Anschlagshalber

9. April 2017 | Von | Kategorie: Gjallarhorn Weblog

Wieder ein Anschlag… und wieder schlagen alle mit und ohne Ahnung, aber ganz bestimmt mit entschiedener Meinung ihre Hauer in die Themen, zerfetzen sie zur Unkenntlichkeit, bis nur Gegeifer übrigbleibt (was den Opfern und Betroffenen am wenigsten helfen dürfte. Wem geht es aber um diese?)… Ich unterscheide so genannte Terroranschläge, die jede und jeden treffen können, nicht von Unfällen, für die dasselbe zutrifft. Es ist tragisch, passiert immer wieder, macht die Welt aber weder besser noch schlechter. Ist irgendetwas neu daran, außer den Deutungen? Und selbst die wechseln nur ihre Gewänder… lehrt mich düstere Erfahrung.

Nachrichten, die mich heute ereilen – zumal sie es schneller und hochfrequenter tun als je –, filtere ich auf das gemächliche Tempo meines persönlichen Auffassungs- und Denkvermögens herunter. Ich lese von aktuellem Horror zunächst nur die Überschriften. Vermeide Bilder – und Filme sowieso: Denen mangelt es ohnehin an Informationen über Zusammenhänge und Hintergründe. Diese erlese ich mir Schritt für Schritt und peu à peu (aus unterschiedlichen und sorgfältig ausgewählten Quellen, wofür ich mir Zeit lasse), zumal mein Job eh nicht der einer Weltfeuerwehr ist – wer wäre ich denn?

Die Welt geht mich sehr wohl an, oh ja – es ist meine einzige (nun ja – das stimmt nicht ganz: Ich hätte schon mehr… aber sie hängen alle von dieser ab, auf der ich lebe 😉 ). Aber ich bin nicht allein hier. Und ich unterscheide – gerade, weil meine Vorstellung von Zusammenhängen über die der anerkannt kausalen hinausgeht – scharf zwischen Ereignissen, die mich direkt angehen, indirekt oder zunächst mal nich‘ so (was nichts mit ihrer etwaigen moralisch-ethischen Bewertung oder Beurteilung zu tun hat: die ich auf gesonderten Feldern beackere). Ich habe die Angewohnheit, erst nachzudenken, bevor ich irgendetwas unternehme. Das hat Vor- und Nachteile. Da ich mit dieser Marotte jetzt aber schon jahrzehntelang überlebe, bleibe ich dabei. Ich habe nicht sofort eine Meinung über irgendetwas – misstraue dem ersten Gedanken jederzeit: Ist das überhaupt meiner, oder habe ich den wo aufgelesen, mir eingefangen, wenn ja, woher?

Natürlich sprechen auch meine Gefühle sofort an – aber sowenig ich meine halb- oder auch ganz volle Harnblase leerpullere, wo ich gerade stehe oder schwanke, so wenig ballere ich reflexartig meine Ansicht hinaus, bevor ich sie nicht auf Halt- und Ehrbarkeit überprüft habe. Das schließt bei mir bestimmte empathische Prozesse ein. Ich versetze mich gern in anderer Menschen Haltungen – ja, auch und gerade der mutmaßlicher Gegner wie sogar erwiesener Feinde (das müssen keine persönlichen sein). Ich will wissen, wie wer tickt und warum. Und natürlich ist mir mit der Zeit so etwas wie ein Wertegerüst gewachsen, aus dem heraus ich denke, fühle und agiere. Da ich es zum großen Teil bewusst und unter großen Widrigkeiten und Widerständen von außen aufbauen musste, weiß ich sehr gut, dass und wie es sich von den Wertgebäuden mancher oder meinetwegen auch vieler anderer unterscheidet. „Normal“ ist für mich nur eine „Einstellung am Wäschetrockner“ (ich benutze keinen). Meine persönliche Relativitätstheorie ist eine soziale.

