Ásatrú und das „Bullerbü-Syndrom“

20. November 2018 | Von | Kategorie: Kultur & Weltbild, Ætt Feature

Neulich behauptete ein mir persönlich bekannter evangelischer Christ, als wir uns in einem angenehm ruhigen italienischen Restaurant trafen, und noch auf einen Rotwein und ein anregendes Gespräch nach dem Essen blieben, dass es den meisten „Neuheiden“ ja gar nicht um Spritualität, Sinnsuche, Auseinandersetzung mit den „letzten Dingen“ und dergleichen ernsthafte Themen ginge. Letzten Endes sei „Neuheidentum“ doch so etwas wie eine „Spaßreligion“, ein „spiritueller Mittelaltermarkt“ – analog zum „sprirituellen Supermarkt“ zwischen Esoterik-Buchhandlung und „Lebenshilfe“-Kursus.

Mein guter alter Bekannte ist sehr in der Gemeindearbeit engagiert, er ist ein netter, umgänglicher und sehr sozial eingestellter Mensch, weshalb ich keine weiteren Hinweise auf seine Identität gebe.

Carl Larsson: „Lilla Hyttnäs" im Winter

Letzten Endes, so führte er beim dritten Glas Rotwein aus, würden erwachsene Menschen „Wikinger“ spielen, so wie andere „Indianer“ spielen, aber solange das ein Freizeitvergnügen bliebe, wäre das nicht weiter problematisch. Problematisch wäre es, wenn die „Freizeit-Indianer“ auch das zu leben versuchten, was sie für „Spiritualität der amerikanischen Ureinwohner“ hielten – Stichwort: „kulturelle Aneignung“ Aber auch eine „nachgemachte Spiritualität des vorchristlichen Europas“ sei höchst problematisch.
Ich muss gestehen, ich traute mich nicht, den sympathischen Christen darauf hinzuweisen, dass die meisten „Neuheiden“ sich längst mit diesen uralten Behauptungen auseinandergesetzt hätten, und zwar so sehr, dass manche ein Gähnen nicht unterdrücken können, wenn sie auch nur erwähnt werden. Wobei ich gerechterweise erwähnen sollte, dass sie für meinen alten Bekannten anscheinend wirklich neu waren.
Eine interessante These nahm ich aus dem Gespräch dann doch mit: Das „germanische Heidentum“ sei wegen der völkischen Germanenschwärmer, und vor allem und immer wieder den Nazis, doch eine eher unbequeme Religion. Das keltische, baltische, altslawische, altrömische und so weiter Heidentum wäre doch auch original europäisch, warum müssen es ausgerechnet die Germanen sein? Die Wikinger seien zwar zugegeben faszinierend, aber hätten auch nicht unbedingt einen guten Ruf. Warum sei nun gerade das „Heidentum des Nordens“ so beliebt?
Von den uneingestandenen Fans des „nordischen Übermenschen“ abgesehen, also den geistigen Erben des SS-eigenen „Ahnenerbes“, hätte er einen dringenden Verdacht, wieso das so sei: Es läge wohl am leidigen „Büllerbü-Syndrom“, das auch Schuld daran sei, dass naive deutsche Verbraucher „unter menschenunwürdigen Umständen in Vietnam zusammengeklebte Presspappe“ für „praktische Möbel aus Schweden“ halten würden.

Die These meines engagiert christlichen Bekannten möchte ich so ausformulieren:
Es liegt am Bullerbüsyndrom, dass so viele von jenen, die spirituell an vorchristliche Traditionen anknüpfen möchten, ausgerechnet auf die altnordische Mythologie verfallen.

