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Thema: "Verrottet..." [ Seite 1 ]

Kein neuer Beitrag Die Krähe , 12.03.2009, 01:43 Beitrag #1   
Usergruppe: DagansVidhri
Registrierung: 04.08.2007, 07:34
 
 
... sind die ältesten erhaltenen Boote aus dem Ostseeraum, die immerhin ca. 7000 Jahre auf dem Buckel hatten.
In einem Lagerraum in Schwerin.
Aufgrund von "räumlichem und personellem Notstand", so die zuständige Behörde, das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege.

Das gesamte Trauerspiel steht hier zu lesen.

Was mich dabei rasend macht: die notorischen Einsparungen auf dem Gebiet der Kultur (von Archäologie und bildender Kunst bis hin zu Theater und Musik) sind ja hinlänglich bekannt. In diesem Fall jedoch war das Geld sogar da. Die haben das höchstselbst verbaselt, indem einfach nicht rechtzeitig ein geeigneter Raum gefunden wurde...

Ja warum zum Donner fragt man da mal nicht einfach in anderen Landesmuseen nach, z. B. im vorzüglich ausgestatteten Schloß Gottorf im benachbarten Schleswig-Holstein? Oder meinethalben in Bayern? In Polen? In Amerika?

Ich faß' es nicht.




"Das Leben schrumpft oder dehnt sich aus, proportional zum eigenen Mut."
Anaïs Nin


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Kein neuer Beitrag MartinM , 12.03.2009, 07:51 Beitrag #2   
Usergruppe: Hrafnsgaldr
Registrierung: 04.08.2007, 19:16
Homepage: http://martinm.twoday.net
 
 
Hi Karan,

leider ist so was kein Einzelfall. Holzfunde, die unter Wasser oder im Schlick über Jahrhunderte konserviert wurden, verfallen an der Luft innerhalb kürzester Zeit. Die Entschuldigung "kein geeigneter Raum vorhanden" lasse ich nicht gelten; es gab vielleicht in Schwerin keinen geeigneten Raum.

Das bizarre: Angeblich hätte es 2002 für die Einbäume sogar einen Interessenten gegeben, nämlich das in Aufbau befindliche Internationale Maritime Museum in Hamburg. Auch das Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven, dessen Fachleute viel Erfahrung in der Konservierung von hölzernen Wracks haben, soll interessiert gewesen sein. :(
Allerdings müsste man noch mal recherchieren, um ´rauszufinden, was damals wirklich passiert ist.

Ich fasse es auch nicht,
Martin


»Wer nicht zu sagen wagt, was er denkt, ist ein Sklave.«
Sophokles

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Kein neuer Beitrag Eibensang , 12.03.2009, 08:48 Beitrag #3   
Usergruppe: DagansVidhri
Registrierung: 03.09.2007, 22:06
Homepage: http://www.eibensang.de
 
 
Ich glaube, das hat - unbewussterweise - auch mit der erworbenen Unfähigkeit zu tun, Hinterlassenschaften aus der Vergangenheit wertschätzen zu können - im Sinne der kollektiv erfahrenen Gewohnheit, dass Technikstandards im Halbjahrestakt wechseln können bzw. (gewinnträchtig für die Industrie und kostenerzeugend für die Einzelnen) modifiziert werden: "Upgrade-Hysterie" und das Dogma des "Neuesten vom Neuesten".

Will sagen, wir leben in einem Umfeld, wo die Anschaffung von gestern der Schrott von morgen ist und die Innovation von heute (nur geringfügig überspitzt ausgedrückt) mit der Haltbarkeit von Frischfisch gerade noch konkurrieren kann...

Und - keineswegs "natürlich" zwar, aber mehrheitlich so empfunden - die gesamtgesellschaftlich vollzogene Reduktion jedwessen Trumms, Prinzips und leider auch Menschen auf seinen wirtschaftlichen Nutzen.

Dem Verrottenlassen unwiederbringlichen Guts aus Vorzeiten geht das Verrotten einer kulturbewussten Geisteshaltung voraus.

Die aber halte ich, trotz derzeitigen Gegenwindes, für wiederbringlich: immer, und noch. Es ist nicht einfach. Aber alternativlos.

Liebe Grüße
Duke



Ich bin das eine Blatt, das die Winde stehen gelassen haben

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Kein neuer Beitrag MartinM , 12.03.2009, 10:25 Beitrag #4   
Usergruppe: Hrafnsgaldr
Registrierung: 04.08.2007, 19:16
Homepage: http://martinm.twoday.net
 
 
Hi Duke,

ich habe - vor allem nach der Lektüre dieses offensichtlich gar nicht mal so schlecht recherchierten SpOn-Artikel: Deutsche Behörden ließen Steinzeit-Einbäume vergammeln - den dringenden Verdacht, dass ein anderer Faktor entscheidend war: der bei Schätzen nicht seltene "Gollum-Effekt", d. h.: "Was ich erst mal habe, gebe ich nicht aus der Hand, selbst wenn meine Eigentumsrechte nicht berührt werden."

