nicht germanischer, bevorzugte ich Hirsebrei. Pasta, Knobi und Chillies sind billig – und so, wie ich sie mische, schmackhaft (na schön: der frisch zu raspelnde Parmegiano Reggiano drauf, der kostet a bisserl. Aber Stil darf sein, zumal´s der Käs´ wert ist) – außerdem sagen die wenigen Mädels, die mir die Freude machen, gelegentlich mein Lager zu teilen, daß ich &#8220;abgenommen&#8221; hätte: seit mir die Spaghetti die fette Hartwurst ersetzen morgens&#8230;</p>
<p>Off topic? Von wegen. Wir sind schon ganz haarscharf am Thema. Heil&#8230; Ich bestehe nochmals auf die kategorische Abwesenheit jeglichen Rufzeichens hinter diesem Four-Letter-Word, das mir so wichtig wurde in den jüngsten Jahren. Daß es mir überhaupt wichtig und relevant werden durfte (oder sagen wir pragmatischer: konnte), verdanke ich freilich anderen. Denn Heil, soviel sei vorausgeraunt, ist alles andere als eine individuelle Leistung. Obwohl es solche erfordert&#8230;</p>
<p>Und hier wären wir schon beim ersten Gegensatz zur &#8220;Gesellschaft&#8221; des &#8220;anything goes&#8221;: die eigentlich nur beständig verspricht, du könntest es allein schaffen. (Gerade mir als Musiker wird industriemäßig der &#8220;virtual drummer&#8221;, der &#8220;virtual guitarist&#8221;, der &#8220;virtual bassist&#8221; – &#8230; demnächst womöglich sogar noch das &#8220;virtual groupie&#8221;? – für &#8220;wenige&#8221; hundert Eurotaler angepriesen &#8230; alles wohlfeile Software fürs private Rechenkistchen. Stehende Botschaft all solcher postmodernen Errungenschaften: Mach dein Ding – für dich alleine! Was die Werbeprospekte nicht miterwähnen: Alleine, ganz alleine &#8230; bleibst du dann damit auch. Voilá: So verwandeln sich zahllose ambitionierte Künstler freiwillig in einsame Auto-Autisten. Ob wer dazu noch zuckt, spielt eigentlich nimmer die Rolle &#8230; Zuhörer werden zur bedrohten Art – die aber auch keinen mehr interessiert. Ich plage mich daher aber am Arsch lieber mit der lebendigen Zickengitarrera, ihrem und meinem Lieblingsdrummer, und der dann dreifach sich überschlagenden Ekstase herum&#8230;: bevor ich mir in fatalster Verblendung einbilde, &#8220;totale Kontrolle&#8221; über den künstlerischen Schaffensprozess ermögliche – oder garantiere gar – überhaupt einen solchen. Verdammt, ich bin Mensch – geborenes Herdentier! Mit allem Wenn und Wehe!)</p>
<p><em><strong>Innenaufnahme (Oberstübchen / Dachgeschoss)</strong></em><br />
Ich muss gestehen: Ich kann die Welt nicht retten. Der Globus brennt, und was mach ich? Schlangestehen im Supermarkt, oder vor dem einsam restgeöffneten Bank-, Amts- oder Bahnschalter, und mich noch dumm anrüffeln lassen von unterbezahlten und komplett desinteressierten Lakaien, die ihren bräsigen Dienst nach Vorschrift schieben, als gelte es, dem Kunden, der alles andere als ein &#8220;König&#8221; ist, durch ihre Ignoranz eine Art Rache des real überlebten Sozialismus spüren zu lassen.</p>
<p>Als kürzlich mein Mobiltelefon gesperrt wurde, da meine Rechnungsüberweisung zu spät erfolgt war, erwies es sich als unmöglich, einen lebenden Menschen im Dienste des Providers an die Strippe zu bekommen. Ich tippte mir die Finger wund, mich durch automatisierte Menüs hangelnd (&#8220;&#8230;dann drücken Sie die Drei&#8230;&#8221;), bloß um letztlich zu erfahren, dass &#8220;alle Mitarbeiter derzeit beschäftigt&#8221; seien – und Mozarts Kleine Nachtmusik tröstete zumindest in Form digitalisierten Gepiepses da wenig. &#8220;Du kannst es allein schaffen. Mach dein Ding.&#8221; Totale Kontrolle. Über dein Leben und Schaffen. Erstreben andere: habe ich den Eindruck. Aber diese Kontrolleure haben kein Gesicht. Der Zorn findet kein Ziel mehr: zumindest, wenn man nicht getriebenen Idioten wie &#8220;Jan von Helsing&#8221; (bürgerlich: Udo Bohley) – dem populären Sampler wiederaufbereiteter Verschwörungstheorien – auf den billigen Leim geht: der allen Ernstes suggeriert, an all der modernen Unbill seien (mal wieder, und wer sonst?) &#8220;die Juden&#8221; schuld.</p>
<p>Die Mauer muss weg! Gilt irgendwie noch immer. Da ich die außen nicht mehr sehe, gehe ich die in meinem Kopf an. Und siehe: da ist mehr als eine.</p>
<p><em><strong>Kamera aus (Drehpause)</strong></em><br />
Heil findet nicht im luftleeren Raum statt. Es ist kein Zustand, den einer für sich allein haben kann. Es geht um mehr. Es geht um Menschen: immer um mehrere. Wie nah oder weit weg die auch sein mögen.</p>
<blockquote><p>&#8220;Sie trafen sich auf einer Lichtung. Es waren nur noch wenige. Die Zeit hatte ihre Spuren in die Gesichter gegraben, wie in die Erinnerungen. Aber ihre Augen leuchteten ungebrochen. Sie wußten, wozu sie da standen. Jetzt galt es, weiterzumachen. Und als der erste Scheit loderte, sangen sie. Für den Wind, für das Gras, für die Berge&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Die Singvøgel: <a href="http://www.singvoegel.com/index.php/feuersang/" target="_blank">Feuersang</a>)</p>
<p>Heil ist verbindlich. Seine Annahme hat immer Konsequenzen. Seine Errichtung bedeutet Arbeit, und ihr Lohn ist nicht immer gewiss.</p>
<blockquote><p>&#8220;Es war eine harte Zeit gewesen &#8230; Sie hatten vieles verloren. Und manch einer von früher war nicht mehr dabei&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(dto.)</p>