Andere Menschen zu verstehen, ihre Beweggründe zu erahnen oder nachvollziehen zu können, heißt noch lange nicht, dass ich ihre Standpunkte übernähme oder auch nur guthieße, von entsprechenden Taten und Unterlassungen ganz zu schweigen. Mit manchen – mitunter vielen – tue ich mich echt hart. Das ändert nichts am Versuch – es befeuert ihn noch. Was macht die Welt besser oder schlechter? Ich meine: Mein Einsatz tut es. Den messe ich nicht an der ganz großen Göttin Mama Globus (die nicht meine allergrößte ist… aber gewaltig und mächtig genug, mich keuchen zu machen ob der schieren Dimension…). Ich bin ein Mensch. Ich kenne die Reichweite meiner Arme, meiner sonstigen Gliedmaßen… Ich weiß sogar, wie weit oder kurz Wind und Luft meine Stimme tragen und wie schnell mein Wort verklingt. Aber auch, was mein Herz vermag, wenn es das, was ich tue und zulasse, befeuert, unterstützt, meinem jeweiligen Impulsstoß Form und Keimfähigkeit verleiht: in diesem und jenem Gemüt!

Umso sorgfältiger wähle ich, was über meine Zunge kommt, was mein Hirn ausdrückt in Schall, Schrift oder sonstiger Erscheinung – denn die Wirkung auf unmittelbare Umgebung, inklusive elektronischer Vernetzung, ist gegeben. Natürlich bin ich am Debattieren dadurch. Mit mir selber und anderen. Für derartige Verhältnisse, die ich „zivile“ nenne, kämpfe ich sogar: wissend, in wie vielen Teilen der Welt genau das nicht gilt (und manche dieser Weltteile sind nur Straßenecken entfernt. Das weiß ich auch. Die noch schrecklicheren kenne ich nur abstrakt: über all jene Nachrichten und auch Augenzeugenberichte, von denen ich mehr für wahr halten muss oder darf, als mir lieb ist). Aus meinem Privileg, Zivilleben überhaupt zu kennen und zu genießen, ergibt sich für mich eine gewisse Verpflichtung. Ich stamme direkt von Menschen ab, denen schon früh ausgetrieben worden war, nach irgendeinem Warum zu fragen.

Dafür frage ich (mich wie andere) umso vehementer, nachdrücklicher und ausdauernder. Überhaupt habe ich mehr Fragen als Antworten (was mich vermutlich davor bewahrte, ein Sektenguru zu werden). Kurz nach dem Anschlag aufs World Trade Center 2001 saß ich im Berliner Haus der Kulturen und hörte mir Musik aus aller Welt an. Irgendwann trat eine islamische Gruppe auf, eine Handvoll schwarzgekleideter Männer mit einer Sängerin (ohne Kopftuch 😉 ), die laut Beipackzettel, äh, Programmheft, aus Frankreich kam. Während ich noch überlegte, ob die gerade erst ihre Instrumente stimmten, hatte das Konzert begonnen. Die Gesangssprache war wohl Arabisch, viele Vokale klangen irgendwie nach „Allah“. Oder so ähnlich! Ich hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Misstrauisch, missmutig, unlustig: Ich mag nix Offenbarungsrelügiöses in keiner Form, woher es auch komme. Keine halbe Stunde später jedoch stand ich – wie viele andere Zuhörerinnen – mit offenem Mund, offenen Ohren und sogar geöffnetem Herzen da, klatschend, mitschwingend, ergriffen und befeuert – und trank die Ekstase, die diese Ekstasekundigen so lässig zu entfachen wussten. Es waren Fachleute, ja, Meister ihres Musikfachs, die wussten, wie menschliche Leidenschaft funktioniert: was sie antreibt, was sie erweckt! In einem bildungsbürgerlichen Riesenhaus, dessen Klappsessel und auch sonstige Interieursatmo so gar nicht einluden zu gefühligen Bekundungen und Reflexen. Das aber fand statt. Die Combo brachte die Bude zum Beben – sie rockten das Haus. Und mein Herz begriff: Hier fand Essenz statt und wurde weitergegeben. Ich brauchte zum Donner noch mal keinerlei Übereinstimmung zu haben mit deren mutmaßlicher Religion – oder wovon auch immer sie sangen (Ahhllaaahaaah…!) – das, was diese Leute rüberbrachten, war eine im Grunde wortfreie Botschaft von Herz zu Herz, sie besagte: Wir sind Menschen und wir sind von etwas begeistert. Und sie begeisterten mich. Es war kein interreligiöser oder interkultureller Dialog. Es war ein gegenseitiges Anrühren urmenschlicher Wurzeln. Ich tanzte.