Das Bullerbüsyndrom und seine Ursachen

Der Begriff „Bullerbüsyndrom“ wurde 2007 vom Soziologen Berthold Franke, dem damaligen Direktor des Stockholmer Goethe-Instituts, in einem Essay für die schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet geprägt. „Bullerbysyndromet“ drang seitdem in den journalistischen und politischen Sprachgebrauch Schwedens ein.
Laut Franke beschreibt „Bullerbüsyndrom“ nicht die Liebe zu und die Sehnsucht nach Schweden – die kann vielfältige Ursachen und Erscheinungen haben – sondern ein recht spezielles Phänomen: den Wunsch nach einer Idylle. Am deutlichsten wird das Bullerbüsyndrom bei den über die Kitschgrenze hinaus idealisierten Schweden-Vorstellung vieler Deutscher, die entweder noch nie in Schweden waren oder das Land nur aus dem Kurzurlaub kennen.
Das Idyll ist nur ein Teil, aber ein wichtiger, des Bullerbü-Syndroms. Wie dieses Syndrom in der Praxis aussieht, beschrieb Nele Justus sehr treffend für die „Brigitte“: Das Bullerbü-Syndrom: Warum alle die Schweden so toll finden.

Erstaunlich finde ich immer wieder, wie gut dieses idyllische Bild die Frontalkollision mit der Realität übersteht, jedenfalls für jene Deutschen, die sozusagen in einem geistigen Volvo, dem selbstverständlich schwedischen Klischeebild eines soliden und sicheren Autos, unterwegs sind.

Der aufmerksame Tourist erkennt spätestens beim ersten unaufmerksamen schwedischen Autofahrer, dass Klischee und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Dass in Schweden weniger gerast wird als in Deutschland, liegt bekanntlich nicht zuletzt an den saftigen Bußgeldern für zu schnelles Fahren.
Die meisten Schweden sind freundlich, aber reserviert. Oft sehr reserviert. Der schwedische Krimiautor Hennig Mankell beschrieb Schweden als das Land, in dem die Menschen drei Kilometer von der Straße entfernt wohnen würden. Jedenfalls wenn sie es könnten. In Schweden als Ausländer „Anschluss“ zu finden, ist nicht einfach.
Auch Schweden hat bekanntlich seine Umweltskandale. Im guten, aber eben alles anderem als perfekten schwedischen Gesundheitswesen sind lange Wartezeiten und überlastete Kliniken mit zu wenig Personal an der Tagesordnung. Auch in Schweden gibt es Rechtsradikale, und zwar nicht zu knapp – Sverigedemokraterna ( „Die Schwedendemokraten“), das Gegenstück zur AfD oder eher noch FPÖ, erreichte bei den letzten Reichstagswahlen 2018 17,53 %. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch, höher als in Deutschland. In Sachen Integration von Migranten wurde – wie bei uns – jahrzehntelang zu wenig unternommen. Vom gut ausgebauten schwedischen Überwachungsstaat, den schwedischen Rüstungsexporten und der zurecht berüchtigten schwedischen Bürokratie gar nicht zu reden.

Dass die „typischen Schwedenkrimis“ sehr sozialkritisch sind, ist schwerlich Zufall.

„Lagom“ als Lebenseinstellung ist weniger großartig, sondern tendenziell spießig, wenn man dieses angeblich unübersetzbare Wort mit „ordnungsgemäß“, „passend“ oder, was den Alltags-Sprachgebrauch nach Auskunft einer schwedischen Freundin sehr gut trifft, als „bloß nicht zu wenig, bloß nicht zu viel“ übersetzt.
Die schwedische Kaffeepause, „fika“, finde ich allerdings großartig, sogar wenn sie in einer Bäckereifiliale mit Kaffeeausschank verbracht wird. Die Zimtschnecken zum meistens angenehm starken Kaffee, den man sich beliebig oft nachschenken lassen kann, sind in aller Regel „gott“ (nicht religiös gemeint, sondern das schwedische Wort für „köstlich“). Es ist nicht alles schlecht …

Der Grund dafür, dass es in Schweden abseits der Ballungsräume Stockholm, Göteborg und Malmö tatsächlich oft idyllisch, naturverbunden und ländlich-gemütlich zugeht, liegt an der simplen Tatsache, dass die neun Millionen Schweden einfach mehr Platz in ihrem Land haben – so viel, dass manche Schweden tatsächlich drei Kilometer von der Straße entfernt leben können. In Deutschland leben auf 80 Prozent der Fläche Schwedens zehnmal so viele Menschen.