<p>Als ich letzten Winter jäh stark erkrankte, rief mich meine Schwester an: Sie komme mich jetzt holen – zu ihr raus aufs Land (wo ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wohnte. In meiner City-Bude war natürlich der Ofen kalt: ich konnte mich nimmer groß rühren). Sie ist nicht meine &#8220;richtige&#8221; Schwester. (Die &#8220;richtige&#8221; residiert als eine hochbürgerliche Institutsleiterin in Wien und hält nix von mir.) Loki, was sag ich! Natürlich ist die meine richtige Schwester, mit der ich lache und weine, mit der ich durch Dick und Dünn gehe oder strauchle, mit der ich jetzt wohne, und die mir kalte Wickel machte, bis das Fieber runter ging, und die auch anderseits jederzeit eine Fünf gerade sein lässt, und die auch manchmal nervt wie ich sie, aber die halt meine Schwester ist: meine liebe Schwester, obwohl ich die erst seit acht Jahren kenne, und die vor sechsen eben meine liebe, meine wichtige und richtige und wahre Schwester werden durfte. Mein Band mit ihr ist dicker als das des Blutes. Von den Göttern her sind sie und ich von einem Blut – obwohl wir nichtmal genau die gleichen Götter haben (brauchen). Home is where the heart is, und wir sind füreinander da. Das ganz normale, verrückte Leben brachte uns zusammen (so, wie mich dasselbe von meiner leiblichen Schwester leider entfremdete).</p>
<p>Kommenden Winter holen wir meine alte Mutter über Weihnachten auf Besuch, und als die das letzte Mal bei uns war, tanzte Schwesterherz mit der über 80jährigen spontan Walzer in der Küche. Zum Begriff &#8220;Heil&#8221; passt gerade und auch Kästners Erich alter Spruch:</p>
<blockquote><p>&#8220;Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.&#8221;</p></blockquote>
<blockquote><p>&#8220;Das Feuer loderte hoch. Hände fanden sich, faßten ineinander &#8230; Menschen maßen, was sie miteinander geteilt hatten – wieder und wieder&#8230;&#8221;</p></blockquote>
<p>(Feuersang)</p>
<p>Susanne E. (Name vom Verfasser geändert), ein junges begabtes Mädel aus Norddeutschland, stieg nach einiger Zeit aus unserer Heilsgemeinschaft, der Nornirs Ætt, wieder aus: Sie mochte sich nicht so &#8220;festlegen&#8221;, und überhaupt: diese &#8220;Verpflichtungen&#8221; bei solchen Zugehörigkeiten – das alles sei nicht ihr Ding. Mal abgesehen davon, dass sich &#8220;Verpflichtungen&#8221; von Mitgliedern unserer kleinen überregionalen Gruppe auf (individuell wie spirituell zudem recht freizügig auslegbare) Zugehörigkeitsgefühle zu germanischer Kultur beschränken: die Anforderungen sind schon hoch. Wir erwarten – neben aktivem Einsatz für die Menschenrechte (was wir dem Erbe der Geschichte wie auch unseren Germanengöttern schuldig sind) – persönliche Verbindlichkeit der Gemeinschaft gegenüber. Dazu aber gehört wenig mehr als das Einhalten gegebenen Wortes, und das Interesse am Austausch mit den anderen in der Gruppe.</p>
<p>Die gibt es seit 1995. Die von Anbeginn angestrebte Heilsgemeinschaft tatsächlich zu sein, gelingt uns seit 2003. Unsere Kopfzahl ist überschaubar: etliche kamen, manche verließen uns. Woran wir aber unablässig arbeiten, ist die Struktur: unsere Konsensdemokratie funktioniert. Verdeckte Machtstrukturen aufzustöbern (besonders unbewusst oder unbeabsichtigt etablierte) und auszumerzen war ein ähnliches Sisyphus-Unterfangen, wie einen Garten von Unkraut freizuhalten. Aber wir schafften es. Seitdem fließen Energien ungehindert, von denen wir vorher gar nicht so recht ahnten, dass es sie überhaupt gibt. Obwohl wir weit auseinander wohnen: Hamburg – Leipzig – Bocholt – Rothenburg <em>(mittlerweile: Hamburg &#8211; Aachen &#8211; Wien)</em> sind unsere derzeitigen Grenzen bzw. Entfernungen. Aber wenn´s im Norden brennt, dann blinkt´s auf im Süden. Es geht tief, inzwischen: bis in die normalerweisen Tabus der zwischenmenschlichen Beziehungen hinein. Alles ist Privatsache – aber von der des einen bleibt auch die der anderen Hunderte Kilometer entfernt nicht unbetroffen. Wir trauen uns, zu reden: miteinander. Und zu handeln!</p>
<p><a href="http://www.nornirsaett.de/heil-2/" target="_blank">Heil (Teil 2)</a></p>
<p><em><a name="Fussnote">(1)</a> Das ist ein moderner Mythos &#8211; in doppelter Wortbedeutung. Im Sinne der Alltagssprache, weil nicht &#8220;die Dokus der NASA aus den 60ern&#8221; nicht mehr lesbar wären, sondern weil nur einige Behälter mit  Original-Magnetbändern, die Daten der Apolloflüge enthalten, nicht mehr auffindbar waren. Inzwischen (Juli 2009) sind sie wiedergefunden.<br />
Allerdings illustriert dieser Mythos &#8211; nun die andere, ursprüngliche Wortbedeutung &#8211; symbolisch verdichtet den &#8220;schleichenden Datenverfall&#8221;, die &#8220;Demenz der Archive&#8221;, den &#8220;elektronischen Alzheimer&#8221;. Wegen der geringen Haltbarkeit vieler Datenträger, aber auch, weil die Geräte, mit denen diese Datenträger gelesen werden, schnell veralten, droht in der Tat eine Zukunft, in der über unseren Alltag, unsere Kultur oder unser politisches Zeitgeschehen nur das bekannt sein wird, was in &#8220;offiziellen&#8221; Archiven mit großem Aufwand für aufbewahrenswert gehalten wird. Also eine vergleichbare Situation wie die die des Mittelalters, in der die klösterlichen Schreibstuben das &#8220;Chronistenmonopol&#8221; hatten.</em> MartinM</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/heil-1/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Heil (2)</title>
		<link>http://www.nornirsaett.de/heil-2/</link>