Noch weitere Jahre zurück. Ich saß (ca. 40 km südlich von Wien – was aber nicht wirklich wichtig ist, es ginge überall) mit einem Bruder im Geiste und im Fühlen an einem exklusiv für mich entfachten Lagerfeuer (in gefühlter Wildnis: weithin unbebauter, bewachsener Umgebung 😉 ). Es war ein Schweigefeuer (im Rahmen eines größeren, einwöchigen Ritus, der hier nicht weiter erörtert werden braucht). Wir hatten beschlossen, so lange wie möglich nicht zu sprechen – nichts Verbales. Die gestischen Versuche verebbten nach einer Weile – es ist fast unmöglich, etwas jenseits der Gegenwärtigkeit, etwas Abstraktes („gestern war ich… morgen will ich“ – geht alles nicht mit Gesten) zu vermitteln ohne Worte. Also starrten wir irgendwann stumm in die Flammen, wir zwei. Stunden später vergoß der Freund versehentlich Tee und fluchte – lachte – das Spiel, die sanfte Übereinkunft, zu schweigen, brach, und wir unterhielten uns lächelnd darüber. Wie einem „fad wird“ mit der Zeit – und sich so eine Art sanfter Trance ausbreitet auf die Beteiligten.

Leute, ich empfehle genau diese Übung für alle streitenden und uneinigen Parteien dieser Welt. Setzt euch ans Feuer und haltet erstmal die Fresse – haltet das aus so lange wie möglich, am besten für Stunden. Wenn’s schwerfällt, lieber noch ein paar mehr. Ich verwette meine Klamotten (und notfalls sogar meine Gitarren – das will etwas heißen) darauf, dass es die anschließende Debatte zum Besseren verändert. Obwohl ich genau das nicht probiert habe (weil es ja ein Freund war, mit dem ich das erlebte, und es auch nicht um Auseinandersetzung ging). Aber ich spürte die Veränderung in mir. Das heutige Geschrei und Gefetze im Internet war damals noch nicht erahnbar. Umso froher bin ich, sein genaues Gegenteil bereits erlebt und erspürt zu haben: als reale Möglich- und Wirklichkeit. Sich erstmal schweigend an einem prasselnden Feuerchen zu treffen und innerlich runterzukommen – und zwar genau so lange, bis du wirklich runterkommst und auf der Erde zu Hause bist mit deinen beiden Arschbacken, Hochwürden deiner eigenen Meinung und Unsortiertheit – würde die Zivilgesellschaft bereichern… dessen bin ich mir sicher.

Klar: Das ist keine Antwort auf dräuende Probleme – nur ein konstruktiver Vorschlag. Über dessen soziale Halb-Absurdität ich mir ebenfalls klar bin. Aber irgendwann in der Steinzeit, bevor auch nur das Zusammengießen von Zinn und Kupfer in bestimmten Anteilen entdeckt wurde (was die Archäologie später „Bronzezeit“ nannte und was noch lange nicht der Beginn unserer so genannten „Hochzivilisation“ war), haben irgendwelche behaarten Primatenköpfe herausgefunden, dass es mehr bringt, Grunzlaute auszutauschen, als Schädel zu zerschmettern. Anders wäre nämlich keine Menschheit aus uns geworden – dass sich die mit dem Zerschmettern von Schädeln, Körpern, Gliedmaßen und Landschaften noch viel ungeheuerlicher hervortun sollte als einstige Primatinnenhaufen je, tut dem keinen Abbruch: Die Fähig- und Möglichkeiten wuchsen und wachsen amoralisch. Wir können nicht alles. Wir können Schreckliches tun – und beweisen das ständig. Dabei übersehen wir gern oder leicht die ebenso stattfindenden Beweise für das genaue Gegenteil. Darf ich so altmodisch sein, die Rolling Stones zu zitieren? „Rape, murder… war… it’s just a shot away. Love… is just a kiss away…“ („Gimme Shelter“). Ich hab auch eigene Worte: Das Leben lieben und die Liebe leben – und alles andere ändern.

Hier der aktülle Link (er bleibt voraussichtlich bis Anfang Juni oder Juli 2017 anklickbar): Der Anfang vom Ende.

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