Das Prinzip „Wille zur Idylle“ gilt allerdings auch für Länder wie Irland oder Landschaften wie die Toscana. Den entscheidenden Faktor, der „Schweden“ von anderen idyllisch verklärten Ländern und Landschaften unterscheidet, brachte Franke so auf den Punkt:

Die Sehnsucht der Deutschen nach Schweden ist nichts weiter als die Sehnsucht der Deutschen nach einem besseren Deutschland.

Schweden wird zur Projektionsfläche des Wunsches nach einem besseren Deutschland. Einem Land, von dem nicht zwei Weltkriege ausgingen. Einem Land ohne Schuld am schrecklichsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Dass Schweden nicht Kraft einer moralischen Überlegenheit seiner Bürger und seiner Politiker, sondern durch glückliche Umstände „unschuldig“ geblieben ist, macht es für auf Schuldabwehr bedachte Deutsche erst recht verlockend.

Die Projektion funktioniert so gut, weil Schweden und Deutschland in mancher Hinsicht soziologisch gesehen ähnlich sind. Sonst würden auch die „Schwedenkrimis“ in Deutschland nicht so gut funktionieren. Kurt Wallander könnte im Prinzip auch in Deutschland ermitteln, die Missstände und Umstände, mit denen er und seine Kollegen es zu tun haben, gibt es, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, auch hierzulande. Die Probe aufs Exempel waren zwei Kieler „Tatort“-Folgen nach Vorlagen von Hennig Mankell.
Allerdings kann das düster-bedrohliche „hässliche Schweden“, das seit Sjöwall/Wahlöö den schwedischen Kriminalroman bestimmt, der Idylle wenig anhaben.

Das „echte“ Bullerbü ist ein Bullerbü ohne Bullerbü-Syndrom

Astrid Lindgrens Werk ist ein klassisches Beispiel dafür, wie das Bullerbü-Syndrom sozusagen „im Auge des Betrachters“ entsteht: Was dem Bild der heilen Welt nicht entspricht, wird ausgeblendet.
Etwas, was die geistige Mutter Bullerbüs eben nicht tat: Als eine der ersten Kinderbuchautorinnen wagte sie es, die dunklen Seiten des Lebens zu zeigen. In ihren Büchern wird nichts ausgelassen, die jungen Leser werden nicht vor traurigen Ereignissen verschont. Da gibt es Waisenkinder, Kinder, die in bitterer Armut aufwachsen, mit ständig betrunkenen, gewalttätigen Vätern, ja sogar Kinder, die todkrank sind und sterben. Wäre die Kinderwelt bei Lindgren wirklich heil und idyllisch, würden auch Lindgrens selbstbewussten bis rebellischen jungen Helden wie Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist und Ronja Räubertochter nicht funktionieren. Die Mut machenden Botschaft Astrid Lindgrens ist, dass sich ihre Helden selbst in der verzweifeltsten Lebenslagen noch auf Freundschaft, Mut und Gutherzigkeit verlassen können.
Die Bullerbü-Bücher kommen von allen Werken Lindgrens am meisten der Nostalgie nach einer „heilen Welt damals auf dem Lande“ entgegen. Das perfekte Idyll „Bullerbü“ ist allerdings eine Projektion erwachsener Leser beziehungsweise Zuschauer. Obwohl es in den Bullerbü-Büchern nur heitere Geschichten gibt, erscheint die Kinderwelt in ihnen realistisch.

Bullerby („Lärmdorf“) ist näher betrachtet keine heile Welt. So erfährt man, wieso die Kinder von Bullerbü so froh sind, zur Schule gehen zu dürfen, was zwei lange Fußmärsche am Tag bedeutet: Sind sie nicht in der Schule, müssen sie auf den Höfen ihrer Eltern arbeiten. Zwar hält sich die Kinderarbeit auf den kleinbäuerlichen Höfen noch in einem Rahmen, den die Kinder gut ertragen, aber dass das Landleben im Schweden des frühen 20. Jahrhunderts nicht nur idyllisch gewesen sein kann, ist deutlich. Die Freiheit der Kindheit in Bullerbü ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass die Kinder lange Zeit sich selbst überlassen sind, denn die Eltern haben wenig Zeit für sie. Was nichts macht, denn die Kinder erziehen sich gegenseitig, und zwar sehr effektiv. Im Grunde zeigt Bullerbü ein geglücktes Experiment in antiautoritärer Erziehung. Was Kinder, laut Lindgren, brauchen, sind Eltern mit viel Verständnis und Liebe, die ihren Kindern viel Freiraum lassen. Sie selbst hatte das Glück gehabt, solche Eltern gehabt zu haben, sonst hätte das „Paradies“ ihrer Kindheit im ländlichen Südschweden leicht zur Hölle werden können.