		<comments>http://www.nornirsaett.de/heil-2/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 15 Oct 2008 10:33:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Eibensang</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur & Weltbild]]></category>
		<category><![CDATA[Film]]></category>
		<category><![CDATA[germanisch]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[götter]]></category>
		<category><![CDATA[heil]]></category>
		<category><![CDATA[Hexerei]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Zufall]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.nornirsaett.de/?p=473</guid>
		<description><![CDATA[<p><i><b>Das Boot (Silouhette im Abenddämmer, außen)</b></i><br />
Ich wählte den Vergleich mit einem Boot, weil ein solches klare Grenzen hat. Je klarer der eigene Heilsbereich definiert ist, desto klarer lässt sich dessen Geschick lenken.<br />
<img src="http://u1.ipernity.com/4/77/26/1437726.128a050d.240.jpg" alt="Boot" /></p>
<p>Was aber ist Heil? Glück, Erfolg, Gedeihen? Das kommt schon hin. Aber es ist niemals nur das eigene, individuelle. Heil betrifft vielmehr unsere Beziehungen: alle (nicht nur die sog. Liebes-&#8230;)! Mein Heil erwächst daraus, was ich mit anderen zu tun habe, wie ich mit denen umgehe, und die mit mir.</p>
<p>Nach meiner Erfahrung wie auch Beobachtung bildet sich in jeder Gruppe von Menschen (egal, ob es eine zielorientierte Projektgruppe, eine Lebensgemeinschaft oder nur eine sonstwie interagierender Interessensverband ist) nach einer Weile – je nachdem, wie viel und wie häufig die Beteiligten miteinander zu tun haben, in welchem begrenzten Bereich auch immer – eine Art Gruppengeist heraus, den ich gern &#8220;Gruppenseele&#8221; nenne. In der Nornirs Ætt nennen wir eine solche Gruppenseele &#8220;Hamingja&#8221;, empfinden und behandeln zumindest die unsere als ein Wesen, eine Art unsichtbare (aber deutlich fühlbare Geist-) Person. Aber man braucht gar nicht diese bewusst intensive (germanische) Spielart bemühen: Jedes Team, jede Familie, jede Clique, jedes Ensemble kontinuierlich interagierender Personen hat seine eigene, mehr oder weniger spürbare Atmosphäre, deren Eigenschaften sich in solch einem Geist verdichten. Ob man das nun weiß, an sowas glaubt, oder sowas gar ignoriert. In den Fällen, wo man die Gruppenseele wirklich wahrzunehmen – und ernstzunehmen – bereit ist, wird es natürlich einfacher, damit umzugehen: darauf aufzupassen und zu achten. Das Heil der Nornirs-Ætt-Hamingja kommt nicht von ungefähr – die Personifizierung unserer Gruppenseele erlaubt uns einen konkreteren Umgang mit dem Gruppenheil, als das der Fall wäre bei lediglicher Wahrnehmung einer ungefähren &#8220;Atmosphäre&#8221; oder &#8220;Stimmung&#8221;.</p>
<p>Glück, Erfolg, Gedeihen. Die Gesellschaft, in der wir alle leben (und die wir dadurch darstellen: wir sind sie), definiert diese Begriffe – und damit das Heil – als ausschließliche Einzelleistung von Individuen: Jeder sei &#8220;seines Glückes Schmied&#8221;. Unwidersprochen, erstmal – aber das Bild reicht nicht aus. In seiner Unvollständigkeit ignoriert es all unsere Verhältnisse und Beziehungen: es ignoriert den Menschen als Gemeinschaftswesen. Dementsprechendes Unglück, Unheil kommt raus.</p>
<p>Kürzlich las ich einen bitterbösen Spruch: &#8220;Ich war für die Selbstverwirklichung – bis ich Leute traf, die sich selbst verwirklicht hatten.&#8221; Unsere Gesellschaft propagiert Freiheit wie keine andere. Aber Freiheit ohne Verbindlichkeiten anderen gegenüber läuft auf Einsamkeit hinaus: wofür die allermeisten Menschen nicht geschaffen sind. Aufgeklärte spüren die Zwickmühle: Freiheit oder Bindung? So schwarzweiß, derart digital (&#8220;null&#8221; oder &#8220;eins&#8221; – der eine Wert schließt immer den anderen aus) lässt sich das unmöglich entscheiden: zumindest nicht, wenn Heil daraus entstehen soll. Wir alle brauchen Freiheit(en) und Bindung(en) gleichermaßen.</p>
<p>Nein, ich vermag auch nicht von der &#8220;guten alten&#8221; Großfamilie zu träumen, wo einer den andern deckelt, wo womöglich die schlimmste Hackordnung herrschte: Was nützt mir der Halt der konkreten Bezüge, wenn ich überhaupt nix darf inmitten all der rigiden Sozialkontrolle? Selbst einer typischen neurotischen Kleinfamilie entstammend, probte ich, derlei fliehend, jahrzehntelang in hohem Maße das Gegenteil: suchte die persönliche Freiheit, die größtmögliche Unverbindlichkeit, fand das alles, und legte mir dabei auch eine Menge (sozial nicht immer kompatibler) Marotten zu – die heute z.T. sogar meinen Charakter prägen. Die Sehnsucht nach der &#8220;Gruppe&#8221; aber, einer Gemeinschaft: wurde umso bohrender, je weniger ich (auch über schlechte Erfahrungen, die ich vielfältig machte) an das Gelingen mehrköpfigen Miteinanders zu glauben – und darin zu investieren – vermochte. Doch diese jahrelangen Zeiten, die ich als harte erlebte, erwiesen sich später als gute Lehre!</p>