Obwohl man beim Landesamtes für Denkmalpflege in Schwerin wusste, dass weder ausreichend Personal noch geeignete Lagerräume vorhanden waren, wurden die Funde geborgen. (Entgegen der auch bei Spon zitierten Archäologen-Regel: berge nur einen Fund, der auch sofort konserviert werden kann.) Nun könnte es eine Notausgrabung gewesen sein, aber in solchen Fällen hätte das Denkmalpflegeamt sich an andere Institutionen wenden können, die sowohl die Fachleute wie die Lagerräume haben - etwa in Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg.
Es entsteht bei mir der ungute Eindruck, dass das Landesamt seine Schätze lieber verrotten lässt, anstatt sie in die Hände anderer, womöglich landesfremder oder gar ausländischer Institutionen zu geben. (In solchen Fällen fällt schnell mal das Schlagwort vom "Ausverkauf heimatlichen Kulturgutes".)

Ich frage mich auch, wie es sein kann, dass keine bessere Lagermöglichkeit als eine einsturzgefährdete (und dann tatsächlich teilweise eingestürzte) Remise einer abbruchreifen Kaserne gefunden wurde. Ich kann es mir nur so vorstellen, dass das Landesamt die Funde unbedingt ganz in der Nähe wissen wollte. Denn Geld für eine Lagerung stand ja zur Verfügung. Im Hamburger Kaischuppen 50A, der vom Hafenmuseeum genutzt wird, wäre z. B. Platz für eine fachgerechte Lagerung gewesen. Wahrscheinlich hätte es, wenn denn die Einbäume unbedingt in Meck-Pomm bleiben müssen, auch in Rostock ähnliche Lagermöglichkeiten gegeben, denn wegen der Umstellung auf Container gibt es auch dort wenig genutzte Kaischuppen alten Typs. (Kaischuppen sind nicht etwa so was wie große Fahrradschuppen, sondern hochwertige, trockene, gut durchlüftete und einbruchsgeschützte Lagerräume für Stückgut.)

Es sieht außerdem so aus, als ob die Einbäume nicht die einzigen gefährdeten, weil unsachgemäß gelagerten, Funde in Schwerin seien. :(

Gruß,
Martin


»Wer nicht zu sagen wagt, was er denkt, ist ein Sklave.«
Sophokles


Dieser Beitrag wurde insgesamt 2 mal editiert. Das letzte mal 12.03.2009, 10:38 von MartinM.


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Kein neuer Beitrag MartinM , 14.03.2009, 08:04 Beitrag #5   
Usergruppe: Hrafnsgaldr
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Homepage: http://martinm.twoday.net
 
 
Noch was zum Aufregen:

Steinzeit-Boote: Keine strafrechtliche Relevanz.

Zitat:
Der Verlust der ältesten Bootsfunde Europas durch falsche Lagerung und unterbliebene Konservierung hat wohl keine strafrechtlichen Folgen für die Verantwortlichen. Die Staatsanwaltschaft Schwerin prüfe in einem Vorermittlungsverfahren die Vorgänge. Jedoch gebe es bisher keine Anhaltspunkte für strafrechtlich relevante Pflichtverletzungen, sagte Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick am Freitag der dpa.


Martin


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Sophokles

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Kein neuer Beitrag Lothian , 14.03.2009, 11:37 Beitrag #6   
Usergruppe: Hrafnsgaldr
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Homepage: http://www.lousigerblick.de
 
 
Hiho!


Zitat:
Es entsteht bei mir der ungute Eindruck, dass das Landesamt seine Schätze lieber verrotten lässt, anstatt sie in die Hände anderer, womöglich landesfremder oder gar ausländischer Institutionen zu geben. (In solchen Fällen fällt schnell mal das Schlagwort vom "Ausverkauf heimatlichen Kulturgutes".)


Genau das war auch mein erster Gedanke. Das paßt nämlich auch noch zu der Tatsache, dass Archäologen mittlerweile Fundstücke, die oft gefunden werden, schonmal zerstören. Denn sonst könnte ja jeder Sammler und Hobby-Archäologe so ein Ding zu hause haben. "Und das geht ja mal garnicht!"

Und es erinnert mich auch an die neue Urheberrechts-Mentalität der Archälogen, die dann hingehen und eine Himmelscheibe von Nebra (tm) oder die Venus von Willendorf (tm) urheberrechtlich schützen lassen, damit jeder, der ein Replikat etc. anfertigen will hübsch die erstmal fragen und bezahlen muß.