Unbeabsichtigt verstärkten die Verfilmungen von Lindgrens Büchern das Bullerbü-Syndrom, obwohl bei vielen der älteren Produktionen sie selbst die Drehbücher verfasste und sogar die Dreharbeiten beaufsichtigte. So heißt es in einer Kritik zur (ersten) Bullerbü-Fernsehserie:

„Im Winter toben die Kinder im Schnee, im Sommer laufen sie barfuß durch die Natur. Sie spielen Verstecken oder mit dem Hund, füttern Tiere, raufen, klettern über Zäune und spielen einander und anderen Streiche.“

(Dass die Kinder in der Landwirtschaft mitarbeiten mussten, äußerst lange Schulwege hatten und in materiell bescheidenen Verhältnissen lebten, blendet die Serie übrigens nicht aus.)
Der von den Lindgren-Filmen vermittelte Eindruck, dass in Schweden meistens schönes Wetter herrschen würde, mit reichlich Schnee im Winter und endlos langen, hellen, warmen Sommern, ist auch dem Umstand geschuldet, dass die kindlichen Laiendarsteller nur in den Schulferien Zeit für die Arbeit vor der Kamera hatten. Nun ist es in Südschweden so, dass die Wahrscheinlichkeit für Schnee zu Ostern größer ist, als die für Schnee zu Weihnachten. Die Weihnachtsszenen der Lindgren-Filme wurden alle im Spätwinter gedreht. Ähnlich ist das mit dem Hochsommer: der ist eher kurz und fällt in die Sommerferien – und nicht etwa die Ferien in den Hochsommer. Daher gibt es in den Lindgren-Verfilmungen eher selten Matschwetter oder graue nebelig-nieselige Tage zu sehen, allenfalls sommerlichen Landregen oder winterliches Schneegestöber.

Warum das „Bullerbü-Syndrom“ vielleicht besser „Larsson-Syndrom“ heißen sollte

Kein anderer schwedischen Künstler illustrierte die ländliche Idylle so perfekt wie Carl Larsson. Larsson (1853 – 1919) malte und zeichnete vor allem Leben seiner Familie in und um sein kleines Wohnhaus bei Sundbom. Dieses Haus, „Lilla Hyttnäs“ („kleine Hütte“) genannt, baute er gemeinsam mit seine Frau Karin immer weiter aus. Anfangs eher aus der Not geboren – die Larssons waren nicht reich und hatten sieben Kinder – später aus Leidenschaft, statteten sie es mit selbst entworfenen und gebauten Möbeln aus. Der schlichte, praktische Stil ihrer Möbel wurden in Schweden schnell populär, ebenso die Dekorationen in lebhaften Farben, neben der zeittypischen Vorliebe für „lichtdurchflutete“, helle Räume. Carl und Karin Larsson gelten als Begründer eines bis heute als „typisch schwedisch“ geltenden Wohnstils, der sogar das Design vieler IKEA-Möbel prägt. Kein Wunder, dass es Reproduktionen von Larssons Gemälden und aquarellierten Zeichnungen als Wandbilder, Poster, Kalender und Postkarten in reicher Auswahl in jedem IKEA zu kaufen gibt.