<p>Irgendwann beginnt man Werte zu entwickeln (umso freier, wie man all die unbeabsichtigt verinnerlichten zu reflektieren vermag: ein selbstkritischer Willensakt). Jener Mitbewohner, der mir einst die gemeinsame Wohnung verschaffte, mich aber kurz darauf um tausend Mark betrog (kaltgrinsend: obwohl ich ihm goldene Brücken baute, da ohne Gesichtsverlust herauszukommen in gemeinsamer Einigung – die er aber ablehnte): den erklärte ich irgendwann für mich als &#8220;schädlich für mein Heil&#8221;, und schob ihn aus meinem frischempfundenen &#8220;Heilsbereich&#8221;. Damals (neun Jahre isses her) brauchte ich dazu noch ein bissi albernen Hokuspokus: Hexerei mit Tierfell, Kerze und Kristall&#8230; Tinnef, aber er wirkte (natürlich). Heute genügte mir die Entscheidung, das Bewusstsein, der Entschluss. Konkrete Magie wirkt immer – unabhängig von Requisiten oder &#8220;Hokuspokus&#8221;.</p>
<p>Als ich mich vor sechs Jahren jäh konfrontiert fand mit einem halbkriminellen Wohnungsspekulanten, der sich (als mein plötzlich neuer Vermieter) notlos anschickte, mir in meiner damaligen Wohnung das Bleiben zur Hölle zu machen, erkannte ich: Diesen unappetitlichen Idioten (der sich z.B. erdreistet hatte, mir das Wasser abzusperren, als ich beim Scheißen auf dem Klo war – bloß, um mich rauszuekeln) hatten mir die Götter nur als vorübergehende Aufgabe geschickt – als Trainingsobjekt sozusagen. Diesen Arsch, der da geifernd vor meiner Tür stand und mir drohte – den würde ich nur kurze Zeit in meinem Leben kennen. Ich zog aus der Bude aus, aber gewann den Rechtsstreit mit einigen guten Kröten plus (die erstrittene Abfindung wärmte meine Tasche auf heimeligste) – obwohl mein Anwalt nicht grad der beste gewesen war. Zornmotivierte Gründe hatte ich dennoch gehabt, die schimmelige Bruchbude bei meinem Auszug rituell zu verfluchen – kurz darauf hörte ich, dass der Spekulant &#8220;pleite gegangen&#8221; war, und obendrein drei Finger verloren bei irgendeiner &#8220;Motorsäge-Aktion&#8221;&#8230; Zufall? Jou, warum nicht. Allein mein Mitleid hielt sich in Grenzen (ich bin, insbesondere wenn man mir grob unfair kommt, ein nachtragender Mensch).</p>
<p><img src="http://u1.ipernity.com/4/71/59/1437159.bb42fea5.500.jpg" alt="Galiot" /><br />
<i><b>Das Boot nimmt Fahrt auf</b></i><br />
Von den Mitgliedern meiner Gruppe erkrankte einer an Krebs, einer an einer lebensgefährlich-chronischen Autoimmunkrankheit, ein anderer bekam jäh einen (knapp überlebten) Herzinfarkt, einer kam für Jahre weder beruflich noch privat auf einen grünen Zweig, einer wurde die Ehe zum Gefängnis, einer anderen die Beziehung zu eng (ohne Aussicht auf Änderung). Des einen Familie ging auseinander, der andern ließ die ihre keinen Atem mehr, ein weiterer verlor die seine, einige finden erst gar keine Lebens- oder Liebespartner, die andern immer die falschen, ich selber wähne meine Liebste gegangen immer wieder, obwohl ich ihr die neue Liebe gönne wie sie meine Affären zu verdauen sucht – im Stress sind wir alle, und die mit &#8220;gesicherter Existenz&#8221; sind in schwindender Minderheit&#8230; Doch wir alle halten zusammen, haben und pflegen allesamt (zunehmende) Verbindlichkeiten. Wir stritten, wir kämpften, wir lachten und weinten, arbeiteten und ächzten, tranken, tanzten und liebten – und tun das alles nach wie vor. Wir verloren einen Rabenclan, an dem wir zehn Jahre lang selbstverständlich mitgearbeitet und Teil gehabt hatten, etliche der unsrigen verloren Lieben und (schlimmer vielleicht noch) jahrelange Freunde&#8230; Was hatten wir nicht alles – trotzdem oder deswegen – vorgehabt, doch unterm Strich nichts geerntet als&#8230;</p>
<blockquote><p><b>Heil. Sein Himmel ist Verbundenheitsgefühl, seine Erde Vertrauen.</b></p></blockquote>
<p>Gemeinschaftlich entwickelte, jahrelang erprobte (und veränderlichen Erfordernissen dynamisch angepasste) Regeln des Miteinander schufen die Voraussetzungen für das gegenseitige Vertrauen innerhalb der Nornirs Ætt – aber die ist nur eine kleine Gruppe, und die Heilsbereiche der Einzelnen gehen natürlich darüber hinaus (in Form von Familien, Freundeskreisen usw.).<br />
Und natürlich geht jeder mit seinem persönlichen Heilsbereich ein bisschen anders um, gemäß dessen, dass man ja auch individuell unterschiedliche Vorstellungen darüber, Erwartungen und Ansprüche daran hat. Keiner aus der Ætt kann oder wird mir daher vorschreiben, wie ich meinen persönlichen Heilsbereich zu definieren habe oder wen ich da in welcher Form hineinlasse, dran teilhaben lasse oder sonst wie dazuzähle – solange es nicht wiederum das Gruppenheil tangiert, was ich so treibe. Schließlich stärkt es das Gruppenheil, je besser es ihren Mitgliedern geht: das Heil potenziert sich. Insofern lässt es die andern auch nicht kalt, wenn es Einzelnen schlecht geht: es betrifft alle – und da unterscheidet sich unser Modell ganz konkret von den Sitten der größeren Gesellschaft: die mangels Heilsverständnis für so ein gegenseitiges Auffangen dann entweder Familienbande (im Sinne leiblicher Verwandtschaft) braucht – oder das Hilfsbedürfnis halt aufs mehr oder minder äußerlich-oberflächliche &#8220;Funktionieren&#8221; von Personen beschränkt. (Den Rest regelt dann der Psychiater, auf Gedeih und Verderb. Gewagtes Kunststück allerdings: Leuten gegenüber, die sich – unabhängig von ihren jeweiligen Problemen – gesellschaftlich eh schon auf ihre Funktion reduziert fühlen müssen: weil sie es sind.)</p>
<p>Was unser Gruppenheil wiederum von dem einer reinen Freundschaftsbindung (denn auch Freunde helfen ja einander&#8230;) unterscheidet, ist die klardefinierte, bewusst angewandte Systematik: also deutlich mehr als ein Schulterkloppen, und einem lauen Spruch a la &#8220;&#8230;und jetzt fang dich aber mal wieder&#8221;. Das Bewusstsein fürs gemeinschaftliche Heil ist stark – und ggf. nicht abhängig von privater Sympathie (obwohl solche natürlich aus den Ergebnissen erwächst, oder sich verstärkt).<br />