Tja, ich glaube man kann mit Fug und Recht behaupten, dass der Neoliberalismus in den letzten 1-2 Jahren auch in der Archäologie Einzug gehalten hat.

LG
Lothian


Der frühe Wurm wird vom frühen Vogel gefressen. :hoover:

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Kein neuer Beitrag MartinM , 14.03.2009, 13:41 Beitrag #7   
Usergruppe: Hrafnsgaldr
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Homepage: http://martinm.twoday.net
 
 
Hintergrundinfos zum Fall auf Archäologie online:
Blamabler Verlust: Steinzeitliche Einbäume verrottet

und bei der Schweriner Volkszeitung:
Kulturelle Blamage

Leicht schlucken musste ich, als ich aus las, was der für den Skandal verantwortliche Leiter des Landesdenkmalamts Mecklenburg-Vorpommern heute beruflich macht:

Zitat:
Der Skandal fällt noch in die Amtszeit von Bednorz' Vorgänger Friedrich Lüth, der mittlerweile Erster Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts ist.

Da hat man den größtmöglichen Bock zum Gärtner gemacht :(

Nun ja, der Skandal ist da, die übliche Suche nach den Schuldigen / Sündenbock ist im Gange, aber die Boote sind weg - unwiederbringlich.

Martin



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Sophokles

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Kein neuer Beitrag MartinM , 21.03.2009, 07:10 Beitrag #8   
Usergruppe: Hrafnsgaldr
Registrierung: 04.08.2007, 19:16
Homepage: http://martinm.twoday.net
 
 
Die "Posse" wird immer schlimmer ...

Den eigentlich für die Lagerung der Boote anvisierten Raum hat nämlich das Finanzamt Schwerin beansprucht – als Lager für Büromöbel. :(

Mehr im "Neuen Deutschland": Für den »Sensationsfund« gab es keinen Platz

Irgendwie habe ich kein gutes Gefühl, wenn ich an das auch noch nicht konservierte Wrack der
"Poeler Kogge" denke, die angeblich "sicher in Schwerin und Sassnitz" (warum an zwei Orten?) gelagert wird. Immerhin liegt das "Gellen-Wrack", das bei Hiddensee gefunden wurde, im Museum Sassnitz, das demnächst wiedereröffnet wird.

Martin


»Wer nicht zu sagen wagt, was er denkt, ist ein Sklave.«
Sophokles

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Kein neuer Beitrag Die Krähe , 29.09.2009, 12:07 Beitrag #9   
Usergruppe: DagansVidhri
Registrierung: 04.08.2007, 07:34
 
 
Und jetzt bleibt die Sache auch noch ohne Konsequenzen für die Verantwortlichen - wegen Verjährung:
http://tinyurl.com/ykbbhlf
:frust:



"Das Leben schrumpft oder dehnt sich aus, proportional zum eigenen Mut."
Anaïs Nin



Dieser Beitrag wurde insgesamt 1 mal editiert. Das letzte mal 29.09.2009, 12:08 von Die Krähe.


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Kein neuer Beitrag thursa , 29.09.2009, 13:23 Beitrag #10   
Usergruppe: Hrafnsgaldr
Registrierung: 03.09.2007, 22:03
Homepage: http://riesenheim.net
 
 
Nee, ne? :motz:


For “unheard of” means only it’s undreamed of yet;
“Impossible” means not yet done.
(Julia Ecklar, "Ladyhawke!" )

Online
 
Kein neuer Beitrag thursa , 29.09.2009, 14:00 Beitrag #11   
Usergruppe: Hrafnsgaldr
Registrierung: 03.09.2007, 22:03
Homepage: http://riesenheim.net
 
 
Hier sagt jemand, das Verfahren sei noch nicht eingestellt: http://www.archaeoforum.de/viewtopic.php?p=33042#33042


For “unheard of” means only it’s undreamed of yet;
“Impossible” means not yet done.
(Julia Ecklar, "Ladyhawke!" )

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Kein neuer Beitrag Grenzgängerin , 29.09.2009, 19:09 Beitrag #12   
Usergruppe: Hrafnsgaldr
Registrierung: 04.08.2007, 09:41
 
 
eine schande ist das!

auch hier in aachen wurde und wird noch viel gefunden.....auch dinge von geschichtlichem wert ( wie z.b. ein blauer, keltischer glasarmreif)
doch versauern diese dinge, entweder wieder unter dem boden (unter meter dicken betonfundamente) oder in irgendeinem keller.......in einem staubigen karton.

ich kann mich da nur aufregen!

babs


:kratz:

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