Carl Larsson: Brita als Iduna


Larsson wurde in Deutschland durch den Bildband „Das Haus in der Sonne“ berühmt, der das Schweden-Bild vieler Deutscher im frühen 20. Jahrhundert mitgeprägt hatte. Das Buch, das das „Bullerbüsyndrom“ an nachhaltigsten geprägt hat, dürfte nicht Lindgrens „Wie Kinder aus Bullerbü“, sondern dieser heute fast vergessenen Bildbild gewesen sein.
Ich möchte Larsson keineswegs für seine Zeichnungen, Aquarelle und Gemälde tadeln. Seine „Alltags-Idyllen“ sind frei von dem hohlen Pathos, das viele „akademische“ Gemälde des ausgehenden 19. Jahrhunderts bestimmt, aber auch frei von der Idealisierung und Verspieltheit, die viele Künstler des „Art Noveau“ (bzw. „Jungendstils“) kennzeichnet. Anders gesagt: Carl Larsson ist bemerkenswert wenig kitschig.
Immerhin schuf er auch kontrovers aufgenommene Werke, wie sein umstrittenes Gemälde „Midvinterblot“: König Domalde opfert sich nach mehreren Jahren Missernte selbst den Göttern. Der König wird auf einem Schlitten zum Tempel von Uppsala gezogen, wo ihn unter anderem Posaunenbläser und zwei Priester, von denen einer feierlich einen Thorshammer übers Haupt hebt, erwarten. Andere Maler hätten „Historienschinken“ voller Blut und Pathos gemalt, Carl Larssons Opferszene ist lichtdurchflutet, bunt, beinahe heiter.

Vielleicht liegt das daran, dass Carl Larsson eine Vorliebe für das Heidentum hatte, das er nicht als vergangene „heroische Epoche“ verklärte, sondern als etwas, was Tradition und Gegenwart im ländlichen Schweden mitbestimmt. Ob er selbst insgeheim „Neuheide“ gewesen war, weiß ich nicht, auf alle Fälle zeigte er ein heiteres und lebendiges Heidentum. Insofern ist er auch für das „Heidentumsbild“ des modernen Ásatrú mitbestimmend.

Was den Einfluss sowohl auf das Bullerbüsyndrom wie das Heidentum angeht, kann ein Komponist als musikalisches Gegenstück Carl Larssons gelten: Der Norweger Edvard Grieg (1843 – 1907).
Obwohl Grieg der bei weitem bedeutendere Künstler war, und längst nicht alle seiner spätromantischen, von der Volksmusik beeinflussten Werke als Illustrationen des „Bullerbü-Syndroms“ taugen: Seine populärsten Stücke tun es sehr wohl. Die „Morgenstimmung“ aus der Peer Gynt Suite Nr. 1 ist zum Beispiel eine perfekte musikalische Umsetzung einer ländlichen Idylle in Skandinavien. So perfekt, dass dieses an sich wundervolle Stück Musik inzwischen durch der Einsatz in zahlreichen Filmen und zahllosen Werbespots derart abgenudelt wurde, dass es vielen Musikliebhabern als „elender Kitsch“ gilt. Meiner Ansicht nach zu Unrecht – und alle Werbemenschen, die wagen, die „Morgenstimmung“ noch einmal zwecks Konsumförderung zu missbrauchen, sollen zum Nidhöggr gehen!
Grieg war Unitarier und stand dem traditionellen Christentum kritisch gegenüber, was mit einer großen Sympathie für heidnische Stoffe einherging. Interessant am Rande: Im von Bjørnstjerne Martinius Bjørnson verfassten Libretto zu Edvard Griegs unvollendet gebliebener Oper Olav Trygvason wird das nordische Heidentum erstmals als „Asatro“ bezeichnet.

Liegt es am Bullerbüsyndrom, dass so viele „Neuheiden“ den „nordischen Göttern“ verfallen?