Wie weit weg die andern auch immer grad sein mögen, und egal wo es mich gerade herumwürfelt: ganz allein bin ich nie. Bin immer Teil eines konkreten größeren Ganzen.</p>
<p>Die Regeln unserer Gruppe gelten freilich nur für diese, und innerhalb dieser. Nach Regeln lebt aber jeder Mensch – wie (und woher) bewusst oder unbewusst verinnerlicht, und in welchem widersprüchlichen Ausdrucks- und Wirkungskonglomerat auch immer.<br />
Und wo immer eine (wie auch immer geartete) Gemeinschaft sich nicht eigene Regeln schafft, folgt sie bereits vorhandenen: meist eine zufällige Mischung dessen, was die jeweiligen Beteiligten so mitbringen&#8230; und je weniger oder unklarer das untereinander kommuniziert wird, desto mehr Zusammenstöße gibt´s: allzu oft als persönliche Animositäten missverstanden – die´s zwar immer auch gibt. Aber auf dieser Ebene lässt sich das Problem nicht lösen!</p>
<p>Ob ein Boot fahrtüchtig ist, misst sich nämlich nicht daran, ob oder inwieweit die Insassen sich gerade leiden können (wiewohl das zwar eine Rolle spielt, wie z.B. auch der Fahrtwind oder der Seegang&#8230;). Bei Segelriss, Mast- oder Ruderbruch ist es aber wenig hilfreich, private Sympathiefragen zu diskutieren. Da muss man schon erkennen, wo´s strukturell hapert, und auf die Sachebene gehen, um Probleme zu beheben. Was ist bei deiner Gruppe / Familie / sonstigen Gemeinschaft der Mast, das Segel, das Ruder? Welche Bedeutung haben diese &#8220;Teile&#8221;, und wie ist ihre funktionale Beziehung zueinander? Das ist &#8220;Struktur&#8221;: die von Gruppierungen zu erkennen, Voraussetzung, daran zu arbeiten. Wohlgemerkt: Die Frage lautet, was ist der Mast und das Ruder – nicht etwa: wer bedient es! (Das spielt zwar ggf. auch ein Röllchen, ist aber eine kategorisch andere Frage!) Inwieweit sind sich die &#8220;Insassen&#8221; dieses oder jenes Haufens überhaupt einig, in was für einer Art Boot sie hocken? Auch wohin das ggf. fahren soll, lässt sich erst danach klären.</p>
<p><i><b>Zu fernen Gestaden&#8230; (ein offener Plot)</b>/</i><br />
Was packen wir hinein in unser Boot? Geht es ums Vorwärtskommen (gemeinschaftlich wie persönlich), oder auf Räubereifahrt? In germanischem Verständnis hängt auch Gruppenheil ab von individueller Ehre – die ich, um Assoziationen zu pathetischem Hohlgebläse zu vermeiden, hier mal lieber als Ehrbarkeit (der Einzelnen) bezeichne. Und die wiederum hängt ab von Wertinhalten. Hier scheiden sich die Geister – und das ist auch nötig. Ich kann kein Heil mit jemandem haben, der z.B. Menschen in &#8220;Rassen&#8221; einteilt (was Abwertungen immer nach sich zieht: und sei es &#8220;nur&#8221; in der Praxis via biologistisch beliebig begründbarer Ausschlüsse) und / oder Inhalte und Formen seiner persönlichen Religion (und damit auch die anderer) für genetisch oder sonst wie biologisch bedingt hält. Und wenn so jemand zehnmal die gleichen Götternamen verwendet wie ich (alles schon mal vorgekommen&#8230;). Da beschwören wir dennoch vollkommen unterschiedliche Kräfte herauf: die sich im Fall dieses Werte-Beispiels diametral und unvereinbar gegenüberstehen. Rassismus ist keine politische Meinung, sondern ein Verbrechen. Ja: Mein germanischer Ehrbegriff ist mit den Menschenrechten verheiratet – deren historische Jugendlichkeit ihrer Attraktivität keinerlei Abbruch tut (zumal sie weit ältere Ideen und Werte aufgreifen: allein ihre umfassende Bündelung ist jung – ihr Universalitätsanspruch aber lediglich konsequent)&#8230; Außerdem war es eine Liebesheirat. Ein Bund fürs Leben, und darüber hinaus. Diese Braut wird also verteidigt: bei der Ehr´! Jenseits von ihr gibt´s kein Heil – auch wenn das meine noch etwas weiter greift. Aber ohne sie geht halt gar nix. Von Menschen für Menschen erschaffen, steht sie im Einklang mit der Musik und dem Atem der Götter, insbesondere Mutter Nerthus, die lieber Regen als Blut trinkt.</p>
<p>Die Fahrt unseres Bootes aber hat erst begonnen. Hier nur als kleines Beispiel für Gedanken und Bemühungen ums große Thema. Fragen des menschlichen Miteinanders, insbesondere das von Gruppierungen aller Art, nehmen unserer Tage an Wichtigkeit zu: gerade angesichts realer wie auch empfundener Weltlage. Dem Unheil der Zeit etwas Heiles entgegenhalten – das freilich immer wieder neu geschaffen werden muss, umsichtig und sorgsam. Es ist nicht unbedingt einfach. Wer nicht hinabgezogen werden will in den Mahlstrom erodierender Werte zweifelhaften Wertes, braucht haltbare Bindungen: deren Überleben aber wird abhängen von der Souveränität und Praktikabilität ihrer Wertinhalte – und die hängen ab von der Integrität derjenigen Menschen, die sie vertreten. Frei und gleichberechtigt Organisierte haben den längeren Atem. Die höhere Ehre sowieso.</p>
<p><b><i>Abspann</i></b><br />
Nach dem – und beim (denn die Geschichte geht ja weiter: ist ja gar kein Film, den wir hier drehen&#8230;!) – vorsichtigen Wiederauffüllen des Begriffs &#8220;Heil&#8221; mit ehrbaren Inhalten bleibt mir ein Anliegen – verbunden mit entsprechender Empfehlung, die ich mir hiermit erlaube – dieses alte, von allzu unheilem Gebrüll noch arg wundgeriebene Wort lieber zu flüstern. Noch besser, es zu leben. Beides aber, damit es heilen kann. Dort findet es nämlich heim. Es? Wir. Alle.</p>
<div style="display:block"><small><em>posted in <a href="http://www.nornirsaett.de/category/asatru-germanisches-kulturelles/germanisches-kultur-weltbild/">Kultur &amp; Weltbild</a> by Eibensang <a href="http://www.nornirsaett.de/heil-2/#comments">Leave A Comment</a><br />&copy;2012 <a href="http://www.nornirsaett.de">Asatru zum selber Denken - die Nornirs Ætt</a>. All Rights Reserved.</em></small></div>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><i><b>Das Boot (Silouhette im Abenddämmer, außen)</b></i><br />
Ich wählte den Vergleich mit einem Boot, weil ein solches klare Grenzen hat. Je klarer der eigene Heilsbereich definiert ist, desto klarer lässt sich dessen Geschick lenken.<br />
<img src="http://u1.ipernity.com/4/77/26/1437726.128a050d.240.jpg" alt="Boot" /></p>
<p>Was aber ist Heil? Glück, Erfolg, Gedeihen? Das kommt schon hin. Aber es ist niemals nur das eigene, individuelle. Heil betrifft vielmehr unsere Beziehungen: alle (nicht nur die sog. Liebes-&#8230;)! Mein Heil erwächst daraus, was ich mit anderen zu tun habe, wie ich mit denen umgehe, und die mit mir.</p>
<p>Nach meiner Erfahrung wie auch Beobachtung bildet sich in jeder Gruppe von Menschen (egal, ob es eine zielorientierte Projektgruppe, eine Lebensgemeinschaft oder nur eine sonstwie interagierender Interessensverband ist) nach einer Weile – je nachdem, wie viel und wie häufig die Beteiligten miteinander zu tun haben, in welchem begrenzten Bereich auch immer – eine Art Gruppengeist heraus, den ich gern &#8220;Gruppenseele&#8221; nenne. In der Nornirs Ætt nennen wir eine solche Gruppenseele &#8220;Hamingja&#8221;, empfinden und behandeln zumindest die unsere als ein Wesen, eine Art unsichtbare (aber deutlich fühlbare Geist-) Person. Aber man braucht gar nicht diese bewusst intensive (germanische) Spielart bemühen: Jedes Team, jede Familie, jede Clique, jedes Ensemble kontinuierlich interagierender Personen hat seine eigene, mehr oder weniger spürbare Atmosphäre, deren Eigenschaften sich in solch einem Geist verdichten. Ob man das nun weiß, an sowas glaubt, oder sowas gar ignoriert. In den Fällen, wo man die Gruppenseele wirklich wahrzunehmen – und ernstzunehmen – bereit ist, wird es natürlich einfacher, damit umzugehen: darauf aufzupassen und zu achten. Das Heil der Nornirs-Ætt-Hamingja kommt nicht von ungefähr – die Personifizierung unserer Gruppenseele erlaubt uns einen konkreteren Umgang mit dem Gruppenheil, als das der Fall wäre bei lediglicher Wahrnehmung einer ungefähren &#8220;Atmosphäre&#8221; oder &#8220;Stimmung&#8221;.</p>
<p>Glück, Erfolg, Gedeihen. Die Gesellschaft, in der wir alle leben (und die wir dadurch darstellen: wir sind sie), definiert diese Begriffe – und damit das Heil – als ausschließliche Einzelleistung von Individuen: Jeder sei &#8220;seines Glückes Schmied&#8221;. Unwidersprochen, erstmal – aber das Bild reicht nicht aus. In seiner Unvollständigkeit ignoriert es all unsere Verhältnisse und Beziehungen: es ignoriert den Menschen als Gemeinschaftswesen. Dementsprechendes Unglück, Unheil kommt raus.</p>
<p>Kürzlich las ich einen bitterbösen Spruch: &#8220;Ich war für die Selbstverwirklichung – bis ich Leute traf, die sich selbst verwirklicht hatten.&#8221; Unsere Gesellschaft propagiert Freiheit wie keine andere. Aber Freiheit ohne Verbindlichkeiten anderen gegenüber läuft auf Einsamkeit hinaus: wofür die allermeisten Menschen nicht geschaffen sind. Aufgeklärte spüren die Zwickmühle: Freiheit oder Bindung? So schwarzweiß, derart digital (&#8220;null&#8221; oder &#8220;eins&#8221; – der eine Wert schließt immer den anderen aus) lässt sich das unmöglich entscheiden: zumindest nicht, wenn Heil daraus entstehen soll. Wir alle brauchen Freiheit(en) und Bindung(en) gleichermaßen.</p>
<p>Nein, ich vermag auch nicht von der &#8220;guten alten&#8221; Großfamilie zu träumen, wo einer den andern deckelt, wo womöglich die schlimmste Hackordnung herrschte: Was nützt mir der Halt der konkreten Bezüge, wenn ich überhaupt nix darf inmitten all der rigiden Sozialkontrolle? Selbst einer typischen neurotischen Kleinfamilie entstammend, probte ich, derlei fliehend, jahrzehntelang in hohem Maße das Gegenteil: suchte die persönliche Freiheit, die größtmögliche Unverbindlichkeit, fand das alles, und legte mir dabei auch eine Menge (sozial nicht immer kompatibler) Marotten zu – die heute z.T. sogar meinen Charakter prägen. Die Sehnsucht nach der &#8220;Gruppe&#8221; aber, einer Gemeinschaft: wurde umso bohrender, je weniger ich (auch über schlechte Erfahrungen, die ich vielfältig machte) an das Gelingen mehrköpfigen Miteinanders zu glauben – und darin zu investieren – vermochte. Doch diese jahrelangen Zeiten, die ich als harte erlebte, erwiesen sich später als gute Lehre!</p>
<p>Irgendwann beginnt man Werte zu entwickeln (umso freier, wie man all die unbeabsichtigt verinnerlichten zu reflektieren vermag: ein selbstkritischer Willensakt). Jener Mitbewohner, der mir einst die gemeinsame Wohnung verschaffte, mich aber kurz darauf um tausend Mark betrog (kaltgrinsend: obwohl ich ihm goldene Brücken baute, da ohne Gesichtsverlust herauszukommen in gemeinsamer Einigung – die er aber ablehnte): den erklärte ich irgendwann für mich als &#8220;schädlich für mein Heil&#8221;, und schob ihn aus meinem frischempfundenen &#8220;Heilsbereich&#8221;. Damals (neun Jahre isses her) brauchte ich dazu noch ein bissi albernen Hokuspokus: Hexerei mit Tierfell, Kerze und Kristall&#8230; Tinnef, aber er wirkte (natürlich). Heute genügte mir die Entscheidung, das Bewusstsein, der Entschluss. Konkrete Magie wirkt immer – unabhängig von Requisiten oder &#8220;Hokuspokus&#8221;.</p>