Diese These setzt eine Menge voraus. Zuerst, dass das Bullerbüsyndrom nicht auf Schweden beschränkt ist, sondern den ganzen „nordischen“ Raum umfasst. Gibt es also ein Bullerbüsyndrom auch in Norwegen, Dänemark und vor allem Island?
Im Prinzip ja, aber … Indem ich den einen Teil des musikalischen Werkes des Norwegers Grieg quasi zum „Soundtrack des Bullerbü-Syndrom“ ernannt habe, erkenne ich an, dass etwas an dieser Sichtweise dran sein muss. Das gilt allerdings nur für eine Komponente des Bullerbüsyndroms, die Idylle. Norwegen ist als Projektionsfläche für deutsche Sehnsüchte nach einem „besseren Deutschland“ weitaus weniger geeignet als Schweden, wie auch das kleine Dänemark. Erst recht gilt das für das an Besonderheiten so reiche Island. Nun ist Island, aus einer ganzen Reihe von Gründen, ein für Ásatrú entscheidend wichtiges Land. Der „Wille zur Idylle“ hinsichtlich Islands ist bei vielen deutschsprachigen Heiden fraglos vorhanden. Es trifft auch zu, dass manche politische Entwicklungen Islands von vielen Ásatrú-Anhängern als vorbildlich angesehen werden. Ein „vollwertiges“ Bullerbüsyndrom sehe ich trotzdem nicht. Das gibt es schon eher gegenüber Finnland, das sprachlich und kulturell aber nicht zum „nordgermanischen Raum“ gezählt werden kann.
Eher schon trifft die Beschreibung „eine Abart des Bullerbüsyndroms“ auf eine bestimmte, idealisierte Art und Weise zu, das frühe Mittelalter im Norden Europas zu sehen. In dieser Betrachtung gab es zwar Wikinger, ja, und sie waren auch Seeräuber, Krieger, Sklavenhändler und so weiter, zugegeben – aber soooo wichtig waren sie dann auch nicht! Das „heidnische Bullerbü-Mittelalter“ läuft darauf hinaus, dass es demokratischer, friedlicher, vielfältiger, gerechter, frauenfreundlicher und kulturell fruchtbarer gewesen wäre, als das christliche Mittelalter. Wie im idealisierten Schweden werden die Idylle störende Tatsachen großzügig ausgeblendet. Auch eine politische Wunschbildprojektion findet statt: Ist Schweden sozusagen „das bessere Deutschland“, so ist die Geschichte des heidnischen Nordeuropas die „bessere Geschichte des christlichen Abendlandes“. Die große Alternative, in der es weder Kreuzzüge, noch Judenverfolgungen, noch parasitäre, sich überall einmischende Pfaffen, noch Quasi-Diktatoren, alias Könige, „von Gottes Gnaden“ gegeben hat.

So wie die meisten Skandinavien-Freunde irgendwann, spätestens bei der dritte Schwedenreise, über das Bullerbüsyndrom hinwegkommen, so wenden sich ernsthaft an den alten Göttern Interessierte früher oder später vom „Mittelaltermarkt-Heidentum“ ab. Solange das Bullerbüsyndrom nur eine schwärmerische „Phase“ ist, und der kritische Verstand nie ganz aussetzt, ist es harmlos, und zieht im besten Fall ein ernsthaftes Interesse an Land und Leuten nach sich, das auch die problematischen Seiten mit einbezieht – ohne dass Schwedenfans deshalb aufhören, Schwedenfans zu sein. Genau so ist es beim „historischen Bullerbüsyndrom“: Aus schwärmerischer Idealisierung, aus einer „Vergangenheitsutopie“ kann ernsthaftes Interesse an Geschichte und Archäologie werden.
Was das Heidentum angeht: Meinem Bekannten gebe ich recht, ohne eine Art „Bullerbüsyndrom“ wäre das Interesse am Ásatrú weit weniger groß. Was ich im Gegensatz zu ihm aber nicht weiter für problematisch halte.

Martin Marheinecke, November 2018

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Ein Kommentar
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  1. „Geistiger Volvo“ – der ist gut! 🙂
    Danke für Deine Betrachtungen, Martin! Auf diesen Artikel war neugierig, als ich ihn in FB gesehen habe. Zwar bin ich mit Astrid Lindgren (bzw. mit ihren Büchern) aufgewachsen und habe alles von ihr verschlungen, doch haben mich die Bullerbü-Geschichten nie interessiert (ländlich aufgewachsen bin ich selbst, vielleicht liegt es daran) und sind so ziemlich das einzige, was ich ausgelassen habe. Wohl ebenso wie besagtes „Bullerbü-Syndrom“. Doch interessiert es mich zwischendurch immer wieder mal, warum Menschen so ticken wie sie ticken.

    Herzliche Grüße
    Andrea

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