<p>Als ich mich vor sechs Jahren jäh konfrontiert fand mit einem halbkriminellen Wohnungsspekulanten, der sich (als mein plötzlich neuer Vermieter) notlos anschickte, mir in meiner damaligen Wohnung das Bleiben zur Hölle zu machen, erkannte ich: Diesen unappetitlichen Idioten (der sich z.B. erdreistet hatte, mir das Wasser abzusperren, als ich beim Scheißen auf dem Klo war – bloß, um mich rauszuekeln) hatten mir die Götter nur als vorübergehende Aufgabe geschickt – als Trainingsobjekt sozusagen. Diesen Arsch, der da geifernd vor meiner Tür stand und mir drohte – den würde ich nur kurze Zeit in meinem Leben kennen. Ich zog aus der Bude aus, aber gewann den Rechtsstreit mit einigen guten Kröten plus (die erstrittene Abfindung wärmte meine Tasche auf heimeligste) – obwohl mein Anwalt nicht grad der beste gewesen war. Zornmotivierte Gründe hatte ich dennoch gehabt, die schimmelige Bruchbude bei meinem Auszug rituell zu verfluchen – kurz darauf hörte ich, dass der Spekulant &#8220;pleite gegangen&#8221; war, und obendrein drei Finger verloren bei irgendeiner &#8220;Motorsäge-Aktion&#8221;&#8230; Zufall? Jou, warum nicht. Allein mein Mitleid hielt sich in Grenzen (ich bin, insbesondere wenn man mir grob unfair kommt, ein nachtragender Mensch).</p>
<p><img src="http://u1.ipernity.com/4/71/59/1437159.bb42fea5.500.jpg" alt="Galiot" /><br />
<i><b>Das Boot nimmt Fahrt auf</b></i><br />
Von den Mitgliedern meiner Gruppe erkrankte einer an Krebs, einer an einer lebensgefährlich-chronischen Autoimmunkrankheit, ein anderer bekam jäh einen (knapp überlebten) Herzinfarkt, einer kam für Jahre weder beruflich noch privat auf einen grünen Zweig, einer wurde die Ehe zum Gefängnis, einer anderen die Beziehung zu eng (ohne Aussicht auf Änderung). Des einen Familie ging auseinander, der andern ließ die ihre keinen Atem mehr, ein weiterer verlor die seine, einige finden erst gar keine Lebens- oder Liebespartner, die andern immer die falschen, ich selber wähne meine Liebste gegangen immer wieder, obwohl ich ihr die neue Liebe gönne wie sie meine Affären zu verdauen sucht – im Stress sind wir alle, und die mit &#8220;gesicherter Existenz&#8221; sind in schwindender Minderheit&#8230; Doch wir alle halten zusammen, haben und pflegen allesamt (zunehmende) Verbindlichkeiten. Wir stritten, wir kämpften, wir lachten und weinten, arbeiteten und ächzten, tranken, tanzten und liebten – und tun das alles nach wie vor. Wir verloren einen Rabenclan, an dem wir zehn Jahre lang selbstverständlich mitgearbeitet und Teil gehabt hatten, etliche der unsrigen verloren Lieben und (schlimmer vielleicht noch) jahrelange Freunde&#8230; Was hatten wir nicht alles – trotzdem oder deswegen – vorgehabt, doch unterm Strich nichts geerntet als&#8230;</p>
<blockquote><p><b>Heil. Sein Himmel ist Verbundenheitsgefühl, seine Erde Vertrauen.</b></p></blockquote>
<p>Gemeinschaftlich entwickelte, jahrelang erprobte (und veränderlichen Erfordernissen dynamisch angepasste) Regeln des Miteinander schufen die Voraussetzungen für das gegenseitige Vertrauen innerhalb der Nornirs Ætt – aber die ist nur eine kleine Gruppe, und die Heilsbereiche der Einzelnen gehen natürlich darüber hinaus (in Form von Familien, Freundeskreisen usw.).<br />
Und natürlich geht jeder mit seinem persönlichen Heilsbereich ein bisschen anders um, gemäß dessen, dass man ja auch individuell unterschiedliche Vorstellungen darüber, Erwartungen und Ansprüche daran hat. Keiner aus der Ætt kann oder wird mir daher vorschreiben, wie ich meinen persönlichen Heilsbereich zu definieren habe oder wen ich da in welcher Form hineinlasse, dran teilhaben lasse oder sonst wie dazuzähle – solange es nicht wiederum das Gruppenheil tangiert, was ich so treibe. Schließlich stärkt es das Gruppenheil, je besser es ihren Mitgliedern geht: das Heil potenziert sich. Insofern lässt es die andern auch nicht kalt, wenn es Einzelnen schlecht geht: es betrifft alle – und da unterscheidet sich unser Modell ganz konkret von den Sitten der größeren Gesellschaft: die mangels Heilsverständnis für so ein gegenseitiges Auffangen dann entweder Familienbande (im Sinne leiblicher Verwandtschaft) braucht – oder das Hilfsbedürfnis halt aufs mehr oder minder äußerlich-oberflächliche &#8220;Funktionieren&#8221; von Personen beschränkt. (Den Rest regelt dann der Psychiater, auf Gedeih und Verderb. Gewagtes Kunststück allerdings: Leuten gegenüber, die sich – unabhängig von ihren jeweiligen Problemen – gesellschaftlich eh schon auf ihre Funktion reduziert fühlen müssen: weil sie es sind.)</p>
<p>Was unser Gruppenheil wiederum von dem einer reinen Freundschaftsbindung (denn auch Freunde helfen ja einander&#8230;) unterscheidet, ist die klardefinierte, bewusst angewandte Systematik: also deutlich mehr als ein Schulterkloppen, und einem lauen Spruch a la &#8220;&#8230;und jetzt fang dich aber mal wieder&#8221;. Das Bewusstsein fürs gemeinschaftliche Heil ist stark – und ggf. nicht abhängig von privater Sympathie (obwohl solche natürlich aus den Ergebnissen erwächst, oder sich verstärkt).<br />
Wie weit weg die andern auch immer grad sein mögen, und egal wo es mich gerade herumwürfelt: ganz allein bin ich nie. Bin immer Teil eines konkreten größeren Ganzen.</p>
<p>Die Regeln unserer Gruppe gelten freilich nur für diese, und innerhalb dieser. Nach Regeln lebt aber jeder Mensch – wie (und woher) bewusst oder unbewusst verinnerlicht, und in welchem widersprüchlichen Ausdrucks- und Wirkungskonglomerat auch immer.<br />
Und wo immer eine (wie auch immer geartete) Gemeinschaft sich nicht eigene Regeln schafft, folgt sie bereits vorhandenen: meist eine zufällige Mischung dessen, was die jeweiligen Beteiligten so mitbringen&#8230; und je weniger oder unklarer das untereinander kommuniziert wird, desto mehr Zusammenstöße gibt´s: allzu oft als persönliche Animositäten missverstanden – die´s zwar immer auch gibt. Aber auf dieser Ebene lässt sich das Problem nicht lösen!</p>
<p>Ob ein Boot fahrtüchtig ist, misst sich nämlich nicht daran, ob oder inwieweit die Insassen sich gerade leiden können (wiewohl das zwar eine Rolle spielt, wie z.B. auch der Fahrtwind oder der Seegang&#8230;). Bei Segelriss, Mast- oder Ruderbruch ist es aber wenig hilfreich, private Sympathiefragen zu diskutieren. Da muss man schon erkennen, wo´s strukturell hapert, und auf die Sachebene gehen, um Probleme zu beheben. Was ist bei deiner Gruppe / Familie / sonstigen Gemeinschaft der Mast, das Segel, das Ruder? Welche Bedeutung haben diese &#8220;Teile&#8221;, und wie ist ihre funktionale Beziehung zueinander? Das ist &#8220;Struktur&#8221;: die von Gruppierungen zu erkennen, Voraussetzung, daran zu arbeiten. Wohlgemerkt: Die Frage lautet, was ist der Mast und das Ruder – nicht etwa: wer bedient es! (Das spielt zwar ggf. auch ein Röllchen, ist aber eine kategorisch andere Frage!) Inwieweit sind sich die &#8220;Insassen&#8221; dieses oder jenes Haufens überhaupt einig, in was für einer Art Boot sie hocken? Auch wohin das ggf. fahren soll, lässt sich erst danach klären.</p>
<p><i><b>Zu fernen Gestaden&#8230; (ein offener Plot)</b>/</i><br />
Was packen wir hinein in unser Boot? Geht es ums Vorwärtskommen (gemeinschaftlich wie persönlich), oder auf Räubereifahrt? In germanischem Verständnis hängt auch Gruppenheil ab von individueller Ehre – die ich, um Assoziationen zu pathetischem Hohlgebläse zu vermeiden, hier mal lieber als Ehrbarkeit (der Einzelnen) bezeichne. Und die wiederum hängt ab von Wertinhalten. Hier scheiden sich die Geister – und das ist auch nötig. Ich kann kein Heil mit jemandem haben, der z.B. Menschen in &#8220;Rassen&#8221; einteilt (was Abwertungen immer nach sich zieht: und sei es &#8220;nur&#8221; in der Praxis via biologistisch beliebig begründbarer Ausschlüsse) und / oder Inhalte und Formen seiner persönlichen Religion (und damit auch die anderer) für genetisch oder sonst wie biologisch bedingt hält. Und wenn so jemand zehnmal die gleichen Götternamen verwendet wie ich (alles schon mal vorgekommen&#8230;). Da beschwören wir dennoch vollkommen unterschiedliche Kräfte herauf: die sich im Fall dieses Werte-Beispiels diametral und unvereinbar gegenüberstehen. Rassismus ist keine politische Meinung, sondern ein Verbrechen. Ja: Mein germanischer Ehrbegriff ist mit den Menschenrechten verheiratet – deren historische Jugendlichkeit ihrer Attraktivität keinerlei Abbruch tut (zumal sie weit ältere Ideen und Werte aufgreifen: allein ihre umfassende Bündelung ist jung – ihr Universalitätsanspruch aber lediglich konsequent)&#8230; Außerdem war es eine Liebesheirat. Ein Bund fürs Leben, und darüber hinaus. Diese Braut wird also verteidigt: bei der Ehr´! Jenseits von ihr gibt´s kein Heil – auch wenn das meine noch etwas weiter greift. Aber ohne sie geht halt gar nix. Von Menschen für Menschen erschaffen, steht sie im Einklang mit der Musik und dem Atem der Götter, insbesondere Mutter Nerthus, die lieber Regen als Blut trinkt.</p>
<p>Die Fahrt unseres Bootes aber hat erst begonnen. Hier nur als kleines Beispiel für Gedanken und Bemühungen ums große Thema. Fragen des menschlichen Miteinanders, insbesondere das von Gruppierungen aller Art, nehmen unserer Tage an Wichtigkeit zu: gerade angesichts realer wie auch empfundener Weltlage. Dem Unheil der Zeit etwas Heiles entgegenhalten – das freilich immer wieder neu geschaffen werden muss, umsichtig und sorgsam. Es ist nicht unbedingt einfach. Wer nicht hinabgezogen werden will in den Mahlstrom erodierender Werte zweifelhaften Wertes, braucht haltbare Bindungen: deren Überleben aber wird abhängen von der Souveränität und Praktikabilität ihrer Wertinhalte – und die hängen ab von der Integrität derjenigen Menschen, die sie vertreten. Frei und gleichberechtigt Organisierte haben den längeren Atem. Die höhere Ehre sowieso.</p>
<p><b><i>Abspann</i></b><br />
Nach dem – und beim (denn die Geschichte geht ja weiter: ist ja gar kein Film, den wir hier drehen&#8230;!) – vorsichtigen Wiederauffüllen des Begriffs &#8220;Heil&#8221; mit ehrbaren Inhalten bleibt mir ein Anliegen – verbunden mit entsprechender Empfehlung, die ich mir hiermit erlaube – dieses alte, von allzu unheilem Gebrüll noch arg wundgeriebene Wort lieber zu flüstern. Noch besser, es zu leben. Beides aber, damit es heilen kann. Dort findet es nämlich heim. Es? Wir. Alle.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.nornirsaett.de/heil-2/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

